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Frage-Antwort-Strukturen im politischen Fernsehinterview

Zur Responsivität von Antwortsequenzen politischer Akteure in den Sommerinterviews von ARD und ZDF

von Peter Besl (Autor:in)
Dissertation 318 Seiten

Zusammenfassung

Welche Wahrscheinlichkeit ist im Rahmen eines politischen Fernsehinterviews gegeben, dass politische Akteure auf journalistische Fragen antworten? Das Buch bietet auf Grundlage einer pragmalinguistischen Untersuchung, die text- und gesprächslinguistische Ansätze verbindet, eine Antwort. Der Autor untersucht dies an einem Korpus von ARD- und ZDF-Sommerinterviews. Neben einer detaillierten Beschreibung der spezifischen Kommunikationssituation sowie der kommunikativen Anforderungen an die beteiligten Akteure konzentriert er sich auf die sprachliche Oberfläche. Er teilt nach intensiver Betrachtung der Frage-Sequenzen und nach Bestimmung eines jeweiligen Antwortbereichs die Antworten der Gäste in Grade von Responsivität ein.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 2 Forschungsstand, Zielsetzung, Methodik und Korpus
  • 2.1 Bisherige Untersuchungen
  • 2.2 Zielsetzung der Arbeit und methodisches Vorgehen
  • 2.3 Auswahl der Interviews und Aufbau des Korpus
  • 3 Das politische Fernsehinterview
  • 3.1 Interviews aus journalistischer Perspektive
  • 3.1.1 Das Interview als journalistische Kommunikations- und Darstellungsform
  • 3.1.2 Interviews zur Sache und Person
  • 3.2 Interviews aus linguistischer Perspektive
  • 3.2.1 Text- oder Gesprächssorte Interview?
  • 3.2.2 Die Gesprächsebene: Das Interview als prozedurales Handlungsschema
  • 3.2.3 Die Textebene: Die Textfunktion als Merkmal in übergeordnetem Kontext
  • 3.2.4 Das politische Fernsehinterview: Ein gesprochensprachlicher Text?
  • 3.2.5 Zum Textbegriff und der Anwendung auf das politische Fernsehinterview
  • 3.3 Weitere Differenzierung auf Text- und Gesprächsebene
  • 3.3.1 Makro-, Meso- und Mikro-Ebene der Textebene
  • 3.3.2 Makro-, Meso- und Mikro-Ebene der Gesprächsebene
  • 3.4 Zusammenfassung und abschließende Einordnung des politischen Fernsehinterviews
  • 4 Zur Kommunikationssituation politischer Fernsehinterviews
  • 4.1 Setting der Interviews
  • 4.1.1 Gesprächsgattung: Der Aspekt der Inszeniertheit
  • 4.1.2 Ort und Zeit: Raum-Zeit-Verhältnis
  • 4.1.3 Konstellation der Gesprächspartner/Mehrfachadressierung
  • 4.1.4 Grad der Öffentlichkeit
  • 4.1.5 Soziales Verhältnis der Gesprächspartner/Rollen und institutioneller Rahmen
  • 4.1.6 Handlungsdimensionen des Gesprächs: politischer Diskurs
  • 4.1.7 Bekanntheitsgrad der Gesprächspartner
  • 4.1.8 Grad der Vorbereitetheit der Gesprächspartner
  • 4.1.9 Themafixiertheit des Gesprächs
  • 4.1.10 Verhältnis von Kommunikation und nichtsprachlichen Handlungen
  • 4.2 Zusammenfassende Beschreibung der Kommunikationssituation
  • 5 Sprechhandlungstheoretische und gesprächsanalytische Grundlagen
  • 5.1 Sprechakte: Sprachliches Handeln
  • 5.2 Sequenzialität: Paarsequenzen
  • 5.3 Inhalt von Äußerungen: Proposition
  • 5.4 Konsequenzen für die Analyse
  • 6 Analyse der initialen illokutiven Akte: Fragesequenz
  • 6.1 Formtypen von Fragen
  • 6.1.1 Ergänzungsfragen (W-F)
  • 6.1.1.1 Spezifik und formale Charakteristika
  • 6.1.1.2 Antwortbereich
  • 6.1.1.3 Quantitative Ergebnisse
  • 6.1.2 Propositionale Fragen
  • 6.1.2.1 Entscheidungsfrage (E-F)
  • 6.1.2.1.1 Spezifik und formale Charakteristika
  • 6.1.2.1.2 Quantitative Ergebnisse
  • 6.1.2.2 Alternativfragen (A-F)
  • 6.1.2.2.1 Spezifik und formale Charakteristika
  • 6.1.2.2.2 Quantitative Ergebnisse
  • 6.1.2.3 Bestätigungsfragen (B-F)
  • 6.1.2.3.1 Spezifik und formale Charakteristika
  • 6.1.2.3.2 Quantitative Ergebnisse
  • 6.1.2.4 Zum Antwortbereich propositionaler Fragen
  • 6.1.3 Problemfälle
  • 6.1.4 Zusammenfassung und Gesamtergebnisse
  • 6.2 Aufbau und Typen von Fragesequenzen
  • 6.2.1 Kotext der Frageäußerungen: Moderation und Sachverhaltsentwurf
  • 6.2.2 Aufbau initiierender Fragesequenzen
  • 6.2.3 Typen initiierender Fragesequenzen
  • 6.2.4 Zwischenergebnisse
  • 6.2.5 Mehrfachfragen in Sequenzen
  • 6.2.5.1 Reformulierung/Repetition
  • 6.2.5.2 Antwortbereicheinschränkung (W-F/E-F)
  • 6.2.5.3 Antwortbereicherweiterung (E-F/W-F)
  • 6.2.5.4 Weitere gleichrangige Frageäußerungen
  • 6.2.5.5 Mischtypen
  • 6.2.5.5 Zwischenergebnisse
  • 6.3 Zusammenfassende Ergebnisse des ersten Analyseschritts
  • 6.3.1 Einwertige Fragesequenzen
  • 6.3.2 Zweiwertige Fragesequenzen: homogen E-F
  • 6.3.3 Zweiwertige Fragesequenzen: homogen W-F
  • 6.3.4 Zweiwertige Fragesequenzen: heterogen
  • 6.3.5 Dreiwertige Fragesequenzen: homogen
  • 6.3.6 Dreiwertige Fragesequenzen: heterogen
  • 6.3.7 Vierwertige Fragesequenzen
  • 7 Analyse der reagierenden perlokutionären Akte: Antwortsequenz
  • 7.1 Auswahl der Sequenzen
  • 7.2 Analyseterminologie und sprachwissenschaftliches Instrumentarium
  • 7.2.1 Erweiterung des transphrastischen Prinzips: Transsequenzialität
  • 7.2.2 Verweisausdrücke mit Referenzidentität
  • 7.2.3 Verweisausdrücke ohne Referenzidentität
  • 7.3 Grade der Responsivität und Einteilung
  • 7.3.1 Responsive Antwortsequenzen
  • 7.3.1.1 Explizit-responsive Antwortsequenzen (1–26)
  • 7.3.1.2 Implizit-responsive Antwortsequenzen (27–48)
  • 7.3.2 Teilresponsive Antwortsequenzen (49–50)
  • 7.3.3 Nonresponsive Antwortsequenzen
  • 7.3.3.1 Ausweichen (51–74)
  • 7.3.3.2 Verweigern (75–79)
  • 7.3.3.3 Ignorieren (80–84)
  • 7.3.3.4 Modifikation des Sachverhaltsentwurfs (85–90)
  • 7.3.4 Nonresponsivität durch Dissens über Sachverhaltsentwurf (91–97)
  • 7.3.5 Zusammenfassende Ergebnisse des zweiten Analyseschritts…
  • 8 Zusammenfassung und Ausblick
  • 9 Transkriptionszeichen
  • 10 Abbildungsverzeichnis
  • 11 Tabellenverzeichnis
  • 12 Literaturverzeichnis
  • 13 Anhang
  • 13.1  Internetbeleg
  • 13.2  Transkriptionsverzeichnis

Einleitung

Politische Kommunikation im Allgemeinen und das kommunikative Verhalten von politischen Akteuren in der Öffentlichkeit im Besonderen sind immer wieder Gegenstand privater Diskussionen und des öffentlichen Diskurses. Besonders an der Schnittstelle zwischen Politik und Bürger sind diese beiden Aspekte schließlich auch Grundlage für demokratische Prozesse. Besonders dann, wenn Politik aus einer kommunikativen Sicht heraus definiert wird. Strauß et al. etwa definieren Politik als einen

in sich differenzierte[n] Großbereich der Kommunikation, in dem über Angelegenheiten öffentlichen Interesses gehandelt wird, in dem Meinungen gefaßt werden und Prozesse ablaufen, die der Herstellung und Durchsetzung verbindlicher oder auch umstrittener gesellschaftlicher Entscheidungen dienen. (Strauß et al 1989: 29)

Damit ist Politik untrennbar mit Kommunikation und folglich mit Sprache verbunden. Geht man einen Schritt weiter und bezieht die linguistischen Erkenntnisse mit Beginn der pragmatischen Wende in den 1960er/70er Jahren ein, kann mit Heringer gesagt werden, „daß Politik sich in Sprache vollzieht, daß politische Tätigkeit sprachliche Tätigkeit ist“ (Heringer 1990: 9). Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit, die dem konkreten sprachlichen Verhalten der verschiedenen Akteure gewidmet wird. Nicht zuletzt befasst sich ein ganzer linguistischer Zweig, die Sprache-Politik-Forschung oder Politolinguistik (vgl. Klein 2014), mit den Phänomenen, die es in diesem Großbereich der Kommunikation zu entdecken und zu beschreiben gilt.

Die Definition Strauß’ spricht bereits das öffentliche Interesse an. Girnth weist zudem darauf hin, dass Sprache „nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit“ (Girnth 2002: 1), und weiter, dass die „politische Öffentlichkeit […] ein Grundprinzip und eine Voraussetzung der Demokratie“ (Girnth 2002: 33) ist. Das Funktionieren einer Demokratie ist folglich auf der Öffentlichkeit und der Redlichkeit der Politik aufgebaut. Nun sucht man jedoch in den Medien, in der wissenschaftlichen Literatur sowie im privaten Bereich meist vergeblich nach positiven Bewertungen und großem Vertrauen in die Aussagen von Politikern; insbesondere dann, wenn sich diese im sogenannten Wahlkampf befinden. 2013 gab es im Auftrag des NDR eine repräsentative Umfrage des ARD-Deutschlandtrends zur Glaubwürdigkeit von Politikern. Man erhielt das Ergebnis, dass 62 % der repräsentativ ausgewählten Bürger Politiker als wenig glaubwürdig empfinden und 15 % als überhaupt nicht ← 13 | 14 →glaubwürdig (vgl. NDR 2013). Es sind nach dieser Umfrage also 77 % aller Bürger, die den Politikern ein Glaubwürdigkeitsproblem zusprechen.

Auch im wissenschaftlichen Diskurs zum kommunikativen Verhalten der politischen Akteure sind viele kritische Beiträge vorgelegt worden. Ein besonders negatives Urteil fällt hierbei Straßner, der an ausgewählten Texten zur Barschel-Affäre Politikern allgemein ein dominantes Eigeninteresse zuspricht und die sprachlichen Handlungsziele in der Politik wie folgt beschreibt:

Es geht in der Politik um Erfolg, der offensichtlich nicht erzielt werden kann durch streng sachbezogene, wahre, einsichtige, nachvollziehbare Aussagen, Begründungen, Erklärungen, Beweise, Argumente. Es geht nicht um die Wahrheit, sondern um ein Lügen, Betrügen, Täuschen, Ablenken, Heucheln, aufs Kreuz legen, das aber als eigene Wahrheit ausgegeben wird. […] Information wird dem Bürger entweder verheimlicht, oder er wird mit einer solchen Fülle unterschiedlichster und irrelevanter Details gefüttert, daß er nicht mehr weiß, was nun für sein eigenes Urteil, für seine eigene Entscheidung wichtig ist oder nicht. (Straßner 1991: 137 f.)

Von so einer negativen Beurteilung will die vorliegende Arbeit jedoch nicht ausgehen, denn einerseits darf sich die Betrachtung nicht an besonders auffälligen Ereignissen oder Skandalen orientieren und andererseits ist die kommunikative Aufgabe im hegemonialen Zweig der Politik sicherlich für alle Beteiligten aufgrund der sich herausgebildeten und vorherrschenden Praxis eine Herausforderung. Das Zitat zeigt jedoch, zu welch drastischen Resultaten auch Wissenschaftler kommen können, wenn sie sich mit dem Gegenstand Sprache in der Politik auseinandersetzen. Zu Recht kritisch geht auch der Internetblog von Martin Haase und Kai Biermann mit der Sprachverwendung in der Politik um, um ein aktuelles Beispiel kritischer Auseinandersetzung mit der Sprachverwendung in der Politik zu nennen. Der 2011 vom Grimme-Institut in der Kategorie Wissen und Bildung mit dem Grimme Online Award prämierte Blog Neusprech.org beschäftigt sich kritisch mit den sprachlichen Ausdrücken, die aktuell in der Politik verwendet und eingesetzt werden. Die Auszeichnung mit dem Grimme Online Award zeigt, dass ein großes öffentliches Interesse an solchen Auseinandersetzungen besteht. Nun ist jedoch die Öffentlichkeit eher kritisch eingestellt, wie die Umfrage zeigt. Politische Akteure sind aber auf Zustimmung in der Öffentlichkeit angewiesen.

Politiker stehen somit in einem Spannungsverhältnis ihrer eigenen und öffentlicher Interessen. Damit ist insbesondere bei öffentlichen Auftritten eine hohe sprachliche Anforderung an die Akteure gestellt, denn sie stehen unter ständiger Beobachtung und Festlegung, sind stets mit einer kritischen Auseinandersetzung seitens des politischen Gegners, der Journalisten oder von Bloggern konfrontiert und schließlich müssen ihre Aussagen konform zu der Haltung und Position des eigenen politischen Lagers sein. Die vorliegende Untersuchung beschreibt diese ← 14 | 15 →Aspekte und Abhängigkeiten vor dem Hintergrund einer bestimmten Kommunikationssituation: dem politischen Fernsehinterview.

Politische Akteure sind hinsichtlich ihrer Umsetzung der eigenen Ziele (z. B. Werbung für die eigene Partei, positive Selbstdarstellung, Abwerten des politischen Gegners etc.) auf eine große Reichweite angewiesen, die sie in politischen Fernsehinterviews nutzen können. Auf der anderen Seite sitzen sie dort aber Stellvertretern der Bürger gegenüber, die sie mit ihren bisherigen Entscheidungen, Positionen zu bestimmten Themen, Widersprüchen in Aussagen oder zweifelhaften Entscheidungen konfrontieren. Journalisten und Politiker haben folglich bestimmte Rollen zu erfüllen, die bei Live-Interviews gewissermaßen in actu zum Vorschein kommen.

Einfach betrachtet könnte man sagen, dass in Interviews zunächst einmal Fragen gestellt und Antworten gegeben werden. Aber wie soll nun bewertet werden, ob der Gast eine Frage zufriedenstellend beantwortet oder ob er der Frage ausweicht? Die Zufriedenheit mit der Antwort eines Interviewgasts aufseiten des Zuschauers begründet sich dabei vielleicht nicht auf eine fehlende Erfüllung der Fragevorgabe, sondern ist vielleicht auch ein Aspekt der Auffassung und Wirkung beim Adressaten, also ein Phänomen der Perlokution. Andererseits liegen häufig zahlreiche sprachliche Reaktionen vor, die nicht als Antwort gewertet werden können.

Die vorliegende Arbeit versucht daher mit sprachwissenschaftlichen Mitteln eine Systematik zu entwickeln, die ausgehend von einer Analyse der Frageäußerungen ermöglicht, die Antworten von politischen Akteuren zu bewerten und in Klassen zusammenzufassen. Wie bereits angedeutet, spielen Setting und Musterhaftigkeit der Gespräche hierbei eine zentrale Rolle. Zunächst wird in Kapitel zwei der Arbeit die Zielsetzung, die Auswahl der analysierten Texte und deren Datenaufbereitung sowie das methodische Vorgehen erläutert und begründet. Es folgt ein Kapitel zum politischen Fernsehinterview, das den Untersuchungsgegenstand detailliert betrachtet und in seiner Besonderheit zwischen Text und Gespräch erfasst. Im vierten Kapitel wird eine genaue Beschreibung der Gesprächssituation gegeben, in der das Setting und die Spezifik politischer Fernsehinterviews unter Einbezug der bisherigen Erkenntnisse der Forschung beschrieben werden. Phänomene wie Inszeniertheit oder Mehrfachadressierung stellen hierbei zentrale Aspekte dar. Das daran angeschlossene fünfte Kapitel führt in die Grundlagen einer linguistischen Analyse ein und klärt notwendige Voraussetzungen aus der Sprechakttheorie und der Konversationsanalyse. Im Anschluss daran wird die Analyse selbst präsentiert. Diese teilt sich in zwei Schritte. Zunächst stehen die Frageäußerungen der Journalisten im Fokus (Kapitel 6), von diesen ausgehend dann die Antwortäußerungen der Interviewgäste (Kapitel 7). Im letzten Kapitel ← 15 | 16 →werden die Ergebnisse diskutiert und hinsichtlich der Zielsetzung interpretiert. Der Arbeit ist ein umfangreicher Anhang angeschlossen, in dem die Transkriptionen der ausgewählten Interviews zu finden sind.← 16 | 17 →

Forschungsstand, Zielsetzung, Methodik und Korpus

2.1 Bisherige Untersuchungen

Die vorliegende Arbeit reiht sich in eine Reihe von Untersuchungen beginnend in den 70er und frühen 80er Jahre ein. Einen guten Forschungsüberblick und etwas anderen Blickwinkel bietet hierzu auch die Dissertation von Bollow (2007: 18 ff.). Unter verschiedenen Untersuchungsinteressen wurde das Interview allgemein, das audiovisuelle politische Interview im Besonderen, betrachtet. Berens (1975) beschreibt erstmals die Textsorte Interview aus einer gesprächsorientierten Sicht und überprüft die bis dato durch „direkte Beobachtung von Kommunikationsakten“ (Berens 1975: 31) gewonnenen, rein heuristischen Erkenntnisse über Redekonstellationen und Redekonstellationstypen empirisch an einem ausgewählten Korpus zwölf audiovisueller Medieninterviews. Seine angeschlossene Analyse der Sprachstrukturen (etwa Gefügesätze, nebensatzeinleitende Konjunktionen, Parenthesen) beschränkt sich hierbei nur auf einzelne Sprecherbeiträge und bezieht die Dialogizität von Interviews nicht mit ein. So fehlt der Arbeit „eine Beschreibung des Textkontinuums“ (Berens 1975: 90) und schließlich wird auch darauf hingewiesen, dass „nur selten Frage-Antwortkomplexe, die nur aus je einem Satz bestehen“ (Berens 1975: 91), existieren. Das Vorkommen mehrerer Frageäußerungen innerhalb einer Sequenz wurde auch schon dort bemerkt, wobei noch keine Terminologie entwickelt wurde, um dieses Phänomen genau zu bezeichnen (vgl. Berens 1975: 91).

Die Arbeit von Ecker et al. (1977) wurde von Bollow ausreichend kritisiert (vgl. Bollow 2007: 18 f.). Die Arbeit ist jedoch ein wichtiger Schritt bei der Beschreibung des Untersuchungsgegenstands, denn Ecker et al. weisen erstmals, auch wenn hierzu ebenfalls noch keine geeignete Terminologie vorliegt, auf die Mehrfachadressierung der spezifischen Kommunikation des Interviews hin (Ecker et al. 1977: 28). Kühn (1995) systematisiert später diesen Aspekt. Dessen Ergebnisse werden im Rahmen der Situationsbeschreibung hier einbezogen. Die Einteilung Eckers et al. in Primär- und Sekundärsituation wurde von Haller (2013) (Erstauflage 1991) übernommen, dessen praxisorientiertes Grundlagenwerk für Journalisten die Einteilung im Bereich des Journalismus festlegt. Aus linguistischer Sicht ist bei Ecker et al. erstmals eine Funktionsbestimmung und eine Berücksichtigung der Dialogizität zu beobachten. Dabei geht die Arbeit aber nicht über eine allgemeine Beschreibung der Spezifika hinaus und die Analysen sind jeweils auf ← 17 | 18 →einer inhaltlichen Interpretation aufgebaut. Eine Beschreibung der sprachlichen Oberfläche bleibt aus.

Die Arbeit von Schwitalla (1979) untersucht anhand verschiedener Interviewtypen (Politikerinterviews, Starinterviews und Experteninterviews) in Rundfunk und Fernsehen die dialogthematischen Steuerungsmöglichkeiten. Unter einer handlungstheoretischen Fundierung werden Phänomene der Dialogsteuerung herausgearbeitet. Schwitalla beschreibt hierzu auch Phänomene der sprachlichen Oberfläche, wobei diese konsequent auf den Aspekt der Dialogsteuerung bezogen werden. Dies ist beispielsweise bei der Auszählung und Auflistung von Anredepronomina (vgl. Schwitalla 1979: 240 ff.), der Angabe sprachlicher Mittel und grammatischer Formen zur Beschreibung von Versprachlichungsmustern zur metakommunikativen Themenänderung (vgl. Schwitalla 1979: 230) oder durch Auflistung konkreter Möglichkeiten der Höflichkeitsumschreibung (vgl. Schwitalla 1979: 226) gegeben. Mit Schwitallas Arbeit wurde auch erstmals eine qualitative Bewertungssystematik und Terminologie vorgelegt, die Antworten in Grade der Responsivität einteilt. Hierbei bleibt eine systematische Beschreibung der sprachlichen Oberfläche anhand von Analysen im Korpus jedoch aus. Die Einteilung in die verschiedenen Grade der Responsivität von Antworten ist ein grundlegendes Konzept, das in seinem Ansatz hier übernommen, jedoch einer Anpassung hinsichtlich des Untersuchungsziels unterzogen wird.

Die erste Arbeit, die sich ausschließlich mit dem politischen Interview beschäftigt, wurde von Hoffmann (1982) vorgelegt. Hoffmann versucht anhand eines umfangreichen Textkorpus von allerdings sehr kurzen Interviews (im Schnitt zwei bis vier Minuten) unter sprechhandlungstheoretischem Ansatz „fundierte Aussagen über die gegenwärtige Praxis politischer Fernsehinterviews“ (Hoffmann 1982: 73) zu treffen. Hierzu unterscheidet er in sieben Gruppen politischen Handelns, die anhand des Korpus herausgearbeitet werden (vgl. Hoffmann 1982: 72). Problematisch an der Untersuchung ist das zugrunde gelegte Datenmaterial. In der Auflistung der 163 Texte finden sich zahlreiche „Interviews“ mit einer Gesamtdauer unter einer Minute (47 Texte). Die Texte sind Nachrichtensendungen und -journalen sowie politischen Magazinsendungen oder auch Wirtschaftsmagazinen entnommen. Es ist fraglich, ob ein „Kurzinterview“ von 20 Sekunden überhaupt als Interview klassifiziert werden kann. Hoffmann versucht jedoch, die ausgewählten kurzen Texte von Statements abzugrenzen, indem er sich auf die Sequenzialität der Gespräche beruft und ein Statement eben dann nicht vorliege, wenn mindestens zwei Sprecherwechsel vorliegen (vgl. Hoffmann 1982: 74). Durch das Ansprechen der Frage-Antwort-Sequenzen ist zwar ein entscheidendes Charakteristikum des Fernsehinterviews erfasst, eine strukturelle Analyse ← 18 | 19 →wird jedoch nicht geleistet. Problematisch ist auch, dass sich nur eine Auswahl bestimmter Texte des Korpus im Anhang befindet. Eine Überprüfung der Ergebnisse oder die Möglichkeit diese nachzuvollziehen ist dadurch nicht gegeben. Trotz der Kürze vieler Texte wird auch auf die Kohärenz der Interviews eingegangen. An jeweils einem Beispiel aus dem Korpus werden kohärenzstiftende Aspekte genannt. Die Kategorien verdeutlichen bereits die fehlende Systematik: Prono-minalisierung, Modalpartikel, metakommunikative Äußerungen, Übernahme von Referenzen und Ankündigung einer Abschlusssequenz (vgl. Hoffmann 1982: 128 f.). Aufgrund des Designs und der Vorgehensweise fallen die Ergebnisse auf eine Erfassung einzelner Handlungsabsichten politischer Akteure zurück. Eine Unterscheidung aus struktureller Sicht (Gesprächsspezifik) oder schlichter Einzeläußerung ist dabei nicht möglich.

In weiteren kürzeren Beiträgen oder im Rahmen von Arbeiten zu medienspezifischen Textsorten, etwa Linke (1985), Holly (1993), Vogt (2002), Burger/Luginbühl (2014), wurde das politische Interview weiter behandelt und seine Spezifik im Detail herausgearbeitet. Eine neuere und umfangreichere Arbeit zum politischen Fernsehinterview wurde zuletzt von Bollow (2007) vorgelegt. Darin verfolgt Bollow eine Analyse des politischen Interviews aus Sicht der von Edda Weigand entwickelten Theorie des dialogischen Handlungsspiels. In der Untersuchung wird das politische Interview in die beiden Typen exploratives und argumentatives Interview unterteilt (vgl. Bollow 2007: 1). Im Rahmen einer funktionalen Analyse werden die Prinzipien dialogischen Handelns aufgezeigt, an denen sich die Akteure orientieren. Vor dem Hintergrund und von der Auffassung ausgehend, dass der Vergleich mit anderen Sprachen Einblicke in Struktur- und Funktionsprinzipien der eigenen Muttersprache ermöglichen, analysiert Bollow insgesamt vier Interviews. Es werden jeweils zwei Interviews der Kategorie exploratives Interview und zwei der Kategorie argumentatives Interview, jeweils ein Mal in deutscher und ein Mal in englischer Sprache, untersucht. Bollow kommt zum Ergebnis, dass das politische Fernsehinterview eine Formkategorie darstellt, „die den Rahmen für unterschiedliche Handlungsspiele bildet“ (Bollow 2007: 143) (exploratives und argumentatives Handlungsspiel). Je nach Ausrichtung durch den Interviewer wird ein Typus dominant, in den sich die Interviews einteilen lassen. Bollow stellt zudem fest, dass eine zu starke Orientierung am Kooperationsprinzip die Folge haben kann, dass Politiker das Handlungsspiel „zu ihrer Bühne machen“ (Bollow 2007: 146). Hierzu ist auch der Beitrag von Vogt (2002) interessant, der diesen Effekt deutlich an dem „Skandal-Interview“ von 1992 zwischen Thomas Gottschalk und Franz Schönhuber herausarbeitet. Orientieren sich die Journalisten dagegen zu sehr am Konfrontationsprinzip, werden nach Bollow unter Umständen die Grenzen des Interviews überschritten und damit ← 19 | 20 →die journalistische Objektivität konterkariert (vgl. Bollow 2007: 146). Mit der Untersuchung auf Grundlage des dialogischen Handlungsspiels verfolgt Bollow einen völlig anderen Ansatz als die vorliegende Untersuchung. Das Ziel dieser Arbeit und die Auswahl der hierzu herangezogenen Texte werden im Folgenden beschrieben.

2.2 Zielsetzung der Arbeit und methodisches Vorgehen

In der vorliegenden Arbeit wird „Sprache unter dem Aspekt sozialen Handelns“ (Hundsnurscher 2005: 133) untersucht. Betrachtet man sprachliche Äußerungen aus einer handlungstheoretischen Perspektive, ist primär von Bedeutung, was mit einer Äußerung beabsichtigt bzw. erreicht werden soll. Wie diese Absicht (Funktion) auf der sprachlichen Oberfläche kodiert wird, ist abhängig von der konkreten Kommunikationssituation und kann dadurch vielgestaltige Formen annehmen. Aber nicht nur einzelne Äußerungen tragen eine bestimmte Funktion, sondern auch Einheiten, die über den Einzeläußerungen zu verorten sind.

Details

Seiten
318
ISBN (PDF)
9783631747315
ISBN (ePUB)
9783631747322
ISBN (MOBI)
9783631747339
ISBN (Hardcover)
9783631743812
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
Interview Antwortverhalten Politik Textgrammatik Gesprächsanalyse Politolinguistik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 318 S., 8 s/w Abb., 68 Tab.

Biographische Angaben

Peter Besl (Autor:in)

Peter Besl studierte Germanistik, Informationswissenschaft, Deutsch als Fremdsprachenphilologie sowie Sprechwissenschaften und Sprecherziehung. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft der Universität Regensburg und lehrt an den Universitäten Regensburg und Augsburg.

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