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Literaturtheoretische Kanonisierungspraktiken

Eine kultursoziologische Untersuchung am Beispiel der kritischen literaturtheoretischen und literaturhistoriographischen Arbeiten von Georg Lukács zwischen 1906 und 1938

von Dennis Wahl (Autor:in)
©2020 Dissertation 374 Seiten

Zusammenfassung

Die Kanonisierung literarischer Texte drückt eine besondere normative Anerkennung aus und zieht die Literaturtheorie in die Gestaltung gesellschaftlich-kultureller Machtverhältnisse hinein. Der vorliegende Band geht darum der noch zu wenig von der Kanonforschung berücksichtigten Frage nach, inwiefern die Literaturtheorie zur literarischen Kanonbildung beiträgt. Mittels einer an Pierre Bourdieu und John Searle orientierten kultursoziologischen Methodik beantwortet die Untersuchung diese Frage am Beispiel der Kanonisierungspraxis von Georg Lukács (1885–1971). In den drei untersuchten historischen Kontexten nahm dieser Einfluss auf die Funktionalisierung des Literarischen und literarischer Texte zur kulturellen Identitätsbildung, Rechtfertigung von Werten und Handlungsorientierung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhalt
  • A. Einleitung
  • a. Erkenntnisinteresse, Gegenstand, Methodik und Ziel der Untersuchung
  • b. Forschungsüberblick
  • c. Untersuchungsprogramm
  • i. Anerkennung
  • ii. Akteur und Kontext: Habitus, Kapital und Feld
  • iii. Zusammenfassung und Ausblick
  • Untersuchungsteil I
  • B. Gesellschaftliche, politische und kulturelle Ausgangsbedingungen
  • a. Ungarn um 1900: eine gesellschaftsgeschichtliche Skizze
  • b. Die Zeitschrift „Nyugat“ („Westen“) und die Konstitution des literarischen Feldes in Ungarn
  • c. Kulturwissenschaften um 1900
  • d. Ungarische Literaturgeschichtsschreibung
  • e. Wilhelm Dilthey und das Projekt einer Kritik der historischen Vernunft
  • f. Georg Simmels kulturkritische Soziologie
  • C. Kulturelle Biographie und vormarxistisches Frühwerk197
  • a. Biographische Annäherung an den jungen Lukács
  • b. „Theorie der Literaturgeschichte“
  • i. Kontextualisierungen
  • ii. Die Theorie
  • c. „Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas“
  • i. Regeln: Poetik und Deutungsmuster der Form des Dramas
  • 1. Gegenstand
  • 2. Methode und Struktur
  • 3. Theorie
  • ii. Materialer Kanon
  • 1. Makrostruktur des Kanons
  • 2. Der Negativkanon
  • 3. Das Ordnungsmuster Shakespeare oder die Griechen
  • 4. Hebbel – „Ahne und Meister“
  • 5. Ibsen und die Gefahr des Technizismus
  • 6. Der Naturalismus
  • 7. Paul Ernst – Hoffnung der Teleologie
  • d. Kurzzusammenfassung der Untersuchungsergebnisse Teil I
  • Untersuchungsteil II
  • D. Proletarisch-revolutionäre Literatur in der Weimarer Republik
  • a. Die politisierte Öffentlichkeit der Nachkriegszeit
  • b. Proletarisch-revolutionäre Literatur, Akteure und Debatten
  • c. Die literaturtheoretischen Grundlinien
  • E. Lukács Beiträge zur marxistischen Literaturtheorie
  • a. Werkbiographischer Kontext
  • b. Diskursive Praxis
  • i. Aufsätze in der „Linkskurve“
  • ii. Die Aufsätze
  • 1. Regeln proletarisch-revolutionärer Literatur
  • 2. Materialer Kanon
  • c. Kurzzusammenfassung der Untersuchungsergebnisse Teil II
  • Untersuchungsteil III
  • F. Exil in Sowjetrussland – Politische und kulturelle Bedingungen
  • a. Stalinismus
  • b. Sozialistischer Realismus
  • c. Sowjetische Literaturtheorie
  • G. Lukács im Exil
  • a. Neue Dokumente
  • b. Diskursordnung und Exil-Öffentlichkeit
  • c. Kanonproblematik im Exil: die „Expressionismus-Debatte“
  • H. Literaturtheorie des Realismus
  • a. Literaturtheorie der Säuberung?
  • b. Die Aufsätze
  • i. Die Diskreditierung des Expressionismus
  • ii. Regeln des Realismus: Literaturtheorie im Zeichen der Wachsamkeit
  • 1. Physiognomie
  • 2. Narrative Praxis
  • iii. Volkstümlichkeit und Realismus
  • iv. Materialer Kanon
  • c. Kurzzusammenfassung der Untersuchungsergebnisse Teil III
  • I. Schluss
  • Literatur

A. Einleitung

a. Erkenntnisinteresse, Gegenstand, Methodik und Ziel der Untersuchung

Ausgangspunkt dieser Untersuchung, die sich als Beitrag im Feld der Kanonforschung zur Literaturtheorie versteht, war zunächst ein Interesse an poetologischen und literaturtheoretischen Fragestellungen, die bereits mein literaturwissenschaftliches und philosophisches Studium begleiteten. Parallel dazu hatte sich, auf der intellektuellen Grundlage eines eher naturwissenschaftlichen Weltbildes, ein Interesse an Fragen nach der Konstitution der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit entwickelt. Während die Antworten auf diese Fragen zunächst nicht mit denen auf literaturtheoretischer Ebene zusammenzuhängen schienen – ich denke dabei an die Lektüre von John Searles „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (1997), worin es eher um die Existenzbedingungen von Badewannen, Geld oder Präsidenten ging – zeigte sich durch die Lektüre Pierre Bourdieus („Die feinen Unterschiede“ 1987) und auch durch die Beschäftigung mit der Institutionentheorie der Kunst bei Arthur Danto (1994) alsbald, dass die erste Frage der allgemeinen Literaturtheorie Was ist Literatur? umformuliert werden müsste in die Frage Was gilt (für wen und wann) als Literatur?, oder besser noch, Wodurch gilt etwas (für wen und wann) als Literatur und etwas anderes nicht? Im Bewusstsein des derart erfragten, konventionellen und strittigen Wesens des Literarischen, wie es im deutschsprachigen Raum vor allem Siegfried J. Schmidt im „Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft“ (1991) eindrücklich systematisch darstellte, war dann sogleich eine gewisse Vorstellung von der kulturellen Definitionsmacht der Literaturtheorien enthalten. Als normative, zwar stets resonanzbedürftige Instanzen verstanden, beschrieben und analysierten Literaturtheorien nicht bloß Wesensbedingungen literarischer Texte, ihrer Produktion und Rezeption, sondern erkannten sie an, bestätigten sie oder stellten sie sogar maßgeblich auf, wie sie andererseits die Geltungsansprüche anderer Theorien ignorieren oder ablehnen konnten. Der literarische Status, oder anders formuliert, das literarische Ansehen bestimmter Verfahrensweisen, Textgattungen, Kompositionsformen, Themen, Stile etc. wird damit eine Frage der argumentativen, soziohistorisch eingebetteten, d. h. durch gesellschaftliche und kulturelle Interessen mitbestimmten Statuszuweisung bzw. -begründung. Von einem solchen Verständnis von Literaturtheorien aus, ist es nur ein kurzer Schritt zur Frage nach den paradigmatischen Texten, die einerseits die Erwartungen solcher statuszuweisenden Theorien erfüllen und andererseits den gesellschaftlichen und kulturellen Interessen der ←13 | 14→Theoretiker dienen. Und als Sammlungen solcher paradigmatischen Texte nicht rein literaturtheoretischen, sondern hohen gesellschaftlichen Ansehens dürfen literarische Kanones gelten.

Die Kanonisierung literarischer Texte als Auszeichnung ihrer Bedeutsamkeit und Vorbildlichkeit für eine bestimmte soziale Gruppe, ist Ausdruck einer besonderen normativen Anerkennung und zieht die Literaturtheorie, wenn sie an der Kanonbildung Anteil hat, in die Gestaltung gesellschaftlich- kultureller Machtverhältnisse hinein. Doch während die Insitutionalisierung ausgewählter Texte, beispielsweise durch ihre lehrplanmäßige Aufnahme in den schulischen Lektürekanon, eine bildungspolitische Handlungsebene betrifft, die einen handfesten Ausdruck kultureller Autorität und Machtausübung darstellt, scheint die Lektüre eines literaturtheoretischen Textes keinen vergleichbaren normierenden oder verpflichtenden Charakter zu besitzen. Dieser Schein verflüchtigt sich jedoch dann, wenn man die Reichweite literaturtheoretischer Geltungsansprüche in Bezug auf die diskursiven Räume bestimmt, in denen sie primär erhoben werden. Literaturtheorien konkurrieren nicht, jedenfalls nicht unmittelbar mit politischen Verfügungen, sondern mit anderen Literaturtheorien um die Definitionsmacht des Literarischen in einem literarischen Feld, und ihre spezifische Aufmerksamkeit, die sie auf konkrete literarische Phänomene richten, ist bloß ein Faktor variablen Gewichts innerhalb des diverse Praktiken umfassenden „invisible-hand“-Prozesses (Winko, 2002) der Kanonbildung. Insofern geht die vorliegende Arbeit von der zunächst allgemeinen Hypothese aus, dass Literaturtheorien im Verbund diverser Kanonisierungspraktiken am Prozess der Kanonbildung partizipieren. Die noch weiter zu konkretisierende Leitfrage dieser Untersuchung ist darum die Frage danach, wie Literaturtheorien (durch die Antworten auf ihre eigene Grundfrage) zur Kanonbildung beitragen.

Die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Beantwortung dieser Frage soll durch den Einsatz einer kultursoziologischen Methodik eingelöst werden, die im Wesentlichen an den von Pierre Bourdieu und John Searle ausgearbeiteten Begriffssystemen zur Beschreibung und Erklärung gesellschaftlicher und kultureller Phänomene orientiert ist. Als Einsatz eines durch gesellschaftliche, kulturelle und diskursive Entstehungskontexte bestimmten Kapitals, werden mit einem feldspezifischen Geltungsanspruch versehene literaturtheoretische Erklärungs- und Begründungszusammenhänge als habituelle Ausdrücke kanonischer Anerkennung strukturell und argumentativ rekonstruiert. Es ist damit die Absicht dieser Untersuchung nachzuweisen, dass Literaturtheorien durch die argumentative Festlegung von Erfüllungsbedingungen über das Literarische hinaus dessen Kanonizität konstituieren und regeln, und so, innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen und diskursiven Ordnungsrahmens, Einfluss nehmen auf die Funktionalisierung des Literarischen und literarischer Texte zur kulturellen Identitätsbildung, Rechtfertigung ←14 | 15→von Werten und Handlungsorientierung. Systematisch wird dieser Zusammenhang unter dem Begriff einer literaturtheoretischen Kanonisierungspraxis im Abschnitt zum Untersuchungsprogramm entwickelt (A. c.). Konkret historisch widmet sich die Untersuchung der literaturtheoretischen Kanonisierungspraxis von Georg Lukács (1885–1971), in drei Schaffenszeiträumen zwischen 1907 und 1938. Im recht übersichtlichen Feld der Kanonforschung zur Literaturtheorie stellen dieser Umfang und die methodische Programmatik dabei zweifellos eine Neuheit da.1

Mit Blick auf den konkreten historischen Gegenstand der Untersuchung lautet ihre eigentliche Leitfrage nun: Wie tragen Georg Lukács’ literaturtheoretische Kanonisierungspraktiken in den ausgewählten Zeiträumen zur Kanonbildung bei?

Als Klassiker der marxistischen Literaturtheorie und als ideologischer Kanonisator des historischen und des sozialistischen Realismus ist Lukács in die Literatur- und Literaturtheoriegeschichte eingegangen.2 Wenngleich ihm diese wirkungsvollen Positionen eingeräumt wurden, so fehlt es doch bislang an einer kanonisierungspraktisch aspektierten Untersuchung seiner literaturtheoretischen Schriften. Insbesondere die frühsten, vormarxistischen Schriften standen bisher im Schatten des in der DDR kulturpolitisch durchgesetzten „Realismusparadigmas“ (Löffler, 2011), das inhaltlich vor allem durch die im Moskauer Exil entstandenen Arbeiten bestimmt wurde. Ein breit angelegtes kultursoziologisches Verständnis der Lukács’schen Kanonisierungspraxis zielt demgegenüber auch auf die habituellen, dauerhaften intellektuellen Dispositionen, die in allen drei Zeiträumen, neben den Regeln des jeweiligen Feldes, den literaturtheoretischen Ausdruck mitbestimmten. Als Folge dieser Herangehensweise zeigt sich bereits im Untertitel der Untersuchung eine thematische Konkretisierung an. Es kann von einer reinen Literaturtheorie bei Lukács nämlich keine Rede sein. Kritisch profiliert, sowohl wegen des frühen Einsatzes als Dramen- und Theaterkritiker als auch aufgrund der intellektuellen Verarbeitung des kulturkritischen Zeitgeistes um 1900, war seine literaturtheoretische Praxis von Beginn an. Insofern stimmt dies Profil sicherlich stärker mit der Ansicht von der normativen Instanz Literaturtheorie überein, als dies bei Vertretern neuerer, etwa semiotischer Literaturtheorien der Fall wäre.

Zudem fällt Lukács’ theoretische Kanonisierung bestimmter Gestaltungsmittel, Gattungsregeln usw. häufig mit historiographischen Intentionen zusammen. Die Darstellung literarischer Wesensbedingungen blieb nicht formal, sondern immer auch auf historische Versuche, diese Bedingungen zu erfüllen, bezogen, die Anerkennung oder Ablehnung bei Lukács fanden. Darum umfasst der weiter unten ausgelotete literaturtheoretische Kanonbegriff in ←15 | 16→diesem Fall zum einen abstrakte Elemente, insoweit er sich etwa auf Texttypen oder Gattungsregeln bezieht, zum anderen konkrete Elemente, insoweit er sich auf zeitlich und räumlich verortete Einzeltexte oder Schriftsteller bezieht bzw. sie in Erinnerung ruft. Diesen unterschiedlichen Dimensionen seiner Ausdehnung trägt die Ausführung des Untersuchungsprogramms dann dadurch Rechnung, dass sie jeweils in einem Abschnitt den Regelkanon und in einem weiteren den materialen Kanon analysiert. Wobei der Analyse der Regelkanones insgesamt die intensivere Aufmerksamkeit gilt, handelt es sich doch hierbei um die prioritäre Domäne literaturtheoretischer Kanonisierungspraktiken.3

Kurzum, das konkrete Ziel dieser kultursoziologischen Untersuchung ist es nun zu zeigen, wie Lukács durch die habituell grundierte, argumentative Festlegung von Erfüllungsbedingungen über das Literarische hinaus dessen Kanonizität bestätigte, restituierte oder konstituierte und regelte, und so, innerhalb jener drei ausgewählten gesellschaftlichen, kulturellen und diskursiven Kontexte, das Literarische und seine Akteure für Aufgaben der kulturellen Identität, der Wertlegitimation und der Handlungsorientierung in die Pflicht nahm.

Inwieweit die damit verbundenen Geltungsansprüche wirkungsgeschichtlich eingelöst wurden, ist hingegen nicht Thema dieser Untersuchung. Es geht hier nicht darum, den kanonisierungspraktischen Erfolg Lukács’ zu vermessen, auch wenn der Umstand, dass seine Theorien starken Einfluss auf das kulturelle Leben in der DDR hatten, sicherlich eine günstige zusätzliche Rechtfertigung für das Anliegen dieser Untersuchung abgibt. Ebensowenig kommt es in diesem Rahmen auf eine Überprüfung der mit den Kanonfunktionalisierungen erhobenen Geltungsansprüche an, ob das betroffene Material sich diesen nicht eigentlich widersetze. Es kommt lediglich darauf an, Georg Lukács’ Literaturtheorien als an einer Feldstruktur ausgerichtete, kanonische Anerkennungspraktiken und definitorisch-normative Kräfte zu verstehen.

b. Forschungsüberblick

In diesem Berichtsteil wird es um die Kanonforschung als kultur- bzw. literaturwissenschaftliche Teildisziplin gehen. Dann um Literaturtheorien und Literaturgeschichtsschreibung als Gegenständen der Kanonforschung. Und endlich werde ich auf Georg Lukács’ frühe und mittlere Werke als bislang unbedachte Gegenstände der Kanonforschung eingehen.

←16 | 17→

Kanonforschung

Seit ihrem Entstehen in den 1980er Jahren hat sich die Kanonforschung inzwischen als feste Disziplin im Spektrum der Kulturwissenschaften etabliert. Kanonfragen interessieren nicht nur Philologen, sondern auch Philosophen, Theologen und Kunstwissenschaftler. Nicht selten arbeiten sie interdisziplinär zusammen.4 In diesem Untersuchungsrahmen wird sich die Aufmerksamkeit allerdings auf den Kreis der Germanistik, genauer auf den der Literaturwissenschaft konzentrieren.5 Wie etabliert die Forschungsrichtung dort bereits ist, zeigt sich an der Aufnahme von Artikeln über das Gebiet in der Selbstthematisierungsliteratur des Fachs und in seinen Begriffskompendien.6 Dabei zeichnet sich die Kanonforschung durch Nähe zu anderen literaturwissenschaftlichen Arbeitsfeldern aus, wie etwa der literarischen Wertung7, der Literaturgeschichtsschreibung8, der Literaturdidaktik9 und der Fachgeschichte10. Die institutionelle Festigung der Disziplin spricht sich derweil in Qualifikationsschriften aus.11 Umfangreiche Sammelbände bezeugen die Ergiebigkeit des Themenkomplexes.12

Grundlegend unterscheidet sich die gegenwärtige Kanonforschung in ihrer Herangehensweise und ihrem Umgang mit dem „intrikaten Gegenstand“ (Korte, 2000) von früheren Praktiken. Weder erstrebt sie eine Kanonrevision ikonoklastischen Zuschnitts, noch unternimmt sie einen leitkulturellen Rettungsversuch des heiligen Erbes aus Gegenwartsverdrossenheit. Solchen auf Verwertbarkeit orientierten Strategien steht die Historisierung des Gegenstandes gegenüber. Historische Kanonforschung setzt auf „deskriptive Problemmodellierungen“ (Korte, 2002) und nimmt Impulse unterschiedlicher Disziplinen auf. Die literaturwissenschaftliche Kanonforschung ist dabei eine Disziplin im Verbund der Kulturwissenschaften und hat unter allen möglichen kulturellen Kanones speziell den literarischen zum Gegenstand.

Den Beginn dieser veränderten Auseinandersetzung mit der Kanonproblematik markiert der Aufsatz Gottlieb Gaisers aus dem Jahr 1983, in dem er den Kanonbegriff empirisiert und die unklare, zumal normativ aufgeladene ←17 | 18→Rede von dem Kanon einer Kritik unterzieht.13 Den Kanon, stellt er fest, gebe es nicht. Kanones sind aus Selektionsprozessen hervorgegangene Textkorpora und die Selektionshandlungen sind stets sozial und historisch situierte; Kanones sind keine Extraktionen des unzeitlichen Wesens der Literatur, sondern von gesellschaftlichen Interessengruppen getragene Textsammlungen. Diese Einbettung öffnet den Blick für bestimmte Funktionen, die Kanones erfüllen und ihr wertorientiertes, kontingentes Zustandekommen.

Mit der Gewissheit der soziohistorischen Relativität eines Kanons werden die Prozesse und Praktiken interessant, die zu seiner Konsolidierung führten und seine Geltungsansprüche bewahrten. Das Verhältnis zwischen Kanon, literarischen Kommunikationshandlungen14 und gesellschaftlichen Phänomenen – Institutionen, Macht, Eliten – ist damit relevant für die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse über den Problemkomplex. Um diesen zu erforschen, werden unterschiedliche theoretische Positionen eingenommen: „Es konkurrieren unter deskriptiven Prämissen diskursanalytische, systemtheoretische, konstruktivistische, sozialgeschichtliche und kultursoziologische Theorien.“ (Korte, 2000: 72). Die durch die theoretischen Positionierungen gewonnenen Perspektiven zeichnen sich dabei durch unterschiedliche Reichweiten im Zugriff auf den Gegenstand aus. Bislang blieb der Versuch aus, eine allgemeine kulturwissenschaftliche Kanontheorie oder ein allgemeines kulturwissenschaftliches Kanonmodell über die Formen vorläufiger Überlegungen oder Skizzierungen hinauszubringen.15 Gleichwohl kann man der Einschätzung folgen, dass sich das literaturwissenschaftliche Forschungsparadigma im Vergleich als das „am weitesten differenzierte“ (Korte, 2008) anbietet.

Darum möchte ich in der gebotenen Kürze wenigstens auf drei Modellierungen eingehen, die im Feld der Kanonforschung bis heute entwickelt wurden. Inwiefern die Positionierungen hinsichtlich ihrer Grundannahmen und Strukturierungen möglicherweise miteinander unvereinbar sind, möchte ich an dieser Stelle nicht besprechen. Entscheidend ist hier lediglich, dass der Leser einen Eindruck der verschiedenen Ansätze vor dem Hintergrund des im Rahmen dieser Untersuchung gewählten erhält.

Da ist zum einen der auf Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme aufbauende Versuch Leonard Herrmanns (Herrmann, 2007).16 Herrmann ←18 | 19→beschreibt Kanon als Semantik einerseits, als System andererseits und grenzt sein Vorgehen von historiographischen17, textorientierten18 und gedächtnistheoretischen Modellierungen ab.19 Kanon als System zu modellieren, bedeutet eine Gruppe von Texten gegenüber ihrer Umwelt, also anderen Texten abzugrenzen, ja, sie sich selbst von diesen abgrenzen zu lassen. Die Stabilität des Systems, sein Erhalt, wird sichergestellt durch gegenseitige Bezugnahme. Kanon und Deutungskanon verschmelzen hier tendenziell, auch der Kommentar, die Interpretation oder das Zitat wirkt en masse stabilisierend. Kanon als Semantik wiederum zeichnet ihn aus als Konglomerat bewahrenswerter Beobachtungen „[…] oder kurz [als] Fixierung von Sinn für wiederholten Gebrauch […]“ (Krause, 2005: 223). Die Schwäche dieser Modellierung ist m. E., dass sie die interessierten Akteure im jeweils sozialgeschichtlich einholbaren Hintergrund nicht vermag einzubinden, also diejenigen nicht, die in synchroner Perspektive die Auswahl und Legitimation von Werken praktizieren und faktisch an der Konstitution eines Kanons mitwirken, der nicht bloßes Sinngeschehen oder Diskurs ist. Außer Acht fällt damit der Umstand, dass nicht niemand und nicht jeder Akteur in einem Prozess der Kanonbildung ist, sondern Kanonbildung von sozialen Gruppen, kulturellen Eliten getragen wird, für die der Kanon Werte repräsentiert und Funktionen erfüllt.

Im Rahmen seiner Theorie des kulturellen Gedächtnisses20, die auf die Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs (1877–1945) rekurriert, beschreibt der Ägyptologe Jan Assmann Kanon als einen Bestand maßgeblicher Texten, der sich einem selegierenden Zugriff auf die Tradition verdankt. Gesellschaftliche Überlieferungstechniken, kulturelle Mnemotechniken wie ←19 | 20→die Textpflege ermöglichen die Speicherung, Reaktivierung und Vermittlung von Sinn.21 Zwar ist der Sinn mit dem Auseinandertreten von Entstehungskontext und zeitgeschichtlichen Kontexten und dem darin begriffenen Wandel der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr wiederholbar. Doch bildeten sich Expertenkulturen für die Auslegung und Vergegenwärtigung von Sinn. Nur mehr die Deutung vermag, indem sie die „[…] Distanz zwischen festgestelltem Text und wandelbarer Wirklichkeit zu überbrücken[..]“ (Assmann, 2007: 96) verstehe, kulturelle Kohärenz und Identität herzustellen. „Kanon“ meint mit Assmann überdies eine Verschlankung der Tradition. Kanonisierungen als Selektionsakte, aus denen nicht bloß ein Textbestand hervorgeht, sondern auch eine „[…] Urteil und Produktion leitende Wertorientierung […]“ (ebd.: 119f.), repräsentieren zumal die spezifische Wertordnung der Akteure, die diese Auswahl treffen. Neben die konkrete Begriffsbedeutung tritt so die von Kanon als Kanonizität bzw. als Code zweiter Ordnung22, womit auf die regulatorische Kraft von Kanones verwiesen ist, die auf menschliche Handlungs- und Erfahrungsräume einwirkt.

Der Literaturwissenschaftler Hermann Korte schließlich entwickelte einen weiteren „Theorie-Baustein“, indem er Kanon als kulturelle Resonanz fasste.23 Die Ausgangsthese ist, dass kanonisierten Gegenständen auf Dauer mehr Aufmerksamkeit zugestanden würde als nicht-kanonisierten. Entscheidend ist darum sozusagen eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Die Ressource Aufmerksamkeit ist bekanntlich knapp und ist insofern Gegenstand von Sicherungstechniken. „Dazu stehen Medien, aber auch gesellschaftliche wie kulturelle Machtinstrumente zur Verfügung.“ (Korte, 2008: 16). So ungleiche Mittel wie die Werkedition, die schulische Pflichtlektüre, die Musealisierung, das Denkmal und die Straßennamengebung stecken die Kanonisierungsoptionen ab. Entscheidend jedoch dafür, ob ein kulturelles Produkt Resonanz erzeuge, sei eine gewisse Resonanzkonstellation. Damit meint Korte jenes

„[…] kulturelle Bedingungsgefüge, das den Prozess der Kanonbildung antreibt und in Bewegung hält. Veränderte Konstellationen bewirken Veränderungen im Kanon, führen zu De- und mitunter auch zu Re-Kanonisierungen.“ (ebd.: 17).

Solche Veränderungen wurden bereits in der Geschichte der Germanistik für jenen Zeitraum nachgezeichnet, als nach dem zweiten Weltkrieg und dem Nachwachsen einer neuen Germanistengeneration in den Sechziger Jahren die theoretische Dominanz der durch die Sammelbezeichnung der werkimmanenten Interpretation zusammengefassten Positionierungen gebrochen wurde, weil diese nicht mehr auf die neuen Erkenntnisinteressen und ←20 | 21→Sinnbedürfnisse antworten konnten.24 Hierbei handelt es sich um ein Beispiel institutioneller Kanonresonanz, insofern die universitäre Lehre betroffen war. Andere Resonanzfaktoren, die Korte benennt, sind zum einen der Grad diskursiver Vernetzung25 eines Kanonwerkes, zum anderen die intertextuelle Anschlusskommunikation an Kanonwerke und schließlich die lebensweltliche Kanonresonanz.26 Kanonisierungshandlungen, so lässt sich schlussfolgern, ob intentionaler oder nicht-intentionaler Art, verfangen nicht, wenn kein Resonanzraum vorhanden ist.

Jedes der drei Modelle liefert wichtige Ansatzpunkte für ein Verständnis von Kanonbildungsprozessen. Dabei unterscheiden sie sich deutlich.

In Herrmanns Modell erscheint der konstitutive Akt, der zur Kanonbildung führt, als intertextueller Diskurs. Texte, die in anderen Texten erwähnt, zitiert und gelobt werden, werden so bewahrt. Eine Brücke zur Assmann’schen Gedächtnistheorie liegt in der funktionalen Bestimmung über die Beschreibung als Semantik. Der Gebrauch solcher Begriffe wie Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen führt aber eine Beschreibungsebene ein, die kollektive Akteure (Kulturen) mit geistigen Merkmalen annimmt. Eine solche Ebene gibt es bei Herrmann nicht. Bei ihm gibt es keine Bedürfnisse, Erwartungen, Überzeugungen oder Intentionen, etc., die den Diskurs motivieren bzw., die ihm Aufmerksamkeit zusichern.

Die gemeinsame Grundlage der drei Modelle liegt offenbar in der Voraussetzung einer menschlichen, kulturellen Praxis. Kulturelle (d. h. auch literarische) Kanones sind Produkte verschiedener menschlicher Tätigkeiten. Zum Konsens gehört darum auch, dass ihre Bedeutung historisch, gesellschaftlich und kulturell bedingt ist, und ihre Geltung nicht auf transzendentale Bedingungen reduziert werden kann. Dieser Konsens zeigt sich auch in der spezielleren Kanonforschung.

Kanonforschung zur Literaturtheorie

Den nach meinen Recherchen frühsten Ansatz, den Kanon einer Literaturtheorie zum Gegenstand zu machen, findet sich in einem Suhrkamp Sammelband von 1993 zur Ästhetik und Rhetorik von Paul de Man.27 David Martyn thematisiert darin in seinem Aufsatz den ambivalenten Umgang des Dekonstruktivisten mit Kanon und kanonischen Werken. Literatur und Kanon treten nach Martyn bei de Man als Oppositionsbegriffe auf: Einen literarischen Text zum kanonischen erklären, bedeute ihm seine Besonderheit zu nehmen, seine ←21 | 22→geradezu subversive, gegen den Kanon gerichtete Verfasstheit mit einem Netz kanonischer, heißt ideologischer Lesarten zu überdecken.28 Andererseits seien es gerade die „Grenzen des abendländischen Kanons“ (Martyn, 1993: 14) innerhalb deren sich de Mans Philologie bewege. Doch wird dieser Kanon in seinem spezifischen Vorkommen bei de Man schlechterdings nicht rekonstruiert.

Wie Christian Moser (1997) in seinem Beitrag über Dekonstruktion und (De-)Kanonisierung bei Paul de Man bestätigte, verfolgt die dekonstruktive Lektüre zwar eine dekanonisierende Strategie, insofern sie den Text wieder ermächtigt und ihn abseits kanonischer Lesarten zum Sprechen bringen will. Ihre Verdrängung aus dem Deutungskanon ändert gleichwohl nichts daran, dass dem Text durch die dekonstruktive Bearbeitung wiederholt Aufmerksamkeit zuteil wird, die seinen Verbleib im materialen Kanon sichert.

Neben Martyns und Mosers finden sich weitere Aufsätze, die allesamt der paradoxen oder scheinbar paradoxen Konstellation aus intendierter Dekanonisierung und dem ungetrübten Festhalten am materialen Kanon, im Rahmen poststrukturalistischer oder dekonstruktivistischer Theoriebildungen, nachgehen.29 Dass die Aufmerksamkeit der Kanonforscher gerade auf die Vertreter der sogenannten postmodernen Literaturtheorien (Derrida, de Man, Barthes) fiel, lässt sich hinreichend damit erklären, dass es eben jene waren, die, in Abgrenzung von ihren strukturalistischen Vorläufern, sich gegen stabile Sinnpotentiale im allgemeinen aussprachen, wie sie insbesondere in kanonischen Deutungen zum Ausdruck gebracht werden.

Die Ansätze fragen danach, welchen Umgang die Theoretiker in ihren Texten mit dem Kanon pflegten. Sie ignorieren dabei allerdings Bedeutung und Rolle genuin theoretischer Mittel für die Kanonisierungspraxis und -bildung, im Unterschied zu literaturhistoriographischen Verfahren; diesen Mangel werde ich weiter unten in meiner Darlegung des Untersuchungsprogramms beheben. Darüber hinaus fehlt den Ansätzen zur Analyse des Verhältnisses zwischen Literaturtheorie und Kanon, was erlaubte theoretische Positionierungen als kanonrelevante Handlungen zu verstehen und ernst zu nehmen. Einerseits betrifft das ein systematisches Verständnis des Zusammenhangs zwischen Theorie und materialem Kanon. Andererseits war die Perspektive dieser Ansätze zu eng, um die soziohistorischen Kontexte zur Geltung zu bringen. Ein Gegenbeispiel liegt mit dem Aufsatz von Jens Herlth (2010) vor, der in dem von Boris Previšic herausgegebenen Sammelband „Die Literatur der Literaturtheorie“ erschienen ist. In „Tanz mit der Wissenschaft. Viktor Šklovskij zwischen Theorie und Literatur.“ veranschaulicht Herlth wie die Akteure des russischen Formalismus, ausgestattet mit einem antiakademischen ←22 | 23→Habitus und in unmittelbarem Kontakt zu den Akteuren der literarischen Avantgarde, ihre theoretischen Positionierungen ausarbeiteten.30 Auch wenn eine ergiebige sozial- und institutionengeschichtliche Kontextualisierung im Rahmen des Aufsatzes dem Autor nicht möglich war, so weist er doch auf dem Umstand hin, dass die Theoriebildung der Formalisten in besonderer Weise als „[…] Effekt von Strategien der Gruppenbildung, der persönlichen Profilierung und der Selbstpositionierung im literarischen und wissenschaftlichen Feld der frühsowjetischen Epoche zu lesen ist […]“ (2010: 61).

Herlth rekonstruiert keinen formalistischen Kanon, er weist jedoch gewinnbringend nach, dass sich die Entstehungsbedingungen von Theoriebildungen noch im Begründungszusammenhang der Theorie auswirken. Theorien können poetische Texte und ihre Mittel legitimieren und sich umgekehrt mit diesen selbst rechtfertigen, an ihnen ihr wissenschaftlich brisantes Kapital darstellen. Doch damit treten sie in einen Wettbewerb ein. Wer einen Gegen-Kanon und eine auf ihn gestützte Theorie präsentiert, macht sich zum Gegner derjenigen, die am Hergebrachten festhalten. Šklovskij und die anderen Formalisten waren nicht nur Akteure im Umkreis der literarischen Avantgarde, sondern auch die entscheidenden Akteure einer (zwar durch die Sowjetisierung zum Scheitern verurteilten) wissenschaftlichen Avantgarde, die sich bewusst gegen die akademische Orthodoxie positionierte.31

Kanonforschung zur Literaturgeschichtsschreibung

Die unbestreitbare Archivfunktion, d. h. Gedächtnisfunktion der Literaturgeschichtsschreibung brachte der Disziplin eine gut begründete Aufmerksamkeit seitens der Kanonforschung ein. Ein umfangreicher Sammelband von 2003 macht dies überdeutlich.32 Die von Beatrix Müller-Kampel (2008) zusammengestellte Bibliographie verzeichnete den Forschungsstand nachdrücklich.

Angesichts dieser Masse an Forschungsliteratur hilft nur ein gewisser Pragmatismus. Bevor ich zum Abschnitt über Lukács als Gegenstand der Kanonforschung übergehe, möchte ich darum zumindest auf Ergebnisse grundsätzlicher Reflexionen über das Verhältnis von Literaturgeschichtsschreibung, Kanon und Kanonisierung eingehen.

Renate von Heydebrand bestimmte die „[…] notwendig kanonbildende [.]; […] Praxis[…]“ der Literaturgeschichtsschreibung in einem kommunikationstheoretischen Modell der Kanonbildung (Heydebrand, 2003: 15). Sie unterschied entsprechend zwischen Sendern, Botschaften und Empfängern ←23 | 24→als Prozessbeteiligten. Die Literaturgeschichtsschreibung als feste Teildisziplin einer institutionalisierten Literaturwissenschaft besitze zwar innerhalb dieses Prozesses zweifellos eine Schlüsselstellung. Andererseits müsse jedoch beachtet werden, dass sie im Vergleich mit anderen institutionalisierten Literaturvermittlern, wie den Schulen und Massenmedien, über eine geringe Reichweite verfüge.

Als zentrale Aspekte literarhistorischer Kanonbildung nennt sie die Auswahl eines materialen Kanons und dessen Deutung mittels kanonischer Methoden und Interpretationen. Die beiden Kanones unterscheidet sie weiterhin hinsichtlich ihrer Lebensdauer. „Für einen ‚materialen Kanon‘ unverzichtbar ist die Langzeitwirkung; die Deutungskanones dagegen gelten immer nur für begrenzte Zeit, sind aber eine wichtige Voraussetzung dafür, daß der kanonische Autor, das kanonische Werk am Leben bleibt […]“ (ebd.). Insofern sich eine kanonbildende Literaturgeschichtsschreibung an ein Publikum richtet, ist der Anspruch auf Dauerhaftigkeit freilich abhängig von der Reaktion der Empfänger. Heydebrand illustriert ihre Modellierung u.a. am Beispiel der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, deren pädagogische Funktionalisierung der Literatur für die „nationale Erziehung“ im Bildungsbürgertum anerkannt wurde, und die insofern mit ihrem Empfänger einen Kanonkonsens erreichte.33

Man kann dieses Kommunikationsmodell auch für die Literaturtheorie zur Geltung bringen. In diesem Fall ist eine weitere Einschränkung der Reichweite wohl unvermeidlich. Wie ich später deutlich machen werde, lässt sich ihre Rolle eher über den Aspekt des Regelkanons bestimmen.

Kanonforschung und Lukács

Lukács’ Stern ist zweifellos gesunken. Die Zeiten, in denen man die Schriften des „Adorno des Ostens“ (Fritz M. Raddatz) nicht ignorieren konnte, gehören der Vergangenheit an.

Die ältere Rezeption seines Oeuvres ist mitunter stark polarisiert. Zu seinen Lebzeiten, vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und der politischen Spaltung der Welt in zwei große Machtblöcke, war eine sachliche Debatte oft ausgeschlossen. Dabei war Lukács auch auf der eigenen Seite stets Angriffen ausgesetzt und nie völlig unumstritten. Mit dem raschen Zerfall des sozialistischen Staatenverbandes seit Ende der 1980er Jahre, brachen schließlich die einstigen Resonanzkonstellationen weg. Mit den Staats- und Kulturordnungen schien auch einer ihrer wichtigsten Ideologen historisch widerlegt worden zu sein.

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In letzter Zeit lassen sich allerdings Ansätze eines wiedererwachten Interesses ausmachen. Das hängt zwar einerseits mit Jahrestagen zusammen, andererseits dürfte die neueste Krise des globalen Finanzkapitalismus ebenfalls dazu beitragen.34 Schließlich liegen der Zusammenbruch des Ostblocks und die heißen Debatten des Kalten Krieges lange genug zurück, dass eine versachlichte Perspektive nunmehr möglich erscheint. Die neuere wissenschaftliche Lukácsrezeption leitet dabei insbesondere eine umwertende Lektüre des Frühwerks ein, das in der älteren Forschung im Schatten der Entwicklung des Marxisten Lukács stand.35

Gleichbleibend engagiert sich hingegen seit 1996 die deutsche Georg-Lukács-Gesellschaft für die Erinnerung an den Ungarn und sein Werk, und liefert mit ihren Jahrbüchern die Plattform für einen anhaltenden Diskurs über Lukács’ Leben und seine Positionen und publiziert dabei auch Erstübersetzungen kleinerer Arbeiten.36 Seine Literaturgeschichtsschreibung und die literaturtheoretischen Schriften bestimmen allerdings nur marginal das bisherige Publikationsprofil.37 Die Vermittlung zielt eher auf Lukács’ allgemeinere Kulturphilosophie.

Doch obwohl das Wissen um den Einfluss der Lukács’schen Arbeiten auf die Erbediskussionen in den 30er Jahren, auf die Formation und Durchsetzung des Realismusparadigmas sowie auf die literarische Kultur der DDR immer noch zur üblichen Diskursmasse gehört38, und Lukács als „Klassiker der modernen Literaturtheorie“, insbesondere natürlich der marxistischen gilt39, fehlt es doch an einer Untersuchung auf der Höhe der Zeit, das heißt einer Untersuchung mit den Instrumenten der neueren historischen Kanonforschung. Dabei kommt es erstens nicht darauf an, die Geltung der Lukács’schen Positionen für die Gegenwart zu überprüfen – dies war die verfängliche Debattenlage mindestens bis Lukács’ Tod –, sondern die Entstehung und die Bedingungen von Geltungsansprüchen zu rekonstruieren, mit denen Lukács seine Literaturtheorie, seine Literaturgeschichtsschreibung und schließlich die Gegenstände dieser Arbeiten versehen hat. Zweitens stehen darum Lukács’ Texte selbst im Vordergrund und nicht deren Wirkung, die zu ermessen eine ganze andere Aufgabe wäre. Von der Wirkung abzusehen, heißt indes nicht, die mehr oder minder offenen Erwartungen an die ←25 | 26→gesellschaftliche und kulturelle Praxis zu übersehen, die Lukács’ von früh an kritisch gehaltene Arbeiten vortrugen.

Zwar finden sich verstreut Aufsätze, die sich des Werk-, Regel- oder Deutungskanons des sozialistischen Realismus angenommen haben. So etwa Hans Günther bereits 1987, um die „Lebensphasen eines Kanons“ zu untersuchen, oder Katarzyna Śliwińska 2006, um die Institutionalisierungsgeschichte des sozialistischen Realismus zu rekonstruieren. Das hat auch damit zu tun, dass in der Kanonforschung ein Konsens darüber besteht, dass einzelne Akteure keine hinreichende kanonkonstitutive Macht besitzen. Deshalb gibt es allenfalls Studien zu einzelnen Institutionen. Man könnte nun allerdings Lukács’ Arbeiten als Institutionen interpretieren, die, losgelöst von ihrem Produzenten, kulturelle Praktiken sowohl ermöglichten als auch bedingten. In diesem Sinne wird es hier darauf ankommen, den konditionalen (habituellen) und normativen Charakter der Arbeiten zu rekonstruieren.

Details

Seiten
374
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631812815
ISBN (ePUB)
9783631812822
ISBN (MOBI)
9783631812839
ISBN (Hardcover)
9783631803615
DOI
10.3726/b16575
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
Kanonbildung Negativkanon Entwicklungsgeschichte Marxismus Kulturkritik Regelkanon Poetik Identität
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 374S.

Biographische Angaben

Dennis Wahl (Autor:in)

Dennis Wahl studierte Philosophie, Deutsch und Pädagogik im Rahmen eines Lehramtsstudiums an der Universität Siegen. Er schloss das Studium 2011 ab und arbeitete anschließend bis 2015 als wissenschaftliche Hilfskraft an der dortigen Philosophischen Fakultät. 2017 schloss er das Referendariat in Bonn ab und arbeitet nun als Studienrat an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen.

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Titel: Literaturtheoretische Kanonisierungspraktiken