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Von Musen und Musik: Zu Oper, Libretto und Singspiel

von Hans-Albrecht Koch (Autor:in)
Sammelband 694 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch behandelt literarische Texte, die zur Vertonung für musikalischen Vortrag bestimmt waren. Der erste Hauptteil handelt vom deutschen Singspiel des 18. Jahrhunderts, vor allem in seiner österreichisch-süddeutschen, speziell Wiener, Ausprägung. Das Singspiel wählte höfische und bürgerliche Sujets, aber auch Märchenstoffe, und war für ausgebildete Sänger gedacht. Seinen Höhepunkt fand es in der gemeinsamen Arbeit von Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart an der «Zauberflöte» und in Goethes «Zweiter Zauberflöte». Der zweite Hauptteil behandelt die Operndichtungen, die der Wiener Hugo von Hofmannsthal für den Komponisten Richard Strauss schrieb, besonders die symbolträchtige, vielfach an die «Zauberflöte» anknüpfende Oper «Die Frau ohne Schatten» und «Arabella», das letzte gemeinsame Werk beider Künstler.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • „Wir Musen wissen viel Erlogenes zu sagen, das dem Wirklichen gleicht, wir wissen aber, wenn wir wollen, Wahres zu singen.“
  • Antike
  • Homeros (8. Jahrhundert v.Chr.)
  • „Ilias Latina“ (1. Jahrhundert n.Chr.)
  • Euripides: Tragoediae, Venezia 1503
  • Menandros: Dyskolos
  • Publius Vergilius Maro: Opera, Manuskript
  • Lucius Apuleius: Metamorphoses („Asinus aureus“)
  • Mittelalter
  • „Das Nibelungenlied“ und „Klage“
  • « amor, che a nullo amato amar perdona » – „Amor, der keinem Geliebten zu lieben erläßt“: Zur Paolo-Francesca-Episode in Dantes „Inferno“. Mit einem Seitenblick auf Friedrich Notters unveröffentlichte Dante-Übersetzung
  • 18. Jahrhundert
  • Singspiel
  • Nationaltheater
  • Das Textbuch der „Zauberflöte“. Zu Entstehung, Form und Gehalt der Dichtung Emanuel Schikaneders
  • „Die Zauberflöte. Eine große Oper in 2 Akten“
  • „es kam von Hand zu Hand.“ – Zwei Causerien zu Paminas Porträt und Sarastros Liebe
  • Acht Affen und eine Oktave: Kolorierte Radierungen von Josef und Peter Schaffer
  • „kein Dilettant, über der Situation, in jedem Augenblicke meisterlich“: Max Slevogt und „Die Zauberflöte“
  • Lotte Reiniger: Pamina und Papageno
  • Matthias Claudius
  • Matthias Claudius und die Musik
  • „Tue keinem Mädchen Leides, und denke, daß Deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist.“ Gedenkblatt für Matthias Claudius nach 200 Jahren
  • „… mich dünkt, Kupfer in einem Buch sollen nie fürs Auge des Kenners seyn“: Die Illustrationen zum Werk von Matthias Claudius
  • Matthias Claudius: Eine Fabel vom Ende der Fabel
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Goethes Singspiele
  • „Das Veilchen“. Zu Goethes Singspieldichtung „Erwin und Elmire“
  • Goethes Fortsetzung der Schikanederschen „Zauberflöte“: Ein Beitrag zur Deutung des Fragments und zur Rekonstruktion des Schlusses
  • „Aber Goethes ,Zauberflöte‘ wollte ich unbedingt silberweiß auf Dunkelblau drucken.“ Roswitha Quadflieg: Papageno. 14. Druck der Raamin-Presse: Johann Wolfgang von Goethe: „Der Zauberflöte Zweiter Teil“
  • 19. Jahrhundert
  • „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheimgegeben.“ Zum 200. Geburtstag des Dichters August von Platen
  • „Laß scharren deiner Rosse Huf!“ Gedenkblatt zum 100. Todestag des Dichters Conrad Ferdinand Meyer
  • Der polnische Aufstand von 1863 im Spiegel der ‚Polenlieder‘ in Friedrich Stoltzes „Frankfurter Latern“
  • Leo Nikolajevic Tolstoj (1828–1910): Voskresenie (‚Auferstehung‘)
  • Hugo von Hofmannsthal
  • „Im Haus der Zeit, unter der Stiege“. Zu Hugo von Hofmannsthals 100. Geburtstag am 1. Februar 1974
  • Hugo von Hofmannsthal
  • Hugo von Hofmannsthals Wirkung auf dem Theater
  • Hugo von Hofmannsthals Essays und Reden zum Theater
  • Die Komödien Hugo von Hofmannsthals. Eine Einführung
  • „Silvia im >Stern<“ (1909)
  • „Cristinas Heimreise“ (1910)
  • Notizen Hofmannsthals auf Briefen von Strauss
  • „Eine sehr freche und leichtbeschwingte Danae“: Hofmannsthals gescheiterter Operettenplan für Richard Strauss
  • „Fast kontrapunktlich streng“ – „Wort, Aufbau und Inhalt gleich wundervoll“. Beobachtungen zur Form von Hugo von Hofmannsthals Operndichtung „Die Frau ohne Schatten“
  • „Woraus soll der Dichter schöpfen?“ Hofmannsthals Textbuch zur „Frau ohne Schatten“ und seine Quellen
  • Die Schluß-Szene der „Arabella“: Textkritische Bemerkungen
  • „Können Sie den Leuten nicht verbieten, über ‚Arabella‘ zu schreiben, bevor sie zum mindesten fertig ist?“
  • Die österreichische Ballkultur des 19. Jahrhunderts in Hugo von Hofmannsthals Operndichtung „Arabella“
  • „Arabella oder der Fiakerball“
  • „Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche.“
  • „Der Unbestechliche“ (entstanden 1923, veröffentlicht posthum)
  • „Glücklicher Mangel an Schwere“: Zu neuer Hofmannsthal-Literatur
  • 20. Jahrhundert
  • „Seit Max Reger meine ersten Gedichte vertont, hatte ich immer in Musik und mit Musik gelebt.“ Die Dialektik von Sprache und Musik im Werk Stefan Zweigs
  • „Blick her auf mich, Musik gewordnes Leiden … Weil ich Erfüllung bin, heiß ich das Scheiden …“ Zu Rudolf Borchardts „Autumnus“-Gedichten Mit einem Anhang: Anregungen Hugo von Hofmannsthals für seine Operndichtung „Die Frau ohne Schatten“ aus der Lektüre von Borchardts „Herbstsonetten“
  • „Ein prunkvoller Epilog“: Zum 100. Geburtstag von Heimito von Doderer
  • „Musik mit dir“: Zu Leben und Werk des Schriftstellers und Übersetzers Ernst Sander
  • Richard Strauss
  • Gelehrte
  • Wolfgang Schadewaldt
  • Ernst Zinn
  • Erinnerungen an Georg Nicolaus und Elfriede R. Knauer und einige ihrer Berliner Freunde
  • Hans Joachim Krämer
  • Martin Bircher
  • Laudatio auf Kurt Steinmann anläßlich der Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 25. Mai 2019 im Literaturhaus Zürich
  • Anhang
  • Nachweise der Erstveröffentlichungen
  • Bildnachweise
  • Dank
  • Namenregister

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Vorwort

Die hier versammelten Beiträge bilden einen wohl bunten, aber nicht disparaten Strauß aus umfangreicheren und kleineren Arbeiten, die im Laufe von mehr als fünf Jahrzehnten aus unterschiedlichen Anlässen entstanden sind. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie den Blick auf die eher vernachlässigte Berührungszone von Text und Musik im Kontext von Literatur- und Bildungsgeschichte lenken. Teils sind sie zuerst an Mitforscher gerichtet, teils wenden sie sie sich eher an Regisseure oder Dramaturgen, soweit diese ihre Arbeit nicht blindlings an modernistischen Einfällen ausrichten, sondern sie womöglich historisch fundieren wollen, teils wiederum wenden sie sich aber auch – und dies besonders gern – an den flanierenden Liebhaber im weiten Überschneidungsfeld von Literatur, Musik und Theater.

Die meisten Beiträge dieses Bandes weisen gegenüber der Erstveröffentlichung wesentliche Erweiterungen in Text und Illustration auf. Die ‚Gedenkblätter‘ für die „Neue Zürcher Zeitung“ verschafften mir über viele Jahre das hohe Vergnügen, mich im Gespräch mit deren Theater- und Musikredaktoren Dr. Hansres Jacobi (1926–2006) und Frau Dr. Marianne Zelger-Vogt austauschen zu können. Beiden bin ich ebenso dankbar wie Klaus Podak, dem langjährigen Leitenden Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, für seine kundige und kritische Betreuung meiner zuerst für diese Zeitung geschriebenen Texte.

In den Samstagsausgaben beider Zeitungen ist ein Teil der Dichter-Portraits zuerst erschienen. Von diesen Feuilletons will mir auch im nachlesenden Rückblick scheinen, daß sich in ihnen sachliche Information und lesbare Eingängigkeit recht freundlich miteinander verbinden und daß sich aus ihnen noch immer etwas von Wert und Rang der behandelten Gegenstände dem Leser mitteilen kann.

Ähnliches gilt vielleicht auch für die Werkminiaturen, die zuerst in wesentlich kürzerer Form im Katalog zu der Ausstellung „Spiegel der Welt“ erschienen waren, die 2000/2001 im Museum Bärengasse Zürich, im Schiller-Nationalmuseum Marbach a.N., im Grolier Club New York und in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden gezeigt wurde. Die wochenlange gemeinsame Vorbereitung dieser Ausstellung, die erstmals eine größere Zahl von Zimelien aus dem Bestand der Bibliotheca Bodmeriana – in der Zeit des Um- und Erweiterungsbaus in Cologny – in auswärtigen Bibliotheken und Museen kennenzulernen erlaubte, ruft die dankbarsten Erinnerungen an den verstorbenen Zürcher Freund Martin Bircher (1938–2006) herauf, den ←13 | 14→seinerzeitigen Direktor der Fondation Martin Bodmer – Bibliotheca Bodmeriana.

Schließlich unterscheiden sich in der Intention von diesen Werkmonographien die – teils auf eigenen Forschungen beruhenden – Beiträge kaum, die ursprünglich für Programmhefte der Staatsoper Wien, der Deutschen Oper Berlin und der Oper Leipzig geschrieben worden waren und die die eine oder andere Einsicht verwerten konnten, die aus der Arbeit an den Bänden mit den Operndichtungen „Arabella“ und „Die Frau ohne Schatten“ im Rahmen der Kritischen Ausgabe Sämtlicher Werke Hugo von Hofmannstahls erwachsen waren.

Ohne die Freundlichkeit, mit der Frau Professor Dr. Gabriele Busch-Salmen (Freiburg i.Br.) und Herr Professor Dr. Dieter Martin (Freiburg i.Br.) zu verstehen gaben, daß sie für ihre eigene Arbeit aus der einen oder anderen der älteren Studien des Bandes auch noch nach bald fünfzig Jahren Gewinn gezogen hätten, wäre deren erneute Veröffentlichung, ebenfalls in verbesserter und z.T. erheblich erweiterter und gegebenenfalls aktualisierter Form, kaum zustande gekommen.

Dem langjährigen Gedankenaustausch mit Frau Professor Dr. Gabriella Rovagnati (Mailand) verdanke ich wesentliche Einsichten für meine Beschäftigung mit der österreichischen Literatur, die den hier publizierten Studien vielfach zugutegekommen sind.

Frau Roswitha Quadflieg (Berlin) danke ich herzlich für gute Gespräche zu manchen Gegenständen dieses Buches, besonders aber auch für das schöne Geschenk ihres Papageno, der als Frontispiz am Eingang des Buches grüßt.

An dieser Stelle sei auch einem über jahrzehntelanger Zusammenarbeit zum Freund gewordenen Kollegen ein besonderer Dank abgestattet: Herrn Priv.-Doz. Dr. Reinhart Meyer (Regensburg), dessen, die gesamte während des 18. Jahrhunderts im Alten Reich entstandene dramatische Produktion erfassendes stupendes, theatergeschichtliches Unternehmen der „Bibliographia dramatica et dramaticorum“ ich zehn Jahre lang gegenüber der Deutschen Forschungsgemeinschaft als fördernder Institution vertreten konnte.

Die Widmung legt den Band dankbar in dieselben Hände, die vor fünfzig Jahren den ältesten der hier versammelten Beiträge entgegengenommen haben.

Berlin, am 2. August 2020 Hans-Albrecht Koch

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„Wir Musen wissen viel Erlogenes zu sagen, das dem Wirklichen gleicht, wir wissen aber, wenn wir wollen, Wahres zu singen.“

Bei den Griechen war das eine Krankheit zu fragen, welche Zahl von Ruderern Odysseus gehabt habe, ob zuerst die Ilias geschrieben worden sei oder die Odyssee, ferner, ob sie vom selben Verfasser stamme, und anderes dergleichen mehr. Wenn du das für dich behältst, nützt es deinem stummen Gewissen nichts, tust du es aber kund, erscheinst du nicht gelehrt, sondern lästig.

Lucius Annaeus Seneca, Über die Kürze des Lebens (XIII,2)

Ma lʼultima cantò
per cantare per cantare
per cantare solamente
ebbe la sorte bella.
Le sirene del mare
la vollero per sorella.

Gabriele d’Annunzio, Le sette sorelle

„Wir [Musen] wissen viel Erlogenes zu sagen, das dem Wirklichen gleicht, wir wissen aber, wenn wir wollen, Wahres zu singen“ (Übers. Uvo Hölscher), so reden in der „Theogonie“ des böotischen Dichters Hesiod, bald nach Homer, die Musen über sich selbst. Von diesem zweitältesten Epiker der Griechen stammt die früheste erhaltene Lehrdichtung. Nicht mehr erzählt, sondern guter Rat erteilt wird in den „Werken und Tagen“ in hexametrischer Form dem Landmann, wie er sein ‚Tagewerk‘ im wiederkehrenden Lauf der Jahre am besten verrichten könne. Tritt sie im Gewand der Kunst auf, verbirgt die Didaxe, daß sie nackt nicht gut unter die Grazien zu zählen wäre. Ganz ohne die Musen kam der musische Theodor Fontane aus, als er anläßlich des Erscheinens der „Ahnen“ von Gustav Freytag äußerte: „Ein Roman soll uns eine Geschichte erzählen, an die wir glauben.“ Sagen wollte er damit ungefähr wohl das Gleiche wie Hesiod. Wer denkt, die Dichter belehrten ihn darüber, was eigentlich sie tun, wenn sie schreiben, sieht sich beide Male enttäuscht. Sie wissen es nicht, am wenigsten die unter ihnen, die ihr Handwerk am besten beherrschen. Oder sie wollen es uns einfach nicht sagen.

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Lassen wir sie also. Alles Belehrende, alle Theorie sollen hier fortan beiseite bleiben, wo von Büchern der Weltliteratur die Rede ist. Denn Weltliteratur kann man nicht wissenschaftlich betreiben, sondern nur – in des Wortes alter Bedeutung – als Dilettant, sei es als Sammler, wie nur Martin Bodmer einer sein konnte, sei es als Leser, wie wir alle einer sein oder werden können.

Als der Protagonist in Voltaires kleinem philosophischen Roman „Candide ou l’optimisme“ nach schlimmen Schicksalsschlägen endlich im Venezianischen angekommen ist, entspinnt sich zwischen ihm und seinem altersweisen Begleiter Martin wieder einmal ein Disput über das Glück der Menschen. Candide meint, er habe es wenigstens bei den Gondolieri gefunden, denn sie sängen ohne Unterlaß.

„Sie sehen sie nicht in ihrer Häuslichkeit, bei ihren Weibern und Murmeltieren von Kindern“, sagte Martin. „Der Doge hat seine Sorgen, die Gondelführer haben die ihrigen. Im großen und ganzen ist das Los eines Gondelführers dem eines Dogen vorzuziehen; aber meiner Meinung nach ist der Unterschied so gering, daß es nicht lohnt, darauf des näheren einzugehen.“

„Es wird so viel vom Senator Pococurante gesprochen“, sagte Candide, „der in jenem schönen Palast an der Brenta wohnt; er soll Fremde recht zuvorkommend aufnehmen. Von ihm heißt es, er habe nie Kummer gehabt.“ – „Solch seltenes Exemplar sähe ich gern einmal“, sagte Martin. (Übers. Ernst Sander)

Gleich für den nächsten Tag wird der Besuch bei dem gastfreundlichen Nobile arrangiert, dessen ironisch verballhornter Name ein zweifach sprechender ist: Bedeutet er doch „der um weniges Bekümmerte“ und spielt zugleich auf das von Pflichten überladene Amt eines Procuratore der ruhmreichen Seerepublik an. Schon beim Empfang in der prächtigen Brenta-Villa zeigt sich jedoch, daß auch das Leben dieses großen Senators nicht ohne kleine Sorgen ist. Als Candide nämlich die Schönheit und Behendigkeit zweier Mädchen bewundert, die den Gästen Schokolade servieren, gesteht Pococurante, er leide an einem ennui de la galanterie:

Es sind ganz gute Geschöpfe, manchmal lasse ich sie bei mir schlafen, denn der städtischen Damen mit ihrer Gefallsucht, ihren Eifersüchteleien, ihrer Zänkerei, ihren Launen, ihrer Kleinlichkeit, ihrem Hochmut, ihrer Dummheit, den Sonetten, die man immerfort für sie machen oder machen lassen muß, bin ich gründlich überdrüssig: indessen fangen auch diese beiden Mädchen allmählich an, mich zu langweilen.

Nach Musikdarbietung und vortrefflichem Mahl begibt sich die kleine Gesellschaft in die Bibliothek und stößt auf die Lieblingslektüre des Philosophen Leibniz, dessen Lehre von der besten aller möglichen Welten für den satirischen Roman des Franzosen die ungenannte Kontrastfolie bildet:

Candide erblickte einen prachtvoll gebundenen Homer und lobte den Illustrissime seines guten Geschmacks wegen. „Dieses Buch“, sagte er, „las der große Pangloß am ←16 | 17→liebsten, der bedeutendste Philosoph Deutschlands.“ – „Ich mag es nicht“, sagte Pococurante kalt, „früher wurde mir freilich eingeredet, diese Lektüre mache Vergnügen. Aber diese unaufhörliche Wiederholung von Kämpfen, die einander so ähnlich sind, diese Götter, die sich überall einmischen und doch nichts Entscheidendes tun; diese Helena, um die der ganze Krieg geführt wird; das alles langweilt mich sterblich. Ich habe zuweilen Wissenschaftler gefragt, ob sie sich bei dieser Lektüre genauso langweilen wie ich. Sofern sie aufrichtig waren, haben sie mir gestanden, das Buch falle ihnen aus der Hand; aber man müsse es nun einmal in der Bibliothek haben als Denkmal des Altertums, wie jene verrosteten Münzen, die nicht mehr im Umlauf sind.“

„Über Vergil denken Exzellenz doch wohl anders?“ sagte Candide. „Ich gebe zu“, sagte Pococurante, „daß das zweite, vierte und sechste Buch seiner Aeneis vortrefflich sind; jedoch seinen frommen Aeneas und den tapferen Clyanthius und den Freund Achates und den kleinen Askanius und den schwachköpfigen König Latinus und das Bürgerweib Amata und die stupide Lavinia halte ich für das Frostigste und Peinlichste, was man sich denken kann. Da lobe ich mir den Tasso oder die Zaubermärchen Ariosts.“

Natürlich wollte Voltaire auch an dieser Stelle seine Position in der „Querelle des anciens et modernes“ nicht unterdrücken, jenem Dauerstreit zwischen Traditionalisten und Avantgardisten der Literatur, den Charles Perrault mit seinem Plädoyer für den Vorzug der Neuen Ende des 17. Jahrhunderts in die Académie française getragen hatte. An Homer war die Querelle 1714 heftig wieder aufgeflammt, als Anne Dacier, die französische Übersetzerin von „Ilias“ und „Odyssee“, die Unantastbarkeit des griechischen Dichters gegen ihren ‚modernistischen‘ Freund Antoine La Motte verteidigt hatte. Hätte Voltaire nicht dies alles im Sinn gehabt, hätte er Candide ja vielleicht an anderer Stelle ins Bücherregal des Pococuratore greifen lassen. Wäre dieser dort auf die „Odyssee“ gestoßen, hätte er darin wohl seine eigene Irrfahrt zu Wasser und zu Lande durch die ganze Welt – einmal Amerika hin und zurück, Schiffbruch eingeschlossen – wie in einem Spiegel erblickt. Indes, Voltaire war ein Neuerer, wie hätte er einem Alten den Ruhm gönnen sollen, ihn nachgeahmt zu haben. Hätte Candide gar schon die Handschrift von Antoine Galland zu den „Tausendundein Nächten“ zur Hand nehmen können, zu der ein Pococuratore der Stadt Marco Polos und der Orientfahrer doch irgendwo hätte Zugang haben müssen, so hätte ihm Scheherezade schon erklärt, daß es beim Erzählen um nichts Geringeres als ums Überleben geht.

Erste Erinnerung:Heroische Untergänge – von den Troern zu den Nibelungen

„Eine Haupteigenschaft des epischen Gedichts ist, daß es immer vor und zurückgeht, daher sind alle retardierenden Elemente episch. Es dürfen aber ←17 | 18→keine eigentliche Hindernisse sein, welche eigentlich ins Drama gehören“, schrieb Goethe am 19. April 1797 an Schiller. Drei Tage später äußerte er sich gegen den Freund über die Retrogradation als einen Sonderfall des allgemeinen Gesetzes der Erzählkunst, „welches gebietet: daß man von einem guten Gedicht den Ausgang wissen könne, ja wissen müsse, und daß eigentlich das Wie bloß das Interesse machen dürfe“. Deshalb sieht er im Epos „den großen Vorteil, daß seine Exposition, sie mag noch so lang sein, den Dichter gar nicht geniert, ja daß er sie in die Mitte des Werks bringen kann.“ Vordergründig scheinen diese Bemerkungen nichts als Goethes genaue Kenntnis der antiken Epen zu spiegeln, etwa die vielgerühmte homerische Technik des ‚medias in res‘, doch standen sie 1797 bereits im Zusammenhang mit Goethes damals schon gehegten Plan, den Tod Achills zum Gegenstand eines eigenen Versepos zu machen, in dem er den Untergang des Helden durch die Liebesbegegnung mit der trojanischen Königstochter Polyxena hinauszögern wollte. Die Dichtung sollte unmittelbar an das Ende der „Ilias“ anknüpfen, die mit der zehntägigen Trauer um Hektor und der Verbrennung seines Leichnams aufhört. Acht Gesänge sollte diese „Achilleis“ umfassen, doch blieb das Werk Fragment, und Goethe veröffentlichte zu Lebzeiten nur den ersten Gesang. Aus den erhaltenen Schemata ist jedoch der Plan der Dichtung erkennbar.

Auf denn! wer Troja beschützt, beschütze zugleich den Achilleus,

Und den übrigen steht, mich dünkt, ein trauriges Werk vor,

Wenn sie den trefflichsten Mann der begünstigten Danaer töten.

Mit dieser Anrede stellt Zeus den olympischen Göttern noch einmal anheim, den Krieg um Troja zu dem einen oder dem anderen Ende zu führen und löst neue Geschäftigkeit unter ihnen aus. Bei den Menschen herrscht nach den langen Jahren des Krieges die Sehnsucht nach Frieden, und die Troer beratschlagen, wie sie die Griechen versöhnen könnten: Antenor als Anführer der Volkspartei tritt für die Auslieferung Helenas ein, doch durchkreuzt Paris den Plan und erreicht den Kompromiß, eine von zwei anderen Priamos-Töchtern anzubieten, entweder die Seherin Kassandra oder Polyxena. Bei den Griechen wirbt Odysseus für ein Ende der Kämpfe, während Aias und Achilleus widersprechen. Im Bewußtsein, daß nach dem Tode Hektors die Moiren auch über ihn das baldige Ende verhängt haben, rät Achilleus sogar davon ab, die angekündigte Gesandtschaft der Troer zu empfangen, dringt damit aber nicht durch. Die trojanischen Boten erscheinen und bringen beide Mädchen mit, bei deren Anblick sich Agamemnon in Kassandra und Achilleus in Polyxena verliebt: Mit Antenor verabredet Achilleus beim Abzug der Gesandten heimlich seine Hochzeit mit Polyxena. Nachdem er am nächsten Morgen die Zustimmung des Aias und ←18 | 19→der meisten Heerführer zu diesem Plan gewonnen hat, sieht alles nach einem glücklichen Ende aus; nur Odysseus wendet sich jetzt zusammen mit Diomedes gegen solchen Verrat an der Sache der Griechen. Beide intrigieren am Feiertag bis zuletzt gegen die Heirat; auch auf trojanischer Seite schmieden zwei Männer Ränke gegen das Fest: im Heiligtum trifft Achilleus zum erstenmal mit Polyxena zusammen und bekennt ihr, welch Glück es ihm bedeute, aus Liebe zu ihr sein Heldentum aufzugeben. Beim vorbereitenden Opfer wird der Bräutigam jedoch hinterrücks von Paris und Deiphobos ermordet, und der Kampf entbrennt nach Entdeckung dieser Tat von neuem.

Goethes Fragment ist nicht nur ein Zeugnis der unmittelbaren Wirkung der „Ilias“. Denn für die Liebesgeschichte von der Besiegung des Heros durch den Eros und den Meuchelmord im Heiligtum griff der Dichter nicht auf Homer zurück, sondern zu der heute allenfalls noch Philologen bekannten, im 18. Jahrhundert aber noch vielgelesenen „,romanhaft-sentimentalischen‘ Version des Hellenismus, die er in dem kaiserzeitlichen Trojaroman des Dictys Cretensis vorfand“ (Wolfgang Schadewaldt).

Dieser Dictys aus Kreta ist der angebliche Verfasser einer in spärlicher griechischer Überlieferung erhaltenen Darstellung des Trojanischen Krieges aus sehr hellenenfreundlicher Sicht und der Heimfahrten der griechischen Kämpfer. Beachtliche Verbreitung im Westen fand jedoch das ganze Mittelalter hindurch eine wohl im 4. Jahrhundert entstandene lateinische Bearbeitung in sechs Büchern unter dem Titel „Ephemeris belli Troiani“. In einem vorangestellten Brief beansprucht ein sonst nicht bekannter Lucius Septimius die Funktion des Übersetzers aus dem griechischen Original. Die Schrift ahmt stilistisch durch Anklänge an Caesar und Sallust den sachlichen Ton der Historiographie nach. Auch die frühen italienischen Humanisten hielten den Text noch in hohen Ehren – wohl gar ein wenig zum Schaden des Interesses am originalen Homer –, nachdem ihn der bedeutende Handschriftensammler Poggio Bracciolini erneut ans Licht gezogen hatte, dessen nicht immer ganz saubere Vorgehensweise beim Aufspüren und Erwerb von Codices Conrad Ferdinand Meyer in seiner köstlichen Novelle „Plautus im Nonnenkloster“ geschildert hat.

Ausdrücklich als Augenzeugenbericht gibt sich ein Pendant zu Dictys, die betont trojafreundliche „Historia de excidio Troiae“ eines Dares Phrygius. Wahrscheinlich liegt auch dieser um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert entstandenen Prosaerzählung eine griechische Vorlage zugrunde. Der spätantike Autor führt sich unter dem Namen des Geschichtsschreibers Cornelius Nepos als Übersetzer ein und versieht sein Werk auch noch dreist mit einer Widmung an den Historiker Sallust. Beide – Dictys, aber viel stärker noch Dares – haben das Trojabild des Mittelalters geprägt. Anstelle der „Lügen“ Homers fand „die ←19 | 20→‚Wahrheit über Troja‘ reißenden Absatz“ (Lodewijk J. Engels). War doch die beanspruchte Authentizität überaus nützlich, um nach dem Vorbild der Römer auch anderen Völkern ihre Abkunft von den Trojanern zu beglaubigen, wie dies für die Franken z.B. der Chronist Fredegar mit seiner Fortsetzung des Dares getan hat. Für ein christliches Publikum war der Text des Dares um so eingängiger, als darin die bei Homer so wesentliche Handlungsebene der olympischen Götter nicht mehr vorkommt.

Die Spätantike war beides zugleich: eine Epoche des Verlustes originaler Texte, aber auch eine Hochzeit der Auszüge (Epitomai) und der Übersetzungen aus dem Griechischen ins Lateinische. Seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert nahm die bis dahin für breite gebildete Schichten selbstverständliche Zweisprachigkeit der Mittelmeerwelt rapide ab, die einst in Zeiten der Römischen Republik mit dem Brauch vornehmer Familien begonnen hatte, ihre Söhne durch griechische Sklaven erziehen zu lassen, und sich in der Kaiserzeit mit dem Studium zahlreicher Römer in Athen fortsetzte. (Ein anschauliches Beispiel dafür liefert etwa die Bildungsbiographie des Apuleius von Madaurus, der unter dem Titel „Metamorphosen“ einen Abenteuer-, Entwicklungs- und Bildungsroman geschrieben hat, der später – womöglich durch Augustinus, der das Buch überaus liebte – den Alternativtitel „Asinus aureus (Der goldene Esel)“ erhielt. Er war zugleich eine Einweihungsgeschichte in die Isis-Mysterien und wurde im Kontext der Ägyptenromantik des 18. Jahrhunderts zu einer der Quellen für die „Zauberflöte“ von Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart.)

In der Liturgie der römischen Kirche wurde gegen Ende des vierten Jahrhunderts das Griechische durch die lateinische Sprache ersetzt – deutlichstes Zeichen der rückläufigen Sprachkompetenz. Schon der Heilige Augustinus klagte über seine schlechten Griechischkenntnisse. Einem so einfachen wie raffinierten Gedanken dieses Kirchenvaters, der vor seiner Bekehrung noch selbst die typische Ausbildung zum Rhetor erhalten hatte, verdankt das christliche Mittelalter ein wichtiges Argument, mit dem die weitere Tradierung des antiken Bildungskanons gerechtfertigt wurde: Wie die Kinder Israel beim Auszug aus Ägypten silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider der Nilanwohner zum Gebrauch mitgenommen hätten, so sollten die Christen es mit den Schriften der heidnischen Philosophen, Geschichtsschreiber, Dichter und Redner halten. Ohne die bewußte Nutzung der Muster kunstvoller paganer Reden wäre es nicht zu der Entfaltung christlicher Predigtkultur mit ihren Höhepunkten bei den mittelalterlichen Bettelorden und im Barock gekommen. Auch die großangelegten Pläne zu den Übersetzungen des Platon und Aristoteles, die sich der gelehrte Boethius vorgesetzt hatte, sind aus solch augustinischen Argumenten ←20 | 21→gerechtfertigt, nicht minder die spätere Wende der Scholastik zu Aristoteles, wie sie sich im Denken des Thomas von Aquin manifestiert.

Es ist eine verblüffende Koinzidenz, daß in den Jahren 529/530 zwei Hauptereignisse der europäischen Bildungsgeschichte – das eine auf den Abbau antik-heidnischer Kultur, das andere auf deren Erneuerung hinauslaufend, das eine im griechischen Osten, das andere im lateinischen Westen – gleichzeitig eingetreten sind und einander gleichsam neutralisiert haben: Der oströmische Kaiser Justinian, der – unter dem Einfluß der überaus begabten und ehrgeizigen, aus zwielichtigem Milieu aufgestiegenen Kaiserin Theodora – die Wiederherstellung des römischen Reiches in seiner alten Größe unter betont christlichen Vorzeichen betrieb, schloß die letzte Hochburg griechischer Studien, die Rhetorenuniversität zu Athen, und Benedikt von Nursia begründete mit dem Kloster Monte Cassino den einflußreichsten Mönchsorden, dessen Regeln stark von Augustinus beeinflußt sind. Im zweiten Bestandteil des Auftrags „Ora et labora“ gründen sowohl der immense Fleiß, mit dem in den Klöstern die handschriftliche Tradierung der römischen Literatur betrieben wurde, als auch die Unterrichtstätigkeit, die seit der karolingischen Renaissance, zunächst in den Klöstern elementare Kenntnisse, dann in den Kathedralschulen – ihre Pariser Variante wurde, neben den Bologneser Juristenschulen, zu einer der beiden Wurzeln der europäischen Universität – höhere Bildung an die zum Klerikerstand bestimmten „litterati“ vermittelte. Die des Lesens und Schreibens kundigen litterati übernahmen in einer Gesellschaft, in welcher der weitaus größte Anteil der weltlichen Eliten zu den illiterati gehörte, die stabilisierende Funktion des kollektiven kulturellen Gedächtnisses, dessen Folgen sich am treffendsten mit einer Formel charakterisieren lassen, die Ernst Robert Curtius für sein berühmtes Buch als Titel gewählt hat: „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“. In technischer Hinsicht wurde die Weiterpflege antiker Bildung begünstigt von der Ersetzung der herkömmlichen Rollenform des Buches durch die uns vertraute Gestalt des Codex, die im griechischen Osten begonnen hatte, sich mit einigem Verzug aber auch im römischen Westen, zuerst im kirchlichen Gebrauch, in der Spätantike immer mehr durchsetzte.

Während im byzantinischen Reich – freilich erst nachdem die Katastrophe des Ikonoklasmus überwunden war, der im 8. Jahrhundert aus den östlichen Themen (Verwaltungsbezirken) eingedrungen war und neben der bildlichen Darstellung auch die Zeugnisse der Literatur und Musik in Mitleidenschaft gezogen hatte – die Überlieferung der altgriechischen Literatur kontinuierlich gepflegt wurde, blieb diese im lateinischen Westen nur in den Reflexen von Werken der römischen Literatur gegenwärtig, soweit diese von den Mönchen abgeschrieben wurden. Die Auswahl orientierte sich zum Teil an der Eignung heidnischer ←21 | 22→Texte für eine allegorische christliche Auslegung, die sogenannte „interpretatio Christiana“, zum Teil gründete sie in krassen Mißverständnissen, denen gegenüber weniger die Verwunderung ob des Irrtums als die Bewunderung ob seiner fruchtbaren Folgen angebracht ist. So wurden Ovids „Metamorphosen“, von denen sich gleich zwei Codices in der Bodmeriana (Cod. Bodmer 124 und 125) befinden, als ein Kompendium der Naturerklärung genommen und eben deswegen auch im Unterricht gelesen. Vergil stand wegen seiner „messianischen“ vierten Ekloge im Ruf eines gleichsam extrabiblischen Propheten – als solcher führt er in Dantes „Comedia“ [!] den Wanderer durch das Inferno. Einen anderen bedeutenden römischen Epiker, den frühkaiserzeitlichen, aus Neapel stammenden Autor Publius Papinius Statius († nach 96), macht Dante, indem er ihn ins Purgatorio (Canto XXI und XXII) versetzt, fast zu einem Christen. Statius, auch er in zwei Bodmerschen Codices überliefert (Cod. Bodmer 90 und 154), war im Mittelalter der nach Vergil und Ovid meistgelesene und -zitierte antike Autor und gehörte noch bis ins 18. Jahrhundert zum allgemeinen Gut höherer Lesebildung. Besonders beliebt waren seine Gelegenheitsgedichte „Silvae“, und Goethe rühmte gegen Ferdinand Gotthelf Hand 1813 die zwei ersten Bücher der Fragment gebliebenen „Achilleis“ des Statius, in denen die Jugend des Helden geschildert wird. Das wirkmächtigste Buch Hands, der eine äußerst vielseitige schriftstellerische Tätigkit entfaltete, ist seine zweibändige „Ästhetik der Tonkunst“ (1837–41; 2. Aufl. 1850). Mit seinem vollendeten Epos „Thebais“ schuf Statius ein tragisches Gegenstück zur „Aeneis“, das vom Streit der Brüder Eteokles und Polyneikes, die sich im Zweikampf gegenseitig töten, und dem Ende des Labdakidengeschlechts erzählt, am Schluß aber die Schrecken der Grausamkeit in der von Theseus gestifteten versöhnlichen Humanität des Gedächtnisses an die Toten aufhebt. Das mythologische Epos „Thebais“ spielt – schon indem der Mythos der feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes den Brudermord des Romulus an Remus allegorisiert – auch auf die seinerzeit noch unvergessenen Ereignisse des Bürgerkriegs der ausgehenden römischen Republik an, die rund drei Jahrzehnte zuvor Marcus Annaeus Lucanus zum Thema seines historischen Epos „Bellum civile “ (Cod. Bodmer 108) gemacht hatte, das bis zur Schlacht zwischen Caesar und Pompeius reicht und, bekannter unter dem Alternativtitel „Pharsalia“, gleichfalls in Mittelalter und Früher Neuzeit zu den vielgelesenen Werken der römischen Literatur gehörte. Zur Szene „Pharsalische Felder“ im Zweiten „Faust“ – die Handschrift der Bodmeriana bezieht sich nicht auf diese Stelle – ist Goethe durch die Lucan-Lektüre angeregt worden.

Über tausend Jahre war Homer dem lateinischen Mittelalter nur aus indirekter Überlieferung bekannt. Zu den erwähnten großen Werken und den Romanen des Dictys und Dares kommt als wichtige Quelle noch die sogenannte „Ilias ←22 | 23→Latina“ hinzu, deren weite Verbreitung allein durch die zahlreichen Einträge unter „Homerus“, „Humerus“ oder „Omerus“ in den Katalogen der Klosterbibliotheken bezeugt wird. Die „Ilias Latina“ vermittelte zwar in erster Linie die Kenntnis des Stoffes der „Ilias“, doch gab sie auch Anregungen zu zahllosen kleinen Troja-Dichtungen, die aus dem Unterricht hervorgingen. Größeren Umfang hat die „Ilias“ des Simon Chèvre d’Or. Zur Hauptquelle für die mittelalterlichen Troja-Dichtungen, zunächst der lateinischen, dann der volkssprachlichen, wurde jedoch die Romanüberlieferung, vor allem Dares. Unter den Werken der Dares-Adepten ragt die „Frigii Daretis Ylias“ des Joseph von Exeter vom Ende des 12. Jahrhunderts heraus.

Auf Dares fußt auch der um 1165 geschriebene „Roman de Troie“ des Benoît de Sainte-Maure. Er wiederum diente Guido de Columnis – seine noch durch alle Literaturgeschichten geisternde Identifizierung mit dem Dichter und Richter Guido Giudice (Guido delle Colonne) aus Messina, dem formbewußten Sänger der ersten Sizilianischen Schule des Trecento, erscheint neuesten Forschungen zufolge nicht haltbar – als Vorlage für eine in vielen Fassungen verbreitete „Historia destructionis Troiae“ in lateinischer Prosa. Den Erstdruck der von Filippo Ceffi besorgten italienischen Fassung dieser ‚Historia‘ stellte Antonio della Paglia 1481 in Venedig her (Inc. Bodmer 78).

Aus der Troilo-Creseida-Episode bei Guido de Columnis machte um 1340 Giovanni Boccaccio die eleganten Oktaven seines „von der Liebe niedergestreckten“ „Filostrato“. Aus manchen Übereinstimmungen im Detail erweist sich, daß schließlich Geoffrey Chaucer, der neben den „Canterbury Tales“, seinem Hauptwerk, auch einen Versroman „Troilus and Creseyde“ verfaßte, für diesen die Version Boccaccios herangezogen hat. Das Interesse für den von seiner Geliebten verratenen Troilus, der in den antiken Texten eine unwichtige Nebenfigur ist, liefert ein Beispiel für die inhaltlichen Umgestaltungen des geläufigen Mythos in den Troja-Romanen des Dares und Dictys. „Deren Darstellung der Dinge hat auch dem Ruf mehrerer klassischer Helden im Mittelalter ernsthaft geschadet. Achilleus ist in der alternativen Tradition ein Antiheld, der den ritterlichen Ehrenkodex schändet, und ein Weibernarr“ (Lodewijk J. Engels). Aeneas bricht nicht gegen seinen Willen und auf göttliches Geheiß, wie bei Vergil, von Troja auf, sondern wird als Verräter aus der Stadt verjagt, nachdem er einen Umsturz gegen den neuen Herrscher Antenor geplant hat.

Literarische Beziehungen gleichen in ihrer Bewegung oftmals dem hin- und herfliegenden Schiffchen des Webstuhls. Mit dem Codex Bodmer 160 hat Bodmer eine überlieferungsgeschichtlich äußerst reizvolle Handschrift erworben: ein Zeugnis für die französische Übersetzung der „Historia“ des Guido de Columnis, die doch ihren eigenen Ursprung bei dem französischen Text des ←23 | 24→Benoît de Sainte-Maure genommen hatte. Welch Spiel von Umweg- und Rückübersetzung! Bodmers feinsinniges Gespür für solche Zusammenhänge, die enge Verbindung der Kompetenz des Sammlers mit genauester Kenntnis der Historie, dokumentiert aufs schönste sein Essay über „Die Bedeutung der Textüberlieferung“; er leitet die „Geschichte der Textüberlieferung“ (1961) ein, deren erster, der Antike gewidmeter und von Herbert Hunger, Hartmut Erbse, Karl Büchner, Hans-Georg Beck und Horst Rüdiger bearbeiteter Band noch immer ein Standardwerk ist. Der Codex Bodmer 160 enthält auch eine französische Version des mittelalterlichen „Roman de Thèbes“ (um 1150/60), dessen wichtigste Quelle das Epos von Statius ist.

In Frankreich hatte sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine Trias epischer Großformen herausgebildet. Zu ihr gehört die ,chanson de geste‘, Heldenepik also, wie sie in deutscher Bearbeitung das „Rolandslied“ des Pfaffen Konrad zeigt. Einen zweiten Block bildet der ,roman antique‘, der auf die Antike bezogene Versroman. Dem Troja-Roman des Benoît de Sainte-Maure folgte 1210/17 Herborts von Fritzlar „Liet von Troie“, Ende des 13. Jahrhunderts der „Trojanerkrieg“ Konrads von Würzburg. Es gibt aber auch Troja-Romane, die sich unmittelbar auf Vergil beziehen, so den „Roman d’Enéas“ (um 1150/60), das Vorbild für Heinrichs von Veldeke kurz vor 1190 entstandene frühhöfische Bearbeitung „Eneide“, von der sich in der Bodmeriana eine Handschrift aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts befindet (Cod. Bodmer 83). Alle diese Werke formen aus antiken Heroen mittelalterliche Ritter, wie es natürlich auch die allfällig beigegebenen Illuminationen tun. Neben den Sagen um Troja und Theben gehören zum roman antique noch die zahlreichen Werke, die aus den schon früh im Hellenismus zum Alexanderroman ausgewachsenen Legenden um den makedonischen König und Welteroberer schöpfen. Seine fiktiven Lebensbeschreibungen wurden in immer neuen Variationen – bald ist er Werkzeug Gottes, bald der verkörperte Antichrist – zu einem der beliebtesten Erzählsujets in nahezu allen europäischen Literaturen. In die mittelhochdeutsche Literatur fand der Alexanderstoff, der neben Unterhaltung auch eine vage Vorstellung von der ‚Weite des Orients‘ vermittelte, Eingang über die lateinische Version des griechischen Alexanderromans, den der Archipresbyter Leo übertragen hatte, sowie durch zahlreich anschließende lateinische und französische Bearbeitungen. Dem provençalischen Dichter Albéric von Besançon folgte um 1150 der Pfaffe Lamprecht mit einem „Alexanderlied“, von dem der frühhöfische „Straßburger Alexander“ (um 1180) abhängt. Aus der „Historia de preliis Alexandri Magni“ schöpften der Chronist Rudolf von Ems und das komprimierte spätmittelalterliche „Alexander“-Epos des Seifrit (1352), das verschiedentlich auf die Politik Kaiser Karls IV. Bezug nimmt. Seifrits „Alexander“ überliefert der 1402 geschriebene Cod. ←24 | 25→Bodmer 151. Ein noch wichtigerer Text ist jedoch der knapp hundert Jahre später verfaßte Roman „Die histori von dem großen Alexander“ (1444) von Johann Hartlieb (Cod. Bodmer 91). Hartlieb hatte nämlich für seinen Alexanderroman eine Quelle zur Hand, die der ursprünglichen Übersetzung Leos sehr nahesteht. In dieser ausführlichen Version ist der Stoff in seiner ganzen Fülle greifbar: von der wunderbaren Zeugung des Protagonisten bis zu den geographischen Berichten, die der König aus Indien an seinen ehemaligen Lehrer Aristoteles richtet. Die Hartliebsche Bearbeitung, bereits im 15. Jahrhundert gedruckt, wurde zum Ursprung des beliebten Volksbuches.

Biographische Angaben

Hans-Albrecht Koch (Autor:in)

Hans-Albrecht Koch, geboren 1946 in Lübeck, studierte Klassische Philologie, Germanistik und Geschichte in Berlin, Wien und Tübingen. Er ist Professor em. für Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Bremen und Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsgebiete sind die Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, die Beziehungen zwischen Literatur und Musik, Literarische Übersetzung, Fin de siècle, Bibliographie und Lexikographie. Er schreibt für die Franfurter Allgemeine und die Neue Zürcher Zeitung.

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Titel: Von Musen und Musik: Zu Oper, Libretto und Singspiel