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Kulturbegegnung und Kulturkonflikt im (post-)kolonialen Kriminalroman

von Michaela Holdenried (Band-Herausgeber:in) Barbara Korte (Band-Herausgeber:in) Carlotta von Maltzan (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 250 Seiten

Zusammenfassung

Kriminalliteratur bietet seit längerem ein Forum für die Behandlung schon ‚klassischer‘ postkolonialer Themen. So lassen sich die ProtagonistInnen vielfach als hybride Subjekte beschreiben, und die Suche nach ‚historischer Wahrheit‘ bedarf einer anderen Substruktion als der einfachen Antithetik von Gut und Böse. Darüber hinaus sind die im Verschwinden begriffenen ehemals klar getrennten kolonialen Räume in postkolonialer Kriminalliteratur zwar solche des Kulturkonflikts; die ‚liminalen‘ Räume, die Kontaktzonen, mutieren aber keineswegs ersatzweise zu idyllischen Orten: Vielmehr sind sie gegen Konflikte ebenso wenig gefeit. Kriminalliteratur ist daher ein ideales Labor für postkoloniale Narrative, die Elemente postmoderner Ästhetik mit einem starken Interesse an sozialen Ungleichgewichten verbinden.
Der Band versammelt zwölf auf Deutsch und Englisch verfasste wissenschaftliche Beiträge zum postkolonialen Kriminalroman sowie ein Interview mit dem südafrikanischen Krimiautor Deon Meyer.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Afrika ermitteln: Drei Beispiele des neueren deutschen Afrika-Kriminalromans. Edi Graf: Löwenriss, Lena Blaudez: Spiegelreflex, Merle Kröger: Havarie (Florian Krobb)
  • Farmüberfälle im südlichen Afrika. Zu Bernhard Jaumanns Steinland und Max Annas’ Die Farm (Carlotta von Maltzan)
  • „Lieblingsfach Foltern“. Postkoloniale Gewalt in Wolfgang Herrndorfs Sand (2011) (Hanna Rinderle)
  • Weiße Flecken kollektiver Erinnerung. Afrika als weiter Raum für die Kriminalliteratur (Mankell, Jaumann, Herrndorf)? (Michaela Holdenried)
  • Migration ins südliche Afrika. Zu Kriminalgeschichten von Deon Meyer und Bernhard Jaumann (Rolf Annas)
  • The Stranger’s Gaze: Defamiliarizing the Local in Hawa J. Golakai’s Crime Novels The Lazarus Effect (2011) and The Score (2015) (Tina Steiner)
  • Murder and Magic: Sorcery and Suspended Identity in Contemporary Crime Fiction (Catherine du Toit)
  • Peter Höner’s Africa Novels (John K. Noyes)
  • “Beyond Race and Location”: Mike Phillips’s Crime Fiction of the ‘Long’ 1990s (Eva Ulrike Pirker)
  • Magie und ,Dritter Raum‘ in den London-Krimis von Ben Aaronovitch (Barbara Korte)
  • Ermittlungen in Lappland. Samen und Tornedalfinnen im schwedischen Kriminalroman (Joachim Grage)
  • „Die Sehnsucht nach den fernen Ländern und ihrer Buntheit“. Zur Ambivalenz des Orientalismus in Friedrich Glausers Kriminalroman Die Fieberkurve (1937/38) (Stefan Hermes)
  • Interview with South African author Deon Meyer (Carlotta von Maltzan)
  • Autoren / Authors
  • Namenregister
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Im März 2016 fand im südafrikanischen Stellenbosch ein von uns organisiertes Symposium statt, das sich mit dem Kriminalroman als Austragungsort von Kulturkonflikten, aber auch als Medium der Darstellung von Kulturbegegnungen beschäftigte.1 So erörterten die TeilnehmerInnen die spezifische Relevanz des Genres für die Verhandlung von Fragen, die sich aus den zahlreichen Kontaktzonen der (post-)kolonialen, globalisierten und nicht zuletzt durch Migration zunehmend transkulturellen Wirklichkeit ergeben. Ihre Beiträge, die durchweg erheblich ergänzt und überarbeitet wurden, versammelt der vorliegende Band. Bereichert wurde das Symposium durch die großzügige Zusage des südafrikanischen Krimi-Bestseller-Autors Deon Meyer, zu einer Lesung mit Diskussion an die Stellenboscher Universität zu kommen.

Der Kriminalroman hat in den letzten Jahrzehnten in den Literaturwissenschaften eine enorme Aufwertung erfahren. Schon immer haben AutorInnen der populären Literatur in diesem Genre reüssiert, deren literarische Meriten außer Zweifel stehen (etwa Agatha Christie, Patricia Highsmith und Raymond Chandler, um nur einige wenige zu nennen). Auch zahlreiche VertreterInnen der E-Literatur haben sich des Kriminalromans angenommen (hingewiesen sei nur auf Friedrich Dürrenmatt oder Wolfgang Herrndorf) und ihn deutlich verändert. Derzeit ist das Genre erfolgreicher denn je – und anpassungsfähiger als fast jedes andere. Im Kriminalroman (aber selbstverständlich auch in anderen, etwa filmischen, Realisierungen der crime fiction) werden heutzutage Themen komplexester Art verhandelt. Zur Sprache kommen aktuelle Problemlagen, deren je spezifische Narrativierung als Kommentar zu geschichtlichen (Fehl-)Entwicklungen oder auch als eine Art Probehandeln in Bezug auf drängendstes Gegenwartsgeschehen gelesen werden kann. In diesem Sinne erfährt der postkoloniale Kriminalroman speziell in der anglistischen Literaturwissenschaft seit einiger Zeit verstärkte Aufmerksamkeit.2 Wenn man über die ← 7 | 8 → englischsprachige Literatur hinausblickt, ist dieses facettenreiche Subgenre mit seinem kulturanalytischen Potenzial aber noch keineswegs hinlänglich erschlossen worden.

Ausgangsthese des Symposiums in Stellenbosch war, dass die Kriminalliteratur seit längerem ein Forum für die Behandlung schon ‚klassischer‘ postkolonialer Themen bietet. So lassen sich die ProtagonistInnen vielfach als hybride Subjekte beschreiben, und die Suche nach ‚historischer Wahrheit‘ bedarf einer anderen Substruktion als der einfachen Antithetik von Gut und Böse. Darüber hinaus sind die im Verschwinden begriffenen ‚disjunkten Räume‘3 in postkolonialer Kriminalliteratur zwar solche des Kulturkonflikts; die ‚liminalen‘ Räume, die Kontaktzonen, mutieren aber keineswegs ersatzweise zu idyllischen Orten: Vielmehr sind sie gegen Konflikte ebenso wenig gefeit. Thetisch formuliert: Kriminalliteratur ist ein ideales Labor für postkoloniale Narrative, die Elemente postmoderner Ästhetik mit einem starken Interesse an sozialen Ungleichgewichten verbinden.

Das Symposium setzte demgemäß einen klaren Akzent auf die Thematik von Kulturbegegnung und Kulturkonflikt, deren Bedeutung angesichts der aktuellen Weltlage nicht genug herausgestrichen werden kann; zudem wurden theoretisch-methodische Zugänge der Postcolonial Studies auch für die Interpretation nicht-englischsprachiger Werke fruchtbar gemacht. Insofern steht zu hoffen, dass die international und interdisziplinär ausgerichtete Veranstaltung (mit TeilnehmerInnen aus der Germanistik, der Anglistik und der Skandinavistik, die aus Deutschland, Südafrika, Irland, Namibia und Kanada angereist waren) zur Eröffnung einer lebhaften länder- und fachübergreifenden Diskussion beitragen konnte.

Michaela Holdenried, Barbara Korte und Carlotta von Maltzan


1 Wir danken dem Rektorat und dem International Office der Universität Freiburg und dem Department of Modern Foreign Languages der Stellenbosch University für die Unterstützung der Veranstaltung. Ebenso möchten wir uns für die Unterstützung durch Dr. Stefan Hermes bedanken, der skrupulös Korrektur gelesen hat.

2 Vgl. etwa Ed Christian (Hrsg.): The Postcolonial Detective. Basingstoke/New York 2001, Christine Matzke/Susanne Mühleisen (Hrsg.): Postcolonial Postmortems. Crime Fiction from a Transcultural Perspective. Amsterdam/New York 2006, und Nels Pearson/Marc Singer (Hrsg.): Detective Fiction in a Postcolonial and Transnational World. Farnham/Burlington 2009. Zu nennen ist auch das 2016 unter dem Titel Postcolonial Crime Fiction erschienene Sonderheft des Journal of Commonwealth and Postcolonial Studies.

3 Vgl. Maximilian Burk/Christof Hamann: „There is no conflict“? Zur Konstruktion und Irritation binärer Strukturen in Wolfgang Herrndorfs „Sand“. In: Postkoloniale Germanistik. Bestandsaufnahme, theoretische Perspektiven, Lektüren. Hrsg. von Gabriele Dürbeck und Axel Dunker. Bielefeld 2014, 329–354.

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FLORIAN KROBB

Afrika ermitteln: Drei Beispiele des neueren deutschen Afrika-Kriminalromans. Edi Graf: Löwenriss, Lena Blaudez: Spiegelreflex, Merle Kröger: Havarie

Abstract

Investigating Africa: Three examples of recent German thrillers on Africa. Multi-ethnic and postcolonial crime fiction uses cultural alterity as a motor to propel plots of detection and similarly to unfold the critical potential inherent in the genre. Essential in this endeavour is an approach to the foreign culture that acknowledges cultural difference, in the case of the chosen examples that between European investigators and the African location of their activity. The article highlights three different approaches to this task. All of the texts expressly address problematics that are integral to the postcolonial global condition. But while Edi Graf’s Löwenriss (2005) reinforces colonialist stereotypes and attitudes and revels in exoticist fantasies, Lena Blaudez’ Spiegelreflex (2006) allocates a much more modest role to her witness of a crime in post-Cold War Benin – thereby acknowledging continued European interference in internal African affairs as colonialist in nature and reducing the role of the investigator to that of observer. Merle Kröger in Havarie (2015), finally, subsumes the African specificity of her story to a panorama of an unleashed globality of natural catastrophes, migration, environmental pollution and political strive. Strikingly, romantic sub-plots in all three novels enforce the tendencies displayed in the detection plots. In the first example, the investigators restore order as defined by Europeans; in the second example, they identify injustices but refrain from proposing a European role in solving African problems; in the third example; the investigative input consists of bearing witness to inhumane conditions without assuming the moral authority to cast judgement. In the first example, romance blossoms; in the second example, romance is shifted away from the African scene; in the third example, romance is doomed from the outset.

Key Words: Africa, postcolonialism, interculturality, contemporary German literature, thriller

1.  Vorüberlegungen

Die Welle interkultureller deutschsprachiger Literatur der letzten Jahrzehnte ist Resultat der Globalisierungserscheinungen der Gegenwart, transkultureller Lebensumstände und weltweiter Mobilität von Menschen, Produkten und ← 9 | 10 → Informationen (manifest in Familienkonstellationen, wirtschaftlicher wie krimineller Aktivität); sie ist Ausweis eines parallel dazu gewachsenen interkulturellen Bewusstseins aufseiten der deutschen Autorinnen und Autoren. Das Genre des Kriminal- oder Detektivromans stellt hier keine Ausnahme dar: Ermittlerfiguren aus ethnisch-kulturellen Minderheiten im europäisch-heimischen Bereich sowie Handlungen, die ins Überseeische führen, sind Ausweis dieser Tendenz. Die Verschachtelung von ethnischen und Krimi-Elementen in der Literatur der letzten Jahrzehnte ist weiterhin im Kontext der (wenigstens teilweisen) Transformation des Kriminalromans in ein Genre der engagierten Literatur zu verorten, d. h. der Nutzung der generischen Prämissen des Kriminalromans zur Aufdeckung von gesellschaftlichen Missständen und Konfliktlagen.1 Die Aufklärungshandlung des Kriminalromans erhält durch ethnisch-kulturelle Konstellationen neue Möglichkeiten, gesellschaftlich relevante Schauplätze und ungewöhnliche Herausforderungen für Ermittler zu gestalten.

Der multiethnische Kriminalroman bedient sich der Verschaltung der Motive von Verbrechensaufklärung und Bewältigung kultureller Differenz zur Ausgestaltung der Aufklärungshandlung. Was sind jedoch die spezifischen Gründe dafür, dass Kriminal- und Detektivromane bei der Konzeption der Fälle wie im Zusammenhang ihrer Aufklärung Kontakte und Konflikte zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen und Ethnien inszenieren? Warum verlegen sie den Fall und seine Lösung teilweise oder vollständig in überseeische, exotische, (ehemals) koloniale Räume? Die Verwendung verschiedenethnischer oder verschiedenkultureller Figuren und Schauplätze dient hier dazu, so könnte man vorläufig formulieren, dem Fall und seiner Lösung eine Spezifik, d. h. ein unverwechselbares Kolorit, und der kritischen Wirklichkeitsdarstellung ihre besondere Stoßrichtung zu geben. Interkulturelle Szenarien und Konstellationen verleihen der Handlung eine besondere Dynamik, indem sie ein einzigartiges Koordinatensystem von Wissen, Nichtwissen und Halbwissen, von Annahmen und Unterstellungen, Missverständnissen und Verständnisannäherungen bereitstellen. Die Notwendigkeit der Orientierung zwischen kulturellen und ethnischen Milieus zwingt zur Thematisierung von Differenzerfahrungen, die das Element der Verunsicherung verstärken, das dem Kriminalroman ohnehin innewohnt.

Der Umgang eines bestimmten Textes mit diesem Verunsicherungspotential stellt Kriterien zu seiner Bewertung bereit, die insofern angemessen erscheinen, als sie sich an die von ihm selbst vorgegebene Thematik anschließen. Alle drei hier behandelten Romane behandeln postkoloniale Problemlagen und Szenarien. Im Zentrum des Falles in Edi Grafs Löwenriss steht der Erwerb einer Safari-Lodge in Kenia mit verbrecherisch-betrügerischen Mitteln auf Kosten indigener Ortsansässiger, also ein ausbeuterisches neokolonialistisches Verhalten, ← 10 | 11 → das an Landerwerbsmethoden aus der Kolonialzeit erinnert. Bei Lena Blaudez ist die Neuorientierung eines afrikanischen Landes nach dem Ende des Kalten Krieges und der Entlassung aus dem Einflussbereich des sozialistischen Machtblocks insofern als neokolonialistische Problemkonstellation inszeniert, als nun der Wettstreit um Einfluss auf dem Gebiet der sogenannten Entwicklungshilfe ausgetragen wird und auf wirtschaftliche Vorteile ausgerichtet ist. Bei Merle Kröger erscheint die entfesselte Globalität der Gegenwart mit all ihren Krisen als Erbe des europäischen Ausgriffs ins Überseeische, als Höhepunkt eines Prozesses von Arbeits-, Elends- und politischer Migration, Entwurzelung von Bevölkerungen, willkürlicher Festlegung von Grenzen, von Ausbeutung der Notlagen des globalen Südens als Lieferant billiger Produkte und Arbeitskräfte, von Wohlstands- und Machtgefällen.

Für alle drei Texte stellt sich die Frage, in welchem Umfang und auf welche Art sie über das selbst gewählte Terrain reflektieren, inwiefern sie die Verunsicherung bewusst halten, die aus der geschilderten postkolonialen Lage erwächst, wie sie interkulturelle Konflikte auszutragen, zu bewältigen oder gar zu bannen versuchen. Zuspitzen lässt sich die Fragestellung darauf, wie sich die Kriminalromane den Problemen stellen, die man vorläufig als postkolonial etikettieren könnte, wie sie sich den ‚postkolonialen Blick‘ zu eigen machen, der als Thematisierung der Erblast des Kolonialismus, Anerkennung der Komplexität der Verhältnisse im (ehemals) kolonialen Raum sowie der Folgeprobleme historischer Kolonialität wie gegenwärtiger post- oder neokolonialer Konstellationen zu definieren ist. Im Anschluss an Paul Michael Lützelers frühe Erläuterung des postkolonialen Blicks muss das Augenmerk Zügen wie Zurückhaltung im Urteil, Empfänglichkeit für Fragen und Unverständnis, Gestaltung von Macht- und Hilflosigkeitserfahrungen gelten.2 Alle diese Gesichtspunkte berühren sichtlich den Kern des Kriminalgenres und entfalten daher in dieser Gattung eine besondere Relevanz.

Afrika erfreut sich in den letzten Jahrzehnten als Krimi-Schauplatz einiger Beliebtheit, nicht nur der immer noch wirksamen exotischen Attraktion, also der ausgeprägten Fremdheitseffekte wegen, sondern auch wegen der kolonialistischen Vergangenheit Deutschlands in Südwest-, Ost- und Zentralafrika.3 Die ausgewählten Beispiele, die drei markante Ausprägungsformen der Gestaltung Afrikas im Kriminalroman repräsentieren, reihen sich dabei in bestimmte Tendenzen des Kriminalgenres der letzten Jahrzehnte ein, darunter die Verwendung weiblicher Zentralfiguren und ‚zufälliger‘ Ermittler, die auf unterschiedliche ← 11 | 12 → Weise in die Fälle ‚verwickelt‘ sind, anstatt sich wie Polizisten oder Privatdetektive von Berufs wegen um Aufklärung zu bemühen.

Biographische Angaben

Michaela Holdenried (Band-Herausgeber:in) Barbara Korte (Band-Herausgeber:in) Carlotta von Maltzan (Band-Herausgeber:in)

Michaela Holdenried ist Professorin für Neuere deutsche Literatur und Interkulturelle Germanistik am Deutschen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Barbara Korte ist Professorin für Anglistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Carlotta von Maltzan ist Professor of German an der University of Stellenbosch, Südafrika.

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Titel: Kulturbegegnung und Kulturkonflikt im (post-)kolonialen Kriminalroman