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Germanistik und Wirtschaft in der Diskussion

Tagungsband: Kulturelle Zentren der deutschen Minderheiten und berufliche Perspektiven in deutschsprachigen Unternehmen

von Ellen Tichy (Band-Herausgeber:in) Felicitas Tesch (Band-Herausgeber:in) Thorsten Roelcke (Band-Herausgeber:in) Maria K. Lasatowicz (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 162 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der TU Berlin
  • Das Germanistische Institut der Universität Oppeln: Ausbildungsschwerpunkte und Perspektiven
  • Kooperationen des Germanistischen Instituts der Universität Oppeln mit lokalen Wirtschaftsunternehmen
  • Die Hermannstädter Germanistik: Rückschau und Perspektiven
  • Deutschunterricht in Hermannstadt. Zur Deckung der Nachfrage durch privatwirtschaftliche Sprachinstitute
  • Berufliche Perspektiven der Germanistikstudierenden in Ungarn
  • Über das Modewort Schlüsselkompetenzen, gute Deutschkenntnisse oder Mission (im)possible: Die beruflichen Perspektiven bei deutschsprachigen Unternehmen in Bulgarien
  • Training foreign language teachers in Turkey (the case of German)
  • Das Seminar Akademische Sprache als Bindeglied zwischen akademischer Ausbildung und Vorbereitung auf die berufliche Praxis
  • Deutsch an der Bukarester Akademie für Wirtschaftsstudien. Fakten, Erkenntnisse und Herausforderungen
  • Zum deutschen Fachsprachenunterricht in Rumänien. Kernfragen und Perspektiven
  • Begegnung mit dem Formelhaften im Wirtschaftsalltag

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Ellen Tichy

Einleitung

Die deutsche Sprache und Kultur kann in diversen Ländern Mittelosteuropas auf eine lange Tradition zurückblicken. Durch Migrationsbewegungen, die zum Teil Jahrhunderte zurückliegen, haben sich kulturelle Zentren der deutschen Minderheiten entwickelt, die nach der politischen Wende wieder an Bedeutung gewonnen haben.

Ein entscheidender Faktor der Wahrung und Tradierung kultureller Identität der deutschen Minderheit waren und sind Lehrstühle der Germanistik, die vor der politischen Wende soweit es die Lehramtsausbildung mehrheitlich Angehörige der deutschen Minderheit zu ihren Studierenden zählte. Deutsch war oftmals die zuerst erlernte Fremdsprache an den Schulen bis es in den Nachwendejahren von der Fremdsprache Englisch auf den zweiten, in einigen Ländern auch dritten Platz in der Fremdsprachenwahl verdrängt wurde.

Die Stärkung der kulturellen Identität der deutschen Minderheit wird aber auch von deutschsprachigen Unternehmen in vielen Regionen Mittelosteuropas getragen. Für die Ansiedlung deutschsprachiger Unternehmen in diesen Regionen ist die Präsenz der deutschen Sprache und Kultur neben anderen Argumenten ein nicht zu unterschätzender Anstoß für Direktinvestitionen.

Das kulturelle und soziale Engagement Deutscher Wirtschaftsclubs (DWC) und das der Ausländischen Handelskammern (AHK) ist nicht zu unterschätzen. Neben selbstverständlich wirtschaftlichen Interessen tragen diese Vereine mit ihrer Initiative zu einer vielfältigen deutschsprachigen Kulturszene bei.

Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt; Internationalisierung und Globalisierung öffnen nicht nur jungen Leuten neue Perspektiven über nationale Grenzen hinaus. Dies trifft selbstredend nicht nur auf Mittelosteuropa und auch nicht ausschließlich auf Regionen zu, die als Zentren deutscher Minderheiten gelten.

Universitäten und Hochschulen müssen sich den pragmatischen Anforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarktes anpassen, so auch Studiengänge der Germanistik. Seit der politischen Wende entstehen neben traditionellen Germanistikstudiengängen zunehmend interdisziplinäre Studiengänge mit Schwerpunktlegung auf Wirtschaft, Verwaltung und Kulturmanagement, um ihren Absolventinnen und Absolventen Beschäftigungsmöglichkeiten auf einem glokalen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und um damit nicht selten das Überleben germanistischer Institute oder Lehrstühle zu sichern. Schätzungsweise finden ←9 | 10→schon heute etwa 50 Prozent aller Absolventinnen und Absolventen von Studiengängen an germanistischen Instituten in der Region Mittelost- und Südosteuropa in deutschsprachigen Unternehmen einen Arbeitsplatz.

Die Tagung „Kulturelle Zentren deutscher Minderheiten und berufliche Perspektiven in deutschsprachigen Unternehmen“, die vom 28. 10.–29. 10. 2016 in Hermannstadt/Sibiu stattfand, thematisierte die genannten Herausforderungen, denen sich germanistische Institute in MOE stellen [müssen], versuchte eine Bestandsaufnahme, benannte Positionen und Probleme. Die Tagung fand beim Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien/Hermannstadt statt. Sie wurde vom DAAD-Lektorat an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu (ULBS) organisiert und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik an der Universität Opole/Polen und dem Institut für Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der TU Berlin/Deutschland veranstaltet.1

Vorliegender Tagungsband beinhaltet Beiträge aus sieben Ländern: Polen, Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Bulgarien, der Türkei und Deutschland. Felicitas Tesch (Berlin) fasst die zeitgeschichtliche Entwicklung des Instituts Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der TU Berlin zusammen. Sie beschreibt die wesentlichen Module des gleichnamigen Masterstudienganges Kommunikation und Sprache, Didaktik und Landeskunde, Unterrichtspraxis Deutsch als Fremdsprache, Didaktik und Linguistik. Besonders hervorzuheben ist neben der allgemeinsprachlichen die fachliche Ausrichtung, die durch die Module Fachsprachenlinguistik und Fachsprachendidaktik im Curriculum verankert ist. Mit diesem Modul wird der besonderen Profilierung des Studiengangs Rechnung getragen. Das Studium bereitet auf die fachsprachenspezifischen Berufsfelder Wirtschaft, Naturwissenschaft und Jura vor und vermittelt allgemeine Kompetenzen in der Berufssprache Deutsch für unterschiedliche Berufsfelder.

Maria Katarzyna Lasatowicz (Polen) stellt das Germanistische Institut der Universität Oppeln mit seinen Ausbildungsschwerpunkten und Perspektiven vor. Das Institut verfügt über ein weit reichendes Netzwerk von Partnern, die in unterschiedlichen Bereichen und Branchen der Wirtschaft tätig sind; vor allem im Bereich der Outsourcing-Branche, in der etwa 70–90 % der Absolventinnen und Absolventen gleich nach dem Studienabschluss einen Arbeitsplatz finden. Das Germanistische Institut bietet sowohl eine Ausbildung und Profilierung des germanistischen Nachwuchses, z. B. im deutsch-polnischen Kulturtransfer oder ←10 | 11→im schulischen Bereich, wie auch in den Bedarfsfeldern der Wirtschaft, in den Bereichen Recht und Übersetzungswissenschaft. Im Fachgebiet Deutsch in Recht und Wirtschaft werden zum Beispiel u. a. Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, ausgewählte Aspekte der Landeskunde des deutschsprachigen Kulturraumes, deutschsprachige Handelskorrespondenz und eine Einführung in das Handelsrecht vermittelt.

Marek Sitek (Polen) berichtet in seinem Beitrag über die erfolgreichen Kooperationen zwischen lokalen Wirtschaftsunternehmen und dem Germanistischen Institut der Universität Oppeln. Es werden verschiedene lokale Wirtschaftsunternehmen vorgestellt, mit denen Verträge abgeschlossen wurden, die von einem einfachen Praktikum über Schulungen, Workshops und Vorträge bis zur dualen Ausbildung reichen. Die Verbindung von Studium und Ausbildung schildert Sitek vor dem Hintergrund der Bedingungen des gegenwärtigen, heterogenen Arbeitsmarktes als besonders vorteilhaft. Die Zahl der Absolventinnen und Absolventen, die nicht im Bildungsbereich, sondern in der lokalen und internationalen Wirtschaft tätig sind, ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Von Wirtschaftsunternehmen werden neben den fremdsprachlichen Fähigkeiten vor allem soft skills wie Proaktivität, Flexibilität, schnelle Anpassungsfähigkeit an die Dynamik des Businessmilieuwandels und ein gutes Gefühl für die Bedürfnisse der Kunden geschätzt.

Maria Sass (Rumänien) konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Entwicklung der Germanistik in Sibiu seit ihrer Gründung im Jahre 1969 und die heute nach dem Bologna-System angebotenen Bachelor- und Masterstudiengänge am Kollektiv für Germanistik: Philologie und Angewandte Fremdsprachen sowie die Masterstudiengänge Deutsche Sprache und Literatur und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Da die Nachfrage nach germanistischer Philologie zurückging, nicht jedoch die berufsorientierte Ausbildung in deutscher Sprache für Bereiche wie Wirtschaft, Jura, Tourismus, Übersetzung und Dolmetschen, wurde der Studiengang Angewandte Fremdsprachen gegründet, der vorwiegend den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen und die Vermittlung von berufspraktischem Wissen anstrebt. Demnach gilt es nicht nur, Sachkenntnisse zu vermitteln, sondern auch Kenntnisse zur Gesellschaft und Kultur im deutschen Sprachraum wie auch Grundkenntnisse aus den Bereichen Jura, Technik, Marketing, Medien, Übersetzungswissenschaft und Gesellschaftswissenschaften. Zu den Lehrinhalten gehört allgemein die Vermittlung von Fachwissen, das im Hinblick auf die deutschsprachige wirtschaftliche und berufsorientierte Ausbildung notwendig ist. So entstanden arbeitsmarktorientierte und praxisnahe Studiengänge, die eine grenzüberschreitende Mobilität der Studierenden erleichtern sollen. Maria Sass erörtert in ihrem Beitrag die ←11 | 12→Notwendigkeit der gezielten Ausrichtung an mögliche und zukünftige Arbeitsmärkte wie auch die entscheidende Frage nach dem Kern der klassischen Ausbildung im Germanistikstudium.

Kinga Boitor und Melinda Erzse (Rumänien) widmen sich mit ihrem Beitrag dem privatwirtschaftlichen Sektor deutscher Sprachschulen in Hermannstadt.

Die Autorinnen kommen mit ihrer Marktanalyse zu dem Schluss, dass öffentliche Bildungsinstitutionen in Hermannstadt nicht in ausreichendem Maße Deutschkurse bzw. Deutschunterricht anbieten. Die Nachfrage nach deutschsprachigen Fachkräften ist wesentlich höher als staatliche Institutionen bereitstellen können. Sie berichten über privatwirtschaftliche Sprachinstitute, die zur Deckung der Nachfrage erfolgreich Kurse für unterschiedliche Zielgruppen anbieten.

Ottó Korencsy (Ungarn) thematisiert in seinem Beitrag die beruflichen Perspektiven der Germanistikstudierenden in Ungarn und geht der Frage nach, ob die durch ein Germanistikstudium erworbenen Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur auf dem ungarischen Arbeitsmarkt – vor allem bei deutschsprachigen Unternehmen – von Vorteil sein können. Die Sprachenpolitik mittelständischer deutschsprachiger Unternehmen in Ungarn, d. h. die Sprachwahl für die interne und externe Kommunikation eines Unternehmens wurde empirisch durch Befragungen der Unternehmensleitung, durch persönliche Gespräche mit Mitarbeitern und die Auswertung von Internetseiten untersucht.

Zusammenfassung

Internationalisierung und Globalisierung öffnen neue Perspektiven über nationale Grenzen hinaus. Hochschulen müssen sich den pragmatischen Anforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarktes anpassen, so auch Studiengänge der Germanistik. Seit der politischen Wende entstehen in Mittelosteuropa neben traditionellen Germanistikstudiengängen zunehmend interdisziplinäre Studiengänge mit Schwerpunktlegung auf Wirtschaft, Verwaltung und Kulturmanagement, um ihren Absolventinnen und Absolventen Beschäftigungsmöglichkeiten auf einem globalen Arbeitsmarkt ermöglichen zu. Der Tagungsband thematisiert Herausforderungen, denen sich germanistische Institute in Mittelosteuropa stellen [müssen], versucht eine Bestandsaufnahme, benennt Positionen und Probleme.

Biographische Angaben

Ellen Tichy (Band-Herausgeber:in) Felicitas Tesch (Band-Herausgeber:in) Thorsten Roelcke (Band-Herausgeber:in) Maria K. Lasatowicz (Band-Herausgeber:in)

Ellen Tichy: Hochschullehrerin, 2011-2017 DAAD-Lektorin an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu/ Hermannstadt, Rumänien; Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, DaF, Landeskunde. Felicitas Tesch: Privatdozentin am Fachgebiet Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der Technischen Universität Berlin, Forschungsschwerpunkte: Bilingualismus und Zweitsprachenerwerbsforschung, Grammatik, Lehrwerksanalysen, Medieneinsatz. Thorsten Roelcke: Leiter des Fachgebiets Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der Technischen Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Fachsprachen und fachliche Kommunikation, Deutsch als Fremdsprache, Typologie und Geschichte des Deutschen. Maria Katarzyna Lasatowicz: Leiterin des Instituts für Germanistik an der Universität Oppeln/ Polen

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