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Literaturgeschichte und Interkulturalität

Festschrift für Maria Sass

von Doris Sava (Band-Herausgeber:in) Stefan Sienerth (Band-Herausgeber:in)
Andere 532 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Zur Person der Jubilarin
  • Joachim Wittstock: Wahrnehmen und wahrhaben
  • Andrei Terian: Der Durchbruch des Intellektualismus im Rezeptionsprozess der Lyrik von George Coșbuc
  • Holger Viereck: Schon sieben Mal: Großartige Veranstaltungen in Hermannstadt
  • Adina-Lucia Nistor: Zum Namen Maria Sass
  • Zur Geschichte der rumäniendeutschen Literatur
  • Horst Schuller: Kronstädter Übersetzer. Literarische Treuhänder durch die Zeit (Teil III)
  • Roxana Nubert: Beiträge zur Rezeption von Nikolaus Lenau in der deutschsprachigen Presse des Banats (1863–1905)
  • Carmen Popa: Die Rezeption deutschsprachiger Kulturzeugnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der rumänischen Presse Hermannstadts
  • Markus Fischer: Verfallensein als Ich-Zerfall.
  • Stefan Sienerth: Im Vor- und Umfeld des Kronstädter Schriftstellerprozesses aus dem Jahre 1959.
  • Ovidiu Matiu: (German-Romanian) Writers and Politics: Wolf von Aichelburg and the Romanian “Securitate”
  • Rodica Brad: Emil Cioran’s Romanian Correspondence: The Letters to Wolf Aichelburg
  • Mariana-Virginia Lăzărescu: „Leontinetante, erzähl.“ Geschichte, Geschehen und Sprachgebrauch in Ursula Ackrills Roman „Zeiden, im Januar“1
  • Iulia-Karin Patrut: Die totalitäre Gewalt und die Resilienz der Literatur.
  • Veronica Buciuman: Literarische Gemeinsamkeiten auf getrennten Wegen der europäischen Geschichte. Die Poetik der Angst bei Herta Müller, Aglaja Veteranyi und Carmen Francesca Banciu
  • Zur Geschichte der deutschen Literatur
  • Sunhild Galter: Das Romeo-und-Julia-Motiv in drei Novellen des 19. Jahrhunderts
  • Gabriel H. Decuble: Friedrich Nietzsches Artistenmetaphysik und der Anteil der Disziplinen an seinem „Werk“
  • Ioana Crăciun: „Sunrise. A Song of Two Humans“ oder über die Doppelbödigkeit des ersten Hollywood-Films F. W. Murnaus
  • Maria Irod: Das Bild des Anderen in den Galizischen Geschichten von Leopold von Sacher-Masoch
  • Olivia Spiridon: Am Diwan der Exilierten. Der Erzähler Joannes Weidenheim als Experte heterogener Lebenswelten
  • Grazziella Predoiu„Die innere Kompassnadel zeigt nach Osten.“
  • Sprachwissenschaft, Didaktik, Übersetzungen und Komparatistik
  • Sigrid Haldenwang: „Maria“ als Tauf- und Heiligenname und der „Marientag“ in den siebenbürgisch-sächsischen Mundarten
  • Radu Drăgulescu: A Linguistic Exploration of Romanian Phytonyms which include Terms Related to Saint Mary
  • Doris Sava: Das Werk lobt den Meister.
  • Carmen Elisabeth Puchianu: Theaterperformance zwischen Emanzipation und Manipulation am Beispiel einiger Duo Bastet-Inszenierungen
  • Delia Cotârlea: Das Frauenbild in DaF-Lehrwerken im Spannungsfeld von tradierter und emanzipatorischer Rollenzuschreibung
  • Ellen Tichy: Bleiben oder gehen? Migration und Transmigration
  • Eugen Christ: Deutsch – Was sollen wir letztendlich wollen? Eine ästhetische Versuchung
  • Nadjib Sadikou: Übersetzung als Medium transkulturellen Lernens
  • Ștefan Baghiu: Expressionism and Neo-Expressionism in Romanian Poetry
  • George Manolache: The European Vasile Alecsandri and the (ex)centric Morocco1
  • Prof. Dr. Maria Sass: Schriftenverzeichnis
  • Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Vorwort

Im Wissenschaftsbetrieb nehmen Festschriften eine Sonderstellung ein. Oft werden sie von den Jubilaren selbst bestellt, zumindest erwartet oder im Gegenteil: sie werden geheim gehalten – mit etwas Glück bis zu ihrer feierlichen Übergabe. So haben im Verborgenen auch viele Weggefährten von nah und fern an dieser Veröffentlichung für Prof. Dr. Maria Sass, langjährige Leiterin des Hermannstädter Germanistiklehrstuhles, mitgewirkt. Ehemalige Schüler und Professoren, frühere und gegenwärtige Fachkolleginnen und -kollegen der Philologischen Fakultät, engere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch außerhalb ihres Wirkungsortes schätzen die Jubilarin. Viele Beiträgerinnen und Beiträger haben Maria Sass in ihrem beruflichen Leben über weite Strecken begleitet.

Die Jubilarin wurde am 27. Februar 1959 in Deutsch-Tekes / Ticuşu Vechi bei Kronstadt / Brașov geboren. In ihrem Heimatort und später in Zeiden / Codlea besuchte sie die deutsche Schule (1968–1978). 1978 legte sie am Zeidner Gymnasium (Abteilung für Biologie und Chemie) das Abitur ab, für das sie sich – wegen einer Erkrankung – im Alleingang vorbereiten musste. Im Sommer des Jahres 1979 begann Maria Sass das Studium der Germanistik und Rumänistik an der 1969 gegründeten Fakultät für Philologie und Geschichte in Hermannstadt und beendete es 1983 als Jahresbeste – knapp vier Jahre vor der willkürlich erfolgten Auflösung der Fakultät im Jahre 1987.

Nach einer kurzen, allerdings erfüllten beruflichen Tätigkeit (1983–1991) in Fogarasch / Făgăraș bei Kronstadt als Deutschlehrerin im Gymnasialbereich startete Maria Sass 1991 ihre Hochschulkarriere. Dem Kollegium des Fogarascher Gymnasiums blieb sie auch später, nachdem sie sich einen Ruf als Wissenschaftlerin erworben hatte, zugetan. Ehemalige Professoren haben sie als begabte, gewissenhafte und disziplinierte Studentin in Erinnerung behalten.

Auch ihrer universitären Bildungsstätte ist Maria Sass nach wie vor eng verbunden: zunächst als Assistentin für deutsche Sprache und Literatur, nachdem durch einen Regierungsbeschluss die Philologie und die Germanistik an der Universität in Hermannstadt, die seit 1995 den Namen des bekannten Dichters und Philosophen Lucian Blaga (1895–1961) trägt, neu gegründet worden war, und später als Leiterin des Lehrstuhles für Germanistik (2004–2015). Ihren wissenschaftlichen Werdegang begann Maria Sass als Assistentin von Prof. Dr. Horst Schuller. Erbauliche Zusammenkünfte und Gespräche mit dem allseits geschätzten Hochschullehrer prägten und unterwiesen sie, Fachfragen mit kritischer Offenheit zu begegnen. Dies verdeutlicht auch die 1999 bei Horst Schuller ←9 | 10→verteidigte Dissertation über die Beziehungen des bekannten rumänischen Lyrikers George Coșbuc (1866–1918) zur deutschen Literatur (George Coṣbuc ṣi literatura germană), erschienen im Jahre 2000 im Hermannstädter Amadeus Verlag.

Die geradlinig verlaufende akademische Karriere von Maria Sass lässt sich zweifellos auch durch ihren Charakter begründen: Beharrlichkeit, Fleiß, Ernsthaftigkeit, Einsatzwille sowie das Vermögen, Dinge beim Namen zu nennen und resolut wie überzeugend aufzutreten, zeichnen ihr Verhalten aus. Sie hat mit „eiserner Hand“ die Geschicke der Germanistik gelenkt, und wenn man auch ihre Studienzeit dazuzählt, kann man mit Recht sagen, dass von den 50 Jahren, die seit der Gründung der Philologiefakultät in Hermannstadt verstrichen sind, Maria Sass über dreißig Jahre lang dabei war.

Nach der Emeritierung von Professor Schuller ist es ihr gelungen, durch internationale Kooperationen, Projektinitiierungen, Veranstaltung von Tagungen und Herausgabe von Publikationen die Hermannstädter Germanistik im Inland dauerhaft zu verorten und zu positionieren. Auch mit scheinbar unüberwindbaren organisatorischen oder hochschulpolitischen Hürden – curriculare Umstrukturierung des Studienangebotes und Neuorientierung der Studieninhalte im Hinblick auf die Qualifizierung für erweiterte Berufsfelder – hat sich Maria Sass gekonnt tapfer geschlagen. Als vor einem Jahrzehnt die Nachfrage bei den philologischen Studienfächern zurückging, die berufsorientierte Ausbildung in deutscher Sprache jedoch nicht, waren curriculare Umgestaltungsmaßnahmen der heute nach dem Bologna-System angebotenen Bachelor- und Masterstudiengängen dringend notwendig. Es war hinfort zwingend, der gezielten Ausrichtung an zukünftige Arbeitsmärkte Rechnung zu tragen, sich den administrativen und bildungspolitischen Herausforderungen zu stellen, die mit den rückläufigen Immatrikulationsquoten und der Gefährdung der klassischen Ausbildung im Germanistikstudium verbunden waren. Um es kurz zu halten: Es galt zu retten, was noch zu retten war. Notgedrungen entwickelte Maria Sass ein beachtliches Gespür für das personell, fachlich und organisatorisch ‚Machbare‘. Daher nimmt es nicht wunder, dass die Jubilarin seit zwei Jahrzehnten über mehrere Amtszeiten hindurch im wahrsten Sinne „die Stimme“ der Germanistik im Fakultätsrat und Universitätssenat ist.

Die Lehre lag und liegt der zupackenden Germanistin stets am Herzen wie auch die Betreuung des germanistischen Nachwuchses. Maria Sass, die seit 2009 Dissertationen im Fachbereich Philologie betreut, war und ist Mitglied in zahlreichen Prüfungsgremien und Promotionsausschüssen an allen germanistischen Lehrstühlen Rumäniens, auch ist sie Mitglied in Redaktionskomitees diverser germanistischer Publikationen und Fachverbände.

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Maria Sass hielt während dieser Jahre ihren präferierten Forschungsgebieten die Treue. Zu den (Lehr- und) Forschungsschwerpunkten der Gefeierten gehören die Geschichte und Dokumentation der rumäniendeutschen (Gegenwarts-)Literatur (Erwin und Joachim Wittstock, Carmen E. Puchianu, Andreas Birkner, Paul Schuster, Eginald Schlattner, Ursula Ackrill), deren Rezeption und Übersetzung sowie Fragen der Interkulturalität und des deutsch-rumänischen Kulturaustausches. Als ergiebig haben sich auch weniger prominente Forschungsthemen erwiesen, die aber keineswegs bloß wissenschaftliche „Nebenprodukte“ abwarfen. Erwähnt sei hier etwa die Beschäftigung mit Heinrich von Wlislocki (1856–1907), dem siebenbürgischen Forscher und Sammler von volksliterarischen Roma-Produktionen, oder mit der renommierten siebenbürgisch-rumänischen Publikation Tribuna. In mehreren Beiträgen untersucht die Jubilarin das große Interesse führender rumänischer Persönlichkeiten aus Siebenbürgen an der deutschsprachigen Kultur im 19. Jahrhundert, wobei George Coşbucs und Ştefan Octavian Iosifs (1875–1913) Bestrebungen zur Vermittlung deutscher literarischer Zeugnisse den Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bilden. In den letzten Jahren widmete sich Maria Sass mit großer Hingabe der Übersetzung (u.a. Joachim Wittstock und Erika Mitterer). Die Jubilarin hat zudem während ihrer gesamten Amtszeit die Leistungen ausgewählter Übersetzerinnen und Übersetzer beschrieben und auch die vielfältigen Bemühungen zur Verbreitung des deutschen bzw. rumänischen Kulturguts zu würdigen gewusst. In der hier gebotenen Kürze sei für die im Zeitraum 2006 bis 2018 von Maria Sass angeregten und geleiteten wissenschaftlichen Kooperationen besonders auf zwei erfolgreiche, thematisch miteinander verknüpfte Projekte verwiesen, deren Ergebnisse auch in Buchform aufliegen. Es handelt sich um die vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität (IKGS) mitgetragene Tagung Schriftsteller versus Übersetzer. Begegnungen im deutsch-rumänischen Kulturfeld (Hermannstadt, 23. – 25. Mai 2013)1 und, in der Folge, das zusammen mit der rumänischen Philologie im Frühjahr 2018 ausgetragene Gemeinschaftsprojekt Schriftsteller und Übersetzer2, die dem literarischen Transfer, dem Werk und Wirken von namhaften zeitgenössischen rumäniendeutschen und rumänischen Autoren sowie deren Übersetzern als Vermittler von Literatur und Kultur gewidmet waren.

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Seit vielen Jahren pflegt die Jubilarin den Gedankenaustausch über die Wechselwirkungen im Bereich der Interkulturalität und Literaturvermittlung etwa durch die andauernde Zusammenarbeit mit dem bereits erwähnten Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München, der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg, der Europa-Universität Flensburg oder über die von ihr betreuten, jährlich stattfindenden Sommerakademien (ab 2012). Nicht zuletzt sei auf die institutionelle Jahrestagung (ab 2006) verwiesen, eine der langlebigsten Veranstaltungsreihen der Hermannstädter Philologie, die von Lehrenden und Nachwuchswissenschaftlern (vgl. hierzu auch die ab 2010 von ihr betreuten Doktorandenkolloquien) gleichermaßen besucht werden. Daher sind in dieser Festgabe auch Autorinnen und Autoren vertreten, die seit Jahren zu den Mitverbündeten und Tagungsgästen zählen.

Maria Sass ist Verfasserin, Mitverfasserin, Herausgeberin bzw. Mitherausgeberin von mehreren Büchern, Studien und Aufsätzen in Sammelbänden und Fachzeitschriften, von Vor- bzw. Nachworten und Übersetzungen. Mit Nachdruck hat sie sich auch um die Wiederbelebung des lokalen akademischen Publikationsbetriebs eingesetzt und sich ab 2004 mit der von ihr herausgegebenen Fachzeitschrift des Lehrstuhls Germanistische Beiträge (26 Hefte) Verdienste erworben. Vorliegende Festschrift vereint mithin auch Autorinnen und Autoren, die in den vergangenen 25 Jahren in dieser Publikation Aufsätze veröffentlicht haben.

Das Wirken von Maria Sass lässt sich – selbst bei einer flüchtigen Betrachtung – sachlich unter dem der Festschrift vorangestellten Titel Literaturgeschichte und Interkulturalität erfassen. Die Titelgebung verdeutlicht nicht nur die „Bodenständigkeit“ der thematischen Ausrichtung zentraler Forschungsschwerpunkte der mit diesem Band Gefeierten, sondern steht auch im Einklang mit dem Profil der Hermannstädter Germanistik. Zu den wesentlichen Aufgaben der hiesigen Germanistik gehört nämlich die Wahrung einer Kulturtradition, die Erforschung des siebenbürgischen Schrifttums, dessen literaturgeschichtliche Analyse sowie die Pflege und Vermittlung der rumäniendeutschen Literatur und Sprache. Darüber hinaus vermag der gewählte Titel auch die Bandbreite der in diesen Band aufgenommenen Beiträge inhaltlich zu dokumentieren.

Privat blieb Maria Sass von Schicksalsschlägen nicht verschont. Ihr ganzer Stolz gilt ihrer Familie, aus der sie auch ihre Kraft schöpft: Diana-Maria und Josef, Tochter und Sohn. Seit 2014 erfreut und besucht sie regelmäßig ihre Enkelinnen, Sonia und Emma, deren Geburt und Kindheit mitzuerleben ihrem frühzeitig, 2013 verstorbenen Gatten, Dr. med. Iosif Sass, leider nicht vergönnt war.

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Es fügt sich gut, dass aus Anlass des doppelten Geburtstages – 50 Jahre Germanistik in Hermannstadt und der runde Geburtstag von Maria Sass – die Herausgeber mit dieser Festgabe die Jubilarin ehren und dem traditionsreichen Fachgebiet gutes Gedeihen wünschen wollen. Die Festschrift überreichen wir Maria Sass mit den besten Wünschen für weitere Jahre erfolgreichen Einsatzes, Forschens und Lehrens.

Unser Dank gilt allen, die sich um diese Veröffentlichung verdient gemacht haben: den Autorinnen und Autoren für ihre tatkräftige und zuverlässige Mitwirkung an dieser Festgabe, Dr. Ovidiu Matiu, Dr. Ellen Tichy und Nicolae Stancu für ihre wohlwollende Unterstützung sowie den beiden leitenden Verlagslektoren Ute Winkelkötter und Michael Rücker für die freundliche und unkomplizierte Zusammenarbeit.

Hermannstadt und Pfaffenhofen a.d. Ilm, im Januar 2019 Doris Sava und Stefan Sienerth

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Hermannstadt und Pfaffenhofen a.d. Ilm,
im Januar 2019 Doris Sava und Stefan Sienerth

1 Sass, Maria / Sava, Doris / Sienerth, Stefan (Hrsg.): Schriftsteller versus Übersetzer. Begegnungen im deutsch-rumänischen Kulturfeld. Peter Lang: Frankfurt a.M. et al. 2013.

2 Sass, Maria / Baghiu, Stefan / Pojoga, Vlad (Hrsg.): The Culture of Translation in Romania / Übersetzungskultur und Literaturübersetzen in Rumänien. Peter Lang: Berlin 2018.

Joachim Wittstock

Wahrnehmen und wahrhaben

Abstract: The author notes subjective remarks related to the celebrated personality, Professor Maria Sass, PhD, capturing certain specific traits – reliability, diligence, organizational spirit. Being familiar with the history of Romanian and German literature, she felt attracted to the interference between the two literatures and published extensively in the field and organized numerous conferences on related themes. She also published translations from German fiction as well as from German-Romanian literature. Maria Sass has been for many years an active presence in Romanian academic life. The author also wishes to thank Maria Sass for her contribution to the promotion of his own literary work.

Keywords: German Studies in Sibiu, philological publications in Sibiu, German and Romanian translations

Obwohl stets auch an dem persönlichen Ergehen der Kollegen interessiert, an ihrem Werden und den familiären Verhältnissen, ist es mitunter doch so gewesen, dass ich, mit Rücksicht auf die sogenannte Privatsphäre, erst nach und nach mit den Lebensumständen von Menschen meines Umgangs bekannt wurde.

Von Maria Sass erfuhr ich erst im Lauf der Jahre manche Einzelheit ihrer Biografie und ihrer beruflichen Tätigkeit. Irgendwann nahm ich zur Kenntnis, ihr Familienname bedeute nicht „Sas“ (rumänisch „Sachse“), dem zufolge Frau Maria, wenn nicht gar eine verkappte Sächsin sei, zumindest eine sächsische Wurzel habe oder im Umkreis des Sachsentums zu verorten wäre, sondern begriff: „Sass“ sei die ungarische Bezeichnung für Adler („Sas“ geschrieben und mit scharfen S-Lauten sowie kurzem „a“ gesprochen). Dies sei der Familienname des Gatten, vernahm ich, des Dr. Iosif Sass, eines Facharztes für Infektionskrankheiten.

Allmählich verfestigten sich in mir einige Daten zu ihrer Herkunft. Sie wies gelegentlich darauf hin, in Deutsch-Tekes / Ticuşu Vechi (im Gebiet zwischen Fogarasch / Făgăraş und Reps / Rupea) aufgewachsen zu sein, als Tochter des rumänischen Bürgermeisters. Schuljahre verbrachte sie dort in einer zum Teil sächsischen Umwelt, sie hatte sächsische Spielkameraden, sodass ihr die Ortsmundart geläufig wurde. Unterricht in deutschen Klassenzügen in Tekes und Zeiden / Codlea (Lyzeum) und dann das auf Germanistik ausgerichtete Philologiestudium in Hermannstadt / Sibiu ermöglichten es ihr, das Deutsche in zwangloser Sicherheit zu beherrschen.

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Man war es gewohnt, mit ihr, der Leiterin des Germanistiklehrstuhls und mit verwalterischen Angelegenheiten, mit organisatorischen Abläufen betrauten Kollegin, in sachlichem Ton zu verkehren. Und doch ergab es sich mitunter, dass sie, auf behutsames Fragen, auch über ihre Familie Auskunft gab. Sohn und Tochter sowie die Enkelkinder wurden erwähnt oder im Bild gezeigt, wobei sie Stolz und Freude gleichermaßen bekundete oder eine gewisse Besorgnis zum Ausdruck brachte. Unvergesslich werden mir die Augenblicke bleiben, als sie während einer Tagung aus dem Konferenzraum hinausgerufen wurde, um zu erfahren, ihr Ehemann sei einem Herzversagen zum Opfer gefallen. Dieser Verlust ist von ihr noch nicht verwunden worden, ein Fazit, das in Andeutungen mitschwang oder aus verhalten vorgebrachten Äußerungen hervorging.

Der vielerlei Nuancen umfassende Spracherwerb des Deutschen befähigte sie, literarische Texte beziehungsreich zu deuten oder in ihre rumänische Muttersprache zu übertragen. Werke künstlerischer Prosa, essayistische Arbeiten und wissenschaftliche Abhandlungen verdanken ihr gültige Fassungen im Rumänischen. Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass sie ihre Dissertation einer rumänisch-deutschen Problematik widmete: Sie schrieb über George Coşbuc und dessen Verhältnis zur deutschen Dichtung (manche schöpferische Anregung empfing Coşbuc aus diesem Fundus, und er bot anspruchsvolle übersetzerische Leistungen, die von Maria Sass verzeichnet und kommentiert wurden).

Dem sich aus dem geistigen und sprachlichen Herüber und Hinüber ergebende Kontakt, dem Blick von einem kulturellen Horizont zum benachbarten, hat die Germanistin und Rumänistin Maria Sass stets erhöhtes Augenmerk geschenkt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Sommerakademien haben das erfahren können, und auch die von ihr einberufenen oder mitorganisierten Tagungen waren oft auf den Austausch von einer Sprache bzw. Literatur zur anderen ausgerichtet.

Dichterische Zeugnisse wahrzunehmen, wird sich in der akademisch-didaktischen Laufbahn einer germanistischen Fachkraft bald mit dem Bestreben verbinden, das Gültige im literarischen Werk wahrzuhaben (wir verwenden dies Wort in der ursprünglich affirmativen, mehrschichtigen Bedeutung, nicht in der heute üblichen negativen Verengung „etwas nicht wahrhaben wollen“). Was Maria Sass wahrhaben wollte von der deutschen Literatur und auch von deren an Karpatenregionen gebundenen rumäniendeutschen Spielart, zudem vom rumänisch-deutschen Literaturaustausch, lässt sich an den von ihr (mit-)betreuten Studienbänden ablesen und kann den von ihr ab 2003 herausgegebenen Germanistischen Beiträgen der Lucian-Blaga-Universität entnommen werden.

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Sie vertiefte sich in die Originalbeiträge oder Übersetzungen von Martin Opitz, Heinrich von Wlislocki, Ioan Slavici, Carmen Sylva, Ştefan Octavian Iosif, Sextil Puşcariu, René Fülöp Miller, Erika Mitterer, Andreas Birkner, Karin Gündisch, Carmen Elisabeth Puchianu und analysierte auch Werke anderer Autoren.

Maria Sass war dabei bestrebt, verbindliche poetische Botschaften herauszuarbeiten und an ihr studentisches und sonstiges Publikum zu vermitteln. Dem von ihr 2005 herausgegebenen zweisprachigen Studienband Schiller-Ehrung zum 200. Todestag / Schiller – Omagiu la 200 de ani de la trecerea în nefiinţă stellte sie ein Zitat aus Goethes Gedicht Epilog zu Schillers Glocke voran, darin die Verszeilen vorkommen: Und hinter ihm [Schiller], in wesenlosem Scheine, / Lag, was uns alle bändigt: das Gemeine.1

Darauf kommt es auch gegenwärtig an, und Maria Sass ist sich stets dessen bewusst gewesen: Es gilt, das Gemeine, Triviale, hinter uns zu lassen und vor allem das zu beachten – wahrzunehmen und wahrzuhaben – vom dichterischen Werk, was dem „Wahren, Guten, Schönen“ dient (Zitat ebenfalls aus dem angegebenen Motto).

Im Übrigen war es gerade jener im Verlag der Lucian-Blaga-Universität erschienene Schiller-Band, der eine erhöhte Aufmerksamkeit einleitete, mit der Maria Sass seither meine Schreibtischarbeit verfolgte. Mir ist noch deutlich in Erinnerung, wie sie – im Grunde sich wenig erhoffend – mich um einen Beitrag zur Schiller-Ehrung ansprach. Ich hatte nicht vor, einen Aufsatz zu verfassen, wies sie aber auf ältere Aufzeichnungen hin, die eventuell wieder veröffentlicht werden könnten. Sie ging darauf ein, nahm den Text Schiller im Sinn in ihre Anthologie auf und gab ihm auch eine rumänische Fassung. Spätere Veröffentlichungen hat sie eingehend analysiert, ob es nun erzählende Prosa oder Aufsätze waren. Das hat mich gefreut und dankbar gestimmt.

Einen herzlichen Dank will ich bei dieser Gelegenheit auch dafür aussprechen, dass sie als Herausgeberin und Autorin zwei Bände betreut hat, die meinen Arbeiten gewidmet wurden, einen Sonderband der Hermannstädter Germanistischen Beiträge mit Studien und Aufsätzen (Nr. 25, 2009) sowie ein Buch mit Übersetzungen (die von Kolleginnen des Germanistiklehrstuhls angefertigt worden waren): Protectoarea dalmată a păcii. Pagini de proză.2

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Zu ihrem Jahrestag sei ihr Gesundheit gewünscht, zudem viele freudvolle Momente und Standhaftigkeit. Ein Wort, das Eduard Mörike in seinem allbekannten Gedicht Septembermorgen verwendet hat, darf hier in etwas gewandeltem Sinn gebraucht werden: Maria Sass möge „herbstkräftig“ sein und bleiben.

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1 Sass, Maria: Schiller-Ehrung zum 200. Todestag / Schiller – Omagiu la 200 de ani de la trecerea în nefiinţă. O ediţie bilingvǎ româno-germanǎ. Editura „Lucian Blaga“ din Sibiu: Sibiu 2005.

2 Sass, Maria: J. Wittstock: Protectoarea dalmată a păcii. Pagini de proză. Sub redacţia şi cu o postfaţă de prof. univ. dr. Maria Sass. Editura Techno Media: Sibiu 2009.

Andrei Terian

Der Durchbruch des Intellektualismus im Rezeptionsprozess der Lyrik von George Coșbuc

Abstract: The present study attempts to test an older personal thesis and to develop a newer hypothesis. The older thesis was put forth in a chapter of the volume Critica de export (Export Criticism) and refers to the fact that, in the process of a writer’s reception, there is a frequent (and somewhat organic) tendency of the sequence of critical representations to be aligned according to the categorial outline natural – artificial – bookish. In the present case, I will test the chronological development of these three categories throughout the reception of Romanian poet George Coșbuc’s work. On the other hand, the newer hypothesis regards the fact that a bookish representation of a certain writer’s work cannot assert itself in the absence of detailed research related to the intertextual “bedrock” of that work. I dub this process the “institutionalization of the bookish”—as the legitimate, indeed canonical object or direction of academic enquiry—, and the idea I advocate in the present study is that, in Coșbuc’s case, this phenomenon emerged primarily due to the academic contribution of researchers from the Lucian Blaga University of Sibiu, Maria Sass and Radu Drăgulescu in particular.

Keywords: Romanian literature, George Coșbuc, natural, artificial, bookish, Maria Sass, Radu Drăgulescu

Die nachfolgenden Ausführungen greifen nicht nur eine persönliche These auf, sie möchten auch eine neue Hypothese überprüfen. In meinem Buch Critica de export (2013) hatte ich die These aufgestellt, dass im Rezeptionsprozess eines Werks eine häufige, quasi organische Tendenz auszumachen sei, wonach die Abfolge kritischer Aussagen dem kategorialen Schema natürlich – künstlich – gelehrt verpflichtet ist1. Die chronologische Reihenfolge dieser Kategorien soll im Folgenden anhand der Rezeption des rumänischen Dichters George Coșbuc (1866–1918) aufgezeigt werden. Andererseits möchte ich darlegen, dass die Darstellung des Werks eines ausgewählten Autors unter dem Blickwinkel der Gelehrsamkeit nicht ohne eine genaue Erkundung des intertextuellen Hintergrundes ←21 | 22→seines Schaffens möglich ist. Diesen Forschungsansatz, durchaus legitim oder aus werkimmanenter Sicht notwendig, bezeichne ich als Durchbruch, Sieg bzw. als „Institutionalisierung des Intellektualismus“. Zur Durchsetzung dieser Begriffe im Rezeptionsprozess von George Coșbucs Lyrik haben auch die Untersuchungen zweier, an der Lucian-Blaga-Universität tätigen Forscher, Maria Sass und Radu Drăgulescu, beigetragen.

1. Vom „Bauerndichter“ zum „Autor eines einzigen Buches“

George Coșbuc kann zweifelsohne als Siebenbürgens erster großer rumänischer Dichter der Moderne betrachtet werden, der über die Balladen- und Idyllendichtung hinaus sich vor allem auch als Übersetzer einen Namen gemacht hat. Seine aus dem bäuerlichen Alltag schöpfenden Dichtungen – etwa Balade și idile (1893) und Fire de tort (1896) – greifen vielfach auch das Volksgut der in Österreich-Ungarn lebenden rumänischen Bauern auf. George Coșbuc hat wichtige Autoren der Weltliteratur (Homer, Vergil, Kālidāsa, Dante, Schiller, Byron u.a.) ins Rumänische übertragen.

Eine erste Etappe in der Rezeption des dichterischen Werkes von George Coșbuc markiert noch zu seinen Lebzeiten die Abhandlung des Literaturkritikers sozialistischer Prägung Constantin Dobrogeanu-Gherea Poetul țărănimii (1897). Ghereas Interpretationsansatz geht von der eindeutigen Unterscheidung zwischen den Gedanken und Empfindungen des Autors und jenen seiner Protagonisten aus: „Coșbuc ist ein Bauer; er ist der Dichter des Bauerntums, und jeder Anflug an Liebe, wenn auch brutal, fällt bei ihm so natürlich, so schmerzhaft ehrlich aus, ohne uns zu kränken. Es ist zudem auch die Wahrnehmung dieses urwüchsigen, wilden Klanges, der für die Harmonie des gesamten Gedichts notwendig ist.“2. Der Literaturkritiker betont und bevorzugt die übertriebene Wahrnehmung des Natürlich-Unbefangenen in der Poesie dieses Bauerndichters, und fokussiert damit zugleich auf eine, für die damalige Zeit dominante Mentalität des „primitiven Menschen“, dessen „stürmische Liebe“ und „ungebändigte Leidenschaft“3 als vorherrschende Verhaltensweisen galten.

Überraschend ist jedoch, dass sich dieser Darstellung auch der wahrscheinlich einflussreichste rumänische Literaturkritiker und -historiker des 20. Jahrhunderts, George Călinescu, anschließt, der ein Gespür für die verborgene Vielschichtigkeit des literarisch scheinbar Unbefangenen hatte. Obwohl ←22 | 23→Călinescu in seiner Istorie a literaturii române (1941) allenorts im Werk von Coșbuc „deutsche Quellen“ ausmacht, rühmt er nicht so sehr das Vermögen fremdsprachlicher Quellenauswertung beim rumänischen Dichter, sondern eher dessen Begabung, die Quellenbearbeitung als unausgefeilte Dichtung zu tarnen: „eigentlich geht seine [Coșbucs] Dichtung nicht auf Beobachtung zurück, sondern auf den elementaren erotischen Instinkt eines Dichters, der noch einfach, männlich empfindet. Der Gefühlsausbruch verläuft rituell, den Tanzeinlagen der Barbaren gleich, mal wechselhaft, mal symmetrisch.“4 Folglich zögert der berühmte rumänische Literaturkritiker, der in dem Dorfdichter Ion Creangă einen neuen Rabelais entdeckt zu haben glaubte, nicht, im raffinierten Coșbuc bloß einen instinktgeleiteten Bauern zu sehen. Călinescu betrachtete darüber hinaus auch das Zeremonielle als kennzeichnendes Merkmal der gelungensten Dichtungen Coșbucs, etwa der Balladen Nunta Zamfirei und Moartea lui Fulger:

In den Menschenwogen, dem mechanischen Wechsel von Haltungen, vom verzweifelten Jammern zum gedämpften Weinen und zur dumpfen Resignation – in der gesamten Vorführung dieses archaischen Uhrwerks, das nach innen und außen unaufhaltsam schlägt, liegt der Zauber einer Dichtung, deren Sinn sich letztendlich wie folgt resümieren lässt: der Leerlauf persönlicher Reaktionen gegenüber dem Weltlauf.5

Eine neue Sicht auf Coșbucs Werk und damit eine neue Etappe in der Rezeption dieses Dichters bietet der knappe und fundierte Aufsatz von Vladimir Streinu aus dem Band Clasicii noștri (1943). Streinu äußert sich kritisch zum Klischee des „Bauerndichters“, und entwirft statt dessen das Bild eines homo artifex: ein Klangmeister vergleichbar „dem Versifikationsgenie Horaz“6. Für Coșbuc, der „das umfangreichste Universum an Klängen unserer Literatur“7 geschaffen habe, sei demzufolge nicht die Echtheit der Empfindungen kennzeichnend, sondern – und dies sei auch der Wesenszug seines Werks – die Fähigkeit, ein präästhetisches Material künstlerisch umzuformen: „Seine Einzigartigkeit liegt in der vollendeten Form, woraus wir bei der Lektüre den wahren Genuß schöpfen.“8 Dieser Qualitätsanspruch ist lobenswert, da der Dichter keine thematische oder gattungsspezifische (Ab-)Neigungen aufzuweisen scheint: „jenseits der ←23 | 24→Beschaffenheit des Rohmaterials – sei es die Gattung ‚Pastel‘, die Idylle, seien es ethnische Ansichten, das Epische oder Lyrische – ist die formale Vollendung eine Konstante seines Werkes“9.

Entgegen dieser anerkannten Interpretation kann in der Zwischenkriegszeit eine verhaltene, jedoch endgültige Verschiebung der kritischen Wahrnehmung von Coșbuc von künstlich in Richtung gelehrt ausgemacht werden. In diesem Zusammenhang sei auf die „monografische Studie“ (1976) von Petru Poantă verwiesen, der bei dem siebenbürgischen Autor eine Reihe von „Konventionen“ und „Codes“ ausgemacht hat, die er allgemein im Begriff „Kulturmodelle“ zusammenfasst. Darüber hinaus vermerkt Poantă, dass einerseits „der siebenbürgische Dichter nur schwer mit einer Einheitsformel gekennzeichnet werden kann“, andererseits, dass „der Dichter sich aus der Kultur nicht verabschieden will“10. Diese kuriose Situation erfasst eigentlich den Status des gelehrten Dichters, der seine Empfindungen den Codes anpasst, die er für seine Texte heranzieht.

Hier wäre einzuwenden, dass Poantă bloß der passende Begriff fehlt, die von ihm geschilderte Situation trifft im Prinzip größtenteils zu:

Die ‚Kulturmodelle‘, auf die der Dichter zurückgreift, sind verschiedenen ‚Kulturen‘ verpflichtet. Man kann, mit anderen Worten, darin keine einheitliche Konzeption ausmachen. Es geht um die Aushandlung der Belange; folglich werden wir Zeugen einer Auseinandersetzung sein, an der sich einige ‚Stimmen‘ beteiligen, die jeweils auf der Basis eines anderen ‚Kulturmodells‘ argumentieren.11

Auf einem ähnlichen Prinzip fußen, wenn auch die Gestaltung anders als bei Coșbuc ausfällt, auch die Werke zweier weiterer Autoren der rumänischen Literatur, die für diese Poetik der Gelehrsamkeit repräsentativ sind: Radu Stanca und Mircea Ivănescu.

Die Gelehrsamkeit tritt bei Radu Stanca auf mehreren Ebenen in Erscheinung: auf einer ersten Ebene lässt sich eine gesamte literarische Gattungstradition ausmachen, die der Schriftsteller programmatisch wiederbeleben will (die Tragödie und die Ballade) oder in die er sich einzureihen versucht: Ode, Sonett, Hirtenlied, dramatisches Märchen usw. Auf der zweiten Ebene ist es die gesamte literarische Tradition der Allegorie und Mythen, der der Autor sein eigenes Drama und seine ‚Lektüre‘ einfügt. Nicht zuletzt ‚erkennen‘ wir, wie es auch in seiner Korrespondenz zum Ausdruck kommt, ←24 | 25→offensichtliche Einflüsse aus der gesamten Literatur seiner ‚Vorbilder im Geiste‘: Blaga, Nietzsche, Goethe, Liviu Rusu usw.12

Kaum anders ist das dichterische Verfahren, das die Dichtung Mircea Ivănescus auszeichnet. Dazu Radu Vancu:

Die Dichtung ist […] die Gesamtheit aller Gedichte, das Gedicht selbst mehrere Gedichte. Goethe vereint unter dem Begriff Weltliteratur – jenseits der Sprachgrenzen – die Gesamtheit aller Literaturen und Werte; in einer engeren fachlichen Begriffsauffassung ist die Dichtung nach Pound (auch bei Mircea Ivănescu) ein Weltpoem, ein universales Gedicht, für dessen Schaffung der Dichter berechtigt, ja sogar verpflichtet ist, den Stoff nicht allein aus seinem Sprachraum zu beziehen […], sondern auch aus anderen, deren poetische und menschliche Verbundenheit er sich durch den Erwerb der jeweiligen Sprache angeeignet hat.13

Unter diesen Umständen finden die Erkenntnisse von Poantă ihren wichtigsten Niederschlag in der kurzen Monografie von Andrei Bodiu, der Coșbuc vorbehaltlos zu den gelehrten Autoren zählt: „Coșbuc ist ein gelehrter Dichter, seine Ideen gründen allgemein auf Literatur oder Kunst. Die Dichtung Coșbucs wird […] vorwiegend kulturell vermittelt. Zudem ist es die Poesie eines Professionellen, der seinen Beruf schätzte und das Laienhafte verachtete.“14 So gesehen, wie bereits auch bei Poantă bzw. bei den beiden bereits erwähnten Autoren vermerkt, stiftet die Gelehrsamkeit Kohärenz innerhalb eines stark heterogenen Gesamten: „Coșbuc ist, metaphorisch gesehen, der Autor eines einzigen Buches. Seine poetischen Ansichten ändern sich auch von Band zu Band nicht. Wenn auch Variationen ausgemacht werden können, so sind diese dem flächendeckenden Modell untergeordnet, das er bereits ab dem ersten Band entworfen hat.“15

Dennoch muss angemerkt werden, dass weder Poantă noch Bodiu eine systematische und genaue Untersuchung der vorhandenen kulturellen Muster im Werk von Coșbuc in Angriff genommen haben. Einerseits waren derartige Ansätze – auch vor der Postulierung des Gelehrtenstatus des siebenbürgischen Dichters – darauf ausgerichtet, mögliche „Plagiate“ aufzudecken, andererseits waren sie der traditionellen Komparatistik verpflichtet.16 Daher kann davon ←25 | 26→ausgegangen werden, dass sich das Konzept der „institutionellen Gelehrsamkeit“ erst mit den Interpretationsansätzen nach 2000 durchgesetzt hat – die Deutung des Zugriffs auf das Kulturelle nicht einzig als Ausdruck eines „Einflussrepertoires“, sondern als die eigentliche Substanz des ideellen Universums von Coșbuc anzusehen – und damit zu einer gründlicheren Erforschung aus dieser neuen Perspektive beigetragen hat. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisteten, wie bereits erwähnt, die Untersuchungen der beiden Hermannstädter Lehrkräfte, die zwei Forschungsrichtungen in den Blick nahmen: Coșbucs Verhältnis zur deutschen Literatur und die mythologische Dimension seines Werkes.

2. Komparatistik und Translatologie: Maria Sass

Für die erste Forschungsrichtung erwies sich der Ansatz von Maria Sass, Hochschullehrerin und Forscherin, als fruchtbar. Sie hat in den letzten drei Jahrzehnten die Hermannstädter Germanistik entscheidend geprägt und gefördert. Ihr Forschungsinteresse konzentrierte sich vorwiegend auf die Übersetzung und die deutsche Literatur in interkulturellen Kontakträumen17, was zur Folge hatte, dass sich Maria Sass eingehend mit dem Werk Coșbucs befasste. Ihre Dissertation ist nicht nur in der Gesamtdarstellung originell, sondern auch durch die für ausgewählte literaturhistorische Aspekte erbrachten Erkenntnisse wertvoll.18 Die Autorin untersucht nicht nur die Wirkung des „Einflusses“ deutscher Lyrik auf das Werk von Coșbuc, sondern verortet ihn in ein weitgefasstes kulturelles Netz, wobei auch die Übersetzungen von Coșbuc aus der deutschen bzw. durch die deutsche Literatur mitberücksichtigt wurden wie auch die deutschen Übertragungen seiner Gedichte. Die drei Hauptbereiche, die jeweils die hier erwähnten ←26 | 27→Schwerpunkte aufgreifen, zeichnen sich durch neue Herangehensweisen an die Thematik aus.

Zusammenfassung

Aus Anlass des doppelten Geburtstages – 50 Jahre Germanistik in Hermannstadt und 60. Geburtstag von Maria Sass, der langjährigen Leiterin dieses Lehrstuhls, – greifen die literaturhistorisch, kulturwissenschaftlich und interdisziplinär ausgerichteten Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte und Dokumentation der rumäniendeutschen und deutschen (Gegenwarts-)Literatur auf. Fragen der Rezeptionsgeschichte und der Wechselwirkungen im Bereich der Interkulturalität, der Literaturvermittlung und des deutsch-rumänischen Kulturaustausches bilden thematische Schwerpunkte des Studienbandes und stehen damit im Zeichen der Wahrung von Kontinuität und Konstanz der Hermannstädter Germanistik.

Biographische Angaben

Doris Sava (Band-Herausgeber:in) Stefan Sienerth (Band-Herausgeber:in)

Dr. habil. Doris Sava lehrt und forscht an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu/Hermannstadt, Fakultät für Philologie und Theaterwissenschaften. Prof. h.c. Dr. Dr. h.c. Stefan Sienerth war als Hochschullehrer, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Institutsdirektor tätig.

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Titel: Literaturgeschichte und Interkulturalität