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Der Erste Weltkrieg in der Literatur

Zwischen Autobiografie und Geschichtsphilosophie

von Anna Wołkowicz (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 276 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Einführung
  • I Autobiografie und Krieg
  • Kafkas Kämpfe. Der Erste Weltkrieg im Spiegel seiner Tagebücher
  • Arnold Zweigs Erfahrung mit der Absurdität des Krieges vor Verdun. Vom Schlüsselerlebnis zur Schlüsselliteratur
  • II Krieg und Literatur – komparatistisch
  • Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs in der polnischen Literatur
  • Zur deutschen und polnischen Lyrik aus der Kriegszeit
  • ‚Polenlieder‘ aus der Zeit des Ersten Weltkriegs
  • Die flämische Reihe des Insel-Verlags
  • Das Drama Franz Theodor Csokors Dritter November 1918 als literaturdidaktisches Konzept einer Lehrveranstaltung für polnische Germanistikstudenten
  • III Krieg als Trauma und Erinnerung
  • Nachkriegstraumata in der österreichischen Prosa der Zwischenkriegszeit
  • Transgression zwischen Leben und Tod: Alfred Döblins literarisches Erinnern an die Toten des Ersten Weltkrieges
  • Die Wundmale des Krieges. Drei vergessene Dichter aus dem alten Österreich? Ein Versuch über Friedrich von Gagern, Victor Tausk und Gizella von Tarczay
  • Lion Feuchtwangers ‚dramatischer Roman‘ Thomas Wendt – eine Antwort auf den Ersten Weltkrieg?
  • IV Krieg in den ‚leichteren‘ Genres
  • Krieg und Konversation. Der Schwierige von Hugo von Hofmannsthal
  • „Ein paar Jahrhunderte später ging es wesentlich anders zu im Ardennenwald.“ Reflexe des Ersten Weltkriegs in Theaterkritiken Alfred Polgars aus den Zwanzigerjahren
  • Unterhaltungsromane über den Ersten Weltkrieg? Leo Perutz’ Wohin rollst du, Äpfelchen … und Alexander Lernet-Holenias Die Standarte
  • V Geschichtsphilosophische Perspektiven
  • Epochenschwelle als narrative Markierung: 1914. Kraus, Musil, Roth, Andrić, Iwaszkiewicz
  • Was wäre gewesen, wenn? Hannes Steins Roman Der Komet (2013) – ein Fall alternativer Geschichte: Österreich und die Welt ohne den Ersten Weltkrieg
  • Über die Autorinnen und Autoren
  • Register

Zur Einführung

Unter den vielen Versuchen, den literarischen Niederschlag des Ersten Weltkriegs hundert Jahre danach noch einmal zu sichten, zeichnet sich der vorliegende Band durch seinen interdisziplinären Ansatz aus. Daraus ergab sich eine erfreuliche Aufbrechung und Dezentrierung des Bildes. Zwar stammen die meisten Beiträge von Forscherinnen und Forschern, die im Bereich der Literaturwissenschaft tätig sind, doch wird die germanistische Perspektive etwa um die einer Spezialistin für polnische Literaturgeschichte (Anna Nasiłowska), eines Osteuropahistorikers (Frank Schuster) oder einer Niederlandistin (Rita Schlusemann) ergänzt. Nicht ohne Einfluss auf die Themenwahl und Betrachtungsweise scheinen in vielen Fällen die Herkunft und die weltweit verstreuten Wirkungsstätten der Verfasser gewesen zu sein. Aber auch Texte von Autorinnen und Autoren ohne einen solchen ‚Migrationshintergrund‘ setzen sich über enge Fachgrenzen hinweg und folgen einer Seitenblick-Optik, die Peripheres aufwertet.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass von den fünf Themenkreisen, in die das Buch aufgeteilt wurde, der zweite, mit „Krieg und Literatur – komparatistisch“ überschriebene, am üppigsten ausfällt. Anna Nasiłowska zeigt hier vor dem Hintergrund der französischen Literaturentwicklung, wieso das Jahr 1914 für die polnische Literatur keine Epochenzäsur bedeutet, Karolina Sidowska vergleicht deutsche und polnische Lyrik aus der Kriegszeit und Ewa Wojno-Owczarska erinnert an die Wiederbelebung des ‚deutschen Polenlieds‘, einer Gattung, die ursprünglich im Rahmen der ‚Polenbegeisterung‘ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts funktionierte. Ein nuanciertes Bild der vom Insel-Verlag 1917–1918 herausgebrachten „flämischen Reihe“ entwirft Rita Schlusemann. Den Schlussstein bildet der akribische, mitunter recht amüsante Beitrag von Maria Kłańska, die Franz Theodor Csokors Drama Dritter November 1918 „als literaturdidaktisches Konzept einer Lehrveranstaltung für polnische Germanistikstudenten“ darstellt.

Teil III ist dem gewichtigen Thema der literarischen Trauerarbeit gewidmet. In seiner prägnanten Analyse der „Nachkriegstraumata in der österreichischen Prosa der Zwischenkriegszeit“ sondiert Johann Sonnleitner Figuren deklassierter Kriegsverlierer aus den Werken von Alfred Polgar, Franz Werfel und Joseph Roth mit Blick auf den an Freud orientierten Trauma-Begriff. Marion Brandt untersucht in ihrem Beitrag über „Transgression zwischen Leben und Tod“ die literarische Erinnerung an die Toten des Ersten ← | 8→ Weltkriegs in Döblins Reise in Polen, seinem ‚indischen‘ Epos Manas sowie seinem Roman November 1918 und legt dabei intertextuelle Bezüge u. a. zu einem klassischen Werk der jiddischen Literatur frei, nämlich zu Salomon An-Skis Dibbuk. Mirjana Stancic spürt die „Wundmale des Krieges“ im Leben und Schaffen von drei „vergessenen“ deutschsprachigen Dichtern aus dem Raum des alten Österreichs bzw. ehemaligen Jugoslawiens auf: Friedrich von Gagern, Gizella von Tarczay und Victor Tausk, wobei sich herausstellt, dass zumindest dem Letzteren eine Nachwirkung (auch in der modernen kroatischen Literatur) vergönnt ist. Tadeusz Skwara schließlich geht anhand eines frühen ‚dramatischen Romans‘ von Lion Feuchtwanger der Frage nach, wie das Kriegstrauma auf dessen Selbstverständnis als Schriftsteller eingewirkt haben mag.

Im Teil IV geht es um die Präsenz des Krieges in den ‚leichteren‘ Genres: der Komödie, der Theaterrezension, dem Unterhaltungsroman. Dass es ausgerechnet im Medium eines Konversationsstücks wie Hugo von Hofmannsthals Der Schwierige zum Aufbrechen von scheinbar fest gefügten Kriegs- und Männlichkeitsideologemen kommen kann, demonstriert in ihrem Aufsatz Marie Luise Wandruszka. Sigurd Paul Scheichl widmet seine Untersuchung dem „subversiven Schreiben“ Alfred Polgars, insbesondere dessen Theaterkritiken aus den 1920er-Jahren, und zeigt darin den stets vorhandenen Bezug zur epochalen Katastrophe. Aneta Jachimowicz erörtert an zwei Beispielen (von Leo Perutz und Alexander Lernet-Holenia) das Phänomen der „Unterhaltungsromane über den Ersten Weltkrieg“.

Das Ganze wird von zwei kürzeren Randteilen eingefasst. Im ersten, „Autobiografie und Krieg“, trifft Małgorzata Klentak-Zabłockas Skizze über den Krieg in Kafkas Tagebüchern auf Frank Schusters reich fundierte Rekonstruktion von Arnold Zweigs Verdun-Erfahrung und deren literarischer Verschlüsselung. Zuletzt werden unter der Überschrift „Geschichtphilosophische Perspektiven“ zwei Beiträge zusammengeführt, die sich – bei allen Unterschieden – in der Frage begegnen, wie Erzählen historischen Sinn generiert. Wolfgang Müller-Funk weit ausgreifendem, komparatistisch angelegtem Entwurf der Epochenschwelle von 1914 als „narrativer Markierung“ sekundiert hier ein entschieden ‚leichteres‘ Kaliber: Wynfrid Kriegleders witzige Besprechung von Hannes Steins satirisch-utopischem Roman Der Komet (2013), der Vision einer alternativen Geschichte ohne den Ersten Weltkrieg.

Die meisten Beiträge sind aus Referaten hervorgegangen, die auf dem Symposium „Der Erste Weltkrieg als Epochenschwelle in Literatur und Kultur“ gehalten wurden (Österreichisches Kulturforum Warschau, 13.–15. März 2014; ← | 9→Mitorganisator: Institut für Germanistik der Universität Warschau). Sie erscheinen hier nach gründlicher Überarbeitung, ergänzt durch mehrere eigens für diesen Band verfassten Texte.

Anna Wołkowicz

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Małgorzata Klentak-Zabłocka

Kafkas Kämpfe.
Der Erste Weltkrieg im Spiegel seiner Tagebücher
1

Der Kontext des Ersten Weltkrieges gehörte lange zu den von der Kafka-Forschung „weitgehend vernachlässigten“ Bereichen – so die Herausgeber einer der jüngsten einschlägigen Studien: Kafka. Prag und der Erste Weltkrieg in ihrem Vorwort.2 Nichtsdestoweniger fällt die Zeitspanne 1914–1918 mit den wichtigsten Phasen von Kafkas geistiger Biografie zusammen: Reiner Stach rechnet sie zur erkenntnisreichsten und -ergiebigsten Periode in Kafkas Leben; dementsprechend trägt auch in Stachs umfangreicher Kafka-Biografie der zweite Band, der auf Die Jahre der Entscheidungen 1910–1915 gefolgt ist, den Titel Die Jahre der Erkenntnis.3

In der Tat wurde mit dem Ersten Weltkrieg, welcher die Existenz des Schriftstellers vom 31. bis zum 35. Lebensjahr begleitete, mitprägte und überschattete, die zentrale Phase in Kafkas innerem Leben markiert. Der seit anderthalb Jahren zwischen zwei Lebensentwürfen schwankende Büroangestellte Franz Kafka löste die Verlobung mit Felice Bauer auf, als wäre er nun endgültig zum Alleinsein entschlossen, und schrieb die ersten Passagen eines Romans nieder, der seinen Namen in die Weltliteratur einführen sollte – alles genau zu dem Zeitpunkt, als der Krieg ausbrach. Während der vier Kriegsjahre erwog Kafka, einem Strategen und Kämpfer ähnlich, lebenswichtige Fragen, und befleißigte sich einer zunehmend exklusiven und hermetischen Ausdrucksweise. Es war, als stürze er sich in einen persönlichen Kampf, den er zunächst an seinem Schreibtisch allein auszutragen gedachte, dann aber auch andere Varianten zuließ – wie etwa ←13 | 14→ die, Soldat zu werden! Zwar landete er schließlich weder an der Front noch bei sonstigen militärischen Aufgaben, doch als der Krieg zu Ende ging, war auch Kafkas Schicksal im Grunde besiegelt: Im Herbst 1918 gelang es ihm zwar noch, dem Tod knapp zu entrinnen, indem er einen schweren, fünfwöchigen Kampf gegen die spanische Grippe gewonnen hatte, aber von seiner Lungenkrankheit vermochte er sich nicht mehr zu erholen; die im dritten Kriegsjahr diagnostizierte und inzwischen zum Stillstand gebrachte Tuberkulose griff seinen geschwächten Organismus erneut an und befristete sein Leben auf nur noch fünfeinhalb Jahre.

Die meisten dieser Fakten aus Kafkas Leben wurden zur Kenntnis genommen, ohne dass sie jedoch vor dem konkreten Kriegshintergrund gesehen oder gar gedeutet wurden. Dass der durchaus reale Kriegsbezug von Kafkas Leben und Schreiben in der Germanistik jahrelang so wenig Beachtung fand, sei laut Engel und Robertson unter anderem auf den althergebrachten „Konsens“ der Kafka-Forschung zurückzuführen:

Eine solche Vorgehensweise hat Kafka den Interpreten selbst zugespielt: Eine seiner meistzitierten Tagebucheintragungen (vom 2. August 1914) lautet: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule“.5 Die Stelle wird vielerorts als Beleg eines radikalen Desinteresses am ←14 | 15→ aktuellen politischen Geschehen herangezogen. Sollte aber die Bemerkung bedenkenlos in diesem Sinne hingenommen werden? Ist es möglich, dass Kafka kein Gespür für die Wirkung solch einer arrogant anmutenden Formulierung hatte? Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass der sonst mit so viel Fingerspitzengefühl ausgestattete Schriftsteller die beunruhigende, ja empörende Inkohärenz übersah, als er zwei derart unangemessene Ereignisse kommentarlos zusammenstellte? War es also nicht vielmehr eine für den eigenen Gebrauch inszenierte Zuspitzung, die den Effekt des Ratlos-Grotesken zum Ziel hatte? Das Ratlose daran gleicht einem Vakuum, das durch eine angebrachte Reaktion – eine persönliche Stellungnahme zu dem gerade Geschehenden – ausgefüllt werden müsste und sollte, vorläufig aber: eben unausgefüllt bleibt. Haben wir es hier also nicht wieder einmal mit der typisch Kafkaschen – hier als Desinteresse maskierten – Konstatierung der eigenen Ratlosigkeit und Selbstanklage in einem zu tun?

Kafkas Tagebücher liefern nun spärlich verstreute, vereinzelte Informationen über das Durchdringen der Kriegsrealität in die private Sphäre6 des Autors während seiner Arbeit am Prozess-Roman (dessen Handlung sich allerdings ausdrücklich in Friedenszeiten abspielt) sowie über sein Verhältnis zum Krieg. Es ist nicht zuletzt gerade deswegen interessant, nach jenen Spuren zu suchen und sie in zweierlei Hinsicht – wie sie sich in dem angeführten Zitat präsentieren – untersuchend zu verfolgen, und zwar als Zeugnisse einer unmittelbaren Involvierung Kafkas in die zivile Kriegsrealität bzw. den Kriegsalltag und als Ausdruck seiner Reaktion auf diese Involvierung.

Dem Krieg den Rücken kehren

Es wäre müßig, nach der umfangreichen und ausführlichen Darstellung von Stach, der allein diesen Zusammenhängen ca. 360 Seiten gewidmet hat7, die Anwesenheit des Krieges in Kafkas Bewusstsein bestreiten zu wollen. Es war Kafka unmöglich, im realen Leben von dem Krieg, der in Europa tobte, abzusehen: In seinem nächsten Umkreis wurden mehrere Personen einberufen, wie seine beiden Schwäger Karl Hermann und Josef Pollak sowie einige Freunde und Bekannte (Oskar Pollak, Willy Haas, Otto Pick, Ernst Weiß, Hugo Bergmann), ←15 | 16→Kafkas Verleger Kurt Wolff8 oder zahlreiche seiner Kollegen und Mitarbeiter. Von der 70-köpfigen Belegschaft seiner Abteilung fehlte bald fast jeder zweite9, was Kafka nicht nur rein menschlich nicht unberührt lassen konnte, sondern seine berufliche Situation weitgehend veränderte. In seinem Büro wurde er jetzt ständig mit neuen, der Ausnahmesituation entspringenden Aufgaben konfrontiert; ab Februar 1915 gehörte es zum Aufgabenbereich der Filialen der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, „Fürsorge für die heimkehrenden Krieger“ zu leisten10, sodass man Stach nur zustimmen kann, wenn er behauptet, schon von Berufs wegen war Kafka über die Gräuel des Krieges besser informiert als die Mehrheit seiner Mitbürger.11 Aber auch im privaten Bereich ging es turbulent zu – es folgte ein Wohnungswechsel dem anderen: In die Wohnung seiner Eltern – wo Franz Kafka bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hatte – zog seine Schwester Elli mit ihren Kindern zurück, während der lärmscheue Bruder versuchte, eine ruhige Unterkunft in der Stadt zu finden. Zur gleichen Zeit kommen auch tausende ostjüdische Kriegsflüchtlinge nach Prag (bis Ende 1914 sind das über 11.000 Menschen12). Kafkas Schwester Ottla ist im „Verein Jüdischer Mädchen“ tätig, auch die Frauen aus der Umgebung von Max Brod engagieren sich in der praktischen Hilfe für die Bedürftigen. Ab Januar 1915 muss sich Kafka – in Vertretung des eingerückten Bruders seines Schwagers – eine Zeitlang um das Familiengeschäft kümmern – eine Asbestfabrik, die sich später allerdings nicht als die erhoffte gesicherte Investition erweisen wird. Das Leben in der Stadt bestimmen inzwischen der Mangel an allem, eine Rationierung der Lebensmittel und ein florierender Schwarzmarkt:

Was die Menschen im Alltag erfuhren, waren knappe, schlechte Lebensmittel, abnorme Inflation, unbeheizte Räume, Zensur, behördliche Schikanen, eine Militarisierung und gleichzeitige Verwahrlosung des öffentlichen Raums.13

←16 | 17→

Um den Einwohnern Prags einen angeblich unmittelbaren – „wertvollen und belehrenden“14 Einblick in die Frontrealität zu verschaffen, baut man auf der Kaiserinsel eine Schützengraben-Anlage nach, die von Schaulustigen massenhaft besichtigt wird: An einem einzigen Sonntag (in der Zeit also, in der auch Kafka die Anlage besucht: „Anblick der Ameisenbewegung des Publikums vor dem Schützengraben und in ihm“15) vermerkt das Prager Tagblatt über 10.000 Besucher.16 Über die wahren Verhältnisse an der Front kann man sich allerdings einzig aus erster Hand – von den heimkehrenden Soldaten – unterrichten lassen, oder sich beim Anblick der Kriegskrüppel und der sogenannten „Kriegszitterer“, die auf den Straßen immer häufiger anzutreffen sind,17 ein Bild davon machen, wie es an der Front wirklich zugehen mag. Sonst herrscht die „Kriegsdiktatur“ der Zensur; kontrolliert wird alles: nicht nur Pressemeldungen und -artikel, Filmproduktionen, sondern auch der private Briefverkehr – sogar die Haltung von Brieftauben.18 Dass aber Kafka ernsthaft erwägt, den Strapazen eines solchen Lebens durch den Militärdienst zu entkommen, ist immerhin schwer begreiflich.19

Im November 1916 reist er zu einer Lesung nach München – ein einmaliges Ereignis, das ihn scheinbar in eine vom Krieg unabhängige, andere Welt ←17 | 18→ versetzt: Zum ersten Mal tritt er öffentlich als Schriftsteller auf und präsentiert dem Publikum seinen eigenen Text. Unter den Zuhörern ist Rilke anwesend, sie sprechen miteinander. Nach der Rückkehr bleibt die dichterische Aura weiter erhalten, denn für seine Mußestunden findet Kafka ein ruhiges Asyl in der winzig kleinen Wohnung seiner Schwester Ottla in der Alchimistengasse 22, sodass er sich mehr auf das Schreiben konzentrieren kann. Doch bald ergreift ihn der raue Alltag auch hier: Der Ofen in der kalten und feuchten Stube wird nicht zuletzt mit Manuskripten geheizt.20

Nach dem im August 1917 erlittenen Blutsturz siedelt der Erkrankte für einige Monate zu seiner Schwester aufs Land über – nach Zürau, wo sie das Gut ihres eingezogenen Schwagers Karl Hermann bewirtschaftet. Die ohnehin schon sehr einfachen Lebensbedingungen werden durch Missernten und die Kriegsnot noch zusätzlich erschwert und sind wahrscheinlich viel weniger idyllisch, als es Kafka in seinen Briefen darstellt. Stach konstatiert:

Kein Strom, kein fließend Wasser, keine befestigten Straßen, kein Kaffeehaus, kein Kino, keine Buchhandlung, kein Zeitungskiosk, kein Postamt, kein Telefon, […] die Bahnstation nur mit dem Pferdekarren zu erreichen. […] Abends, wenn es dämmerte, wurde es […] einvernehmlich wieder still, denn niemand verspürte hier Lust, den gottgegebenen Tag zu verlängern. […] [W]‌er noch nicht schlafen wollte, brauchte Petroleum für die Lampe, und Petroleum war kostbar.21

Vom allgemeinen Lebensmittelmangel, der in Prag freilich noch schlimmer zu spüren ist, lässt Kafkas Tagebuch nichts ahnen. Welche Elemente der Kriegswirklichkeit werden darin indessen thematisiert?

Kriegsspuren auf Papier

Der diaristische Gesamtertrag22 der vier Kriegsjahre sind Eindrücke und Reflexionen, seltener Ereignisse, die an knapp 140 Tagen festgehalten wurden. In den ersten Augustwochen 1914 fertigt Kafka fast täglich kurze, alltags- und politikbezogene Aufzeichnungen an. Sie betreffen die allgemeine Mobilisierung und deren Folgen für die Familie – im Einzelnen werden die Einberufung ←18 | 19→ der beiden Schwäger Karl und Josef (Pepa) sowie die Begleitung Karls zum Bahnhof notiert, die nun verlassene Wohnung der Schwester Elli vermerkt. Auch einige Ereignisse in der Umgebung finden Einlass in die Notizen, wie eine vorüberziehende Artillerieeinheit mit den tschechischen „Nazdar“-Rufen, ein patriotischer Umzug mit der Rede des Bürgermeisters, tschechische Chorgesänge im Wirtshaus nebenan, die möglicherweise auch einer patriotischen Hochstimmung entspringen. Sobald sich eine Reflexion an diese Beobachtungen anschließt, wird darin Kafkas exklusive, betont distanzierte Position eines Außenseiters zum Ausdruck gebracht. Auf den eigenen, von Schwäche gleichsam stigmatisierten Sonderstatus als Allein- und Abseitsstehender konzentriert, hebt er alles hervor, was ihn von den „anderen“ unterscheidet: Für seine Lage scheinen ihm Ausdrücke wie „Schmerz“, „Wehrlosigkeit“, „gleiten“ und „geschoben werden“ angebracht, auch „Schwanken“, „Kleinlichkeit“, „Entschlußunfähigkeit“, „die ewigen Qualen des Sterbens“, während die anderen „kräftig“ und „Widerstand leistend“ seien.23 „Neid und Haß gegen die Kämpfenden“, fügt er am 5. August selbstdenunziatorisch und selbstquälerisch hinzu, „denen ich mit Leidenschaft alles Böse wünsche“.24 An manchen Stellen bestätigt sich auch Kafkas Beobachtungsgabe wieder, die er bereits bei den Schilderungen der ostjüdischen Theatertruppe 1911 demonstriert hatte: In knappen Worten wird das Wesentliche zutreffend erfasst. Bei der genannten patriotischen Kundgebung erwähnt Kafka nicht ohne Selbstironie, wie er mit seinem „bösen Blick“ da stünde. Einerseits fixiert er mit diesem Blick die Agierenden wie willenlose, auf einer Bühne auftretende Marionetten: „Diese Umzüge sind eine der widerlichsten Begleiterscheinungen des Krieges“ (bereits im Verschollenen hatte er sich durch das beiläufige Skizzieren von Massenphänomenen ausgezeichnet), andererseits kann er sich lobender Bemerkungen nicht enthalten: „organisiert war es gut“.25

Nach den ersten zwei Augustwochen greift Kafka seltener, aber immer noch relativ systematisch zum Tagebuch – bis zum Jahresende und einer Bilanz am 31. Dezember, die allerdings vor allem seinen literarischen Schreibergebnissen gilt. Inzwischen jedoch wird er mit jenen Kriegszeugen konfrontiert, die – wie sein Schwager Josef, Franz Werfel oder die ostjüdischen Flüchtlinge – Einprägsames und Erschütterndes zu berichten haben. Das scheint in seinen Augen wertvoll zu sein, ja, scheint ihn zu faszinieren, da er die ihm erzählten furchtbaren, ←19 | 20→grotesken oder zumindest seltsam erscheinenden Bilder unverzüglich seinem Tagebuch anvertraut:

Selbst dann aber bezeugen diese Eintragungen, die sich unmittelbar auf die plastischen Kriegsszenen beziehen, die emotionale Zurückgezogenheit und den distanzierten Blick eines Beobachters, welcher – Heinrich von Kleists Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege vielleicht noch im Hinterkopf – sich durch Unstimmigkeiten, Paradoxien und insgesamt durch das ‚schrecklich Alberne‘ des Krieges angezogen fühlt.27 Einen in dieser Hinsicht besonders ergiebigen Zwischenfall in Kafkas Leben stellt die umständliche und anstrengende Reise nach Nagy Mihaly im April 1915 dar.28 Unterwegs gibt es viele Gelegenheiten zum aufmerksamen Beobachten. Mit durchdringender Genauigkeit hält Kafka Eindrücke fest, die sich zur authentischen Kriegsalltäglichkeit im Hinterland zusammenfügen. Im Unterschied zu Prag, wo er kaum Notiz davon zu nehmen scheint,29 notiert er, sobald er einzelnen Menschen und Szenen begegnet, die kleinsten Details, als müsste dieses Wirklich-Erlebte unbedingt festgehalten werden. Bezeichnenderweise interessieren ihn zuallererst gerade diese Details ←20 | 21→ und statt Verallgemeinerungen – nur Einzelheiten. Der Zusammenhang zwischen den Episoden bleibt oft im Dunkeln, vieles bleibt nur fragmentarisch, die Porträtierten bleiben anonym, aber selbst dann vermag Kafka den wie Blitzaufnahmen aufflackernden Bildern beiläufig eine knappe, persönliche Prägung zu verleihen – meist fixiert er andere Menschen ohne jegliche schonende Modifikation, im Gegenteil: scharf, in aller Deutlichkeit, zwischen grotesker Zuspitzung und echter Betroffenheit schwebend:

Zusammenfassung

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg setzen sich ForscherInnen aus Polen, Österreich und anderen europäischen Ländern mit dessen literarischem Niederschlag auseinander. Der germanistische Blickwinkel wird interdisziplinär erweitert, u.a. durch die Perspektive einer Polonistin und eines Osteuropahistorikers. Die in diesem Buch analysierten Romane, Gedichte, Stücke, aber auch Tagebücher und Theaterrezensionen stammen aus der Zeit zwischen 1914 und 2013. Neben Klassikern wie Arnold Zweig kommen weniger bekannte, vergessene und periphere Autoren zu Worte. Stark präsent ist das Interesse an literarischer Komparatistik, vor allem der deutsch- bzw. österreichisch-polnischen. Darüber hinaus stehen folgende Themenkreise im Fokus dieses Buches: Krieg und Autobiografie, Krieg als Trauma und Erinnerung, Krieg in der Unterhaltungsliteratur sowie geschichtsphilosophische Perspektiven.

Biographische Angaben

Anna Wołkowicz (Band-Herausgeber:in)

Anna Wołkowicz ist Literaturwissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Warschau und Übersetzerin. Im Zentrum ihrer Forschung stehen utopische und mystisch-revolutionäre Diskurse in deutschsprachiger Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts, literarische Komparatistik sowie Rezeptions- und Übersetzungsforschung. Grażyna Kwiecińska ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Sie forscht über Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere der Zwanzigerjahre (Alfred Döblin, Hermann Broch), sowie über neuere österreichische Literatur. Krzysztof Tkaczyk ist Leiter der literaturwissenschaftlichen Abteilung am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt in dem österreichischen Theater der Gegenwart, der deutschen Ästhetik und Poetik des 18. und Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere des Dadaismus, Futurismus und Kubofuturismus.

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Titel: Der Erste Weltkrieg in der Literatur