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Identitäten

Zumutungen für Wissenschaft und Gesellschaft

von Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Barbara Mackinger (Band-Herausgeber:in)
©2020 Sammelband 644 Seiten

Zusammenfassung

Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zeigen, dass parallel zu einer fortschreitenden globalen Vernetzung und einer Zunahme an Komplexität viele Menschen (wieder) Wert auf persönliche, kulturelle und religiöse Identitäten legen.
Das Engagement für Offenheit, Dialog und Vielfalt sieht sich mit einer neuen Sehnsucht nach Identität konfrontiert. Diese reicht vom Wunsch nach Anerkennung über die Suche nach Beheimatung bis hin zu Formen von Nostalgie und Regression aber auch fundamentalistischer Gewalt.
Die Beiträge des Bandes gehen auf eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Salzburg zurück. Sie befassen sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven mit der Frage, inwiefern die Ausbildung von Identitäten als Ressource – und nicht als Bedrohung – einer offenen und vielfältigen Gesellschaft wahrgenommen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort (Franz Gmainer-Pranzl/Barbara Mackinger)
  • Tagungsbeiträge
  • Identität in Zeiten des kulturellen Wandels. Psychologische und soziale Folgen von Entwicklungszusammenarbeit (Nina Hansen)
  • Zur Identität im öffentlichen Raum: Einige Betrachtungen aus rechtsethischer Perspektive (Hanna Maria Kreuzbauer)
  • Mentoringprojekt „Sprungbrett – zusammen spielend Talente fördern“. Wie kann die Identitätsentwicklung strukturell benachteiligter Kinder gefördert werden? (Barbara Mackinger/Eva Jonas)
  • An die Ränder der menschlichen Existenz. Eine identitätspolitische Lektüre des Pontifikats Franziskusʼ (Martin Dürnberger)
  • Komplexe Identitäten: Ich-Entwürfe in der transkulturellen Literatur (Eva Hausbacher)
  • Weitere beiträge
  • Ich bin mehr! Multiple Identität als psychische Ressource bei muslimischen Studierenden in Österreich (Haliemah Mocevic/Barbara Mackinger/Eva Jonas)
  • Kognitive und neuronale Grundlagen des Identitätsbewusstseins (Matthias Gerhard Tholen/Josef Perner)
  • Identität: Versuch einer kulturpsychologischen Begriffsbestimmung (Christian G. Allesch)
  • „Stimmen der Opfer“. Identitätskonstruktionen und Identifikationsangebote in der französisch-muslimischen Rap-Musik zwischen Protest, Religion und Palästina-Solidarität (Alexandra Preitschopf)
  • Die Identitäre Bewegung als Teil der Neuen Rechten (Reinhard Heinisch/Fabian Habersack)
  • Die Ausformung der Identität im Spannungsfeld aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen (Wolfgang Aschauer)
  • Personale Identität jenseits der Grenzen von „Raum und Zeit“ (Ijabani Noah Lucas)
  • Wissen und Handeln, Können oder Sein: Identitäten von (angehenden) Lehrpersonen im Kontext der Lehrerbildungsreform der Sekundarstufe in Österreich (Ulrike Greiner)
  • Zwischen Bodenständigkeit und Weltläufigkeit. Zur Bedeutung der Selbstsorge für den Dialog mit Fremdem (Barbara Schellhammer)
  • „Integration“ und die Macht von Identität(en). Eine interkulturell-philosophische Kritik (Franz Gmainer-Pranzl)
  • Konzeptionen des Allgemein-Menschlichen und menschliche Identität (Michael Zichy)
  • Europas verdrängte Erinnerungen: Kontaminierte Landschaften. Martin Pollacks traumatische Gedächtnistopographien als Zumutung für eine „europäische“ Erinnerungspolitik und Identitätskonstruktion (Andrea Schmuck)
  • Was hat Hybridität mit Kunst zu tun? Überlegungen zur interkulturellen Selbstfindung am Beispiel des malawischen Künstlers Samson Kambalu (Sabine Coelsch-Foisner)
  • Performing the Fool oder: Vom Närrischen Spiel. Facetten der Figur des Narren als Modell von Identität im A-Topos (Teresa Leonhard)
  • Zur Genese musikbezogener Identitäten. Perspektiven aus Entwicklungspsychologie und Musikpädagogik (Anna Maria Kalcher)
  • „Fragt die Leute der Überlieferung“ (Sure 16,43) – Versuch einer christlichen Koranhermeneutik (Anja Middelbeck-Varwick)
  • Spirituelle Identitäten in einer interreligiösen Welt – eine pastorale Zumutung? (Martin Rötting)
  • Zwischen Orient und Okzident. Identitätsbildung syrisch-orthodoxer Christen in Europa (Joachim Jakob)
  • Mauern und Abgrenzungsstrategien in der Offenbarung des Johannes. Die Stadtmauer des himmlischen Jerusalem und ihre Bedeutung für die Identität christlicher Gemeinden (Reinhard Stiksel)
  • Präsentationen von nachwuchswissenschaftler*innen bei der tagung
  • Auf der unendlichen Suche nach kollektiver Identität. Ein Konzept der Identität auf der Basis des frühromantischen Menschenbildes und dem Begriff des Leibraums nach Walter Benjamin (Rafael Rehm)
  • Diskurs, Macht, Identität und das Konzept der Ähnlichkeit. Zur Prozessualität der Identitätsbildung durch Dekonstruktion, Rekonstruktion und Aneignung hegemonialer Diskurse am Beispiel der Paraiyars in Tamil Nadu (Gernot Rohrmoser)
  • Europa: Chance oder Bedrohung? Der Einfluss existentieller Bedürfnisse auf kulturellen Rückzug und Fremdenfeindlichkeit (Adrian Lüders/Andreas M. Böhm/Eva Jonas)
  • „Von einem Extrem ins andere“ – eine ehemalige Zeugin Jehovas entdeckt sich selbst. Eine religionspsychologische Studie zur Identitätskonstruktion im Zuge einer religiösen Konversion (Sarah Franziska Tran-Huu)
  • Der tanzende Körper als Subjekt und Austragungsort von (religiösen) Identitätsdiskursen – Aushandlung israelischer und israelisch-jüdischer Identität mithilfe des Körpers (Lina Aschenbrenner)
  • Katholizität 2.0? Identitätskonstruktionen der Kirche mit Papst Franziskus (Elisabeth Höftberger)
  • Zum künstlerischen beitrag
  • Mit Papier, Farbstift, Messer und Garn (Iris Christine Aue)
  • Anhang
  • Programm der Tagung
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
  • Übersetzerin
  • Reihenübersicht

cover

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Nina Hansen

Identität in Zeiten des kulturellen Wandels.
Psychologische und soziale Folgen von
Entwicklungszusammenarbeit

Abstract: In 2015, 10 percent of the world’s population lived in poverty, on less than $ 1.90 a day. They suffer from a lack of material resources and access to education and basic utilities. Governments and organizations strive to improve their living conditions by implementing different programs in low- income nations. I shall give a short description of three examples of such programs and their psychological impacts: (1) a laptop program for children envisioned to increase their educational opportunities, (2) microfinance services for poor people designed to help them develop their income- generating activity through training and micro-loans, and (3) a small to medium-sized enterprise development program designed to increase employment levels and foster sustainable development and peace. In all three cases, the long-term goal is to help people escape extreme poverty. The effectiveness of such programs is currently heavily debated in science and politics. In this context, I will describe how different aspects of identity are studied in social psychology and how these may change. In sum, the findings point to the development of an identity in which self-determined and agentic action is becoming more important. However, they also show how the traditional embeddedness in family and groups changes. The latter will have a major impact on how identities change in societies undergoing rapid economic growth. Future research should investigate these long- term and possibly less positive consequences.

Keywords: development cooperation, education, modernization, school children, micro finance

Aktuelle Daten aus dem Jahr 2015 zeigen, dass insgesamt 736 Millionen Menschen weltweit in extremer Armut leben (World Bank, 2018). Sie leiden unter Nahrungsknappheit sowie an mangelndem Zugang zu Grundversorgung und Bildung und haben täglich weniger als 1,90 Dollar zur Verfügung (das heißt, sie fallen unter die sogenannte Armutsgrenze). Mit anderen Worten, 10 von 100 Menschen bzw. 10 Prozent der Weltbevölkerung sind nach diesem Standard als arm einzustufen.

Um diese Zahl in den kommenden Jahren weiter zu senken, werden von Regierungen und Organisationen verschiedenste Programme angeboten, welche die Lebensbedingungen dieser Menschen verbessern sollen. Diese Programme zielen darauf ab, die ökonomische, soziale, politische und ökologische ←15 | 16→Entwicklung in einkommensschwächeren Nationen zu unterstützen. Zum Beispiel haben Laptop-Programme für Kinder zum Ziel, deren Bildungschancen zu erhöhen, wohingegen die Vergabe von Mikrokrediten für arme Bevölkerungsschichten darauf abzielt, Menschen durch Trainings und Kleinkredite die eigene wirtschaftliche Selbständigkeit zu ermöglichen. In beiden Fällen ist das langfristige Ziel, Menschen zu helfen, der extremen Armut zu entfliehen.

Viele Programme werden jedoch – meist mit guten Intentionen – in einkommensstärkeren Nationen entwickelt. Die Effektivität solcher Programme wird daher derzeit in Wissenschaft und Politik stark diskutiert (z. B. OECD/UNDP, 2016).

Dieser Beitrag beschäftigt sich vor allem mit den teilweise unerwarteten Effekten von solchen gut gemeinten Programmen und thematisiert, welchen Einfluss Entwicklungshilfeprojekte auf die Entwicklung von Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen haben können. Ich

werde zunächst relevante Konzepte aus Sicht der Sozialpsychologie definieren und anschließend meine Argumentation mit eigenen empirischen Daten belegen. Ich hoffe, dass mir dabei der Spagat zwischen Studiendetails für eher empirisch interessierte LeserInnen und Theorie für stärker theoretisch interessierte LeserInnen gelingt.

Nach einer theoretischen Einführung werde ich Studienergebnisse aus Kulturen vorstellen, in denen der momentane Prozess der ökonomischen Entwicklung und Modernisierung das Leben der Menschen stark verändert hat. Diese Studien verdeutlichen exemplarisch, wie in der Sozialpsychologie Veränderungen von Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen untersucht werden und was die jeweiligen Konsequenzen hiervon sind.

Identitätsbegriff in der psychologischen Forschung

In der sozialpsychologischen Forschung wird zwischen der personalen und sozialen Identität unterschieden. Die personale Identität beschreibt die Gesamtheit eines Individuums und besteht aus zwei Teilen, dem sogenannten Selbstkonzept und dem sogenannten Selbstbewusstsein (James, 1890). Ersteres beschreibt das Wissen, letzteres das Denken über einen selbst.

Das Selbstkonzept besteht aus mehreren Aspekten wie zum Beispiel äußeren Merkmalen wie Augenfarbe und Größe, Interessen, Fähigkeiten und Gedanken. Studien in der Psychologie haben gezeigt, dass Kinder im Alter von zwei Jahren beim Blick in den Spiegel einen roten Punkt in ihrem Gesicht erkennen und auf diesen zeigen können. Das lässt uns annehmen, dass Menschen bereits sehr früh über ein rudimentäres Verständnis davon verfügen, was das Selbst umfasst. ←16 | 17→Dieses Wissen wird im Laufe des Lebens komplexer. Auf die Frage, wer sie sind, nennen Kinder im Alter von in etwa neun Jahren klar abgrenzbare Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, ihre Hobbies oder ihren Wohnort. Erst später, im Alter von in etwa zwölf Jahren, nennen sie neben physischen auch psychologische Charakteristika, wie zum Beispiel ihre Gedanken, Gefühle oder ihre Eindrücke davon, was andere von ihnen denken (Harter, 2003).

Kulturen unterscheiden sich darin, wie Menschen ihr Selbstkonzept im Verhältnis zu anderen konstruieren. Für eine Person mit einem stark abhängigen Selbstkonzept ist es wichtig, was andere von ihr denken. Im Gegensatz dazu ist es für eine Person mit einem stark unabhängigen Selbstkonzept von hoher Bedeutung, was sie von anderen unterscheidet und einzigartig macht. Der Referenzpunkt für den Vergleich unterscheidet sich für diese beiden Personen.

Ein viel untersuchter Aspekt des Selbstbewusstseins ist der sogenannte Selbstwert (im Englischen: self-esteem), der die positiven sowie negativen Wertungen der eigenen Person umfasst (z. B. Rosenberg, 1965). Der Mensch ist jedoch nicht nur ein Individuum, sondern vor allem auch ein Gruppenmitglied (Tajfel & Turner, 1979). Jeder Mensch hat verschiedene Gruppenzugehörigkeiten, die unsere Identität beeinflussen und sogenannte soziale Identitäten formen. Wir sind Familienmitglieder, haben eine Staatsangehörigkeit, gehören einer Berufsgruppe an, sind Fan eines Sportvereins oder Mitglied einer politischen Partei. Je nachdem, welche Gruppenmitgliedschaft in einer bestimmten Situation relevanter ist, sehen und verhalten wir uns auf verschiedene Arten und Weisen. In der Arbeit wird zum Beispiel mehr diskutiert, zuhause in der Familie hört man vielleicht mehr zu. Abhängig davon, ob die personale oder eine soziale Identität präsenter ist, kann sich das Selbstkonzept in verschiedenen Kontexten leicht unterscheiden.

Ich werde später in diesem Beitrag noch mehrmals auf die Begriffe Selbstkonzept und Selbstbewusstsein sowie auf den Einfluss von Gruppenmitgliedschaften auf die Identität zurückkommen.

Einfluss von Kultur auf das Selbst

Neben den Gruppen, denen wir angehören, werden wir ebenfalls durch die Kultur, in der wir leben, beeinflusst. Kultur ist ein kollektives Phänomen, das einen Referenzrahmen für die gemeinsame Konstruktion der Realität für eine Gruppe bietet. Kultur ist Teil der Gesellschaft (z. B. ökologische, ökonomische, historische Faktoren), von Institutionen und Produkten (z. B. Sprache, Bildung, Politik, Medien, Rechte), des täglichen Lebens (z. B. Zuhause, Schule, Beruf) und von uns selbst (Wahrnehmung, Kognition, Emotion, Motivation und Verhalten; ←17 | 18→Markus & Kitayama, 2010). Diese verschiedenen Ebenen beeinflussen sich gegenseitig.

Aus einer psychologischen Perspektive besteht Kultur aus geteilten Gedanken, Werten und Normen. Diese beschreiben, wie die Gesellschaft, andere und das Selbst sind bzw. sein sollten. Da Kultur ein kollektives Phänomen ist, geht es hierbei nicht um die Auffassungen eines einzelnen Mitglieds einer Kultur, sondern darum, was von einer Mehrheit der Gesellschaft für richtig und wichtig gehalten wird.

Im Bereich der kulturvergleichenden Psychologie wurden in der Vergangenheit Unterschiede zwischen Kulturen untersucht. Die am meisten untersuchte Dimension ist Individualismus- Kollektivismus (Hofstede, 1984; Triandis, 1995). Diese Dimension unterscheidet Kulturen danach, wie Gesellschaften organisiert sind und in welchem Verhältnis Individuum und Gruppe zueinanderstehen. Kulturen, die stark von Individualismus geprägt sind, zeichnen sich dadurch aus, dass jedes Mitglied als eigenständiges Individuum gesehen wird und für die eigenen Bedürfnisse und Ziele selbst verantwortlich ist. Im Gegensatz dazu zeichnen sich Kulturen, die stark von Kollektivismus geprägt sind, dadurch aus, dass individuelle Entscheidungen stark durch die Gruppe, zu der ein Individuum gehört, beeinflusst werden.

Während in individualistischen Kulturen das Individuum der Referenzpunkt für die eigenen Entscheidungen ist, ist dies bei kollektivistischen Kulturen die Gruppe. Aktuelle Forschung zeigt, dass einkommensschwache Nationen vergleichsweise eher kollektivistisch und einkommensstärkere Nationen eher individualistisch geprägt sind (Hofstede, Hofstede, & Minkov, 2010; auf dieser Webseite können Nationen verglichen werden: https://geert-hofstede.com/national-culture.html).

Modernisierung und sozialer Wandel

Über die Jahrhunderte hinweg haben sich Kulturen verändert. Treibende Motoren für den sozialen Wandel sind hierbei ökonomische Entwicklung und Modernisierung. Modernisierung beschreibt die Entwicklung bzw. den Prozess einer Nation von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft, die durch den Einsatz neuer Technologien geprägt ist (Inkeles & Smith, 1974). Politik hat häufig zum Ziel, die ökonomische Entwicklung einer Nation voran zu treiben, um durch Modernisierung einen höheren Lebensstandard zu erreichen.

In diesem Beitrag werde ich beide Begriffe verwenden: Ökonomische Entwicklung, wenn es um die allgemeine Entwicklung geht, und Modernisierung, wenn es um die Einführung eines Aspektes von Modernisierung wie zum Beispiel ←18 | 19→einer Technologie oder Dienstleistung geht. Vor allem soziologische und politikwissenschaftliche Forschung haben über Jahrzehnte hinweg untersucht, wie sich im Laufe der Zeit kulturelle Werte mit ökonomischer Entwicklung verändern.

Was ist für Menschen wichtig in ihrem Leben, und wie verändern sich diese Werte mit der Zeit? Diese Forschung zeigt, dass ökonomische Entwicklung mit der Veränderung von traditionellen (wie Respekt für Autorität) und überlebensorientierten Normen und Werten (wie Aufrechterhaltung der Ordnung) hin zu rationaleren, toleranteren, vertrauensvolleren und partizipatorischeren Normen und Werten zusammenhängt. Fasst man diese vielen kleinen Werteveränderungen zu zwei großen übergreifenden Veränderungen zusammen, so kann man sagen, dass eine Verschiebung von traditionellen zu stärker säkular-rationalen Werten sowie von überlebensnotwendigen zu stärker selbstverwirklichungsorientierten Werten stattfindet (z. B. Inglehart & Baker, 2000).

Während diese sogenannten „modernen“ Werte im Laufe der Zeit wichtiger werden, bleiben traditionelle Werte, wie zum Beispiel religiöser Gehorsam und Anerkennung von elterlicher Autorität, bestehen (z. B. Inglehart & Baker, 2000; Inglehart & Welzel, 2005). Das heißt, dass, obwohl immer weniger Menschen am Sonntag in die Kirche gehen, von der Kirche vermittelte Werte wie Nächstenliebe weiterhin in der Gesellschaft verankert sind. Von detaillierten Analysen und Vergleichsstudien wissen wir, wie sich beispielsweise Beziehungen durch die Einführung von Informationstechnologien am Arbeitsplatz verändert haben (z. B. Zuboff, 1988).

Im Vergleich zu der oben beschriebenen Forschung wissen wir jedoch überraschend wenig über Veränderungsprozesse auf der sogenannten Mikroebene, also darüber, welchen Einfluss ökonomische Entwicklung und Modernisierung auf unsere Identität und Beziehungen haben. Dies untersuche ich anhand von verschiedenen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit. Im Rahmen dieser Projekte werden in der Regel unterschiedliche „moderne“ Interventionen eingeführt, um benachteiligte Menschen in einkommensschwachen Nationen zu stärken und die Armut zu vermindern.

Auf Basis der oben beschriebenen, bereits bestehenden Forschung habe ich zusammen mit KollegInnen und Studierenden eigene Forschungsprojekte in Äthiopien und Sri Lanka durchgeführt, um drei Hypothesen in einkommensschwachen und stark kollektivistisch geprägten Bevölkerungsgruppen zu untersuchen:

1. Modernisierung stimuliert die Entwicklung einer Identität, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat (Englisch: agentic).

2. „Traditionelle“ kulturelle Aspekte von Identität bleiben erhalten.

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3. Mit zunehmender ökonomischer Entwicklung verlieren traditionelle Beziehungen an Bedeutung.

Für diesen Beitrag habe ich exemplarisch drei Forschungsprojekte ausgewählt, im Rahmen derer ich diese Hypothesen im Feld untersucht habe. Diese drei Projekte demonstrieren verschiedene Methoden aus der Sozialpsychologie, mit denen Identitätsveränderungen untersucht werden können.

Die ersten beiden Projekte befassen sich mit dem Einfluss von jeweils einem Aspekt von Modernisierung. Die erste Forschungsreihe zeigt Ergebnisse zum Einfluss eines Laptop- Programms auf Kinder in Äthiopien. Das zweite Projekt befasst sich mit dem Einfluss der Vergabe von Mikrokrediten an Frauen in Sri Lanka. Das dritte Projekt zeigt Befunde einer Längsschnittstudie zum Zusammenhang von ökonomischer Entwicklung und Veränderungen der persönlichen Identität sowie in sozialen Netzwerken.

Laptop-Programm für Kinder

Vielseitige Bemühungen von Regierungen und Organisationen haben in den letzten Jahren immer mehr Kindern in einkommensschwächeren Nationen einen Zugang zu Bildung ermöglicht. Trotz dieser erhöhten Zugänglichkeit haben sich die Lernergebnisse von Schulkindern in diesen Ländern jedoch nicht verbessert (für einen Überblick siehe Snilstveit et al., 2016).

Einen Art von Programmen, die auf genau diese Lernergebnisse von Kindern und somit ihre Zukunftschancen abzielt, sind Laptop-Programme für Kinder. „One laptop per child“ (olpc) ist eine Organisation, die robuste Laptops für Kinder entwickelt hat und diese weltweit verteilt (für mehr Information siehe http://one.laptop.org/). Die Laptops wurden so entwickelt, dass sie in den jeweiligen Ländern trotz klimatisch schwieriger Bedingungen mit langer Akkudauer genutzt werden können. Jedes Kind erhält hierbei einen eigenen Laptop, der sowohl in als auch außerhalb der Schule zur Verfügung steht. Auf den Laptops befinden sich verschiedene Programme wie zum Beispiel Schulbücher, Lehrprogramme, Wikipedia und sie sind mit einer Kamera ausgestattet. Die genaue Auswahl an Programmen und der Zugang zum Internet hängen von den lokalen Bedingungen und den Projektkoordinatoren ab.

Das erste Land, das 2008 in Afrika Laptops von olpc empfangen hat, war Äthiopien.

Äthiopien zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (UN-OHRLLS, 2011). Zum Zeitpunkt der Studie besaßen ungefähr 0,7 % der Bevölkerung einen Computer, und nur 0,4 % hatten Zugang zum Internet (World ←20 | 21→Bank, 2009). Die äthiopische Kultur ist sehr stark kollektivistisch geprägt, Religion und Traditionen spielen eine große Rolle im Leben der Menschen (z. B. Becker et al., 2012; Donald, 1965). Das Einhalten von Hierarchien gilt als sehr wichtig, Kinder sind ihren Eltern und Lehrern gegenüber sehr gehorsam. Schon früh übernehmen sie wichtige Aufgaben in der Familie. Mädchen passen zum Beispiel auf ihre Geschwister auf, wohingegen Jungen für das Hüten der Ziegen verantwortlich sind. Es ist nicht üblich, dass Kinder unabhängig denken und handeln oder eigene wertvolle Gegenstände besitzen.

In diesem Kontext wurden Laptops an insgesamt 6.000 Kinder aus vier Schulen in verschiedenen Regionen Äthiopiens verteilt. In drei Schulen erhielten alle Kinder einen Laptop, in einer Schule zunächst die Hälfte aller Klassen. An unserer Studie nahmen dabei alle Kinder aus den sechsten und siebten Klassen teil. Über zwei Jahre hinweg konnten wir verschiedene Aspekte der Entwicklung dieser Kinder verfolgen und mit Kindern aus ähnlichen Schulen ohne Laptop-Programm vergleichen (Hansen, Koudenburg, Hiersemann, Tellegen, Kocsev, & Postmes, 2012; Hansen & Postmes, 2013; Hansen, Postmes, Tovote, & Bos, 2014; Hansen, Postmes, van der Vinne, & van Thiel, 2012).

Auf Basis von theoretischen Überlegungen (siehe oben) erwarteten wir, dass Kinder, die einen Laptop erhalten hatten und diesen auch benutzten, selbstständig Informationen suchen und lernen könnten, was wiederum Konsequenzen für ihre eigene Wahrnehmung (Identität und kulturelle Werte) haben sollte. Anhand von verschiedenen Maßen untersuchten wir dementsprechend, ob Laptopgebrauch tatsächlich zu Veränderungen der eigenen Identität führen kann. Im folgenden Abschnitt werde ich drei unserer Ergebnisse näher erläutern.

Um mehr über das Selbst der äthiopischen Kinder zu erfahren, analysierten wir zunächst Zeichnungen der Kinder. Selbstporträts bieten indirekte Informationen über das Selbst (z. B. Teichmann, 2001). Innerhalb einer Schule verglichen wir die Porträts von 106 Kindern, die einen Laptop besaßen, mit jenen von 106 gleichaltrigen Kindern ohne Laptop (Hansen & Suhlmann, 2017). Die SchülerInnen hatten dabei die Aufgabe sich selbst zu malen. Die Porträts wurden anschließend von zwei äthiopischen Kollegen anhand von sechzehn Indikatoren (vgl. Teichmann, 2001) unabhängig voneinander kodiert.

Mit Hilfe einer Faktoranalyse fassten wir anschließend einzelne Indikatoren zu vier Konstrukten zusammen. Komplexität beschrieb die Summe aller Details in den Porträts, Deutlichkeit die Genauigkeit, mit der Kinder sich gemalt hatten (z. B. Kopf, halber Körper oder ganzer Körper). Die Qualität enthielt beispielsweise, ob die Proportionen der Körperteile zueinander stimmten oder ob Kinder sich deutlich als Mädchen oder Junge gemalt hatten. Die Größe des Portraits ←21 | 22→wurde schließlich durch das Multiplizieren der Höhe und Breite des Portraits gemessen.

Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass Kinder, die einen Laptop hatten, komplexere und deutlichere Porträts im Vergleich zu Kindern ohne Laptops gemalt hatten. Keine Unterschiede fanden sich hingegen in der Qualität und Größe der Portraits. Diese Ergebnisse bieten erste Hinweise, dass Laptopgebrauch zu komplexeren und detaillierteren Selbstkonzepten bei Kindern in Äthiopien führen kann. Mit anderen Worten bedeutet das, dass Kinder das Wissen (Selbstkonzept) und Denken (Selbstbewusstsein) über sich selbst durch Laptopgebrauch vergrößern könnten.

In einem weiteren Artikel untersuchten wir, wie Kinder ihr Selbst konstruierten (Hansen et al., 2012). Ein Jahr nach der Verteilung der Laptops verglichen wir in einer der teilnehmenden Schulen drei Gruppen von Kindern im Alter von durchschnittlich 14 Jahren. 69 Kinder hatten einen eigenen Laptop und benutzten diesen noch regelmäßig, 24 Kinder hatten einen Laptop, konnten diesen allerdings nicht mehr benutzen, da er im Laufe des Jahres kaputtgegangen war. 76 Kinder hatten keinen eigenen Laptop. Interessanterweise brachten die 24 Kinder, deren Laptop kaputtgegangen war, diesen noch täglich mit zur Schule.1

Um das Selbst und kulturelle Werte zu messen, stellten wir Kindern verschiedene Fragen, die wir im Vorfeld mit Hilfe von qualitativer Forschung an den kulturellen Kontext angepasst hatten. Den teilnehmenden Kindern wurden mehrere Aussagen vorgelegt, wobei sie für jede Aussage einen von fünf Smileys wählen sollten, um anzugeben, inwiefern sie der Aussage zustimmten. Die Smileys hatten sehr unzufriedene bis sehr zufriedene Gesichter (mit einem Mundwinkel nach unten bis mit einem Mundwinkel nach oben). Wir erfassten das Denken über sich selbst mit zwei unterschiedlichen Aussagen für individualistische und kollektivistische Kulturen (vgl. Markus & Kitayama, 1991). In stark kollektivistisch geprägten Kulturen legten wir die Äußerung vor: „Es ist wichtig, was andere von mir denken“ (abhängiges Selbst), in stärker individualistisch geprägten Kulturen sollte folgender Satz bewertet werden: „Es ist wichtig für mich, dass ich einzigartig bin, anders als andere“ (unabhängiges Selbst). Kulturelle Werte maßen wir mit einer überarbeiteten Version eines standardisierten Fragebogens (Schwartz & Bardi, 2001; für Details siehe Hansen et al., 2012). Kollektivistische Werte wurden dabei mit Fragen wie „Ich mache das, was man ←22 | 23→mir sagt“ und „Ich helfe Menschen um mich herum” erfasst. Individualistische Werte wurden hingegen mit Fragen wie „Ich denke mir neue Ideen aus und bin kreativ” oder „Ich treffe meine eigenen Entscheidungen darüber, was ich kann oder nicht kann“, untersucht.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die drei untersuchten Gruppen nicht signifikant in den typisch kollektivistischen Maßen unterschieden, und zwar weder im Ausdruck eines abhängigen Selbst (es ist wichtig, was andere von ihnen denken) noch in ihren Werten. Interessanterweise finden sich jedoch Unterschiede bei den stärker individualistischen Maßen: Jene Kinder, die den Laptop benutzten, zeigten höhere Werte eines unabhängigen Selbst (es ist wichtig, einzigartig und anders als andere zu sein) und bei individualistischen Werten als jene Kinder, die gar keinen Laptop hatten. Kinder, deren eigener Laptop kaputtgegangen war, zeigten ähnliche Ergebnisse wie jene, die ihren Laptop benutzen konnten. Diese Ergebnisse der Kinder mit einem kaputten Laptop, unterschieden sich jedoch nicht signifikant von der Vergleichsgruppe ohne Laptop. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Laptops im Laufe des Jahres kaputtgegangen waren und Kinder in dieser Gruppe ihre Laptops daher unterschiedlich lange nutzen konnten.

Ähnlich wie in vorangegangener Forschung zu kulturellem Wertewandel (z. B. Inglehart & Baker, 2000) weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass traditionelle Ausdrücke von Kultur relativ resistent gegenüber Veränderung sind oder sich nur langsam verändern. Kindern ist es wichtig, was andere von ihnen denken, während sie traditionelle Werte für wichtig halten.

Dennoch zeigen unsere Ergebnisse deutlich, dass Kinder eine Identität entwickeln, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat (Englisch: agentic). Es ist ihnen wichtig, einzigartig und anders zu sein sowie sich selbst positiv zu entwickeln, aber gleichzeitig behält auch das Sorgen für das Kollektiv seinen wichtigen Stellenwert.

In einer weiteren Analyse untersuchten wir, welchen Einfluss das Nutzen des Laptops zusammen mit wichtigen Interaktionspartnern hat. In Anlehnung an Forschung, die sich mit dem Einfluss von neuen Technologien auf zwischenmenschliche Beziehungen beschäftigt (z. B. Zuboff, 1988), erwarteten wir, dass sich die oben beschriebenen Effekte vor allem dann ergeben, wenn der Laptop Teil zwischenmenschlicher Interaktionen wird.

Für diese Analyse verglichen wir drei Gruppen von Kindern aus derselben Schule ein Jahr nach der Laptopverteilung. Die erste Gruppe bestand aus Kindern ohne Laptop, die zweite Gruppe aus Kindern, die zwar einen Laptop hatten, aber angaben, diesen nur allein zu nutzen. Die dritte Gruppe waren Kinder, die berichteten, ihren Laptop mit Freunden und Eltern zu nutzen. Kinder, die mit Freunden innerhalb und außerhalb der Schule den Laptop nutzten oder die ←23 | 24→mit ihren Eltern über den Laptop sprachen, zeigten ein signifikant unabhängigeres Selbst im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen. Wir vermuten, dass bestehende Interaktionen mit Eltern dadurch verändert werden, dass Kinder ihr neu erworbenes Wissen mit Freunden und Eltern teilen und ihnen von ihren Fähigkeiten berichten beziehungsweise diese sogar demonstrieren können. Diese Kinder erfahren, dass sie über Wissen verfügen, das andere interessiert. Durch das Erklären erfahren sie, dass sie anders als andere sind und Interaktionen selbst mitgestalten können.

Zusammengefasst zeigen diese drei Ergebnisse, dass der aktive und soziale (in zwischenmenschlichen Interaktionen) Gebrauch eines Laptops in den Kontexten, in denen diese Technologie zuvor nicht vorhanden war, die Entwicklung einer Identität, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat, bei Kindern unterstützen kann. Der Besitz eines Laptops allein führte jedoch noch nicht zu den beobachteten Veränderungen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass Kinder sich in diesem Alter sehr schnell entwickeln. Forschung über längere Zeithorizonte hinweg ist daher notwendig, um genauer zu verstehen, wie sich Identität über Kindheit und Jugend hinweg in einem solchen kulturellen Kontext entwickelt.

Mikrofinanzierung

Muhammad Yunus erhielt 2006 zusammen mit der Grameen Bank den Friedensnobelpreis für ihre Arbeit. Sie vergaben Kleinkredite an Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine finanzielle Sicherheit hatten, um ihnen so aus dem Teufelskreis der Armut zu helfen.

Ihre ursprüngliche Idee entwickelte sich über die Jahre hinweg weiter, Mikrokredite wurden durch zusätzliche Angebote wie zum Beispiel Trainings ergänzt. Aus diesem Grund spricht man inzwischen von Mikrofinanzierung (was Kleinkredite, Trainings und weitere Angebote umfasst).

Heutzutage werden Mikrofinanzierungsprogramme vor allem für Frauen angeboten, um ihre Position zu stärken, und nicht zuletzt deshalb, weil Frauen ihre Kleinkredite rechtzeitig zurückzahlen. Obwohl hohe Summen für diese Programme in einkommensschwachen Nationen ausgegeben werden, wissen wir im Grunde genommen relativ wenig darüber, ob diese Programme die Position von Frauen tatsächlich verbessern (im Englischen womenʼs empowerment; z. B. Duvendack, Palmer-Jones, & Vaessen, 2014).

Die bisherige Forschung zeichnet ein sehr uneinheitliches Bild. Einige Studien zeigen, dass Frauen, die an Mikrofinanzierungsprogrammen teilnehmen, mehr Einfluss auf die Entscheidungsprozesse innerhalb der Familie nehmen, ←24 | 25→andere Studien jedoch, dass diese Frauen im Vergleich zu Frauen, die nicht an einem Programm teilnehmen, mehr Gewalt durch den Partner erfahren.

Unsere Forschung führten wir im Rahmen eines Programms zur Entwicklungszusammenarbeit in Sri Lanka durch. Das ProMiS-Programme (Promotion of the

Microfinance Sector)2 bot Unterstützung für Mikrofinanzierungsinstitute (MFIs) in Sri Lanka an, sodass diese ihre Dienstleistungen für jene benachteiligten Bevölkerungsgruppen ausweiten konnten, die bisher keinen Zugang zu Mikrofinanzierung hatten. Diese Menschen lebten unterhalb der Armutsgrenze, die meisten von ihnen waren direkt von dem 26 Jahre andauernden Bürgerkrieg betroffen und waren häufig zwangsumgesiedelt worden.

Das ProMiS-Programm ermöglichte von 2009 bis 2012 insgesamt circa 20.000 Menschen in Sri Lanka Zugang zu Mikrofinanzierung. Es umfasste drei verschiedene Aktivitäten: Zu Beginn konnten die TeilnehmerInnen an verschiedenen Arten von Trainings teilnehmen, um ihre Sozialkompetenzen wie zum Beispiel Führungsverhalten und Konflikthandhabung, ihre kaufmännischen Fähigkeiten wie zum Beispiel Buchführung und Planung sowie fachliche Kompetenzen wie zum Beispiel landwirtschaftliches Wissen zu verbessern.

Anschließend wurden die Frauen in Gruppen eingeteilt, um gemeinsam zu sparen und Kredite anzufragen.3 Alle TeilnehmerInnen nahmen an den Sparprojekten in den Kleingruppen teil, um einen besseren Überblick über ihre eigene finanzielle Situation zu erlangen. Nur jenen TeilnehmerInnen, die durch die Teilnahme an diesem Programm ihr wirtschaftliches Wissen und ihre Situation verbessern konnten, wurde letztendlich die Möglichkeit geboten, einen Kleinkredit zu beantragen. Jedoch erhielten nicht alle TeilnehmerInnen am Ende einen Kleinkredit.

Im Rahmen unserer Forschung führten wir ein so genanntes Quasiexperiment durch (Hansen, 2015). Von den 20.000 TeilnehmerInnen des Programmes wählten wir auf Basis von drei Kriterien eine Anzahl von Frauen zufällig aus. Insgesamt interviewten wir 88 Frauen, die alle

(1) in zwei ehemaligen Konfliktregionen im Norden von Sri Lanka wohnten, (2) unterhalb der Armutsgrenze lebten und (3) zum Zeitpunkt der Studie zwischen vierzehn und zwanzig Monaten an dem Programm teilgenommen hatten. In dieser Zeit sollten sie an Trainings teilgenommen, in Kleingruppen gespart ←25 | 26→und sich um einen Kleinkredit beworben haben. Als Vergleichsgruppe interviewten wir 84 Frauen, die an keinem solchen Programm teilgenommen hatten.

Unser Ziel war es, schlussendlich zwei gleich stark motivierte Gruppen vergleichen zu können, weshalb Interviewer zunächst die Teilnehmerinnen des Programms vor Ort fragten, ob sie ihnen eine Nachbarin nennen könnten, die noch kein Mitglied einer MFI war, aber Interesse an der Teilnahme hätte. Diese Nachbarinnen bildeten in weiterer Folge die Vergleichsgruppe.

Um zu untersuchen, ob die Teilnahme an diesem Programm die Position von Frauen verbessern kann, wollten wir das psychologische Vermögen für Handlung (Englisch: psychological capacity for action) der Frauen untersuchen. Wir wählten zwei verschiedene Maße, um in diesen Forschungsreihen ebenfalls zu untersuchen, ob Frauen eine Identität entwickeln, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat. Zu diesem Zweck stellten wir Fragen zur Erfassung des Maßes an Kontrollüberzeugung sowie der sozialen Netzwerkgröße. Die Kontrollüberzeugung auf der einen Seite beschreibt, wie stark Frauen denken, dass sie ihr Leben selbst beeinflussen können. Teilnehmerinnen wurden gebeten, jeweils eine von zwei Aussagen auszuwählen, die ihre eigene Überzeugung am besten wiederspiegelte. Eine der beiden Aussagen beinhaltete jeweils, dass man sein Leben selbst beeinflussen kann, die andere das Gegenteil (also kein Einflussvermögen auf das eigene Leben). Ein Beispiel war: „1. Wenn ich etwas plane, dann bin ich mir meistens sicher, dass ich dies auch erreichen werde“ oder: „2. Wenn ich etwas plane, ist es nicht immer sinnvoll, Dinge zu weit im Voraus zu planen, da viele Dinge einfach durch das Schicksal festgelegt sind“. Den Frauen wurden insgesamt drei solcher Aussagenpaare vorgelegt und alle gewählten Aussagen, die eine Kontrollüberzeugung wiederspiegelten, schlussendlich addiert.

Zur Erfassung der sozialen Netzwerkgröße als zweiter Aspekt des psychologischen Vermögens für Handlung sollten die Teilnehmerinnen alle Gruppen nennen, von denen sie Mitglieder waren. Typische Gruppen wären hier sogenannte religiöse Gruppen, eine Art Elternbeiräte in Schulen, Berufsverbände oder Begräbnisvereinigungen. Die Ergebnisse zeigten, dass jene Frauen, die am Programm teilnahmen, nicht nur eine signifikant stärkere Kontrollüberzeugung im Vergleich zur Vergleichsgruppe hatten, sondern auch über ein größeres Netzwerk verfügten.

In weiteren Analysen untersuchten wir genauer, ob Frauen in der Interventionsgruppe auch tatsächlich alle an Trainings teilnahmen und ob sie am Ende einen Kleinkredit erhielten. Die Ergebnisse zeigten, dass in der Interventionsgruppe zum einen Frauen waren, die weder an Trainings teilnahmen, noch einen Kleinkredit erhielten, zum anderen Frauen, die entweder nur an den ←26 | 27→Trainings teilnahmen oder nur einen Kleinkredit erhielten und nur ein Teil beides bekam.4

In weiteren Analysen haben wir diese Gruppen genauer verglichen (zu den detaillierteren

Ergebnissen vgl. Hansen, 2015). Wie erwartet waren die Effekte größer bei Frauen, die an Trainings teilgenommen hatten als bei Frauen aus der Vergleichsgruppe, ebenso im Vergleich zu Frauen, die einen Kleinkredit erhalten hatten, aber an keinen Trainings teilgenommen hatten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnahme an einem Programm für Mikrofinanzierung das psychologische Vermögen für Handlung von Frauen stärken kann und dass vor allem die Teilnahme an Trainings eine wichtige Rolle zu spielen scheint (und damit nicht nur die Vergabe eines Kleinkredits an sich). Dies ist ein weiterer Hinweis für die Entwicklung einer Identität, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat, also einerseits der Entwicklung eines Bewusstseins, dass das eigene Leben selbst gestaltet werden kann, und andererseits der Ausweitung von Mitgliedschaften in Gruppen. Letzteres wird in der Literatur auch als Entwicklung von sogenanntem Sozialkapital diskutiert (z. B. Putnam, 1993).

Ökonomische Entwicklung

Wie bereits zu Beginn erwähnt, leben weltweit 736 Millionen Menschen in extremer Armut (World Bank, 2018). Um den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen, ist die ökonomische Entwicklung eines Landes ein wichtiges Ziel von Regierungen. Es gibt hierbei keine Wunderformel zur Förderung dieser Entwicklung, aber Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt, die Beschäftigungsrate oder Konsumindikatoren können politischen Entscheidungsträgern dabei helfen, die ökonomische Situation eines Landes besser zu verstehen und darauf basierend Strategien zur Verbesserung der aktuellen Situation zu entwickeln.

Neben nationalen Programmen gibt es auch lokale Programme (sogenannte Local Economic Programms, LEP; World Bank, 11/01/2016). Obwohl sich Regierungen einig sind, dass ökonomische Entwicklung wichtig ist, wissen wir bisher relativ wenig darüber, wie Menschen an der ökonomischen Entwicklung ←27 | 28→teilhaben und welche Konsequenzen dies für ihre Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen hat.

Um Einsichten in mögliche unerwartete Konsequenzen von ökonomischer Entwicklung zu erlangen, untersuchten wir relevante Indikatoren im Rahmen eines lokalen Programms zur Förderung der ökonomischen Entwicklung, dem „Small Medium-sized Enterprise (SME) Development Programme“ (Entwicklungsprogramm für Betriebe des Klein- und Mittelstandes) in Sri Lanka. Dieses Programm wurde von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Finanzen und Planung in Sri Lanka umgesetzt. Ziel war es, die Entwicklung von Klein- und Mittelstandsbetrieben zu unterstützen, um so die Beschäftigungsrate in historisch benachteiligten Regionen im Norden Sri Lankas zu erhöhen. Das langfristige Ziel war außerdem, durch nachhaltige Entwicklung Frieden und Stabilität in diesen Regionen zu fördern.

Wir interviewten hierfür eine repräsentative Stichprobe von 274 Menschen in dieser Region insgesamt dreimal über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg (zwischen 2013 und 2016). Diese Menschen hatten selbst keine Unternehmen mit MitarbeiterInnen und sollten folglich nur indirekt von diesem Programm bzw. der ökonomischen Entwicklung beeinflusst werden. Insgesamt nahmen 92 Menschen aus Jaffna, 95 aus Kilinochchi und 87 aus Batticaloa an dieser Studie teil. Das Durchschnittsalter in dieser Stichprobe lag bei 39,59 Jahren (20–67 Jahre), 44,6 % der Befragten waren Frauen, die meisten waren verheiratet und hatten einen weiterführenden Schulabschluss.

Zunächst untersuchten wir, wie die Befragten selbst die ökonomische Entwicklung und ihre individuelle Teilnahme an dieser wahrnahmen. In allen Distrikten veränderte sich die Wahrnehmung der ökonomischen Entwicklung über die Jahre hinweg. Zu Beginn der Studie beschrieben die TeilnehmerInnen die ökonomische Entwicklung weitgehend als schwach und stagnierend, am Ende jedoch als moderat und langsam wachsend. Obwohl sie Veränderungen in der generellen ökonomischen Entwicklung wahrnahmen, zeigte sich bezüglich ihrer eigenen Teilnahme an dieser ein negativer Trend. Auf Basis von sechs verschiedenen Indikatoren, die die Teilnahme der BürgerInnen an der ökonomischen Entwicklung messen sollten (zum Beispiel ob sie einer bezahlten Beschäftigung nachgingen, ob sie genug Geld für den Lebensunterhalt hatten und ob sie sparten), zeigte sich in allen Maßen ein signifikanter Rückgang. Dieser war vor allem durch die Lebenshaltungskosten, die zeitgleich gestiegen waren, zu erklären.

In einem nächsten Schritt untersuchten wir zwei Aspekte, die allgemein relevant für die eigene Identität sind: den Selbstwert und die sozialen Netzwerke der TeilnehmerInnen. Zur Erfassung des Selbstwerts wurden die TeilnehmerInnen ←28 | 29→gebeten, auf einer Skala anzugeben, wie stark sie verschiedenen Aussagen zustimmten (z. B. „Ich werde von meiner Familie respektiert.“). Die einzelnen Fragen wurden am Ende zu einem Mittelwert zusammengefasst. In allen Distrikten gaben die Befragten zum zweiten Befragungszeitpunkt einen signifikant höheren Selbstwert an als zum ersten Zeitpunkt.

Zur Erfassung der sozialen Netzwerke wurden die TeilnehmerInnen des Weiteren gebeten, alle sozialen Gruppen zu nennen, in denen sie Mitglied waren. Interessanterweise nahm in Jaffna und Kilinochchi die Teilnahme an sozialen Gruppen über die Dauer des Befragungszeitraums signifikant ab. In Batticaloa hingegen blieben die sozialen Netzwerke unverändert. Zusätzliche Interviews führten uns schließlich zu dem möglichen Schluss, dass Menschen in Jaffna und Kilinochchi im Zuge der ökonomischen Entwicklung sowie der gestiegenen Lebenshaltungskosten weniger Zeit für ihr Engagement in traditionellen Gruppen hatten.

Zusammengefasst bieten diese Ergebnisse einen ersten Einblick in den komplexen Zusammenhang von ökonomischer Entwicklung, individueller Teilnahme an dieser und möglichen psychologischen Konsequenzen. Menschen in den untersuchten Regionen Sri Lankas nahmen zwar eine zunehmende ökonomische Entwicklung in ihrem Umfeld wahr, konnten aber aufgrund der erhöhten Lebenshaltungskosten nur wenig davon profitieren. Sie entwickelten einen höheren Selbstwert, nahmen aber in zwei Distrikten aufgrund der erhöhten Lebenshaltungskosten weniger an sozialen Gruppen teil. Dies sind erste Hinweise dafür, dass sich Aspekte von Identität in einer traditionell stark kollektivistisch geprägten Kultur verändern können. In unseren Studien betraf dies vor allem einen ansteigenden individuellen Selbstwert sowie eine sich womöglich langsam auflösende Eingebundenheit in traditionelle Gruppen.

Zusammenfassung und Diskussion

Die beschriebenen Forschungsergebnisse zeigen beispielhaft, wie verschiedene Aspekte von Identität in der Sozialpsychologie untersucht werden und wie sich diese durch ökonomische Entwicklung und Modernisierung verändern können. Dies haben wir im Kontext von verschiedenen Programmen der Entwicklungszusammenarbeit näher betrachtet.

Die ersten beiden Forschungsprojekte beschäftigten sich mit dem Einfluss zweier verschiedener Aspekte von Modernisierung im Rahmen eines Laptop-Programms für Kinder in Äthiopien und im Rahmen eines Mikrofinanzierungsprogrammes für Frauen in Sri Lanka. Die Ergebnisse des Laptop-Programms weisen bei Kindern auf die Entwicklung einer Identität hin, in ←29 | 30→der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat (komplexeres Selbstkonzept und stärkeres Selbstbewusstsein, unabhängigeres Selbst, erhöhte moderne Werte), während traditionelle kulturelle Aspekte der Identität unverändert bleiben. Frauen, die an einem Mikrofinanzierungsprogramm teilnahmen, zeigten ein höheres psychologisches Vermögen für Handlung (eine stärkere Kontrollüberzeugung und ein größeres soziales Netzwerk).

Im dritten Forschungsprojekt untersuchten wir den Einfluss ökonomischer Entwicklung und die Teilnahme von Menschen in historisch benachteiligten Regionen Sri Lankas. Trotz ökonomischer Entwicklung profitierten die Menschen in diesen Regionen selbst nur wenig. Sie gaben an, einen höheren Selbstwert zu haben, aber nahmen ebenfalls weniger an traditionellen sozialen Gruppen teil. Grund dafür waren die gestiegenen Lebenshaltungskosten, die das Leben der Menschen erschwerten.

Die vorliegenden Ergebnisse sind ein kleiner Einblick in die komplexen Veränderungen, die ökonomische Entwicklung und Modernisierung mit sich bringen können. Zum einen weisen diese Befunde auf die Entwicklung einer Identität, in der das selbstbestimmte Handeln einen höheren Stellenwert hat, hin, zum anderen jedoch zeigt sie auch, wie sich die traditionelle Einbettung in Familie und Gruppen verändert. Letzteres wird in Zukunft einen großen Einfluss darauf haben, wie sich Identitäten in Gesellschaften, die schnelles ökonomisches Wachstum durchleben, verändern. Zukünftige Forschung sollte dabei diese langfristigen und womöglich weniger positiven Folgen untersuchen.

Danksagung

Die in diesem Aufsatz präsentierten Studien sind das Ergebnis von intensiver Zusammenarbeit mit verschiedenen Parteien, denen ich sehr dankbar für ihre Unterstützung bin. Zu allererst danke ich allen Teilnehmenden an den Studien, die sich freiwillig an der Forschung beteiligt haben. Zum Zweiten danke ich den verschiedenen Teams in Sri Lanka (insbesondere German Müller, Roshini Fernando und Paatalah Fernando und dem restlichen ProMiS und SME Team der GIZ, Niroshani Sawanawadu [IDEAS], den Forschungsinstituten Nielsen Company und EML consultancy und Anna Handtke) und Äthiopien (Tom Postmes und allen damals involvierten Studierenden Annemarie Bos, K. Annika Tovote, Namkje Koudenburg, Rena Hiersemann, Marloes van der Klauw, Michèle Suhlmann, Nikita van der Vinne und Wendy van Thiel, sowie den Mitgliedern des on.e eCapacity Development Team des Engineering Capacity Building Program, insbesondere Márton Kocsev, Thomas Rolf, Helen Goitom und Mohamed ←30 | 31→Abduku). Ebenfalls möchte ich Luzia Heu für die wertvolle Diskussion dieses Artikels danken.

Literatur

Becker, M., Vignoles, V. L., Owe, E., Brown, R., Smith, P. B., Easterbrook, M., & Yamakolu, N. (2012). Culture and the distinctiveness motive: Constructing identity in individualist and collectivist contexts. Journal of Personality and Social Psychology, 102, 833–855.

Donald, N. L. (1965). Wax and gold. Tradition and innovation in Ethiopian culture. Chicago, IL: University of Chicago Press.

Details

Seiten
644
Erscheinungsjahr
2020
ISBN (Hardcover)
9783631823019
ISBN (PDF)
9783631824887
ISBN (ePUB)
9783631824894
ISBN (MOBI)
9783631824900
DOI
10.3726/b17258
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
Kultureller Wandel Psychologie Gesellschaftliche Pluralität EntwicklEntwicklungspsychologieungspsychologie Kulturwissenschaft Religion
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 644 S., 7 farb. Abb., 4 s/w Abb., 3 Tab.
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Biographische Angaben

Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Barbara Mackinger (Band-Herausgeber:in)

Franz Gmainer-Pranzl studierte Katholische Theologie und Philosophie in Linz, Innsbruck und Wien. Er ist Professor an der Universität Salzburg und Leiter des Zentrums Theologie interkulturell und Studium der Religionen. Barbara Mackinger studierte Psychologie an der Universität Salzburg und an der University of Maine (USA). Sie ist Senior Lecturer am Fachbereich Psychologie an der Universität Salzburg und Leiterin des Mentoringprojekts «Sprungbrett».

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Titel: Identitäten