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Pikareske Ökonomie – Grimmelshausens «Der seltzame Springinsfeld» im diskursiven Kontext des 17. Jahrhunderts

von Malte Kleinjung (Autor:in)
Dissertation 296 Seiten
Reihe: Mikrokosmos, Band 87

Zusammenfassung

Am Beispiel von Grimmelshausens Der seltzame Springinsfeld entfaltet diese Studie die These, dass Schelmenromane ein Drittes der Ökonomie zur Darstellung bringen können, das neben der Haushaltsführung und dem Marktgeschehen keinen Platz im gelehrten Diskurs hat. Allerdings hängt dieses Dritte mit Kontexten zusammen, die in der historischen Rückschau nicht unbedingt auf Anhieb als ökonomisch erscheinen. Um diese Kontexte in den Blick zu bekommen, stützt sich die Studie auf eine kritische Adaptation des sogenannten New Historicism. Dabei zeigt sich, dass in Grimmelshausens Roman nicht nur einschlägige Wissenselemente zu einem buntscheckigen Tableau zusammengefügt sind, sondern darüber hinaus das Erzählen und Schreiben selbst ökonomisiert wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Ökonomie und Religion
  • 2.1 Vogelnester im ‚Volksglauben‘
  • 2.2 Kirchweihpredigten über Zachäus
  • 2.3 Unsichtbarkeit
  • 3. Geschlecht und Konfession
  • 3.1 Konfessionelle Konflikte
  • 3.2 Sexuelle Bedürfnisse und Ökonomie bei Luther
  • 3.3 Geld als Instrument weiblicher Bedürfnisse
  • 3.4 Inszenierte Kontingenz
  • 3.5 Maria vs. Fortuna
  • 4. Körper und Verschachtelungen
  • 4.1 Der Körper der Leyrerin
  • 4.2 Poetik der Verschachtelung
  • 4.3 Überfluss des Körpers
  • 5. Erzählen und Schreiben
  • 6. Glück und Zeit
  • 6.1 Wahrscheinlichkeit
  • 6.2 Fortuna
  • 6.3 Zeitpunkt vs. Zeitraum
  • 6.4 Exkurs: Wie gewonnen / so zerronnen
  • 6.5 Verschwendung und Versicherung
  • 7. Krieg und Spiel
  • 7.1 Krieg als Spiel
  • 7.2 Unendliches Spiel der Gerechtigkeit
  • 7.3 Kriegsphasen
  • 7.4 Exkurs: Verschwenderische Soldaten
  • 7.5 Auszeit vom Krieg
  • 7.6 Kriegslust als Spiellust
  • 8. Ausblick: Poetik der „Begierden“ im Wunderbarlichen Vogel-Nest
  • 9. Zusammenfassung
  • Literaturverzeichnis
  • Abbildungsnachweis
  • Danksagung

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1.Einleitung

Zumindest in einem Punkt ist sich die Grimmelshausen-Forschung einig: Seine Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Geld, dem aus moderner Sicht ökonomischen Indikator schlechthin, einen hohen Stellenwert beimessen.1 Aufgrund dessen nehmen sie einen Sonderstatus in der Literatur des 17. Jahrhunderts ein: „In keinem literarischen Werk der Zeit ist so viel und so ausschweifend von Geld die Rede.“2 Es „wimmelt von ökonomischen Daten und Lehren“.3 Obwohl diese quantitativen Beobachtungen demnach eine zentrale Eigenschaft dieses Werks markieren, mehren sich erst in jüngster Zeit Untersuchungen, die sich auf wirtschaftliche Motive und Fragen bei Grimmelshausen konzentrieren.4 An diese Bemühungen knüpft die vorliegende Arbeit an. Schon seit Längerem ist in den Literaturwissenschaften ein gesteigertes Interesse an Ökonomie zu beobachten. Neben Studien zum 18. Jahrhundert, die das Gros ausmachen,5 sind in diesem Zusammenhang vor allem mediävistische Untersuchungen zu nennen.6 Dass dem 18. Jahrhundert besondere Aufmerksamkeit zukommt, ist insofern nachvollziehbar, als in diesem Zeitraum die Weichen für das heutige ökonomische Denken gestellt worden sind. Wenn nun mit Grimmelshausen und dem ausgehenden 17. Jahrhundert gewissermaßen der Vorspann dieser Entwicklung ins Blickfeld rückt,7 geht es nicht nur um ein besseres Verständnis seiner Texte, sondern auch um Einsichten in den diskursiven Prozess, aus dem der moderne Begriff der Ökonomie resultierte. Diesen Prozess sollte man in seinen Grundzügen vor Augen haben, um teleologische Kurzschlüsse und ahistorische Prämissen bei einer ökonomisch interessierten Analyse zu vermeiden.

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Wie einschneidend die Veränderungen im Übergang zum 18. Jahrhundert sind, lässt die Verwunderung erahnen, die Julius Bernhard von Rohr in seiner 1716 erschienenen Compendieuse[n] Haußhaltungs-Bibliotheck an den Tag legt. Ältere „Haußhaltungs-Buͤcher“, so bemängelt er an einer Stelle, beinhalteten im Vergleich zu seinem „nur mehrenteil Land- und Feld-Oeconomia“ und „etwas weniges von der Stadt- und Haus-Oeconomia“, obendrein jedoch auch „unterschiedene fremde Materien sowie einige juristische und medizinische Sachen [...], die denn auch nicht dahin gehoͤren“.8 Er kann sich das allein durch die Inkompetenz der Verfasser erklären. Denn diese hätten „zwar ihre Oeconomie wohl verstanden, aber in den uͤbrigen Theilen der Welt=Weißheit keine sonderliche Erkaͤntniß gehabt. Also hat den meisten an Geschicklichkeit gefehlet, ihre Materien gebuͤhrend auszulesen, und ordentlich zu verbinden.“ Was Rohr als Mangel an „Erkaͤntniß“ und „Geschicklichkeit“ moniert, erweist sich aus historischer Perspektive als Ausdruck einer anderen, einer älteren ‚Ordnung der Dinge‘, die ins Wanken geraten ist.9 Wissensgebiete, die im 17. Jahrhundert noch wie selbstverständlich der Oeconomia zugerechnet werden, erscheinen nun als „fremde Materien“. Es hat sich augenscheinlich etwas verschoben. Rohrs voluminöses Werk wirft ein Schlaglicht auf eine epistemologische Neukonfiguration, die den modernen Begriff der Ökonomie formt. Seine Wurzeln hat dieser Begriff in zwei ursprünglich „weit auseinanderliegenden Polen“,10 die sich allmählich annäherten, bevor sie im 18. Jahrhundert, unter Abspaltung mancher Teilsemantiken, amalgamierten. Diese Dichotomie geht auf Aristoteles zurück. Ökonomik, die Verwaltung eines Hauses (oikos), so führt er in seiner Politik aus, sei von der ←8 | 9→Chrematistik, der Kaufmannskunst, zu unterscheiden. Als Kriterium fungiert dabei der Grad, in dem die Konzepte der ‚Natur‘ ent- bzw. widersprechen. Die Ökonomik gilt ihm als naturgemäß, weil sie darauf ausgerichtet sei, eine Gemeinschaft aus eigener Kraft zu ernähren; die Chrematistik hingegen ziele auf Geldvermehrung allein um ihrer selbst willen ab, ohne einem gemeinen Nutzen zu dienen. Damit ist der Grundstein für eine Jahrhunderte überdauernde Bipolarität gelegt.11

In der frühen Neuzeit bildet die Oeconomia den einen Pol. Sie ist das Thema der von Rohr diskreditierten Texte, die zur ‚richtigen‘ Führung und Versorgung von (landadeligen) Haushalten anleiten wollen. Dabei nehmen landwirtschaftliche und handwerkliche Erörterungen großen Raum ein, dicht gefolgt von Belehrungen über die Regeln des Zusammenlebens unter einem Dach, über die Pflichten, die Mann und Frau, Kinder und Gesinde zu erfüllen haben.12 Kurzum: Alles, was zum Funktionieren und zur Selbsterhaltung einer Hausgemeinschaft nötig ist – und nach heutigem Verständnis wenig mit Ökonomie zu tun hat. Der Markt als eine Instanz zur Bedarfsdeckung spielt, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Elaborierte Reflexionen über die Tauschsphäre finden andernorts, in anderen Textsorten statt. Sie konstituieren den zweiten Pol. Neben theologischen Abhandlungen, deren Stichworte das Zinsverbot und die Frage des gerechten Preises sind, gehören dazu „eine breite berufskundliche Literatur für den Kaufmann“ und merkantilistische Schriften.13 Unter Merkantilismus kann ein „Handelsdiskurs“ gefasst werden, der – bei unterschiedlicher nationaler Ausprägung – um die Frage kreist, wie ein Land seinen Reichtum und damit seine Macht vergrößern kann.14 Gerade anhand der sogenannten Kaufmannsliteratur lässt sich die andersgeartete vormoderne Wissensordnung gut nachvollziehen. Während man diese Gruppe von Texten heutzutage instinktiv als ökonomisch rubriziert, haben die Zeitgenossen sie gänzlich verschiedenen ←9 | 10→Sachgebieten zugeschlagen. In der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel kann man sie etwa unter dem Schlagwort ‚Geographica‘ oder auch ‚Arithmetica‘ finden.15

Die beiden skizzierten Pole – Anleitungen zum Haushalten hier, theologisch oder kaufmännisch geprägte Reflexionen über die Tauschsphäre dort – drängen sich als Bezugspunkte auf, wenn man über die Rolle der Ökonomie bei Grimmelshausens nachdenken möchte. Sie bieten ein Raster, mit dem man die bisherige Forschung sortieren kann. So lässt sich, unbenommen ihrer methodischen Unterschiede, eine Reihe von Aufsätzen jüngeren Datums, die mit zeitgenössischen Quellen arbeiten, grob dem einen oder anderen Pol zuordnen. Auf der einen Seite untermauert Maximilian Bergengruen seine Argumentation mit Handreichungen für Kaufleute, während Christoph Deupmann und Rainer Hillenbrand den moraltheologischen Diskurs als Kontext wählen.16 Manfred Koschligs Synopse der Textstücke, die Grimmelshausen aus Johannes Colers Oeconomia entlehnt hat, ist für Helga Brandes und Simon Zeisberg auf der anderen Seite der Ausgangspunkt, um Haushaltungsbücher heranzuziehen.17

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Was der Wirtschaftshistoriker Bertram Schefold zu Luiz Ortiz anmerkt, dem vielleicht „erste[n] europäische[n] Merkantilist“,18 scheint darüber hinaus nahezulegen, dass man dem merkantilistischen Diskurs mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Denn das Wirken von Ortiz, der als Beamter im Dienste der spanischen Krone stand, fällt zusammen mit einem literarturgeschichtlichen Ereignis: „Gleichzeitig ist [...] der zu Ortiz passende spanische Schelmenroman – der Lazarillo de Tormes erscheint 1554.“19 Wie ist ‚passend‘ hier zu verstehen? Das 1558 fertiggestellte Memorial del Contador Luiz Ortiz entsteht im Angesicht einer grassierenden Armut in Spanien: „Es bedrückt ihn [Ortiz] die Masse der Unproduktiven, und dazu rechnet er ebenso Studenten und Schreiber wie Soldaten und Auswanderer; gibt es aber genug handwerkliche Berufe, verschwindet das ganze Vagabunden- und Verbrecherpack.“20 Aus dem Milieu, das dem Beamten Kopfzerbrechen bereitet, entstammt das Personal der Pikaro-Romane.21 In dieser Hinsicht ‚passen‘ gelehrter Traktat und Roman zueinander – zugleich unterscheiden sie sich jedoch auch in einem wichtigen Punkt. Denn Ortiz ist nicht an den ökonomischen Praktiken dieses Milieus interessiert. Er will vielmehr dessen Vertreter aus der Welt schaffen. Seine Überlegungen gelten Mitteln und Wegen, um diese Menschen in Arbeitsverhältnisse zu bringen, die er als produktiv erachtet. Ganz anders der Pikaro-Roman: Er schildert Überlebensstrategien von Soldaten, Bettlern und Vagabunden.22 Im Zentrum stehen, um es mit einer von Valentin Groebner geprägten Formulierung auszudrücken, ‚ökonomische Binnenlogiken‘. Groebner kommt darauf im Zusammenhang mit der Debatte zu sprechen, die sich an Otto Brunners Begriff des ‚ganzen Hauses‘ entzündet hat. Brunner habe dieses vormoderne ‚ganze Haus‘ als Gegenbild zur modernen Marktgesellschaft idealisiert, als eine autarke, sich selbst genügende Gemeinschaft mit einer festen Hierarchie. Wie die historische Forschung zeigen konnte, waren aber auch Haushalte in Mittelalter und Früher Neuzeit immer schon in Marktverhältnisse eingebettet. „Das vermeintlich geschlossene ‚ganze ←11 | 12→Haus‘, für viele ohnehin ein Ort, den sie mit anderen zu teilen haben, erweist sich“, so Groebner, „als eines, dessen Türen und Fenster sehr weit offen stehen.“23 Ziel müsse daher sein, „die Eigenwirtschaften derjenigen sichtbar [zu machen], die in den ganzen oder eben doch nicht so ganzen Häusern arbeiten. Sie agieren in ökonomischen Binnenlogiken, die sich nicht unterhalb, sondern zwischen den Arbeitgeberökonomien bewegen und bewegen müssen“.24

Für das Verhältnis des bipolaren vormodernen Ökonomie-Diskurses zum Pikaro-Roman ist die Rede von ‚ökonomischen Binnenlogiken‘ insofern erhellend, als Texte dieser Gattung eben auch ökonomische Logiken in den Blick nehmen, die zwischen den beiden Polen angesiedelt sind. Kaufleute, Theologen und Merkantilisten machen sich in erster Linie Gedanken um Modalitäten des Tauschens, Oeconomen um Fragen der hauseigenen Produktion. Im Pikaro-Roman hingegen wird vor allem parasitär gelebt: mittels Betrug, Bettelei, Glücksspiel und Raub.25 Diese Praktiken gehen jedoch weder in dem einen noch in dem anderen Pol gänzlich auf. Sie verweisen auf ein Drittes, auf einen Bereich, der ausgespart wird. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass die beiden anderen Pole keine Rolle spielten. Um das gesamte Spektrum an ökonomischen Logiken, das Pikaro-Romane entfalten, in den Blick zu bekommen, muss man allerdings die Perspektive erweitern. Deshalb schlägt die vorliegende Arbeit nicht in Kontrast, sondern in Ergänzung zu den bisherigen Ansätzen der Grimmelshausen-Forschung gewissermaßen einen Mittelweg ein. Es gilt zu untersuchen, ob und inwiefern die Darstellung solcher Logiken mit anderen kulturellen Bereichen interagiert, wenn die aus der historischen Rückschau als ökonomisch geltenden Diskurse in dieser Hinsicht einen blinden Fleck aufweisen.

Der Text, an dem diese Hypothese exemplarisch überprüft werden soll, ist der 1670 publizierte Der seltzame Springinsfeld,26 eine der Sprossgeschichten des Simplicissimus Teutsch. Den Großteil dieses Romans, nämlich 17 von insgesamt 27 Kapiteln, nimmt die Biographie des Titelhelden Springinsfeld ein. Zunächst kämpft er mal mehr, mal weniger erfolgreich als Soldat in diversen Kriegen, bis ihn eine schwere Verwundung, die ihn ein Bein kostet, zu einer Bettlerexistenz ←12 | 13→verdammt. Diese Biographie ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, die sich in einem Wirtshaus zuträgt. Dort trifft der stellungslose Schreiber Philarchus Grossus von Tromerheim, der als extradiegetischer Erzähler fungiert, auf Simplicius und Springinsfeld und wird in ein Gespräch mit ihnen verwickelt. Im Zuge dessen schildert Philarchus seinen eigenen Lebensweg, der sich mit dem der Courage, der Titelheldin des vorangegangenen simplicianischen Romans, kreuzt.27

Da sich für die hier entwickelte Fragestellung im Prinzip mehrere Romane Grimmelshausens als Untersuchungsgegenstand anbieten, versteht es sich nicht von selbst, dass Der seltzame Springinsfeld ausgewählt wird. Bevor die Gründe dafür, die nirgenwo anders als im Text selbst zu suchen sind, auf den folgenden Seiten durch eine Lektüre herausgearbeitet werden, verdient noch ein weiterer Aspekt Berücksichtigung: 2008 hat Nicola Kaminski mit Blick auf den Springinsfeld konstatiert, dass „der textanalytisch konsequente Umgang mit seiner intrikaten Textur oder gar ein close reading, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weiterhin Desiderat“ bleibe.28 Seitdem sind zwar einige Aufsätze zu diesem Roman erschienen; eine Monographie, die diesem Anspruch gerecht zu werden versucht, fehlt jedoch immer noch.

Kaminski attestiert dem Springinsfeld dabei insofern einen „Ausnahmestatus“, als die „Polyperspektivik“, die sich in der Zusammenschau aller simplicianischen Romane ergebe, „den Text selbst strukturiert“.29 Dieser narrativen Polyperspektivik korrespondiert eine ökonomische. Maximilian Bergengruen identifiziert im Roman „[d]rei Arten des Gelderwerbs“,30 die er mit Springinsfeld, Philarchus ←13 | 14→und Simplicius assoziiert. Es gibt jedoch, so ist zu ergänzen, mindestens fünf primäre Arten des Gelderwerbs, die gegenübergestellt werden. Diejenigen der Leyrerin, Springinsfelds Ehefrau, und der Courage, die Bergengruen jeweils nur streift, muss man hinzurechnen.31

Im Gegensatz zum Simplicissimus Teutsch, an dessen Beginn das „Erzählen vom Haus des Knan das (pseudo- )genealogische Fundament simplicianischer Identität definiert“,32 drängt der Springsinfeld Bezüge zur Oeconomia regelrecht ins Abseits. Dieser Eindruck stellt sich nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende des Romans ein. Hier wie dort geht es um die Aufnahme in einen Haushalt. In der Eröffnungsszene erwartet Philarchus „in eines vornehmen Herrn Hof “ (161) eine Antwort auf sein Gesuch, desselben „Herrn Schreiber zuwerden“ (163). Das Ansinnen wird jedoch abschlägig beschieden und Philarchus des Hauses verwiesen. Über das Innenleben und die Strukturen dieses Hauses erfährt man nichts. Der Roman entfaltet sich vielmehr aus der verwehrten Integration. Am Schluss hingegen lädt Simplicius zwar Springinsfeld dazu ein, „auff seinen Hoff / bey ihm außzuwinttern“ (294), aber dieser Aufenthalt ist auffällig opak. Was sich auf dem Hof abspielt, ob Springinsfeld tatsächlich dort ankommt und kurz darauf, wie kolportiert wird, verstirbt, muss als fragwürdig gelten, weil Philarchus sich nur aufs Hörensagen berufen kann („wie ich mir aber seithero sagen lassen“).33 Auch von dieser Oeconomia kann man sich folglich mangels Informationen kein Bild machen. Der Roman beginnt und schließt so mit einem unbehausten Philarchus, während Springinsfeld über nahezu die gesamte Erzählzeit hinweg als aushäusig in Erscheinung tritt, schildert er doch in erster Linie sein Bettler- und Soldatenleben.34 Dass er sich als „Steltzvorshaus“35 (169) ←14 | 15→bezeichnet, unterstreicht diesen Status. Philarchus und Springinsfeld, die zwei männlichen Figuren des Romans, die ihre Lebensgeschichten erzählen können, sind weder Teil einer Hausgemeinschaft noch Kaufleute, sondern müssen ihr Auskommen durch andere Mittel finden.

Dasselbe gilt für Courage und die Leyrerin. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt noch einmal auf je andere Weise. Während Erstere einen „Hauffen Zigeiner“ (157) anführt, die sich mit Täuschungsmanövern und Diebeszügen Geld und Güter aneignen, schlägt sich Letztere zunächst bettelnd durchs Leben, bevor sie ein magisches Vogelnest findet, das sie unsichtbar macht. Alles, was sie braucht, kann sie fortan ohne Gegenleistung nehmen. Geht man von der Etymologie des Wortes Ökonomie aus, dann wird hier eine Ökonomie in Szene gesetzt, die weniger aufs Verwalten, Ordnen und Produzieren als auf das Nutzen und Genießen von Mitteln abzielt, die andere erwirtschaftet haben.36

Die einzige Hauptfigur, die aus diesem Muster herausfällt, ist Simplicius. Als Springinsfeld ihn fragt, „womit er sich doch ernaͤhre“ (194), betreten scheinbar wie zur Antwort – er hatte „kaum das Maul zugethan“ – die Angehörigen von Simplicius’ Haushalt die Szene: „sein Knan / und Meueder sambt einem starcken Bauern Knecht“.37 Sie sind gekommen, um „zwey par außgemaͤste Ochsen“ zu verkaufen. Dieses Vorhaben markiert eine Differenz. Denn Simplicius fügt, an Springinsfeld gerichtet, sogleich hinzu: „ietzt komm mit mir / damit du sehest womit ich mich ernaͤhre“. Nicht die Erträge aus „landwirtschaftlicher Arbeit“, wie es Bergengruen in diesem Zusammenhang ausdrückt,38 sind offenbar seine bevorzugte Einnahmequelle, sondern das, was er mit seinem Auftreten auf dem „Marckt“ verdient. Allerdings wehrt er sich auch nicht dagegen, dass der Knan ihm später den Erlös aus dem Ochsenverkauf „darzuzehl[t]“ (200). Beides spielt sich simultan ab, wird also parallelisiert. Während der Knan das Geschäft mit ←15 | 16→den Ochsen abwickelt, erzielt Simplicius auf dem Markt einen Gewinn. Dorthin begleiten ihn Philarchus und Springinsfeld. Nachdem Letzterer durch eine musikalische und imitatorische Einlage Schaulustige um sich geschart hat, stellt sich Simplicius als „Kuͤnstler“ (195) vor. Er beginnt mit seiner sogenannten „Gaukel-Tasche“ zu hantieren, „einer auf Täuschung, am Ende gar auf Betrug basierenden Jahrmarktsattraktion“, die sich – wenn auch nur indirekt – als „eine[] profitable[] Geldquelle“ entpuppt.39 Auf den ersten Blick ist es ein Buch, das aus leeren Seiten besteht. Sobald aber jemand hineinbläst, erscheinen wie von Zauberhand Zeichen, die Charakter und Interessen des Bläsers illustrieren. Mit diesem Effekt überzeugt Simplicius das Publikum von seiner Glaubwürdigkeit. Erst im zweiten Schritt bietet er ein „Elixier[]“ feil, das den Besitzer in die Lage versetzt, schlechten Wein in guten zu verwandeln (199). Das Geschäft floriert. Simplicius hat „beynahe nicht Haͤnde genug Gelt einzunemmen und Buͤchsen hinzugeben“. Springinsfelds Lamento, „daß dir das Gelt gleichsam zuschneyet / das ich doch mit so grosser Muͤh und Arbeit Pfenning erobern“, hält Simplicius eine Behauptung entgegen, die einem im Wissen um Springinsfelds Lebensgeschichte nur müde lächeln lässt: „ich [habe] aber auch laboriren muͤssen / bis ich die materiam verfertigt / daraus ich heut Gelt geloͤst“ (201).40

Der Roman wägt, soviel ist an dieser Stelle festzuhalten, verschiedene Erwerbsarten gegeneinander ab. Simplicius, dessen Wirtschaftsweise im Vergleich zu Philarchus und Springinsfeld die geringste Erzählzeit (das „VII. Capitel“) beansprucht, vereint mehre Modelle in sich: Obwohl er bei den Tätigkeiten, die mit der Oeconomia verbunden sind, nicht mitwirkt,41 fließen ihm die Erträge ←16 | 17→zu. Sie erscheinen in dieser Szene als eine Art Zubrot, das von Nebenfiguren erbracht wird. Auf dem Markt agiert er zwar wie ein Kaufmann, indem er eine Ware, das Wein-Elixier, veräußert, aber es kommt eine weitere Facette hinzu: Er ist zugleich laut Selbstauskunft ein „Kuͤnstler“, eine Bezeichnung die auch einen Gaukler meinen kann,42 zumal er das Instrument zur Ankurbelung des kaufmännischen Teils „seine Gauckel-Tasche nennet“ (203). Selbst in den wenigen Fällen, wo ‚konventionelle‘ Wirtschaftsweisen eine Rolle spielen, stellt der Roman sie also in hybrider Form dar.43

Diese verschiedenen Wirtschaftsweisen näher anzuschauen ist der erste Schritt, den diese Arbeit unternimmt: Wie kommen die Figuren an Geld? Was stellen sie damit an? Wie werden in der erzählten Welt Geld und Güter verteilt und angeeignet? In einem zweiten Schritt soll analysiert werden, inwiefern die dabei beobachteten Praktiken und Strategien an Diskursen teilhaben, die ←17 | 18→aus heutiger Sicht nicht auf Anhieb als ökonomisch relevant wahrgenommen werden. Wenn die hier zugrunde gelegte Prämisse zutrifft, dass das Konzept eines bipolar organisierten ökonomischen Denkens der Vormoderne manche der im Roman vorkommenden Wirtschaftsweisen nicht zureichend erfassen kann, müssen zeitgenössische Quellen herangezogen werden. Es geht mithin um die stets virulente Frage, wie man Text und Kontext miteinander in Beziehung setzt. Die vorliegende Arbeit sucht diese Frage zu lösen, indem sie sich auf die Überlegungen stützt, die der New Historicism unter Federführung von Stephen Greenblatt entwickelt hat.44 Das theoretische Fundament, auf dem der New Historicism beruht, bildet der von Louis Montrose stammende und oft zitierte Chiasmus von „the historicity of texts“ und „the textuality of history“.45 ←18 | 19→Damit behauptet er zum einen die Verstrickung jeglicher Art von Texten in das selbstgesponnene, historisch entstandene, insofern kontingente Bedeutungsgewebe der Kultur, die sie hervorgebracht hat. Zum anderen verweist er auf die narrative Verfasstheit von Geschichte, die sich jedoch nicht allein in deren Repräsentationstypen, seien es nun zeitgenössische Quellen oder wissenschaftliche Darstellungen, ausdrückt. Der zentrale Gedanke ist vielmehr, dass „Quellen und Dokumente [...] immer schon Resultate der Auswahl, der Interpretation, der textlichen Vermittlung [sind]“.46 Es existiert demnach keine ‚authentische‘ Vergangenheit, sondern nur eine Unzahl von Erzählungen, welche die Geschichte erst konstituieren und zugänglich machen. Aus diesem Blickwinkel heraus ist der historische Hintergrund eines (literarischen) Textes nichts Gegebenes, sondern erscheint seinerseits als ein Komplex von aufeinander bezogenen Texten, die es zu interpretieren gilt.47 „Übertrieben formuliert“, so Wolfgang Reinhard, „wissen wir nichts über Geschichte, sondern nur etwas über Texte, die von Geschichte handeln, und produzieren keine Untersuchungen über historische Wahrheit, sondern nur neue Texte über andere Texte.“48 Einem literarischen Text ist insofern kein fest gefügter geschichtlicher Kontext vorgängig, zu dem er sich wie ein Spiegel verhielte. Nach dieser Vorstellung ist die sozialgeschichtlich orientierte Germanistik verfahren. Der New Historicism setzt dagegen auf ein durch Prozessualität und Reziprozität gekennzeichnetes Modell, das von einem stetigen Austausch zwischen Text und Kontext(en) ausgeht: Kulturell bedingte und geformte Elemente – Konzepte, Institutionen und Praktiken – wandern, sich dabei verwandelnd, von einem Bereich in den anderen.49 Obwohl Text und Kontext damit auf einer einzigen Untersuchungsebene konvergieren, bestehen weiterhin Differenzen. Was als Kunst qualifiziert wird, unterscheidet sich aufgrund „besondere[r] Regeln und besondere[r] institutionellen Bedingungen“ von anderen Textsorten, die ebenso ihre Eigenheiten haben: „Diese Bedingungen führen dazu [...], daß alle kulturellen Materialien, alle zirkulierenden Signifikanten, im Bereich des Kunstwerks ihrer konventionellen Bedeutung entleert, in Frage gestellt, verfremdet werden.“50

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Die Programmatik des New Historicism hat umfangreiche Kritik auf sich gezogen, die vor allem in der englischsprachigen Forschung artikuliert wird.51 Von germanistischer Seite hat Moritz Baßler mit einer breit angelegten theoretischen Arbeit auf zentrale Einwände reagiert. Baßler präpariert am New Historicism zwei primäre Probleme heraus: das der „Repräsentativität“ und das der „Verknüpfung“, sowie zwei sekundäre: das der „Literaturspezifik“ und das der „Komplexität“.52 Zur Lösung der primären Probleme erdet er gewissermaßen Greenblatts hochmetaphorische Grundbegriffe durch eine strukturalistische Reformulierung. Indem er Kristevas Intertextualitätsmodell mit Jakobsons Sprachmodell kurzschließt, gelangt er zu einem streng textualistisch gedachten Konzept von Kultur. Kultur ist demnach als ein Ensemble von Texten zu begreifen. Mögliche zeitgenössische Bedeutungen eines Textes, der sich in seiner linearen Zeichenfolge als Syntagma darstellt, erschließen sich aus Äquivalenzen und Oppositionen zu allen anderen Texten, die in dieser Hinsicht ein Paradigma bilden. Computergestützte Suchbefehle entlang dieser paradigmatischen Achse sollen nicht nur Verknüpfungen nachvollziehbar machen, sondern auch die Repräsentativität eines Kontextes garantieren, etwa indem sie das mehrfache Vorkommen einer spezifischen Wort-Kookkurrenz dokumentieren.

Inwieweit sich darauf aufbauen lässt, hängt von den Umständen ab. Zu diesen Umständen zählen sowohl der Umfang eines ‚Archivs‘ als auch der Stand seiner digitalen Erschließung. Als ‚Archiv‘ bezeichnet Baßler keinen konkreten Ort, sondern die Summe aller überlieferten Texte. Will man ein frühneuzeitliches Korpus untersuchen, bestehen unter diesem Aspekt von vornherein Probleme. Datenbanken wie das VD 17 stehen zwar zur Verfügung, aber sie versammeln keine transkribierten Volltexte. Allein Titel, was für sich genommen bereits sehr hilfreich ist, sind per Suchfunktion zu finden. Die technischen Bedingungen, um Baßlers Modell in die Praxis umzusetzen, sind hier im Grunde noch nicht gegeben. Zwar verwendet er den Suchbefehl auch metaphorisch in dem Sinne, dass damit ein einzelner Wissenschaftler gemeint sein kann, aber seine Methode läuft unmissverständlich auf eine „Utopie der Maschine“ hinaus.53 Bis dahin muss ←20 | 21→man die eigentlichen Texte schon noch selbst lesen und nach Kookkurrenzen durchforsten.

Schwerer wiegt jedoch noch ein anderer Sachverhalt. Baßler lässt meines Erachtens eine wichtige Voraussetzung seines Modells unter den Tisch fallen. „Unser Textmodell von Kultur“ ist, so fasst Baßler zusammen, „kein hermeneutisches Verstehensmodell [...], sondern ein strukturalistisches Beschreibungsmodell“.54 Das bedeutet zunächst einen markanten Unterschied zu Greenblatt, denn das „neohistorische Text-Kontext-Modell ist“, wie Claudia Stockinger betont, „hermeneutisch“.55 Aber ohne Hermeneutik kommt auch Baßlers Modell nicht aus: „Man kann zwar [...] im Prinzip nach allem nur Denkbaren suchen, sinnvollerweise wird sich der Suchbefehl aber auf Entsprechungen jener Elemente richten, die uns auffällig oder rätselhaft vorkommen. [...] Die Texte selbst geben somit Kombinationen vor, nach denen wir im Archiv der jeweiligen Kultur suchen können.“56 Das Zu-Suchende enthüllt sich nicht, wie der letzte Satz suggeriert, von selbst, sondern dadurch, dass man etwas – je nach Erkenntnisinteresse und Wissensstand – als „auffällig oder rätselhaft“ versteht.57 Erst diese hermeneutische Operation ermöglicht den Zugriff auf das strukturalistische Beschreibungsmodell, das wiederum in eine ebensolche Operation münden muss, will man sich nicht mit einer bloßen Datenmenge begnügen. Baßler erkennt die Gefahr natürlich, wenn er einige Seiten vorher scheinbar rhetorisch ←21 | 22→fragt: „Wer formuliert diesen [Such]Befehl, auf welcher Grundlage und von welcher Warte aus? [...] Versteckt sich nicht hier der verdrängte hermeneutische Rest der Methode?“58 Die für das folgende Kapitel in Aussicht gestellte Antwort findet sich jedoch erst ganz am Schluss. Dort betrifft der „hermeneutische Rest“ aber nicht den Einstieg ins Modell, sondern die „Darstellung“, die wissenschaftliche Auswertung und Vertextung der erhobenen Daten.59 Man muss aber beide hermeneutischen Reste (also einen Haufen?) in Kauf nehmen.

Soweit technisch möglich, orientiert sich die vorliegende Arbeit an Baßlers „archivimmanente[m] Strukturalismus“.60 Dabei gilt, dass der Ausgangspunkt für kontextbezogene Lektüren der Text ist: „Vom Text kommt man zum Kontext und nicht umgekehrt.“61 Fragen müssen aus dem Text entwickelt werden. Andernfalls läuft man erst recht Gefahr, Verknüpfungen zu bilden, die willkürlich erscheinen. Der Text ist in diesem Fall der Springinsfeld – nicht weil ihm aus heutiger Perspektive das Prädikat ‚literarisch‘ eignet, sondern weil er auf das eingangs entfaltete Erkenntnisinteresse insofern Antworten zu geben verspricht, als er ökonomische Praktiken und Logiken thematisiert, die aus wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive in einem toten Winkel liegen. Wenn man, wie Baßler vorschlägt, von auffälligen oder rätselhaften Textstellen ausgeht, um Suchbefehle bzw. -parameter zu formulieren, bleibt indes immer noch die Frage, wie man mit den auf diese Weise gefundenen Kontexten verfährt. Begegnen sich Text und Kontext gleichsam auf Augenhöhe, verdient dieser dieselbe analytische Aufmerksamkeit und Akribie wie jener.62 Dies hat zwar den Nachteil, dass manche Erträge für das unmittelbare Verständnis des ‚eigentlichen‘ Textes überflüssig scheinen mögen; zugleich vermeidet man aber, was Christian Rakow ausführlich an Joseph Vogls prominenter, wissenspoetologisch ausgerichteter Habilitationsschrift kritisiert.63 Vogls Untersuchungskorpus umfasst verschiedenste Textsorten. Er analysiert jedoch nicht die Texte als solche, sondern isoliert einzelne Passagen, um seine Argumentation voranzutreiben. Dabei kommen „grobe Synthesen und Generalisierungen“ heraus.64 Deswegen insistiert Rakow zu Recht: „Gerade die Einbettung von Aussagen in explikative und argumentative ←22 | 23→Zusammenhänge, ihre rhetorische Gestaltung und narrative oder deskriptive Versinnlichung gilt es historisch konkret zu untersuchen, will man die Profilierung eines Diskurses in den Blick bekommen.“65 Wenn im Folgenden Beziehungen zwischen dem Springinsfeld und anderen Texten gestiftet werden, geht das Erkenntnisinteresse über die Feststellung einer intertextuellen Verbindung, über die Frage nach Einfluss oder Abhängigkeit hinaus. Der Eigensinn und die Funktion derjenigen Textstellen, die diese Verbindung begründen, werden sowohl im Text als auch im Kontext untersucht. Repräsentativität kann dabei, wenn keine computergestützte Suchfunktion zur Verfügung steht, auch mit anderen Mitteln erzielt werden. Zum einen mit Hilfe von historischen Überblicksdarstellungen, die Auskunft darüber geben, inwieweit etwa ein bestimmtes medizinisches Konzept konsensfähig war. Auf dieser Basis lässt sich ein Text stellvertretend für andere analysieren. Zum anderen kann man Texte heranziehen, denen aufgrund der zeitgenössischen Autorität ihres Verfassers besonderes Gewicht zukommt.

Mit diesen methodischen Vorgaben wird der Springinsfeld in sechs Kapiteln untersucht. Der Fokus der Kapitel liegt jeweils auf zwei Phänomenen bzw. Kategorien, die durch die Analyse als aufeinander bezogene Größen im Roman erkennbar werden. Zunächst geht es um das magische Vogelnest, in dem sich „Ökonomie und Religion“ (Kapitel 2) kreuzen. Mit ihm zu beginnen, bietet sich aufgrund seines Irritationspotentials an. Dieses Potential offenbart sich nicht zuletzt in einer Erklärungsnot der Forschung: Bislang konnte man keine Quellen und Vorbilder nennen, anhand derer überzeugend nachzuvollziehen wäre, warum Grimmelshausen dieses Motiv wählt, um seine Geschichte zu erzählen. Ein Vogelnest, das seine Besitzer dazu befähigt, Geld und Güter an sich zu bringen, sucht seinesgleichen. Insofern es im Sinne Baßlers rätselhaft erscheint, ist es als Prüfstein für die hier favorisierte Methode prädestiniert. Die gängige Behauptung, dass Grimmelshausen sich dabei auf einen ‚Volksglauben‘ gestützt habe, ist nicht zu halten. Im Gegenzug ist zu zeigen, dass als Bild- und Themenreservoir die biblische Geschichte vom Zöllner Zachäus fungiert, dessen Reichtum den Zeitgenossen Anlass gibt zu Erörterungen über den theologisch einwandfreien Umgang mit Geld.

Im Anschluss rückt das, was die Leyrerin mit Hilfe des Vogelnests bewirkt, in den Vordergrund. Als entscheidende Faktoren kristallisieren sich dabei „Geschlecht und Konfession“ (Kapitel 3) heraus. Auf das Geschlecht kommt es insofern an, als die Leyrerin unter Einsatz von Geld nicht nur ihren sexuellen Bedürfnissen Erfüllung zu verschaffen versucht, sondern auch gegen ein von ←23 | 24→katholischer Seite geprägtes Frauenbild Stellung bezieht. Die Konfession ist darüber hinaus aber noch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Um ihre Ziele zu erreichen, setzt die Leyrerin rhetorische Versatzstücke ein, die den publizistischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten entstammen. Neben spätmittelalterlichen Prosaromanen und der Bibel stellt so eine Polemik Luthers, aus der die Leyrerin zitiert, einen maßgeblichen Kontext dar. Ein im Grunde ökonomisches Argument, das Luther in seiner Streitschrift in Anschlag bringt, wird im Roman in der Weise umfunktioniert, dass es zur Verführung eines jungen Mannes dient.

Eine geschlechterbezogene Perspektive behält die Untersuchung auch im Folgenden bei. „Körper und Verschachtelungen“ (Kapitel 4) stehen dabei in dem Sinne im Mittelpunkt, dass einerseits jeweils die äußerliche Beschreibung der Leyrerin und der Courage analysiert wird. Nimmt man alle Textstellen zusammen, die auf das Aussehen der Ersteren verweisen, entsteht der Eindruck, als ob ihr Körper dem Blick des Rezipienten immer wieder entzogen würde. Diese Dynamik des Entzugs, die sich zunächst am Körper der Leyrerin entfaltet, hat darüber hinaus auch eine motivische und poetologische Funktion: Sie betrifft am Ende nicht nur einen bestimmten Geldbetrag, der die Fortsetzung des Zyklus mitmotiviert, sondern, so ist andererseits zu zeigen, auch die Poetik des Romans. Mehrere Erzählebenen sind in der Weise ineinander verschachtelt, dass die Frage, wer für das Erzählte bürgen könnte, stets aufgeschoben wird. Während das Erscheinungsbild der Leyrerin kaum zu greifen ist, fällt die Schilderung der Courage, die auf Philarchus’ Konto geht, sehr detailliert aus. Im Verbund mit dem Umstand, dass Courage unfruchtbar ist, lenkt ein Milch-Vergleich, den Philarchus bei seiner Beschreibung anstellt, die Aufmerksamkeit auf frühneuzeitliche Körpermodelle. Dem medizinischen Verständnis der Zeitgenossen zufolge ist ein Überfluss an Körpersäften die Voraussetzung dafür, dass Frauen Milch geben und gebären können. Was Courage in humoralpathologischer Hinsicht mangelt, besitzt sie jedoch in wirtschaftlicher: Geld und Güter strömen ihr zu, der innere Mangel schlägt in einen äußeren Überfluss um.

Mit der ökonomischen Fundierung von „Erzählen und Schreiben“ (Kapitel 5) im Roman richtet sich das Augenmerk auf die Männerfiguren. Die Episoden, in denen die Leyrerin und das Vogelnest vorkommen, haben nicht nur materielle Interessen zum Gegenstand; sie sind partiell auch in ihrer narrativen Anlage ökonomisch strukturiert. Anstatt en bloc präsentiert zu werden, verteilen sich diese Episoden auf zwei verschiedene Aussage-Instanzen, die daraus ein klassisches Tauschgeschäft machen: Wer Neuigkeiten will, muss selbst welche bieten. Dieser Ökonomisierung des Erzählens korrespondiert auf einer übergeordneten Ebene eine des Schreibens. Philarchus, der als Verfasser des Romans firmiert, ←24 | 25→verrät durch eine Rhetorik des Ungenießbaren und Unverdaulichen, dass das Produzieren von Texten für ihn zuallererst dem Broterwerb dient.

Für Springinsfeld hingegen ist der Krieg über weite Strecken die Haupteinnahmequelle. Um nachvollziehen zu können, welche Rolle das Geld dabei spielt, muss jedoch zuerst das Verhältnis zwischen „Glück und Zeit“ (Kapitel 6) geklärt werden, da der Krieg weniger vom Können als vom Glück abhängig erscheint. Der Springinsfeld ist in einem Spannungsfeld angesiedelt, das sich zwischen dem Fortuna-Diskurs und der aufkommenden Wahrscheinlichkeitstheorie auftut. Die Entwicklung dieser Theorie wird auf der Basis von Forschungsliteratur nachgezeichnet, jener Diskurs durch die Lektüre eines einflussreichen neostoizistischen Traktats umrissen. Dem in diesem Zusammenhang virulenten Problem, wie das Subjekt Kontingenz bewältigen kann, begegnet der Roman mit einer Strategie, die auf Geld basiert: einem versicherungsartigen Vertrag. Zeit ist dabei die entscheidende Größe, denn dieser versicherungsartige Vertrag ermöglicht es dem Soldaten, der ihn abschließt, über einen begrenzten Zeitraum ein vom Dreißigjährigen Krieg unbeschadetes Leben zu führen.

Dieser Krieg hat nicht zuletzt deshalb etwas Monströses an sich, weil er so lange dauert. Grimmelshausens Text sucht die Erklärung dafür in der Ähnlichkeit von „Krieg und Spiel“ (Kapitel 7). Obwohl die endlos wirkende Serie von Schlachten für die beteiligten Soldaten in der Regel wirtschaftlich unergiebig ist, weil sie ihre Beute immer wieder aufs Neue verlieren, können sie – wie beim Glücksspiel um Geld einmal auf den Geschmack gekommen – kaum mehr davon lassen. Die Spielmetaphorik, in die Grimmelshausen den Krieg kleidet, ist daher weniger Redeschmuck als vielmehr Ausdruck von dessen Wesen. Diese Analogie ist aus zeitgenössischer Warte strukturell bedingt. Zwei wissenschaftliche Abhandlungen über das Glücksspiel, die gemeinhin der Geschichte der Wahrscheinlichkeitstheorie zugerechnet werden, erhellen diesen Sachverhalt. So ähnelt das Spielmodell, das der Mathematiker Christiaan Huygens entwirft, dem Krieg, den Grimmelshausen beschreibt, insofern, als beide eine zirkuläre Struktur haben. Und die von Leibniz analysierte Lust am Spiel macht schließlich nachvollziehbar, was Springinsfeld vor ein Rätsel stellt: Warum die Kampfbereitschaft der Soldaten nicht nachlässt.

Ein Ausblick auf den ersten Teil des Wunderbarlichen Vogel-Nests, den Folgeroman im simplicianischen Zyklus, beschließt die Untersuchung (Kapitel 8). Denn auch dieser Roman ist durch eine Logik des Aufschubs gekennzeichnet, wie sie im Springsinsfeld sowohl in einer Dynamik des Entzuges als auch in der zirkulären Struktur des Krieges zur Geltung kommt. Geld ist dabei das entscheidende Movens: Das erzählte Ich hegt zwar die Absicht, es in seinen Besitz zu bekommen, setzt diesen Plan jedoch trotz mehrerer sich bietender ←25 | 26→Möglichkeiten nicht in die Tat um, sondern vertröstet sich ein ums andere Mal auf einen zukünftigen Zeitpunkt.

Diese Vorschau macht bereits deutlich, dass man es mit höchst unterschiedlichen Sorten von Kontexten zu tun hat. Das Spektrum reicht, wie gesehen, von Predigten über eine Polemik Luthers bis hin zu mathematischen Abhandlungen und medizinischen Handbüchern. Kaum weniger heterogen ist das, was an ihnen im Zusammenhang mit dem Springinsfeld bedeutsam erscheint: So stehen etwa Metaphern, mit denen die Figur des Zachäus charakterisiert wird, neben der Struktur eines Spielmodells, die sich im Zuge von mathematischen Überlegungen herausschält. Wie wäre angesichts dieser Bandbreite das Gemeinsame, das diese Texte für eine Lektüre von Grimmelshausens Roman zu bieten haben, begrifflich zu fassen? Es liegt nahe, in diesem Zusammenhang Orientierung bei Vertretern des New Historicism zu suchen. Konsultiert man die programmatischen Ausführungen Stephen Greenblatts, fällt auf, dass er einen gängigen Dachbegriff wie ‚Wissen‘ regelrecht vermeidet. Wenn sein Grundlagentext The Circulation of Social Energy die Frage berührt, um was sich die im Fokus stehenden „negotiations“ drehen, findet man Formulierungen wie „certain things“ oder „cultural materials“, die Greenblatt folgendermaßen exemplifziert: „principally ordinary language but also metaphors, ceremonies, dances, emblems, items of clothing, well-worn stories, and so forth“.66

Details

Seiten
296
ISBN (PDF)
9783631835616
ISBN (ePUB)
9783631835623
ISBN (MOBI)
9783631835630
ISBN (Hardcover)
9783631793534
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
Kulturpoetik Geld Barock Wirtschaft Literaturgeschichte Schelmenroman New Historicism
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 296 S., 2 farb. Abb., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Malte Kleinjung (Autor:in)

Malte Kleinjung studierte Germanistik, Geschichte und Anglistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er war Koordinator des Fortbildungsprogramms „Buch- und Medienpraxis" sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität, wo auch seine Promotion erfolgte.

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Titel: Pikareske Ökonomie – Grimmelshausens «Der seltzame Springinsfeld» im diskursiven Kontext des 17. Jahrhunderts