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Varianz im Russischen

Von funktionalstilistischer zur soziolinguistischen Perspektive

von Vladislava Warditz (Autor:in)
Habilitationsschrift 414 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch liefert theoretisch-methodische und deskriptive Grundlagen einer Varianzstilistik des Russischen im Wandel, die sowohl standard- als auch non-standard-sprachliche Phänomene integriert. Im Fokus der Non-Standard-Darstellung stehen dabei diverse Soziolekte, die auf russischem Boden spätestens seit 1917 eine Schlüsselrolle in der Etablierung des Non-Standards in Standard-Domänen spielen. Die stilistisch und ästhetisch, aber auch ideologisch bedingte Varianz zwischen dem Non-Standard und Standard wird in der vorliegenden Untersuchung im Spannungsfeld von alternativem künstlerischem Diskurs und offiziellem linguistischem Diskurs empirisch erfasst.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 0. Einleitung
  • 1. Sprachvariation – Sprachwandel – sozio-stilistische Varianz
  • 1.1 Sprachvariationen im linguistischen und im extralinguistischen Diskurs
  • 1.1.1 Theoretisch-konzeptionelle Vorklärungen
  • 1.1.2 Der Diskurs zum Sprachwandel: Polemik oder Sprachkonflikt?
  • 1.1.3 Standard vs. Non-Standard: Opposition oder Sprachvariation?
  • 1.1.4 Standard vs. Non-Standard: Sprach-Attitüden oder sozio-stilistische Varianz?
  • 1.2 Sprachwandel im russistischen Paradigma: Sprachgeschichte, Soziolinguistik und Stilistik
  • 1.2.1 Sprachwandel im sprachhistorischen Forschungskontext
  • 1.2.2 Sprachwandel im soziolinguistischen Forschungskontext
  • 1.2.3 Sprachwandel nach 1985: Stand der Forschung
  • 1.2.4 Sprachwandel nach 1985 im sozio-stilistischen Forschungskontext
  • 2. Soziale Varianz des Russischen vs. Stilistik der sozialen Varietäten
  • 2.1 Soziale Varianz im russistischen Paradigma
  • 2.2 Die Standard-Varietät(en) des Russischen und die Standard-Varianz
  • 2.2.1 Begriff und Status der Standardsprache
  • 2.2.2 Merkmale und Funktionen der Standardsprache
  • 2.2.3 Regional bedingte Varianz in der russischen Standardsprache
  • 2.2.4 Sprachhistorisch bedingte Varianz in der russischen Standardsprache
  • 2.2.5 Sprachnormen vs. Sprachgebrauch: Kodifizierung, Attitüden und Varianz
  • 2.2.6 Zusammenfassung
  • 2.3 Die Non-Standard-Varietäten des Russischen und die Non-Standard-Varianz
  • 2.3.1 Der Non-Standard im russistischen Paradigma
  • 2.3.2 Dialekte
  • 2.3.3 Das Prostorečie
  • 2.3.4 Soziolekte
  • 2.3.5 Tabuwortschatz
  • 2.3.6 Zusammenfassung
  • 2.4 Soziale Varianz im Wandel
  • 3. Funktionale Varianz des Russischen vs. Funktionalstilistik
  • 3.1 Funktional-stilistisches Paradigma: Grundkonzepte
  • 3.1.1 Sprachstil vs. Sprach-Attitüde(n)
  • 3.1.2 Stilistische Norm vs. stilistischer Fehler
  • 3.1.3 Stilistische Bedeutung, stilistische Färbung, Konnotation
  • 3.1.4 Stilistische Vermerke in Wörterbüchern
  • 3.1.5 Zusammenfassung
  • 3.2 Die Funktionalstile der russischen Standardsprache
  • 3.2.1 Begriff des Funktionalstils
  • 3.2.2 Die Umgangssprache
  • 3.2.3 Die Amtssprache
  • 3.2.4 Der wissenschaftliche Stil
  • 3.2.5 Der publizistische Stil
  • 3.2.6 Der künstlerische Stil
  • 3.3 Zusammenfassung
  • 3.4 Funktionale Varianz im Wandel
  • 4. Grammatische Varianz vs. Stilistik der Grammatik
  • 4.1 Grammatische Varianz im Wandel
  • 4.1.1 Grammatische Varianz im russistischen Paradigma
  • 4.1.2 Grammatische Varianten und normative Nachschlagewerke
  • 4.1.3 Sozio-stilistische Relevanz grammatischer Variationen
  • 4.2 Stilistik der Morphologie
  • 4.2.1 Sozio-stilistische Varianz morphologischer Mittel
  • 4.2.2 Funktional- und sozio-stilistische Distribution morphologischer Mittel
  • 4.3 Stilistik der Wortbildung
  • 4.3.1 Sozio-stilistische Ressourcen der Wortbildung im Wandel
  • 4.3.2 Sozio-stilistische Varianz der Wortbildungsmittel
  • 4.3.3 Funktional- und sozio-stilistische Distribution der Wortbildungsmittel
  • 4.4 Stilistik der Syntax
  • 4.4.1 Sozio-stilistische Ressourcen der Syntax im Wandel
  • 4.4.2 Sozio-stilistische Varianz syntaktischer Mittel
  • 4.4.3 Normverstöße oder Innovationen?
  • 4.4.4 Funktional- und sozio-stilistische Distribution syntaktischer Mittel
  • 4.5 Zusammenfassung
  • 5. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse
  • 6. Schlussbetrachtung und Ausblick
  • Quellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis (Sekundärliteratur)
  • Abkürzungen
  • Reihenübersicht

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0. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die Ausarbeitung von theoretisch-methodischen und deskriptiven Grundlagen einer Varianzstilistik des Russischen im Wandel, die – im Unterschied zu bisherigen präskriptiv ausgerichteten Stilistiken – sowohl standard- als auch non-standardsprachliche Phänomene aufgrund ihrer sozio-stilistischen Varianz integriert. Als Non-Standard werden hier die nicht standardsprachlichen Varietäten des modernen Russischen bezeichnet, wobei die Arbeit sich primär auf die sozialen Varietäten konzentriert. Unter der Standardsprache wird entsprechend die institutionell festgelegte (kodifizierte) Varietät des Russischen verstanden.

Der Arbeit liegt das pragmatische Sprachwandelkonzept der unsichtbaren Hand (vgl. Lüdtke 1980a, 1980b, 1989, 1993 sowie insbesondere Schank 1984; Mattheier 1984a; Keller 1990, 1991) zugrunde. Entsprechend werden die Sprachwandelprozesse als Mikrowandel (wie Interferenzen, Neubildungen und Varietätenmischung), Textsortenwandel (wie Mischung verschiedener Textsorten oder Ablösung herkömmlicher und Entstehung neuer Textsorten) und Makrowandel (Stadienwechsel in der Sprachgeschichte) betrachtet. Darüber hinaus stützt sich die Arbeit in theoretischer Hinsicht auf die Untersuchungen der ideologischen Dimension des Sprachwandels (in Anlehnung an Kosta 1999a).

Das Hauptziel der Arbeit besteht darin,

(1) einen systematischen Überblick über die Standard- und Non-Standard-Varianz, die sich im Zuge des aktuellen Sprachwandels in den kommunikativen Kontaktzonen des Standards und des Non-Standards entwickelt und das neue sozio-stilistische Repertoire der russischen Sprache nach 1985 bildet, zu erstellen;

(2) die Standard- und Non-Standard-Variationen sozio-stilistisch zu beschreiben;

(3) die aktuellen sozialen und funktionalen Umstrukturierungen des russischen Varietäten-Systems sowie die Prozesse der Destandardisierung des Standards und der Standardisierung des Non-Standards, die für die Etablierung der neuen sozio-stilistischen Varianz auf russischem Boden relevant sind, zu erfassen.

Im Fokus der Untersuchung steht der russische Non-Standard, der eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der neuen sozio-stilistischen Varianz spielt. ← 11 | 12 →

Für die Beschreibung der Standard- und Non-Standard-Varianz des Russischen entwickelt die Arbeit einen sozio-stilistischen Ansatz, der auf den folgenden Sprachwandelprozessen und -Aspekten basiert:

(1) Der Sprachwandel im postsowjetischen Russland vollzieht sich in einer Standardisierung des Non-Standards und einer Destandardisierung des Standards. Im Zentrum dieser Prozesse steht die aktuelle Emanzipation des Non-Standards in den standardsprachlichen Bereichen, die zur Entwicklung sozio-stilistisch relevanter Sprachvariationen Standard – Non-Standard führt. Unter Sprachvariation wird dabei explizit sowohl die Variation von sprachlichen Strukturen innerhalb einer Sprache (Mikrovariation) als auch die Sprachalternation, also die Verwendung mehrerer Sprachen, in der gegebenen Kommunikationssituation (Makrovariation) verstanden.

(2) Das oppositive Verhältnis Standard – Non-Standard wird von einem stilistisch differenzierten Gebrauch von Variationen zwischen dem Standard und dem Non-Standard abgelöst. Bei der Herausbildung dieses neuen sozio-stilistischen Kanons spielt nun die soziale, ästhetische und ideologische Anerkennung des Non-Standards (Sprach-Attitüden) und insbesondere des Argots durch die politischen, linguistischen und literarisch-publizistischen Autoritäten – wie auch im revolutionären Frankreich nach 1789 und im revolutionären Russland nach 1917 – eine wichtige Rolle (Seliščev 1928; Warditz 2013). Sprach-Attitüden werden dabei als kollektive Meinungen und Urteile über den Gebrauch der einen oder der anderen Varietät in konkreten Situationen verstanden (Löffler 2005: 39). In der Beschreibung des aktuellen Sprachwandels sowie im Sprachgebrauch selbst wird seit der Perestrojka zwischen der Sprachpflege und der Spracherneuerung oszilliert. Dabei dominiert in der russistischen Sprachwissenschaft eine puristische bzw. sprachpflegerische Tendenz und im russischen publizistischen und künstlerischen Diskurs eine liberale oder gar sprachrevolutionäre Position in Bezug auf Non-Standard-Gebrauch. Aus diesem Grund stehen im Fokus der Arbeit Sprach-Attitüden des linguistischen Diskurses und des publizistisch-künstlerischen Diskurses.

(3) Die Ideologie des Non-Standards, den die oppositionellen Kreise in der Sowjetunion als Mittel ihres literarisch-linguistischen Widerstandes einsetzten, steht also bisher einer linguistisch unterstützten staatlichen Ideologie des Standards gegenüber. Die russistische Linguistik hat den Non-Standard als Randerscheinung bzw. als Abweichung vom Standard behandelt, was der aktuellen Stilistik des Sprachgebrauchs sowie dem Entwicklungsstand der internationalen Sozio- und Variationslinguistik nicht entspricht. Der sozio-stilistische Ansatz, den die vorliegende Arbeit entwickelt, umfasst sowohl Standard- als auch ← 12 | 13 → Non-Standard-Phänomene des sozio-stilistischen Repertoires des Russischen unbegründet die Bedeutung von bisher nicht untersuchtem sozio-stilistischem Wandel in Sprachwandelprozessen. Die Sprachvariationen werden hier als Katalysator und Folge des Sprachwandels einerseits und andererseits als sozio-stilistisches Repertoire erfasst; sozio-stilistische Dynamik wird also als Faktor der Sprachentwicklung erkannt und analysiert.

Die sozialen, funktionalen und grammatischen Varianz-Phänomene wurden bisher in der Russistik jeweils im entsprechenden linguistischen Paradigma beschrieben – in der Soziolinguistik, der Funktionalstilistik und der grammatischen Varianzforschung. Die vorliegende Arbeit schlägt eine Brücke zwischen diesen Paradigmen und behandelt Standard- und Non-Standard-Varianz-Phänomene als sozio-stilistische Sprachvariationen. Die Integration von Sprach-Attitüden in den interparadigmatischen Forschungsansatz bestimmt auch die Fokussierung der Arbeit bei der Betrachtung von Sprachvariationen: Während die Varietätenlinguistik nach der Systematizität von Variationen fragt, legt die Soziostilistik den Akzent auf ihre sozial-kommunikative Bedeutsamkeit.

Die Untersuchung von Stilistik des Sprachwandels erfolgt daher anhand primär schriftlicher Texte aus dem linguistischen sowie aus dem extralinguistischen Diskurs. Die Festlegung der Analysequellen beruht darauf, dass die Sprach-Attitüden der russistischen Linguistik einerseits und der (vor 1985 alternativen) Literatur und Publizistik andererseits jeweils Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben sowie traditionell als sprachliche Autoritäten angesehen werden (detailliert vgl. den Abschnitt 1.1.3, über die Vorreiterrolle der russischen Journalisten in der Spracherneuerung in Kostomarov 1994, s. dazu auch Dettmer 2000). Das Untersuchungskorpus zum linguistischen Diskurs bilden repräsentative Nachschlagewerke, Grammatiken und Wörterbücher aus den Bereichen Soziolinguistik, Funktionalstilistik und grammatische Varianzforschung, die vor und nach dem Sprachwandel 1985 erstellt wurden (vgl. Quellenverzeichnis). Das extralinguistische Korpus wird anhand von literarischen, filmischen und folkloristischen Quellen, die sowohl Standard- als auch Non-Standard-Variationen stilistisch einsetzen, zusammengestellt (vgl. Quellenverzeichnis). Darüber hinaus wird das Online-Korpus der russischen Sprache (Nacional’nyj korpus russkogo jazyka NKRJa ‚Das nationale Korpus der russischen Sprache‘, www.ruslang.ru) samt Subkorpora zur Überprüfung von grammatischen Variationen einbezogen. Die russischen Online-Korpora sind allerdings für die Datenerhebung im Non-Standard-Bereich bisher wenig geeignet, weil sie auch bei der kommunikativen Ausdifferenzierung (publizistisches Subkorpus, umgangssprachliches Subkorpus, literarisches Subkorpus usw.) die Standard- und (kaum vorhandenen) Non-Standard-Phänomene ← 13 | 14 → nicht getagt darstellen oder sich primär an der Standardsprache orientieren und den Non-Standard nicht einbeziehen (vgl. Korpus russkogo literaturnogo jazyka ‚Korpus der russischen Literatursprache‘ unter www.narusco.ru). Bei der Darstellung der Non-Standard-Varianz wird daher auch auf mündliche Daten rekurriert, die von der Verfasserin in den Jahren 2005–2012 mittels teilnehmender Beobachtung und Befragungen erhoben wurden.

Die Arbeit liefert soziolinguistisch und stilistisch interpretierte Deskriptionen der sozialen und funktionalen Varietäten des Russischen in ihrem aktuellen Gebrauch und erfasst die sozio-stilistischen Mechanismen der Entwicklung von Standard vs. Non-Standard-Variationen im grammatischen Bereich (Wortbildung, Morphologie und Syntax). Neben den ansatzweise vorhandenen linguistischen Standardisierungsstrategien des Non-Standards in der russistischen Funktionalstilistik (wie Kožina (ed.) 2003), in der Soziolinguistik (wie Krysin (ed.) 2008a), in der grammatischen Varianzforschung (wie Graudina et al (eds.) 2001) sowie in den neueren, theoretisch unterschiedlich orientierten Lexika (wie Elistratov 1994 oder Ermakova et al (eds.) 1999) beschreibt die Arbeit die Standardisierungsstrategien, die außerhalb der standardsprachlich orientierten linguistischen Tradition entstanden sind, wie die in der Regel nicht einheitliche Notierung, Semantisierung oder Euphemisierung der Non-Standard-Elemente in literarischen und folkloristischen Quellen. Des Weiteren werden stilistische, soziale und ideologische Funktionen des Non-Standards präsentiert, die zu seiner aktuellen kommunikativen und linguistischen Etablierung beitragen. Ferner sind Destandardisierungsprozesse in den Standard-Varietäten, die aus der Emanzipation des Non-Standards resultieren, Gegenstand der Darstellung.

Die Arbeit diskutiert die weiterhin umstrittenen Fragen des Umfangs und der Stellung des Non-Standards innerhalb des wissenschaftlichen Paradigmas und seinen tatsächlichen Status im russischen Varietäten-System. Darüber hinaus ist die Rolle des Non-Standards in den aktuellen Destandardisierungsprozessen des Russischen sowie bei der Restrukturierung des Varietäten-Systems Gegenstand der Betrachtung. Der sozio-stilistisch differenzierte und entsprechend reflektierte Einsatz der Standard- und Non-Standard-Varianten und -Varietäten in den bisherigen Standard-Bereichen wird dabei analysiert als Auswirkung der sich etablierenden Sprachvariationen im Sprachgebrauch, die einen aktuellen stilistischen Kanon bilden. Mit der gegenwärtigen Etablierung einer neuen sozio-stilistischen Varianz, die sich auf der Basis der soziolinguistischen Varianz (Non-Standard-Varianz) entwickelt und mit der funktional-stilistischen Varianz (Standard-Varianz) konkurriert, verschieben sich die strikten linguistischen Distributionen von Standard und Non-Standard im Sprachgebrauch zu stilistisch ← 14 | 15 → und ideologisch reflektierten Variationen. Die aufgezeigte Tendenz charakterisiert insgesamt die Sprachwandelprozesse in Situationen des gesellschaftlichen Umbruchs. Die Erfassung von sozio-stilistisch basierten Sprachvariationen sowohl im Standard, als auch im Non-Standard und die Analyse ihrer Wechselwirkungen im linguistischen Paradigma und im tatsächlichen Sprachgebrauch trägt daher dazu bei, die noch wenig erforschte Sprachgeschichte des Russischen im 20.–21. Jh. zu vervollständigen.

Aus den formulierten Zielen und Vorgehensweisen ergibt sich die Struktur der Arbeit. Neben der Einleitung ist die Arbeit in sechs Teile gegliedert. Teil 1 führt an den Forschungskontext des Sprachwandels und der Sprachvariation im Russischen heran und nimmt die erforderlichen theoretischen Vorklärungen zu dem umrissenen Problemfeld vor. Teil 2 behandelt die soziale Varianz aus der Sicht der sich etablierenden Stilistik der sozialen Varietäten, die neben dem Standard den Non-Standard umfasst. Teil 3 untersucht die funktionale Varianz des Russischen im Wandel sowohl im funktional-stilistischen als auch im soziolinguistischen Paradigma. Teil 4 präsentiert die grammatische Varianz bzw. Stilistik der Grammatik und setzt sich damit mit den Standardisierungs- und Destandardisierungsprozessen auf russischem Boden auseinander. Teil 5 führt die wichtigsten Ergebnisse der in den Teilen 2 bis 4 durchgeführten Untersuchungen zusammen. Teil 6 rundet die Arbeit mit einer Schlussbetrachtung ab.

Falls es nicht anders vermerkt ist, sind die im Folgenden angeführten Zitate und Beispiele von der Verfasserin übersetzt.

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1. Sprachvariation – Sprachwandel – sozio-stilistische Varianz

1.1 Sprachvariationen im linguistischen und im extralinguistischen Diskurs

1.1.1 Theoretisch-konzeptionelle Vorklärungen

Die explosive Emanzipation des Non-Standards nach 1985 sowie dessen Anerkennung auch im öffentlichen Diskurs setzen die bisher geltende Standard-Domäne außer Kraft und repräsentieren somit ein neues Stadium in der Geschichte der russischen Sprache. Die dynamischen Prozesse der Destandardisierung des Standards und der Standardisierung des Non-Standards (vgl. Ammon 1995: 80), die den aktuellen Sprachwandel und seine linguistische Erforschung in Russland bestimmen, werden in der vorliegenden Arbeit anhand von Sprachvariationen1 und Spracheinstellungen (Attitüden) im linguistischen und extralinguistischen Diskurs untersucht.

Auf Basis bisheriger deskriptiver und theoretischer Forschungen zum Sprachwandel (detailliert s. im Abschnitt 1.2) entwickelt die Arbeit bei der Darstellung relevanter Sprachvariationen das folgende Konzept des sozio-stilistischen Wandels in Russland: ← 17 | 18 →

Im aktuellen Sprachgebrauch etablieren sich die neuen Sprachvariationen, die den Kern der gegenwärtigen Sprachwandelprozesse (Standard oder Non-Standard?) in Russland deutlich widerspiegeln. Diese Sprachvariationen, die sowohl Standard als auch Non-Standard umfassen, werden durch ideologisch, sozial und ästhetisch begründete Sprach-Attitüden unterstützt. Der reflektierte funktionale Einsatz sozialer Varietäten in Standard-Bereichen verleiht den vorher stigmatisierten Non-Standard-Elementen und -Registern den Status (potenzieller) innovativer Varianten. Somit entstehen neue oder erweitern sich bereits vorhandene Sprachvariationen; die konfliktträchtige Konkurrenz zwischen Standard und Non-Standard verlagert sich in der aktuellen Phase der Sprachentwicklung von der sozialen Achse (Prestige – Stigma) auf die Achse funktionaler Sprachvariationen. Die stilistische Anerkennung der Standard- vs. Non-Standard-Variationen im aktuellen Sprachgebrauch legitimiert ihrerseits den Status des Non-Standards in Standard-Bereichen und ermöglicht seine Standardisierung. Zugleich etabliert sich eine neue sozio-stilistische Varianz in der russischen Sprache, die sowohl Standard- als auch Non-Standard-Ressourcen integriert.

Diese bisher linguistisch nicht erfassten dynamischen Umstrukturierungen der russischen Sprache, die die Prozesse der Standardisierung vs. Destandardisierung in ihren soziolinguistischen und stilistischen Dimensionen widerspiegeln, werden in der vorliegenden Arbeit als Teilaspekt der russischen Sprachgeschichte des 20.–21. Jh. analysiert.

Prozesse der Standardisierung vs. Destandardisierung werden dementsprechend im Weiteren als aktuelle Phase der Sprachentwicklung verstanden, die sich ebenfalls in der Etablierung der neuen stilistisch reflektierten Sprachvariationen Standard vs. Non-Standard äußern. In der aktuellen Sprachsituation rückt eine sprachhistorisch basierte und weiterhin sozial, kulturell und ideologisch besetzte Gegenüberstellung von Standard und Non-Standard wieder ins Zentrum des Sprachwandels, der in der Arbeit unter Berücksichtigung diachroner Aspekte behandelt wird. Die inhaltliche und soziale Dimension des damit erzeugten Kulturkonflikts kann mit der Sprachsituation im postrevolutionären Russland nach 1917 verglichen werden, der semiotische Rahmen des sprachpolemischen Diskurses wie linguistische und extralinguistische Faktoren, Äußerungen und Argumentationen mit der Phase der Herausbildung der russischen Standardsprache Anfang bis Mitte des 19. Jh.

Wie im postrevolutionären Frankreich (nach 1789) und Russland (nach 1917) kommt in der aktuellen Phase der russischen Sprachgeschichte der sozialen, ästhetischen und ideologischen Anerkennung des Non-Standards (genauer: des Argots und der weiteren sozialen Varietäten) eine wichtige Rolle bei der Bildung ← 18 | 19 → eines neuen stilistischen Kanons zu. Die Ideologie des Non-Standards, den die oppositionellen Kreise in der Sowjetunion als Mittel ihres literarisch-linguistischen Widerstands einsetzten, steht bisher einer linguistisch unterstützten staatlichen Ideologie des Standards gegenüber.2

Ausgehend von dem chronologischen und theoretischen Rahmen der vorliegenden Arbeit lässt sich der Sprachwandel im Russischen in Bezug auf Standard und Non-Standard in drei Etappen aufteilen:

(1) Die Dominanz des Standards, der während der Sowjetzeit sozial, ideologisch und sprachpolitisch hoch eingestuft wurde, findet einen entsprechenden Niederschlag im linguistischen Paradigma. Der aus der linguistischen Forschung verdrängte Non-Standard tritt daher spätestens seit den 1930er Jahren vorwiegend im alternativen künstlerischen Diskurs auf. Diese strikte Distribution von Standard und Non-Standard zwischen dem offiziellen und dem nicht oder antioffiziellen Diskurs erhält bald auch eine entsprechende Ideologisierung. Der Standard wird zum sprachlichen Symbol des Offiziellen, des Sowjetischen oder des Totalitären und der Non-Standard zum Symbol des Alternativen oder gar des Antitotalitären. Der Non-Standard wird nicht nur als charakteristisches Sprachmittel des alternativen Diskurses angesehen, sondern vielmehr als antitotalitäre Anti-Sprache oder „Anti-Standard“ auch jenseits dessen künstlerischen Einsatzes. Diese ideologische Funktion des Non-Standards korreliert ferner mit Victor Hugos Charakterisierung des französischen Argots als einer „Sprache, die hasst“, sowie „einer Sprache der Verfluchten“, d.h. der sozial Diskriminierten (detailliert in Warditz 2013).

(2) Im posttotalitären Sprachgebrauch äußert sich die gesetzmäßig auftretende ideologisch geprägte Stigmatisierung des Standards zunächst in einem fast karnevalartigen Gebrauch des Non-Standards in den Standard-Bereichen. Diese nach 1985 entstandene Sprachsituation wurde zeitnah auch linguistisch fixiert, jedoch kaum im Kontext von Destandardisierung und Deideologisierung posttotalitärer linguistischer Diskurse diskutiert. Das linguistische Paradigma wertet die genannten Non-Standard-Erscheinungen weiterhin aus der Sicht des Normativen und des Nicht Normativen, also auf der sozialen und nicht auf der funktionalen Achse des Sprachwandels. Entsprechend ausgerichtet verläuft die Polemik über die Sprache ← 19 | 20 → seit den 1990er Jahren, die sich um die Frage nach den linguistischen Grenzen des Zulässigen dreht. Diese Polemik spiegelt auch Diskrepanzen zwischen dem linguistischen Paradigma, das sich an dem Standard orientiert, und dem öffentlichen Sprachgebrauch, der offenbar für den Non-Standard plädiert, wider.

(3) Die bisher geltende ideologisierte Opposition Standard – Non-Standard wird im aktuellen Sprachgebrauch immer deutlicher von der Herausbildung stilistisch distribuierter Sprachvariationen abgelöst, die sowohl den Standard als auch den Non-Standard umfassen und damit die Etablierung einer neuen Sprachstilistik (oder Variations-Stilistik) auf russischem Boden ankündigen. Eine Schlüsselrolle in der aktuellen stilistischen Differenzierung der Standard- und Non-Standard-Varianten und -Varietäten, die dadurch linguistisch legitimiert werden, kommt dabei den sozial, ästhetisch und ideologisch bedingten Spracheinstellungen zu. Kaum oder nur peripher im bisherigen russistischen Kontext zum Sprachwandel berücksichtigt, sind die Spracheinstellungen sowohl für die erschöpfende Deskription der Sprachwandelprozesse und der Sprachvariationen sowie für die Erklärung dieser Prozesse relevant. Wie in der historischen Sprachwissenschaft beobachtet (vgl. die historisch-semiotischen Ansätze in der Sprachgeschichte wie die von Živov 1990, Uspenskij 1985), können die Spracheinstellungen ebenfalls einen spürbaren sozialen, ästhetischen oder auch ideologischen Einfluss auf die Umstrukturierung, den Gebrauch und den Status verschiedener Varietäten sowie einzelner Varianten ausüben.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit, die am Schnittpunkt zwischen Soziolinguistik, Funktionalstilistik und grammatischer Varianzforschung liegt (zu dem Ansatz vgl. Auer 2012), stehen Sprachvariationen, die sich in kommunikativen Kontaktzonen des Standards und des Non-Standards im Zuge des aktuellen Sprachwandels in Russland bilden. Sprachvariationen werden dabei als Resultat des Sprachwandels sowie der Konkurrenz verschiedener Sprachvarianten, (Sub-)Ideologien und Attitüden verstanden.

Die Arbeit fokussiert die gegenwärtige Etablierung einer neuen sozio-stilistischen Varianz, die sich auf der Basis der soziolinguistischen Varianz entwickelt und dadurch mit der funktional-stilistischen Varianz konkurriert und fusioniert. Die entdeckte Tendenz im Sprachgebrauch – die Umwandlung der strikten Distributionen Standard/Non-Standard in die stilistisch und ideologisch reflektierten Variationen – scheint die Sprachwandelprozesse in Situationen des gesellschaftlichen Umbruchs zu begleiten. Diese Tendenz, die in der romanistischen Forschung zum Non-Standard-Wandel nach 1789 bereits erschöpfend erforscht worden ist, wird in der russistischen Beschreibung der Sprache der Revolution 1917 aus ideologischen und später auch aus sprachpolitischen ← 20 | 21 → Gründen nur angedeutet. Die vorliegende Arbeit zu den Sprachvariationen und Spracheinstellungen im Sprachwandelkontext nimmt Bezug auf die erwähnten Forschungsansätze in der Romanistik und der nachrevolutionären Russistik und behandelt somit den aktuellen Sprachwandel im Russischen im sprachhistorischen sowie im allgemein linguistischen Forschungskontext.

Im aufgezeigten Problemkontext zielt die vorliegende Untersuchung darauf ab, Grundlagen für eine deskriptive Stilistik der Varianz-Phänomene zu schaffen, die den Sprachwandel widerspiegelt und die neuen Sprachvariationen, die auch in den sozio-stilistischen Bereich hineinwirken, soziolinguistisch beschreibt.

Das Hauptziel der Arbeit besteht in der sozio-stilistischen Darstellung und Analyse der sich aktuell entwickelnden Standard- und Non-Standard-Sprachvariationen des Russischen. Dies erfolgt anhand von sozialen, funktionalen und grammatischen Varianz-Phänomenen (Wortbildung, Morphologie und Syntax), die das neue stilistische Repertoire der russischen Sprache bilden und den sich etablierenden Sprachvariationen zugrunde liegen.

Zugleich beschreibt die vorliegende Arbeit die aktuellen sozialen und funktionalen Umstrukturierungen des russischen Varietäten-Systems sowie die Prozesse der Destandardisierung des Standards und der Standardisierung des Non-Standards, die für die Etablierung der neuen sozio-stilistischen Varianz auf russischem Boden relevant sind. Anhand von funktionalen, sozialen und grammatischen Sprachvariationen werden solche Destandardisierungs-Tendenzen im Sprachgebrauch und im russistischen Paradigma beschrieben wie die Vermischung der funktionalen Varietäten (also der Standard-Varietäten) auch mit den Non-Standard-Varietäten, die Expansion von Non-Standard-Elementen sowie die Fokus-Erweiterung in der grammatischen Varianzforschung, die den Non-Standard in Standard-Nachschlagewerken exemplarisch berücksichtigt. Beschrieben als Standardisierungs-Tendenzen werden der reflektierte Gebrauch von Non-Standard-Elementen und -Varietäten in den Standard-Domänen, ihre extralinguistische und linguistische Anerkennung sowie eine daraus resultierende Umstrukturierung des russischen Varietäten-Systems, die zu einer Veränderung des soziolinguistischen Status des Non-Standards führt.

Der aktuelle Standard- und Non-Standard-Gebrauch, der vor 1985 durch die präskriptive Normsetzung reguliert wurde, unterliegt einem polydimensionalen Komplex von Faktoren und Mechanismen linguistischer wie extralinguistischer Provenienz. Eine relativ simple Gegenüberstellung Standard – Non-Standard, bei der allein die Anführung des Non-Standards in einem Kommunikationsbereich des Standards semiotisch relevant ist, wird nach 1985 von den ideologisch, ästhetisch und sozial ausdifferenzierten Variationen zwischen Standard und ← 21 | 22 → Non-Standard überholt. Bedingt durch primär ideologisch geprägte Sprach-Attitüden, fungieren die Sprachvariationen im Standard/Non-Standard im aktuellen Sprachgebrauch als Kern der gegenwärtigen stilistischen Ressourcen der russischen Sprache, zu denen auch die vorher stigmatisierten sozialen Varietäten des Russischen zählen.

Während die Stilistik der russischen Sprache sich bisher im Rahmen des standardsprachlichen Bereichs bewegt hat, erweitert die vorliegende Arbeit das bisherige russistische Paradigma um eine Stilistik des Nicht-Normativen und des Normativen. Standard und Non-Standard werden nicht als Opposition, sondern als eine Variation betrachtet, die sich in der Stilistik des aktuellen Sprachgebrauchs äußert. Damit erfolgt der Paradigmenwechsel von präskriptiver zu deskriptiver Stilistik, die von zeitgenössischen Sprach-Attitüden geprägt ist. Entsprechend wird die Stilistik hier nicht der für die Standard-Pflege instrumentalisierten russischen Funktionalstilistik gleichgesetzt, sondern als eine sprachreflektorische (ästhetische, ideologische, kulturelle) Dimension der Variationslinguistik verstanden.

Als Non-Standard werden hier die nicht standardsprachlichen Varietäten des modernen Russischen umrissen, wobei die Arbeit sich primär auf die diastratischen Varietäten konzentriert. Der Tabuwortschatz und dessen Euphemisierungsarten, die bisher außerhalb der russistischen Stilistik und Soziolinguistik blieben, sowie diatopische Varietäten werden ebenfalls berücksichtigt, da sie auch Bestandteil der diastratischen Varietäten des Russischen der Gegenwart sein können. Neben den sozialen (Non-Standard) und funktionalen (Standard) Varianz-Phänomenen stellt die Arbeit auch die stilistisch relevante grammatische Varianz des Russischen dar. Diese zeigt den Übergang der Varianz-Phänomene aus dem Non-Standard in den Standard (also ihre Standardisierung) und ist somit auch von der stilistischen Einordnung der ursprünglich soziolinguistischen Varianten betroffen.

Sprach-Attitüden, die die aktuelle sozio-stilistische Distribution der sozialen, funktionalen und grammatischen Varianz-Phänomene mitbestimmen, werden in der vorliegenden Arbeit als Faktor der Entstehung vs. Tilgung der Sprachvariationen und somit auch als Faktor des Sprachwandels analysiert (vgl. z.B. Dettmer 2000, die die Rolle der Sprach-Attitüden im Sprachwandel des publizistischen Diskurses in Russland empirisch belegt). Sprechergruppen bzw. einzelne Sprecher der einen oder anderen sozialen Varietät können ihre eigenen Spracheinstellungen auch im Gebrauch von Standard und Non-Standard sowie ihrer Variationen realisieren. So wird im Bereich des Non-Standards, abhängig von den Spracheinstellungen unterschiedlicher Sprechergruppen, ein sozial und stilistisch differenzierter Einsatz der Tabulexik und ihrer Euphemismen ← 22 | 23 → festgestellt. Im Bereich des Standards lassen sich die Sprach-Attitüden in Bezug auf eine veraltete vs. innovative, neutrale vs. expressive sowie auf eine sozial vs. funktional bedingte Variante ebenfalls nicht nur aus dem Bildungsgrad oder aus dem Alter des jeweiligen Sprechers ableiten, sondern manifestieren vielmehr seine ästhetische und ideologische Position (Selting/Couper-Kuhlen 2000; Belikov 2009; Krysin 2003b, 2003c). In dieser Hinsicht nähert sich die Arbeit dem interaktionalen linguistischen Ansatz, der die Konsequenzen einer interaktional-linguistischen Sichtweise für eine allgemeine (linguistische) Theorie der Sprache und Sprachverwendung in sozialer Interaktion aufzeigt, vgl.:

Beim Sprachwandel in den Vordergrund gerückt, setzen die Sprach-Attitüden einerseits den Zeitgeist bzw. den Zeitgeschmack im individuellen Sprachgebrauch um, wobei sie sich nicht nur in einer unreflektierten Sprach-Mode oder in den sogenannten Massenfehlern äußern, sondern auch in einem (sich aktuell entwickelnden) reflektierten Einsatz von Varietäten und Varianten im alltäglichen und öffentlichen Diskurs.

Als ein – wenn auch wenig berücksichtigter – Distributions-Faktor sozialer und funktionaler Varietäten sowie einzelner Varianten bei bestimmten sozialen Gruppen, Subkulturen und Ideologien haben die Sprach-Attitüden zur Entstehung eines alternativen Diskurses im russischen bzw. im sowjetischen sprachkulturellen Raum in der Zeit des Totalitarismus beigetragen. Jenseits des linguistischen Paradigmas entwickelt der alternative künstlerische und alltägliche Diskurs der Sowjetzeit im Gegensatz zu der präskriptiven (Funktional)Stilistik sowie der präskriptiven stilistischen Varianz eine eigene Stilistik, der ein ästhetisch und ideologisch reflektierter Gebrauch von stigmatisierten oder verbotenen Varietäten zugrunde liegt.

Während der rigide stilistische Standard-Kanon die Varianz, ein grundlegendes Merkmal der Stilistik, unterbindet, etablieren sich im alternativen Diskurs stilistisch bedingte Sprachvariationen auch zwischen Standard- und Non-Standard-Varianten und -Varietäten, die im aktuellen Sprachwandel ansatzweise auch in den Standard-Bereichen gelten. Basiert auf ideologisch geprägten Sprach-Attitüden, wirkt der stilistische Einsatz von Sprachvariationen und -innovationen aus dem Non-Standard ebenfalls als Faktor ihrer Anerkennung und somit als Faktor des Sprachwandels. ← 23 | 24 →

Aus dem für die russische Sprachgeschichte im 20. Jh. relevanten ideologischen und linguistischen Gegensatz zwischen Standard und Non-Standard sowie aus seiner Zuordnung zu verschiedenen Diskursen ergibt sich auch die Festlegung der linguistischen und extralinguistischen Analysequellen in der vorliegenden Arbeit.

Da die Stilistik der Sprachvarietäten zunächst im alternativen künstlerischen Diskurs und nach 1985 im allgemeinen Sprachgebrauch als ein führendes ideologisches und ästhetisches Mittel erkannt und anerkannt wurde, untersucht die Arbeit neben den linguistischen Daten (mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch, Lexika, Nachschlagewerke) und neben dem linguistischen Diskurs (Fachliteratur sowie Polemik über die Sprache) auch den extralinguistischen Diskurs (literarische und folkloristische Texte, Filme) als Quelle der Standardisierung stilistisch anerkannter Varianten und Varietäten.

Einer traditionellen Sonderstellung der russischen Literatur im linguistischen Diskurs entsprechend, beansprucht die licentia poetica sprachpolitische und sprachideologische Sonderrechte auch im alternativen literarischen und publizistischen Diskurs, der eine eigene Ästhetik des Wortes entwickelt und den offiziellen, auf den Standard bezogenen funktional-stilistischen Diskurs überwindet. Eine zum Teil ideologisierte literarische Apologie des Non-Standards überholt bisher dessen linguistische Beschreibung auf russischem Boden. Der extralinguistische Diskurs und insbesondere die russische Untergrund-Literatur des 20. Jh. bleiben eine zuverlässige Quelle der Standardisierung des Non-Standards, die im linguistischen Paradigma bisher nur punktuell stattfindet.

Biographische Angaben

Vladislava Warditz (Autor:in)

Vladislava Warditz ist Privatdozentin an der Universität Potsdam. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind: Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt, korpusbasierte Untersuchung urbaner und historischer Dialekte, Sprach- und Begriffsgeschichte, Soziolinguistik sowie Sprachvarianz und Sprachwandel.

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Titel: Varianz im Russischen