Lade Inhalt...

inklings – Jahrbuch für Literatur und Ästhetik

Die Inklings und der Erste Weltkrieg. Symposium 17. und 18. September 2016 in Aachen

von Dieter Petzold (Band-Herausgeber:in) Klaudia Seibel (Band-Herausgeber:in)
Dissertation 254 Seiten
Reihe: inklings, Band 34

Zusammenfassung

«Inklings» nannte sich eine Gruppe von Schriftstellern und Geisteswissenschaftlern in Oxford, deren bekannteste Mitglieder J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis waren. Die Inklings-Gesellschaft e.V. widmet sich seit 1983 dem Studium und der Verbreitung der Werke dieser und ihnen nahestehender Autoren sowie der Analyse des Phantastischen in Literatur, Film und Kunst allgemein. Ihre Jahrestagungen werden in Jahrbüchern dokumentiert. Dieser Band enthält elf Vorträge der Tagung «Die Inklings und der Erste Weltkrieg», die 2016 in Aachen stattfand, sowie vier weitere Beiträge und zahlreiche Rezensionen.
«Inklings» was the name of a group of Oxford scholars and writers; its best-known members were J.R.R. Tolkien and C.S. Lewis. The German «Inklings-Gesellschaft», founded in 1983, is dedicated to the discussion and dissemination of the works of these authors and of writers commonly associated with them and to the study of the fantastic in literature, film and the arts in general. The proceedings of the annual Inklings conferences are published in yearbooks. This volume contains eleven papers presented at the 2016 conference entitled «The Inklings and the First World War». In addition, there are four general articles and numerous reviews.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Beiträge zur Tagung “Die Inklings und der Erste Weltkrieg”
  • Topologie des Krieges: Der Erste Weltkrieg in literarisch-künstlerischer Reflexion (Josef Schreier)
  • Die Feuer von Troja in den Straßen Gondolins: Erzählmöglichkeiten des frühen J.R.R. Tolkien zwischen klassischem und modernem Sprechen von der Katastrophe (Jörg Fündling)
  • The Trumpets of Faërie and the Great War (Giovanni Carmine Costabile)
  • J.R.R. Tolkien: Der Weltkriegsveteran als Romantiker (Julian Eilmann)
  • Der Erste Weltkrieg im Visier eines Sprachenmachers (Christine Weidner)
  • Brothers in Arms: Death and Hobbit Homosociality in The Lord of The Rings (Christine Vogt-William)
  • Die Totensümpfe der Somme: Auswirkungen von Tolkiens Kriegserlebnissen auf sein Werk (Annika Röttinger)
  • Advanced Predictions of Warfare: Industrialising Middle-earth’s Armies (Johannes Vogel)
  • Tolkiens Der Herr der Ringe: Realitätsflucht oder Realitätsverarbeitung? (Tobias M. Eckrich)
  • Stepping through the Wardrobe: Is the Secondary Fantasy World Merely an Escape from Reality? (Denise Burkhard)
  • “Battle if need be”: Eine qualitative Analyse der Rolle von Gewalt und Krieg in Lewis’ Narnia-Reihe (Patrick Schmitz)
  • Varia
  • “To ‘see through’ all things is the same as not to see”: C.S. Lewis’ The Abolition of Man (Raimund Kern)
  • Stealing Souls Since 1822: Photography as Dark Art (Johannes Rüster)
  • Le Cosmicomiche von Italo Calvino: Sprache und Utopie (Camilla Rizzi)
  • The Poet’s Eye
  • (Immer noch) kein Ende des Erzählens: Versuch über einen Andersseefahrenden in Christoph Meckels “Worte des Jonas” (Werner Bies)
  • Besprechungen
  • Parsons, Deke. J.R.R. Tolkien, Robert E. Howard and the Birth of Modern Fantasy (Christian Schneider)
  • Classen, Albrecht, und Eva Parra-Membrives. Bestseller – gestern und heute (Johannes Rüster)
  • Fleischhack, Maria. Narrating Ancient Egypt (Josef Schreier)
  • Ahrens, Jörn, et al., Hg. Comics – Bilder, Stories und Sequenzen in religiösen Deutungskulturen (Johannes Rüster)
  • Fludernik, Monika, et al., Hg. Faktuales und Fiktionales Erzählen (Eva Oppermann)
  • Feinendegen, Norbert. Apostel der Skeptiker: C.S. Lewis als christlicher Denker der Moderne (Jörg Splett)
  • Wood, Ralph, Hg. Tolkien among the Moderns (Thomas Fornet-Ponse)
  • Anderson, Douglas A., et al., eds. Tolkien Studies: Volume XII (Thomas Fornet-Ponse)
  • Simonson, Martin, Hg. Representations of Nature in Middle-earth (Thomas Fornet-Ponse)
  • Lindop, Grevel. Charles Williams: The Third Inkling (Thomas Gerold)
  • Die Beiträger
  • Personenindex

| 9 →

Vorwort

Das diesjährige Symposium der Inklings-Gesellschaft fand am 17. und 18. September 2016 in Zusammenarbeit mit der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen und der Deutschen Tolkien Gesellschaft im August-Pieper-Haus in Aachen statt. Das Thema, “Die Inklings und der Erste Weltkrieg”, nimmt Bezug zu einem wenig erfreulichen Jubiläum, denn 2016 jährte sich eine der längsten und furchtbarsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, die Schlacht an der Somme, zum hundertsten Mal. Der Erste Weltkrieg erschütterte die Menschheit und hinterließ tiefe Spuren im Denken und Fühlen der Zeitgenossen. In ganz besonderem Maße trifft dies auf die Künstler und Schriftsteller zu: darunter auch J.R.R. Tolkien, der unter anderem an der Schlacht an der Somme teilnahm, und C. S. Lewis, der in der Schlacht bei Arras verwundet wurde.

Die Referate zu diesem Symposium, die in diesem Band dokumentiert sind, kreisen – mit durchaus unterschiedlichen Akzentsetzungen – um die Frage, in welcher Weise und mit welchen Konsequenzen die Kriegserlebnisse dieser beiden Autoren Eingang in ihre Werke gefunden haben. Das Problem ist keineswegs ein ‘akademisches’ (im pejorativen Sinn) oder ‘bloß biographisches’, denn es berührt die viel grundsätzlichere Frage nach dem Verhältnis zwischen Erfahrungswirklichkeit und Fiktion – und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen den Schöpfungsakt betreffend (der Künstler und sein Werk), zum anderen die Rezeption (das Werk und seine Leser). Sie ist im Falle Tolkiens und Lewis’ besonders brisant, weil der Modus des ‘Fantastischen’, den beide pflegten und weiterentwickelten, ja einen engen Bezug zwischen Erfahrungswirklichkeit und fiktiver Welt zu leugnen scheint und allzu oft unter den Generalverdacht des ‘Eskapismus’, der Flucht vor der Wirklichkeit, gestellt wird. Dabei sind die Fragen, die ihre Werke aufwerfen, so aktuell wie eh und je, denn auch hundert Jahre nach dem “war to end all wars” sind unzählige Menschen ganz existenziell von der Aufgabe betroffen, mit der traumatischen Erfahrung brutaler und sinnloser Gewalt fertig zu werden.

Nach einem Essay von Josef Schreier, der Tolkiens und Lewis’ Verarbeitung ihrer Kriegserlebnisse in Bezug setzt zu der anderer prominenter Künstler der ← 9 | 10 → Zeit (Ernst Jünger, Franz Marc und Wilfred Owen), steht J.R.R. Tolkien, dessen Hauptwerk The Lord of the Rings ja einen großen, alle Völker umfassenden Krieg schildert, im Zentrum der meisten nachfolgenden Beiträge. Die ersten drei beschäftigen sich vorwiegend mit Texten des jungen Tolkien, die dieser unmittelbar unter dem Eindruck seiner Kriegserlebnisse schrieb. Dabei stellt Jörg Fünding nicht nur Bezüge zwischen Tolkiens Lost Tales und vor 1914 erschienenen (und heute in Vergessenheit geratenen) Invasions-Fantasien her, sondern zeigt auch Parallelen zu den Kriegsdarstellungen der ‘Klassiker’, Homer und Vergil, auf. Giovanni Carmine Costabile demonstriert, wie biographische Details Einzug in Tolkiens frühe Versdichtungen gefunden haben, während Julian Eilmann darauf hinweist, dass diese Gedichte gleichzeitig in der Tradition der romantischen Dichtung stehen und insofern das Biographische auch transzendieren.

Auch Christine Weidner betont Tolkiens erfolgreiches Bemühen, sich über die deprimierenden Kriegserlebnisse zu erheben und ein positives, auf christlicher Heilserwartung basierendes Weltbild aufrecht zu halten. Auf eine ‘weltlichere’ Form, mit den Gräueln des Krieges fertig zu werden, weist Christine Vogt-William hin: die Freundschaft – gesteigert zur ‘Waffenbrüderschaft’ – der vier Hobbits wird in The Lord of the Rings als eine positive, lebenserhaltende Erfahrung dargestellt. Hingegen zeigt Annika Röttinger, wie Tolkien in einzelnen Kapiteln seines Hauptwerks sehr präzise seine erschütternden Eindrücke von den Schlachten des Ersten Weltkriegs wiedergegeben hat. Auch die ‘Industrialisierung’ des Krieges, die Anfang des 20. Jahrhunderts neue Dimensionen angenommen hat, findet ihre Entsprechung in Tolkiens Hauptwerk, nämlich in der Kriegsführung auf Seiten der ‘bösen’ Parteien, wie Johannes Vogel in seinem Beitrag nachweist. Was die gesamte Diskussion nahelegt, bringt der Beitrag von Tobias M. Eckrich nochmals auf den Punkt: The Lord of the Rings bietet beides, Realitätsflucht und Realitätsverarbeitung, und die Entscheidung, welcher Aspekt im Vordergrund steht, liegt letzten Endes im Auge des Betrachters.

Die letzten beiden Beiträge beschäftigen sich mit der Kinderbuch-Serie “The Chronicles of Narnia”, dem einzigen Werk von C.S. Lewis, in dem Kriege eine prominente Rolle spielen. Denise Burkhard konzentriert sich auf den ersten Band der Reihe, The Lion, the Witch and the Wardrobe, und dessen Verfilmung, in der die jungen Protagonisten aufs Land evakuiert werden, um dem Bombenhagel auf London zu entgehen – nur um in einer ← 10 | 11 → fantastischen Zweitwelt einen Krieg sehr viel hautnäher zu erleben. Ergänzend dazu zeigt Patrick Schmitz, dass Lewis in den Narnia-Bänden auf der Basis einer klaren Gut-Böse-Dichotomie die Möglichkeit eines ‘gerechten’ Krieges nahelegt und als Gelegenheit zu Pflichterfüllung und Heldentum darstellt.

Ebenfalls mit C.S. Lewis befasst sich der erste Beitrag in der Varia-Abteilung: Raimund Kern stellt dessen wichtige zeitkritische Schrift The Abolition of Man vor, die Themen diskutiert, die angesichts moderner Gentechnologie und künstlicher Intelligenz aktueller denn je sind. Johannes Rüster wendet sich der Fotografie zu, einer scheinbar ganz in der Realität verwurzelten Kunstform, die gleichwohl Affinitäten zum Unheimlichen und Fantastischen entwickeln kann. Camilla Rizzi stellt mit Le Cosmicomiche von Italo Calvino ein Werk vor, das auf den ersten Blick wie eine Science-Fiction-Parodie daherkommt, sich aber als ein semiotisch-sprachphilosophischer Essay in narrativer Form und von beträchtlicher Komplexität erweist. Und schließlich interpretiert in der Rubrik “The Poet’s Eye” Werner Bies ein Gedicht von Christoph Meckel, das mit wenigen Zeilen Blicke in die Abgründe von Märchen, Mythos und existenzieller Welterfahrung gewährt.

Erstmals seit vielen Jahres ist dieses Inklings-Jahrbuch wieder das Produkt zweier Herausgeber: Die Beiträge wurden von Dieter Petzold redigiert, Klaudia Seibel hat den Besprechungsteil betreut. Beiden Herausgebern liegt am Herzen, abschließend wieder Dank auszusprechen: den Organisatoren des Symposiums, Maria Fleischhack und Josef Schreier von der Inklings Gesellschaft und Julian Eilmann von der Deutschen Tolkien Gesellschaft sowie ihren zahlreichen Helfern für die Vorbereitung und Durchführung der Tagung und der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen für die Bereitstellung der Tagungsräume und die Unterbringung und Verpflegung der Teilnehmer in ihrem August-Pieper-Haus. Und natürlich gebührt Dank auch den Beiträgern und Rezensenten sowie den Mitarbeitern des Peter Lang Verlags für ihre Initiative und geduldige Kooperation.

| 13 →

Beiträge zur Tagung
Die Inklings und der Erste Weltkrieg

| 15 →

Josef Schreier

Topologie des Krieges

Der Erste Weltkrieg in literarisch-künstlerischer Reflexion

Das Ereignis des Ersten Weltkriegs hat eine umfangreiche Resonanz in vielen künstlerischen und wissenschaftlichen Bereichen hervorgerufen. Dieser Aufsatz geht auf Ernst Jünger, Franz Marc und Wilfred Owen ein und versucht, von daher die spezifische Antwort der Inklings-Werke (hier Tolkien und Lewis) auf das Phänomen von Krieg und Gewalt anzudeuten. Es ist eine alternative Konzeption von ‘Heroismus’, die sich hierbei erkennen lässt.

The event of World War One has caused a large resonance in many fields of art and scholarship. This essay looks at works by Ernst Jünger, Franz Marc and Wilfred Owen and, from that perspective, attempts to approach the specific answers to the phenomenon of war and violence that the works of Inkling authors (Tolkien and Lewis) provide. What takes shape in this analysis is an alternative concept of ‘heroism’.

Die Anregungskraft von Gedenktagen ist manchmal schon erstaunlich. Der Gedanke jedenfalls, Werke der Inklings auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung des Ersten Weltkriegs zu interpretieren, hätte sich bis vor wenigen Jahren nicht unbedingt nahegelegt. Das Buch von John Garth von 2003, das am Beispiel Tolkiens erstmals Sachhaltiges zu dem Thema zutage förderte, hatte damals allem Anschein nach durchaus einen aufschließenden Überraschungseffekt. Dennoch förderte das Jahrhundertgedenken an die Schlachten des ‘Great War’ die Plausibilität jedes Versuchs erheblich, die Werke der Inklings, vor allem diejenigen von Tolkien und Lewis, auf der Folie dieses historischen Ereignisses neu zu verstehen.

Für mich war es die Erinnerung an meine Lektüre von Tolkiens Silmarillion, die es mir unversehens sinnvoll erscheinen ließ, für das Verständnis der Inklings-Werke sich auf das kriegerische Ereignis vor 100 Jahren zurückzubeziehen. Mir war von The Silmarillion – mindestens von einigen zentralen Szenen her – ein harter, teilweise befremdlich-brutaler Eindruck haften geblieben, und mir schien es dann unter dem neuen Aspekt sofort ← 15 | 16 → begreiflich, dass zumindest die Besonderheit gerade dieses Buchs in der Tat mit Tolkiens Erleben des Weltkrieges zusammenhängen könnte.

Biographische Angaben

Dieter Petzold (Band-Herausgeber:in) Klaudia Seibel (Band-Herausgeber:in)

Dieter Petzold lehrte englische Literatur an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist seit 1996 Herausgeber des Inklings-Jahrbuchs und hat Bücher über die englische Nonsensliteratur, das englische Kunstmärchen im 19. Jahrhundert, Robinson Crusoe und J.R.R. Tolkien sowie zahlreiche Fachartikel veröffentlicht, vor allem zu verschiedenen Gattungen der fantastischen Literatur und zur Kinderliteratur. Dieter Petzold has taught English literature at the University of Erlangen-Nuremberg. He has been the editor of the Inklings Yearbook since 1996 and has published books on English nonsense literature, on 19th-century English literary fairy tales, on Robinson Crusoe and on J.R.R. Tolkien as well as numerous articles, mainly on various types of fantastic fiction and on children’s literature. Klaudia Seibel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Sie ist seit 2017 Herausgeberin des Inklings-Jahrbuchs und hat u. a. Artikel zu phantastischer Literatur, Erzähl- und Gattungstheorie veröffentlicht. Klaudia Seibel is a research assistant at the Wetzlar Library of the Fantastic. She has been the editor of the Inklings Yearbook since 2017 and has published articles on speculative fiction, narratology and genre theory.

Zurück

Titel: inklings – Jahrbuch für Literatur und Ästhetik