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Neues Licht auf Ellen Key

Quo vadis Europa? Biographische Skizzen über eine europäische Vordenkerin

von Margrit Hansen (Autor)
Andere 264 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Die Frau im Fokus
  • Eine ungekrönte Königin (Selma Lagerlöf – Schweden)
  • Das Weib der Zukunft (Ellen Key – Schweden)
  • Mujeres de las revoluciones (Etta Federn – Spanien)
  • Bildung und Solidarität für Frauen (Svante Hedin – Schweden)
  • Ellen Keys Haltung zur „sexuellen Frage“ (Siv Hackzell – Schweden)
  • Die Apartheit der Frau (Margrit Hansen – Deutschland)
  • Vater Staat und Mutter Gesellschaft
  • Gesellschaftsschönheit (Margrit Hansen – Deutschland)
  • Die Idee der Mütterlichkeit bei Ellen Key (Claudia Lindén – Schweden)
  • Ellen Key in Europa (Siv Hackzell – Schweden)
  • Zur Entstehung der Schrift „Die Frauenbewegung“ (Martin Buber – Deutschland)
  • Die Sonderstellung des Menschen(-kindes) (Adolf Portmann – Schweiz)
  • Neue Erkenntnisse der Bindungsforschung (Prof. Dr. Zdenĕk Matějček – Tschechien)
  • Die europäische Schriftstellerin und Philosophin Ellen Key
  • Briefe an Ellen Key. Erinnerung an zwei Europäer (Stefan Zweig – Österreich)
  • Lou Andreas-Salomé (Birgitta Holm – Russland / Deutschland / Schweden)
  • Zur Kritik der Weiblichkeit (Rosa Mayreder – Österreich)
  • Denna Dagen ett liv – von Thorild bis Melcher (Hedda Jansson – Schweden)
  • Die Formulierung der Kinderrechte durch Key (Margrit Hansen – Deutschland)
  • Pädiatrie und Pädagogik (Janusz Korczak – Polen)
  • Ellen Keys „Geheimer Garten“ des Schönen
  • Der Garten und die Natur (Margrit Hansen – Deutschland)
  • Vergessene Bücher – Ellen Key (Peter Härtling – Deutschland)
  • Die Kinder der Überflussgesellschaft (Ferdinand Oeter- Deutschland)
  • Zu Ellen Keys 100. Geburtstag (Anton Blanck – Schweden)
  • Ellen Key. Eine europäische Intellektuelle. Eine Biographie (Ronny Ambjörnsson – Schweden)
  • Der Lebensanfang als Lebensentscheidung (Klaus Conrad – Deutschland)
  • Versöhnung und Frieden (Annsofi Meesenburg – Schweden und Deutschland)
  • Nachwort
  • Anhang
  • Literaturverzeichnis
  • Werke Ellen Keys
  • Sekundärliteratur
  • Bildnachweis
  • Autoren
  • Dank

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Vorwort

Einführung in die Thematik

Ellen Key (1849–1926) war vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Europa eine sehr bekannte skandinavische Schriftstellerin. Als unverheiratete Tochter eines schwedischen Landadeligen und einer geborenen Gräfin Posse war sie ein adeliges „Fräulein“ im ursprünglichen Sinne. Heute kennen nur Wenige ihr Werk näher oder bringen ihren Namen in Verbindung mit berühmten Persönlichkeiten wie Martin Buber, Lou Andreas-Salomé1, Rainer Maria Rilke oder Stefan Zweig. Obwohl Rilke schon 1902 die Pädagogin, Frauenrechtlerin, Literatur- und Kulturkritikerin als „Prophetin der Zukunft“ lobte, beschränkt sich die breitere Rezeption Ellen Keys in Deutschland inzwischen fast nur noch auf ihre reformpädagogischen Ideen. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts begann man sich wieder an diese bedeutende Frau zu erinnern. Ihr Buch Das Jahrhundert des Kindes wird nun zu den wichtigsten pädagogischen Werken gezählt. In Schweden erschien 2014 eine umfangreiche Biographie.

Key gehörte zu der Generation europäischer Mädchen und Frauen, denen eine systematische und kontinuierliche formale Ausbildung weitgehend verwehrt war, da die höheren Bildungsinstitutionen, die Universitäten und Berufsausbildungseinrichtungen in den meisten europäischen Ländern den Jungen vorbehalten waren.

Sie hatte das Privileg, eine ausgezeichnete, wenn auch unsystematische häusliche Bildung zu erwerben. Doch erfuhr sie ganz unmittelbar den Zusammenbruch von traditionellen weiblichen Lebensläufen. Die Wichtigkeit von Bildung und Ausbildung, besonders auch als Frau, wurde für sie existentiell, als wirtschaftliche Sicherheit und Einkommen durch die Familie im Zuge einer landwirtschaftlichen Strukturkrise nicht mehr gewährleistet werden konnten. Die traditionelle Versorgung durch Heirat kam nicht in Frage, so dass die Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes zur Notwendigkeit wurde, sich aber auch als Chance für eine eigenständige unkonventionelle Lebensgestaltung erwies. Wie viele pädagogische Neuerer (z. B. Johann Amos Comenius, Friedrich Fröbel, Maria Montessori, Jean Piaget) war sie also von ihrer Ausbildung her keine Pädagogin, auch wenn sie als ← 9 | 10 → Lehrerin tätig wurde und aus ihren Tätigkeiten Publikationen mit pädagogischen Themen hervorgegangen sind.

Mit ihrem bemerkenswerten internationalen Horizont und ihren vielen grenzüberschreitenden Kontakten trat Key in Skandinavien, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern als Kulturvermittlerin auf, indem sie literarische Neuerscheinungen vorstellte und die Zuhörerschaft mit reformpolitischen Ideen (Emanzipation der Frauen, Reform der Pädagogik) bekannt machte. Vor allem in Deutschland traf sie auf breite Resonanz: In überfüllten Vortragssälen wurde sie gefeiert, rief aber gleichzeitig Kritik hervor. Sie korrespondierte mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten der Jahrhundertwende.

Key wurde als europäische Schriftstellerin vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht nur wirtschaftlich getroffen. Deutschsprachige Neuveröffentlichungen von ihr gab es nach 1914 nur in Wien, Zürich und Bern. Ab 1914, mehr aber noch von 1918 an, blieb die Tatsache, dass sie als Schwedin für die Feinde Deutschlands Partei ergriffen hatte, unvergessen.2 Obendrein war sie die ‚femme fatale’, die anarchistische Gedanken von ‚freier Liebe’ vertrat, womit sie sich den Zorn der Kirchen zuzog. War es vor dem Weltkrieg vor allem das christlich-konservative Lager, das vor Key warnte (Bürger schützt eure Töchter vor Ellen Key!), so galt Key nach Beginn des Krieges als undeutsch und pazifistisch. Diese Adjektive wurden, ebenso wie international oder sozialistisch, weithin als Schimpfworte3 benutzt. Ellen Keys publizistisches Werk umfasste gegen Ende ihres Lebens mehr als vierzig Bücher und etwa 150 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel. Ellen Key starb am 25. April 1926 in Strand (Schweden).

Die Ästhetik spielte innerhalb des großen sozialen Reformprogramms eine hervorragende Rolle. Übergreifende Ziele waren Demokratie und stärkere Gesellschaftsschönheit.4 Key meinte, dass jeder Mensch ein Recht auf Kunst und Schönheit ‚Skönhett för alla’ habe. Eine schöne Umgebung habe Auswirkungen auf die Psyche. In ähnlicher Weise betonte Key die grenzüberschreitenden (interdisziplinären) Möglichkeiten der Kunst: Kunst sei Weltsprache, sie zeige die ← 10 | 11 → Gemeinsamkeit aller Menschen, Nationalismus sei „töricht“. Die Kunst als Ausdruckform menschlicher Kultur diene seit Jahrtausenden unbewusst als „große, schaffende Kraft […] dem Gedanken der Völkergemeinschaft“.5

Der Erkenntnisgewinn durch ästhetische Wahrnehmung ist nicht zwangsläufig und die wissenschaftliche Bestätigung erfolgt oft erst viel später. Hier bedarf es anscheinend einer Entwicklung, denn die Perspektive „vom Kinde aus“ wurde in der Kunst zwar früh veranschaulicht, aber nur von einer Minderheit in ihrer Brisanz verstanden.

Keys Position wurde schon immer von Personen erfasst und geteilt, die sich auch künstlerisch betätigten.

Key ist – wie ihr Vorbild Goethe – Vertreter einer experimentell-empirischen Strategie, bei der sich forschende, poetische Elemente und nüchterne Beschreibung verflechten. Geistes- und Naturwissenschaften sind für Key keine getrennten Gebiete; sie will einen Bogen von den revolutionären Entdeckungen der Naturwissenschaft zu den Geisteswissenschaften schlagen und daraus Forderungen für einen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Strukturwandel ableiten. Das trägt mit dazu bei, dass Key von Akademikern, auch von der herkömmlichen normativen Philosophie und Pädagogik „territorial exkommuniziert“ wird.

Erst heute stellt die Wissenschaft neben Begriffen wie „Kinderökologie“ auch Methoden bereit, mit denen sich Gefährdungen nachweisen und messen lassen, vor denen Key im Grundsatz warnte.

Ein neuer Blick

Ein neuer Blick auf das umfangreiche Werk Ellen Keys macht auf einen Tatbestand aufmerksam, der sich am Ende des 19. Jahrhunderts anbahnte, zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber mehr und mehr als Problem der Wissenschaft gesehen wird.

Der Sozialwissenschaftler Beck sagt dazu: „Diese Alt-Neu Fragen, was ist der Mensch? Wie halten wir es mit der Natur?, mögen hin- und hergeschoben werden zwischen Alltag, Politik und Wissenschaft. (…) Risikofeststellungen sind eine noch unerkannte, unentwickelte Symbiose von Natur- und Geisteswissenschaft, von Alltags- und Expertenrationalität, von Interesse und Tatsache. Sie sind beides und zwar in neuer Form.“6 ← 11 | 12 →

Der diagnostische Blick, den Key auf die Entwicklung aller höheren Lebewesen (und damit auch des Menschen) wirft, ist um 1900 eine neue Perspektive.7 Besonders bedeutsam ist, dass Key die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen zum philosophischen Thema macht und die Dynamik in der Entwicklung alles Lebendigen auf der Erde.

Auch die barnperspektiv (Perspektive vom Kinde aus) und damit die Relativität von Erkenntnis, abhängig vom Standort des Betrachters, ist Neuland.

Es sind die Grundvorgänge Wachstum und Differenzierung des Kindes, im physischen wie auch im psychischen Bereich, die Key interessieren. Sie stellt auch Fragen zum dynamischen Gleichgewicht und zur nachhaltigen Entwicklung.

Dieses Interesse teilt sie mit Maria Montessori, die in ihrem Werk Kinder sind anders schreibt: „Heute ist es unmöglich geworden, in irgendeinen Zweig der Medizin, der Philosophie oder auch der Soziologie einzudringen, ohne dabei zu berücksichtigen, welches Licht die Kenntnis des kindlichen Lebens darauf zu werfen vermag. Ihre Wichtigkeit lässt sich annähernd mit dem klärenden Einfluss vergleichen, den die Embryologie auf unser gesamtes biologisches Wissen und auf unsere Kenntnis von der Entwicklung lebender Wesen gehabt hat, nur dass wir im Falle des Kindes anerkennen müssen, dass dieser Einfluss auf alle die Menschheit betreffenden Fragen unendlich größer ist. Nicht das physische Kind ist es, das einen mächtigen, ja entscheidenden Anstoß zum Besserwerden der Menschen geben kann, sondern das psychische. Der Geist des Kindes kann vielleicht einen wirklichen Fortschritt der Menschheit und unter Umständen sogar den Anbruch einer neuen Kultur herbeiführen.“8

Key fügt noch einen weiteren Gesichtspunkt hinzu: Nicht biologische (physische) Mutterschaft, sondern (psychische) Mütterlichkeit als Verhaltensdisposition befähigt das heranwachsende Lebewesen zur Kommunikation, d. h. zum Informationsaustausch mit der Umwelt in Form eines rekursiven Prozesses. Dieser Aspekt wird in der heutigen „Informationsgesellschaft“ vollkommen vernachlässigt. Denn bei der Weitergabe von Information ist nicht nur die genetische Weitergabe durch die generative Körperkette bedeutsam, sondern vor allem die qualitative Weitergabe durch soziale, „informelle Arbeit“ an Kindern. Wertsetzungen und emotionales Klima werden von allen Beteiligten selbst hervorgebracht, gestaltet und erhalten. ← 12 | 13 →

Aus der Risikofeststellung innerhalb der modernen Welt entsteht eine Theorie des sozialen Handelns.

Key weist schon am Anfang des 20. Jahrhundert in ihren Werken auf gesellschaftliche Risikolagen hin, welche die Kindesentwicklung betreffen. So kann jeder Eingriff in die Entwicklungsbedingungen des Kindes irreversible Wirkungen zur Folge haben.9

Es ist an der Zeit, dass ihre Thesen ernst genommen werden und damit einen sozialen Anerkennungsprozess erfahren.

Als Arzt und Naturwissenschaftler untersucht z. B. Gerd Biermann die Lebensgrundlagen der Kinder von Semipalatinsk10, die nicht nur durch atomare Verstrahlung von Böden und Organismen zum Teil bis ins Genom nachhaltig geschädigt wurden, sondern auch unter Bedingungen leben müssen, die mit körperlich-seelischer Gefährdung verbunden sind. Dabei verweist er auf Keys Werk: „Albert Einstein und Sigmund Freud hatten schon vor dem 2. Weltkrieg in einem Briefwechsel darauf hingewiesen, dass es nunmehr dem Menschen in die Hände gelegt sei, die Welt und damit sich selbst zu vernichten. (1932) Wo immer sich menschliche Katastrophen in unserer Vorgeschichte abgespielt hatten (…), waren Kinder stets die ersten und hilflosesten Opfer. Insofern war schon zwei Jahrzehnte nach Ellen Keys Aufruf zum ‚Jahrhundert des Kindes’ (1900) mit dem 1. Weltkrieg und dem nachfolgenden Flüchtlingselend jede Hoffnung auf die Verwirklichung dieses Traumes hinfällig geworden. Kinderelend in aller Welt (…) war mit den Schicksalen Verfolgter eine Quittung für das von Macht und Gewalt geprägte Verhalten der Erwachsenen in der Gesellschaft.“11

Zur Gliederung der Sammlung

Der Themenkreis „Die Frau im Fokus“ beschäftigt sich mit der Frauenrechtsbewegung als Menschenrechtsbewegung gegen die Apartheit der Frau. Selma Lagerlöf blickt am Sarg Ellen Keys zurück auf eine „Rebellin“, die sie als ungekrönte Königin bezeichnet.

Das Ende des 19. Jahrhunderts ist für Ellen Key die Zeit des Ausblicks auf die Entwicklung einer Sozialordnung, die sich auf ein Fundament freiheitlich ← 13 | 14 → demokratischen Zusammenlebens einzustellen beginnt. Aus der eigenen Erfahrung schöpfend geht es ihr um das Recht der Frau, ein eigenständiges sinnerfülltes Leben führen zu können, wozu das Recht auf Bildung und Berufstätigkeit gehört. Zugunsten des „Weibes der Zukunft“, möchte sie zu einem Konsens aller finden, sich über Grundwerte zu verständigen: Wie steht es um die die Freiheit und Bildung der Frauen? Ab 1883 hält Key Vorlesungen am neu gegründeten Stockholmer Arbeiterinstitut. Sie unterrichtet, ist Leiterin von Bildungskursen für junge Arbeiterinnen und Vortragsreisende an verschiedenen skandinavischen Volkshochschulen. Ihre Absicht ist es, allen jungen Frauen Wissen und Selbstbewusstsein zu vermitteln, nicht unbedingt, um sie zu professionellen Lehrerinnen auszubilden, sondern in einem universelleren Sinn. Auf dieses Anliegen, hier als Beispiel für die spanischen Arbeiterfrauen, weist Etta Federn hin. Als erste und wichtigste Erzieherinnen der Kinder sollen Frauen Wissen und pädagogische Einsicht mitbringen. Defizite, die auf dem Gebiet der Erziehung beständen, wirkten in die Zukunft fort.

Svante Hedin beschreibt den Beginn von Keys Tätigkeit als Lehrerin und Aufklärerin benachteiligter Frauen, z. B. den jungen Arbeiterinnen. Key ist begeistert von der Aufgabe, zur Bildung dieser gesellschaftlich besonders benachteiligten Gruppe beizutragen.

Aufklärung über hygienische Fragen, Gesundheit und Sexualität gehören selbstverständlich dazu.

Die Bedeutung dieses Bereichs der „Lehrerinnenkultur“ wird im Aufsatz von Siv Hackzell geschildert. Die Schwierigkeiten für alle Frauen sind um ein Vielfaches höher als heute. Key gesteht den Frauen alle bürgerlichen Rechte und sexuelle Selbstbestimmung zu. Dazu gehört die freie Entscheidung darüber durch Verhütungswissen mitzubestimmen, wie viele Kinder sie gebären wollen. Als erste und wichtigste Erzieherinnen der Kinder sollen Frauen genug Kraft für das einzelne Kind haben, sie sollen Bildung und auch pädagogische Kenntnisse erwerben können.

Der Begriff Apartheit im Hinblick auf das Geschlecht trifft gegenwärtig noch in vielen Ländern der Welt zu. Das verdeutlicht der Rückblick von Margrit Hansen.

Der Themenkreis „Vater Staat und Mutter Gesellschaft“ beschäftigt sich mit dem sozialen Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in den patriarchal geordneten Gesellschaften Europas.

Margrit Hansen erläutert den Begriff der „Gesellschaftsschönheit“. Ellen Key stellt fest: Die vergangenen Jahrtausende hätten dem Mann gehört: Seine Stärke und sein Genie hätten die Menschheit im Zeichen des Dualismus zwar weit geführt, aber jetzt, im neunzehnten Jahrhundert, zeige sich, dass man das andere ← 14 | 15 → Geschlecht vergessen habe. Da Key soziale Lebensverhältnisse als Beziehungen sieht, verknüpft sie das Geschlechterverhältnis mit dem Generationenverhältnis und vereinigt in ihrem Engagement zwei sozial benachteiligte Gruppen, die Frauen und die Kinder.

Sie fordert gleichzeitig die ästhetische Gestaltung der Umwelt: „Schönheit für alle“.12 Neben der Absicht, den Schönheitssinn aller zu befördern, birgt dies auch eine soziale Komponente: schlichte, preiswerte und schöne Einrichtungen des Heimes sollen für jedermann erschwinglich sein. Der musische Teil der Bildung, die Freude an Kunst und Poesie, das ästhetische Empfinden bedarf einer genauso sorgfältigen Kultivierung.

Key kämpft für die Anerkennung ihrer These, dass wahre Bildung nicht nur Schulung der geistigen Fähigkeiten ist. Durch die emotionale Dürre einer vorwiegend intellektuellen Erziehung befürchtet Key eine Verarmung der umfassenden menschlichen Entwicklung.

Im Gegensatz zu radikalen Strömungen der Frauenbewegung im Europa der Jahrhundertwende gehört Key zu jenem Flügel, dem daran gelegen ist, die Idee der „seelischen Mütterlichkeit“ aufzuwerten. Dies analysiert Claudia Linden. Key erstrebt eine Verbindung zwischen zwei Leitbildern der Frauenbewegung: einerseits dem Ideal der berufstätigen Frau und andererseits der Überzeugung, dass der Mutterberuf „der höchste Beruf der Frau“ sei. Explizit wünscht sie jedoch, keine Frau möge sich nach dem Wunschbilde des Mannes ausrichten oder sich als Imitat von ihm entweiblichen.

Siv Hackzell gibt einen Überblick zur Reise- und Vortragstätigkeit Keys in ganz Europa: Sie veranschaulicht deren Zeit als allein reisende Frau, auf dem europäischen Kontinent umherreisend und Vorträge haltend. Ihre Reden in Kopenhagen, Göteburg und Stockholm erregen große Aufmerksamkeit und führen zu Publikationen in ganz Europa, z. B. schon 1898 in Deutschland. Es ist gleichzeitig der Beginn ihres länderübergreifenden schriftstellerischen Wirkens. Ihr Ruf als Frauenrechtlerin, Pädagogin und Philosophin in Skandinavien und Europa wird begründet.

Keys Thesen bewegen den Philosophen Martin Buber dazu, sie für seine Schriftenreihe „Die Gesellschaft“ zu gewinnen. Das „dialogische Prinzip“ im philosophischen Denken Bubers bedeutet, dass das mechanistische, technokratische Menschenbild abgelehnt wird, da es verhindert, dass die Gegenseitigkeit der Beziehungen anerkannt wird. Gleichzeitig muss die Spannung von Gegensätzen ausgehalten und anerkannt werden. Nur in dieser Spannung kann das Wesentliche verstanden werden. ← 15 | 16 →

Das Schlusskapitel von Die Frauenbewegung zeigt die Aktualität von Ellen Key, z. B. eine Übereinstimmung mit Ulrich Beck, der darauf hinweist, dass Modernisierungsrisiken zugleich ortsspezifisch und unspezifisch universell auftreten. „In Modernisierungsrisiken wird also inhaltlich-sachlich, räumlich und zeitlich Auseinanderliegendes kausal zusammengezogen und damit im Übrigen zugleich in einen sozialen und rechtlichen Verantwortungszusammenhang gebracht.“13

Ergebnisse aus der medizinischen Forschung zum Risiko der Kindesentwicklung in modernen Gesellschaften liefern die Beiträge der Ärzte und Naturforscher Adolf Portmann und Zdenëk Matëjšek. Was Key mit diesen Forschern verbindet, ist der Präventivgedanke und die Wichtigkeit der persönlichen, familiären Fürsorge. Das Prinzip, dass man jenen Menschen, die einem anvertraut sind, vor allem nicht schaden darf, muss nach Keys Meinung in der Erziehung ebenso grundlegend sein wie in der Medizin. Es ist der Grundsatz des primum nil nocere als Bestandteil des Hippokratischen Eides. Die neuen Erkenntnisse der Bindungsforschung weisen auf „Umweltschäden“, auf „frühkindliche Deprivation“ infolge fehlender oder mangelnder positiver Sinneserfahrungen der Kinder in modernen Gesellschaften hin. Sie können zu seelischer Verkümmerung führen, zu destruktiven Grundeinstellungen, den Mitmenschen und dem Leben gegenüber.

Der Themenkreis „Die europäische Lehrerin und Philosophin Ellen Key“ untersucht das Leben und die Werke Ellen Keys in diesem neuem Licht.

Durch ihre unkonventionelle Ausbildung ist ihr die gesamte europäische Philosophietradition vertraut, sie hat Philosophen und Autoren wie Spinoza, Montaigne, Kant, Goethe, Rousseau und Nietzsche – oft in Originalsprache – gelesen. Key besitzt die theoretischen Grundlagen für ihre Beweisführung, so dass sie ihre Ziele philosophisch und naturwissenschaftlich belegen kann. Key fordert dazu auf, dass Erwachsene die junge künftige Generation verantwortungsvoll zu begleiten und den Reichtum des Lebendigen zu respektieren und zu bewahren hätten, weil nur so „Recht und Freiheit“ für die Kinder verbürgt werden könnten. Nur so könnte es Frieden geben. Hervorzuheben ist: Die „reformpädagogischen“ Kapitel im Jahrhundert des Kindes befassen sich vom Ansatz her mit Biologie, Psychologie, Soziologie und Entwicklungspsychologie.

Die Briefe des jungen Stefan Zweig an Ellen Key zeigen mit furchtbarer Deutlichkeit, dass sich diese Hoffnung zerschlägt. Schon im Jahrhundert des Kindes hatte Key mit tragischer Hellsichtigkeit geschrieben: „Die Seelen der Deutschen werden schon im Kindergarten für die Uniform einexerziert.“ Das 20. Jahrhundert sieht dann nicht die von ihr erhoffte „Humanisierung des Menschengeschlechts“ ← 16 | 17 → (J.d.K.: 239), sondern die industrialisierte Tötung von Mitmenschen, ausgehend von einem Land, in dem Friedrich Paulsen 1907 polemisiert, dass Männer Keys Buch lieber nicht lesen sollten, das wäre nur etwas für die höheren Töchter, „die vereinigten Backfische von Berlin“.14

Für Key ist innerhalb dieses Spektrums der mündliche und schriftliche Meinungsaustausch mit der deutsch-russischen Lou Andreas-Salomé sowie dem Stockholmer Neurologen und Psychotherapeuten Poul Bjerre, einem Freund Walther Rathenaus, bedeutsam. Über den mündlichen und vor allem schriftlichen Dialog der beiden Europäerinnen informiert Birgitta Holm.

Zeitgleich mit Ellen Key übt Rosa Mayreder (1858–1938) ihre Kritik an der Aufklärung, indem sie auf die unerfüllte Forderung der Frauen und indirekt auch der Kinder hinweist, die Menschen- und Bürgerrechte auch auf sie zu beziehen. Jede Einzelne ist persönlich gefordert und trägt Verantwortung. Auch Verzicht und Mut zum Widerstand werden erwartet. Key und Mayreder bekräftigen dies mit dem Credo „Werde, der du bist!“, bzw. „Werde, die du bist!“

Den Einfluss Thomas Thorilds (1759–1808) auf Keys Werk untersucht Hedda Jansson. Thorild war einer von Ellen Keys großen Vorbildern im Kampf um Meinungsfreiheit. Thorilds Worte ”Denna dagen ett liv” (Dieser Tag – ein Leben) bedeuteten Key sehr viel und waren für die Entwicklung ihrer Philosophie des „Lebensglaubens“ entscheidend. Dieses Zitat verbindet sie mit einer anderen großen schwedischen Schriftstellerin, Astrid Lindgren.

Der Zusammenhang zwischen dem neuen Blick auf das Kind (Kinder sind anders) und der Ausformulierung von Kinderrechten bei Key und Korczak wird im Beitrag von Margrit Hansen erhellt. Die Entwicklungsproblematik für das Kind, verursacht durch veränderte Lebens- und Wirtschaftsweisen des Industriezeitalters, ist eines von Keys und Korczaks zentralen Anliegen. Beide betonen eine pädagogische Komponente: Zwischen erwachsenem und kindlichem Menschen soll ein dialogisches Vertrauensverhältnis begründet werden, so dass dem Führen und Anleiten des Erwachsenen die Neugier und die Lust an der Erkenntnis auf Seiten des Kindes entspricht. Der Bildungsbegriff, der Entwicklung, Erziehung und Regulierung durch das reflexive „sich bilden“ betont, ist charakteristisch.

Der letzte Themenkreis der „Geheime Garten des Schönen“ von Ellen Key soll schlaglichtartig den langwierigen Wiederentdeckungs- und Anerkennungsprozess aufzeigen und seine Bedeutung darlegen. Die einzelnen Beiträge heben ganz unterschiedliche Aspekte ihres Lebenswerkes hervor. ← 17 | 18 →

Key betont die Möglichkeiten der Ästhetik „Schönheit für alle“ in Natur und Künsten. Im europäischen Kontext haben Natur und Kunst Einfluss auf die Entwicklung individueller und kollektiver Vorstellungen gehabt. Kultur und Bildung prägen eine Wertegemeinschaft und schaffen Identität. Viele Ansichten bezieht man aus den Einordnungen und Übereinkünften einer gemeinsamen Kulturentwicklung.

Die Natur mit Tieren und Pflanzen hat, wie in vielen Religionen symbolhaft ausgedrückt, einen Wert.

Über Keys Zeitgenossin Modersohn-Becker, einer Freundin Rilkes, schrieb 1925 der Kunstkritiker Richard Hamann herablassend: „Paula Modersohn-Becker, der gemalte Schrei nach dem Kinde, Ellen Key in Farbe umgesetzt, die Tante des Expressionismus (…).“15

In der Beurteilung von Modersohn-Beckers Werk hat sich seitdem ein Wandel vollzogen.

Zur Ausstellung „Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts“ im Jahre 2000 heißt es unter der Überschrift Getrieben in die Formen ihres Daseins: „Es (das Jahrhundert des Kindes, d. Verf.) begann mit großer Hoffnung für die Jugend, die an der Schwelle eines strahlenden Zeitalters zu stehen schien, und es endete mit Besorgnis (…). Die Erwartung einer strahlenden Zukunft schließlich ist der Hoffnung gewichen, den Schaden irgendwie begrenzen zu können (…). Mit einem Schlag scheinen aus Kindern Individuen geworden zu sein, die mitten in ihrer sozialen Umwelt stehen (…).“16

Über die Große Kunstschau in Worpswede (November 2001), in der Kinderbildnisse von Paula Modersohn-Becker und Pablo Picasso gemeinsam ausgestellt waren, wurde berichtet: „Nur der ganz frühe Picasso (zum Beispiel dessen berühmtes ‚Kind mit Taube’ von 1901 (…) hat mit Modersohn-Becker noch einiges gemeinsam (…) Picasso macht sich die Welt untertan, Modersohn-Becker dagegen wahrt die Demut vor der Schöpfung (…) Sie findet den Ausdruck für ihre ganzheitliche Weltauffassung, in der die Geschöpfe einander beschützen – in Liebe und Verantwortung für das Leben.“17

So schließt diese Sammlung mit einem geplanten Manifest für den Frieden, unterzeichnet u. a. von Martin Buber, Albert Einstein und Ellen Key.

Ein Grund mehr dafür „Neues Licht auf Ellen Key“ zu werfen.


1 Lou Andreas-Salomé (1861–1937), Schriftstellerin; Freundin von Rainer Maria Rilke und Ellen Key, zeitweise Mitarbeiterin von Sigmund Freud.

2 Der Simplicissimus brachte am 27. April 1915 von Ellen Key eine „ordinäre Caricatur“, worüber sich Stefan Zweig in einem Brief vom 1. Mai 1915 bei Rilke bitter beklagte. Stefan Zweig: Briefwechsel mit Hermann Bahr, Sigmund Freud, Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. 1987: 307

3 Ellen Key an Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé am 5. April 1915: “Es ist wahr: mit Deutschen und Franzosen und Engländer ist nicht mehr zu reden. Sie sind nur Hassende nicht mehr denkende Wesen. Romain Rolland und Stefan Zweig sind schöne Ausnahmen.“ Rainer Maria Rilke/Ellen Key: Briefwechsel. 1993: 236

4 Vgl. Key, E.: P.u.Sch. Essays. 1907

5 Key, E.: a.a.O. 1907: 459

6 Beck, U.: Implizite Ethik. In: Risikogesellschaft. 1986: 37

7 Die Wissenschaft von der Entwicklung des Kindes hat sich im 20. Jahrhundert in Richtung Neuro- und Verhaltensbiologie systematisch weiterentwickelt.

8 Montessori, M.: Kinder sind anders. 1998: 15 f.

9 Vgl: Hansen, M.: Sustainable Development bei Ellen Key. 2003: 191 ff.

10 In den Jahren 1949–1991 wurden im Gebiet Semipalatinsk Kernwaffenversuche mit etwa 500 nuklearen Explosionen durchgeführt (bis 1962 oberirdisch).

11 Biermann ist Mitglied im IPPNW, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs – Ärzte in sozialer Verantwortung. Er befasst sich mit Fragen der Humanökologie, bes. mit den Entwicklungschancen von Großstadtkindern.

12 Vgl: Key, E.: Skönhet för alla. Odeshög 2014

13 Beck, U.: a.a.O. 1986: 36

14 Zitiert nach Herrmann, U., im Nachwort der Neuauflage des Jahrhundert des Kindes von 1992: 253

15 Hamann, R.: Die deutsche Malerei vom Rokoko bis zum Expressionismus. 1925: 456

16 Monika Osbergshaus in der Frankfurter Allgemeinen vom 2.8.2000: „Und sahst die Kinder so von innen her, getrieben in die Formen ihres Daseins…“ Es ist ein Rilke Zitat über Modersohn-Becker.

17 Engler, K.: Alles andere als ein Kinderspiel. In: Welt am Sonntag, Nr. 43, 28.10.2001

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Die Frau im Fokus

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Selma Lagerlöf – Schweden

Eine ungekrönte Königin

Zu den neuromantischen Vertretern in Schweden gehört Selma Lagerlöf, die in ihren Werken die Personen mit tiefenpsychologischer Schärfe beschreibt und die Schuld- oder Verantwortungsfrage vor dem Hintergrund protestantischer Ethik und altnordischer Saga-Literatur stellt. Ihr 1897 erscheinendes Werk Antikrists mirakler widmet sie Ellen Key (Vorbemerkungen der Herausgeberin).

Text1 anlässlich des Todes von Key:

Drei Königinnen, alle ungekrönt, alle nicht gewählt, doch alle drei Königinnen, führten die schwedische Frauenbewegung.

Bei ihrem ersten Aufkeimen, in der Erweckungs- und Vorbereitungszeit, gehörte der Thron Fredrika Bremer; nach ihr, in den Jahren der Organisation und des Vorrückens, bildete Sophie Adlersparre die Speerspitze der Bewegung. Als sie den Speer niederlegte, wurde Ellen Key die unangefochtene Thronfolgerin, als Rednerin, Autorin, Gewinnerin der Herzen, Volkserzieherin, Reformerin, als allumfassender Kulturmensch.

Ist es aber wahr, was ich sage?

Thronfolgerin war sie, aber wurde sie auch Königin? War sie nicht eher verhinderte Rebellin? Blieb sie nicht verlassen am Wegrand zurück, während auf der Straße die Scharen, an deren Spitze sie zu marschieren glaubte, den Sieg errangen und den Wandel vollzogen?

So ist es in vielen erschienen, zuweilen schien es mir auch so.

Aber jetzt, an ihrer Bahre, frage ich mich, ob es nicht gerade zu ihrer Königspflicht gehörte, zu dieser Zurückhaltung und Besinnung zu mahnen?

Leichter wäre es gewesen, mit uns freudig über jedes neu errungene Arbeitsfeld zu jubeln, als uns von überholten Lehrsätzen zu predigen – nämlich dass das Frauenglück letztendlich in Liebe und Mutterschaft zu finden sei.

Vielleicht hat noch nie hat jemand so viel für die die Frauenbewegung bedeutet wie Ellen Key, die nie Herrscherin sein wollte, die nie nur das Streben nach der Macht und der Arbeit gesehen hat. ← 21 | 22 →

Für sie war das Wort Frauenbewegung gleichbedeutend mit sanften Manieren, leuchtend hellem Leben, glücklichen Kinderjahren, mit barmherzigen Gefühlen, mit künstlerischer Lebensführung, mit Ehrlichkeit und Freiheit in der Entscheidung. Für all das wollte sie Mut und Kraft einsetzen, die brillante, mutige und liebevolle Lehrerin einer dritten Entwicklungsperiode unserer Bewegung.


1 Lagerlöf, S.: En okrönt drottning. Svenska Dagbladet, Titelseite, vom 30.4.1926. Übersetzung Hansen, M., Meesenburg, A.

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Ellen Key – Schweden

Das Weib der Zukunft

Überblick

Das zentrale Thema der Essays ist das Verhältnis des Einzelnen zum Mitmenschen und zur Gemeinschaft und die Definition der Lebensbedürfnisse, womit sich am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Literatur, das Drama, die Musik und die Malerei befassen. Begriffe wie Individuum und Gemeinschaft, aber auch Volksgeist, Kulturvolk, Seelengemeinschaft und Führerschaft ziehen sich durch die geistigen Auseinandersetzungen der Zeit.

Das Buch Essays ist in vier Kapitel gegliedert, die jeweils zweimal thematisch unterteilt sind:

1. Die Frau

2. Lebensbedürfnisse

3. Die Individualität

4. Die Evolution der Seele

Der erste Themenkreis Die Frau befasst sich mit Weiblicher Sittlichkeit und dem Weib der Zukunft.

Es geht um die Veränderung von moralisch-ethischen Vorstellungen, um den notwendigen Wertewandel in einer Welt, in dem das Patriarchat seinen Sinn verloren hat, gleichwohl aber echte Solidarität zwischen den Geschlechtern durch veraltete Strukturen verhindert.

Konflikte entstehen dadurch, dass Vorstellungen darüber, was sittlich, schicklich, gut oder böse, moralisch oder unmoralisch ist, sich nur langsam umbilden. Wohin diese Entwicklung in der Zukunft führen sollte, versucht Key im Weib der Zukunft darzustellen.

Key möchte im ersten Teil ermutigen, in den Forderungen der Frauenrechtsbewegung einen für die Entwicklung der Menschheit notwendigen Anstoß für die Umgestaltung der Gesellschaft zu sehen. Unter den gesellschaftlichen Widersprüchen leide zwar vordergründig die Frau, weil Rechtsnormen und Traditionen den Mann begünstigten. Nur die Frau könne jedoch die treibende Kraft einer Reform inzwischen obsolet gewordener und schädlicher Gesellschaftsverhältnisse sein. Der Mann erkenne den Schaden, der ihm in Gegenwart und Zukunft entstehe, weniger deutlich, weil kurzfristiger Genuss und Machtgefühl ihm den langfristigen Nachteil verschleierten. ← 23 | 24 →

Die angesprochene Neuordnung des Geschlechterverhältnisses berge wie jede Neuorganisation Gefahren.

Man könne den Gefahren nur angemessen begegnen, wenn vorausschauende Planung, vernünftiges Denken und ein schärferer Blick für das Wesentliche des erwünschten zukünftigen Zustandes zusammenwirkten. Diesen Blick auszubilden sei vor allem Aufgabe des Genies, des Dichters (Vorbemerkungen der Herausgeberin).

Der deutsche Text1

Das Weib der Zukunft

Es gibt Worte, die wie Gesang locken. Und eines dieser Worte ist: das Weib der Zukunft.

Der Gesang ertönt für mich in den Rhythmen eines Dichters, eines Dichters und Lehrers zugleich, dessen Name jetzt mit dem Glanze des Morgensternes strahlt, aber der im Leben selbst ihn von Schmähungen befleckt hörte – als den des Atheisten und Gesellschaftszerstörers – weil der lichte Weg seines Gedankens den Vorurteilen der Mitwelt als verderblicher Blitzstrahl erschien. Seine Dichterintuition offenbarte ihm eine neue Zeit, in der die Frauen sind

… frank, beautiful and kind

as the free heaven, which rains fresh light and dew

on the wide earths …

From customs evit taint exempt and pure;

Speaking the wisdom once they could not think,

Looking emotions, once they feared to feel,

And changed to all, which once they dared not be

Yet being now, made earth like heaven …

Diese, Shelleys schöne Profilkontur des Weibes der Zukunft schwebte vor mir, als ich hier mit etwas bestimmteren Zügen versuchte, ihr Bild zu zeichnen.

Die Sturm- und Drangperiode der Frauen und die damit zusammenhängende soziale und psychologische Neubildung dürfte sich wohl weit in das neue Jahrhundert erstrecken. Diese von Konflikten erfüllte Periode hört erst dann auf, wenn die Frau innerhalb wie außerhalb der Ehe volle gesetzliche Gleichstellung mit dem Manne erlangt hat, wenn eine solche Umbildung der Gesellschaft eingetreten ist, dass die jetzige Konkurrenz zwischen den Geschlechtern in einer für beide glücklichen Weise beendigt erscheint, und wenn sowohl die Erwerbstätigkeit, ← 24 | 25 → wie die häusliche Arbeit solche Formen erhalten haben, dass sie die Frau weniger hart bedrücken als jetzt.

Erst gegen den Schluss des zwanzigsten Jahrhunderts dürfte so der Frauentypus des neunzehnten Jahrhunderts seine Kulmination erreicht haben und ein neuer Frauentypus hervorzutreten beginnen.

Mein ideales Bild des Zukunftsweibes – und wenn man Idealbilder malt, braucht man sich ja nichts zu versagen – ist, dass sie ein Wesen tiefer Gegensätze sein werde, welche Harmonie erreicht haben; dass sie sich als eine große Mannigfaltigkeit und eine fest geschlossene Einheit darstellen werde; eine reiche Fülle und eine vollkommene Einfachheit; ein durchgebildetes Kulturgeschöpf und eine ursprüngliche Natur; eine stark ausgeprägte menschliche Individualität und eine volle Offenbarung des tiefst Weiblichen. Diese Frau wird den Ernst einer wissenschaftlichen Arbeit, eines strengen Wahrheitssuchens, des freien Denkens, des künstlerischen Schaffens verstehen. Weil sie mehr weiß und klarer denkt, als die Frau der Gegenwart, ist sie auch gerechter; weil sie stärker ist, ist sie besser; weil weiser, auch milder. Sie kann im Großen sehen und sie kann im Zusammenhang sehen; dabei verliert sie gewisse Vorurteile, die noch Tugenden genannt werden. Sie verbleibt stets diejenige, die die Sitte modelt. Aber sie sucht dabei nicht ihre Stütze in der sozialen Konvention, sondern in den Gesetzen ihres eigenen Wesens. Sie hat den Mut, eigene Gedanken zu denken und die neuen Gedanken ihrer Zeit zu prüfen. Sie wagt, Gefühle zu empfinden und zu bekennen, die sie jetzt unterdrückt und verhehlt.

Ihre volle Bewegungsfreiheit und allseitige persönliche Entwicklung ermöglichen kühne Lebensversuche, ein energisches Streben nach einem Dasein, das mit ihrem eigenen Ich auf gleicher Stufe steht; und ein solches Dasein wird sie auch mit sichererem Instinkt als jetzt zu finden wissen. Sie versteht es, intensiver zu arbeiten, intensiver zu ruhen und sich intensiver aller nahe liegenden, einfachen Freudequellen zu freuen, als die Frau der Gegenwart es vermag. So wird das Lebensgefühl des neuen Weibes steigen, ihre Erfahrung sich vertiefen, ihr Seelenleben, ihre Schönheitsforderungen, ihre Sinne sich entwickeln und verfeinern. Sie ist sehr sensitiv, sehr rasch vibrierend, und sie wird darum viel mehr genießen und auch viel mehr leiden können, als die Menschen der Gegenwart, es vermögen.

Durch alles dieses wird die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts dem Gesellschaftsleben und der Kunst, der Wissenschaft und der Literatur neue Werte geben. Aber ihre größte kulturelle Bedeutung bleibt doch die, durch das Rätselvolle und Naturgebundene, das Ahnungsreiche und Impulsive in ihrem eigenen Wesen die Menschheit vor den Gefahren der Überkultur zu schützen. Gegenüber dem Wissen wird sie das Unwissbare, gegenüber der Logik das Gefühl, gegenüber der ← 25 | 26 → Realität die Möglichkeiten und gegenüber der Analyse die Intuition behaupten. Die Frau wird vor allem das Wachstum der Seele fördern, der Mann das der Intelligenz; sie soll das Gebiet der Ahnung erweitern, er das der Vernunft; sie die Liebe verwirklichen, er die Gerechtigkeit; sie siegt durch den Übermut, er durch den Mut.

Die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts wird nicht nur viel gelernt, sie wird auch viel vergessen haben – besonders von den sowohl femininen, wie antifemininen Torheiten der Gegenwart.

Sie wird mit ihrem ganzen Wesen das Glück der Liebe wollen. Sie ist keusch, nicht aus Kälte, sondern aus Leidenschaft. Sie ist vornehm, nicht weil sie bleichsüchtig, sondern weil sie vollblütig ist. Sie ist sinnlich, weil sie seelenvoll, und wahr, weil sie stolz ist. Sie fordert eine große Liebe, weil sie selbst mit noch größerer zu lieben vermag. Das erotische Problem wird durch ihren verfeinerten Idealismus sehr zusammengesetzt und oft schwer lösbar sein. Dafür ist das Glück, das sie schenken und empfinden wird, reicher, tiefer und dauernder als irgendetwas, das bis nun Glück genannt ward.

Viele Züge, die der heutigen Gattin und Mutter eigen sind, werden wahrscheinlich der Frau des zwanzigsten Jahrhunderts fehlen. Diese wird stets Geliebte bleiben, und nur so wird sie Mutter werden. Der schweren und schönen Kunst, Geliebte und Mutter zugleich zu sein, wird sie ihre vornehmsten und stärksten Kräfte widmen: ihr religiöser Kult wird sein, des Lebens Seligkeit zu schaffen. Weil sie die psychischen und die physischen Voraussetzungen der Gesundheit und der Schönheit kennt und würdigt, wird sie mit klarerem Blick und tieferem Verantwortlichkeitsgefühl als jetzt den Vater ihrer Kinder wählen; sie wird gesunde und schöne Menschen gebären und erziehen, und sie selber wird größeren Reiz und längere Jugend besitzen als die Frauen der Gegenwart. Sie wird ihr ganzes Leben gefallen, weil sie immer das Dasein verschönern wird. Aber sie wird nur dadurch gefallen, dass sie in jedem Alter ganz sie selbst ist; und ihre unvergängliche Jugend, ihre höchste Schönheit offenbart sie einzig und allein dem, den sie liebt. Sie weiß, dass der seelische Zauber der tiefste ist; und aus ihres Wesens Fülle schöpft sie die ewige Erneuerung dieses Zaubers, stets unerwartete und ins unendliche nuancierte Äußerungen ihrer individuellen Grazie. Durch ihre bloße Gegenwart hebt sie den Zwang der Form und der Gewohnheit auf und schafft wechselnde, durch ihre eigene Vornehmheit geadelte Formen des Zusammenlebens in der Familie, in der Öffentlichkeit und in der Gesellschaft. Sie wird wahrscheinlich weniger sprechen als die Frau der Gegenwart, aber ihr Schweigen und ihr Lächeln werden beredter sein. Sie teilt sich immer unmittelbar und immer maßvoll mit, differenziert und unveränderlich, spontan und auserlesen. Ihr Wesen strömt sprudelnd frei und ← 26 | 27 → frisch hervor, wie der Schwall des Gießbaches, aber gleich diesem von einem festen, inneren Rhythmus gebunden. Wie weit sie sich auch gehen lässt – im Taumel der Freude, in der Leidenschaft der Zärtlichkeit, im Rausch des Glückes oder in der Raserei des Schmerzes – sie verliert doch niemals sich selbst. Sie ist eine Vielheit von Frauen und doch immer eine, mag sie spielen und lächeln, oder leiden und auch lächeln; mag sie in Gesundheit strahlen oder aus tödlichen Wunden verbluten; mag Ruhe oder Nervenspannung, Jubel oder Tränen, Sonne oder Nacht, Kühlung oder Glut sie erfüllen und von ihr ausstrahlen.

Das Weib der Zukunft ist schon da, in den Träumen des Mannes vom Weibe, und das Weib formt sich nach den Träumen des Mannes. Das moderne Frauenideal des Mannes ist nicht die mannähnliche Frau, sondern die allseitig entwickelte Offenbarung des Ewig-Weiblichen. Dieser neue Typus der Frau hat schon hie und da hervorgeschimmert, nicht nur in unserer Zeit, sondern in vergangenen Jahrhunderten. Im Mittelalter schrieb sie Héloisens Briefe; in der Renaissance malte Leonardo sie als Mona Lisa; und im 18. Jahrhundert hielt sie als Mlle. Lespinasse Salon. In unserem Jahrhundert hat sie als Elisabeth Browning Liebeslieder gedichtet; sie trat als Eleonora Duse auf die Bühne – und wie in einem Edelstein ist ihr Wesen durch das Dichterwort charakterisiert, mit dem Rahels2 Persönlichkeit zusammengefasst ward: Still und bewegt.


1 Key, E.: Ess. 1907: 27–36

2 Vgl. Key, E.: Rahel. Eine biographische Skizze. 1907

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Etta Federn – Spanien

Mujeres de las revoluciones

Überblick

1937 beschrieb die österreichische Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin Etta Federn (1883–1951), Tochter des Wiener Arztes Salomon Federn in der Broschüre Mujeres de las Revoluciones in zwölf Kurzbiographien couragierte Frauen: Revolutionär auf ihre Art: von Angelica Balabanoff bis Madame Roland.1

Zu dieser Auswahl von zwölf Frauen gehörte auch Ellen Key, denn Federn bezeichnete jene Frauen als revolutionär, die Ungewöhnliches gedacht und getan hatten, die gedankliches Neuland beschritten hatten und die mit ihrem Wirken nachhaltige Einflüsse auf die Gesellschaft ausübten. Als bekannte Schriftstellerin und Übersetzerin hatte Federn u. a. eine Biographie über Walter Rathenau verfasst. Ihre Familie war jüdischen Glaubens. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh sie 1932 von Berlin nach Spanien. Die Kurzbiographien verfasste sie in einfacher Sprache für spanische Arbeiterfrauen, um ihnen Mut zu machen. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Marianne Kröger (Vorbemerkungen der Herausgeberin).

Etta Federns Skizze über Ellen Key

Sie war Schwedin und Lehrerin. Eine Ehe ist sie nicht eingegangen. Eigene Kinder hatte sie auch keine. Sie führte ein bürgerliches und bequemes Leben. Und dennoch war sie eine Revolutionärin ersten Ranges.

Viele Jahre lang hatte sie aufmerksam die Kindererziehung in ihrem Land, das schon immer eines der fortschrittlichsten in ganz Europa war, beobachtet, und das, was sie dabei zu sehen bekam, hatte sie völlig entsetzt. So hatte sie eine Zeitlang kontinuierlich dem Familienleben in diesem so weit entwickelten Land Beachtung geschenkt, wobei die den Frauen auferlegte Lage sie immer wieder mit Schrecken erfüllte Nach einigen unbedeutenden literarischen Essays veröffentlichte sie schließlich ein Buch, das in ganz Mittel- und Westeuropa einen Riesenskandal auslöste. Dieses Buch trägt den Titel „Missbrauchte Frauenkraft“. Sie ← 29 | 30 → erläutert darin, welch hohes Ausmaß an produktiver weiblicher Intelligenz doch an minderwertige Tätigkeiten verschwendet wurde, die sich doch mit weit weniger Verstandeskraft erledigen ließen. Gleichzeitig führte sie darin aus, dass die sexuellen und ehelichen Bräuche nichts anderes seien als legalisierter Missbrauch von Frauen, und zu einer Zeit, als der Feminismus hauptsächlich als ein Zeitvertreib für bürgerliche, nicht ausgelastete Frauen galt, thematisierte sie bereits die Frage nach den Rechten und Pflichten der Frau auf einem bis dahin unerreichten Niveau, da das Zeitgenössische sich ja insofern davon unterschied, als es den sozialen Teil jener Frage ausgeklammert hatte. Die einhellige Antwort der gesamten Bourgeoisie, einschließlich der Intellektuellen, bestand darin, die „alte Jungfer“, die sich mit sexuellen Fragen beschäftigte, lächerlich zu machen. Selbst der große schwedische Schriftsteller Strindberg, ein unversöhnlicher Frauenfeind, verspottete sie in einem seiner großen Sozialromane, der wiederum auf meisterliche Art und Weise die sozialen Aspekte seines Landes und seiner Epoche aufzeigte.

Obwohl sich alle über Ellen Key lustig machten, wurde ihr Buch in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt und übte eine immense Wirkung aus, weil es Männer und Frauen zum Nachdenken brachte, die sich bis dahin noch nie über die naheliegendsten und dringlichsten Probleme ihres engsten Zusammenlebens bewusst geworden waren.

Ohne sich von dieser außerordentlich starken, aber unverdienten Opposition gegen ihr Werk einschüchtern zu lassen, schrieb und veröffentlichte Ellen Key ein weiteres Buch mit dem Titel „Das Jahrhundert des Kindes“. Dieses Buch verletzte noch stärker als ihm Vorausgegangenes das Empfinden von Reaktionären aller Länder. Es war alles in allem eine äußerst scharfe Kritik an allen Unsitten und allen Gewohnheiten von Eltern und Erziehern, die sie sich Kindern gegenüber herausnahmen.

Allgemein übliche Umgangsformen wie Strafe, Belohnung, Verhätschelung und sowie Unverständnis und Vernachlässigung werden darin auf drastische Weise beschrieben. Wie wir nur allzu gut wissen, sind die an den Kindern begangenen Vergehen die am verbreitetesten und bei allen beliebtesten. Der Sturm der Empörung gegen die „alte Jungfer“, die es wagte, die den Kindern verabreichte Erziehung zu tadeln, begann aufs Neue. Dabei half es ihr auch nicht, sich auf ihre langjährigen Erfahrungen als Lehrerin zu berufen: Alle wandten sich gegen sie. Die Kritiken in den Tageszeitungen und die persönlichen Vorwürfe gegen sie waren bösartig und dumm zugleich.

Dennoch wurde ihr Buch erneut in viele europäische Sprachen übersetzt; es waren sogar noch mehr als bei ihrem ersten Buch. Und während die Reaktionäre sie zur Zielscheibe ihrer Verfolgungen machten, folgten alle fortschrittlich ← 30 | 31 → Gesinnten in Bezug auf pädagogische Fragestellungen der Richtung, die Ellen Key in ihrem Buch vorgezeichnet hatte.

Zu jener Zeit wurden in Mitteleuropa eine Reihe von pädagogischen Vereinen gegründet und man arbeitete intensiv daran, das Bildungs- und Erziehungswesen zu reformieren und zu modernisieren. Dabei wurde es überall fast schon zur Selbstverständlichkeit, Ellen Key zu sämtlichen Einweihungsveranstaltungen dieser neu gegründeten pädagogischen und reformorientierten Vereine einzuladen.

Als sich in Deutschland ein Verein gründete, um unverheirateten Müttern Unterstützung zu gewähren, hielt Ellen Key auf dessen erstem Treffen eine Rede. Als sich modern gesinnte Lehrer und Pädagogen zu einer Gedenkveranstaltung zu Ehren von Francisco Ferrer y Gardia versammelten, sprach Ellen Key auch dort und erläuterte die Methoden des großen spanischen Pädagogen.

Die Reisen und Ellen Keys aufklärerische Tätigkeiten verhinderten das Zustandekommen weiterer literarischer Werke. Ihr gütiges Gesicht, ihre sanfte und gar nicht ihrem Alter entsprechende Stimme sowie ihr Vortragsstil, auch angesichts der Tatsache, dass sie sich immer in Fremdsprachen ausdrücken musste, galten bei all diesen Treffen und Versammlungen fast überall in Europa als etwas Unverzichtbares.

Ihre engsten Freunde gaben ihr den zärtlichen und von ihr scherzhaft akzeptierten Beinamen „Großmütterchen Europas“, und diese Bezeichnung kennzeichnet diese große geistige Revolutionärin weitaus besser als es alle reaktionären Verrisse je zu tun vermochten.

Güte, Zuneigung und Mitgefühl für alle Verfolgten und Unverstandenen haben diese ältere schwedische Lehrerin zur Revolutionärin werden lassen.


1 Kröger, M. (Hrsg.): Etta Federn. Revolutionär auf ihre Art. Von Angelica Balabanoff bis Madame Roland. Originaltitel: Mujeres de las Revoluciones. o.J. (1937). Deutsch von Marianne Kröger 1997. Ellen Key: 29–31

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Svante Hedin – Schweden

Bildung und Solidarität für Frauen

Ellen Key engagierte sich in Schweden zunächst für die Bildung und Unabhängigkeit von Mädchen und Frauen.

Um die Kluft zwischen Arbeiterinnen und Frauen anderer Gesellschaftsschichten zu überbrücken, rief sie Anfang der 1890er Jahre die Frauengruppe Tolfterna (die Zwölfe) ins Leben. Durch ein kulturelles und allgemeinbildendes Angebot sollte das Bildungsniveau der Frauen und Mädchen erhöht und ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden. Svante Hedin beschreibt diese Zeit (Vorbemerkungen der Herausgeberin).

Die Tolfterna1

Eines der ersten Weihnachtstreffen der Tolfterna wurde am 2. Januar 1894 in Skansen2 abgehalten: Die Stimmung war gleich fröhlich. Trotz Kälte und Schneesturm tanzten 46 eingeladene Arbeiterinnen Polonaise zwischen den alten Häusern, angeleitet von Ellen Key und Amalia Fahlstedt. Eine Lucia in Leksander Tracht empfing die Gäste in der Bolnässhütte. Ellen Key trug ein Neujahrsgedicht vor, die Zigarettenarbeiterin Augusta Lock hielt eine Rede und alle Eingeladenen fühlten sich an diesem Abend glücklich. Dann wurde der allgemeine Tanz eröffnet. In Amalia Fahlstedts Protokoll liest man folgende Notiz:

„Der Spielmann wurde nun auf einen Stuhl gesetzt, den man auf den Tisch gestellt hatte. Dort begann er nun Polka und Walzer zu spielen und den Takt dazu zu stampfen, so dass der Kerzenhalter hüpfte. Man tanzte entweder mit Hut ohne Mantel oder mit Mantel ohne Hut, mit oder ohne Galoschen. Die Sinne waren von den Gefühlen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erfüllt.“

Das Freiluftmuseum Skansen war noch im Aufbau und weit von den heutigen lebhaften Aktivitäten entfernt. Wiederholt traf man sich bei Frühlingsausflügen und Weihnachtsfeiern und sammelte sich in der alten Kirche aus Seglora, der Kirche meiner Vorfahren, die 1916 nach Skansen umzog und danach die Heiratskirche für ganz Schweden wurde. ← 33 | 34 →

Tolfterna bestand 72 Jahre und es gab 757 Treffen, von denen jeweils ein Protokoll existiert.

Heute ergibt das einen faszinierenden Einblick in die Geschichte der sozialen und kulturellen Gesellschaftsentwicklung bis ins heutige Fernsehzeitalter.

Viele Generationen von Frauen, sowohl intellektuelle Führungspersonen des Bürgertums als auch Arbeiterinnen sammelten Erfahrungen und Wissen für ihr Leben.

Der Kreis um Gerda Josefina

Es gehört zu meinen Privilegien, dass ich heute Zugang zu zwei Milieus habe, zu Gotland und zu Stockholm, wo ich in der Nähe von Archiven und Bibliotheken eine Wohnung zum Schreiben habe. Dort liegt auch Åsöberget, das Per Anders Fogelström in seinen vielen Büchern für die Menschheit unsterblich gemacht hat.

In meinem fast einhundertjährigen alten Haus gab es damals in jeder Etage vier kleine Einzimmerwohnungen mit einem gemeinsamen Küchen- und Speiseraum. Damals gab es viele Kinder in allem Häusern und man baute die großartige, berühmte Sofia folksskola. Heute gibt es in den Wohnungen keine Kinder mehr.

Von meinem Fenster aus kann ich den Teil von Stockholm sehen, der lange Zeit ein industrielles Zentrum mit Werft, Textilindustrie und mehreren chemotechnischen Fabriken war. Manche Häuser aus den Jahren 1600 bis 1700 hat man als Kulturdenkmal geschützt. Das Gebiet wird begrenzt von der Folkungsgatan, der Sågargatan und der Åsagatan. Ein paar Quartiere weiter weg liegt der alte Hof Barnängen, ursprünglich ein Textilwerk für die karolinische Soldatenbekleidung.

Einer der bedeutendsten Industriellen bei Barnängen war Lars Johan Hierta, der gleichzeitig auch Herausgeber einer Zeitung, Buchverleger und Politiker war. Er kämpfte in seiner Zeitung Aftonbladet, gegründet 1830, für Pressefreiheit und Liberalität. Emil Key war eine Zeitlang Mitarbeiter. Beim Hof Barningen gründete man 1830 die Hillkaskola, ein Jungeninternat nach dem Vorbild der Sir Rowland Hills Schule in Hazelwood, England. Lars Johan Hierta legte den Grundstein für die zukünftige Volksbildungsarbeit. Mehrere seiner Vorschläge im Reichstag hatten große Bedeutung für das Schulwesen. Diese Arbeit führte seine Tochter Anna von 1876 an weiter. Sie war mit Dr. Gustav Retzius verheiratet.

In Haninge auf Södertörn liegt auch das Gut Årsta, wo Fredrika Bremer aufwuchs. Sie begründete die bürgerliche Frauenrechtsbewegung. Ihr Roman Hertha, 1856 erschienen, wurde viel gelesen. In diesem Roman ist sie die Fürsprecherin für die freie und selbstständige Existenz der Frau, mit Betätigung auf verschiedensten Gebieten. Bremer verlangte das Stimmrecht für Frauen. Während langer Reisen ← 34 | 35 → in Amerika und Europa sammelte sie Eindrücke, die sie in ihren Büchern verarbeitete. Sie wurde zum Vorbild für die Frauen, die in Tolfterna zusammenfanden.

In Sågargatan 11 wohnte eine Textilarbeiterin. Das kleine Haus hatte 2 Zimmer und eine Küche. Die Miete betrug 150 Kronen pro Jahr. Ein Spiegel draußen vor dem Fenster erlaubte es, zum Tärhoven zu schauen und in der anderen Richtung zur technischen Fabrik bei Bondegatan. Sie hieß Gerda Josefina Westman, geboren am 21. August 1875 in der Maria Gemeinde in Stockholm als zweitältestes Kind von Clausina und Fredrik W. Westman. Nachdem sie die 6. Klasse beendet hatte, ging sie als Dienstmädchen im Frühling 1889 zur Familie Hejkensjöld in der Fjälsgatan 23 a. Bei dieser Familie lernte sie schneidern und trat dann 1890 in die neu gegründete Gewerkschaft für Schneiderinnen ein. Da die drei Jahre ältere Schwester das Haus verließ um Geld zu verdienen und die Mutter kurz danach starb, zog Gerda wieder zu ihrem Vater und den kleinen Geschwistern in die Sågargatan.

In der Herbstsaison 1893 lud man Gerda Westman als jüngstes Gewerkschaftsmitglied zu einem Treffen in die Tolfterna ein. Voller Eifer und Bildungshunger freute sie sich auf jedes Treffen. Am Dienstag, den 28. November, ging sie rechtzeitig von zu Hause weg um pünktlich zum Treffen im Raum der Haushaltsschule in der Lilla Trägardgatan 19, dem Eckhaus zur Hamngatan, anzukommen. Es war das 21. Treffen seit der Gründung der Tolfterna.

Beginn war um acht Uhr, ein kalter und nasser Wind wehte zwischen den kleinen Häusern die hügelige Åsögatan entlang. Sie zog sich zwar ordentlich an, fror aber trotzdem. Schon aus der Einladung hatte sie entnommen, dass man mit einer kleinen Mahlzeit beginnen würde, so dass sie kein Abendbrot gegessen hatte. Vielleicht fror sie deshalb – oder vor Spannung auf das, was noch kommen würde. Ihr Weg ging die Åsögatan entlang, folgte Nytorgsgatan und Glasbruksgatan über Slussen durch die Gamla Stan.

Im Versammlungslokal war der Tisch für fast 50 Gäste gedeckt. Gerda Josefina kannte einige von ihnen, die meisten von ihnen Näherinnen. Jede unter den Eingeladenen grüßte vorsichtig; die Leiterin Natalie Frölander hieß alle willkommen und präsentierte das Programm des Abends.

Nach der Mahlzeit für 25 Öre sollte zum ersten Mal diskutiert werden. Das Thema lautete: Die Gemeinschaftsküche. Frau Hanna Palme übernahm die Einleitung, indem sie von den so genannten Dampfküchen in den Vereinigten Staaten erzählte. Die Arbeiterinnen waren nun nicht mehr schüchtern und fingen an mit Feuer und Flamme zu diskutieren.

Natalie Frölander notierte im Protokoll: „Allmählich drohte die erste Diskussion auszuufern, wenn man nicht vorsichtig dieses Thema begrenzte. Die unter-drückten Gefühle und das Leid über den großen Klassenunterschied wurden ← 35 | 36 → sehr umfassend von den Arbeiterinnen ausgebreitet. Empörung flammte auf und verlieh ihrer großen Verbitterung Ausdruck. Zum Abschluss sangen ein paar Arbeiterinnen einige altbekannte Lieder.“

Danach ging Gerda Josefina weit nach elf Uhr nach Hause. Ein anstrengender Tag lag hinter ihr, zuerst 12 Stunden Arbeit, dann die lange Wegstrecke; aber sie fühlte sich angeregt und fröhlich und ärgerte sich, dass sie sich nicht getraut hatte etwas zu sagen. Sie beschloss, dass sie im Dezember zur Weihnachtsfeier gehen würde. Sie hoffte dort Amalia Fahlstedt und Ellen Key zu treffen, da beide versprochen hatten, am Weihnachtsfest im Dezember teilzunehmen.

Dieses Weihnachtsfest, das 22. Treffen der Tolfterna, blieb als großartiges Erlebnis in der Erinnerung der Schneiderin Gerda Josefina Westman. Andächtig hörte sie Ellen Keys Weihnachtserzählung zu.

Doch bei den Gästen der Tolfterna hinterließ eine Bemerkung der Lehrerin Nanna Bendixson einen bitteren Nachgeschmack. Sie nannte die Veranstaltung „eine Art Arme-Leute-Einladung – einem Almosen für die geladenen Gäste äußerst ähnlich und daher hässlich“.

Es gab nur wenige Gastgeber und sehr zahlreiche Gäste. Ellen Key versuchte durch einen Kommentar, die Gefühle zu besänftigen, aber die Empfindung von Scham bedingt durch den Unterschied zwischen „Diesen“ und den „Anderen“ war zu deutlich und blieb bestehen. Die soziale Kluft war doch schwer zu überbrücken, auch wenn die Frauen sich austauschten und lernten, sich über die Klassengrenzen hinaus zu verständigen. Die sozialen Unterschiede blieben.

Um den Ursprung der Tolfterna zu erklären, müssen wir ein paar Schritte in der Zeit zurückgehen. Bei Durchsicht der Veröffentlichungen zur Volksbildungsarbeit des 18. Jahrhunderts kommt das Jahr 1866 häufig vor. Durch die Bemühungen um eine Ausstellung in Stockholm, aber auch durch die Eröffnung des allumfassenden Nationalmuseums erhielten Schule und Volksbildung große Aufmerksamkeit.

Im Jahre 1866 begann Ellen Key mit der Volksbildungsarbeit, zuerst als Lehrerin in der Åhlinska skolan danach in der von Anna Hierta geleiteten Klara Tordagsskola. Sie war 18 Jahre jung, engagierte sich zunächst vorsichtig tastend, eher still und leise, aber zunehmend selbstständig.

Ihr treuestes Publikum gewann Ellen Key während ihrer beinahe 20-jährigen Tätigkeit in Stockholms Arbetareinstitut, gegründet 1880 vom Lehrer Anton Nyström. Sie entwickelte sich zu einer großen Rednerin und Rhetorikerin, der ihre Zuhörer bezaubert folgten. Sie sprach frei und oft von Herzen kommend mit gut durchdachten Formulierungen.

Bei ihrer ersten Vorlesung 1883 in der Filiale von Stockholms Arbetareinstitut bei Kungsholmen hatte sie 15 Zuhörer, während der letzten Jahre bis 1903 füllte ← 36 | 37 → sie oft den Saal, – bis zu 480 Zuhörer waren anwesend. Das machte 10.000 Hörer pro Jahr!

Ellen Keys Entwicklung ist im Institut gut dokumentiert. Man findet sowohl einen Vertrag über ihre regelmäßigen Vorlesungen – Themen, Zeitpunkt und Bezahlung sind angegeben, – als auch gedruckte Schriften.

Viele von Ellen Keys Zuhörern waren Arbeiterinnen, die nach einem langen Arbeitstag in Stockholms Zentrum wanderten um Ellen Key über schwedische Geschichte reden zu hören. Das blieb immer ein wichtiges Thema, wenn sie am Rednerpult stand.

Im Anschluss an diese Vorlesungen entstand die Idee, eine Versammlung für Frauen verschiedenster Berufe ins Leben zu rufen, die Tolfterna3.

Auch in Nya Idun, einem von Ellen Keys vielen Treffpunkten, gab es diese Idee. In einer Schrift zum 40-jährigen Jubiläum 1932 Samkväm för Kvinnor från olika samhällsklasser (Tolfternas samkväm) von Anna Lindhagen, eine von Tolfternas engagiertesten Mitgliedern, wird eine Arbeiterin zitiert:

„Nicht euer gutes Essen und eure feinen Kleider sind es, um die wir euch beneiden, sondern wir neiden euch den geistigen Genuss, der euch so leicht zugänglich ist.“

Dieses Zitat ist auch in der Biographie 1904 von Louise Nyström-Hamilton über Ellen Key enthalten. Es stammt von der Büglerin Anna Söderberg. Sie war eine von Ellen Keys treuesten Zuhörerinnen in Stockholms Arbetareinstitut. Eines Abends spazierten die beiden nach der Vorlesung zusammen durch die Stadt. Während des lebhaften Gedankenaustausches lernten sie sich kennen und verstanden einander. Das Verstehen über alle Klassengrenzen hinweg war der wahre Sinn und das Ziel der Versammlungen.

Anna Söderberg war als Pionierin in der sozialdemokratischen weiblichen Gewerkschaft tatkräftig engagiert. Mit knapp 22 Jahren hatte sie 1889 mit Hilfe eines Stipendiums das „Leben der Armen“ in London studiert. Sie arbeitete auch über die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten. Fast 50 Jahre lang war sie als Gast bei den Treffen registriert.

Nya Idun

Das späte 18. Jahrhundert war die Zeit der geschlossenen Gesellschaften, der Salons und der Cliquen. Es war in dieser Zeit legitim, dass sich in ähnlicher Form auch gleich gesinnte Frauen trafen. 1885 erwachte in Frau Calla Curman die Idee, ← 37 | 38 → nach dem Muster einer männlichen Gesellschaft, der Idun, gegründet 1862, eine weibliche Nya Idun zu gründen. Es erscheint symbolisch, dass die Gründungsversammlung in der Curmanschen Villa (Curmanska villorna) im Atrium stattfand; zu dieser Zeit das Zentrum eines großen Teils des Stockholmer Kulturlebens.

Unter den ersten fünf versammelten Frauen befanden sich Ellen Key und die erste schwedische Philosophin, Dr. Ellen Fries. Auf diesem Stiftungstreffen, am Sonntag den 7. Februar 1885, wurde Ellen Fries die 1. Vorsitzende, Ellen Key die 2. Vorsitzende. Zwei Jahre später trat Ellen Fries zurück und Ellen Key wurde 1. Vorsitzende, eine Position, die sie 13 Jahre innehatte. Sie war unermüdlich.

Bis jetzt hat man sicherlich die Bedeutung unterschätzt, mit der Ellen Key in der Nya Idun dazu beigetragen hat, den Frauen zum Erfolg im Berufsleben zu verhelfen. Ein Umstand, der auch zu wenig beachtet wird, war der Wechsel von mehreren Frauen aus der „Arbeiterschaft“ von der Tolfterna zur Nya Idun. Das ist nur ein Beispiel für Ellen Keys klassenüberbrückende Aktivitäten.

Es war fast eine Selbstverständlichkeit, dass sich unter den ersten 15 Eingeladenen die beiden Pädagoginnen Anna Whitlock und Anna Sandström befanden, sowie die Schriftstellerin Anne Charlotte Leffler-Edgren. Während des Jahres lud man die „sozial wirksame“ Anna Hierta-Retzius und die Lehrerin und Schriftstellerin Amalia Fahlstedt ein. Wie bei Idun hielt man Vorträge zu aktuellen Themen, veranstaltete Musikabende und später auch Kunstausstellungen. Amalia Fahlstedt las 1885 zum Thema „Unserer Zeit mangelt es an Idealen“. Auch Ellen Key beteiligte sich fleißig als Vortragende. Während der Jahre 1886–97 hielt sie sechs Vorlesungen in der Nya Idun.

Die gesellschaftlichen Treffen, der Gedankenaustausch und das Nachdenken über unterschiedliche Meinungen hatte große Bedeutung für die Mitglieder, aber nicht immer herrschten Friede und Freude. Ellen Keys Vorlesungen und Schriften über die Freiheit der Liebe und die freie Wahl in der Liebe sowie ihr „Recht auf Mutterschaft“ und „Freiheit von der Mutterschaft“ brachten ihr viele erbitterte Feinde ein. Ellen Key verkündete: „Die, die sich lieben, sind ohne Gesetz verheiratet. Die Liebe ist auch ohne gesetzliche Ehe sittlich, aber die Ehe ohne Liebe ist unsittlich“.

Diese Gedanken führten zu Konfrontationen in der Nya Idun. Man schlug Neuwahlen vor, doch mit Takt und Humor glückte es Anna Sandström, einer von Ellens Keys Freundinnen, dass Key in der Frage der Stellung von Frauen in der Gesellschaft als Siegerin hervorging. Es blieb jedoch ein definitiver Bruch zwischen Ellen Key und Anna Hierta-Retzius, ihrer langjähriger Freundin. Prof. ← 38 | 39 → Retzius4 riet seiner Frau, Key nicht wieder zu sehen. Viele weitere Gegnerinnen ihrer Auffassungen verließen die Nya Idun.

Von besonderer Bedeutung für die Tolfterna war Amalia Fahlstedt. Ihr ganzes Leben lang engagierte sie sich für die Volksbildung der Arbeiterinnen. Mit 20 Jahren (1868–72) machte sie selbst einen Lehrerkurs, zusammen mit Frauen wie Ellen Key und Jenny Rosander, um Volksbildungsarbeit für „Frauenzimmer“ durchführen zu können. In den Jahren 1886–95 leitete sie mit ihrer Schwester Berta aus Östermalm eine vorbereitende Gesamtschule für Mädchen.

Amalia Fahlstedt leitete die Tolfterna mehr als 30 Jahre. Ab 1900 war sie Verbindungsglied zwischen Key und der Tolfterna. Ellen Key schickte ihr zahlreiche Briefe von ihren Reisen und Briefe von Strand, ihrem Wohnsitz5. Zeitweise war dieser Briefkontakt lebhaft und enthielt drastische Formulierungen, die niemandem gezeigt werden sollten: „Verdammt sollst du sein, wenn du das machst!“

Ellen Key hatte auch intensiven Briefkontakt mit Anna Lindhagen und Anna Söderberg. Kurz vor Ellen Keys Geburtstag im Jahre 1900 schickten sie ihr eine Nachricht:

„Dienstag, den 11., nach Natalias Treffen wollen wir dich hochleben lassen. Du hast mit 15 so reif gedacht und denkst noch ewig neu mit 51! Morgen sind wir also zusammen zu einem Extra-Treffen der Nya Idun. Man streitet sich und bekommt keine Ordnung ohne dich. Man kann nur Gutes tun, wenn es nicht zu spät ist.“

1883 debütierte Amalia Fahlstedt als Schriftstellerin mit der Novellensammlung I flygten, an deren Anfang eine genaue ethnographische Beschreibung des Lebens in Lappland steht. Das Buch wie auch ihre späteren Bücher riefen große Zustimmung hervor.

Einer ihrer Fürsprecher war August Strindberg. Am 19. Oktober 1882 rezensierte er ihr erstes Manuskript, das er dem Verleger mit den Worten empfahl: „Eine Schriftstellerin, die noch unbekannt ist, aber sie wird verdammt berühmt werden. Ihr gehört die Zukunft.“ August Strindberg und Amalias älterer Bruder Eugène waren aus ihrer Zeit in Uppsala beste Freunde, aber das ist eine andere Geschichte. Während ihres ganzen Lebens hat sie an ihrer Begabung zum Schreiben gezweifelt. Strindbergs Prophezeiung traf nicht ein. Ihr moralisches und soziales ← 39 | 40 → Pathos schadete ihrer Sprache, die mit unnatürlichen Dialogen gequält wirkte und bald die künstlerische Qualität überlagerte. Hingegen übersetzte sie viele Bücher aus dem norwegischen, dänischen, deutschen, französischen, englischen, italienischen und holländischen Sprachraum.


1 Hedin, S.: Bildning och Solidarität. Om Ellen Key och Tolfterna. In: Hackzell, S. (Hrsg.): Ny Syn på Ellen Key. 32 Texter av 23 författare. 2000: 52–66. Übersetzung Hansen, M., Meesenburg, A. 2016

2 Freilichtmuseum in Stockholm

3 1892 gegründet

4 Der Ehemann, der Anatomieprofessor Gustaf Retzius von Anna Hierta-Retzius war Kollege von Ernst Axel Henrik Key (Professor am Karolinska-Institut), beschäftigte sich intensiv mit dem menschlichen Nervensystem, aber auch mit Archäologie und Ethnographie. Durch Retzius Vermittlung – Thomas Henry Huxley war sein Idol und Freund – knüpfte Key in London persönliche Kontakte zu Ernst Haeckel und Thomas Henry Huxley.

5 Ellen Keys Landhaus am Vätternsee ab 1911

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Siv Hackzell – Schweden

Ellen Keys Haltung zur „sexuellen Frage“1

Ellen Key gehörte zu der ersten Generation von Frauen, die ein unausgesprochenes Schweigeverbot brachen: Die Erörterung sexueller Fragen in der Öffentlichkeit durch die Frauen selbst. Diese Wende wurde durch eine Vorlesung in Uppsala 1880 des später weltberühmten Nationalökonomen Knut Wicksell2 eingeleitet.

Die zweite Wende bewirkte der deutsche Sanitätsrat Magnus Hirschfeld3 als Gründer und Leiter der Weltliga für Sexualreform. Ellen Key war eine der Theoretikerinnen, die viele Aspekte schon ethisch und philosophisch behandelt hatten. So wurden Frauen für die Liga gewonnen.4

Hauptfragen der ersten Wende

Als Knut Wicksell5 1880 das Wort ergriff, brachte er bisher verschwiegene Dinge zur Sprache. Prostitution und Kindermorde seien unlösbar miteinander verflochten, meinte er. Beides beruhe u. a. darauf, dass junge Leute zu arm wären, um zu heiraten. Die Furcht zu viele Kinder zu bekommen sei groß. Die wissenschaftliche Entwicklung habe jedoch eine Lösung gebracht: Empfängnisverhütung. Es sei höchste Zeit, dass die Jugend sich neue Gedanken mache. Aus liebevoller Voraussicht zur Zukunft der Kinder solle man nur so viele auf die Welt bringen, wie man nachher auch versorgen könne. Zwei Kinder wären ideal. So könne die Gesellschaft auch Arbeit für alle schaffen.

Ellen Key hatte als Sekretärin ihres Vaters, des Parlamentariers Emil Key, gelernt das Legalitätsprinzip zu beachten. Ihre Bücher Das Jahrhundert des Kindes ← 41 | 42 → und Über Liebe und Ehe6 wurden für die nächste Generation junger Frauen beispielhaft, da sie hier sexuelle Fragen aus weiblicher Sicht schilderte, die vorher nur aus männlicher Sicht betrachtet worden waren.

Dem Jahrhundert des Kindes ist eine Widmung vorangestellt: „Allen Eltern, die hoffen im neuen Jahrhundert den neuen Menschen zu bilden.” Die Überschrift der Einleitung: „Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen”, klingt zunächst paradox. Um diese Worte so zu verstehen, wie Ellen Key sie meinte, muss man sich dem Kontext ihrer Zeit zuwenden.

Erstens gehörte Key zum Umkreis der radikalen Schriftsteller der 1880er Jahre. Diese Avantgarde war aus dem radikalen Uppsala Studentenverein Verdandi hervorgegangen, – angeregt durch die Diskussionen mit Wicksell und anderen. Das Ziel war das „Recht auf Aufklärung”. Im Albert Bonniers Verlag publizierte Verdandi eine Schriftenreihe populärer Wissenschaftler.

Zweitens war Ellen Key nicht nur mit dem Ehepaar Wicksell – Bugge befreundet, sondern auch mit sozial engagierten Ärzten, die in Opposition zur konservativen medizinischem Majorität standen.

Der Buchtitel Das Jahrhundert des Kindes war eine direkte Anleihe aus dem Drama Das Junge des Löwen (1896) von Harold Gote, Pseudonym für die Schriftstellerin Frida Stéenhoff (1865–1945).7 Sie war Ehefrau des Arztes Gotthilf Stéenhoff (1859–1943). In diesem Drama zeigt „Harold Gote“ die Verhütungsfrage aus der ethischen Sicht eines Mannes. Ellen Key zitiert daraus im Jahrhundert des Kindes (1900: 36) mit gekürzten Worten: „Ein alter Mann sagt zu einem jungen: „Ein Königreich kann gegeben und genommen werden – aber nicht eine Vaterschaft. / – / Aber damit ist noch nicht alle Gerechtigkeit erfüllt – dass man sorgsam das Leben erhält, dass man geweckt hat. Kein Mann kann früh genug die Frage bedenken, ob und wann er das Recht hat, Leben hervorzurufen.“ Dies war auch die These der Verfasserin.

Ellen Key sympathisierte mit Frida Stéenhoff und unterstützte als Erste und von Beginn an alles, womit sich Frida beschäftigte. Was Frida Stéenhoff schrieb, ist exzellent, abgesehen von zwei Biographien jedoch weitgehend unerforscht.

Fridas Ehemann hielt Vorlesungen als Arzt in Arbeiter- und anderen, rein männlich dominierten Vereinen. Das Ehepaar engagierte sich lebenslang für sexualpolititische Fragen und Probleme. Gemeinsam wandten sie sich entschieden ← 42 | 43 → gegen die Prostitution. Dieser Einsatz ging direkt in den Kampf für das allgemeine Wahlrecht über.

Ein von Frida Stéenhoff vertretene und von Ellen Key aufgegriffene These, war, dass kein Kind – wie der Protagonist Adil in Das Junge des Löwen – aus falscher Prüderie leiden und im Geheimen aufwachsen sollte. Es würde ihm dann nicht so wie Hjalmar Söderbergs „Kind der Liebe“ gehen. Dessen dänische Tochter Betty wurde im Jahr 1910 heimlich in München geboren und brachte ihre ersten sieben Jahre im Waisenhaus zu.8 Davon wusste Ellen Key aber nichts. Sonst hätte sie sicher über „Hjalle“ genau die gleiche Art von Bann verhängt wie über Verner von Heidenstam. Letzterer hatte ein Kind mit Ellen Belfrage, und Key verlangte, dass er Verantwortung übernehmen sollte. Key hatte zuvor in Rouen für die künftige Mutter eine Zuflucht bei Lisa Hultin, einer Freundin aus der Kindheit, besorgt. Auch Ellen Belfrage hatte wie Selma Lagerlöf und Alice Tegnér am Höheren Lehrerinnenseminar in Stockholm studiert.

Viele gewissenhafte „Chronisten“ schoben die Schuld nicht auf den Verführer sondern auf „Ellen Keys Liebeslehre“. Ihr Werk Über Liebe und Ehe endet mit der provozierenden Parole „Die, die sich lieben, sind Ehepaare! (De, som älska hvarandra, äro makar!)” Key betonte, dass die Parole aus einem Vorschlag zum Ehegesetz aus der Zeit der französischen Revolution stamme, wahrscheinlich aus der Deklaration der Frauenrechte9 von Olympe de Gouges (1748–1793). Sie hatte allen Grund zu schreiben: „Keine meiner Lehren wurden so verzerrt“. Noch fehlt ein Diskurs diesem Tatbestand gewissenhafter nachzugehen als bisher.

„Kein Kind ohne Liebe“ war eine Hauptthese Ellen Keys. Selbstverständlich besaß sie das Wissen ihrer Zeit über Prävention bei Frauen und Männern. Jeder Erwachsene solle sich damit auskennen, meinte sie. Eine ernsthafte Überprüfung von Ellen Keys Zitaten macht deutlich, dass die Ethik der neuen Generation vor allem darin bestehen sollte, die Elternschaft nicht nur dem Zufall zu überlassen und sich auch der Empfängnisverhütung zu bedienen. ← 43 | 44 →

Von der altgriechischen bis zur modernen „Hygiene“ – die zweite Wende

Anton Nyström war ein bedeutender Arzt seiner Zeit. Er gründete 1880 das Stockholmer Arbeiterinstitut, in dem Ellen Key seit 1883 als populäre und beliebte Dozentin arbeitete. Dr. Nyström wirkte in seinen offenen Vorlesungen vor allem als Gesundheitserzieher. In seiner Privatpraxis ermöglichte er Frauen schon ab 1885 Zugang zum modernen Scheidenpessar, einer Erfindung des Flensburger Arztes Dr. Mensinga.

Eine Verbindung mit der Weltliga für Sexualreform entstand, als Dr. Nyström diese praktisch-ärztlichen Erkenntnisse an Elise Ottesen-Jensen, Gründerin des schwedischen Reichsverbandes für sexuelle Aufklärung, weiterleitete.10

1886 gaben Knut Wicksell (Vorwort mit Argumenten) und der Arzt Hjalmar Öhrvall ein Handbuch über Verhütung heraus.

Die Verhütungsmöglichkeiten für Paare waren Teil von Ellen Keys Diskurs, auch in der von ihr verfassten Biographie über ihren Vater.11 Sie wies darauf hin, dass er im Zölibat lebte, da er Abstand von den „Neumalthusianern” nahm, d. h. Verhütung ablehnte. Ein Arzt in Kopenhagen hatte den Ehemann wissen lassen, dass die Krankheit seiner Frau (Tuberkulose) bei erneuter Schwangerschaft zum Tod führen würde. Sie hatte von 1849–1856 sechs Kinder geboren. Die Tochter Ellen erkannte die schwierige sexuelle Lage in dieser Ehe, die in einer Zeit, als Tuberkulose eine Bedrohung war, für viele Ehen galt.

In einer Stimmung reaktionärer Moralpanik wurde 1910 in Schweden das so genannte Präventivgesetz erlassen. Es verbot die Aufklärung über Verhütung und „Sanitäres“. Der bisherige Verkauf von Kondomen in Friseur- und Tabakläden, zu denen meist nur Männer Zugang hatten, ging jedoch weiter. Verhütungsmittel (Kondome, Pessare) waren in Schweden nie verboten. Das Aufklärungsverbot traf also die, die noch nichts von Verhütung wussten. Das waren insbesondere die Frauen. Mutige Ärzte und Ärztinnen setzten jedoch in ihrer Praxis Aufklärungsgespräche über die Handhabung von Verhütungsmitteln fort und hielten Vorträge in geschlossenen Gesellschaften.

Frida Stéenhoff lieferte Material für Vorträge, Schriften und Belletristik, die unter anderem in Arbeiterbibliotheken verteilt wurden. Sie prägte in Schweden den Begriff „feministische Ethik“. Es ist wichtig sich daran zu erinnern. Schon damals begannen Frauen und Männer, wie Knut Wicksell 1880 prophezeit hatte, ← 44 | 45 → die Größe ihrer Familie selbst zu bestimmen. Dies wurde somit zu einer maßgeblichen Basis der nordischen Sozialpolitik des 20. Jahrhunderts.

Als man 1905 in Berlin den „Verband für Mutterschutz und Sexualreform“ gründete, war Ellen Key Ehrengast.

1911 war ein Wendejahr. In Stockholm veranstaltete die internationale Organisation für Frauenstimmrecht einen Kongress. Die Hauptrednerin Selma Lagerlöf wurde zwar 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet; ein Stimmrecht für die Reichstagswahlen hatte sie als Frau jedoch nicht.

In Dresden 1911 nahmen Gotthilf und Frida Stéenhoff an einem epocheprägenden Kongress für Hygiene teil. Frida Stéenhoff initiierte eine schwedische Abteilung des deutschen Verbandes. Die antipatriarchale Parole war: „Ehret die Mutterkinder!“ Es war ein großer Erfolg, als zuerst Norwegen, gefolgt von Schweden, 1914 neue Kindergesetze verabschiedeten. Sie gaben ehelichen und unehelichen Kindern dieselben Rechte. Darauf hatte Ellen Key lange hingearbeitet.12

Der deutsche Arzt Iwan Bloch bestätigte schon 1907 Ellen Keys Ruhm als sexualethische Denkerin in seinem grundlegenden Werk Das Sexualleben unserer Zeit. Bloch zitierte Ellen Key und ebnete ihr den Weg als Sexualerzieherin. Als Keys Bücher in einem Land nach dem anderen in Übersetzungen erschienen, wurden alte Schweigeverbote für Jugend und Frauen aufgehoben und zwar auch in der Öffentlichkeit. „Sexualhygiene”, bzw. „Ehehygiene“ wurden thematisiert. Die Sexualreformer gebrauchten den Begriff „Rasse” dabei als einen ethnisch neutralen Begriff im Sinne von „Menschheit”. Die Engländerin Mary Stopes, Biologin, Kinderbuchautorin und Frauenrechtlerin, sagte „human race”. Der Aufsatz des Schweden John Landquist wurde jedoch zur Quelle von Missverständnissen über Ellen Keys „Liebeslehre“. Als dieser noch jung und unbekannt war, bekam er von Ellen Keys alten Freunden, dem Verlegerpaar Karl-Otto und Lisen Bonnier, die Aufgabe über Ellen Key anlässlich ihres 60. Geburtstags 1909 zu schreiben. In der Buchreihe „Große Schweden“ lobte Landquist Keys Verständnis für Probleme der Jugend. Doch 1913 schrieb er in seinem Artikel Ellen Key in der neuen Auflage der Encyklopädie Nordisk familjebok, dass Mutterschutz im Interesse der Kinder oder überhaupt der Rassenhygiene notwendig sei. Das war jedoch seine Interpretation und Wortwahl. Key schätzte Spinozas Philosphie und hatte keine Vorbehalte gegen bestimmte „Rassen“ bzw. „Religionen“. Eine der wichtigsten Porträtstudien von Key ist die über Rahel Varnhagen, als Essay 1885 publiziert, auf Deutsch 1907 erschienen. Key brachte rassistische Kreise gegen sich auf, als sie im Vorwort Rahel so definierte: „Die größte Frau, die das Judentum hervorgebracht ← 45 | 46 → hat, für mich auch die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann.“ Es ist bemerkenswert, dass Rahel Varnhagen in späteren Jahren nur in den USA neu aufgelegt wurde.

Eine weitere Ursache für Missverständnisse war Ellen Keys Gebrauch des Begriffs „Drittes Reich“. Für sie gab es bis zu ihrem Tod 1926 kein anderes „Drittes Reich“, als jenes, das Joachim von Fiore (J. von Floris, um 1130 bis 1202) angekündigt hatte. Er meinte, dass die Menschen eine Kulturwelt hervorbringen würden, in der alle in Harmonie leben würden.13 Key bezieht sich in ihren Büchern explizit auf ihn, aber wenige lesen genau. Die meisten begründen ihre Ablehnung aufgrund einer Schrift von Vitalis Norström, Ellen Keys tredje rike, die aktuell 1902 erschien (deutsch im Jahre 1907: Das tausendjährige Reich: eine Streitschrift gegen Ellen Key und den radikalen Utopismus). Im gleichen Jahr wurde Norstöm Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie und Kollege von Carl David af Wirsén, einem Gegner Keys.

In Deutschland wurde nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 alles, was mit sexueller Aufklärung zu tun hatte, verboten. Schriften wurden verbrannt, Vertreter der neuen Sexualaufklärung flohen, manche nach Skandinavien. Helene Stöcker und der Berliner Arzt Max Hodann gelangten nach Schweden.

Frauen als Ärztinnen und Lehrerinnen

Zu den Rechten des Kindes gehörte für Key erstens das Recht, erwünscht von zwei liebenden Eltern geboren zu werden, und zweitens das Recht zu wissen, wie das Leben entsteht.

Diese neuen Ideen brachten Ellen Key mit Karolina Widerström (1856–1949) in Verbindung. Letztere wurde 1888 als erste schwedische Frau von einer medizinischen Fakultät als Ärztin approbiert. Ihre Spezialität war Gynäkologie und Geburtshilfe. Ihre wissenschaftliche Arbeit Frauen Hygiene I – II war ein Meilenstein. Teil II wurde 1988 vom Schwedischen Ärztinnenverband wieder veröffentlicht, zusammen mit Dr. Andrea Andréens Biographie14. Ein Drittel des Ärztevereins war zu diesem Zeitpunkt bereits weiblich.

Hinsichtlich einer sexuellen Frage war Dr. Widerström recht einflussreich. Dank ihrer Bestrebungen wurde mit der Lex veneris 1918 endlich eine sinnlose alte Regelung zur Prostitution geändert. Männer und Frauen wurden von da ← 46 | 47 → an gleich behandelt. Die alte Regelung ging zurück auf Napoleon, der für seine durchziehenden Kriegsarmeen Geschlechtskrankheiten zu vermeiden suchte. Frauen wurden registriert und standen unter ärztlicher Zwangskontrolle, Männer nicht. In den nordischen Ländern galt Prostitution als eine Perversion, während sie als Institution in vielen anderen Ländern beibehalten wurde.

Der Schulvorstand und Schriftsteller Carl Jonas Love Almquist war der erste, der aufbegehrte, als Napoleons System in den 1830er Jahren nach Stockholm gelangte. Laut Ellen Key war er „der modernste Dichter Schwedens“.

Der Aufruhr der Frauen gegen das Prostitutionssystem war friedlich. Die englische Pfarrersfrau Josephine Butler (1828–1906) schuf mit Unterstützung von Männern die Federation for abolition of regulated prostitution. Diese Vereinigung war in Schweden seit 1878 etabliert. Die Internationale Föderation war nicht nur eine Frauenbewegung gegen Prostitution und Ausbeutung. Aus ihr entstand auch die Stimmrechtsbewegung und die Bewegung für den Weltfrieden.

Sexualerziehung in der Volksschule war ein weiteres Thema, für das sich Ellen Key und Karolina Widerström engagierten. Kinder in höheren oder privaten Schulen konnten bereits Kenntnisse erlangen, nicht aber Kinder in den Volksschulen, weil diese unter kirchlicher Aufsicht standen.

Dr. Widerströms Anliegen war es Grundlagen zu schaffen, um gesunde Mütter mit gesunden Kindern in allen Schichten des Volkes zu gewährleisten. Dazu war Sexualerziehung für alle dringend notwendig. Diese Lehrinhalte sollten zum Grundwissen gehören. So schuf Dr. Widerström Lehrmaterial, z. B. Poster mit der Entwicklung des Fötus.

Die Volkschullehrerinnen waren eine bedeutende Gruppe für die Volksbildung, vor allem aber für die weibliche Schulbildung. Manche Lehrerinnen waren weibliche Vorbilder für „zivilen Ungehorsam“. Es ist nicht bekannt, wie viele es waren, aber sie begründeten die sogenannte „Lehrerinnenkultur“. Ellen Key selbst war eine solche Lehrerin. Auf dem Umschlag ihrer ersten Schrift in der Verdandireihe (1888) Von der Kindheit des menschlichen Geschlechts bezeichnet sie sich als „Schullehrerin“.

Ellen Keys Leben als Dozentin für Erwachsene war jedoch so spektakulär, dass ihre Arbeit als Volksschullehrerin oft vergessen wird. Anton Nyströms Ehefrau Louise Hamilton schreibt in ihrer Biografie15 dass Ellen Key „lebte wie sie lehrte“. Als man ihr einen Platz als Publizistin in Aftonbladet anbot, entschied sie sich „natürlich“ für den Bereich der Schule, d. h. für Anna Whitlocks private Schule. ← 47 | 48 →

Schon als kleines Mädchen stand Ellen Key auf der Seite der Kinder, auch wenn ihr Vater Härte gegen die Brüder ausübte. Das Recht der Kinder auf ein menschenwürdiges Leben hatte Vorrang vor der Macht der Eltern, sie in die Welt zu setzen. Das war Bestandteil ihrer handfesten Moral. Im ersten Teil ihres Werkes Das Jahrhundert des Kindes legt sie dies dar. Der zweite Teil des Buches zeigt Ellen Key als Reformpädagogin.

Das Gesetz von 1910, welches wie oben beschrieben ein Verbot sexueller Aufklärung einführte, wurde erst 1938 von der sozialdemokratischen Regierung abgeschafft. In der Zwischenzeit benutzten die meisten das Gesetz dazu, die sexuellen Nöte zu verschweigen und nichts zu tun. Eine mutige Minderheit machte jedoch trotz des Gesetzes weiter, z. B. in der Volksschule. Für manche Frauen war Karolina Widerström eine stets mahnende Kraft. 1905 lehrte sie zum Beispiel in Rostad, der Hochschule in Kalmar, die auf die Ausbildung von Lehrerinnen spezialisiert war, wie man Sexualunterricht gab.

Ellen Key und Karolina Widerström waren beide Reformatorinnen in Fragen der physischen und psychischen Frauengesundheit. Die eine tat es deutlich, die andere mehr mit Umschreibungen. Am 10.11.1919 schrieb Ellen Key in einem Brief an Widerström Folgendes. „Wir Kinderlosen haben die meisten Kinder“.

Es bezieht sich auf den Schluss des Buches Verk och människor (1910)16:

„Liebe Karolina!

Ist es wirklich wahr, dass du nun schon 30 Jahre praktiziert hast? Liebe Du, es war unlängst dass du mich [als Physiotherapeutin] zusammen mit dem alten Branting in der Gegend des Observatoriums knetetest!!! Keine von uns ahnte damals unser kommendes Schicksal! Wir waren beide kleine schüchterne Mädchen! Aber während ich mir nie habe träumen lassen, was aus mir werden sollte, sah ich oft in deinen hellen, klugen Augen – den gleichen Eifer eines jungen Vogels zu fliegen – dass eine großartige Zukunft auf dich wartete!

Welch ein reiches, schönes, wohltätiges Leben liegt hinter dir! Wie einfach still und weiblich du deine „männliche“ Tätigkeit ausgefüllt hast!

Es ist wohl das Bedeutungsvollste was du für die Frauensache getan hast, dass du ein Vorbild mit echter Weiblichkeit gabst; dass du die erste Ärztin Schwedens warst und gleichzeitig eine gute, edle Persönlichkeit.

Dank für alles seit dem Winter 1876, das ist schon 43 Jahre her!! Sowohl du als auch ich könnten Enkelkinder haben, wenn wir die Zeit genutzt hätten. Nun haben wir nur die Leistung unserer Arbeit. Aber das ist auch ein Nachwuchs!

Deine Freundin Ellen Key.“


1 Hackzell, S.: Lärarinner och tradition i historieskrivningen. In: Hackzell, S. (Hrsg.): Ny Syn på Ellen Key. 32 Texter av 23 författare. 2000: 170–177. Von Hackzell 2016 geänderte Fassung. Übersetzung Hansen M., Meesenburg A., Leele v. Ehrenfels

2 Knut Wicksell, schwedischer Ökonom, hielt öffentliche Reden zur sozialen Frage, sah das dramatische Bevölkerungswachstum als Ursache der Armut an und plädierte für Aufklärung zur notwendigen Geburtenbeschränkung. Vgl. Gårdlund, T.: Knut Wicksell. 1990

3 Herzer, M.: Magnus Hirschfeld. Leben und Werk. 1992

4 Hackzell, S.: „From white slave trade to human rights. A line in the emancipation of womans body 1800–2000“. 1994, im Bericht IV Nordiska kvinnohistorikermötet in Tampere: 168–82

5 Wicksell Nordqvist, L.: Anna Bugge Wicksell. 1985

6 Key, E.: Barnets århundrade. 1900 (J.d.K. 1902), Lifslinjer I. 1903 (dt.: Über Liebe und Ehe. 1904)

7 Zade, B.: Frida Stéenhoff. 1935; Carlsson Wetterberg, C.: Frida Stéenhoff. 2010

8 Holmbäck, B.: Hjalmar Söderberg. 1988

9 Trotz der Proklamation von Gleichheit und Freiheit blieben Scheidungsrecht, Erbrecht Strafrecht und Zivilrecht oder Projekte zur Schulausbildung für Frauen und Mädchen diskriminierend. Freiheit und Gleichheit galten nicht für ”Schwestern”. Olympe de Gouges wurde 1793 enthauptet.

10 Hackzell, S.: Levande livsverk. Elise Ottesen-Jensen och RFSU. 1986

11 Key, E. Minnen av och om Emil Key I –III. 1915–17

12 Key, E.: D.j.G. 1913: 131 f.

13 Nach einer „Zeit des Vatergottes“ und einer „Zeit des Sohnes“ erwartete er eine „Zeit des Geistes“, eine Zeit, in der die Bergpredigt erfüllt wird.

14 Andréen, A.: Karolina Widerström. 1956

15 Nyström Hamilton, L.: Ellen Key. 1904

16 Key, E.: Verk och människor. 1910, dt: S.u.W. 1911

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Margrit Hansen – Deutschland

Die Apartheit der Frau

In ihrem Hauptwerk Lifslinjer I-III1 verbindet Key den Kampf um Menschenrechte für Frauen, den Einsatz für Kinderrechte und die Kritik an gesellschaftlichen, politischen und religiösen Strukturen wie kaum jemand vor ihr zu einem System von Wechselwirkungen.

Eine neue Sicht auf die Natur – Evolutionstheorien

Feudalistische Strukturen wie das „ancien régime“ bestimmen nach Ansicht Keys noch immer das Schicksal Europas. Mit der Französischen Revolution beginnt zwar eine philosophische und politische Wende, doch die Zweigeschlechtlichkeit der menschlichen Spezies wird dabei nicht bearbeitet. Hier setzt Keys Kritik an, da der Mensch als Mann und als Weib Gestalt geworden ist und im Lebenszyklus immer wieder wird.

Key erkennt auch sofort die beunruhigenden Aspekte von „Evolution“, „Entwicklung“ und „Fortschritt“, als sie mit den Forschungen Charles Darwins bekannt wird. Im Buch On the Origin of Species beschreibt Darwin die ständige Veränderung der Natur; die einmalige göttliche Schöpfung entpuppt sich als dynamischer Prozess. Besonders provozierend ist die Beschreibung des Menschen als eine Spezies unter anderen, womit der Sonderstatus des Menschen radikal in Frage gestellt wird.

Wenn also die Evolutionstheorie lehrt, dass jede Spezies sich entweder weiterentwickelt oder ausstirbt, dann kann das auch für den Homo sapiens sapiens gelten. Man muss sich von einem Weltbild verabschieden, dem ein Mythos von der Unveränderlichkeit der Natur zugrunde liegt.

„Aber man sieht doch schon genügend große Ansätze, um zu zeigen, dass die Umwandlungen, die der Mensch durchgemacht hat, bevor er zum Menschen wurde, weit davon entfernt sind, das letzte Wort seiner Genesis zu sein. Wer heute erklärt, dass ‚die Menschennatur sich immer gleich bleibt’ – d. h. so, wie sie sich in den ärmlichen Jahrtausenden gezeigt, in denen unser Geschlecht sich seiner selbst bewusst war –, verrät dadurch, dass er auf der Höhe der Reflexion steht wie ← 49 | 50 → z. B. ein Ichthyosaurus der Juraperiode, der vermutlich auch nicht den Menschen als eine Zukunftsmöglichkeit ahnte!“ (J.d.K.: 13)

Die Arten von Flora und Fauna haben sich nicht ewig auf der Erde befunden, die belebte Natur muss als dynamischer Prozess von Veränderungen aufgefasst werden, wobei der Mensch nicht außerhalb der Gesetze steht, die er erforscht. Nach dem Evolutionsparadigma hat der Mensch auch die Zweigeschlechtlichkeit mit allen höheren Tieren gemeinsam.

Der große Eindruck, den der Entwicklungsgedanke auf Key macht, wird durch Aufzeichnungen und den Briefwechsel belegt:

„Schon in ihrer ersten Jugend hatte Ellen Key das christliche Ideal mit dem Leben unvereinbar gefunden. Langsam, im Laufe mehrerer Jahrzehnte hatte sie sich zu der Weltanschauung durchgerungen, die später immer die ihre geblieben ist. Mit deutlicher Logik und in einer würdigen Sprache bekennt sie ihre Stellung zur christlichen Lehre und die Gründe, die sie zu einer Lebensanschauung geführt haben, die alle Gebiete des menschlichen Lebens den Gesetzen der Entwicklung unterordnet.“2

Die auf dem Lande aufgewachsene Aristokratin, der die natürlichen Zusammenhänge in Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt nicht fremd geblieben sind, kann mit viktorianischer oder pietistischer Reinheitsromantik nichts anfangen. Die Beobachtung der Natur im Kreislauf des Jahres, von Wachsen und Werden in Pflanzen- und Tierwelt in der Kindheit auf dem Lande, haben zu einer unbefangenen Auffassung vom Natürlichen, einer „Ehrfurcht“ vor dem Lebendigen geführt, so dass Key an der Mädchenschule und später vor den Arbeiterinnen ohne Zurückhaltung von der Fortpflanzung des Menschen spricht:

„Zu uns Backfischen, in diesem unleidlichsten aller Alter, dem goldenen Alter der Süßigkeiten, der Bleichsucht und der unverdauten Kenntnisse, redete sie so, dass wir unsere Köpfe in Nachsinnen und Scham senkten. Und zugleich empfanden wir ein gewisses Gefühl des Stolzes darüber, dass jemand uns wie Menschen behandelte – oder als ob wir Menschen werden sollten.“3

Key hebt den Anspruch aller Frauen hervor, die Menschenrechte auch auf sie zu beziehen. Die Geschlechterdifferenz hat sowohl für die biologische als auch für die gesellschaftliche Evolution eine herausragende Bedeutung. Das weibliche Geschlecht muss sich deshalb als unverzichtbarer Teil der Menschheit in die politisch-gesellschaftliche Zukunftsgestaltung einmischen. Die Anerkennung des Anteils weiblicher Menschen schließt ein, dass das Weibliche nicht aufgegeben ← 50 | 51 → werden darf, sondern die männliche Welt komplementär ergänzt. Die Beseitigung der Geschlechtsdiskriminierung, ebenso wie die Beseitigung religiöser, sozialer und rassischer Diskriminierung, ist bedeutsam für die humane Weiterentwicklung in der Zukunft. Key setzt sich deutlich gegen antifeministische und antisemitische Bewegungen ab, die den „Darwinismus“ als „Beweis“ für ihre Wertungsskalen instrumentalisieren. Für Key ist innerhalb dieses Spektrums der mündliche und schriftliche Meinungsaustausch mit dem Stockholmer Neurologen und Psychotherapeuten Poul Bjerre, einem Freund Walther Rathenaus, dem Zellforscher Hjalmar Oehrwall in Uppsala, den Ärzten Ernst Axel Henrik Key und Gustaf Retzius, sowie dem Prager Gestaltpsychologen Christian v. Ehrenfels bedeutsam. Key und etliche ihrer Freundinnen (Victoria Benedictsson, Charlotte Leffler, Sonja Kovalevska) gehören einem Kreis der avantgardistischen Bohème an. Die Tatsache, dass Kovalevska und Mittag-Leffler (ein Bruder der o.g.) Schüler des Mathematikers Karl Weierstrass sind, macht deutlich, dass es sich um Gespräche auf hohem intellektuellen Niveau handelt. Durch Sonja Kovalevska, der ersten Mathematikprofessorin Schwedens, wird Key mit der Funktionentheorie vertraut, bei der Differentiation und Integration die Hauptrolle spielen. Keys Freundin Kovalevska ist bis 1883 mit dem Paläontologen Vladimir Kovalevsky verheiratet, dessen Verwandtem, Aleksandr Onufriyevich Kovalevsky, bedeutende Forschungen im Bereich der Embryologie gelungen waren.4 Leffler gibt später ihren Beruf als Autorin auf und heiratet den italienischen Herzog und Mathematiker Cajanello in Neapel, stirbt jedoch kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes5.

Lefflers Brüder, Magnus Gustaf und Leopold Fredrik, sind berühmte Professoren für Mathematik, bzw. Sprache.

Schon in den Essays geht Key mehrfach darauf ein, dass sich die Formeln der revolutionären Trinität – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – erhalten und diese drei Wörter die Einbildungskraft „verwandter Seelen“ immer wieder entzündet haben. Diese Trinität kann die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens verwandeln.

Es geht ihr um Freiheit im Sinne individueller Selbstbestimmung, bei der Gleichheit geht es um Gerechtigkeit nicht um Gleichmacherei:

„Kein denkender Mensch zweifelt daran, dass um die Wende des nächsten Jahrhunderts dies alles errungen sein wird; dass dann auf allen Rechtsgebieten ← 51 | 52 → die Bürgerin soviel gelten wird wie der Bürger, dass die Ehefrau gleichgestellt sein wird mit dem Ehemann, die Mutter mit dem Vater. Das alles liegt ebenso sehr in der Notwendigkeit der naturgemäßen Entwicklung als im Interesse der Gesellschaft und ist einfach eine Forderung der Gerechtigkeit“. Sie folgert: „Nach der ersten Formel: Vorrecht – muss jetzt die zweite kommen: Gleiches Recht für alle. Aber nach dieser muss die dritte kommen: Verschiedenes Recht für jeden“. (M.Fr.: 1f.)

Key setzt den Autoritätsansprüchen von Kirche und Staat ihren Glauben an Freiheit und Selbstverantwortung entgegen:

„Es bedeutet auch nicht, dass alle Treue aufhören soll. Sondern, dass alle Treue persönlich wird“ (L.u.E.: 90 f.).

Bei der Brüderlichkeit geht es um Nächstenliebe als Grundlage des sozialen Lebens; ein Aufwachsen in „Lieblosigkeit“ erzeugt mehr als nur latente Nebenwirkungen. „Das eine was Not tut ist: immer größere Anforderungen an die Menschen zu stellen, die sich das Recht nehmen, der Menschheit ein neues Wesen zu schenken (…)“.

Darüberhinaus tritt Key explizit für die Rechte der Kinder im anbrechenden Jahrhundert ein: Die Gesellschaft mache sich bisher nicht zum „Anwalt der Kinder“, weil Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung der ökonomischen Diktatur des Wirtschaftssystems nachgeordnet würden.

„Wenn das zwanzigste im Ernst das des Kindes wird, wird das darauf folgende das des Menschen werden, – das, wo der Menschengeist anfängt, sich seiner Wirklichkeit zu nähern!“ (L.G: 454)

Sexualmoral und Sexualethik zur Jahrhundertwende

Zur Jahrhundertwende kämpfen Key in Schweden, Hedwig Dohm, Helene Stöcker und Maria Lischnewska im kaiserlichen Deutschland, Rosa Mayreder in Österreich um Freiheit und Gleichberechtigung des zweiten Geschlechts.

Die Frauen packen Fragen der Sexualmoral und der Sexualethik mit Selbstbewusstsein und Zivilcourage an und wagen es, zwischen Sexualität und Politik, zwischen Rechtsstellung der Frau, Mutterschaft und Unterdrückung Verbindungslinien zu ziehen. Auch in Deutschland ruft damit diese Minderheit zwar privilegierter vor allem aber couragierter Frauen, Entrüstungsstürme hervor.

Key und Stöcker sind überzeugt, dass Störungen des Selbstvertrauens von Frauen durch die kulturellen Privilegien des Mannes ausgelöst worden sind und nicht innerer „Natur“ entspringen. Man muss sie ändern. In einem partnerschaftlichen Dialog muss der Inhalt der so genannten naturrechtlichen Vorstellungen kritisch untersucht werden. ← 52 | 53 →

Sie stellen Nietzsches „Übermenschen“ ein erweitertes Konzept einer „neuen Menschheit“ gegenüber.6

Damit lehnen sie, wie Rosa Mayreder7, die gängige Erziehung zu Selbstaufgabe und Opferwillen ab, da sie mit „psychologischer Notwendigkeit“ männliche Herrschsucht hervorbringe, Männer wie auch Frauen auf bestimmte Rollen fixiere und durch Doppelmoral die Degradierung der Frau zum Objekt ermögliche.

Ein neuer Humanismus stelle hohe, ja harte ethische Forderungen an Verantwortung und Mut beider Geschlechter.

Sie sehen in Nietzsches Philosophie eine Lebensphilosophie, die von der klassischen Form der Systemphilosophie abweicht, und sie bewundern seine Gedanken, ohne die kritische Distanz aufzugeben.

Diese Distanz bezieht sich auf seine Auffassung von der „Natur der Frau“, die als instinktiv handelndes Naturwesen wie das Tier mehr der Biologie unterworfen ist. Dass ihre „Natur“ sie dazu bestimmt, die Errungenschaften der männlichen Rationalität als liebende Mutter im häuslichen Heim zu kompensieren, bezeichnen Key, Stöcker und Mayreder übereinstimmend als subtile Methode der Besitzstandswahrung männlicher Macht. Nietzsche bringe zwar den Begriff Entwicklung zurück in die philosophische Diskussion, aber aus männlicher Position.

„Nietzsche, der von der Liebe wenig weiß – weil er vom Weibe beinahe nichts weiß – und der darum nicht viel des Lauschens Wertes sagt, wenn er sich über diese Themen äußert, hat doch über die Elternschaft tiefere Worte gesprochen, als irgend ein anderer dieser Zeit“ (J.d.K.: 46).

Keys utopischer „Traum“ besteht in einer Entwicklungsstrategie, die vom Menschen nicht total „beherrscht“ wird, sondern die Verantwortung des menschlichen Tuns gegenüber allem, was lebt, betont. Sie stellt sich damit einem starken Traditionsstrang der christlichen Ethik entgegen, der mit Verweis auf 1. Mose 1, 26 und 28, das „Untertan machen“ und „Herrschen“ stark akzentuiert. Ihr Akzent liegt auf einer Ethik der Brüderlichkeit, die im Christentum vor allem durch Franz von Assisi vertreten wird. Er stellt die Fürsorge und Liebe des Menschen für seine Mitgeschöpfe in den Vordergrund. Deshalb hat der Urgedanke christlicher Brüderlichkeit seine Entsprechung nicht nur in der Schwesterlichkeit, sondern auch in der Mütterlichkeit und Väterlichkeit. ← 53 | 54 →

In dieser Traditionslinie wird stärker auf 1. Mose 2, 15 Bezug genommen. Dort wird das treuhänderische Bebauen, Behüten und Bewahren der Erde hervorgehoben.

Mit Hedwig Dohm (1831–1919), einer radikalen bürgerlichen Frauenrechtlerin Deutschlands und der späteren Urgroßmutter der Kinder von Thomas und Katia Mann, gibt es deutliche Übereinstimmungen, obwohl Dohm sich über Missbrauchte Frauenkraft zum Teil abfällig äußert. Stilistisch brillant kritisiert Dohm in ihrer Schrift Die wissenschaftliche Emancipation der Frau (1874) die mangelhafte sexuelle Aufklärung junger Frauen und fordert die Zulassung der Frauen zur höheren Bildung und zum Studium. Dohm bemerkt sarkastisch:

„Ein Bild der Frauen, die in Glashütten, Papiermühlen, Leimsiedereien, Tabakfabriken usw. fronen, in glühenden Baumwollmühlen halb entkleidet arbeiten, in erstickendem Staub und Schmutz sich zugrunde richten, in den Flachsspinnereien durch dauerndes Imwasserstehen sich in frühen Jahren die Schwindsucht zuziehen (…) – aber die weibliche Konstitution ist zu zart – (so sagt der Patriarch), um Frauen die Universitäten zu eröffnen.“

Sowohl Key als auch Dohm berufen sich auf Schleiermachers zehn Gebote für edle Frauen, besonders auf die Gebote fünf und zehn:

Die Tatsache, dass auch Frauen außerhalb des Hauses wie Männer arbeiten „dürfen“, ist für beide noch längst kein Anzeichen der Befreiung.

Dohms weitere Forderung nach ökonomischer, politischer und juristischer Selbständigkeit, ohne die alle übrigen Rechte illusorisch sind, werden von Key nachdrücklich bestätigt.

Stöcker will (wie auch Key) weder wie ein Mann sein, noch seine Weltanschauungen übernehmen: „Werde, die du bist“ heißt ihr Motto, und ihre „neue Ethik“ und Sexualreform die sie in dem von ihr gegründeten Bund für Mutterschutz und Sexualreform vertritt, bedroht die Grundfesten der bürgerlichen Ordnung: Anerkennung von Lebensgemeinschaften ohne Ehe, Gleichstellung der unehelichen Kinder, Einführung einer staatlichen Mutterschaftsversicherung, Sexualaufklärung und Empfängnisverhütung, ökonomische Unabhängigkeit und Gleichberechtigung der Frau, Selbstbestimmung über ihren Körper; Recht auf „Freiheit und Liebe“.

Stöckers Studienfächer – sie hat eine Ausnahmegenehmigung zum Studium – sind Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie. Von 1905–1907 redigiert sie die Zeitschrift Mutterschutz, Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik; ← 54 | 55 → von 1908–1933 Die neue Generation, in der auch Key 1913 einen Artikel verfasst. Sie ist Anhängerin der malthusian league, die für Geburtenkontrolle eintritt – als Mittel sozialer Reformen, aber vor allem der Selbstbestimmung der Mütter – und sich davon in Anlehnung an Nietzsche auch eine „Höherentwicklung der Menschheit“ verspricht.

Key und Stöcker beteiligen sich also engagiert an der Debatte, widersprechen aber überall da, wo Geburtenplanung als „staatlicher Gebärzwang“ im Interesse der Zahl oder gar eines „Rassezüchtungsprogramms“ erwogen wird.

Es ist eine Zeit, in der das Gesetz jede nichteheliche Sexualität bestraft. Die eheliche Sexualität soll nicht der Lust und dem erotischen Glück dienen, sondern der Fortpflanzung, der so genannten „natürlichen“ und damit „züchtigen“ Reproduktion. Die säkularisierten patriarchalen Verbote, die Bestrafung der „Unzucht“, gehen allmählich von der Kirche auf den Staat über, und zwar auch auf den sozialistischen Staat.

In der Zeitschrift Die Neue Generation werden Themen aufgenommen, die in der öffentlichen Meinung auf Unverständnis und Ablehnung, ja auf Hohn und Empörung stoßen. Denn es werden Themen berührt, deren Tabuisierung faschistische, bürgerliche und linke Ideologien gleichermaßen vereint.

Öffentliche Forderungen nach freiem Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln, Straflosigkeit von Abtreibung aus Not, Sexualkundeunterricht, Ermöglichung bzw. Veränderung des Scheidungs- und Unterhaltsrechts, werden zum Teil durch Boykottaufrufe gestört; zum Teil wird versucht, Veranstaltungen dieser Art zu verhindern.

Key und Stöcker analysieren sehr differenziert die Frage der Gleichheit und stellen radikale Fragen zum Geschlechterverhältnis, zu Gewaltformen (strukturell und direkt), zu Machtverhältnissen und zu Moralvorstellungen. Unmittelbare karitative Hilfe und Zukunftsprophylaxe bilden eine Einheit. Tätige Hilfe leistet Stöcker z. B. im Bund für Mutterschutz und Sozialreform, wo sie sich bemüht, die Lage der ledigen Mütter und ihrer Kinder zu erleichtern, ohne die gesellschaftspolitische Analyse und den Menschenrechtskampf zu vergessen.

Bei der unvoreingenommenen Beobachtung des Elends der ledigen Mutter und ihres Kindes erkennen Key und Stöcker gleichermaßen, dass die Rede von der Reproduktion schief ist: Die ledige Mutter „reproduziert“ sich nicht selbst, sondern trägt, meist ungewollt, mit hohen körperlichen und materiellen Investitionskosten ein Kind aus, das zwar einen biologischen, aber keinen Familienvater hat. Doch erstaunlicherweise handeln die meisten Mütter nicht so, wie es nach der Theorie zu erwarten wäre und wie es Rousseau, der ein „uneheliches“ Kind zeugt, auch ohne Skrupel tut. Er überlässt dieses Kind dem Waisenhaus. ← 55 | 56 →

Die meisten Mütter versuchen verzweifelt, ihr Kind großzuziehen, obwohl die soziale Ächtung der Mutter und ihrem illegitimen Kind gilt, nicht der Tat des Mannes.

Niemand wundert sich darüber, dass auch verheiratete proletarische Mütter ihre Kinder nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, so wie viele ihrer Männer, denen Frau und Kinder eine ökonomische Last ohne Nutzen sind. Wieso ist es selbstverständlich, dass die Frau sich nicht so leicht wie der Mann dem Trinken ergibt; dass sie in einer Situation, in der viele Väter einfach auf- und davongehen, ihre Kinder nicht verlässt? fragen sie sich.

Für Key liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Kampf für Aufklärung und Empfängnisverhütung, sondern auf der Analyse psychophysischer Wechselwirkungen. Somit ist klar, dass analog zu der Erkenntnis Montessoris „Kinder sind anders“, auch Frauen ganz „anders sind“, als sie bisher definiert werden.

Für Key ist Mütterlichkeit evolutiv etwas, was das Kind erwarten darf, damit es seine körperlichen, vor allem jedoch seine psychischen Möglichkeiten entwickeln kann. Alle so genannten „sozialen Instinkte“ haben eine natürliche Grundlage. Sie deshalb zu verachten zeugt von Naturverachtung. Der weibliche Mensch, erst recht in seiner Verantwortung als Mutter, ist bei Key kein defizientes Wesen: „Und wenn die Amaternellen behaupten, dass die Mütterlichkeit, die ‚wir mit den Tieren und Wilden gemein haben’, kein Ausdruck der Persönlichkeit sein könne, so hat dieses Argument denselben Gehalt, als wollte man der Sixtinischen Kapelle die Eigenschaft absprechen, ein Ausdruck der Persönlichkeit zu sein, weil auch die Tiere und die Wilden dekorativen Trieb zeigen (…). Wenn schon die Frau durch die körperliche Mutterfunktion einen großen sozialen Einsatz macht, so wächst dieser ins Unermessliche, wenn man das Seelische mit in Betracht zieht“ (D.Fr.: 170).

Die „freie Frau“ ist eine Mutter, die „in einem Monat Kinderpflege oft mehr für ihre Charakterentwicklung als in Jahren der Berufsarbeit“ gewonnen hat; sie ist erotisch emanzipiert und ihr Leben (nicht die berufliche Laufbahn) wird durch Kinder bereichert und nicht beeinträchtigt. Alle Menschen, Kinder und Frauen eingeschlossen, zeigen Phantasie, Neugier, Fähigkeit zur Liebe, Mitleid, kurzum eine eigene sinnliche Existenz, eine Seele. Daher ist es ein Verrat am Lebendigen, das Kind nicht zu lieben. Das erste Humanum, der Anfang aller Kultur ist das Gefühl der mütterlichen Liebe, „das Keimblatt eines heute weitverzweigten Baumes sozialer Instinkte“ (D.Fr.: 171).

Key fordert zuerst die Lösung eines Teilproblems durch gesetzgeberische Maßnahmen: Wenn die Frau nach dem Gesetz des Lebens Mutter wird, soll ihr das Vaterrecht der Gesellschaft nicht Verachtung, Schande und Ausgrenzung entgegenbringen. ← 56 | 57 →

Zusätzlich verbindet sie das „Recht des Kindes“ mit der „Vaterpflicht“: „Und wenn das Kind zu seinem Rechte gekommen ist, dann ist die Sittlichkeit vervollkommnet. Dann weiß jeder Mensch, dass er an das Leben, das er hervorruft, mit anderen Banden geknüpft ist, als mit jenen, die die Gesellschaft und die Gesetze auferlegen…(J.d.K.: 37).

Ihr Ziel ist es, die unsichtbaren und sichtbaren soziokulturellen Kräfte zu identifizieren, die beide Geschlechter daran hindern, eine freiere humanere Welt aufzubauen.

Mit dem Aufbegehren gegen Geschichtslosigkeit, gegen Ausgrenzung aus der Welt durch von Männern definierte „Weiblichkeit“, verbindet sie den Entwicklungsgedanken. Da die Natur sich wandelt ist auch die „Natur“ von Männern entwicklungsfähig. Den Männern ist die Freiheit gegeben, ihre Fähigkeiten statt zum Beherrschen zum Mitfühlen zu gebrauchen.

Das Besondere an Keys Argumentation ist, dass sie sowohl das Leben als auch die Liebe als naturwissenschaftliche Kategorien einführt, grundlegend vor allem in Über Liebe und Ehe.

Damit vertritt sie einen Standpunkt, den man bei den Naturwissenschaftlern Maturana und Varela 1987 wieder findet. Sie untersuchen die Strukturen lebendiger Systeme. Sie weisen darauf hin, dass es ungewöhnlich ist, den Begriff „Liebe“ in einem naturwissenschaftlichen Zusammenhang zu gebrauchen, sie betonen aber die biologische Dynamik dieser Emotion ebenso wie die jeder anderen (Furcht, Zorn, Traurigkeit usw.) und den ontologisch-evolutionären Zug der conditio humana.

„Dies ist die biologische Grundlage sozialer Phänomene: Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Menschlichkeit (…) Machen wir uns hier nichts vor: Wir halten keine Moralpredigt, wir predigen nicht die Liebe. Wir machen einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, „biologisch gesehen, ohne Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt.8

Die Biologie zeige, dass die Einzigartigkeit des Menschseins in seiner sozialen Strukturkopplung bestehe, die durch das In-der-Sprache-Sein zustande komme. So wird eine Ethik sichtbar, die darauf gründet, dass Menschen sich die Welt mit anderen zusammen schaffen, eine soziale Welt, in der jeder auf den anderen angewiesen ist, die das Akzeptieren des Anderen voraussetzt sowie auf den Einzelnen zurückwirkt. ← 57 | 58 →

„Aus diesem Grunde ist das, was wir in diesem Buch dargelegt haben, nicht nur eine Quelle für eine naturwissenschaftliche Erforschung, sondern für das Verständnis unseres Menschseins, unserer Menschlichkeit (…) Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen.“9

Der soziale Prozess, die Evolution der Liebe, ist keine kurzfristige Vision, man muss mit Jahrtausenden rechnen, nicht mit Jahrhunderten, noch weniger mit Jahrzehnten, heißt es ähnlich schon bei Key (vgl.: Ü.L.u.E.: 458).

Das Eigenartige bei der Beurteilung von Keys Engagement ist, dass ihre individuell-präventiven Überlegungen von anderen immer wieder zu einem eugenischen Diskurs umgedeutet werden.

Darwin schreibt sein Buch The Descent of men and Selection in Relation to Sex etwa sieben Jahre bevor Gregor Mendel die Vererbungsgesetze entdeckt und lange bevor die moderne Genetik entsteht. Wissenschaftlich bescheiden bekennt er: „Die Gesetze, welche die Erblichkeit beherrschen, sind zum größten Teile unbekannt.“10

Wenn Key gleichfalls „erbliche“ Befunde diskutiert, dann ist hervorzuheben, dass damit zu ihrer Zeit ziemlich unsystematisch alles bezeichnet wird, was feststellbar ist, wenn ein Kind das „Licht der Welt“ erblickt. An „krankhaften Befunden“ gehören dazu Infektionen der Mutter oder des Vaters (Röteln, Toxoplasmose, Syphilis, Tuberkulose), Blutgruppenunverträglichkeit, Auswirkungen chemischer Substanzen auf das Ungeborene (Alkohol), Mangelernährung der Schwangeren, schwerste körperliche Arbeit in der Schwangerschaft usw. All das kann zu „vorgeburtlichen“ Schädigungen führen. Echte „genetische“ Erkrankungen sind um 1900 kaum zu diagnostizieren.

Die Entdeckung der spirochaeta pallida als Erreger der Syphilis durch Schaudinn gelingt erst 1905, der Nachweis der Erkrankung, vor allem der Späterkrankungen (Paralyse und Rückenmarksschwindsucht) durch Wassermann 1906, erst 1910 können Ehrlich und Hata mit Salvarsan die Syphilis behandeln. Erst danach kann zum Teil verhindert werden, dass die „Jugendsünden“ der Väter bei den Ehefrauen und Nachkommen Schäden verursachen.

Key macht unmissverständlich deutlich, dass man kein „Recht auf ein Kind“ konstruieren könne, wohl aber ein Recht des Kindes auf gesunde seelische und körperliche Entwicklung. ← 58 | 59 →

Warum die Betonung der Wichtigkeit von Sozialreformen, von verbesserter Fürsorge für unverheiratete Mütter und ihre Kinder, Schulung und Aufklärung potentieller Eltern in einen Konflikt mit dem Recht auf Geburtenkontrolle und sexueller Selbstbestimmung geraten soll, kann kein Kritiker plausibel erklären. Die Befürwortung betreuender Einrichtungen für vorhandene Kinder (weil Mutter und Vater arbeiten müssen) und das Recht, allzu reichen „Kindersegen“ verhindern zu dürfen, widersprechen sich selbstverständlich nicht.

Eine Abgrenzung zu „Rasseveredlern“ ist sehr leicht vorzunehmen, wenn man das zugrunde gelegte Frauenbild zur Beurteilung heranzieht. Die „Blut- und Boden“-Ideologie ist immer verbunden mit der selbstverständlichen Verfügung (des Ehemannes oder des Staates) über den weiblichen Körper als Gefäß oder Nährboden.

Der Traum vom „Machen, Zeugen, Herstellen und Produzieren“, eine brisante Synthese von Sozialdarwinismus und Materialismus, ist eher eine männliche Vision: „Wie viele Frauen (…) wären in einer aufgeklärten Gemeinschaft, in einer Welt ohne Tabus, Aberglauben und sexuelle Sklaverei nicht bereit und stolz, ein Kind Lenins oder Darwins auszutragen und aufzuziehen!“11

Eine entscheidende Voraussetzung zur Verwirklichung solcher Träume ist die strikte Trennung von persönlicher Liebe (zur Mutter/zum Vater und zum Kind) und biologischer Fortpflanzung. Gerade davon kann bei Key nicht die Rede sein. Es gibt bei Key kein Recht auf Vaterschaft oder Mutterschaft ohne soziale Elternschaft:

„(…) dass eine Frau mit Wissen und Willen ihrem Kind das Recht raubt, sein Leben durch Liebe zu empfangen, dass sie es von vornhinein von der Möglichkeit der Zärtlichkeit eines Vaters ausschließt, das ist eine Sehnsucht die sich rächen muss“ (L. u. E.: 192).

Barmherzigkeit und Verantwortung, unter Umständen auch Verzicht, sind substantielle Forderungen Keys an alle erwachsenen mündigen Menschen. Das ist kein Zuchtplan für eine immer bessere „Rasse“, die aus einer gezielten Verbesserung des Erbguts hervorgehen soll.

Details

Seiten
264
ISBN (PDF)
9783631721803
ISBN (ePUB)
9783631721810
ISBN (MOBI)
9783631721827
ISBN (Buch)
9783631721629
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
Nachhaltige Entwicklung Kinderökologie gesellschaftliche Risikolagen Menschenrechte irreversible Naturzerstörung Paradigmenwechsel: homo ökonomicus?
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 264 S., 6 b/w Abb.

Biographische Angaben

Margrit Hansen (Autor)

Margrit Hansen war Lehrerin und Lehrbeauftragte im Fach Erziehungswissenschaften an der Universität in Flensburg. Sie studierte Erziehungswissenschaften und war Studienleiterin für Pädagogik am Institut für Lehrerbildung SH. Sie war als Dozentin der Europa-Universität Flensburg tätig. Sie ist an der Redaktion verschiedener erziehungswissenschaftlicher Zeitschriften beteiligt.

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Titel: Neues Licht auf Ellen Key