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Philologia sanat

Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag

von Gabriella Rovagnati (Band-Herausgeber:in) Peter Sprengel (Band-Herausgeber:in)
Andere 531 Seiten

Zusammenfassung

Medizin und Literatur stehen in einem so wechselvollen wie spannenden Dialog, der in zahlreichen Studien des dem Philologen und Bibliothekar Hans-Albrecht Koch gewidmeten Bandes beleuchtet wird – von der altgriechischen Komödie über das Volksbuch von Till Eulenspiegel zur Volksmedizin und Erfahrungsseelenkunde der Aufklärung und weiter über Klassik und Romantik bis hin zu Autoren und Diskursen des 20./21. Jahrhunderts. Andere Essays umspielen den roten Faden mit Seitenblicken auf Fellinis Antike-Rezeption, mittelalterliche Buchkunst und Sakralskulptur, Beethovens «Fidelio», Chamissos Langzeitwirkung und einen vergessenen Züricher Zeichner. Die Linie setzt sich fort mit neuem Material zum «Netzwerker» Rudolf Alexander Schröder und Einblicken in die aktuelle Architektur und Hochschulpolitik.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zum Geleit
  • Frühe Verflechtungen von Medizin und Literatur (Klaus Mathias)
  • Antike Kollegen des „Dottore“ (Peter Rau)
  • Faszination der Dekadenz. Satyricon – Petrons Roman und Fellinis Film (Kurt Steinmann)
  • Das Gundold-Evangeliar in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bemerkungen zu einem Kölner Prachtcodex des 10./11. Jahrhunderts (Klaus Gereon Beuckers)
  • Der sogenannte Memling-Altar im Lübecker St. Annen-Museum. Ein Objekt der Begierde (Jörg Rosenfeld)
  • Till Eulenspiegel als Arzt oder: Ein Mediziner als Mitautor des Eulenspiegelbuchs? (Bernd Ulrich Hucker)
  • Medizinische Volksaufklärung – historische und aktuelle Bedeutung (Holger Böning)
  • Schauspieler-Krankheiten (Reinhart Meyer)
  • Diätetische Lektüre. Praktische Literaturkritik in Valerius Wilhelm Neubecks Die Gesundbrunnen (1795/98) (Sabine Doering)
  • „Nur deinen Trost! Und etwas Luft! Du hast der Luft so viel.“ Matthias Claudius und die Ärzte (Geeske Göhler-Marks)
  • Das ausgesprochen Nichtssagende und das unausgesprochen Vielsagende. Notizen zur Paradoxie des Expliziten, auch auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde (Klaus Becker)
  • Flucht und Vertreibung bei Goethe (Volkmar Hansen)
  • Über das Genesen. Versuch über ein molto adagio und sein hölderlinsches Umfeld (Rüdiger Görner)
  • Von den Ärzten und der Heilkunst in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm (Heinz Rölleke)
  • „Und mehr, als Ein zerrissen Lied / entströmte seiner Brust!“ Aspekte der Chamisso-Rezeption in Moderne und Gegenwart (Hans Braam und Lutz Hagestedt)
  • Der kranke Pfarrer. Zu zwei Zeichnungen von Eduard Mörike (Ulrich Ott)
  • „Das ist der Katzenraffael!“ Zu- und Abschreibungsgeschäfte, nicht fiskalisch (Jochen Meyer)
  • Vom aufgeklärten Welt-Begreifen zur idealistisch-erhofften Welt-Bewältigung. Die Libretto-Fassungen zu Beethovens Fidelio (Herbert Zeman)
  • Gerhart Hauptmann, Rudolf Alexander Schröder und die Mystik der Ärzte im Neuen Christophorus (Peter Sprengel)
  • „Dass Gott mir am Abend meiner Tage noch solch einen Freund und Verleger geschenkt hat, ist für mich ein unbegreifliches Wunder.“ Rudolf Alexander Schröder und Peter Suhrkamp. Eine Skizze (Klaus Goebel)
  • Von der Heilkraft der Poesie und der Heillosigkeit der Welt. Dichtung und Therapie bei E.T.A. Hoffmann und Thomas Bernhard (Wulf Segebrecht)
  • Der bekehrte Mediziner: Il sindaco del rione Sanità von Eduardo De Filippo (Gabriella Rovagnati)
  • Menschen des Wortes – Worte für das Menschsein. Argumente für die Wiederbelebung einer vielstimmigen Psychiatrie (Josef Schwitzer und Ingo Stermann)
  • Als deutscher Brotgelehrter im internationalen Bildungsraum (Bernd Oppermann)
  • Die Literatur und ihr therapeutisches Potential für die Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Großgruppen. Am Beispiel des Romans Himmelchen von Brygida Helbig (Anna Kochanowska-Nieborak)
  • Der Turmbau zu Babel – oder: Die Arroganz moderner Architektur gegenüber der Historie (Georg Skalecki)

Zum Geleit

„Es ist mit den Jahren doch sehr merkwürdig und artig, wie immer eins so hinter dem andern hergeht, und sich mit der Akkuratesse anschließt, dass nie eine leere Stelle dazwischen wahrgenommen wird. Man kann sich dieses gar schön unter dem Bilde einer Schlange vorstellen die ihren Schwanz im Munde hat, oder auch unter dem Bilde eines Rades, darauf ein Übeltäter geflochten ist, und ich würde das Rad noch vorziehen. Denn sind wir Menschen nicht gleichsam von der Hand des Schicksals aufs Rad der Jahre geflochten?“ Mit diesem Claudius-Zitat, das so gar nicht dem üblichen Bild vom heiter-frommen „Wandsbecker Bothen“ entspricht, eröffnete Hans-Albrecht Koch im Januar 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Gedenkartikel zum 200. Todestag des Aufklärungspoeten.

„Nun führt die kontinuierliche Umdrehung der Jahre“ – um weiter mit Koch zu sprechen – im Juli 2016 auch seinen eigenen 70. Geburtstag herauf, und seine Freunde, Kollegen und Verehrer eilen herbei, die Beschwerden zu lindern, die die Anspannung einer auf das Zeitrad geflochtenen, eng mit der Zeitgeschichte verflochtenen Existenz mit sich bringen mag. Sie tun das im Zeichen eines Gottes, dessen Sinnbild die um den Stab gewundene Schlange darstellt: die Heilkraft der Philologie beschwörend, in deren Dienst sich Hans-Albrecht Koch mit vorbildlicher Entschlossenheit gestellt hat. „Philologia sanat“, erklären sie in bewusster Abwandlung und Überbietung einer alten Lebensweisheit, die die Grenzen aller ärztlichen Bemühung reflektiert: Medicus curat, natura sanat.

So dient denn auch den meisten Beiträgen dieses Bandes das Verhältnis von Literatur und Medizin als das zentrale Paradigma, an dem die Heilkraft der Philologie erprobt wird. Das zeitliche Spektrum umfasst dabei rund zweieinhalb Jahrtausende; es reicht von den Arztfiguren der antiken Komödie und des Märchens bis zur therapeutischen Funktion der Belletristik in traumatisierten zwischenstaatlichen Beziehungen …

Dass das thematische und fachliche Spektrum so vielfältig ausgefallen ist und sich auch immer wieder vom roten Faden der Medizin entfernt, ist der Vielseitigkeit der Interessen und Aktivitäten des Jubilars geschuldet. Angesichts der letzten Stellung Hans-Albrecht Kochs als Hochschullehrer für Deutsche und Vergleichende Literaturgeschichte und Direktor der Forschungsstelle für Text-, Überlieferungs- und Bildungsgeschichte an der Universität Bremen wird es niemanden wundern, dass der Großteil der hier gesammelten Aufsätze der deutschen Literaturgeschichte gilt und von Germanisten verfasst ist. Doch zählen auch Ärzte zum Autorenkreis – die Brixener Psychiater Josef Schwitzer und Ingo Stermann ← 9 | 10 → und der Neuroradiologe Klaus Mathias – und historische Ärzte zum Themenbereich: von Paracelsus über den dichtenden Thermalmediziner Valerius Wilhelm Neubeck (Sabine Doering) bis hin zu Mario Tobino als – gleichfalls auch literarisch aktivem – Vorkämpfer für eine humane Psychiatrie phänomenologischer Prägung.

Als Publizist hat Hans-Albrecht Koch die Rezeptionsgeschichte der Antike gleichsam zur Chefsache gemacht. Das tiefe Interesse des promovierten Klassischen Philologen, des Tübinger Schülers eines Wolfgang Schadewaldt und Ernst Zinn, am Fortleben der altgriechischen und römischen Literatur spiegelt sich in unserem Band in den Beiträgen von Klaus Mathias zu den engen Beziehungen von Medizin und Literatur seit der Bibel und der Antike, Peter Raus zu Menander (und der commedia dell’arte) und Kurt Steinmanns zu Petronius (und Fellinis Satyricon).

Wer Hans-Albrecht Koch in Bremen besucht, darf den Silberschatz der Compagnie der Schwarzen Häupter aus Riga besichtigen. Dem Sinn des geborenen Lübeckers für mittelalterliche und frühneuzeitliche Kunst und Überlieferung sind die Beiträge von Klaus Gereon Beuckers zu einem Kölner Prachtcodex, von Jörg Rosenfeld zum Lübecker Memling-Altar und von Bernd Ulrich Hucker zur mutmaßlichen Beteiligung eines Arztes an der Autorschaft des Eulenspiegelbuchs gewidmet.

Die Claudius-Studie einer Schülerin Hans-Albrecht Kochs (Göhler-Marks) leitet den markantesten historischen Schwerpunkt des Bandes ein, der von der Aufklärung über die Klassik bis zu den Ausläufern der Romantik reicht. Unter den behandelten Autoren sind große Namen wie Moritz (Becker), Goethe (Hansen), Hölderlin (Görner), Grimm (Rölleke), Hoffmann (Segebrecht), Chamisso (Braam/Hagestedt), Mörike (Ott), aber auch Vergessene und Vernachlässigte wie Franz Mai (Reinhart Meyer) oder Rudolph Zacharias Becker (Böning). Es geht aber keineswegs nur um Literatur. Zemans Fidelio-Studie knüpft an Kochs frühes Büchlein über das deutsche Singspiel an; Jochen Meyers Essay stellt die Entdeckung eines Blatts des Zürcher „Katzenraffael“ Gottfried Mind vor.

Die Zeit der klassischen Moderne ist dagegen auf den folgenden Seiten zunächst durch eine große Leerstelle vertreten. Hugo von Hofmannsthal, dem der Jubilar zwei Monographien, eine Bibliographie und zwei Editionen gewidmet hat, hat unter seinen Anhängern – vielleicht aus zu großem Respekt vor dem Gegenstand und seinem Meister – keinen Bearbeiter gefunden. Immerhin wird ein Freund und zeitweiliger Weggenosse des Wiener Dichters, dem sich der Neu-Bremer in letzter Zeit gleichfalls zugewandt hat: nämlich der Bremer Rudolf Alexander Schröder, gleich in zwei Beiträgen des Bandes (Sprengel, Goebel) behandelt. ← 10 | 11 → Indem der erstere Beitrag auch Gerhart Hauptmann gewidmet ist, findet ein weiterer wichtiger Vertreter der klassischen Moderne (und Freund Hofmannsthals) Eingang in diese Hommage.

Die Aufsätze von Segebrecht und Rovagnati führen uns mit Thomas Bernhard und Eduardo da Filippo an Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts heran. Schließlich wird es höchst aktuell. Skalecki kritisiert zeitgenössische Hochhaus-Projekte in verschiedenen europäischen Großstädten, Kochanowska zitiert aus einem in deutscher Sprache noch gar nicht vorliegenden polnischen Roman und Oppermann plaudert aus dem Nähkästchen der ERASMUS-Universität – nicht ohne Seitenblick auf Hans-Albrecht Koch als Historiographen der europäischen Hochschullandschaft.

Wie man sieht, geht es dabei zunehmend international zu. Internationalität ist ein Wesenszug der geistigen und menschlichen Persönlichkeit Hans-Albrecht Kochs, der zu allen von ihm organisierten Veranstaltungen immer auch ausländische Kollegen einzuladen pflegte. Natürlich sind sich die Herausgeber bewusst, dass sie mit dieser Sammlung zum Thema „Philologia sanat“ keineswegs allen Seiten der imponierenden beruflichen Karriere Hans-Albrechts Kochs gerecht werden. Der enge Mitarbeiter von Clemens Köttelwesch, Bibliothekar, Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen und Bibliothekswissenschaftler (mit Professuren an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin) kommt zweifellos zu kurz. Aber, lieber Herr Koch, es ist ja erst Ihr 70. Geburtstag …

Gabriella Rovagnati, Peter Sprengel

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Klaus Mathias

Frühe Verflechtungen von Medizin und Literatur

Als ich gebeten wurde, an dieser Festschrift mit einem Beitrag aus dem Feld der Wechselbeziehungen zwischen Medizin und Literatur teilzunehmen, wurde ich mir erneut dessen bewußt, daß ich mich angesichts der Grenzenlosigkeit des Themas hier auf ein paar Beobachtungen beschränken muß, die zeitlich nicht wesentlich über die Antike hinausreichen und die die eine oder die andere der zahllosen Facetten streifen, die zu diesem Bereich gehören. Das alles will weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf philologische Wissenschaftlichkeit erheben, sondern nur als ein Zeichen der Freundschaft gelten, die mich mit dem hier gefeierten Jubilar verbindet.

Denn zu Medizin und Literatur läßt sich deshalb soviel sagen, weil der Mensch, da er sterblich ist, sich seit Urzeiten mit Krankheit und Tod auseinandersetzt – das Thema den Arzt also in besonderer Weise angeht.

Von Verletzungen abgesehen, wurde Krankheit am Anfang entweder als ein Ungleichgewicht von Kräften der Natur verstanden oder als Werk von bösen Geistern oder verletzten Gottheiten. Die Grenzen zwischen Diagnose und Magie, zwischen Ritus und Therapie waren ursprünglich sehr verschwommen. Man denke an den Schamanismus, der ja auch als eine Urform der Medizin betrachtet werden kann. Zu den Aufgaben des Schamanen gehörte neben anderem auch die Heilung von Krankheiten, aber er unterschied nicht zwischen körperlichen, psychischen und geistigen Formen der pathologischen Phänomene. Der Schamane übte eine eigenartige Form von Therapie aus: mit Hilfe von verschiedenen Musikinstrumenten, von Drogen und Tänzen fiel er in Trance und in diesem ,anderen‘ Zustand nahm er Kontakt mit den guten Geistern auf, die ihm suggerierten, wie er den jeweiligen Kranken zu heilen hätte. Auch wenn die Schamanen, die es heute noch gibt, das verleugnen, ist ihre therapeutische Tätigkeit eine Art Zauberei, die weder einen Hirntumor noch ein Nierenversagen je beseitigt hat. Doch die starke Suggestionskraft, die der Schamane ausstrahlt, bringt manchmal dem Kranken in seinem Leiden Erleichterung. Wir kennen solche Wirkungen noch heute unter dem Begriff „Placebo“: der Patient nimmt irgendein Mittel (einen Tee, ein Wasser, eine Speise mit einem bestimmten Kraut usw.), an dessen Heilkraft er glaubt, obwohl es medizinisch völlig nutzlos ist, und schon fühlt er sich auch körperlich besser. Spuren von Schamanismus finden wir auch heute noch ← 13 | 14 → bei Menschen, die Talismane, Amulette oder ähnliche Fetische tragen, an deren Wunderwirkung sie glauben, oder sich mit bestimmten Salben aus Heilerde oder -kräutern einschmieren und sich selbst einreden, diese linderten ihre Schmerzen, auch wenn die Art der pharmakologischen Wirkung und die angemessene Dosis der Anwendung im Dunkeln bleiben.

Auf einer wissenschaftlich nicht immer festzulegenden Grundlage basieren auch Homöopathie oder therapeutische Esoterik, die trotzdem immer wieder Neophyten finden. Wissen, Rituale und Verrichtung der Schamanen oder ähnlicher Heiler, die weltumspannend in allen Kulturen und auf allen Kontinenten vertreten waren und sind, werden von einer Generation zur anderen mündlich überliefert und – da ihre Handlungen immer eine Aura von Geheimnis umhüllt – nur zum geringen Teil schriftlich niedergelegt, so daß man von einer Literatur der Schamanen im engeren Sinne nicht sprechen kann.

Um etwas Schriftliches zur älteren Medizin zu finden, muß man entweder in der Bibel oder in der Antike suchen.

Fangen wir mit der Bibel an. In der Bibel sind natürlich auch Ärzte vertreten. Im Alten Testament erlebt der Mensch an der Krankheit seine Kreatürlichkeit und seine Grenzen, und oft ist das körperliche Unwohlsein mit der Sünde verbunden, so daß das Gebet zu Gott als erstes Heilmittel angewandt wird. Nur ein Beispiel:

Von Gott gesandt sind die sogenannten zehn biblischen Plagen, eine Reihe von Katastrophen, die das Land Ägypten heimsuchen, da der Pharao die Auswanderung der Juden aus dem Lande unter der Führung Moses verhindert. Es geht um die Invasion von Fröschen (2 Mos. 8,1), Stechmücken (2 Mos. 8,13), Stechfliegen (2 Mos. 8,16), Heuschrecken (2 Mos. 10,12) usw. Quälen solche Plagen ein ganzes Volk, so gibt es auch individuelle Erkrankungen. Ein Fall dieser Art ist die Geschichte Hiobs, der sich fragt, warum Gott gerade ihn mit einer Krankheit hat treffen wollen, und der gegen sein Los rebelliert. Genesung fällt in der Bibel oft zusammen mit der Kette: Sünde, Strafe, Erlösung. Aber die Bibel zeigt sich auch besonders aufmerksam auf die Verhütung von Erkrankungen und erteilt dazu eine Reihe hygienischer Vorschriften (besonders im „Levitikus“) im Bereich der Sauberkeit, der Ernährung und des täglichen Verhaltens, die Entzündungen oder Ansteckungen vorbeugen sollen. ← 14 | 15 →

Im Neuen Testament heilt Jesus selber, der – zwar im Namen seines Vaters – Lahme und Blinde nur mit der Kraft des Wortes wieder gesunden läßt oder durch einfaches Handauflegen. Er kann sogar – der Fall von Lazarus ist diesbezüglich paradigmatisch – Tote auferstehen lassen, Scheintote, wie wir heute sagen müßten.

Die ersten Beschreibungen von Krankheiten in der Antike finden sich bei Homer. Schon im ersten Buch der Ilias verbreitet Apollon eine Epidemie (nosos) in dem Lager von Agamemnon, dem Anführer der Griechen, der ihn beleidigt hat. Durch die böse Krankheit, die als Rache des Gottes verstanden wird, kommen sehr schnell Mensch und Tier ums Leben. Im zweiten Buch desselben Epos, das den berühmten Schiffskatalog enthält, wird von Philoktet berichtet, dem sieben dieser Schiffe gegen Troja anvertraut worden waren und der auf der Insel Lemnos zurückbleiben mußte, weil er am Fuß von einer Schlange gebissen worden ist und an unerträglichen Schmerzen leidet (vv. 716–725). Aus der Tragödie, die Sophokles diesem homerischen Helden widmete, wissen wir, daß Philoktet an dieser Wunde nicht starb, aber daran chronisch litt. Nach ausführlichen Recherchen haben nun Dermopathologen feststellen können, daß die Krankheit, die Philoktet quälte, eine Chromoblastomychosis war.1 Noch nicht sicher identifizierbar ist dagegen die Epidemie, die Thukydides im zweiten Buch (Kapitel 49) seiner Abhandlung über den Peloponnesischen Krieg beschreibt. An diesen wenigen Beispielen sieht man, wie sich zu den in der Literatur beschriebenen Krankheiten auch eine medizinische Fachliteratur entwickelt hat, die die jeweiligen Pathologien mit heutigen wissenschaftlichen Kenntnissen zu ermitteln versucht. Das Spektrum der Untersuchungsmöglichkeiten erweitert sich auf immer mehr Teilgebiete der Medizin und reicht in der Archäomedizin chronologisch bis hin zu den Anfängen des menschlichen Lebens auf Erden zurück. Auch soziologische und psychologische Fragen haben ihren Teil daran.

Die griechischen Mythen sind voll von Krankheiten, die meistens ihren Ursprung in der Rachsucht eines Gottes haben. Man denke an die Büchse der Pandora, den ihr von Zeus anvertrauten Behälter allen Übels, mit dem der Gott den frechen Titan Prometheus strafen will, der den Olympiern das Feuer geraubt hat. Als Beispiele der vielfältigen Nachwirkung dieses Mythos in der europäischen Literatur fallen einem dabei sogleich Voltaire, Goethe und Wedekind ein. Prometheus selber, der dazu verdammt wird, daß ein Geier ihm tagtäglich die Leber aushackt, ist das frühe Beispiel eines hepatischen Kranken. ← 15 | 16 →

Wie in der Bibel gibt es auch in der klassischen Antike sowohl endemische als auch individuelle Erkrankungsformen, die sich in der Literatur – natürlich variiert – immer wiederholen. Einer individuellen Erkrankung von Zeus – einer starken Migräne oder gar einem Leiden, dessen Therapie ein antikes Beispiel von Gehirnchirurgie bietet – verdankt Athena ihre Geburt.

Zu ewigem Hunger und Durst verdammt Zeus den König Tantalus, der es gewagt hatte, bei einer festlichen Mahlzeit die Allwissenheit der Götter auf die Probe zu stellen, indem er ihnen den eigenen Sohn Pelops zur Speise serviert hatte. So beschreibt seine Strafe Homer im 11. Gesang (vv. 582–592) der Odyssee (deutsch von Johann Heinrich Voß):

Ein ähnliches Los trifft im sechsten Kreis von Dantes Inferno diejenigen, die im Leben durch Völlerei gesündigt haben.

Der sogenannte ,morbus acheus‘ der Ilias, der das ganze Lager Agamemnons dezimiert, findet sich andererseits in den vielen literarischen Werken wieder, die von Epidemien handeln, von Manzonis Die Verlobten bis hin zu Die Pest von Camus, um nur zwei sehr bekannte einer endlosen Liste von Titeln zu nennen. Die Pest kann aber auch Anlaß zu wunderbaren Erzählwerken werden, wie etwa zu Giovanni Boccaccios Decameron, in dem die hundert Novellen als ländliches Antidoton gegen den in der Stadt um sich greifenden Tod wirken.

Generell muß hier der therapeutische Wert von Literatur als individuelles oder kollektives Heilmittel hervorgehoben werden. Nicht zufällig werden heute besonders Nervenkranke und Gefangene von ihren Betreuern eingeladen zu lesen und zu schreiben. Und die Resultate ihrer Kreativität, die zur Verarbeitung von Traumata hilft, sind nicht selten bemerkenswert.

Poesie kann sowohl für den, der sie schreibt, wie auch für die, die sie lesen, durchaus Linderung des Leidens verschaffen. Dies vor allem bei Schmerzen psychischer Natur. ← 16 | 17 →

Von Sappho etwa wird die Liebe als eine Art Krankheit besungen. In dem bekannten ,Gedicht der Eifersucht‘ (hier in der Übersetzung von Theodor Kock) reflektiert eine Reihe organischer Symptome das innere Unbehagen der Dichterin, die von einem geliebten Mädchen Abschied nehmen muß:

Diese Verse stellen den Anfang einer langen Tradition poetischer Pathologie der Liebe dar, die sich über Catull in die ganze westliche Literatur verbreitete, einen Höhepunkt in der Romantik erreichte und vielfach ironisiert noch heute gepflegt wird. Da als Sitz der Seele (der Empfindungen, der Leidenschaften) seit alters her meist das Herz (bei den Griechen freilich das Zwerchfell) gegolten hat, ist dieses menschliche Organ eines der beliebtesten bei Dichtern und Schriftstellern. Bei Menschenopfern wurde in der Antike oft der Brustkorb gespalten und das Herz so rasch herausgerissen, daß es auf dem Altar noch zuckte. Das Herz ist aber nicht nur in der griechischen Antike präsent. Wie man aus der Edda erfährt, verzehrt Siegfried das Herz des Riesen Fafnir und kann sich nach dieser Speise mit den Vögeln unterhalten. Barbarisch ist die Speisung von Gudruns Gatten Attila, dem die Herzen ihrer Kinder vorgesetzt werden. In den nördlichen Mythen fliegen auch Hexen gern nachts aus, um sich an Männerherzen gütlich zu tun. Viele Spuren davon sind noch in den Märchen der Romantik zu erkennen.

Das Herz, das sich im übrigen bekanntlich leicht mit „Schmerz“ reimen läßt, kommt in der Literatur mit einer unglaublichen Häufigkeit vor, wird direkt von fiktiven Figuren – wie etwa dem Werther Goethes – aufgerufen, hat jedoch, seitdem die Mediziner Koronararterien mit Stents versorgen, künstliche Herzklappen einsetzen oder das Organ gleich ganz austauschen, in der Literatur an Beliebtheit verloren. Die moderne Medizin gebraucht für diesen Lebensmuskel immer noch das griechische Wort „kardia“, das als Wurzel in vielen Komposita (Kardiologie, Kardiopathie, Echokardiographie usw.) vorkommt, die mit Herz- und Kreislaufstörungen zu tun haben. Überhaupt ist die medizinische Fachsprache vom Griechischen geprägt. Das Wort „algie“, das „Schmerz“ bedeutet – man redet von Neuralgie, Arthralgie, Kardialgie, Myalgie usw. –, kommt von den legendären „Algea“, den Töchtern der Eris, wie uns Hesiod in seiner Theogonie erzählt. ← 17 | 18 → Nostalgie bedeutet auf Deutsch wörtlich „Heim-weh“, ein Gefühl, das sich auch zur Krankheit steigern kann, so daß man heute in der Medizin mit Blick auf die riesigen Migrationen unserer Zeit von einem „Odysseus-Syndrom“ redet, um jene depressive Störungen zu bezeichnen, die Menschen überfallen, die ihre Heimat vermissen. Und wieder begleitet uns, auch in der Nomenklatur, die antike Sprache und Literatur.

Bei den alten Griechen galt nicht jede Krankheit für ein Übel. Es gab auch Krankheiten, die für „heilig“ gehalten, die als ein Geschenk Gottes angesehen wurden: Darunter war die Blindheit, die dem Betroffenen die Gabe des Hellsehens verlieh und ihn damit zum Propheten machte. Am bekanntesten ist wohl Teiresias, von dessen divinatorischem Talent der 11. Gesang der Odyssee erzählt.

Als heilig galt auch die Epilepsie, die offensichtlich sehr verbreitet war. Da die Medizin sich die plötzlichen krampfhaften Anfälle, die diese Krankheit charakterisieren, nicht erklären konnte und gegen sie keine Mittel kannte, interpretierte sie die Epilepsie als eine Art gottgewollter Besessenheit. Gegen diese Auffassung trat jedoch der Vater der griechischen Medizin auf, Hippokrates2, der in seiner Schrift mit dem ironischem Titel Über die heilige Krankheit seine Kollegen vor einer magischen Auslegung dieser Störung warnte:

Mit der sogenannten heiligen Krankheit verhält es sich folgendermaßen: sie ist nach meiner Ansicht keineswegs göttlicher oder heiliger als die anderen, sondern wie die anderen Krankheiten so hat auch sie eine natürliche Ursache, aus der sie entsteht […]. Ich meine nun: diejenigen, die zuerst die Krankheit für heilig erklärt haben, waren Menschen, wie sie auch jetzt noch als Zauberer, Entsühner, Bettelpriester und Schwindler herumlaufen und beanspruchen, äußerst gottesfürchtig zu sein und mehr als andere zu wissen. Diese Menschen nahmen die göttliche Macht als Deckmantel ihrer Ratlosigkeit, weil sie nicht wußten, wie sie den Kranken helfen sollten; und damit ihre Unwissenheit nicht offenbar würde, brachten sie auf, daß diese Krankheit heilig sei […].

Heute wissen wir zwar, daß diese Zeilen nicht von Hippokrates selbst niedergeschrieben worden sind. Bei diesem Plädoyer für die Vernunft stehen wir aber sicher einem schreibenden Arzt gegenüber, wie sie später die Geschichte der Medizin unzählige kennt.

Auch bei den Römern ist oft von Medizin in den verschiedensten Formen die Rede. Die Römer lernten viel von den Griechen und entwickelten besonders die Chirurgie. Sie sprechen aber auch oft von den Krankheiten der Seele, gegen die Cicero als Heilmittel die Philosophie empfiehlt (Cic.Tusc. 3,1–6). Die Ärzte selber ← 18 | 19 → waren im alten Rom zwar Respektspersonen, aber sie wurden auch zur Zielscheibe böser Satire, wenn sie sich als inkompetent erwiesen, wie im folgenden Epigramm (V, 9) von Martial:

In einer seiner Epistulae Morales beschreibt Seneca dem Freund Lucilius die „Atemnot“, die er gerade überstanden hat und die ihm als eine Vorbereitung auf den Tod vorgekommen ist, und in einer Elegie Tibulls (1, 3) wünscht sich ein Kranker eine baldige Genesung, um heimkehren zu können:

Im vierten Buch seines in Hexametern verfassten Hauptwerks De rerum natura (Über die Natur der Dinge, übertragen von Hermann Diels, 1924) versucht Lukrez sogar, seine Poetik durch eine medizinische Metapher zu erklären:

Die große Tradition antiker Medizin wird über das Mittelalter zwar durch die Abschrift der Texte in den Klöstern bewahrt, in der breiten Anwendung spielt sie jedoch keine Rolle. Eine Besonderheit stellen die biologisch-heilkundlichen Interessen der Nonne Hildegard von Bingen dar.

Bis in die Frühe Neuzeit kannte der von der Universität kommende Arzt im wesentlichen die antike Säftelehre und als Diagnoseverfahren die Betrachtung des Harns. Aus dem geringen Erfolg seiner Tätigkeit resultierte das geringe Ansehen, das seinen Niederschlag in der Satire der Frühen Neuzeit, etwa in Sebastian Brants Narrenschiff oder in der Eulenspiegel-Figur fand. Erfolgreicher als die Ärzte waren in der Frühen Neuzeit Bader und Steinschneider. Besonders die Tätigkeit der letzteren war freilich mit so hohen Risiken behaftet, daß diese Chirurgen nach Ausübung ihrer Tätigkeit (und Bezahlung) oft rasch weiterzogen. Weniger riskant war das Gewerbe des wundärztlich praktizierenden Baders; oder dasjenige des Feldschers, der allenthalben in der frühneuzeitlichen Literatur begegnet, wo von Amputationen die Rede ist, die aufgrund von Kriegsverletzungen erforderlich waren.

Den Umschlag zu einer positiven Darstellung des Arztes und des Wundarztes in der Literatur leitet das 18. Jahrhundert ein. Im Pietismus hallescher Prägung war zum erstenmal den jungen Medizinern der Universität die Möglichkeit des Lernens am Krankenbett geboten. Im Wilhelm Meister ist der im Dienste Lotharios stehende Arzt geprägt von dieser Art des Pietismus.

Biographische Angaben

Gabriella Rovagnati (Band-Herausgeber:in) Peter Sprengel (Band-Herausgeber:in)

Hans-Albrecht Koch ist Professor an der Universität Bremen und Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen und Secretary der Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche (LIBER). Er forscht zur Literatur des 18.–20. Jahrhunderts und zur Universitätsgeschichte und war Mitautor der Ausstellung «Spiegel der Welt» (2000). Er ist Mitarbeiter von FAZ und NZZ.

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Titel: Philologia sanat