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Die Sieger schreiben Geschichte

Mediale Inszenierungen von Johannes Bernhardt und der deutschen Intervention im Spanischen Bürgerkrieg

von Clara Blume (Autor:in)
Dissertation 530 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Abstract
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Biographische Daten zu Johannes Bernhardt
  • 1.2 Die Erinnerungsfigur Johannes Bernhardt
  • 2 Forschungstheoretische Grundlagen und Methoden der Analyse
  • 2.1 Theorien des kulturwissenschaftlichen Methodenpluralismus
  • 2.1.1 New Historicism: Literatur und Geschichte
  • 2.1.2 Gedächtnistheorie: Erinnerung, Fiktion und Geschichte
  • 2.2 Kulturwissenschaftliche Methoden der Analyse
  • 2.2.1 Transmediale, kultur- und funktionsgeschichtliche Narratologie
  • 2.2.2 Wissenssoziologische Diskursanalyse
  • 2.2.3 Diskursanalyse mit Bildern
  • 3 Mediale Inszenierungen von Johannes Bernhardt und der deutschen Intervention im Spanischen Bürgerkrieg
  • 3.1 Historische Eckdaten zur deutschen Intervention im Spanischen Bürgerkrieg
  • 3.2 Zeitungen machen Meinung: Bernhardt-Inszenierungen im Zeitungsdiskurs
  • 3.2.1 Der Siegerdiskurs Francos und die Ikonisierung des Diktators als Volksheld
  • 3.2.2 Bernhardt im internationalen und spanischen Zeitungsdiskurs
  • 3.3 Historiker schreiben Geschichte: Bernhardt-Inszenierungen im historiographischen Diskurs
  • 3.3.1 Pioniere der internationalen Bürgerkriegshistoriographie
  • 3.3.2 Spanische Geschichtsschreibung der Sieger
  • 3.3.2.1 Franquistische Historiographie: Ricardo de la Cierva
  • 3.3.2.2 Neofranquistischer Geschichtsrevisionismus: Pío Moa und César Vidal
  • 3.3.3 Spanische Geschichtsschreibung der Verlierer
  • 3.3.3.1 Politische Historiographie: Ángel Viñas
  • 3.3.3.2 Anti-Revisionismus: Alberto Reig Tapia
  • 3.4 Literatur erzählt Vergangenheit: Bernhardt-Inszenierungen in „El tiempo entre costuras“ von María Dueñas
  • 3.4.1 Literaturwissenschaftliche Formanalyse
  • 3.4.2 Kulturwissenschaftliche Perspektivierung
  • 3.5 Fernsehen erschafft Bilder: Bernhardt-Inszenierungen in der Fernsehadaption von „El tiempo entre costuras“
  • 3.5.1 Inhalt und Repräsentation
  • 3.5.2 Narration und Dramaturgie
  • 3.5.3 Figuren und Akteure
  • 3.5.4 Ästhetik und Gestaltung
  • 3.5.5 Kontexte
  • 4 Fazit
  • Zusammenfassung
  • Abbildungsverzeichnis
  • Liste der Tabellen
  • Literaturverzeichnis

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Abstract

The Führer’s so called “Bayreuther Entscheidung“ on the 25th of July of 1936 led to the German military intervention in support of the nationalists in their ‘fight against Bolshevism’. Since the decisive role of Nazi Germany in Franco’s seizure of power has long been a largely unknown and controversial topic in Spain’s collective memory, this study introduces the character of Johannes Bernhardt to a wider audience. As middleman between Hitler and Franco, his major claim to fame has been to facilitate the German military aid for the nationalists’ cause. In the early stages of Franco’s uprising, Bernhardt offered his service to speak on Franco’s behalf during a secret meeting with Hitler in Bayreuth. There, he held a passionate plea emphasising the urgency of the matter in order to prevent a communist uprising throughout Europe. In an act of impulsive decision-making, Hitler agreed to the sending of several planes and armaments, thereby contributing to the internationalisation of the Spanish Civil War.

After Franco won the war, the forty years of his dictatorship were shaped exclusively by the memory discourse of the victors, thereby allowing Johannes Bernhardt to be worshipped as a hero. But present tendencies of revisionism in Spanish historiography led to an altered image of this political player and alleged close adviser of the late General Franco. Exemplified through a broad variety of medial stagings of Johannes Bernhardt and his role in the German intervention during the Spanish Civil War, this study demonstrates the ideological, geopolitical, and sociocultural fluctuations that Spain’s collective memory was exposed to for over eight decades. My dissertation reveals the alliance of power and knowledge that have shaped society’s understanding of the German-Spanish relations during and after the war.

Through a methodical combination of discourse-analysis, theories on intertextuality and intermediality, and theories on memory and historical revisionism, this cultural study outlines the transformation of Spain’s collective memory through the ever-changing image of one historical figure that went from hero to villain over the course of eighty years. The field of my research has currently received a lot of media attention in Spain’s public sphere and should thus be of interest to a broad academic readership.

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1 Einleitung

Achtzig Jahre nach Beginn des Spanischen Bürgerkrieges herrscht in Spanien nach wie vor ein Kampf um die Geschichte. Dieser Kampf legt nahe, dass die Konfrontation der historischen Antagonisten nicht mehr auf dem Schlachtfeld, aber dafür auf jedem Terrain des gesellschaftlichen Lebens ausgetragen wird: in der Politik, in der Presse, in der Historiographie, in Kunst und Kultur sowie in der Sphäre des Privaten. Der Grund für die zunehmende Polarisierung der Bürgerkriegsthematik liegt in der erinnerungsgeschichtlichen Phase, die das Land gegenwärtig durchlebt, da das „kommunikative Gedächtnis“1 einer aussterbenden Generation von Zeitzeugen im Begriff ist, durch das „kulturelle Gedächtnis“2 eines vereinheitlichten öffentlichen Erinnerungsdiskurses über die Geschichte des Bürgerkrieges ersetzt zu werden. An dieser Schnittstelle zwischen autobiographischer Kriegserinnerung und Geschichts(re)konstruktion einer kollektiven Vergangenheit kämpfen beide ideologischen Lager als Relikte der verfeindeten Kriegsparteien um die Dominanz ihrer Geschichtsinszenierung.

Das Forschungsinteresse dieser Arbeit kreist um das Spannungsfeld von individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis sowie Vergangenheitskonstruktion und Geschichtsinszenierung. Die gedächtnistheoretische Prämisse, auf die sich dieses Forschungsvorhaben stützt, geht von der Erkenntnis aus, dass individuelle und kollektive Erinnerungen vergangener Ereignisse – wie in diesem Fall des Spanischen Bürgerkriegs – nicht als zuverlässig angesehen werden können. Bei individueller Erinnerung wird das reale (Kriegs-)Erlebnis bereits vor dem Prozess der Erinnerungskodierung verzerrt: “Distortion precedes encoding.”3 Somit sind Erinnerungen keine Abbilder der Vergangenheit, sondern lediglich Vergangenheitsversionen. Vergangenheit wird aus dem Gedächtnis heraus rekonstruiert, aber vor allem konstruiert. Auf kollektiver Ebene ist Vergangenheit nur durch mediale Darstellungen zugänglich, die durch sprachliche ←17 | 18→bzw. textuelle und visuelle Kodierungen transportiert werden. Damit ist Vergangenheit an die erzählerische (Re-)Konstruktion von Erinnerungen gebunden: an mündlich überlieferte Anekdoten, Tagebucheintragungen, historische Dokumente, Romane, Autobiographien, Zeitungsartikel, Geschichtstexte, Film und Fernsehen und vieles mehr. Das „kollektive Gedächtnis“4 einer Nation als „Matrix von miteinander verwobenen individuellen Erinnerungen“5 versucht Vergangenheit aus der Retrospektive heraus so zu (re-)konstruieren, um ein homogenes Geschichtsverständnis über den Bürgerkrieg zu erstellen. „Von der Vergangenheit bleibt nur, was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“6 oder rekonstruieren möchte, da das dominante Geschichtsverständnis stets von denjenigen geprägt wird, die die Macht innehaben, eine Selektion, Strukturierung und thematische Gewichtung vergangener Ereignisse vorzunehmen. Diese Erkenntnis legt den Schluss nahe, dass die Erinnerungsgeschichte Spaniens über die Erfahrung des Bürgerkrieges im Laufe der letzten achtzig Jahre durch unterschiedliche, oft widersprüchliche, Geschichtsdarstellungen und andere mediale Inszenierungen geprägt wurde.

Spanien stellt innerhalb Europas aus zwei Gründen, die den Prozess der (Kriegs-)Vergangenheitsbewältigung im Gegensatz zur gesamteuropäischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs erheblich verzögert haben, einen erinnerungsgeschichtlichen Sonderfall dar. Einerseits aufgrund des invertierten Geschichtsverständnisses: Durch die Diktatur des „letzten faschistischen Diktators Europas“7 verfiel das Land für fast vierzig Jahre in politische, wirtschaftliche und geistige Isolation innerhalb eines Kontinents, der kollektiv den ←18 | 19→Faschismus besiegt hatte. Andererseits hinterließ der Spanische Bürgerkrieg eine in sich gespaltene Nation.

Stellt man die Vergangenheitsbewältigung Spaniens in einen gesamteuropäischen Vergleich, können sowohl Parallelen als auch Differenzen in der Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses festgestellt werden. Zunächst erlebte der zerstörte und traumatisierte Kontinent eine „erinnerungsgeschichtliche Karenzzeit“8 von rund eineinhalb bis zwei Jahrzehnten, die sich in den Worten Tony Judts als „kollektive Amnesie“ äußerte:

„Von 1945 bis Mitte der 1960er Jahre, wenn nicht länger, verblassten die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts – insbesondere in der Kriegszeit – gemachten Erfahrungen immer mehr. Zu vergessen, war für fast alle Beteiligten von Nutzen – zu vergessen, was man selbst oder die Eltern getan hatten, zu vergessen, was einem selbst oder ihnen angetan worden war, zu vergessen, was man gesehen hatte und was man wusste. Diese psychologisch und politisch willkommene Allianz zwischen historischem Neuanfang und kollektiver Amnesie spiegelten sich bis in die 80er Jahre deutlich in der Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit wider.“9

Die vereinende Geschichtskonstruktion aller ehemals von deutschen Truppen besetzten Staaten äußerte sich nach Kriegsende vorrangig in einem „nationalheroischen Mythennarrativ“10, das von der eigenen Schuldfrage abzulenken suchte. Die durch Historiker11 verbreiteten national-affirmativen Geschichtsauslegungen ergaben laut Christoph Cornelissen „eine konformistische Gesamtausrichtung der jeweils stark national eingefärbten Erinnerungskulturen.“12 Damit war das verbindende Moment der gesamteuropäischen Vergangenheitsbewältigung ←19 | 20→bis weit in die 60er Jahre hinein ein allgemeines Ausblenden der düsteren Kapiteln der Vergangenheit, das eine antipluralistische Erinnerungskultur begünstigte, die die eigenen Opfer in den Vordergrund zu stellen suchte.

Entscheidend bei der Bewältigung der Kriegsvergangenheit war vor allem das Selbstverständnis als Sieger- oder Verlierernation. Großbritannien beispielsweise konnte als geschlossene Nation den Erinnerungsdiskurs der Sieger leben. Im komplexeren Fall Deutschlands, des eindeutigen Kriegsverlierers, widerfuhr der Nation eine politische Erziehung und Vergangenheitsaufarbeitung ‚von außen‘: “The winning side, in this case, was foreign and was able to impose on Germany the sites of memory that would facilitate its political learning.”13 Nach der Gründung der Bundesrepublik beziehungsweise der DDR setzte in der Definition Norbert Freis die „Phase der Vergangenheitspolitik“14 ein, die gekennzeichnet war durch die Tendenz zur „Entkonkretisierung der Erinnerung.“15 Repräsentanten der westdeutschen Erinnerungspolitik waren darum bemüht, der deutschen Bevölkerung das Erbe des Nationalsozialismus wie auch des Zweiten Weltkriegs erträglicher zu machen, indem sie „einen dichten Nebel der Abstraktion um die konkreten Erinnerungen der Menschen erzeugten.“16 Cornelissen analysiert, dass im öffentlichen Sprachgebrauch damit bewusst zwischen ‚den Nazis‘ und ‚den Deutschen‘ differenziert wurde, da der Gedanke einer gesellschaftlichen Versöhnung im Mittelpunkt der politisch gestalteten Erinnerungskultur stand. Durch das Formulieren „pazifistischer Allgemeinplätze“17 wurde die reale Kriegserinnerung des Zeitzeugen verdrängt. Auch in der DDR und Mittelosteuropa wurde das kollektive Gedenken an die Kriegsjahre von oben politisch normiert, um die „uneingeschränkte Durchsetzung und Erhaltung der kommunistischen Parteiherrschaft“18 zu sichern.

Erst die sogenannte „skeptische Generation“19 der 1960er Jahren half dabei den bis dahin dominanten Opferdiskurs allmählich zum Täterdiskurs zu wandeln. ←20 | 21→Politische Skandale und prominente NS-Prozesse taten ihr Nötigstes, um die „Phase der Vergangenheitsbewältigung“20 einzuleiten, die bis Ende der 70er Jahre anhalten sollte. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist als bedeutende Zäsur deutscher und europäischer Erinnerungsgeschichte zu betrachten. Die Jahre 1989 und 1990 leiteten eine Umwälzung im Umgang mit der eigenen Geschichte ein, die den gesellschaftlichen Willen zur Selbstreflexion stärkte. Bernd Faulenbach betont, dass die staatlich sanktionierte DDR-Erinnerungskultur ab diesem Zeitpunkt ihre politisch institutionellen Grundlagen verlor und ein graduelles Aufarbeiten der SED-Diktatur sowie des stalinistischen Terrors ermöglichte.21 Der geflügelte Begriff der „zwei Diktaturen in Deutschland“22 begann den öffentlichen Erinnerungsdiskurs zu prägen. Ein perspektivischer Blick auf die nationalsozialistische und kommunistische Vergangenheit Deutschlands führte laut Faulenbach jedoch zu problematischen Relativierungen und Nivellierungen im historiographischen Diskurs:

„Die Linke begann sich besonders intensiv mit der NS-Zeit zu beschäftigten, weil sie sich nicht mit der kommunistischen Vergangenheit und ihren Opfern auseinandersetzen wolle. Oder umgekehrt: Die Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit solle die einzigartigen NS-Verbrechen relativieren.“23

Die anschließende und letzte erinnerungsgeschichtliche Phase des deutschen Umgangs mit der eigenen Kriegsvergangenheit kann nach Aleida Assmann als „Phase der Vergangenheitsbewahrung“24 bezeichnet werden, die sich „durch den Übergang vom Erinnerungskampf zur Erinnerungskultur“25 charakterisiert und den gelungenen Demokratisierungsprozess parallel zur Einigung des Landes zu einem Abschluss brachte. Die Vereinheitlichung des wissenschaftlichen und öffentlichen Erinnerungsdiskurs’ gelang mitunter auch durch die ←21 | 22→„Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust“26 als Angelpunkt des gesamteuropäischen Kriegsgedächtnisses.

Angesichts dieser erinnerungskulturellen Entwicklung des Landes wurde Deutschland oftmals als Musterbeispiel eines vorbildhaften Umgangs mit der eigenen Geschichte herangezogen, oder, in den Worten Peter Esterházys, sogar als „Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“27 bezeichnet. Entscheidend hierbei war bestimmt das eindeutige Selbstverständnis als Verlierernation, da den Deutschen ab 1945 im gesamteuropäischen Erinnerungsspektrum vonseiten der Alliierten die Rolle der Aggressoren und Kriegsanstifter zugewiesen wurde. Dieser Tatbestand wird in Katrin Hammersteins Untersuchung der Nachfolgestaaten des Großdeutschen Reichs eindrucksvoll veranschaulicht, indem sie den Umgang mit dem Erbe und der Schuldfrage der NS-Zeit in einen Vergleich der österreichischen, ost- und westdeutschen Erinnerungsgeschichte stellt. Sie spricht von einer „geteilten Erinnerung“28 im Blick auf die beiden deutschen Staaten, da sich die DDR auf den antifaschistischen Widerstand berief und sich damit von jeder Schuld freisprach. Die Bundesrepublik Deutschland wiederum „trat in ihrem Selbstverständnis als offizielle Nachfolgerin das Erbe des Dritten Reichs an und übernahm damit die Verantwortung für die NS-Zeit“29, wobei sie betont, dass auch im Falle der westdeutschen Erinnerungspolitik etliche Versuche der Schuldabwehr bzw. -relativierung unternommen wurden. Österreich hingegen stilisierte sich jahrzehntelang als erstes Opfer Hitlerdeutschlands und ließ als eines der Schlusslichter Europas erst in den 80er Jahren einen aufgeklärten Blick auf die eigene Mittäterschaft zu. So bildeten die offiziellen Narrative gewissermaßen „ein Dreieck aus österreichischen Opfern, ostdeutschen Widerstandskämpfern und – zugespitzt formuliert – westdeutschen Tätern.“30

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Die österreichische Erinnerungspolitik während der Jahre des Wiederaufbaus der Nation zeichnete sich durch die Strategie des offiziellen Verschweigens der faschistischen Vergangenheit und jedweder Mittäterschaft im Zweiten Weltkrieg aus. Das Verdrängen und Vergessen löste eine nostalgische Flucht in die Habsburgervergangenheit sowie „eine Suche nach dem österreichischen Wesen“31 aus, die die 50er Jahre in einen elegischen Heimatpathos tränkte. Erst das „Schlüsselereignis der Waldheim-Affäre“32 leitete, verspätet im europäischen Vergleich, zwischen den Jahren 1986 und 1992 eine „fundamentale Infragestellung der Opferthese“33 ein.

Italien verfolgte ähnliche Strategien der Geschichtsverklärung, um mit dem eigenen faschistischen Erbe umzugehen. Die italienische Kriegserinnerung wurde ab 1945 insbesondere durch „einen ständigen Vergleich zum jeweiligen Achsenpartner determiniert.“34 Der Wunsch, sich vom ehemaligen Bündnispartner zu distanzieren und die Nation vom Stigma des Faschismus reinzuwaschen, führte zu einer übersteigerten Romantisierung und Verherrlichung des italienischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der zugleich zum „Gründungsmythos des neuen Staates und damit integralen Teil der Erinnerungspolitik“35 des Landes wurde. Der „Resistenza-Mythos“36 basierte auf einer eindeutigen sprachlichen Schuldzuweisung, die den ‚guten Italiener‘ (bravo italiano) dem ‚bösen Deutschen‘ (cattivo tedesco)37 gegenüberstellte. Dieser „simplistische Revisionismus“38 leistete jedoch eine bedeutende sinnstiftende Funktion innerhalb des italienischen nation building process.39

←23 | 24→

Das französische Äquivalent eines identitätsstiftenden „heroischen Massenphänomens“40 der Nachkriegsjahre sieht Ulrich Pfeil in dem von „de Gaulle geschaffene Résistance-Mythos“41 gegeben:

„Im Moment der inneren Zerrissenheit galt es, sowohl nach innen wie nach außen eine neue Identität aufzubauen, um auf internationaler Bühne entsprechend des traditionellen französischen Selbstverständnisses einen Platz im »Konzert der Großen« wiederzufinden und die Gesellschaft mit sich selber zu versöhnen.“42

General de Gaulle vertrat „als erster und am nachdrücklichsten eine patriotische Interpretation des Zweiten Weltkrieges“43, denn für ihn repräsentierte dieser, laut Pieter Lagrou, „den triumphalen Schlussakt des Jahrhundertkonfliktes zwischen dem deutschen und dem französischen Volk und eines dreißig Jahre währenden Krieges, der 1914 seinen Anfang genommen hatte.“44 Die gaullistische Geschichtsrekonstruktion, die das kollektive Gedächtnis der Franzosen im Selbstverständnis als Siegernation nachhaltig prägte, verdeckte jedoch die reale Erfahrung der französischen Gesellschaft: „die Besatzung, die Trennung von den Hauptschauplätzen des Krieges, die Niederlage und Vichy.“45 Erst in den 70er Jahren wurde die Vichy-Vergangenheit dank eines fundierten historiographischen Diskurses in der Öffentlichkeit thematisiert und die Ausmaße der Kollaboration Petains mit Hitler-Deutschland kritisch beleuchtet. Auch im Falle Portugals und Griechenlands wurde nach dem Untergang der jeweiligen autoritären Regime deutlich Emphase auf national-affirmative und vereinende Geschichtsnarrative gelegt. So erfüllte beispielsweise die portugiesische Nelkenrevolution vom 25. April 1974 die identitätsstabilisierende Funktion eines demokratischen Gründungsmythos, der das Land zusammenschweißen sollte.

Der gemeinsame Nenner aller vergangenheitsbewältigenden Maßnahmen der hier angeführten europäischen Länder ist damit die Abgrenzung nach Außen: Im Zeichen einer gesellschaftlichen Versöhnung und zur Förderung des Wiederaufbaus der nationalen Identität wurde das Bild eines kollektiven »Wir« ←24 | 25→(ob Sieger- oder Verlierernation) einem außenstehenden »Sie« (Besatzungsmacht, Nazis, etc.) gegenübergestellt.

In Spanien hingegen hat die einschneidende Bürgerkriegserfahrung und die darauf aufbauenden Jahrzehnte faschistischer Diktatur die Nation als Einheit zerrissen und die gesellschaftliche Versöhnung selbst nach dem Tod des Diktators verhindert. Mit Ende des Spanischen Bürgerkrieges verkam die polyphone Gemeinschaft Spaniens zu einer in sich verfeindeten, gespaltenen Nation – ein Land, das Sieger wie Verlierer beheimatete. Der Historiker Santos Juliá schrieb über den Cainismo Spaniens treffend: “Como la guerra civil escindió inevitablemente a España en dos, la escisión de España en dos fue la causa inevitable de la guerra civil.”46 Diese Dos Españas – das traditionalistische, monarchistische und katholische Spanien der Sieger und das progressistische, sozialistische und antiklerikale Spanien, das den Krieg verloren hatte – generierten zwei gegenläufige Geschichtsversionen über die Ursprünge und den Kriegsverlauf des Bürgerkrieges, die im Rahmen dieser Arbeit als Siegerdiskurs, bzw. Siegergedächtnis der Anhänger Francos, und Verliererdiskurs, bzw. Verlierergedächtnis der besiegten Anhänger der Republik bezeichnet werden. Diese zwei Geschichtsversionen bestehen auch heute noch nebeneinander, wurden von Generation zu Generation mündlich und schriftlich übermittelt, haben ihren Erinnerungsdiskurs den Zeichen der Zeit angepasst sowie Details ihrer Geschichtskonstruktion aktualisiert, sind aber in ihrem Kern nach wie vor zwei Versionen der Vergangenheit, die sich auf ihr jeweiliges tradiertes Geschichtsverständnis stützen. Beide Seiten berufen sich seit Beginn des Konflikts auf unterschiedliche Geschichtsnarrative, Slogans, emblematische Ereignisse, Schlüsselwörter und Metaphern, die zur Konstruktion des Sieger- und Verlierergedächtnisses beitragen:

“[…] desde el comienzo ambos bandos acuñaron ciertos principios. Los sublevados usaron ya términos como «orden», «autoridad», «unidad nacional», «derecho natural de la vieja España», «defender la patria», «Cruzada»; mientras que los republicanos usarían «legalidad», «democracia», «revolución (libertaria)», «Libertad», «Igualdad», y/o autonomismo. Éstos conceptos fueron algunos de los legados que quedarían en la memoria comunicativa de las generaciones siguientes.”47

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Durch eine „kollektive Mythisierung“48 des Bürgerkriegs, die auf beiden Seiten stattfand und bis heute noch den Erinnerungsdiskurs Spaniens dominiert, wird Vergangenheit perspektivisch angepasst und damit Geschichte(n) so (re-)konstruiert, dass sie die eigene Vergangenheitsversion stets im positiven Licht erstehen lässt, bzw. lassen. Durch den Sieg des nationalistischen Lagers wurde während der Jahre der Diktatur nur der Erinnerungsdiskurs der Sieger propagiert, welcher bis zum Tod Francisco Francos das kollektive Gedächtnis der Spanier einseitig prägte:

“En la guerra civil del siglo XX hubo un vencedor que exterminó al perdedor y que no dejó espacio alguno para un tercero que hubiera negociado una paz o hubiera servido de árbitro entre las dos partes. La guerra civil redujo la complejidad y múltiple fragmentación de la sociedad española del primer tercio del siglo XX a dos bandos enfrentados a muerte, con el resultado de que el vencedor nunca accedió a ningún tipo de reconciliación que mitigara los efectos de la derrota de los perdedores y volviera a integrarlo en la vida nacional.”49

Der Siegerdiskurs Francos und seiner Anhänger war mitunter darum bemüht, das Verlierergedächtnis der besiegten Republik zum Verstummen zu bringen, in die Sphäre des Privaten zurückzudrängen sowie systematisch zu diskreditieren, um die Machtergreifung durch das eigene Geschichtsnarrativ zu legitimieren und das Regime dadurch zu festigen: “The victors […] use the past as a legitimising instrument and a means of training new citizens, whilst also using historical narration as an instrument of political education and socialisation.”50 Obwohl der Verliererdiskurs im öffentlichen Leben Spaniens nicht präsent war, wurde er mündlich überliefert, oder außerhalb Spaniens in Form von Erinnerungsschriften – Tagebüchern, Autobiographien internationaler Spanienkämpfer, Interviews, etc. – konserviert. Nachdem „das kollektive Gedächtnis immer ein politisch instrumentalisiertes Gedächtnis ist“51, wurde hingegen innerhalb Spaniens der Siegerdiskurs im öffentlichen Raum durch „Erinnerungsorte“52 (z.B. El ←26 | 27→Valle de los Caídos) und Feiertage (z.B. El Día de la Victória) zelebriert. Dieser erinnerungskulturelle Ausnahmezustand begünstigte den spanischen memoricidio53 einer alternativen Geschichtsversion über Bürgerkrieg und Diktatur, um diese sowohl aus der Geschichte als auch aus dem Gedächtnis der Bevölkerung zu löschen. Auf diese Art und Weise wurde über Jahrzehnte und etliche Generationen hinweg ein profranquistisches Geschichtsverständnis über den Bürgerkrieg konstruiert und damit einhergehend ein einseitiges kollektives Erinnern begünstigt.

Mit dem Tod des Diktators im Jahr 1975 leitete das Land einen komplexen Demokratisierungsprozess ein, die Transición, der erinnerungsgeschichtlich eine bedeutende Zäsur darstellt. Die Transition galt als „eine Art Ehrenabkommen, durch das die Kompensation der Franquisten für die Übergabe der Macht in der Praktizierung einer kollektiven Amnesie erfolgte.“54 Auf das Amnestiegesetz von 1977 folgten Jahre der Amnesie, die die gesellschaftliche Aufarbeitung des Krieges und der franquistischen Repression verhinderten. Beide Seiten einigten sich auf einen historischen Konsens, der die Kriegsschuld aufteilte. Die „Jahre des Vergessens“55 wurden von der konstant geschürten Angst eines erneuten Kriegsausbruchs begleitet. Der Preis für den größtenteils friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie, argumentiert Xosé-Manoel Núñez, bestand somit in der „Tabuisierung der Vergangenheit im öffentlichen Raum“56 und ging deswegen ←27 | 28→weitgehend auf Kosten der Opfer. Dem verklärten franquistischen Geschichtsbild wurde damit nach dem Tod Francos „von den demokratischen Institutionen lange Zeit kein »demokratisches Gedächtnis« entgegengestellt“57, was Núñez als politisches Versäumnis der ersten Regierungsperiode der PSOE (1982–1996) wertet. Mit dem Ableben der Zeitzeugengeneration begann der ‚Pakt des Schweigens‘ allmählich zu bröckeln. Von Mitte der 90er Jahre an intensivierte sich die politische Instrumentalisierung des Bürgerkrieges an beiden Extremen des ideologischen Spektrums: mit der Kriegsvergangenheit wurde Wahlkampf betrieben. Die zunehmende Präsenz des Bürgerkriegs im politischen Diskurs und damit in der Sphäre des öffentlichen Lebens begünstigte zum Teil auch reflektierte Konfrontationen des nationalen Traumas. Die außerstaatliche Initiative Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica beispielsweise machte es sich zur Aufgabe, Massengräber zu öffnen, um DNA Proben exhumierter Knochenreste vorzunehmen. Obgleich diese Maßnahmen nur selten von Erfolg gekrönt waren, entwickelten sich hierbei neue Formen des kollektiven Erinnerns:

„Zuvor verschwiegene Erinnerungen der letzten Zeitzeugen wurden freigesetzt, ein öffentliches Gespräch über die Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs setzte ein. Ermöglicht wurde damit ein öffentliches Totengedenken, das zugleich die Voraussetzung für die Herausbildung einer oral history über den Spanischen Bürgerkrieg darstellt.“58

Die Initiative bekam rasch eine Eigendynamik, derer sich die Politik geschickt zu bedienen wusste. Spätestens seit der 2007 verabschiedeten Ley de Memoria Histórica wird offenbar: „Esta guerra por la memoria va más allá de los tribunales.“59 Die sozialistische Regierung José Luís Rodríguez Zapateros initiierte einen Kreuzzug gegen jede Form franquistischer Ikonographie im öffentlichen Raum und deklarierte damit, dass der Franquismus im Spanien der Gegenwart keinen Platz mehr habe. Die letzten Relikte des Siegergedächtnisses in Form von Statuen, Straßennamen und faschistoiden Symbolen wurden demonstrativ verbannt. Ministerpräsident Zapatero beispielsweise ließ als Hommage an den Kommunistenführer Santiago Carillo zu dessen 90. Geburtstag eine Franco-Statue im Herzen Madrids entfernen. Von vielen als Akt der Provokation gewertet, sah sich die gespaltene Nation angesichts dieser Maßnahmen mit einer Welle der Empörung konfrontiert, die ein konsensuales Geschichtsverständnis zunehmend ←28 | 29→erschwerte. Die gesellschaftlichen Fronten verhärteten sich im selben Maße wie sich der politische Diskurs radikalisierte. Die PP hingegen hat sich seit dem Ende der Diktatur kaum von ihrem Standpunkt wegbewegt, obgleich „die einstimmig verabschiedete Verurteilung des Bürgerkriegs und des Franquismus durch die verfassungsgebende Kammer des Kongresses vom 20. November 2002“60 (am 27. Todestag Francos) nach Jahrzehnten der Blockade schon auch als konsensuale, symbolträchtige Geste angesehen werden kann. Für die Volkspartei wurde damit ein endgültiger Schlussstrich unter die Bürgerkriegs- und Franquismusdebatte gezogen, der jedoch keine faktische Vergangenheitsbewältigung fördert.

Das kollektive Gedächtnis wird auch heute noch politisch instrumentalisiert, indem nur erzählt wird, was erinnert werden soll. Das Perpetuieren zweier inkompatibler Geschichtsversionen über den Spanischen Bürgerkrieg wird durch die Tatsache begünstigt, dass „Geschichte, anders als das historische Geschehen, erst im Schreibe entsteht.“61

Sie erschließt sich uns als ein „Konstrukt von Wirklichkeit“62, als ein „Geflecht aus partikularen Texten“63, die nicht nur in Archiven gefunden, sondern auch „durch die Sprache des Historikers ‚gemacht‘ “64, also erfunden werden. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass es keine objektive historische Wahrheit geben kann, sondern lediglich Versionen der Vergangenheit.

Bei der (Re-)konstruktion von Geschichte stehen daher neben dem Wahrheitsanspruch des historischen Dokuments vor allem die Selektion der Fakten und ihre Interpretation im Vordergrund, denn „Interpretation heißt Bemächtigung.“65 Was erzählt wird, welche Information weggelassen, welche Quellen konsultiert werden und welche Fakten das eigene Narrativ unterstützen, ←29 | 30→welche es widerlegen könnten, determiniert die Geschichtsinterpretation. Diese Erkenntnis nährt das erinnerungskulturelle Kuriosum, dass ein und dasselbe historische Ereignis in verschiedenen Geschichtsdarstellungen gänzlich divergent (re-)konstruiert und (nach-)erzählt wird. Gemäß der Prämisse des hier beschriebenen Geschichtskonstruktivismus gilt Aguilars Postulat: “The past is to some extent, our own creation.”66 So wird beispielsweise in der prorepublikanischen Geschichts(re-)konstruktion Franco als Faschist67 gebrandmarkt, indem der Hauptfokus der Geschichtsdarstellung auf die militärische Unterstützung von Nazi-Deutschland und Mussolinis Italien für Nationalspanien gelegt wird. Die Sieger beklagen, im dualistischen Nachkriegs-Universum des in zwei antagonistische, politische Blöcke unterteilten Europas aufgrund des franquistischen Antikommunismus auf die Seite der Faschisten gedrängt worden zu sein und sich damit einer internationalen Pauschalverurteilung aller faschistischen und faschistoiden Regime ausgesetzt zu sehen. Im selben Maße verurteilt der Erinnerungsdiskurs der Sieger die Beschwörung der Zweiten Republik als „Utopie demokratischen Miteinanders“68 als romantisch verklärte Rekonstruktion der Geschichte und verteidigt den Militärputsch Francos als „Rettung einer sowjetisch infiltrierten und in Anarchie versunkenen Nation“69.

Eine Analyse der antagonistischen Geschichtsinszenierungen zeigt Defizite bei beiden Interpretationsansätzen auf. Die zunehmend radikalisierte Konfrontation der Dos Españas erschwert aber vor allem eine wissenschaftliche Distanz und Sachlichkeit im Umgang mit der Geschichte des Bürgerkriegs. Hierzu schreibt der Historiker Fernando del Rey70:

←30 | 31→

”Los estudios sobre los años treinta nunca se han desarrollado por completo al margen de la polarización. Menos aún las opiniones y debates desplegados en los círculos políticos y de opinión. Recientemente, se ha podido comprobar con motivo de las polémicas creadas en torno a la mal llamada Ley de Memoria Histórica […]. Es decir, la confrontación política e ideológica en torno a la denominada «crisis española del siglo XX» ha dificultado enormemente la pretensión de estudiar la República en sí misma y con afanes solo científicos.“71

Die verhärteten Fronten manifestieren sich nicht nur im politischen Ambiente, sondern auch im historischen Diskurs in Form eines regelrechten Historikerstreits, der zwischen zwei kontroversen Positionen ausgetragen wird: der politischen Historiographie der prorepublikanischen Linken, deren ideologische Ausrichtung das Ziel verfolgt, dem Verlierergedächtnis der Opfer des Franquismus Gehör zu verschaffen, und dem ‚neofranquistischen Geschichtsrevisionismus‘72, welcher die Machtergreifung Francos retrospektiv zu legitimieren sucht. Die zwei stärksten Parteien Spaniens – Partido Popular (PP) und Partido Socialista Obrero Español (PSOE) – stützen sich in Wahlkämpfen und öffentlichen Ansprachen auf die wichtigsten Geschichtsnarrative der prominentesten Vertreter des neofranquistischen bzw. prorepublikanischen Geschichtsdiskurses.

Die symbiotische Wechselwirkung von Politik und Geschichtswissenschaften konnte im Rahmen dieser Studie durch folgende Korrelation bestätigt werden: je polemischer der politische Diskurs über den Bürgerkrieg ausfällt, desto extremer werden die Geschichtsthesen – und umgekehrt. „Die politische Agenda bestimmt in gewissem Maße auch den Gang der historischen Forschung.“73 Selbst in historischen oder erinnerungsgeschichtlichen Arbeiten einer spanischen Nachwuchsgeneration von Jungwissenschaftlern74 lässt sich in der Regel ←31 | 32→eine klare, meist linksliberale, politische Positionierung herauslesen. Dies ist Ausdruck eines intrinsischen, vererbten oder sozialisierten Partidismo, der Einzug in die Universitäten gefunden hat. Andererseits verdeutlicht dies auch das veränderte Geschichtsverständnis junger Spanier, die sich für den Verliererdiskurs stark machen. Dass das Spannungsfeld von wissenschaftlicher Distanz und subjektiver Befangenheit in Dissertationen der dritten Nachkriegsgeneration Spaniens nach wie vor präsent ist, verdeutlicht den erinnerungsgeschichtlichen Kontrast zum Rest Europas im verzögerten Prozess spanischer Vergangenheitsbewältigung. „Noch immer dominieren die Argumentationen in Schwarz und Weiß, die imaginäre Trennung von »Gut« und »Böse«.“75 Spanien lebt aktuell in einer chaotischen Landschaft „fragmentierter Erinnerungsdiskurse“76, die je nach dem politischen Lager durch widersprüchliche Geschichtsnarrative genährt werden. Obwohl eine historiographische Aufarbeitung der franquistischen Diktatur schon längst geleistet wurde, fehlt in Spanien, so lautet Núñez’ Urteil, „eine offiziell unterstütze und auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens begründete Erinnerungskultur der jüngsten Vergangenheit und dementsprechend auch eine daraus folgende Erinnerungspolitik.“77

Doch nicht nur Historiker konstruieren das kollektive Gedächtnis einer Nation. Das Medium Historiographie spricht im Gegensatz zu Massenmedien lediglich ein spezialisiertes und gebildetes Publikum an. Daher fördern insbesondere auch andere “agents of memory”78 ein spezifisches Geschichtsverständnis. Als „homo agens/actans“79 bezeichnen die Historiker Winter und Sivan all jene Agenten des öffentlichen Lebens, die aktiv an der Konstruktion von Vergangenheit mitwirken: “Businessmen, entrepreneurs, filmmakers, producers, distributors, painters, sculptors, photographers all satisfy demands; they present versions of the past, and do so for a fee, some times homo actans is in it for the money.”80 Die Explosion künstlerischen Schaffens über den Bürgerkrieg veranschaulicht zum einen das öffentliche Interesse und die gesellschaftliche Transzendenz, die der Thematik aktuell zuteilwerden, zum anderen aber auch ein recht profanes Phänomen, das Kulturwissenschaftlerin Bettina Bannasch treffend als „Bürgerkriegs-Erinnerungstourismus“81 beschreibt. Das ←32 | 33→„Modethema“82 der Memoria Histórica begünstigte das Florieren „eines mittlerweile kommerzialisierten »Erinnerungsmarktes«“83, in dem zahlreiche Organisationen und Vereine um öffentliche Gelder konkurrieren. Wichtiger als das historische Geschehen per se ist damit die konstruierte Repräsentation der Vergangenheit geworden.

Im Gegensatz zum Medium Historiographie sind Literatur, Journalismus, Film und Fernsehen Massenmedien „der Enkodierung, Externalisierung und Verbreitung von Gedächtnisinhalten.“84 Die Autoren gelten dadurch als „homines agentes“85, da deren Werke als „Angebote für die kollektive Gedächtnisbildung“86 verstanden werden können. Dabei gliedern sie sich in ihrer Geschichtsdarstellung größtenteils in einen dominanten Erinnerungsdiskurs ein. Nur selten finden sich Autoren, die mit dem Status quo brechen und eine neue Geschichtsversion in Umlauf bringen. Bannasch führt als Beispiel Javier Cercas’ erfolgreichen Roman „Soldados de Salamina“ aus dem Jahr 2001 an, der als „das erste Werk einer neuen Autorengeneration wahrgenommen wurde, die mit dem sogenannten Pakt des Vergessens brach.“87 Anhand dieses Beispiels wird der Einfluss des Literaten als „homo agens“88 und seiner künstlerischen Geschichtsdarstellung auf die Gesellschaft und die internationale Wahrnehmung der Bürgerkriegsproblematik verdeutlicht. Der aktuelle Büchermarkt Spaniens wird von einer republikfreundlichen Verliererliteratur dominiert. Dieser Ausdruck stellt das Pendant zum franquistischen „Siegerroman“89 dar, der jahrzehntelang als einzig legitimierte Geschichtsdarstellung den Erinnerungsdiskurs der Nation prägte. Die Verschiebung der Dominanz von Sieger- zu Verliererliteratur vergegenwärtigt insbesondere eine Tatsache: Der Kampf um das Gedächtnis über die Bürgerkriegsvergangenheit wird aktuell von den Verlierern des Spanischen Bürgerkrieges gewonnen.

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Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, anhand welcher Strategien der Geschichtsinszenierung Autoren (Historiker, Literaten, Journalisten, etc.) ihre Geschichtsversion vermitteln, um einen dominanten Geschichtsdiskurs zu bestätigen, oder zu widerlegen. Im Rahmen des hier präsentierten Forschungsvorhabens soll am Beispiel einer einzigen historischen Persönlichkeit, Johannes Bernhardt, dem „Mittelsmann zwischen Franco und Hitler“90, demonstriert werden, wie sich die Erinnerungsgeschichte über den Spanischen Bürgerkrieg, aber insbesondere über das kontroverse Kapitel der deutschen Intervention in Spanien im Laufe der letzten achtzig Jahre verändert hat und sich graduell der Verliererdiskurs als dominantes Geschichtsverständnis durchsetzen konnte. Anhand ausgewählter Texte aus unterschiedlichen Medien, die aufgrund ihres repräsentativen Charakters innerhalb eines konkreten Diskurses als Schlüsseltexte, bzw. Schlüsselbilder fungieren, kann aufgezeigt werden, durch welche medienspezifischen Strategien der Inszenierung eine bestimmte Geschichtsversion dargestellt und dabei durch einen dominanten Machtdiskurs begünstigt wird, bzw. einen Beitrag zur Konstruktion oder Dekonstruktion des Machtdiskurses liefert. Dadurch, dass meine Analyse die verschiedenen Geschichtsversionen anhand einer einzigen historischen Figur, Johannes Bernhardt, herauszuarbeiten sucht, lassen sich die jeweiligen Veränderungen, Kontinuitäten und Brüche der spanischen Mentalitäts- und Erinnerungsgeschichte seit Beginn des spanischen Bürgerkrieges bis zur Gegenwart gezielt medienspezifisch diagnostizieren. In Folge wird die historische Person Johannes Bernhardt zunächst anhand biographischer Daten und danach als „Erinnerungsfigur“91 präsentiert werden.

1.1 Biographische Daten zu Johannes Bernhardt

Der am 1. Jänner 1897 in Osterode (ehem. Ostpreußen) geborene Johannes Eberhard Franz Bernhardt verlor bereits im frühen Alter beide Elternteile. Aus ärmlichen Verhältnissen92 stammend gelang es ihm dennoch, das Gymnasium ←34 | 35→in Ratibor zu besuchen, bevor er sich mit knapp 17 Jahren am Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zum Militärdienst meldete. Er erlangte den Rang eines Oberleutnants und unterbrach den Militärdienst kurzfristig, um das Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Mit Kriegsende wurde ihm für seine Dienste das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen. Bei seiner Rückkehr überraschte ihn die sozialistische Novemberrevolution – eine Erfahrung, die Bernhardt stark prägen sollte. Er trat dem Freikorps Bahrenfeld in Hamburg bei und wurde Mitglied des Nationalverbands deutscher Offiziere. Bernhardt begann als Börsenmakler zu arbeiten und häufte als Reeder in Hamburg rasch ein kleines Vermögen an. Mit 25 Jahren besaß Bernhardt zwei Schiffe, die Johannes Bernhardt und die Freifrau, 13 Hamburger Häuserblocks, ein Landhaus sowie Geschäftsfilialen im Ausland. Doch das krisengebeutelte Nachkriegsdeutschland drängte den jungen Geschäftsmann nach Brasilien, wo er in der Metallurgie begann geschäftlich tätig zu sein. Sein Geschäft geriet ins Visier der Finanzaufsicht und Bernhardt sah sich damit gezwungen, einige Immobilien und – nachdem sich die finanzielle Situation nicht zu bessern schien – später auch beide Schiffe zu verkaufen. 1926 lernte er an Bord eines Dampfers, der Brasilien in Richtung Deutschland verließ, seine zukünftige Ehefrau, Ellen Wiedenbrüg, kennen – die Tochter eines ehemaligen deutschen Konsuls aus Rosario de Santa Fé (Argentinien). Zurück in Hamburg kam ein Jahr später ihr erstes Kind, Marion Bernhardt, zur Welt. Nachdem Bernhardt sein gesamtes Vermögen im Börsencrash 1929 verloren hatte, entschloss er sich zusammen mit seiner Familie nach Marokko auszuwandern, um mit 30 Jahren ein neues Leben zu beginnen. In Larache fand er eine Anstellung bei der Import-Export Firma deutscher Produkte, H. & O. Wilmer, Sucesores de H. Tönnies und zog später nach Tetuán (Spanisch-Marokko). Als frühes Mitglied der Auslandsorganisation der NSDAP arbeitete er ab 1934 sporadisch für den Sicherheitsdienst (SD)93. Er half bei der raschen Expansion der kleinen Firma, doch als Deutschem sollte es ihm verwehrt bleiben im französischen Casablanca eine Filiale zu eröffnen.94 Frustriert und nach sieben langen ←35 | 36→Jahren in Marokko geschäftlicher Aussichten beraubt, entschied sich Familie Bernhardt nach Argentinien auszuwandern, als im Juli 1936 der Militärputsch spanischer Nationalisten ihre Ausreisepläne durchkreuzte.

Bernhardt war stadtbekannt, pflegte regen geschäftlichen Austausch mit der Administración Civil Tetuáns als auch einen freundschaftlichen Umgang mit den ranghöchsten Africanistas, wie beispielsweise Juan Yagüe Blanco, General Mola und Juan Beigbeder. Ángel Viñas konnte in seiner Dissertation aus dem Jahr 1974 belegen, dass der junge General Franco, Kommandant der berüchtigten Afrikaarmee, erst nach dem Militärputsch mit Johannes Bernhardt in Kontakt trat. Bernhardt, der Franco von seinen Kollegen95 als Mann der Tat beschrieben wurde, sollte zusammen mit dem jungen General aufgrund der wiederholten erfolglosen Kontaktaufnahmen mit Nazi-Deutschland, den Plan schmieden96, Hitler direkt zu kontaktieren97. Nach einer Unterredung mit Bernhardt und Ortsgruppenleiter Langenheim am 22. Juli 1936 wurde die sofortige Abreise beider Emissäre und eines spanischen Kapitäns namens Arranz nach Berlin veranlasst, die durch einen glücklichen Zufall begünstigt wurde: eine Lufthansa-Maschine landete am 23. Juli in Tetuán. Ihr Pilot, Alfred Henke, bedurfte ←36 | 37→einiger Überzeugungsarbeit,98 entschied sich schlussendlich dennoch für die geheime und durchaus gefährliche Reise nach Deutschland. Über die Kanäle der Partei gelangten die Emissäre entgegen aller Erwartungen nach Bayreuth, wo Hitler den alljährlichen Festspielen beiwohnte.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1936 gab Hitler die Zusage für das geheime Unternehmen Feuerzauber, eine großzügige militärische Unterstützung General Francos, die den Verlauf des Krieges maßgeblich verändern sollte. Auf Basis Hitlers Bayreuther Entscheidung wurde das Wirtschaftsduopol HISMA-ROWAK99 gegründet, um die versteckte deutsche Hilfe für Spanien zu ermöglichen sowie die Kriegsschulden Francos abzurechnen.100 Ihr Gründer und Direktor war Johannes Bernhardt. Im konstanten Kräftemessen mit der Botschaft bzw. dem Auswärtigen Amt in Berlin101 genoss Bernhardt als General der SS einen direkten Zugang ←37 | 38→zu Göring und Himmler.102 Seine „creación cumbre“,103 das Firmenkonglomerat SOFINDUS104, kontrollierte u.a. zahlreiche spanische Wolframminen, die die deutsche Kriegsmaschinerie mit Rohstoffen versorgte.

Seine tatkräftige Unterstützung für Francos Rebellen sollte ihm der spätere Diktator ein Leben lang mit freundschaftlicher Verbundenheit105 danken. Nach dem Untergang des Dritten Reichs forderten die Alliierten Bernhardts Auslieferung, doch dieser erfreute sich Francos Protektion: Durch die Gewährleistung der spanischen Staatsbürgerschaft konnte Bernhardt als höchstrangiger SS-General auf spanischem Boden und jahrelanger Berater Francos in wirtschaftlichen Angelegenheiten106 der Verurteilung entkommen und die Anekdote der Bayreuther Entscheidung als letzter lebender Zeitzeuge der Nachwelt erzählen. Franco sollte Bernhardts Unterstützung in Bayreuth, die womöglich den Verlauf der Kriegsgeschehnisse zugunsten der Nationalen verändert hatte, nicht vergessen107.

Abb. 1: Brief Bernhardt-Franco, Betreff: Wirtschaftsberatung, Fundación Francisco Franco, AFNFF, DOC 26963, 30. September 1938, Seite 1

Abb. 2: Brief Bernhardt-Franco, Betreff: Wirtschaftsberatung, Fundación Francisco Franco, AFNFF, DOC 26963, 30. September 1938, Seite 2

Abb. 3: Brief Bernhardt-Franco, Betreff: Wirtschaftsberatung, Fundación Francisco Franco, AFNFF, DOC 26963, 30. September 1938, Seite 3

Nach Kriegsende wurde die SOFINDUS aufgelöst, wozu die Alliierten auf Bernhardts Kooperation108 angewiesen waren. Bernhardt, der sich mit dem ←38 | 39→ ←39 | 40→gesamten Verlust seines umfangreichen Vermögens konfrontiert sah109, versuchte sich einige Zeit erfolglos mit seiner Firma Sagitario Films in der Filmindustrie, ←40 | 41→bis er schlussendlich im Jahr 1951 nach Argentinien auswanderte. Bis in die 60er Jahre arbeitete er als Vertreter deutscher Firmen in Buenos Aires und zog sich im Pensionsalter in seine Finca La Elena, ein 220 Hektar großes Grundstück in Tandíl, zurück. Seine letzten Lebensjahre allerdings verbrachte er bis zu seinem Tod am 13. Februar 1980 in München.

1.2 Die Erinnerungsfigur Johannes Bernhardt

Knapp nach Francos Tod publizierte der deutsche Historiker Hans-Henning Abendroth, der sich bereits intensiv akademisch mit der deutschen Intervention in Spanien beschäftigt hatte110, eine Biographie über Johannes Bernhardt mit dem ←41 | 42→Titel „Mittelsmann zwischen Franco und Hitler. Johannes Bernhardt erinnert 1936“111. Das Buch zog weite Kreise, wurde jahrzehntelang als historisches Zeitzeugendokument über Hitlers Entschluss, in Spanien militärisch zu intervenieren, zitiert und prägte somit das historische Verständnis über das geheime und größtenteils undokumentierte Treffen in Bayreuth. Das Buchcover112 aus dem Jahre 1978 zeigt das ikonische Bild der ersten und letzten Unterredung zwischen Franco und Hitler in Hendaya vom 23. Oktober 1940 und in ihrer Mitte Johannes Bernhardt. Die fotografische Inszenierung des Mittelsmanns beider Staatschefs lässt sich zugleich als Selbstinszenierung Bernhardts auslegen, kann aber leicht als Fotomontage entlarvt werden. Die emblematische Fotografie zeigt zwar auch im Original113 die Begrüßung des Führers und des Caudillos, jedoch stand an jenem geschichtsträchtigen Tag nicht Bernhardt, sondern Hitlers Übersetzer in der Mitte des Bildes. Die Fotomontage auf dem Buchcover lässt sich daher am Ehesten als Metapher auf den Inhalt sowie den Anspruch der Autobiographie verstehen: Bernhardt schilderte dem Leser kein fotografisches Abbild der Vergangenheit, sondern seine Vergangenheitsversion. Er erzählte eine Geschichte, die in die Geschichte eingehen sollte – die „Bernhardt-Story“114: Der fast achtzigjährige Johannes Bernhardt (re-)konstruierte als letzter überlebender Zeitzeuge die Anekdote über Hitlers Bayreuther Entscheidung.

Abb. 4: Buchcover: Abendroth (1978)

In seiner Geschichts(re-)konstruktion von Hitlers Entscheidung stilisierte er sich selbst als entscheidenden Drahtzieher der Intervention. Laut eigenen Angaben hielt er ein leidenschaftliches Plädoyer für den „Kampf gegen den Bolschewismus“115, das zusammen mit General Francos schriftlichem Ansuchen den Führer zu jener impulsiven Entscheidung bewegt haben soll. Dieser Tatbestand ließ Johannes Bernhardt als „Mittelsmann zwischen Franco und Hitler“116, späteren Direktor des deutsch-spanischen Wirtschaftsmonopols HISMA, bzw. SOFINDUS, und höchstrangigen SS-General auf spanischem Boden nach ←42 | 43→dem Untergang des Dritten Reichs, zu jener stark polarisierenden historischen Persönlichkeit werden: von den Anhängern Francos als ‚Held‘ gefeiert, von den Verlierern des Bürgerkriegs als ‚Bösewicht‘ verachtet.

Johannes Bernhardt wird im Rahmen dieser Arbeit als „Erinnerungsfigur“117 analysiert: als Zeitzeuge, der Geschichten über die Geschichte erzählt hat und als historische Persönlichkeit, die Geschichte geschrieben hat, bzw. über die ←43 | 44→Geschichten geschrieben wurden. In diesem Spannungsfeld zwischen Fakt und Fiktion, historischer Wahrheit und Geschichtsinszenierung, bewegen sich die meisten Erinnerungsfiguren. Erinnerungen als historische Dokumente zu werten, öffnet jedoch das Problemfeld individueller Erinnerungen und der Revision einer kollektiven Vergangenheit, „von ‚subjektivem‘ Erinnern und ‚objektivem‘ Erzählen“118. Das Problem ergibt sich aus einer übersteigerten Erwartungshaltung an die Authentizität und den Wahrheitsgehalt von Erinnerungen. Sobald die Erkenntnis verinnerlicht wird, dass Erinnerungen keine „exakte Replik einer Erfahrung“119 darstellen, sondern bereits verfälscht in unserem Gedächtnis gespeichert und durch jedes wiederholte Abrufen erneut verändert werden, muss die Zuverlässigkeit des Augenzeugenberichts angezweifelt werden120. Gedächtnistheoretikerin Astrid Erll postuliert hierzu, dass „das ‚unschuldige Auge‘ ein Mythos“ sei und „die unschuldige Kriegserzählung des Augenzeugen erst recht“121 und erläutert, welchen erinnerungsgeschichtlichen Wert eine Autobiographie, wie die der Erinnerungsfigur Johannes Bernhardt, innehaben kann:

„Die Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit, literarische Kriegserzählungen als Dokument zu begreifen, muss nein lauten, wenn als Forderungen an ein ‚Dokument’ die exakte Referentialisierbarkeit des Dargestellten, die Ermöglichung eines direkten und ungefilterten Blicks auf das vergangene Geschehen, weltanschauliche Neutralität sowie Verzicht auf narrative Formen, Tropen, Symbolik und fiktionale Elemente aufgestellt werden. Eine bejahende Reaktion ist hingegen denkbar, wenn man Literatur als ‚Dokument der Erinnerungskultur‘ versteht. Literarische Texte sind stets eingebettet in erinnerungskulturelle Kontexte. Kriegsliteratur ermöglicht daher Einblicke in historische Erfahrungs-, Erinnerungs- und Deutungsweisen. Sie sagt dabei allerdings mehr über ihre eigene Entstehungszeit aus als über die in ihr dargestellte Vergangenheit.“122

Diese Erkenntnis wird eine wesentliche theoretische Prämisse meines Forschungsvorhabens darstellen, das weniger das Ziel verfolgt, ‚historische Wahrheiten‘ über Johannes Bernhardt und die deutsche Intervention im ←44 | 45→Spanischen Bürgerkrieg ans Tageslicht zu bringen, als vielmehr Inszenierungen der Geschichte in unterschiedlichen historischen Kontexten sowie medialen Realisierungen zu untersuchen. Zwar kann an fiktive Texte nicht derselbe Wahrheitsanspruch gestellt werden wie an historische Texte, dennoch ist beiden ein fiktionales Moment inhärent, das Fakten mit dem historischen Entstehungskontext des Werkes vermengt. Damit stellt sich die Frage, warum eine bestimmte Erzählung zu einem bestimmten Zeitpunkt verfasst und verbreitet wurde und keine andere Version derselben Erzählung? Im Rahmen dieser Arbeit wird gezeigt werden, dass anhand von Geschichtsinszenierungen zur deutschen Intervention seit Beginn des Bürgerkriegs bis zur Gegenwart die Veränderungen spanischer Erinnerungsgeschichte illustriert werden können, bzw. aufgezeigt werden, was wie zu einer bestimmten Zeit erinnert werden sollte.

Erinnerungsfiguren, die nicht nur beobachtende Augenzeugen historischer Ereignisse waren, sondern als historische Figuren aktiv die Geschichte mitgestaltet haben, werden zu Trägern von Erinnerungen, die die Grenzen des Privaten transzendieren. Sie werden zu historischen Figuren stilisiert, werden Personen öffentlichen Interesses und in manchen Fällen gar zu Symbolen erhoben. Sowohl ihre eigenen Zeitzeugenberichte als auch mediale Inszenierungen ihrer Person durch Andere bewegen sich stets zwischen Fakt und Fiktion. Iser definiert den Begriff der Inszenierung in „Das Fiktive und das Imaginäre“ folgendermaßen: Bei einer Inszenierung „[…] muss etwas vorausliegen, welches durch sie zur Erscheinung kommt.“123 Inszenierungen muss demnach eine Wahrheit zugrunde liegen; der Kern der Inszenierung beherbergt etwas „Authentisches“124. Autobiographien lassen sich folglich als „Inszenierung von Selbst“125 verstehen, als „Performance“126 oder „performativer Akt“127. Diese Analogie lässt sich treffend auf das Medium Historiographie übersetzen: Das historische Ereignis als Fundament der Narration, dessen Wahrheit in der Retrospektive niemals gänzlich zugänglich sein kann, wird fragmentarisch anhand historischer Dokumente rekonstruiert und durch den Historiker selektiert, interpretiert und konstruiert. ←45 | 46→Doch jedes konsultierte Dokument, jede Selektion und Interpretation von Fakten wird unterschiedliche Versionen der Vergangenheit ans Tageslicht bringen und womöglich sogar andere Geschichtsnarrative begünstigen.

So findet sich die Erinnerungsfigur Johannes Bernhardt im Laufe der letzten achtzig Jahre in unterschiedlichen Geschichtsinszenierungen wieder: Abendroth verbreitete die ‚Bernhardt-Story‘ in der Inszenierung des „Mittelsmanns zwischen Franco und Hitler“128. Bernhardt hat sich womöglich dem Stern-Redakteur Heinrich Jaenecke als „Mann, der Franco machte“129 dargestellt. Die franquistische Presse rühmt sich seiner als „gran amigo de España“130, wohingegen er in amerikanischen Nachkriegsmedien als “virtual economic dictator of Spain”131 referenziert wird. Manchmal unterstützt die historische Evidenz die Inszenierung Bernhardts als „Weihnachtsmann“132, der Francos Regime jeden Wunsch zu erfüllen trachtete; manchmal wiederum begünstigt die Geschichtsauslegung das Bild Bernhardts als "sinvergüenza“133, der aufgrund seines imperialistischen Gehabes keinerlei Respekt unter den Franquisten genossen habe. Manche Historiker inszenieren ihn als ‚melancholischen Preußen‘, als “símbolo de la aventura alemana en pos del poder mundial“134 und “ejemplar típico del comerciante aventurero alemán ultramarino“135, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und seine Chance wahrnahm, einen Platz in der Geschichte einzunehmen. Wieder ←46 | 47→andere glauben Bernhardt als “nacional-socialista ardiente“136 entlarvt zu haben und gehen sogar soweit, ihn als „Görings Auftragskiller“137 zu bezeichnen. Ob “cerebro financiero“138, “amo del comercio español“139, antisemitischer “agente nazi“140, oder als dämonischer “Ángel Negro“141: Die Inszenierungen Bernhardts verraten wenig über die historische Person, aber dafür einiges über den Entstehungskontext der Inszenierung.

Kein Autor ist frei von einem gewissen Maß an persönlicher Befangenheit, die streckenweise bewusst Einfluss in sein Werk findet, aber auch unbewusst durch soziale Konditionierungen vermittelt wird. Hinter jedem Autor steckt ein Individuum mit seinem komplexen Gefühls-, Wissens- und Gedächtnishorizont. Die Darstellung von Geschichte in Erzählungen wird daher – willentlich oder nicht – durch das Subjekt konditioniert. Die Limitierungen durch persönliche Befangenheit sollen insbesondere im Fall der vorliegenden Arbeit adressiert werden, da Johannes Bernhardt mein Urgroßvater war. Jedoch liegt der Anspruch der hier vorliegenden kulturwissenschaftlichen Studie nicht darin, die ‚wahre Geschichte‘ Johannes Bernhardts zu erzählen, sondern in einer Untersuchung der Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion Johannes Bernhardts als Erinnerungsfigur. Die Suche nach historischer Wahrheit spielt daher im Rahmen dieses Forschungsunterfangens keine bedeutende Rolle, da alle hier zitierten Geschichtsversionen lediglich als Inszenierungen von Realität betrachtet werden.

Zusammenfassung

Am 25. Juli 1936 beschloss Hitler an der Seite General Francos im Spanischen Bürgerkrieg zu intervenieren. Die geschichtsträchtige „Bayreuther Entscheidung" legte die Weichen für eine faschistische Diktatur in Spanien, die das Land über vierzig Jahre vom Rest Europas isolieren sollte. Der deutsche Geschäftsmann Johannes Bernhardt wurde als Protagonist des geheimen Treffens in Bayreuth von Hitler mit dem Aufbau eines ökonomischen Schattenimperiums in Spanien beauftragt. Eine Analyse historischer Schlüsseltexte und anderer medialer Inszenierungen von Bernhardt und der deutschen Intervention in Spanien zeigt, welcher sprachlichen Strategien sich Historiker, Journalisten und Autoren bedienen, um die Erinnerungsgeschichte der deutsch-spanischen Beziehungen seit acht Jahrzehnten zu konstruieren, manipulieren und revidieren.

Details

Seiten
530
ISBN (PDF)
9783631785447
ISBN (ePUB)
9783631785454
ISBN (MOBI)
9783631785461
ISBN (Hardcover)
9783631785423
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
Francisco Franco Adolf Hitler Legion Condor María Dueñas Nazi Deutschland Erinnerungsgeschichte Revisionismus Oral history Sieger- und Verliererdiskurs Faschismus
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 530 S., 82 s/w Abb., 6 Tab.

Biographische Angaben

Clara Blume (Autor:in)

Clara Blume arbeitet als Deputy Director bei Open Austria, dem österreichischen Konsulat in San Francisco (CA). Sie studierte Komparatistik an der Universität Wien und hat 2017 am Institut für Romanistik promoviert.

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Titel: Die Sieger schreiben Geschichte