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Ökologischer Wandel in der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts

Neue Perspektiven und Ansätze

von Gabriele Dürbeck (Band-Herausgeber:in) Christine Kanz (Band-Herausgeber:in) Ralf Zschachlitz (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 300 Seiten

Zusammenfassung

Auf Basis des Ecocriticism analysiert der Band literarische Repräsentationen des Umweltwandels im 20./21. Jahrhundert. Im Zentrum stehen die engen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt sowie die Frage nach ästhetischen Möglichkeiten einer nicht-anthropozentrischen Darstellung von Natur. Die Beiträge nehmen die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Krisenphänomenen im Wechselspiel von Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft in den Blick und betten die in den literarischen Texten artikulierten Phänomene ökologischen Wandels in ästhetische, historische und philosophische Kontexte ein. Wie hängen Risikobewusstsein und Handlungsoptionen zusammen? Was sind die Gründe der menschlichen Ignoranz von Umweltzerstörung? Welche Antworten auf die ökologische Krise können literarische Texte bieten?

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Ökokritische Perspektiven und Anthropozän-Diskurs in der deutschsprachigen Literatur – eine Einleitung (Gabriele Dürbeck / Christine Kanz / Ralf Zschachlitz)
  • Teil I Wiedergewinnung der ‚Lebenswelt‘ und Anerkennung der ‚Natur‘
  • Kulturökologie und Phänomenologie bei Kafka und W.G. Sebald (Sieglinde Grimm)
  • Gespräche über Vögel im Odenwald, in der Eifel und in Afghanistan. Zum Verhältnis von Natur und Globalisierung bei Andreas Maier/Christine Büchner und Norbert Scheuer (Marita Meyer)
  • Flora im Widerstand. Subjektivität als ökokritische Haltung in der zeitgenössischen Lyrik: Marion Poschmann, Silke Scheuermann und Jan Wagner (Björn Hayer)
  • Ethische Ökokritik der Gegenwartsliteratur: Saša Stanišić Vor dem Fest (2014) (Anna Sandberg)
  • Die Neuerfindung der ‚Natur‘: Das Experiment Pfaueninsel in Thomas Hettches Roman (Christine Kanz)
  • Teil II Engagierte Literatur? Ökokritische Ansätze in der DDR- und (Post-)Wendeliteratur
  • Der planetarische Blick der Poesie: Zur Konstituierung der Erde als Heimat in Günter Kunerts lyrischem Werk (Adam Paulsen)
  • Umweltprotest als Auslöser politischen Wandels in Erich Loests Roman Nikolaikirche (Monika Hohbein-Deegen)
  • Engagierte Literatur und Ökologie in Wolfgang Hilbigs Roman «ICH» (Ralf Zschachlitz)
  • Teil III Zur literarischen Darstellbarkeit von Klimawandel und Umweltkatastrophen
  • Der bebende Planet: Agentielle Natur und Risikowahrnehmung in Franz Hohlers Roman Der neue Berg (Christoph Weber)
  • „Die Illusion der Überlegenheit“. Yoko Tawada über Fukushima in den Hamburger Poetikvorlesungen (Carlotta von Maltzan)
  • „Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“ Intertextueller Traditionsbezug und gattungspoetische Variation in Jürgen Lodemanns Anti-Atomkraft-Novelle Fessenheim (2013) (Florian Maria König)
  • Klima und Suizid in Ilija Trojanows Roman EisTau (Antje Büssgen)
  • Nord-Südkonflikt und Ökokritik in Ilija Trojanows EisTau und Zakes Mdas The Heart of Redness (Kira Schmidt)
  • Die Wüstenzone zwischen Klimadiagnostik, Anti-Anthropozentrismus und Autoreferenzialität. Bild- und Zeitordnungen der Wüste in Raoul Schrotts Die fünfte Welt (Achim Küpper)
  • Abbildungsverzeichnis
  • Abstracts of the contributions
  • Verzeichnis der Autoren und Autorinnen
  • Reihenübersicht

Gabriele Dürbeck / Christine Kanz /
Ralf Zschachlitz (Hrsg.)

Ökologischer Wandel in der
deutschsprachigen Literatur
des 20. und 21. Jahrhunderts

Neue Perspektiven und Ansätze

Herausgeberangaben

Gabriele Dürbeck ist Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Vechta.

Christine Kanz ist Professorin für Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur an der Pädagogischen Hochschule in Linz.

Ralf Zschachlitz ist Professor für deutsche Literatur und Geistesgeschichte an der Université Lumière Lyon 2.

Über das Buch

Auf Basis des Ecocriticism analysiert der Band literarische Repräsentationen des Umweltwandels im 20./21. Jahrhundert. Im Zentrum stehen die engen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt sowie die Frage nach ästhetischen Möglichkeiten einer nicht-anthropozentrischen Darstellung von Natur. Die Beiträge nehmen die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Krisenphänomenen im Wechselspiel von Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft in den Blick und betten die in den literarischen Texten artikulierten Phänomene ökologischen Wandels in ästhetische, historische und philosophische Kontexte ein. Wie hängen Risikobewusstsein und Handlungsoptionen zusammen? Was sind die Gründe der menschlichen Ignoranz von Umweltzerstörung? Welche Antworten auf die ökologische Krise können literarische Texte bieten?

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Gabriele Dürbeck, Christine Kanz und Ralf Zschachlitz

Ökokritische Perspektiven und Anthropozän-Diskurs in der deutschsprachigen Literatur – eine Einleitung

Teil I Wiedergewinnung der ‚Lebenswelt‘ und Anerkennung der ‚Natur‘

Sieglinde Grimm

Kulturökologie und Phänomenologie bei Kafka und W.G. Sebald

Marita Meyer

Gespräche über Vögel im Odenwald, in der Eifel und in Afghanistan. Zum Verhältnis von Natur und Globalisierung bei Andreas Maier/Christine Büchner und Norbert Scheuer

Björn Hayer

Flora im Widerstand. Subjektivität als ökokritische Haltung in der zeitgenössischen Lyrik: Marion Poschmann, Silke Scheuermann und Jan Wagner

Anna Sandberg

Ethische Ökokritik der Gegenwartsliteratur: Saša Stanišić Vor dem Fest (2014)

Christine Kanz

Die Neuerfindung der ‚Natur‘: Das Experiment Pfaueninsel in Thomas Hettches Roman

Teil II Engagierte Literatur? Ökokritische Ansätze in der DDR- und (Post-)Wendeliteratur

Adam Paulsen

Der planetarische Blick der Poesie: Zur Konstituierung der Erde als Heimat in Günter Kunerts lyrischem Werk ←5 | 6→

Monika Hohbein-Deegen

Umweltprotest als Auslöser politischen Wandels in Erich Loests Roman Nikolaikirche

Ralf Zschachlitz

Engagierte Literatur und Ökologie in Wolfgang Hilbigs Roman «ICH»

Teil III Zur literarischen Darstellbarkeit von Klimawandel und Umweltkatastrophen

Christoph Weber

Der bebende Planet: Agentielle Natur und Risikowahrnehmung in Franz Hohlers Roman Der neue Berg

Carlotta von Maltzan

„Die Illusion der Überlegenheit“. Yoko Tawada über Fukushima in den Hamburger Poetikvorlesungen

Florian Maria König

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“ Intertextueller Traditionsbezug und gattungspoetische Variation in Jürgen Lodemanns Anti-Atomkraft-Novelle Fessenheim (2013)

Antje Büssgen

Klima und Suizid in Ilija Trojanows Roman EisTau

Kira Schmidt

Nord-Südkonflikt und Ökokritik in Ilija Trojanows EisTau und Zakes Mdas The Heart of Redness

Achim Küpper

Die Wüstenzone zwischen Klimadiagnostik, Anti-Anthropozentrismus und Autoreferenzialität. Bild- und Zeitordnungen der Wüste in Raoul Schrotts Die fünfte Welt

Abbildungsverzeichnis

Abstracts of the contributions

Verzeichnis der Autoren und Autorinnen←6 | 7→

Gabriele Dürbeck, Christine Kanz und Ralf Zschachlitz

Ökokritische Perspektiven und Anthropozän-Diskurs in der deutschsprachigen Literatur – eine Einleitung

Der vorliegende Band hat das Ziel, die facettenreiche Darstellung von ökologischem Wandel in ihren literarisch-ästhetischen, kulturellen, ethischen und politischen Dimensionen in repräsentativen deutschsprachigen Texten der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts zu analysieren. Vor der Folie des literatur- und kulturwissenschaftlichen Ansatzes des Ecocriticism erkunden die Beiträge die engen Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt und fragen nach den ästhetischen Möglichkeiten einer nicht-anthropozentrischen Darstellung von ‚Natur‘. In Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Krisenphänomenen im Wechselspiel von Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft geht es darum, die in den literarischen Texten artikulierten Phänomene ökologischen Wandels in die jeweiligen wissenschaftlichen, ästhetischen, philosophischen und historischen Kontexte einzubetten und vor diesem Hintergrund die Besonderheit der jeweiligen Texte zu verdeutlichen. In ihren Lektüren loten die Beiträgerinnen und Beiträger den dargestellten Zusammenhang von Risikobewusstsein und Handlungsoptionen aus, gehen den Gründen der menschlichen Ignoranz von Umweltzerstörung nach und suchen in den Texten nach Antworten auf die ökologische Krise.

Ökologischer Wandel bezeichnet zum einen den anthropogenen Klimawandel mit den schädlichen Auswirkungen und unbeabsichtigten Nebenfolgen des menschlichen Eingriffs in die Biosphäre. Dabei schlägt sich die ökologische Krise sowohl in akuten Desastern wie Extremwetterereignissen, Überschwemmungen oder Dürre nieder als auch in allmählichen, schleichenden Prozessen wie etwa der Bodenerosion oder dem Artensterben.1 Ökologische Krisen bedeuten eine „intensive Phase des Wandels“,2 die auch die politische Ordnung affiziert und den←7 | 8→ „Verlust sozialer Gewissheiten bedeutet“.3 Zum anderen bezeichnet ökologischer Wandel die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft für die nächsten Generationen, wobei literarische Texte als ‚kulturelle Ressource‘4 und „erneuerbare Quelle der Energie […] aus Sprache und Imagination“5 dienen können.

Seit über vierzig Jahren stehen ökologischer Wandel und Fragen der Nachhaltigkeit auf der Agenda von Wissenschaft, Politik und Medien.6 Durch die 2015 von den Vereinten Nationen formulierte „2030 Agenda for Sustainable Development” erhält die Frage der Nachhaltigkeit und verantwortlichen Gestaltung der Zukunft eine neue Brisanz.7 Ein Großteil dieser Ziele wird in der aktuellen Anthropozän-Debatte aufgegriffen und auf verschiedene Interessen hin zugespitzt. Der Begriff ‚Anthropozän‘, der 2000 von dem Atmosphärenchemiker Paul Crutzen und dem Biologen Eugene Stoermer in die geologische und umweltwissenschaftliche Forschung eingeführt worden ist,8 bezeichnet ein neues Erdzeitalter, in dem die menschlichen Aktivitäten in einem planetaren Ausmaß zum dominanten Einfluss auf die geologischen, physikalischen und biologischen Systeme geworden sind. Als Eintritt in das Anthropozän, das seit 2016 auch offiziell von der Geological Society als neues geologisches Zeitalter anerkannt worden ist,9 wird mittlerweile die Phase der Hochindustralisierung nach dem Zweiten Weltkrieg angesehen.10 Da die Idee←8 | 9→ des Anthropozän in den letzten 17 Jahren eine Karriere in ganz unterschiedlichen Disziplinen angetreten hat, die von den Geowissenschaften und der Stratigraphie über die Sozialökonomie, die Politik- und Rechtswissenschaften, die Ethik und Philosophie bis hin zur Archäologie, Kunstgeschichte sowie den Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaften reichen,11 ist es naheliegend, dass diese Debatte auch in mehreren Beiträgen des vorliegenden Bandes aufgegriffen wird. Der Anthropozän-Diskurs ist mindestens durch drei Merkmale gekennzeichnet: eine planetarische Perspektive auf die globale Umweltkrise, eine großskalige Zeitdimension und den Fokus auf eine enge Wechselbeziehung zwischen Natur und Kultur.12 Obgleich die Beiträge auf alle drei Aspekte zu sprechen kommen, steht doch die Frage nach dem Mensch-Natur-Verhältnis und deren ästhetische Inszenierung im Vordergrund.

Die Idee der Unerschöpflichkeit der natürlichen Ressourcen, von der die gesamte Modernisierung, der Glaube an Fortschritt und technologische Entwicklung ausging, wird durch die Anthropozän-Idee fundamental erschüttert.13 Durch die bedrohlichen Folgen der Zivilisationstätigkeit wird sich der Mensch seiner Endlichkeit bewusst. Fragwürdig wird damit auch die Idee der Natur als das Andere, der Wildnis als das Unberührte. Der für die Literatur und Kunst so wichtige Rückzugsraum in der Natur schwindet. Diese Problematik schlägt sich in vielfacher Gestalt auch in den hier analysierten Texten nieder. Sie rekurrieren auf das Anthropozän daher zum einen in kritischer Weise, da die Menschheit für die gravierende und dauerhafte Umweltzerstörung verantwortlich ist und die „Zukunft als Katastrophe“14 erscheint. Bei der Verantwortung der Menschheit als einer Art Kollektivsubjekt sollte aber, worauf unter anderem Dipesh Chakrabarty zu Recht hingewiesen hat, von einer←9 | 10→ „gemeinsamen[,] aber differenzierte[n] Verantwortung für die globale Erwärmung und deren Bekämpfung“ nach dem multilateralen-Rechtsprinzip ausgegangen werden.15 Zum anderen thematisieren etliche Beiträge das Anthropozän als Problematisierung der anthropozentrischen Naturbeherrschung und Entfremdung von der Natur und fragen nach einer posthumanen Wiedergewinnung einer neuartigen Lebenswelt und einer neuen sinnlichen Präsenz, welche der Diversität der Natur jenseits von zweckgebundener Instrumentalisierung ein eigenes Recht einräumt. Dies beinhaltet auch die Frage nach neuartigen Artikulationsmöglichkeiten für die Welt der Tiere und Pflanzen sowie der unbelebten Natur. In der kulturwissenschaftlichen Forschung zum Anthropozän wird die seit der Frühen Neuzeit etablierte Dichotomie von Natur und Kultur grundsätzlich infrage gestellt.16 Die durch Technik und Wissenschaft veränderte Natur, die mittlerweile eine im planetaren Maßstab vom Menschen kultivierte ‚Natur‘ ist, scheint uns in der verdinglichten Form ‚als scheinbar fremdes Monster‘ entgegenzutreten. Um diese Entfremdung zu überwinden, die auch blind für das Leiden der Natur mache, fordern Jürgen Renn und Bernd Scherer den „Einbezug einer sinnlich-ästhetischen Praxis“.17

Die im vorliegenden Band analysierten Texte, die von Günter Kunert und Wolfgang Hilbig über W.G. Sebald, Franz Hohler, Yoko Tawada und Thomas Hettche bis hin zu Marion Poschmann und Jan Wagner reichen, stellen eine solche ästhetische Praxis dar. Dabei reflektieren die Texte nicht nur die menschlichen Zurichtungen und Zerstörungen der Natur auf kritische Weise, sondern tragen auch zu einer Wiedererfindung der ‚Natur‘ bei und erkennen dieser teilweise eine magische oder agentielle Seite zu, die in ihrer Andersartigkeit schön oder schrecklich, anziehend oder bedrohlich, ungewohnt und interessant sein kann. Es geht darum, neue Einsichten in die vielfältigen Wechselbeziehungen des Menschen mit der Natur zu finden. Dabei sollte ein Erzählen aus Perspektive einer Füchsin wie in Sasa Stanišićs Roman Vor dem Fest, das Einfangen des ‚Hörbildes‘ eines schmelzendens Gletschers wie in Ilija Trojanows EisTau oder ein aus der Pflanzenwelt kommender Aufruf Gärten zu schaffen wie in Silke Scheuermanns „Floras Lied“ nicht als bloßer Anthropomorphismus oder personifiziertes Sprechen abgetan werden.18 Vielmehr stellen←10 | 11→ solche Erzählweisen Versuche „einer ‚Rettung der Phänomene‘“19 dar, die für den Menschen neue ökologische Erfahrungsräume erschließen und eine Form der sinnlichen Erkenntnis ermöglichen. Sie sind nicht zuletzt auch eine Antwort auf „den tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft und unserer Welt(un)ordnung“.20

Diesem Sammelband ist eine ganze Reihe von anderen Publikationen vorausgegangen, die dokumentieren, dass sich der Ansatz des Ecocriticism auch in der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft allmählich zu etablieren beginnt.21 Eine Vorreiterrolle kommt dabei sicherlich Axel Goodbody zu, der seit den späten 1990er Jahren u. a. mit seinen Sammlungen Literatur und Ökologie22, The Culture of German Environmentalism und der Monographie Nature, Technology and Cultural Change in Twentieth-Century German Literature23 Maßstäbe gesetzt hat. 2002 hat Hubert Zapf in seiner Studie Literatur als kulturelle Ökologie (2002) in Verbindung von Systemtheorie und Literaturanalyse ein triadisches Funktionsmodell des literarischen Diskurses entwickelt.24 Sein Modell ist vielfach aufgegriffen und zum Beispiel auch im Bereich der für die Bildungsforschung maßgeblichen Bereich der Literaturdidaktik weiterentwickelt worden, der die Ausbildung derjenigen←11 | 12→ betrifft, deren Zukunft auf dem Spiel steht.25 Bedeutend für die Weiterentwicklung des Feldes des Ecocriticism im deutschsprachigen Raum war auch der von Catrin Gersdorf und Sylvia Mayer 2005 edierte Band Natur – Kultur – Text. Ökologie und Literaturwissenschaft.26 Ausgehend von den Prämisse, dass unser Zugang zur Welt auf der symbolischen Ebene verläuft und die ökologische Krise eine ‚Krise der Imagination‘ anzeigt, betonen sie die wichtige Rolle der literarischen Anthropologie Wolfgang Isers sowie der Kulturökologie Peter Finkes und Hubert Zapfs als theoretische Grundlage für einen europäischen Ecocriticism.27 In seinem Handbuchartikel „German Ecocriticism“28 von 2014 hat Goodbody in einer tour d’horizon das Forschungsfeld unter Einbeziehung von philosophischen und wissenschaftlichen Ansätzen zur (Proto-)Ökologie seit der Romantik vermessen. Für die Entstehung eines spezifisch ‚deutschen Ecocriticism‘ hebt er die Ansätze der Hermeneutik, Kritischen Theorie (Adorno), Naturästhetik (Hartmut und Gernot Böhme) und Kulturökologie (Finke, Zapf) hervor. Sabine Wilke versucht in ihren Arbeiten die germanistischen Beiträge zum Ecocriticism in dem breiteren Feld der Environmental Humanities zu verorten.29

Die erste deutschsprachige Einführung zum Ecocriticism, herausgegeben von Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe, erschien 2015.30 Sie gibt einen Überblick über interdisziplinäre Forschungsperspektiven und theoretische Ansätze wie Ökokosmopolitismus, Biosemiotik, Ökofeminismus, New Materialism und Cultural Animal Studies sowie über die verschiedenen Genres der umweltbezogenen Li←12 | 13→ teratur (Bukolik, Pastorale, Lyrik, Drama, Klimawandelroman, Ökothriller, Kinder- und Jugendliteratur u. a.), des Films und der bildenden Kunst. Benjamin Bühlers Einführung in den Ecocriticism von 2016 stellt die Geschichte des Forschungsansatzes mit einem literaturgeschichtlichen Abriss zur umweltbezogenen deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert bis zu heutigen Dystopien vor und geht auf grundlegende Konzepte wie Wohnen, Wildnis, ‚Zurück zur Natur‘, auf ökologische Narrative wie Artensterben, Recycling oder auch das Anthropozän sowie auf unterschiedliche Genres ein.31

Der erste Teil des Bands umfasst sechs Beiträge, die sich unter der Thematik der Wiedergewinnung der ‚Lebenswelt‘ und Anerkennung der Diversität der ‚Natur‘ bündeln lassen. Einige von ihnen nehmen auch die Anthropozän-Diskussion produktiv auf. Der Beitrag von Sieglinde Grimm liefert eine phänomenologische Neulektüre von W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn (1995) im Rahmen der US-amerikanischen Kulturökologie im Sinne von David Abram. Zunächst erläutert sie Edmund Husserls anticartesianische Wiedergewinnung des Begriffs der ‚Lebenswelt‘ und der Epoché als Urteilsenthaltung und Einklammerung metaphysischer Letztbegründungsansprüche. Als argumentativen Zwischenschritt erläutert sie das Husserlsche Konzept der Lebenswelt als einer durch die Epoché freigelegten Rückbesinnung auf phänomenale Wahrnehmungsakte anhand von Kafkas berühmter Parabel Vor dem Gesetz (1914), wenn der Mann vom Lande sein Zurückbleiben vor dem Gesetz in der Bewusstwerdung seiner Endlichkeit anerkennt. Auch der Anfang von Sebalds Reiseroman wiederhole die Situation der Epoché mit dem Fokus des Erzählens auf erinnernden Akten der Wahrnehmung. Grimm vertritt die These, dass diese erinnernde Erzählform die seit Galileo und Descartes vorgenommene Idealisierung und Mathematisierung von Naturprozessen kritisch reflektiert und der intentionalen Bewusstwerdung lebensweltlicher Erfahrungen dient, was sie an drei signifikanten Beispielen des Textes von Sebald ausführt: der Heringsepisode, dem Vergleich von Janine Rosalind Dakyns mit Dürers Kupferstich Melencolia I und der Deutung von Rembrandts Anatomiestunde des Dr. Nicolaas Tulp. Die phänomenologisch-kulturökologische Lesart zeigt u. a., wie der Erzähler in Sebalds Text anthropozentrische Ansprüche nach Wissen und Naturbeherrschung bewusst macht und relativiert.

Details

Seiten
300
ISBN (PDF)
9783631740071
ISBN (ePUB)
9783631740088
ISBN (MOBI)
9783631740095
ISBN (Hardcover)
9783631677193
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
Kulturökologie Ecocriticism Anthropozän Ökokritik Animal Studies
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 299 pp., 3 s/w fig.

Biographische Angaben

Gabriele Dürbeck (Band-Herausgeber:in) Christine Kanz (Band-Herausgeber:in) Ralf Zschachlitz (Band-Herausgeber:in)

Gabriele Dürbeck ist Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Vechta. Christine Kanz ist Professorin für Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur an der Pädagogischen Hochschule in Linz. Ralf Zschachlitz ist Professor für deutsche Literatur und Geistesgeschichte an der Université Lumière Lyon 2.

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Titel: Ökologischer Wandel in der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts