Das preußische Fideikommiss
Studien zu seiner nationalökonomischen Funktion im Übergang zum imperialistischen Kapitalismus
Summary
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Table Of Contents
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Vorwort
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- I. Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Fideikommissfrage in Preußen 1871–1918
- A) Max Webers Abhandlung zum preußischen Fideikommiss als „gebundenem Familiengut“
- 1. Die Auffassung Wolfgang Mommsens
- 2. Der Widerspruch von Grundbesitz und Betrieb
- 3. Die Schädlichkeit der kleinen Fideikommisse
- 4. Die Wirksamkeit der großen Fideikommisse
- 5. Die Rationalisierungslehre des deutschen Kapitalismus
- 6. »Fideikommiss« und »Geist«
- 7. Kritik
- 8. Kleines und großes Fideikommiss
- B) Ein Versuch über »Fideikommiss und Kapitalismus« in Deutschland
- 1. Die Liquidation eines französischen Adels-Fideikommisses
- 2. Ein deutsches Fideikommiss in der Provinz Posen
- 3. Ein polnisches Adels-Fideikommiss
- 4. Heinrich Dernburgs Gutachten
- 5. Der Wandel der Umstände
- 6. Die Enteignung eines polnischen Adels-Fideikommisses
- C) Der Sinn des Entwurfs von 1903
- 1. Die bedingte Klausel (1) – Preußische Grundstücke
- 2. Die bedingte Klausel (2) – Deutsche Reichsangehörige
- 3. Schlusswort
- II. Weitere mit dem Fideikommiss zusammenhängende Probleme
- A) Webers Kritik an Max Sering
- B) Urbanisierung und Vorortgemeinde um Berlin unter besonderer Berücksichtigung des Kreises Teltow
- 1. Die Einverleibung der Gutsbezirke durch die Landgemeinden
- 2. Die hervorragende Leistung der Gemeinde Königs Wusterhausen und die »Gemeindefreiheit«
- C) Urbanisierung und Fideikommiss. Das Beispiel Königs Wusterhausen im Vorortkreis Teltow von Berlin
- 1. Einnahmen und Ausgaben des Fideikommisses
- 2. Die Zusammensetzung der Parzellenpachten
- 3. Differenzierung der Pächter
- 4. Waldfideikommiss
- III. Auflösung der Fideikommisse
- A) Das Beispiel des Sanierungsversuchs der Grafschaft Dohna in Ostpreußen
- 1. Einleitung
- 2. Das Geschlecht der Dohna
- 3. Die Agrarpolitik
- 4. Der Überlebenskampf Dohnas
- 4.1 Das Grundeigentum
- 4.2 Die Gesamtverschuldung
- 4.3 Der Vorschlag Katschacks
- 4.4 Schlussbetrachtung
- 5. Die Amerika-Anleihe
- B) Fideikommiss und Wald in Preußen unter besonderer Berücksichtigung der Auflösung des Waldfideikommisses
- 1. Einleitung
- 2. Eine statistische Übersicht
- 3. Ausführungen des „Reichsforstwirtschaftsrats“
- 3.1 Argumente für Fideikommisse
- 3.2 Eine andere Form der Bindung
- 3.3 Schluss
- 4. Bildung des Waldguts
- 4.1 Das Beispiel Finckenstein in Westpreußen
- 4.2 Das Beispiel Reicherswalde in Ostpreußen
- 4.3 Eine Übersicht
- 5. Resümee: Waldgut und Schutzforst
- Zusammenfassung
- Quellen- und Literaturverzeichnis
- Skizzenverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
I. Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Fideikommissfrage in Preußen 1871–1918
Insgesamt bestanden in Preußen am Ende des Jahres 1900 1.119 Fideikommisse, deren Bestand sich auf 2.177.148,4 ha belief. Das entsprach 6,24 % der Gesamtfläche des preußischen Staates und übertraf die Gesamtfläche von Westfalen (2.020.980,2 ha) nicht unbedeutend.13 Nachdem das Verbot der Fideikommissbildung, das die Verfassung von 1850 noch enthalten hatte, bereits 1851 wieder aufgehoben worden war, hatte die Fideikommissbildung während des Zweiten Kaiserreichs erhebliche Fortschritte gemacht. Bezugnehmend auf die offiziellen Statistiken konnte Lujo Brentano darlegen, dass von den in Preußen 1907 vorhandenen 1.195 Fideikommissen nur 519 aus der Zeit vor 1850 stammten, dagegen in dem Zeitraum von 1851 bis 1907 676 neue hinzukamen, davon freilich 174 durch Umwandlung von Lehen in Fideikommisse.14
Es ist mithin bemerkenswert, dass sich die Mehrzahl der vermehrten Fideikommisse nach 1851 – um etwa drei Viertel – nicht durch Umwandlung von althergebrachten Lehen, sondern durch Neugründung gebildet hatte. Die Zahl der Neugründungen stieg 1881–1895 in allen östlichen Provinzen außer Posen und Westpreußen an. Vornehmlich in Schlesien und Brandenburg wurde in den 15 Jahren von 1881 bis 1895 mehr Boden neugebunden als in den 30 Jahren von 1851 bis 1880, in Schlesien sogar um über ein Drittel mehr. Wie Brentano für die Jahre 1896–1907 darlegte, war die fortschreitende Fideikommissbildung mit Tendenz zu weiterer Beschleunigung ← 17 | 18 → offensichtlich. Im Jahr 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, bestanden in Preußen 1.311 Fideikommisse, von denen sich 611 (46,61%) nach 1871 neu gebildet hatten.15 Die sogenannte »Nobilitierung« von Kapitalien durch deren Metamorphose in die Form des Ritterguts verbreitete sich mit der bedeutenden Bildung „kleiner Fideikommisse“16, die eine obere Grenze von 500 Hektar üblicherweise nicht überschritten. In Preußen schritt während des Zweiten Kaiserreichs die „Metamorphose in Grundbesitz und Fideikommissbildung“17 unaufhaltbar voran.
A) Max Webers Abhandlung zum preußischen Fideikommiss als „gebundenem Familiengut“18
Für den Versuch, die Fideikommissfrage in Preußen 1871–1918 darzustellen, erweist sich eine systematische Analyse der großen Abhandlung Max Webers, „Agrarstatistische und sozialpolitische Betrachtungen zur Fideikommissfrage in Preußen“(1904)19 als sehr hilfreich. Mir scheint, als ob dieser in der sogenannten „Neuen Phase“20 des Weberschen Schaffens geschriebene Artikel von der bisherigen Forschung für nicht so belangvoll gehalten wurde, obwohl er sehr bedeutend ist. Ich möchte das Thema deshalb mit einer Untersuchung dieser Abhandlung angehen. ← 18 | 19 →
1. Die Auffassung Wolfgang Mommsens
Bekanntlich ist Wolfgang Mommsen einer der führenden Max Weber-Forscher. Sein großes Buch „Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920“21 zählt zu den hervorragendsten Leistungen dieses Forschungsgebiets. Dort, genauer gesagt im ersten Abschnitt („Die große Alternative: Industrialismus oder Feudalismus“) des fünften Kapitels („Max Weber und die innenpolitische Entwicklung Deutschlands vor dem Weltkriege“), erwähnt Mommsen denn auch die Webersche Abhandlung zur Fideikommissfrage. Die dort vorgestellte, differenzierte begriffliche Erfassung des Großgrundbesitzes einschließlich der Fideikommisse fasst er folgendermaßen kurz zusammen:22
(1) Max Weber hat die Gruppe der konservativen Großgrundbesitzer für eine Klasse in der modernen Bedeutung des Wortes gehalten. Er sah, dass diese Form des Junkertums als Vertreter des feudal-patriarchalischen Gesellschaftssystems und die Bourgeoisien in der Regel einen strengen Klassengegensatz ausbilden.
(2) Aber in der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wurden die bürgerlichen Kaufleute und Industriellen durch ihre sogenannten »feudalen Prätentionen« in ziemlich großer Zahl zu dem Versuch veranlasst, durch Erwerb der als Fideikommiss errichteten Rittergüter in den Stand der großgrundbesitzenden Junker aufzusteigen.
(3) Der „vorläufige Entwurf eines Gesetzes über Familienfideikommisse“23, den die preußische Regierung im Jahr 1903 vorbereitete, hatte Webers Ansicht nach das prononcierte Ziel, nicht bloß den bestehenden Großgrundbesitz zu erhalten, sondern diesen auch zu erweitern bzw. neu zu schaffen. Alles in allem sei dieser Gesetzentwurf ein typisches Beispiel für das unverdrossene Bemühen der preußischen Konservativen gewesen, den vereinten Angriff der verschiedenen Interessengruppen innerhalb der Bourgeoisien gegen die Großgrundbesitzerklasse zu unterbinden. ← 19 | 20 →
Laut Mommsen hat Max Weber jeglichen Fideikommissbesitz unterschiedslos als wichtige Grundlage der Großgrundbesitzerklasse verstanden und sich ungeachtet des unterschiedlichen ökonomischen Charakters der verschiedenen Fideikommissbesitzungen vornehmlich daran gestoßen, dass der Entwurf einem Teil der deutschen Bourgeoisie die Chance des sozialen Aufstiegs zum »Fideikommiss besitzenden Junkertum« zugesichert habe, weshalb er den betreffenden Entwurf aufs schärfste kritisiert hat. „Max Weber sah in dem Fideikommissinstitut und in der Briefadelspraxis nichts anderes als das ausgesprochene Bestreben der Konservativen, durch ein solches Hinüberziehen der Spitzen des Großbürgertums die eigene, im Wanken begriffene soziale Stellung zu befestigen.“24 Demnach versteht Mommsen also als Angelpunkt der Weberschen Auffassung des hier zur Debatte stehenden Problems, dass Weber die preußisch-deutschen Fideikommisse (und Fideikommissbesitzer) als eine Gesamtheit betrachtete und das preußische Fideikommissinstitut als solches grundlegend und allseitig als schädlich ansah, weil es unweigerlich die sogenannte »Feudalisierung«25 der Bourgeoisie mit sich bringen musste.
Soweit es sich um diesen letzten Punkt handelt, will mir scheinen, dass Mommsens Sicht der Weberschen Position etwas einseitig ist, denn Max Weber schätzte die „positive ökonomische Bedeutung“26 einer bestimmten Gruppe von Fideikommissen durchaus recht hoch ein, und man findet bei ihm weder die auf Differenzierung verzichtende Zusammenfassung aller Fideikommisse noch deren umfassende, allseitige Kritik. Noch deutlicher gesagt ist es vielmehr so, dass die vergleichenden Vorstellungen Webers – zu denen als konstitutive Momente auch seine Kenntnis des englischen Fideikommisses27 sowie sein breites Wissen über vergleichende Geschichte ← 20 | 21 → gehören – in einer geradezu engen Verbindung zu einer sehr positiven Einschätzung eines bedeutenden Teils der preußischen Fideikommisse stehen.
Andererseits lässt sich nicht übersehen, dass Weber die sonstigen, nicht zu diesem Teil gehörenden Fideikommisse tatsächlich vehement kritisiert und ihrer Fortexistenz konsequenten Widerstand entgegensetzt. Soweit es sich um diese Seite handelt, kann ich die oben erwähnten Argumente von Mommsen im Allgemeinen nachvollziehen. Wir können aber Max Webers Ansichten zur Fideikommissfrage erst dann vollkommen würdigen, wenn wir die Ambivalenz seiner gleichzeitig positiven und negativen Einschätzung der preußisch-deutschen Fideikommisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Auge behalten.
Details
- Pages
- 176
- Publication Year
- 2017
- ISBN (Hardcover)
- 9783631720042
- ISBN (PDF)
- 9783631720141
- ISBN (ePUB)
- 9783631720158
- ISBN (MOBI)
- 9783631720165
- DOI
- 10.3726/b11054
- Language
- German
- Publication date
- 2017 (June)
- Keywords
- Wirtschaft Wirtschaftsgeschichte Landwirtschaft Max Weber Preußen
- Published
- Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 176 S., 5 s/w Graf., 35 s/w Tab.
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