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Lebensbedingungen von Frauen und Kindern um die Wende zum 20. Jahrhundert

Untersucht am Beispiel der Schweiz (Kantone Basel) und Russlands (Region Woronesch)

von Olesya Meskina (Autor:in)
©2016 Dissertation 328 Seiten
Reihe: Menschen und Strukturen, Band 23

Zusammenfassung

Dieses Buch geht der Frage nach, welche sozialökonomische Stellung Frauen und Kinder in der patriarchalisch geprägten Ständeordnung in Russland und in der traditionell geprägten schweizerischen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts innehatten. Dafür analysiert die Autorin das Alltagsleben von Frauen und Kindern auf dem Land und in der Stadt sowie die Wahrnehmung und Bedeutung der Frau in der russischen und schweizerischen Geschichtsschreibung.
In diesem Kontext erfolgt ein Vergleich der Lebensbereiche Frauenbilder, Frauenarbeit, Geburt (Hebammen, Abtreibung, Kindsmord), Kindererziehung, Kindersterblichkeit, Kinderpflege sowie geschlechtsspezifischer Normen in der Ehe und der Öffentlichkeit.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Dank
  • Einleitung
  • 1. Thema und Fragestellung
  • 2. Forschungsumfeld und Literatur
  • Schweizerische Historiografie
  • Wirtschaftliche und demografische Forschungen
  • Forschungen zum Thema Kindheit
  • Vergleichende Studien
  • Russische Historiografie
  • Europäische Historiografie
  • 3. Quellen und Methode
  • 4. Begriffe
  • Teil A. Sozioökonomische Stellung der Frauen und Kinder in der Region Woronesch
  • 1. Der soziale Status und die Rolle der Frau in der Gesellschaft
  • 2. Die Stellung die Frau in der Familie
  • 3. Arbeitsumfang und Belastungen der Frauen
  • 4. Die medizinische Hilfe für Frauen
  • 5. Der sozialökonomische Aspekt der Position von Kindern in Familie und Gesellschaft
  • 6. Kindersterblichkeit und der Gesundheitszustand der Kinder
  • 7. Die Organisation der Vormundschaft der Kinder
  • Teil B. Die sozioökonomische Stellung der Frauen und Kinder in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft
  • 1. Sozialer Raum der Landfrau und Frauenarbeit
  • a. Frauen und Landwirtschaft
  • b. Erwerbstätigkeit der Landfrauen
  • 2. Die besondere Bedeutung der Frauenbildung durch Haushaltungs- und Dienstbotenschulen
  • 3. Die Stellung der Frau in der Familie
  • 4. Die Wahrnehmung der Frauenrolle in der Gesellschaft
  • 5. Geburtenraten und medizinische Hilfe für Frauen
  • 6. Der sozialökonomische Aspekt der Lebensstellung der Kinder und Jugendlichen in Familie und Gesellschaft
  • a. Kinder-und Jugendschutz durch Vereine und Organisationen
  • b. Schulische Erziehung
  • c. „Engelmacherei“ und „Kinderhandel“
  • 7. Kindersterblichkeit
  • 8. Erziehung in der Familie
  • 9. Kinderarbeit
  • 10. Kinderpflege in der Schweiz
  • Zusammenfassung
  • Bibliografie
  • Anhang 1
  • Anhang 2

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Dank

Ich danke meinem Doktorvater Professor Heiko Haumann, der es mir ermöglichte, vorliegende Forschung unter seiner Betreuung durchzuführen. Er stand mir stets mit seinem Fachwissen zur Seite, opferte viel Zeit für mich und ist mir durch unsere zahlreichen Gesprächen sowie seine konstruktive Kritik meiner Doktorarbeit zu einem wertvollen Wegbegleiter geworden.

Einen besonderen Dank möchte ich Professor Regina Wecker aussprechen, die sich als Korreferentin meiner Doktorarbeit angenommen hat. Sie hat mir in zahlreichen Vorlesungen und Seminaren viel Wissenswertes beigebracht und mich mit wichtiger Kritik unterstützt.

Ich danke meiner Familie, meiner Mutter, die in jeglicher Hinsicht die Grundsteine für meinen Weg gelegt haben. ← 7 | 8 →

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Einleitung

1.    Thema und Fragestellung

Die Forschungen zur Geschichte der Frau lassen sich nicht auf einen eindeutigen Schwerpunkt festlegen, mit dem Terminus „Frauengeschichte“ ist vielmehr ein Spektrum von verschiedenen Untersuchungsansätzen gemeint.1 In Arbeiten zum Thema Frauengeschichte wird die Kategorie „Frau“ zu historischen Analysen herangezogen.

Das Ziel vieler Forschungsansätze, in denen mit dieser Kategorie gearbeitet wird, ist es, die Frauen historisch sichtbar zu machen und ihnen eine Vergangenheit zu geben.2 In der Geschichtsforschung sind die Frauen von den beschriebenen historischen Ereignissen, politischen Strukturen und sozialen Entwicklungen betroffen. Wenn man aber die Rolle der Frauen und bestimmte Auswirkungen auf das Leben der Frauen einbezieht, erfahren diese historischen Abläufe und diese politischen und sozialen Strukturen eine andere Wertung. Frauengeschichte soll also die weibliche historische Identität vermitteln, indem man „durch Gegenüberstellung historischer und gegenwärtiger Quellen die Vergangenheit zu erschliessen sucht und die Augen für gegenwärtige Probleme und ihre historischen Wurzeln öffnet.“3 Eine grundlegende Rolle spielt in dieser Arbeit die Kategorie „Geschlecht“, die in der Geschlechtergeschichte im Mittelpunkt der Forschung steht.4 Die Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ eröffnet eine wichtige ← 9 | 10 → historische Dimension in der Geschichtsforschung.5 Es handelt sich um die Kernkategorie der Frauengeschichte. „Mit dem Anspruch, Frauen in die Geschichte zurückzubringen und den Frauen ihre Geschichte zurückzugeben, wurde das Konzept von Geschlecht als sozialer, kultureller und historischer Analysekategorie entwickelt.“6 Im englischen Sprachgebrauch entsprechen dem deutschen Wort „Geschlecht“ zwei Begriffe: „Sex“ und „Gender“.

Das biologische Geschlecht, das auch als Körpergeschlecht (Sex) angesehen wird, wird von der Frauenforschung so definiert, dass die Frauen zur Geburt von Kindern fähig sind.7 Das männlich dominierte Gesellschaftssystem hat daraus ein ganzes System von Rollenzuschreibungen abgleitet

Das soziale Geschlecht (Gender) ist an die „Geschlechterrolle“ geknüpft. Die Geschlechtergeschichte versucht die Rollenvorstellungen zu verändern, dabei betrachtet man die Geschichte und Politik nicht mehr als einen besonders männlich geprägten Lebensbereich. Was Geschlecht bedeutet ist – wie Regina Wecker in ihrem Aufsatz ausführt – vielmehr abhängig vom sozialen und kulturellen Kontext.8 Mehrere Aufsätze erklären „Gender“ zum Synonym für die Begriffe „Frauen“ und „Frauengeschichte“. Doch sollte man zur Kenntnis nehmen, dass die Welt der Frauen implizit auch jene der Männer ist und sich diese gegenseitig beeinflussen und dass auch Männer als Geschlechtswesen sozialisiert werden. Das Geschlecht bestimmt auch die sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Mit der Verwendung dieses Begriffs richtet man sich ausdrücklich gegen biologische Erklärungen, die mit den verschiedensten Formen der weiblichen Unterordnung verbunden sind. So wird etwa betont, dass die Frauen die Fähigkeit zu gebären haben und Männer über die grössere Muskelkraft verfügen. In der kritischen Geschlechterforschung wird Geschlecht vielmehr als ein Konstrukt gedacht. Joan Scott definiert „Gender“ als „kulturelle Konstruktionen“, das heisst als die soziale Gestaltung von Vorstellungen über geeignete Rollen ← 10 | 11 → von Frauen und Männern. „Gender“ bezieht sich folglich sowohl auf die weibliche als auch auf die männliche Identität.9

Als konstruiert gelten die soziokulturellen, politischen, ökonomischen Attribute des Geschlechtes und auch dessen „biologisches Substrat“.10 Gisela Bock definiert Gründe, die das Geschlecht als soziale, kulturelle und historische Kategorie rechtfertigen.11 „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ seien keine Universalien. Alle Gesellschaften nähmen eine Geschlechterdifferenzierung vor. Die geschlechterspezifische Differenzierung und die geschlechterspezifische Hierarchie seien nicht zwangsläufig miteinander verbunden oder identisch. Darüber hinaus sei die Geschlechterwahrnehmung, die von der jeweiligen Gesellschaft geprägt ist, für jede Forschung einzigartig.

Erving Goffman definiert das Geschlecht als soziale Kategorie. Das Geschlecht einer Person habe damit in allen Gesellschaften die Funktion eines „Codes“, auf dessen Grundlage gesellschaftliche Strukturen aufgebaut würden.12 Dieser Code präge die Vorstellungen und Erwartungen der Menschen von ihrer grundlegenden Natur. Das Geschlecht habe damit eine ähnliche Bedeutung wie die soziale Klasse, wozu ein Mensch gehört, und bestimme sich letztlich durch ein „erlerntes, soziales Rollenverhalten“.13

Die Geschlechtergeschichte stellt sowohl die weibliche als auch die männliche Geschichtssicht dar und zeigt nicht nur weibliche, sondern auch männliche Rollenzuschreibungen auf.14 „Weiblichkeit kann nur in Auseinandersetzung mit Männlichkeit verstanden werden.“15 Geschlechtergeschichte beschäftigt sich daher mit Männern und Frauen, die in der ← 11 | 12 → Geschichte die verschiedenen Ereignisse immer unterschiedlich erlebt und verarbeitet haben, sowie mit deren Beziehung zueinander. Dabei sollte der Ansatz der Frauengeschichte aber bestehen bleiben, weil die Aufarbeitung der weiblichen Geschichte noch grosse Lücken aufweist und nicht in den Hintergrund gerückt werden sollte.

Dieser Satz soll nun die Disziplin der Geschlechtergeschichte näher vorstellen. Die deutsche Sozialhistorikerin Bock legt in ihrem Artikel prägnant dar, dass sich die historische Frauenforschung auf alle Bereiche von Geschichte und Gesellschaft bezieht, und zwar besonders auf solche, in denen Frauen vorkommen oder in denen sie in der Überzahl sind.16 Dazu gehören: Frauenorganisationen, Frauenkultur, Hausarbeit, Armenfürsorge. Untersucht werden jedoch auch jene Bereiche, in denen Frauen im Vergleich zu Männern in der Minderheit sind (Fabrikarbeit, Prostitution, Geschichtsschreibung) und solche, wo sie abwesend sind (Frauenwahlrecht).

Im Aufsatz von Sonja Düring „Wilde und andere Mädchen“ kommen zwei Kategorien zusammen. Erstens geht sie der geschlechtsspezifischen Frage nach, „was es Frauen möglich macht, aus der traditionellen Frauenrolle auszubrechen und sich zu den herkömmlichen Geschlechter- und Machtverhältnissen quer zu stellen.“17 Zweitens diskutiert sie insbesondere weibliche Adoleszenzprozesse, die auch noch unter die Kategorie „Kindheit“ fallen. Dabei richtet sie ihr Augenmerk auf die Konfliktsituationen, die Frauen in der Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter in den vom Patriarchat geprägten Gesellschaften treffen.

Die Kindheit wird als Lebensphase definiert, die sich bis zum 18. Lebensjahr bzw. der zivilrechtlichen Volljährigkeit erstreckt.18 Sie ist gekennzeichnet durch Status (rechtliche Minderjährigkeit, privates Kindesverhältnis und Abhängigkeit von der elterlichen Sorge) und durch Entwicklung (Prozess der körperlichen, kognitiven, affektiven und sozialen Entwicklung hin zur Autonomie des Erwachsenenalters). ← 12 | 13 →

Die Begriffe Kindheit und Jugend aber können nicht vollständig gegeneinander abgegrenzt werden. Der Übergang in das Jugendalter ist von der individuellen Entwicklung sowie dem kulturellen Umfeld eines Menschen abhängig. Die UN-Generalversammlung (UNO 2007) definiert Jugendliche als Personen, die zwischen 15 und 24 Jahre alt sind. Die neue soziologische Kindheitsforschung erlaubt es, den Begriff „Jugend“ synonym für „Kindheit“ zu verwenden.19

Ein wesentliches Problem der kulturgeschichtlichen Forschungen ist die Frage, ob die Kategorie „Kindheit“ in der modernen Zeit eingeführt wurde oder bereits im Mittelalter bestand. Der französischen Mediävist und Historiker Philippe Ariès war der erste Autor, der sich mit dem Thema der Kindheit ausführlich auseinandersetze. So wurde sein 1960 veröffentlichtes Buch „L’enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime“ (im Deutschen erst 1975 erschienen als „Die Geschichte der Kindheit“20) zur Grundlage der weiteren Kindheitsforschung und Ausgangspunkt einer regen Debatte. Ariès erforschte Kunst des Mittelalters bzw. Gemälde (Ikonografie) und vertritt in seinem Werk die These, die Gesellschaft des Mittelalters habe keine Vorstellung von Kindheit gehabt. Laut Philippe Ariès stammen die Vorstellungen von Kindheit nämlich aus dem 18. Jahrhundert. Bis dahin seien Kindheit und Erwachsensein nicht voneinander getrennt gewesen. Bis zur Zeit der Französischen Revolution etwa lebten Kinder in Europa in einem Lehrlingsverhältnis mit Erwachsenen, was Weltkenntnis, Religion, Sprache, Sitte, Handwerk betraf. Die Kinder trugen die gleichen Kleider, spielten die gleichen Spiele, verrichteten die gleichen Arbeiten wie die Erwachsenen. Familie, so Ariès, sei nur für Vererbung von Gut und Namen zuständig gewesen. Erst im 17. Jahrhundert, mit der Entwicklung der pädagogischen Ideen, wurden Kinder als unschuldig, verderblich, des Schutzes und der Erziehung bedürftig wahrgenommen. Die Familie wurde zur moralischen Anstalt und zusammen mit der Schule wirkten sie bei der Entfernung des Kindes aus den Bereichen des Erwachsenenlebens mit. ← 13 | 14 →

Der Begriff „Kindheit“ umfasst verschiedene Aspekte. Zur Klärung des Begriffs „Kindheit“ lassen sich anthropologische, sozialwissenschaftliche, geschichtliche, ethnologische und psychologische Ansätze finden.

In der Anthropologie ist Kindheit als naturgegebenes biologisches Phänomen bekannt, das an Altersphasen gekoppelt, die individuell und entwicklungsgerecht durchlaufen werden müssen. Frank Robert Vivelo ordnet in seinem Handbuch die Kindheit in den gesellschaftlich universalen Lebenszyklus von Geburt, Geschlechtsreife, Reproduktion und Tod ein.21 Zudem fokussiert er sich auf Übergangsriten. Dieses ethnologische Konzept wurde vom französischen Ethnologen Arnold van Gennep (1909) eingeführt.22 Er beschreibt, wie in vielen traditionellen Gesellschaften das Problem der Übertragung der Verantwortung wie ein Erwachsener und der Selbständigkeit durch die Herausbildung von Ritualen – „ Übergangsriten“ – bewältigt worden ist. Dazu zählt er Orts- und Statuswechsel, Erwachsen- und Älterwerden, Geburt und Tod. Eindeutiger dagegen ist der von Stanley Hall (1907) eingeführte Begriff der Adoleszenz als gesonderte Entwicklungsphase um die Pubertät. Soziologisch gesehen ist Adoleszenz (lat. „Jugend“) die Übergangsperiode vom Jugendalter zum Erwachsenenalter, die durch physische und psychische Entwicklungsprozesse bedingt wird.23

Die Ansätze und Konzepte der neuen sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung haben einen entscheidenden gemeinsamen Bezugspunkt in der Auffassung, dass Kindheit nicht nur eine biologische Tatsache ist, sondern vielmehr durch gesellschaftliche Prozesse sozial konstruiert wird. Kinder betrachtet man nicht nur als zukünftige Erwachsene, sondern als besondere Mitglieder der Gesellschaft.

Michael Sebastian Honig definiert Kindheit als eine Institution, „die nicht Inbegriff von Entwicklungs- und Sozialisationsprozessen, sondern ← 14 | 15 → selektiver Kontext und sozialer Code (ist), der Entwicklungsprozesse normiert und den Kinder ihrerseits strukturieren, interpretativ reproduzieren.24“ Die schwedische Wissenschaftlerin Leena Alanen fasst Kinder nicht nur als Forschungsobjekte, sondern als sprachbegabte Subjekte mit eigenen Erfahrungen und Wissensformen auf: Dabei wird Kindheit nicht als natürliche biologische Tatsache, sondern als soziales Phänomen gefasst. Das Phänomen „Kindheit“ betrachten Marie-José van de Loo und Margarete Reinhart als Lernprozess, dessen „Endpunkt“ bekannt ist, und es bleibt nur herauszufinden, wie das Kind diesen erreicht: Mehrere Beiträge ihres Sammelbandes illustrieren das Verständnis der Kindheit in der Ethnologie, bzw., wie es zu dem Erwachsenen mit seinen Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen kommt.25

In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts formulierte der amerikanische Psychologe Lloyd de Mause die psychologischen Prinzipien der Geschichte der Kindheit.26 Seine psychogenetische Theorie erklärt die Entwicklung der Geschichte durch die Evolution der Eltern-Kind-Beziehungen und den damit verbundenen Wandel der Kindheitserfahrungen. Der russische Soziologe Igor Kon unterstützte diese Theorie als einer der ehrgeizigsten des Kindheitskonzepts.27 Aus geschichtlicher Perspektive gewinnt der von de Mause dargestellte methodische und theoretische Zugang immer mehr an Bedeutung. Er zeigt, wie sich die Vorstellungen über Kindheit und ihre Wahrnehmungen mit der Zeit änderten. Die Kindheit ohne ihre Geschichte zu erforschen, ist undenkbar.

Lloyd de Mause geht davon aus, dass die Kindheitserfahrungen eines Menschen in hohem Masse seinen Charakter und somit auch seine Handlungsmöglichkeiten beeinflussen. So kann gewalttätiges Verhalten kaum vererbt sein, sondern wird in der Kindheit erlernt. Somit verändert Kindheit ← 15 | 16 → sich selbst historisch.28 Er unterscheidet 6 Formen der Kindererziehung, die nacheinander vorherrschend in ihrer jeweiligen Zeit existierten. Die zeitlichen Angaben beziehen sich auf das westliche Europa, wo die Geschichte der Kindheit bisher am besten untersucht ist.

1. Kindstötung (Vorzeit bis Antike 4. Jahrhundert n. Chr.):

In dieser Zeit stellte der Kindsmord ein übliches Mittel der Familienplanung dar und war sogar gesellschaftlich allgemein akzeptiert. Bei den überlebenden Kindern, die den Mord mit ansehen mussten und dazu noch schlecht behandelt und missbraucht wurden, hinterliessen entsprechende Erlebnisse schwere seelische Verletzungen.

2. Weggabe (4. – 13. Jahrhundert):

Mit dem Beginn der christlichen Ära wurde unter die Praxis des Kindesmordes in der Gesellschaft langsam zurückgedrängt. Historische Manifestationen sind die Weggabe zu Ammen. Die Kinder wurden in Klöster gegeben oder kamen als Diener in fremde Haushalte. Der Kindesmord und nach wie vor Missbrauch waren die Merkmale dieser Zeit.

3. Ambivalenz (beginnt mit dem 12. Jahrhundert, vorherrschend 13.-17. Jahrhundert):

Die Erwachsenen wiesen dem Kind gegenüber eine gespaltene Persönlichkeit auf: Parallel zu der Entwicklung des elterlichen Liebes, brachten ihre eigene Kindererfahrungen sie dazu immer noch das vermeintlich Böse im Kinde zu bekämpfen.

4. „Intrusion“ also Eindringen am Werk (beginnt mit dem späten 16. Jahrhundert, vorherrschend 17.-19. Jahrhundert):

Die Entwicklung der Medizin und Hygiene führte zu einem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit. Zwar bekommen Kinder mehr elterliche Liebe und Zuneigung, wurden aber vielmehr psychisch kontrolliert, um sie zu absolutem Gehorsam zu erziehen. Die erziehenden Personen beanspruchen das Eindringen in das Innenleben des Kindes, um dessen Bedürfnisse und Willen unter Kontrolle zu bringen. Die insgesamt verbesserte Behandlung in der Kindheit prägte die verbesserte Persönlichkeitsstruktur ← 16 | 17 → der Erwachsenen, indem sie ein unterwürfiges und selbstbestrafendes Gefühl vernichtete.

5. Sozialisation (beginnt mit dem späten 18. Jahrhundert vorherrschend 19. – 21. Jahrhundert):

Diese Erziehungsform ist immer noch aktuell. Im Vordergrund steht die Anpassung des Kindes an die gesellschaftlichen Normen durch die Ausbildung und Erziehung.

6. Unterstützung (Beginn Mitte 20. Jahrhundert):

Der zentrale Unterschied zur Sozialisation besteht in der elterlichen Vorstellung, dass „das Kind besser als seine Eltern weiss, was es in jedem Stadium seines Lebens braucht.“29

Details

Seiten
328
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783631695678
ISBN (PDF)
9783653070231
ISBN (MOBI)
9783631695685
ISBN (Hardcover)
9783631676417
DOI
10.3726/978-3-653-07023-1
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (April)
Schlagworte
Frauenrolle Kinderleben Kinderpflege Gesellschaft Kindersterblichkeit Basel Woronesch
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2016. 330 S., 12 s/w Abb., 7 farb. Abb., 16 Tab.

Biographische Angaben

Olesya Meskina (Autor:in)

Olesya Meskina studierte Geschichte, Sozialwissenschaft, Recht und Pädagogik und wurde an der Staatlichen Pädagogischen Universität in Woronesch (Russland) sowie an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Geschlechtergeschichte, Sozialgeschichte, Beziehungen Russland–Schweiz, Ehe- und Gesellschaftsrecht sowie Kinderforschung.

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