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Büchner-Rezeptionen – interkulturell und intermedial

von Marco Castellari (Band-Herausgeber:in) Alessandro Costazza (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 336 Seiten

Zusammenfassung

Angesichts der unterschiedlichen Modalitäten und der verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption, die das Werk und die Figur Georg Büchners in zwei Jahrhunderten erfahren hat und weiter erfährt, muss heutzutage von Büchner-Rezeptionen in der Pluralform die Rede sein. Immer differenzierter entfaltet sich insbesondere die interkulturelle und intermediale Wirkung des Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs. Sei es die Persönlichkeit des Dichters selbst, etwa beim Verfassen aufrührerischer Pamphlete, hellsichtiger Dichtungen oder fulminanter Briefe, auf der Flucht aus der Heimat oder am Seziertisch, seien es seine Figuren von Danton bis Lenz, von Leonce bis Woyzeck – das «Kind der neuen Zeit» genießt eine hohe internationale Resonanz in literarischen, theatralischen, filmischen, bildnerischen und performativen Diskursen. Anlässlich der internationalen Tagung zu Büchners 200. Geburtstag in Mailand (September 2013) untersuchen in diesem Band WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Italien einige dieser Büchner-Rezeptionen, indem sie bekannte Konstellationen hinterfragen, überfällige Rekonstruktionen vornehmen und sich auf neues Terrain begeben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Coptright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • Parallelen und literarische Einflüsse
  • Kreuzungspunkte in den Wirkungsgeschichten Heinrich Heines und Georg Büchners: Dietmar Goltschnigg
  • Büchner und Wedekind: Ariane Martin
  • Verwischte Spuren. Zu Bertolt Brechts Büchner-Rezeption: Marco Castellari
  • Georg Büchner und die Post-DDR-Literatur: Gerhard Friedrich
  • Theatralische Inszenierungen
  • Büchners Dantons Tod im englischen Theater: John Guthrie
  • Leonce und Lena: Italienische Rezeptionen: Serena Grazzini
  • 1. Leonce und Lena in Italien
  • 2. Die literaturwissenschaftliche Rezeption: Ein Überblick
  • 3. Zur Theaterrezeption. Eine Prämisse
  • 4. Büchner und wir: Die Theaterrezeption im Überblick
  • 5. „Der zweite Grad des Schauspiels“: Die Beweisführung von Tommaso Ragno, Schauspieler
  • 6. Eine Welt der Freaks: Die aktualisierende Lektüre von Rita De Donato, Regisseurin
  • 7. Das ‚Büchner-Projekt’ der ‚sensiblen‘ Körper: LENZ RIFRAZIONI, Parma
  • Woyzeck im Gefängnis: Alessandro Costazza
  • 1. Horacio Czertok und das Teatro Nucleo
  • 2. Theater im Gefängnis
  • 3. Woyzeck im Gefängnis
  • 4. Die Woyzeck-Aufführung vom 11. September 2012 im Teatro Comunale von Ferrara
  • 5. Schluss
  • Musikalische und intermediale Adaptionen
  • Woyzeck als multimediales Stück. Über einige zeitgenössische Inszenierungen: Luca Zenobi
  • 1. Kurzer Forschungsbericht
  • 2. Georg Büchner und Bob Wilson
  • 3. Woyzeck unter Wasser: Vesturports Inszenierung
  • Vom Text zum Song: Büchners Woyzeck und Tom Waits’ Blood Money: Michela Garda
  • Einleitung
  • Wilsons Woyzeck
  • Der Bühnentext
  • Die Songs
  • Die Musik
  • Von Woyzeck zu Blood Money
  • Zwischen Schauspiel und Literaturoper: Dantons Tod in der Vertonung von Gottfried von Einem (1947): Elisabetta Fava
  • Wahl des Sujets
  • Eine Literaturoper
  • Die Masse
  • Neugestaltung des Dramas
  • Umfangreiche Bilder
  • Die Kerkerszene
  • Vor dem Gericht
  • Noch einmal Robespierre: Teil I, Bild 2
  • Volkslied und historische Wahrheit
  • Filmische Adaptionen
  • Woyzeck im Film. Georg Büchners Dramenprojekt als Fenster in die Welt: Dagmar von Hoff
  • Von Büchners literarischer Figur zum ersten theatralen Darsteller des Woyzeck
  • Albert Steinrück und seine filmischen Wiedergänger
  • Resümee
  • Isabelle Krötsch, Hans Kremer, BÜCHNER.LENZ.LEBEN. Belebung einer Dichtung durch Umsetzung vor Ort: Simonetta Sanna
  • 1. Einführung
  • 2. Text, Blätter, Lektüre
  • 3. Die Regie und die Orte
  • 4. Die Ästhetik der Sinne und der Hauptdarsteller
  • Verbildlichungen
  • „Sehen Sie jezt die Kunst …“ Woyzeck-Verbildlichungen vom Expressionismus bis zur Comic-Art: Christian Neuhuber
  • Abbildungsverzeichnis
  • Woyzeck in der Comic-Kunst: Büchners Drama in den „sprechenden Bildern“ von Dino Battaglia: Moira Paleari
  • Der Comic-Künstler Dino Battaglia
  • Woyzeck in der Comic-Kunst Battaglias
  • Forschung, Übersetzungen, Verlage in Italien
  • Notwendige Bedingungen: Georg Büchner im literarischen Feld Italiens 1914–1955: Michele Sisto
  • Die Transformation des Universitätsfeldes: Farinelli, Borgese und die Geburt der italienischen Germanistik
  • Die Transformation des Verlagsfeldes: Papini, Prezzolini, Carabba und die Entstehung eines Pols der eingeschränkten Buchproduktion
  • Die Transformation des Theaterfeldes: Bragaglia, Grassi und die Revolution der Regie
  • Schlussfolgerungen
  • Forschung und Übersetzung. Giorgio Dolfinis doppeltes Engagement für Georg Büchner: Gabriella Rovagnati
  • Die BeiträgerInnen
  • Abstracts
  • Personenregister

Vorwort

1.

Die Rezeption eines Kunstwerks ist ein pluralistischer Vorgang, der tendenziell aus der Summe aller unendlichen Lektüren eines literarischen Textes bzw. aller musikalischen Hörerlebnisse, sämtlicher Betrachtungen eines Bildes oder einer Skulptur sowie aller Akte der multimedialen Rezeption einer Inszenierung, eines Films, einer Performance usw. besteht. Die Totalität dieser einzelnen Rezeptionen, die von der immer neuen und immer unterschiedlichen Interaktion der im Kunstwerk enthaltenen Appellstrukturen und dem Erwartungshorizont des jeweiligen Empfängers abhängen, verleiht dem Kunstwerk sein Leben und lässt es in Raum und Zeit wachsen und sich entwickeln. Angesichts dieser schon an und für sich pluralistischen Natur der Rezeption verweist also die Pluralform „Rezeptionen“ im Titel des vorliegenden Sammelbandes offensichtlich auf eine andere Art von Pluralität, d. h. vor allem auf die unterschiedlichen Modalitäten, aber genauso auf die verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption.

Im Bereich der Literatur bildet natürlich die Textedition die erste Vermittlungsstufe eines Werkes. Ausgerechnet bei Georg Büchner ist die Editionsgeschichte bekanntlich sehr verwickelt, aber gerade deswegen auch sehr mannigfaltig und von einer endgültigen Lösung noch weit entfernt; sie stellt den Ausgangspunkt für eine ebenfalls kontroverse Forschungs- und Wirkungsgeschichte dar. Weitere Vermittlungsstufen bilden die Übersetzungen des Werkes, die zwar im gleichen Medium verbleiben und sich unmittelbar auf das Original beziehen, dabei jedoch bereits das Produkt einer Interpretation durch den Übersetzer sind und das Werk darüber hinaus für eine neue, interkulturelle Dimension öffnen, indem sie es in unterschiedliche sprachliche, literarische und kulturelle Kontexte verpflanzen. Die philologischen und kritischen Interpretationen des Werkes sowie der Figur des Autors – sowohl jene der Binnen- als auch der Auslandsgermanistik, aber auch diejenigen aus benachbarten Disziplinen wie etwa der Theaterwissenschaft, der Philosophie oder der Psychologie – formen alsdann einen Metadiskurs, der einerseits Ausdruck der Art und Weise ist, wie Büchner und sein Werk in einem bestimmten historischen Moment betrachtet worden sind, der andererseits aber zugleich die produktive Rezeption des Autors und des Werkes beeinflusst und verändert.

Auch innerhalb des literarischen Mediums gibt es weitere, sozusagen kreativere Arten der Büchner-Rezeption. Eine davon stellt etwa der mehr oder weniger unmittelbare Einfluss dar, den Büchner und sein Werk auf an ← 11 | 12 → dere, deutsche oder nicht-deutsche Autoren bzw. auf literarische Bewegungen, etwa auf den Expressionismus, ausgeübt haben. Ausdruck der Büchner-Rezeption ist aber auch die literarische Verarbeitung seiner Texte, die Wiederaufnahme seiner Figuren oder die Verwandlung des Autors selbst in eine literarische Figur. Auch die von den Gewinnern des Büchner-Literaturpreises gehaltenen Reden, um nur ein Beispiel zu nennen, sind ein wichtiges Zeugnis für die Präsenz des Autors und seines Werkes im kulturellen Diskurs der Gegenwart.

Schlechthin zentral für eine Reflexion über die Büchner-Rezeption sind schließlich die intermedialen Vermittlungen. Da der Hauptteil von Büchners literarischer Produktion Theatertexte sind, stellt sowohl die diachronische als auch die synchronische Untersuchung der Inszenierungen in Deutschland sowie in anderen Ländern zweifellos einen wesentlichen Bestandteil solcher Reflexion dar. Büchners Werk scheint allerdings auch eine große Faszination auf Künstler anderer Medien ausgeübt zu haben, da möglicherweise kein anderes literarisches Werk so oft in ein unterschiedliches künstlerisches Medium übertragen worden ist wie das von Büchner – und zwar nicht nur sein dramatisches Oeuvre. Allgemein bekannt ist die Verwendung des Woyzeck als Opernstoff durch Alban Berg (Wozzeck, 1921), aber musiktheatralische Werke – von der ,klassischen‘ Literaturoper bis zu eher musical-ähnlichen Bühnenadaptionen – entstanden auch zu Dantons Tod, Leonce und Lena und Lenz. Sowohl Büchners Werk als auch sein Leben sind darüber hinaus Gegenstand mehrerer Verfilmungen geworden, so dass neben manchen biographisch inspirierten Streifen zahlreiche Filme nach Woyzeck sowie einige nach Dantons Tod, nach Lenz und nach Leonce und Lena gedreht worden sind. Es fehlt zudem auch nicht an bedeutenden Umwandlungen in den bildenden Künsten und in intermedialen Formen wie dem Comic, z. B. von Dantons Tod über Lenz bis zum Woyzeck, und Büchner ist heutzutage auch im Internet und in für die Gegenwart typischen performativen und digitalen Darstellungsmodi sehr präsent.

2.

Einer Vertiefung einiger der erörterten Aspekte und zahlreichen Modalitäten der interkulturellen und intermedialen Büchner-Rezeptionen widmete sich die internationale Tagung anlässlich des 200. Geburtstags von Büchner am 23. und 24. September 2013 an der Università degli Studi di Milano. Dieser Band nimmt nun die erweiterte schriftliche Fassung der Vorträge auf, die Forscher aus dem deutsch-, englisch- und italienischsprachigen Raum in Mailand gehalten haben. Auf der den Band eröffnenden Abbildung des Ta ← 12 | 13 → gungsplakats steht ein im Pop-Art-Stil Roy Lichtensteins modernisiertes, bekanntes Büchner-Porträt – sozusagen als ein Beispiel möglicher kreativer Büchner-Rezeption im Jahre 2013. Das berühmte italienische Motto aus Leonce und Lena in der Sprechblase erinnert anhand eines typisch büchnerschen Kurzschlusses von Geistigem und Materiellem an die Dialektik von Ruhm (fama) und Hunger (fame), d. h. einerseits an die Wirkung des Dichters, die Gegenstand der Tagung war, andererseits an eine absolut zentrale Dimension sowohl von dessen Werk als auch in der Rezeption desselben wie die soziale Frage. Das Plakat zu Beginn des Bandes will nicht nur die frühherbstliche wissenschaftliche Zusammenkunft unter zisalpinischer Sonne und deren zugleich lebhafte und entspannte Atmosphäre dokumentieren, sondern auch auf die weltweit andauernde Aktualität des hessischen Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs hinweisen, welche die hier versammelten Beiträge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.

Im Einführungsteil des dritten und bisher letzten Bandes seiner monumentalen Rekonstruktion Georg Büchner und die Moderne hat Dietmar Goltschnigg noch 2004 „die Untersuchung seiner vielfältigen intermedialen, aber auch seiner weltliterarischen Rezeption“ als „ein vordringliches Desiderat“ der Forschung bezeichnet; anschließend konnte er voraussagen, dass „spätestens in einem Jahrzehnt, zum 200. Geburtstag des hessischen Dichterrevolutionärs wieder ein spektakulärer, alle bisherigen Jubiläen weit übertreffender Aufschwung seiner produktiven Rezeption zu erwarten“ sei.1 Im vergangenen Jahrzehnt hat einerseits die von Goltschnigg erhoffte eingehendere Beschäftigung der Forschung mit intermedialen und interkulturellen Fragen der Büchner-Rezeption sowohl in monographischen Untersuchungen als auch in Sammelbänden und Aufsätzen stattgefunden.2 Vorliegender Band versteht sich als ein weiterer Beitrag dazu: In einem Forschungsbereich, der sich einer Vollständigkeit der Darstellung entzieht – insoweit der Begriff in Rezeptionsfragen überhaupt sinnvoll ist –, wurde hier gegenüber früheren Versuchen erstens der typologischen, historischen und kulturellen Vielfalt von Kontexten, Kunstformen und Medien große Bedeutung beigemessen, zweitens ein ← 13 | 14 → Schwerpunkt auf zeitgenössische Erscheinungen gelegt sowie drittens, dem genius loci der Tagung gemäß, der italienischen Rezeption besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Was andererseits die zweite Aussage Goltschniggs angeht, lässt sich ergänzen, dass neben dem durchaus merklichen, jedoch noch nicht in seinem vollen Ausmaß und vor allem in seiner künstlerischen Qualität zu bewertenden Aufschwung in Sachen produktiver Rezeption das Jubiläumsjahr 2013 eindeutig eine große Anzahl an Veröffentlichungen und Tagungen zu Büchner innerhalb und außerhalb Deutschlands zeitigte, in denen auch Fragen und Formen der Rezeption breiter Raum gewährt wurde.3 An der durch diese wissenschaftlichen Bestrebungen entfachten Diskussion wollen sich die hier versammelten Beiträge mit büchnerschem Einsatz und büchnerscher Schärfe beteiligen.

Die Struktur des Bandes entspricht der anfangs dargestellten Pluralität der Büchner-Rezeptionen und stellt auch den Versuch dar, Verbindungen und Zusammenhänge zwischen Überblicks- und Einzeldarstellungen, zwischen diachronischen und synchronischen Untersuchungen, zwischen intra- und intermedialen bzw. -kulturellen Perspektiven zu erhellen. Den Auftakt bilden vier Beiträge, die auf die literarische Rezeption im weiten Sinne des Wortes fokussiert sind. Die Reihe der Untersuchungen wird wie schon bei der Tagung vom herausragenden Erforscher der Präsenz Büchners im Diskurs der Moderne Dietmar Goltschnigg eröffnet: In seinem Beitrag weist er auf Parallelen und Überschneidungen in den Wirkungsgeschichten der beiden großen Vormärzdichter Büchner und Heine hin, wobei insbesondere literarische, kulturelle und politische Konstellationen des frühen respektive des späten 20. Jahrhunderts beleuchtet werden und Desiderata benannt werden, die zur weiteren Vertiefung einladen. Anschließend richten Ariane Martin (Wedekind), Marco Castellari (Brecht) und Gerhard Friedrich (Post-DDR-Literatur) ihr Augenmerk auf Autoren und Kontexte, die in der Büchner-Kanonisierung ← 14 | 15 → zwischen Moderne und Postmoderne eine zentrale Rolle spiel(t)en. Diese drei Einzeluntersuchungen eint der Versuch, pauschale Zuschreibungen zu problematisieren und vorliegende Rezeptionsquellen einer kritischen Relektüre zu unterziehen, um auf diese Weise Aspekte und Zusammenhänge der bereits hinreichend erforschten Wirkung Büchners in der deutschsprachigen Literatur neu zu beleuchten.

Der Horizont wird in den weiteren Sektionen des Bandes hin zu anderen Kontexten, Kunstarten und Medien erweitert. Drei Beiträge zur Theaterrezeption widmen sich Inszenierungen der drei Bühnenwerke Büchners in Großbritannien und in Italien und erörtern somit Formen des Kulturtransfers, bei denen sowohl spezifische Elemente der jeweils rezipierenden Kultur und der entsprechenden historischen Zusammenhänge als auch übergreifende Aspekte von Büchners ästhetischer und ideologischer Position aufleuchten. John Guthries Überblick über die englischen Inszenierungen von Dantons Tod von den Anfängen bis heute und Serena Grazzinis Analyse der jüngeren italienischen Theaterrezeption von Leonce und Lena vor dem Hintergrund der kritischen Bewertung von Büchners Lustspiel in Italien stellen erstmalige Rekonstruktionen von höchst charakteristischen rezeptionsgeschichtlichen Entwicklungen dar, während Alessandro Costazzas Studie zur Woyzeck-Inszenierung des Horacio Czertok mit den Gefängnisinsassen von Ferrara ein Einzel- und ganz besonderes Beispiel der künstlerischen Auseinandersetzung mit Büchners Sozialdrama und dessen Hauptfigur ergründet, bei dem die Identifikationsmöglichkeit der Schauspieler mit dem ‚Kriminellen‘ und ,Ausgebeuteten‘ im Mittelpunkt der Theaterarbeit steht.

In den drei folgenden Beiträgen vom Germanisten Luca Zenobi und von den Musikwissenschaftlerinnen Michela Garda und Elisabetta Fava bilden weiterhin Formen der Büchner-Rezeption auf der Bühne den Schwerpunkt, wobei die multimediale Eigenart zeitgenössischer Inszenierungen besonders zum Tragen kommt bzw. speziell das Musiktheater unter die Lupe genommen wird. Bob Wilsons rasch legendär gewordene Woyzeck-Inszenierung mit Songs von Tom Waits wird von Zenobi und von Garda aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und eindeutig als Beispiel einer Adaption erörtert, bei der das im büchnerschen Stück bereits vorhandene Repertoire visueller und auditiver Ausdrucksmöglichkeiten in einem die Einmaligkeit der Performance betonenden Theaterereignis intermedial potenziert wird. Vesturports multimediale Woyzeck-Inszenierung bzw. die CD-Studioaufnahme der Songs von Tom Waits stellen dabei jeweils Vergleichsgrößen dar. Mit Favas eingehender Untersuchung von Gottfried von Einems Nachkriegsvertonung Dantons Tod wird dann zwar auf eine traditionellere Literaturoper zurückgegriffen, die jedoch einen nicht minder die Gegenwart ansprechenden Rezeptionsfall darstellt und das auditive Potenzial von Büchners Drama ebenfalls eigenständig und kontextbezogen aufnimmt, variiert und problematisiert. ← 15 | 16 →

Auch mit Blick auf Filmadaptionen, auf die Wirkung in Form von „Verbildlichungen“ und auf die Präsenz Büchners in der italienischen Kultur des 20. Jahrhunderts – den drei genannten Sparten sind die weiteren sechs Beiträge paarweise gewidmet – bietet der Band durch die Koppelung von Behandlungen diachroner Entwicklungen und Untersuchungen aussagekräftiger und weniger erforschter Einzelbeispiele die Möglichkeit an, sich ein wenn nicht vollständiges, so doch typologisch facettenreiches Bild der Büchner-Rezeptionen innerhalb und außerhalb Deutschlands zu verschaffen. Dagmar von Hoff und Christoph Neuhuber unternehmen in ihren Beiträgen zur Behandlung des Woyzeck und von Woyzeck im Film respektive in den bildenden Künsten eine regelrechte Zeit- und Weltreise: Sowohl in den vielen Verfilmungen seit 1947, zwischen der allerersten von Georg C. Klaren und der vorläufig letzten von David Nuran Calis, als auch in den zahlreichen berühmten bis unbekannten Verbildlichungen vom frühen 20. Jahrhundert bis heute bestätigt sich jenes unverminderte künstlerische Potential von Büchners Drama, das auch in anderen Beiträgen des Bandes aufscheint. Darunter in Moira Palearis close reading von Dino Battaglias Woyzeck-Comicstrip, das auf Neuhubers Überblick folgt und ihn dadurch ergänzt, dass die für dieses Medium spezifischen Darstellungsstrategien zwischen Bild und Text verortet werden, wobei auch theatralische und filmische Woyzeck-Adaptionen für Battaglias Darstellungen Pate stehen. Als eine auf eine andere Art und Weise erfolgende Ergänzung von Dagmar von Hoffs Beitrag zur Woyzeck-Kinorezeption kann Simonetta Sannas literatur- und filmwissenschaftliche sowie philosophische Fragen einbeziehende Analyse des Films BÜCHNER.LENZ. LEBEN vom Atelier Kremer/Krötsch angesehen werden, denn hier wird diese neuere Adaption eines anderen büchnerschen Werks ebenfalls als intermediale Transposition eines im weitesten Sinne des Wortes offenen Textes verstanden.

Sind bereits die Überlegungen Grazzinis, Costazzas und Palearis Formen italienischer Büchner-Rezeptionen in verschiedenen Kunstarten seit den späten 1960ern gewidmet, und werden auch bei von Hoff und Neuhuber etwa mit Cobelli oder Gauli ähnliche Fälle kurz erörtert, so beschäftigen sich Michele Sisto und Gabriella Rovagnati in den letzten Beiträgen des vorliegenden Bandes mit der Aufnahme des Dichters in Italien von den 1910er bis zu den 1960er Jahren. Die Vermittlung erfolgt, wie Sisto aufzeigt, über verschiedene Kanäle, die sich gegenseitig beeinflussen und die vor dem Hintergrund der kulturellen und politischen Geschichte des Landes zu betrachten sind: die germanistische und publizistische Darstellung einerseits, die Übersetzungen und die Editionen seiner Werke andererseits und schließlich die zuerst in zwei Etappen verlaufende Übernahme ins Theaterrepertoire bis zur Danton-Inszenierung von Giorgio Strehler (1950). Als ein vorläufiger Kulminationspunkt der skizzierten Entwicklungen kann die anschließend von ← 16 | 17 → Rovagnati erörterte Figur und Leistung Giorgio Dolfinis betrachtet werden, der als wichtiger Büchner-Interpret und -Übersetzer in den frühen 1960ern auftrat und dessen bis heute immer wieder aufgelegte Übertragungen sich als ausgesprochen bühnengeeignet erwiesen haben. Die Hommage an den früh verstorbenen Mailänder Germanistikprofessor beschließt den Reigen der Beiträge zu den Büchner-Rezeptionen; ergänzt wird der Band durch die Auflistung der Biobibliographien seiner Autorinnen und Autoren sowie der Zusammenfassungen ihrer Beiträge samt Schlüsselworten und mit dem Index der Personennamen.

3.

Aus der Gymnasialzeit Büchners sind Mitschriften überliefert, darunter zur Geographie und speziell zu Italien. Dort wird auch „Mailand. (lat. Mediolanum ital. Milano.)“ angeführt, eine „von den Galliern erbaut[e]“ Stadt, die Büchner damals wie später selbstverständlich lediglich indirekt kennen konnte. Neben der „prächtichen Domkirche“, der „Universität, der berühmten Ambrosianischen Bibliothek“ und dem „großen Theater Bella scala“ ist nur noch von „wichtigen Fabriken u. starkem Handel“ die Rede.4 Bis auf die beiden letzteren, jetzt eher kriselnden Wirtschaftssektoren hat sich nach fast zweihundert Jahren alles, was das Skript sonst erwähnt, gut erhalten; dem Dom und der Scala, beide vor kurzem renoviert, können bestimmt dieselben Attribute beigefügt werden. Was der Schüler Büchner nicht im Geringsten ahnen konnte, ist der Umstand, dass sein Name in Mailand seit geraumer Zeit bekannt ist. Die Namen Strehlers, Dolfinis und Battaglias sind bereits erwähnt worden; diese und weitere Akteure der italienischen Rezeption Büchners, als deren Mittelpunkt Mailand gewiss bezeichnet werden darf, werden in einigen Beiträgen dieses Bandes eingehend erörtert.

Auch dank dieser Vorgeschichte fiel unsere Idee, eine Tagung zu Büchner an der Universität Mailand zu organisieren, auf fruchtbaren Boden; von ← 17 | 18 → vielen Seiten wurde uns dementsprechend auch tatkräftig geholfen. Dies betrifft zuerst die Institutionen, die zur Organisation der Tagung und zur Drucklegung dieses Bandes verholfen haben und denen unser Dank gebührt: das Dipartimento di Lingue e Letterature Straniere und die Università degli Studi di Milano sowie das Goethe-Institut Mailand. Der AIG (Associazione Italiana di Germanistica), welche die Schirmherrschaft der Tagung übernommen hat, sei auch gedankt. Unser Dank gilt dann insbesondere dem Piccolo Teatro di Milano, das die Abendveranstaltung mit Podiumsdiskussion und Lesung aus Werken Büchners mitorganisiert und in seinem den Geist Strehlers noch atmenden Chiostro beherbergt hat. Die Zusammenarbeit zwischen der Mailänder Germanistik, dem Goethe-Institut Mailand und dem Piccolo Teatro di Milano hat sich bei diesem wie bereits bei anderen Anlässen als eine ideale Form erwiesen, um Wissenschaft, Didaktik, Vermittlung der deutschen Literatur und Theater in Dialog mit dem regen kulturellen Leben der Stadt treten zu lassen.

Außer bei den Vortragenden bzw. BeiträgerInnen möchten wir uns schließlich bei vielen anderen Personen namentlich bedanken: bei Dr. Alessandra Goggio und Chiara Maria Buglioni, die im Tagungssekretariat und bei vielen weiteren konkreten Angelegenheiten sehr behilflich waren; bei Dr. Karin Birge Gilardoni-Büch für die sprachliche Revision des Bandes; bei Dr. Gerd-Hermann Susen für die Einladung und bei Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Gert Roloff für die freundliche Aufnahme der Tagungsakten in die von ihm herausgegebene „Reihe A – Kongressberichte“ vom „Jahrbuch für Internationale Germanistik“; bei Frau Simone Netthoevel vom Peter Lang Verlag für die Hilfe bei der technischen Fertigstellung des Manuskripts.

Berlin, Bozen und Mailand im Januar 2015

Die Herausgeber

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Details

Seiten
336
ISBN (PDF)
9783035108255
ISBN (ePUB)
9783035193954
ISBN (MOBI)
9783035193947
ISBN (Paperback)
9783034316378
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2015. 336 S., 18 farb. Abb., 19 s/w Abb.

Biographische Angaben

Marco Castellari (Band-Herausgeber:in) Alessandro Costazza (Band-Herausgeber:in)

Marco Castellari lehrt Neuere deutsche Literatur und Geschichte des deutschen Theaters an der Università degli Studi di Milano (Italien). Forschungsschwerpunkte: Friedrich Hölderlin; deutsches Drama und Theater des 20. Jahrhunderts; deutsch-jüdische Literatur und Literatur der Shoah. Alessandro Costazza ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Università degli Studi di Milano. Er beschäftigt sich mit der Ästhetik des 18. Jahrhunderts, mit der deutschsprachigen Literatur Südtirols und mit der Theorie der Übersetzung. In den letzten Jahren befasste er sich hauptsächlich mit der Darstellung der Shoah sowie mit dem Verhältnis von Literatur und Philosophie.

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