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Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989

Ein biografisches Handbuch

von Klaus Schroeder (Band-Herausgeber) Jochen Staadt (Band-Herausgeber)
Sammelband 686 Seiten

Inhaltsverzeichnis


Klaus Schroeder / Jochen Staadt (Hrsg.)

Die Todesopfer
des DDR-Grenzregimes
an der innerdeutschen
Grenze 1949 – 1989

Ein biografisches Handbuch
2., bearbeitete Auflage

Herausgeberangaben

Klaus Schroeder lehrt als Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 1992 leitet er den Forschungsverbund SED-Staat.

Jochen Staadt ist Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und seit 1992 dessen Mitarbeiter.

Über das Buch

Dieses Handbuch enthält die Biografien von 327 Todesopfern aus Ost und West, denen das DDR-Grenzregime zum Verhängnis wurde. Bei den Flüchtlingen, die erschossen, durch Minen und Selbstschussanlagen ums Leben kamen oder in Grenzgewässern ertranken, handelte es sich überwiegend um junge Menschen, die sich bewusst für den lebensgefährlichen Weg in die Freiheit und gegen die SED-Diktatur entschieden hatten. Zu ihrem Gedenken soll dieses Handbuch beitragen. Es enthält auch die Lebensgeschichten von Zivilpersonen aus beiden deutschen Staaten, die ohne Fluchtabsichten dem DDR-Grenzregime zum Opfer fielen, und weiterhin die Schicksale von deutschen und sowjetischen Deserteuren, deren Fahnenfluchten an der DDR-Grenze tödlich scheiterten. Zusätzliche biografische Angaben widmen sich Grenzsoldaten, die aus Verzweiflung über die Zwänge des Dienstes in den Grenztruppen Suizid begingen, sowie jenen DDR-Grenzwächtern, die von westlicher Seite, von Fahnenflüchtigen oder von eigenen Kameraden irrtümlich als Flüchtlinge erschossen wurden.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Biografien der Todesopfer im innerdeutschen Grenzgebiet 1949–1989

Personen, die bei Grenzüberquerungen von Grenzpolizisten erschossen wurden; Einwohner im grenznahen Raum, die 1952 wegen der Zwangsaussiedlung Suizid begingen; Personen, die bei Fluchtversuchen aus der DDR ums Leben kamen; Personen, die ohne Fluchtabsicht an der innerdeutschen Grenze durch Schusswaffenanwendung, Minenauslösung oder Sperranlagen ums Leben kamen; DDR-Grenzwachen und sowjetische Soldaten, die bei Fahnenfluchtversuchen im Grenzraum ums Leben kamen oder sich nach dem Scheitern ihres Fluchtversuchs das Leben nahmen; Zollbeamte, die von DDR-Grenzwachen erschossen wurden; im DDR-Sperrgebiet festgenommene DDR-Flüchtlinge und Bundesbürger, die in der Haft Suizid begingen; Personen, die seit einem Fluchtversuch vermisst sind.

Todesfälle in Ausübung des Grenzdienstes

DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die von US-Grenzpatrouillen, Beamten des Bundesgrenzschutzes oder von bewaffneten Zivilpersonen erschossen wurden; DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die von Fahnenflüchtigen erschossen wurden; DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die von eigenen Kameraden irrtümlich als Flüchtlinge erschossen wurden.

Todesfälle im kausalen Zusammenhang des DDR-Grenzregimes

Deserteure aus der sowjetischen Armee (GSSD) oder der Nationalen Volksarmee, die auf ihrem Fluchtweg zur innerdeutschen Grenze erschossen wurden; DDR-Bürger und Volkspolizisten, die im Vorfeld des Grenzgebiets durch bewaffnete Fahnenflüchtige oder durch Fluchtwillige getötet wurden; DDR-Grenzpolizisten, die wegen geplanter oder realisierter Fahnenfluchten zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden; Suizide nach Minenverletzung.

Suizide in den Grenztruppen

Suizide aus Angst vor Bestrafung; Suizide wegen der Zumutungen des Dienstes in den Grenztruppen; Selbstötungen wegen Schikanen durch Vorgesetzte oder Kameraden; Selbsttötungen von Grenzpolizisten und Grenzsoldaten mit anderem dienstlichen Hintergrund.

Weitere Todes- und Verdachtsfälle

Leichenfunde im Grenzgebiet einschließlich Grenzgewässer, Personalien bekannt, Todesursache ohne erkennbaren Bezug zum DDR-Grenzregime; nicht identifizierte Leichen im innerdeutschen Grenzraum einschließlich Grenzgewässern, deren ursächlicher Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime zweifelhaft blieb bzw. nicht aufklärbar war; Todesfälle nach Verletzungen durch Minen oder Schusswaffen, die zu einem erheblich späteren Zeitpunkt eintraten, möglicherweise aber Spätfolgen←5 | 6→ der Verletzungen waren; Suizide von Westdeutschen im Grenzgebiet; Autounfälle in Grenzübergangsstellen mit Todesfolgen; Herzinfarkte an Grenzübergängen; Personen, die nach abgelehnten Ausreiseanträgen Suizid begingen; DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die durch Schusswaffenmissbrauch, fahrlässigen Schusswaffengebrauch, bei Minenunfällen und bei Arbeiten an Grenzsperranlagen ums Leben kamen; DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die bei der Ausbildung für den Grenzdienst oder in Ausführung von dienstlichen Aufgaben im räumlichen Umfeld der Grenze ums Leben kamen; Suizide in den Grenztruppen, die nicht nachweisbar in dienstlichem Zusammenhang stehen.

Anhang

Chronologische Übersicht über die Todesopfer; alphabetisches Register zu den Todesopfern; ausgewählte Literatur; Abkürzungsverzeichnis; Danksagung.

Alphabetisches Register der 327 Todesopfer

Alphabetisches Register der untersuchten Verdachts- und Zweifelsfälle

Ausgewählte Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Danksagung←6 | 7→

Vorwort

Dieses Handbuch soll zur Erinnerung an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Landgrenze beitragen. Viele der überwiegend jungen Flüchtlinge aus der DDR entschieden sich bewusst für den gefahrvollen Weg in die Freiheit und gegen die SED-Diktatur, die ihnen eine selbstbestimmte Zukunft verwehrte. Ihnen gebührt ein ehrendes Gedenken.

Die Berliner Mauer ist bis heute in der Weltöffentlichkeit das Symbol der deutschen Teilung. Die 1961 erfolgte Abriegelung der innerstädtischen Grenze in Berlin vollendete aber nur, was schon lange vorher an der Westgrenze der DDR begonnen hatte: Die Teilung der Nation durch die Abschottung der DDR von der Bundesrepublik und die Eingliederung Ostdeutschlands in das sowjetische Imperium. Die Aufteilung Deutschlands erfolgte unmittelbar nach der Zerschlagung der nationalsozialistischen Herrschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Verhältnisse an den durch die Siegermächte vereinbarten Demarkationslinien zwischen den neu gebildeten vier Zonen bzw. vier Berliner Sektoren entwickelten sich bald nach Kriegsende vollkommen unterschiedlich. Während die Grenzen zwischen den drei westlichen Zonen und Sektoren weitgehend durchlässig blieben, versuchte die sowjetische Besatzungsmacht, die Demarkationslinie ihrer Besatzungszone und den grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehr möglichst umfassend zu kontrollieren und einzuschränken. Zur Überwachung ihrer Zonengrenze ordnete die sowjetische Militäradministration 1947 die Aufstellung einer deutschen Grenzpolizei an.

Die sowjetische Besatzungsmacht und seit Gründung der DDR im Jahr 1949 auch die SED-Führung trugen die Verantwortung für das im Laufe der Jahrzehnte ausgebaute System der Grenzsicherung, das nur unter Lebensgefahr zu überwinden war. Es trennte nicht nur Familien und Freunde, sondern führte auch zu unzähligen Verletzten und Todesopfern. Das Grenzregime des SED-Staates symbolisierte gleichermaßen die fehlende Legitimation der herrschenden Kommunisten und den inhumanen Charakter ihrer sozialistischen Diktatur.

Während Zahl und Umstände der Todesfälle an der Berliner Mauer durch ein 2009 abgeschlossenes Forschungsprojekt des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung und der Stiftung Berliner Mauer wissenschaftlich untersucht und publiziert wurden, existierte zu den Todesopfern an der innerdeutschen Grenze keine vergleichbare Studie. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin schlug dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Bernd Neumann im Jahr 2006 eine wissenschaftliche Untersuchung der tödlichen Vorfälle an der innerdeutschen Grenze vor und bat um Unterstützung dieses Vorhabens. Da die Finanzierung eines solchen Forschungsprojekts sowohl in die Verantwortung des Bundes als auch der Länder fällt, ersuchte der Forschungsverbund SED-Staat alle Bundesländer ebenfalls um Beihilfe. Nach einem zeitaufwendigen Abstimmungsverfahren erklärten sich die Länder Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt dazu bereit, ein Forschungs- und Dokumentationsprojekt zu den Todesopfern an der innerdeutschen Grenze gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu unterstützen. Die Herausgeber danken für die Finanzierung der Forschungen zu diesem Handbuch insbesondere Staatsminister Bernd Neumann und seiner Amtsnachfolgerin Staatsministerin Prof. Monika Grütters, der damals zuständigen nieder←7 | 8→sächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kultur Prof. Dr. Johanna Wanka, ihrer Amtsnachfolgerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajić sowie den Ministerpräsidenten Volker Bouffier und Reiner Haseloff.

Die in diesem Band enthaltenen Forschungsergebnisse über die Todesopfer an der fast 1.400 km langen innerdeutschen Grenze sind das Ergebnis von wissenschaftlichen Recherchen des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Von September 2012 bis Januar 2017 untersuchte ein Wissenschaftlerteam des Forschungsverbundes alle Todesfälle an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und recherchierte biografische Angaben zu den Personen, die dem DDR-Grenzregime seit Gründung des SED-Staates bis zum Mauerfall im Jahr 1989 zum Opfer fielen. Eine wissenschaftliche Studie über die bei Fluchtversuchen über die Ostsee und an den Grenzen anderer Ostblockstaaten ums Leben gekommenen DDR-Flüchtlinge steht noch aus.

Berlin, 31 März 2017 Klaus Schroeder/Jochen Staadt (Projektleitung)

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Einleitung

Mehr als vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1989 die DDR, weil sie mit den politischen Verhältnissen und den Lebensbedingungen in diesem Staat nicht einverstanden waren. Das SED-Regime war zu keinem Zeitpunkt durch die Zustimmung einer Mehrheit der ihm unterworfenen Bevölkerung legitimiert. Die SED hat weder auf Länderebene in der Sowjetischen Besatzungszone und Groß-Berlin noch am Ende der deutschen Teilung in der noch existierenden DDR als SED/PDS in freien Wahlen eine absolute Mehrheit errungen. Für die Mehrheit der DDR-Bürger blieb vielmehr die Bundesrepublik in politischer, kultureller und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht der positiv besetzte Vergleichsmaßstab gegenüber den Verhältnissen im SED-Staat. Mit diesem Handbuch soll an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes, ihre Beweggründe und ihre Lebensgeschichten erinnert werden.

Schon unmittelbar nach der Aufteilung Deutschlands in Zonen begann die sowjetische Besatzungsmacht mit der Kontrolle ihrer Westgrenze. Bereits vor der Gründung der beiden deutschen Staaten stellte die sowjetische Militäradministration in der SBZ eine deutsche Grenzpolizei auf, in der über 10 000 Männer ihren Dienst verrichteten. Die Verantwortlichen in der DDR definierten ihr Grenzregime als die „Gesamtheit der spezifischen Rechtsnormen des Staates zur Regulierung der Verhältnisse an der Staatsgrenze sowie des Verkehrs und der Kommunikation über sie und das darauf begründete Tätigwerden der zur Sicherung eingesetzten/handelnden Staatsorgane und gesellschaftlichen Kräfte“.1 Das „Tätigwerden“ zur Grenzsicherung umfasste:

Die Überwachung der Staatsgrenze und des davor befindlichen Sperrgebiets durch polizeiliche und militärische Einheiten

Die Bestimmungen und Befehle zur Schusswaffenanwendung gegen „Grenzverletzer“

Die Kontrolle und Überwachung des eingesetzten polizeilichen und militärischen Personals durch die SED und ihren Staatssicherheitsdienst

Der Ausbau und die Unterhaltung von Sicherungsanlagen, Minenfeldern und Selbstschussanlagen

Die Überwachung und Kontrolle der Grenzübergangsstellen, der Ein- und Ausreisen und des Transitverkehrs

Die Überwachung und Kontrolle der im Grenzgebiet wohnenden und/oder arbeitenen Bevölkerung inklusive der Einreisen in das Grenzgebiet

Die Überwachung von Personen außerhalb des Grenzgebietes, die bei den Sicherheitsbehörden unter Fluchtverdacht gerieten

Die Anwendung der Strafjustiz und institutioneller Diskriminierungen gegen DDR-Bürger, die Fluchtversuche unternommen, solche geplant oder Ausreisanträge gestellt hatten←9 | 10→

Zur Entwicklung des DDR-Grenzregimes

Nach der Staatsgründung verdichtete die DDR die Sicherung der Grenze, indem sie die Personalstärke der Grenzpolizei stetig erhöhte.2 Im Jahr 1952 errichtete der SED-Staat ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet mit einem 500 Meter tiefen Schutzstreifen. Mehr als 8 000 Bürger wurden 1952 im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ als „politisch Unzuverlässige“ gezwungen, ihre Häuser und Höfe im Grenzgebiet zu verlassen.3 Außerdem wurde mit dem Aufbau eines ca. 1,5 Meter hohen Stacheldrahtzaunes an der innerdeutschen Grenze begonnen. Nach DDR-Statistiken flohen 1952 insgesamt 185 778 Menschen über die innerdeutsche Grenze in den Westen. Während im bürokratischen Sprachgebrauch des Regimes bis dahin von „illegalen Verzügen nach Westdeutschland“ die Rede war, spricht die Statistik für das III. Quartal 1952 von „republikflüchtigen Personen“. Besonders beunruhigend für das SED-Regime war die hohe Zahl der 1952 geflüchteten Arbeiter, deren Anteil bei 36,5 Prozent der Flüchtlinge lag. Die soziale Zusammensetzung der bei Fluchtversuchen festgenommenen Personen blieb über alle Jahre relativ konstant. So registrierte die Volkspolizei 1982 unter den bei Fluchtversuchen Festgenommenen 36,8 Prozent Facharbeiter, 19,4 Prozent ungelernte Arbeiter, 6,4 Prozent Schüler und Studenten, 2,1 Prozent Akademiker sowie 1,1 Prozent medizinisches Personal. Zu 44,5 Prozent handelte es sich dabei um DDR-Bürger im Alter zwischen 18 und 25 und zu 31,8 Prozent im Alter zwischen 25 und 35 Jahren.

Bis in die frühen 1950er Jahre gehörte es zum Alltag an der Zonengrenze, dass sich Einwohner des Grenzraums das Recht auf einen „kleinen Grenzverkehr“ nahmen, um auf der anderen Seite der Grenze Lebensmittel und andere Waren zu kaufen oder zu tauschen sowie Verwandte oder Freunde zu besuchen. Auch wohnten im DDR-Grenzgebiet noch Personen, die einer Erwerbstätigkeit auf der Westseite nachgingen. Die Thüringische Grenzpolizei erfasste bereits zwischen Dezember 1946 und Oktober 1947 insgesamt 146 872 „illegale Grenzübertritte“.4 Bei der überwiegenden Zahl der Todesfälle an der innerdeutschen Grenze handelte es sich in den ersten Jahren nach Gründung der DDR überwiegend um „Grenzgänger“, die aus unterschiedlichen Gründen ohne Interzonenpässe die Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland überquerten. Aus den Berichten der Deutschen Grenzpolizei an die sowjetische Kontrollkommission in Wünsdorf gehen für das IV Quartal 1951 und die ersten drei Quartale 1952 die Größenordnungen dieses Grenzverkehrs und die damit verbundenen Risiken für die Betroffenen hervor. So nahm die Deutsche Grenzpolizei (DGP) der DDR im IV. Quartal 1951 insgesamt 30 070 Personen vorläufig fest, davon 7 407 „aus der Westzone“. Weiterhin beschlagnahmte die DGP Lebensmittel im Wert von 208 706,84 DM, Industriewaren im Wert von 211 616, 99 DM und Valuta in Höhe←10 | 11→ von 705 538,65 DM. DDR-Grenzpolizisten gaben 2 134 Schüsse aus ihren Karabinern ab, davon waren 1 693 Warnschüsse. Mit Pistolen schossen DDR-Grenzpolizisten 282 mal, wobei die Zahl der Warnschüsse mit 162 angegeben ist. Zwei Personen kamen durch die Schusswaffenanwendung im IV. Quartal 1951 ums Leben, acht erlitten Verletzungen. Die für das IV. Quartal 1951 genannten Zahlenangaben finden sich in ähnlicher Größenordnung auch in den Quartalsbericht für 1952. Zwar sanken die Schusswaffenanwendungen auf 687 Fälle, jedoch erhöhte sich die Zahl der erschossenen „Grenzverletzer“ drastisch auf 19 und der durch Schusswaffenanwendung Verletzten bis zum Ende des III. Quartals 1952 auf 42. Zur Bewachung der DDR-Grenze kamen zu diesem Zeitpunkt in der DGP 1 149 Offiziere, 3 591 Unteroffiziere und 16 163 Mannschaftsdienstgrade zum Einsatz.5

Nach Abstimmung mit der sowjetischen Besatzungsmacht und entsprechenden Beschlüssen der SED-Führung übernahm die Deutsche Grenzpolizei 1955 die alleinige Verantwortung für die Bewachung der DDR-Grenze und begann damit, die innerdeutsche Grenze auch teilweise militärisch gegen die eigene Bevölkerung abzusichern.6 Dennoch blieb das Sperrgebiet weiterhin durchlässig. Für das Jahr 1956 wies die Statistik der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei 316 028 Flüchtlinge aus. Mit dem Bau der Mauer im August 1961 endete für die DDR-Bürger die letzte Möglichkeit, relativ gefahrlos in die Bundesrepublik zu gelangen. Dennoch versuchten Zehntausende auf verschiedenen Wegen, die scharf kontrollierte Grenze zu überwinden. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die „Grenzsicherungsanlagen“ stetig ausgebaut, sodass es nur etwa 40 000 Menschen (davon rund 5 000 in Berlin) gelang, diesen Todesstreifen zu überwinden. Die meisten Fluchten über die innerdeutsche Grenze nach dem Mauerbau glückten in den ersten Jahren nach der Abriegelung Ost-Berlins. Laut einer Statistik des DDR-Staatssicherheitsdienstes verließen vom 13. August 1961 bis zum 30. April 1965 insgesamt 23 456 Personen „unter Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen“ die DDR. Zwischen dem 1. Januar 1962 und dem 10. April 1965 gelangten 6 103 Flüchtlinge über die innerdeutsche Grenze, 2 788 über die Berliner Grenzen und 256 über die Ostsee in den Westen. Das MfS meinte 2 716 dieser Fluchten seien mit gefälschten Dokumenten erfolgt.7 Auch in der Ära der 1969 von der Bundesregierung Brandt/Scheel eingeleiteten Entspannungspolitik verschärfte das SED-Regime fortlaufend die Überwachung und militärische Absicherung der innerdeutschen Grenze.8 In diese Zeit fällt auch die Aufrüstung der Grenzanlage mit Sprengfallen (Schützenminen, SM 70), die sich ausschließlich gegen Flüchtlinge richteten.←11 | 12→

Die politische Verantwortung für die Verminung der Grenze und die Schusswaffenanwendung im Grenzgebiet lag in den Händen der SED-Führung, die durch ihre Entscheidungen zwischen 1949 bis 1989 die Grundsätze des DDR-Grenzregimes festlegte. So befasste sich das SED-Politbüro am 6. Juli 1971 mit „Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit und Ordnung an der Staatsgrenze zur BRD“ und beklagte, dass die „mögliche Anwendung der Aufenthaltsbeschränkung (Aussiedlung) politisch labiler und asozialer Menschen“ aus dem Grenzgebiet von den dortigen Gemeindeverwaltungen „so gut wie nicht angewandt“ werde. „Die Lage an der Staatsgrenze“ sei „immer noch durch eine hohe Anzahl der Versuche von Grenzdurchbrüchen charakterisiert, wobei die Methoden der Grenzverletzer ständig gefährlicher und raffinierter werden.“ Deswegen seien weitere Maßnahmen zur „Erhöhung der Sicherheit und Ordnung an der Staatsgrenze“ zu ergreifen. Diese Maßnahmen bestanden u. a. in eine Neufestlegung des Schutzstreifens. Dort sollten „der Aufenthalt sowie die Bewegung von Personen und technischen Mitteln außerhalb geschlossener Ortschaften ständig unter Kontrolle“ sein. Möglichst wenige Ortschaften, Industriebetriebe und – anlagen sollten im Schutzstreifen verbleiben. Vor allem aber sei der „Schutzstreifen […] unter Berücksichtigung der Lage an der Staatsgrenze, der Hauptrichtungen in der Grenzsicherung und der Geländebedingungen pionier- und signaltechnisch auf der Grundlage der dafür geplanten finanziellen und materiellen Mittel wirksamer auszubauen. […] Die Anstrengungen müssen zielstrebiger auf die Entwicklung und Errichtung solcher Sperren und signaltechnischer Anlagen konzentriert werden, die eine hohe Stabilität und Sperrfähigkeit sowie eine geringe Störanfälligkeit besitzen und einen geringen Wartungsaufwand erfordern. Zur wirksamen Unterstützung der Grenzsicherungsmaßnahmen sind die Sperranlagen entsprechend den Erfordernissen durch Schützenminen zu verstärken.“9

Das Schicksal der Opfer des DDR-Grenzregimes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze war bislang noch nicht grundlegend erforscht. Zu den Todesopfern an der innerstädtischen Berliner Grenze liegen für den gleichen Zeitraum inzwischen zwei wissenschaftliche Untersuchungen vor.10 Die in diesem Band enthaltenen Forschungsergebnisse zu den Opfern des DDR-Grenzregimes an der fast 1 400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze sind das Ergebnis von wissenschaftlichen Recherchen des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Von September 2012 bis Januar 2017 untersuchte ein Wissenschaftlerteam des Forschungsverbundes SED-Staat mit finanzieller Unterstützung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen alle Todesfälle an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und recherchierte die biografischen Angaben zu den im Grenzgebiet zwischen 1949 und 1989 ums Leben gekommenen Männern, Frauen und Kindern. Für die Untersuchung wurde die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 als zeitlicher Ausgangspunkt gewählt, da trotz fortbestehender direkter Kontrolle der Deutschen Grenzpolizei durch sowjetische←12 | 13→ Berater mit der staatlichen Konstituierung der DDR die politische und polizeiliche Verantwortung für die Überwachung der innerdeutschen Grenze durch den SED-Staat und seine Institutionen wahrgenommen wurde.

Forschungsstand

Zu tödlichen Zwischenfällen an der innerdeutschen Landgrenze liegen bislang vor allem regionalhistorische Darstellungen, Dokumentationen zu ausgewählten Todesfällen und Studien zur Strafverfolgung nach der Wiedervereinigung vor, die sich gegen die Verantwortlichen für Tötungs- und Körpervberletzungsdelikte richteten.11 Dieses Handbuch rekonstruiert in Anlehnung an die Berliner Untersuchung über „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989“12 die Biografien und Schicksale der Menschen, die zwischen 1949 und 1989 an der DDR-Westgrenze um Leben kamen. Die tödlich endenden Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die Ostsee und am Eisernen Vorhang in anderen Ostblockstaaten liegen außerhalb des Untersuchungsfeldes und fanden deswegen keine Berücksichtigung bei den Recherchen im Rahmen dieses Forschungsprojektes.13

Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu den Toten an der Ost-Berliner Grenze (Hertle/Nooke, Sälter u. a.) bzw. der sächsischen Grenze (Gülzau) enthalten in ihren Einleitungen eine „Definition des Begriffs ‚Todesopfer an der Berliner Mauer‘“ (Hertle/Nooke) bzw. eine „verbindliche Definition des Begriffs‚ Grenzopfer‘“ (Gülzau). Jan Gülzau übernimmt von Hertle/Nooke geografisch modifiziert die Kriterien bzw. Fallgruppen „getötete und verunglückte/suizidierte Flüchtlinge“, „getötete und verunglückte Menschen ohne Fluchtabsicht“ bzw. „im Dienst getötete Angehörige der←13 | 14→ Grenzschutzorgane“ mit der nachvollziehbaren Begründung, dass es perspektivisch nur so möglich sei, eine Gesamtzahl aller Todesopfer des DDR-Grenzregimes benennen zu können: „Es muss ein Fluchthintergrund oder aber ein zeitlicher und räumlicher Zusammenhang des Todes mit dem Grenzregime an der Mauer gegeben sein.“ (Hertle/Nooke) „Entweder ist der Fluchthintergrund offensichtlich, oder aber es besteht ein zumindest enger zeitlicher und räumlicher Zusammenhang des zu Tode gekommenen mit dem Grenzregime der DDR.“ (Gülzau).14 Sälter/Dietrich/Kuhn schließen sich dem im Prinzip an. Sie benennen als Kriterien für die Aufnahme eines Falles in ihren Band „einen evidenten Fluchthintergrund“, einen räumlichen und kausalen engen Bezug zum Grenzregime sowie einen nachweisbaren Zusammenhang des Todesfalls mit einer Grenzüberquerung. Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke haben für ihre Untersuchung der Todesfälle an der Berliner Grenze die folgenden fünf Fallgruppen gebildet:

„Flüchtlinge, die beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, von Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR erschossen wurden bzw. an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen gestorben sind;

Flüchtlinge, die beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, tödlich verunglückten oder sich angesichts des Scheiterns ihres Fluchtvorhabens das Leben nahmen bzw. an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen gestorben sind;

Menschen aus Ost und West, die an der Berliner Mauer von Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR erschossen wurden bzw. an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen gestorben sind;

Menschen aus Ost und West, die an der Berliner Mauer durch Handeln oder Unterlassen der bewaffneten Organe der DDR verunglückten bzw. an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen gestorben sind;

Angehörige der Grenztruppen, die während ihres Dienstes an der Berliner Mauer getötet wurden bzw. an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen gestorben sind.“15

Da sich das DDR-Grenzregime an der innerdeutschen Landgrenze hinsichtlich der in verschiedenen Etappen erfolgten Verschärfungen der Abriegelung des Grenzraums, seiner in 40 Jahren mehrfach veränderten räumlichen Dimension sowie insbesondere durch den Einsatz von Erdminen und Sprengfallen (SM 70) erheblich von den Gegebenheiten an der Berliner Grenze unterschied,16 erwies sich im Laufe der Untersuchung eine vertiefende Ausdifferenzierung der für das Berliner Handbuch gebildeten Fallgruppen als notwendig. Die nachstehende Konkretisierung und Erweiterung der Kategorien zur Aufnahme in das biografische Handbuch wahrt die Vergleichbarkeit der Forschungsergebnisse zu der Grenze um Ost-Berlin mit den Todesopfern an der DDR-Westgrenze unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Grenzregimes an der innerdeutschen Landgrenze. Letzteres betrifft unter anderem die Suizide im Kontext der Zwangsaussiedlungen, die durch Minen und Spreng←14 | 15→fallen verursachten Todesfälle, Suizide von Bürgern beider deutschen Staaten nach Festnahmen im Grenzgebiet, Todesfälle von DDR-Grenzern nach Konfrontationen mit amerikanischen Patrouillen, Zoll- oder BGS-Beamten, Hinrichtungen von DDR-Grenzpolizisten wegen angeblicher Fahnenflucht- oder Spionageabsichten sowie Todesfälle im Vorfeld des Grenzraums, die sich im Zusammenhang mit Fluchtvorhaben oder Fahnenfluchten ereignet haben.

Schließlich stellte sich bei der vorläufigen Erfassung von 203 Suiziden in den DDR-Grenztruppen heraus, dass mehr als zwanzig Prozent dieser Selbsttötungen mit dienstlichen Problemlagen zusammenhingen. Deswegen enthält dieses Handbuch als eigene Fallgruppe Biografien der Grenzpolizisten und Soldaten, die sich aus Verzweiflung über die Zumutungen des Grenzdienstes oder aus Angst vor Bestrafungen nach geringfügigen Vergehen im Grenzdienst das Leben nahmen. Entgegen der früheren westdeutschen Wahrnehmung dienten zahlreiche junge Männer nur mit Widerwillen in den DDR-Grenztruppen. Aus diversen Statistiken des MfS geht für die Zeit vom Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 eine Zahl von 1 933 geglückten Fahnenfluchten aus den Grenztruppen hervor. Etwa dreimal höher lag die Zahl der im Vorfeld verhinderten Fahnenfluchten.17

Stichproben in den Meldungen der MfS-Hauptabteilung I legen nahe, dass in den späten 1980er Jahren zwischen zwei und neun verdeckte Abversetzungen täglich angeordnet wurden. So sorgte der Staatssicherheitsdienst 1985 dafür, dass insgesamt 850 für die Grenztruppen gemusterte Soldaten wegen „Fahnenfluchtäußerungen“ und anderer Unsicherheitsmomente nicht an der Grenze zum Einsatz kamen und 535 Soldaten aus grenzsichernden Einheiten abgezogen wurden. Zusammengenommen fehlten den Grenztruppen demnach 1 385 Soldaten, im Vorjahr waren es 1 150, und im folgenden Jahr 1986 erhöhte sich die Zahl der nicht eingesetzten bzw. abgezogenen Grenzsoldaten auf 1 506.18 Im Laufe der Recherchen der Forschungsgruppe in den einschlägigen MfS- und Grenztruppenüberlieferungen fanden sich zahlreiche Hinweise←15 | 16→ auf die Verweigerung des Schusswaffengebrauchs durch junge Grenzsoldaten.19 Aufgrund der täglichen Vergatterung zur Schusswaffenanwendung gegen Flüchtlinge, des militärischen Drills, der Abwesenheit von Familie und Freunden, des Fehlens von Zuwendung und Liebe, der Hänseleien und der Nichtanerkennung im Kameradenkreis sowie der Herabsetzungen durch Vorgesetzte empfanden einige Grenzsoldaten ihre Lage als derart ausweglos, dass sie ihrem Leben ein Ende setzten. Auch diese überwiegend 18- bis 21-Jährigen sind nach Auffassung der Herausgeber dieses Handbuchs Opfer des DDR-Grenzregimes.20

Fallgruppen für das biografische Handbuch

A) Todesfälle im innerdeutschen Grenzgebiet 1949–1989

1. Zivilpersonen, die nach 1949 ohne Interzonenpass oder Aufenthaltsgenehmigung die innerdeutsche Demarkationslinie überquerten und als „illegale Grenzgänger“ von Streifen der Deutschen Grenzpolizei erschossen wurden;

2. Einwohner im grenznahen Raum, die im Zusammenhang mit der 1952 von der DDR-Regierung angeordneten Zwangsaussiedlung aus dem Grenzsperrgebiet Suizid begingen;

3. Zivilisten, die bei Fluchtversuchen aus der DDR ums Leben kamen;

4. Personen, die ohne Fluchtabsicht an der innerdeutschen Grenze durch Schusswaffenanwendung, Minenauslösung oder Sperranlagen ums Leben kamen;

5. DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die bei Fahnenfluchtversuchen ums Leben kamen oder sich nach dem Scheitern ihres Fluchtversuchs das Leben nahmen;

6. Zollbeamte, die von DDR-Grenzwachen erschossen wurden;

7. Im DDR-Sperrgebiet festgenommene DDR-Flüchtlinge und Bundesbürger, die in der Haft Suizid begingen;

8. Deserteure aus der sowjetischen Armee (GSSD), die im Grenzgebiet erschossen wurden;

9. Personen, die seit einem Fluchtversuch vermisst sind.

B) Todesfälle in Ausübung des Grenzdienstes

1. DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die bei Konfrontationen mit amerikanischen Grenzpatrouillen, Beamten des Bundesgrenzschutzes sowie beim Versuch der Kontrolle oder Festnahme von bewaffneten Zivilpersonen erschossen wurden;

2. DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die von Fahnenflüchtigen erschossen wurden;

3. DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die von eigenen Kameraden irrtümlich als Flüchtlinge erschossen wurden.

C) Todesfälle im kausalen Zusammenhang des DDR-Grenzregimes innerhalb und außerhalb des räumlichen Umfelds der innerdeutschen Grenze←16 | 17→

1. Deserteure aus der sowjetischen Armee (GSSD) oder der Nationalen Volksarmee, die auf ihrem Fluchtweg zur innerdeutschen Grenze erschossen wurden;

2. DDR-Bürger und Volkspolizisten, die im Vorfeld des Grenzgebiets durch bewaffnete Fahnenflüchtige oder durch Fluchtwillige getötet wurden;

3. DDR-Grenzpolizisten, die wegen geplanter oder realisierter Fahnenfluchten zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden;

4. Suizide nach Minenverletzung.

D) Selbsttötungen von Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die nach den vorliegenden Überlieferungen wegen der Zumutungen des Dienstes in den Grenztruppen oder aus Angst vor Bestrafungen erfolgten.

E) Weitere Todes- und Verdachtsfälle, die im Anhang erläutert werden:

1. Leichenfunde im Grenzgebiet einschließlich Grenzgewässer, Personalien bekannt, Todesursache ohne erkennbaren Bezug zum DDR-Grenzregime;

2. Nicht identifizierte Leichen im innerdeutschen Grenzraum einschließlich Grenzgewässern, deren ursächlicher Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime zweifelhaft blieb bzw. nicht aufklärbar war;

3. Todesfälle nach Verletzungen durch Minen oder Schusswaffen, die zu einem erheblich späteren Zeitpunkt eintraten, möglicherweise aber Spätfolgen der Verletzungen waren;

4. Suizide von Westdeutschen im Grenzgebiet;

5. Autounfälle in Grenzübergangsstellen mit Todesfolgen;

6. Herzinfarkte an Grenzübergängen;

7. Personen, die nach abgelehnten Ausreiseanträgen Suizid begingen;

8. DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die durch Schusswaffenmissbrauch, fahrlässigen Schusswaffengebrauch, bei Minenunfällen und bei Arbeiten an Grenzsperranlagen ums Leben kamen; DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, die bei der Ausbildung für den Grenzdienst oder in Ausführung von dienstlichen Aufgaben im räumlichen Umfeld der Grenze ums Leben kamen;

9. Suizide in den Grenztruppen, die nicht nachweisbar in dienstlichem Zusammenhang stehen.

Verlauf der Untersuchung

Insgesamt mussten 1 492 Verdachtsfälle, zu denen es in unterschiedlichen Archiven und durch Zeitzeugen Hinweise auf Todesumstände im Kontext des DDR-Grenzregimes gab, überprüft werden. Die Gesamtzahl der Verdachtsfälle beruhte auf:

Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft, die auf Ermittlungen der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) beruhten. Demnach starben an der DDR-Grenz 128 und in Berlin 109 Menschen durch Gewaltakte der DDR-Grenzsicherungskräfte, 33 Personen kamen laut ZERV an der innerdeutschen Grenze durch Erd- oder Splitterminen ums Leben.21 In diesen←17 | 18→ Zahlenangaben sind nur diejenigen Fälle enthalten, die auf strafrechtlich relevantes Handeln oder Unterlassen von Befehlshabern und DDR-Grenzwachen beruhen. Grenzgänger und Flüchtlinge, die durch Unfälle ums Leben kamen oder in Grenzgewässern ertranken sind darin nicht berücksichtigt;22

Angaben aus einer digitalisierte Überlieferung der DDR-Grenztruppen zu Grenzzwischenfällen, die das Bundesarchiv Koblenz dem Forschungsteam zugänglich machte. Diese Datenbank enthält in kodierter Form Grenzzwischenfälle aller Art;

Angaben aus der von Gerhard Schätzlein nach Recherchen in den Überlieferungen der DDR-Grenztruppen (Bundesarchiv Freiburg) angelegten fall- und namensbezogenen Datenbank über Grenzzwischenfälle, die Gerhard Schätzlein dem Forschungsteam zur Auswertung überlassen hat;

Ergebnissen der Auswertung einschlägiger Sekundärliteratur durch das Forschungsteam;

Angaben der Arbeitsgemeinschaft 13. August, die Jahr für Jahr wachsende Zahlenangaben zu den Opfern des DDR-Grenzregimes herausbringt. Ihre letzte „vorläufige Bilanz“ vom August 2016 beziffert die Zahl der an der innerdeutschen Grenze vom Kriegsende 1945 bis zum 13. August 1961 um Leben gekommenen Personen auf 387 und für die Zeit vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 auf 393;23

Hinweisen von Zeitzeugen, Standes- und Bürgermeisterämtern, Archivaren, Grenzmuseen und Opferverbänden.

Im Verlauf der Recherchen wurden zunächst sämtliche unnatürliche Todesfälle an der DDR-Grenze aus dem ausgewerteten Archivgut und aus den Sekundärquellen erfasst. Ergänzend erfolgten Nachfragen bei Angehörigen der Todesopfer, bei Standes- und Bürgermeisterämtern, Einwohnermeldeämtern, Krankenhäusern, Friedhofsverwaltungen, regionalen Archiven und Grenzlandmuseen, um die im Schriftgut überlieferten Informationen zu überprüfen und zu ergänzen. Die Ergebnisse der Recherchevorgänge←18 | 19→ wurden in die Arbeitsdatenbanken des Forschungsprojektes zur Verifizierung bzw. Falsifikation der Verdachtsfälle eingespeist.

Folgende Provenienzen berücksichtigte das Forschungsteam bei seinen Recherchen:

historische Überlieferungen aus der DDR: Grenzpolizei, Grenztruppen, Militärstaatsanwaltschaft, Volkspolizei, Staatssicherheit, Justiz, Strafvollzug, SED-Führung, SED-Parteiapparat, Ministerium des Inneren, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten;

historische Überlieferungen aus der Bundesrepublik: Bundesgrenzschutz, Zoll, Bayerische Grenzpolizei, Polizei, Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizbehörden in Salzgitter (ZESt);

Zeitgenössische Medienberichterstattung, Sekundärliteratur über die innerdeutsche Grenze.

Hinzu kamen Überlieferungen aus den Ermittlungsunterlagen der 1990er Jahre:

Zentrale Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV);

Unterlagen der Rechtsprechung (Staatsanwaltschaften der Landesgerichte);

Prozessberichterstattung, juristische Literatur, persönliche Erinnerungen von Zeitzeugen, weitere Sekundärliteratur.

Nach der Auswertung der einschlägigen Bestände im Bundesarchiv Berlin (Rapporte der Volkspolizei an das MdI, SED-Überlieferungen unterschiedlicher Ebenen) sowie mehrerer Landesarchive wurde im Bundesarchiv Koblenz der Bestand der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen Salzgitter durchgesehen, der eine personenbezogene Recherche erlaubt. Diese Überlieferung ermöglichte aufgrund der darin häufig enthaltenen umfangreichen Ermittlungsunterlagen neben Angaben zum Tatgeschehen auch die Rekonstruktion der Biografien einiger Todesopfer an der innerdeutschen Grenze. Das Bundesarchiv Koblenz überließ dem Forschungsteam außerdem eine digitalisierte Überlieferung der DDR-Grenztruppen zu Grenzzwischenfällen. Die notwendige Decodierung der entsprechenden Datensätze erfolgte durch die Forschungsgruppe selbst. Die in der überlieferten Datenbank der DDR-Grenztruppen ermittelten Todesfälle von DDR-Flüchtlingen konnten mit bis dato ermittelten Verdachtsfällen abgeglichen oder in weitere Rechercheschritte übernommen werden. Für die Jahrgänge der vor 1926 Geborenen wurde im Bundesarchiv Berlin die NSDAP-Kartei (vormals BDC) im Hinblick auf Geburtsdaten, Geburtsorte, berufliche Ausbildung und Passbilder durchgesehen.

Zu allen namentlich bekannten Todes- und Verdachtsfällen erfolgten parallel zu den laufenden Recherchen Anfragen im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU), die vielfach weiterführende Informationen insbesondere aus der zentralen und den bezirklichen Untersuchungsabteilungen IX des MfS erbrachten. Es bleibt jedoch wegen der Erschließungslücken beim BStU und den begrenzten Möglichkeiten zur Nutzung von Findhilfsmitteln unsicher, ob sich in den MfS-Unterlagen nicht noch weitere Informationen über Opfer des Grenzregimes befinden, auf die für diese Untersuchung kein Zugriff bestand. Umfangreiche Recherchen konnte das Forschungsteam bei dem BStU in den Überlieferungen der für die Überwachung der Grenztruppen zuständigen Hauptabteilung I des MfS anstellen. Insbesondere das tägliche Meldungsaufkommen dieser Hauptabteilung lieferte zahlreiche Detailinformationen sowohl zu Grenzzwischenfällen aller Art als auch zu Todesfällen in den Grenztruppen.←19 | 20→

Die von der Staatsanwaltschaft Berlin und dem Berliner Innensenator ermöglichte Auswertung der in der Polizeihistorischen Sammlung aufbewahrten Retent-Akten aus dem ZERV-Bestand gestaltete sich hingegen aufwendiger als zunächst angenommen. Der Bestand wurde nur vorläufig und teilweise erschlossen im Keller des ehemaligen Flughafens Tempelhof in disparater Form aufbewahrt. Dennoch fanden sich in dieser Überlieferung zu zahlreichen Zwischenfällen an der innerdeutschen Grenze weitergehende Angaben und Daten zu den Biografien von Todesopfern. Inzwischen ist der Bestand in das Berliner Landesarchiv überführt.

Im Landesarchiv Thüringen Hauptstaatsarchiv Weimar (LATh) ergab sich die Möglichkeit der tiefergehenden Arbeit mit dem Bestand der Staatsanwaltschaft Erfurt. Der erst kürzlich in das Archiv aufgenommene und integrierte Bestand erwies sich als umfangreich und ergiebig. Den Zugang zu den für das Projekt relevanten Fällen ergab sich zum einen über die vom Gericht vergebenen Signaturen aus der Sekundärliteratur, zum anderen durch eine Schlagwortrecherche innerhalb des Recherchesystems des LATh in Weimar. Die einzelnen Ermittlungsvorgänge und Verfahrensakten umfassen in Einzelfällen bis zu 60 Bände, die über keine Inhaltsverzeichnisse verfügen. Da in einigen fallbezogenen Überlieferungen auch die Todesumstände anderer Grenzopfer enthalten sind, gestaltete sich die Durchsicht aufwendig und zeitintensiv. Insbesondere die im Zuge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen geführten Vernehmungen von inzwischen verstorbenen Zeugen ergänzten unsere bisherigen Erkenntnisse jedoch um wichtige Teilaspekte. Auch aus den ergangenen Urteilen (Sammlung Marxen/Werle in der Humboldt-Universität zu Berlin) und ihren oftmals sehr weitreichenden Begründungen kamen weitere Gesichtspunkte für die biografischen Darstellungen hinzu. Ergänzende Recherchen erfolgten weiterhin in den relevanten Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaften Magdeburg, Brandenburg, Neuruppin und Schwerin.

Mehrwöchige Archivbesuche im Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg im Breisgau dienten der systematischen Durchsicht der Grenzpolizei- und Grenztruppenüberlieferung (Tagesrapporte, Statistiken, Berichte, Nachweisbücher). Die Arbeit mit den genannten Beständen führte zu dem Ergebnis einer bisher nicht bekannten Zahl von Suiziden, tödlichen Schusswaffenunfällen sowie Minen- und Dienstunfällen in den Grenztruppen. Zu prüfen war und ist weiterhin in jedem Einzelfall, inwieweit diese Todesfälle dem DDR-Grenzregime geschuldet sind. Hierzu konnten schließlich auch bislang nicht zugängliche Unterlagen der DDR-Militärstaatsanwaltschaft eingesehen werden.

Mit dem Regionalhistoriker Gerhard Schätzlein aus Willmars (Franken) konnten ebenso wie mit Joachim Heise (Nordhausen), Rolf Fechner (Heimatverein Travemünde) und den Regionalhistorikerinnen Inge Bennewitz (Dömitz) und Karin Toben gute Arbeitsbeziehungen hergestellt werden. Gerhard Schätzlein überließ dem Forschungsverbund SED-Staat seine umfangreiche Datenbank über Grenzzwischenfälle zur Auswertung. Ein reger Austausch bestand auch mit dem Regionalbeauftragten Nord der UOKG Michael Schulz. Jan Gülzau, der für das Hannah-Arendt-Institut Dresden die Todesopfer an der sächsischen Grenze erforscht hat, konnte ebenfalls zur Zusammenarbeit gewonnen werden. Weiterhin erfolgten ein schriftlicher Erfahrungsaustausch und Expertengespräche mit Wissenschaftlern, die zu der Thematik gearbeitet haben. Dies waren insbesondere die Projektleiter des biografischen Handbuches „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989“, Maria Nooke und Hans-Hermann Hertle, ehemalige Ermittler der ZERV, Journalisten und Autoren einschlägiger Publikationen,←20 | 21→ Vertreter der Opferverbände, Mitarbeiter von Gedenk- und Erinnerungsstätten im ehemaligen Grenzgebiet sowie ehemalige Militärs der DDR-Grenztruppen.

Seit der öffentlichen Vorstellung des Forschungsprojekts im August 2012 gingen zahlreiche Anfragen zu Todesfällen an der innerdeutschen Grenze ein, überwiegend von Verwandten und Freunden, aber auch aus Grenzgemeinden und Grenzmuseen. Zumeist konnten diese mit weiterführenden Informationen beantwortet werden. Das galt auch für diverse Anfragen von anderen wissenschaftlichen Einrichtungen und Gedenkstätten zur Identität von Todesopfern. Auf die Pressemitteilung des Forschungsverbundes SED-Staat über den Forschungsstand vom August 2016 meldeten sich Familienangehörige und Bekannte von Todesopfern an der innerdeutschen Grenze. Ebenfalls gingen von Zeitzeugen weitere Hinweise auf Zwischenfälle im Grenzgebiet ein, darunter auch Erinnerungen von pensionierten Zollbeamten, die dort seinerzeit dienstlich eingesetzt waren.

Im Zuge der Durchsicht des Meldungsaufkommens der Volkspolizei, der Grenztruppen und der MfS-Hauptabteilung I stieß das Forschungsteam auf vier bis dahin unbekannte Todesopfer an der Ost-Berliner Grenze, sodass sich die Zahl der nachgewiesenen Todesopfer an der Berliner Mauer auf 140 erhöhte.24

Ergebnisse im Einzelnen

Die Überprüfung der insgesamt 1 492 erfassten Verdachtsfälle aus verschiedenen Überlieferungen und Zeitzeugenhinweisen erbrachte Nachweise über 803 Todesfälle (inklusive Todesfälle in den Grenztruppen), die räumlich der innerdeutschen Grenze zugeordnet werden konnten oder sich im Zusammenhang des DDR-Grenzregimes ereigneten. Bei den Verdachtsfällen, die diesen Kriterien nicht entsprachen, handelte es sich um Todesfälle außerhalb des innerdeutschen Grenzgebietes. Darunter befanden sich Flüchtlinge, die bei Fluchtversuchen in der Ostsee und an den Grenzen anderer sozialistischer Staaten ums Leben kamen. Weiterhin waren darunter identifizierte und nicht identifizierte Wasserleichen, die aus Grenzgewässern geborgen worden waren, ohne feststellbaren Fluchthintergrund und ohne dass ein Bezug zum DDR-Grenzregime hergestellt werden konnte. Im Zuge der Überprüfung weiterer Verdachtsfälle, die sich in den Überlieferungen westlicher Dienststellen fanden und auf Beobachtungen des DDR-Grenzraumes durch Zollbeamte, den Bundesgrenzschutz, die Polizei oder auf Aussagen von DDR-Flüchtlingen beruhten, belegten Parallelüberlieferungen der DDR-Seite sowohl Fehlinterpretationen von Schusswaffenanwendungen und Minenexplosionen←21 | 22→ wie auch durch Hörensagen übermittelte angebliche Todesfälle, die nicht den Tatsachen entsprachen. Es kam im Minengürtel häufig zu Minenauslösungen durch Wildtiere oder Witterungseinflüsse. Auch von Jägern abgegebene Schüsse fanden als mutmaßliche Schusswaffenanwendung gegen Flüchtlinge Eingang in das Berichtswesen von Zoll und Bundesgrenzschutz. Ferner unternahm die Einsatzkompanie der MfS-Hauptabteilung I Täuschungsmanöver in nicht verminten Grenzabschnitten. Die MfS-Mitarbeiter brachten dort Übungsmunition zur Explosion, anschließend wurde um Hilfe gerufen, ein Sanitätsfahrzeug fuhr zur Grenze und kurz darauf von dort wieder ins Hinterland. Mit der simulierten Minenexplosion sollte der Bevölkerung in grenznahen Ortschaften suggeriert werden, dass die DDR-Grenze in diesem Gebiet doch vermint sei.25

Schusswaffengebrauch und Minen

Die meisten Todesfälle an der innerdeutschen Grenze sind der Anwendung von Schusswaffen durch die sowjetische Besatzungsmacht, die DDR-Grenzpolizei und seit 1961 durch die DDR-Grenztruppen geschuldet.26 Die Anwendung von Schusswaffen durch sowjetische und DDR-Grenzstreifen kostete an der innerdeutschen Grenze mindestens 141 Menschenleben, sieben DDR-Grenzer wurden von westlicher Seite erschossen. Der erste Todesfall durch einen Schusswaffeneinsatz der Deutschen Grenzpolizei ereignete sich am 16. Oktober 1949, acht Tage nach der DDR-Gründung. Grenzpolizisten schossen an diesem Tag auf Karl Sommer aus Thüringen, der für seine Familie in Bayern Lebensmittel besorgt hatte und sich auf dem Rückweg in seine Heimatstadt Hasselbach befand. Karl Sommer erlag den Folgen seiner Schussverletzung noch auf bayerischem Gebiet. Der letzte Todesfall durch eine Schusswaffenanwendung im Grenzgebiet ereignete sich am 25. Januar 1984 nahe Benneckenstein. Ein gemeinsamer Fahndungstrupp des Grenzregiments Halberstadt und der Volkspolizei stieß dort in einem Wald auf den bewaffneten 20-jährigen sowjetischen Deserteur Nikolai Gal, den ein Volkspolizist in Notwehr erschoss.

Das Ausmaß der Verminung des DDR-Grenzgebietes geht aus einer internen Analyse des Kommandeurs der Pioniereinheiten der DDR-Grenztruppen aus dem Jahr 1979 hervor. Diese Analyse enthält folgende Angaben über die seit 1961 errichteten Minensperren:

1961: Typ 61 Minen POMS auf ca. 150 km;

1962–1965: Minensperren Typ 62 PMD – 6 auf 800 km;

ab 1966: Minensperren Typ 66 PMN, PMP-71, PPM-2 auf 300 km;

ab 1970: Minensperren SM-70 Splitterminen auf 470 km.

In den Minensperren der Typen 61, 62 und 66 wurden im Rahmen von Erneuerungsmaßnahmen bis 1979 insgesamt 1 125 000 Minen neu verlegt und 665 000 alte Minen←22 | 23→ auf 1017, 4 Kilometern geräumt. Seit 1976 wurden ca. 400 000 Minen zusätzlich in solchen Grenzabschnitten neu verlegt, die durch Flüchtlinge überwunden worden waren. Im Jahr 1979 lagen diesem Bericht zufolge noch Erdminen des Typs 62 auf insgesamt 97 Kilometern und Erdminen des Typ 66 auf 291 Kilometern vergraben. Auf insgesamt 383 Kilometern waren die Grenzzäune mit den neuen Splitterminen SM 70 ausgestattet. Zwischen 1962 und 1979 erlitten 101 DDR-Grenzsoldaten Minenverletzungen – wobei in dieser Zahlenangabe MfS-Mitarbeiter und Grenzer, die nur leichte Verletzungen davon trugen, nicht enthalten sind. Nach dieser Aufstellung des Chefs der Pioniertruppen ereigneten sich beim Minenräumen:

eine tödliche Verletzung,

33 schwere Verletzungen (Amputation von Gliedmaßen, Verlust des Augenlichts),

67 mittlere und leichte Verletzungen.

Etwa die Hälfte der Verletzungen entstand beim Räumen der Bodenminen PMN.27 Durch die Explosion von Erdminen, die in eine Bunkeranlage bei Sassnitz eingelagert waren, starben im November 1986 vier weitere Soldaten.28

Dem Minister für Nationale Verteidigung der DDR lag am 1. Oktober 1982 eine vom Chef der Grenztruppen, Generalleutnant Klaus-Dieter Baumgarten, unterzeichnete „Konzeption über den derzeitigen Stand und für den weiteren pionier- und signaltechnischen Ausbau der Staatsgrenzen der DDR zur BRD, zu Berlin (West) sowie zur Volksrepublik Polen und ČSSR“ vor. Darin hieß es, der Kostenaufwand für einen Kilometer Sperranlagen betrage 152 500 Mark. Insgesamt 447 Kilometer der Grenze seien mit Splitterminen gesichert, deren Kosten für fünf Kilometer auf 376 600 Mark zu veranschlagen seien. Vom 1. Dezember 1974 bis zum 30. Mai 1982 seien durch Wild, Blitzschlag oder Fremdströme 52 794 Splitterminen detoniert. Das entspreche 85,7 Prozent aller an Grenzzäunen montierten Sperranlagen. „Der Anteil der detonierten Minen, ausgelöst durch Grenzverletzer, beträgt 0,3 %.“ Der Wert der detonierten Minen betrug über 9,5 Millionen Mark. Mit Erdminen (Minensperre 66) waren laut dieser „Konzeption“ Baumgartens noch 225,5 Kilometer gesichert. Die Kosten für einen mit Erdminen bestückten Grenzkilometer betrugen 322 400 Mark. „Die Festnahme bzw. das Bergen von Verletzten aus Minensperren 66 ist kompliziert, mit einem hohen Kräfte- und Mittelaufwand verbunden und in der Regel durch den Gegner einsehbar bzw. beeinflußbar.“ Die Grenzmauer 75 sei „ein kostenintensives Sperrelement, wartungsarm, formschön und besonders in Kfz-gefährdeten Abschnitten wirksam.“ In Berlin standen davon 1982 bereits 27,2 Kilometer. Die Kosten für einen Kilometer lagen bei 613 700 Mark. Die gegenwärtige Signaltechnik besitze „das technische Niveau vom Ende der 60er Jahre und hat 1982 ihren physischen Verschleiß erreicht“. Baumgartens kritisches Fazit: „Die Sperranlagen mit Splitterminen und die Minensperre 66 als ausschließlich eingesetztes vorderes Sperrelement sind sowohl aus politischer←23 | 24→ Sicht als auch vom konstruktiven und optischen Aufbau her als unzweckmäßig einzuschätzen. Ihr planmäßiger Abbau ist unter Beachtung des Pkt. (6) dieser Konzeption notwendig.“29 Der Hinweis auf Pkt. 6 meinte die Grenzzäune I und II ohne Minen, aber mit einer neu kombinierten Grenzsicherungsanlage, die eine Grenzsignalzaunanlage (Alarmanlage) enthielt und zum Teil schon erprobt worden war.

Bis zur endgültigen Demontage der Minen 1983/84 kam es zu 36 Todesfällen durch Erd- und Splitterminen; 17 Personen starben durch die Auslösung von Erdminen, vier Marinesoldaten kamen bei einer Minenexplosion in einem Lagerbunker ums Leben, 14 Flüchtlinge und ein Grenzsoldat erlagen den Verletzungen durch die Selbstschussfalle SM 70 (auch Anlage 501 genannt).30 Bei den ersten beiden durch Erdminen getöteten Personen handelte es sich um die Bundesbürger Erich Janschke (21) und Klaus Körner (23), die aus unbekannten Gründen am 15. November 1962 von Hessen kommend bei Untersuhl versuchten, über die Grenzanlagen in die DDR zu gelangen. Die in der Nähe stationierten DDR-Grenzer vernahmen zwar eine Detonation, meinten jedoch, es handele sich um eine der häufigen Minenauslösungen durch Wildtiere. Die Leichen von Erich Janschke und Klaus Körner wurden erst am 14. Dezember 1962 von den DDR-Grenztruppen entdeckt und geborgen. Bei dem letzten am 22. März 1984 durch eine Sprengfalle SM 70 getöteten Flüchtling handelte es sich um den LPG-Arbeiter Frank Mater (20), der bei Kleintöpfer (Thüringen) versuchte die DDR-Grenze nach Hessen zu überwinden.

327 Todesfälle durch das Grenzregime an der DDR-Westgrenze von 1949 bis 1989

238 Todesopfer im Grenzgebiet nach Fallgruppen

31 Grenzgänger, erschossen von Grenzpolizisten

6 Suizide im Zusammenhang mit Zwangsaussiedlungen aus dem Grenzgebiet

114 Flüchtlinge

42 Todesfälle ohne Fluchthintergrund durch Schusswaffen, Minen oder Unfälle im Grenzraum und in Grenzanlagen

24 Todesfälle von Fahnenflüchtigen, die erschossen wurden, Minen auslösten, ertranken oder nach dem Scheitern ihres Fluchtversuchs Suizid verübten

2 Todesfälle von Zollbeamten, die von DDR-Grenzpolizisten erschossen wurden

11 Suizide nach Festnahmen im Grenzgebiet

3 im Grenzgebiet erschossene sowjetische Deserteure

5 Flüchtlinge, die nach Fluchtversuchen durch Grenzgewässer vermisst blieben

25 Todesfälle in Ausübung des DDR-Grenzdienstes nach Fallgruppen

3 erschossen von amerikanischen Patrouillen

1 erschossen durch Bundesgrenzschutz←24 | 25→

3 erschossen von bewaffneten Zivilisten

9 erschossen von Fahnenflüchtlingen

9 irrtümlich als Flüchtlinge erschossene Grenzsoldaten

21 Todesfälle im kausalen Zusammenhang des DDR-Grenzregimes nach Fallgruppen

2 erschossen bei Fahnenflucht in Richtung Grenzgebiet

6 erschossen von sowjetischen, ČSSR- oder NVA-Deserteuren

2 im Vorfeld von Fluchtversuchen getötete Volkspolizisten

1 von einem betrunkenen Grenzsoldaten erschossener Zivilist

1 Suizid im Krankenhaus nach Minenverletzung

2 im Grenzgebiet festgenommene und in Moskau hingerichtete Zivilisten

8 hingerichtete ehemalige DDR-Grenzpolizisten

1 in Moskau hingerichteter Zollbeamter.

43 Selbsttötungen von Grenzpolizisten und Grenzsoldaten mit dienstlichem Hintergrund

Die 262 Todesfälle der ersten beiden Fallgruppen lassen sich den fünf oben erwähnen Kategorien des biografischen Handbuches über die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 bis 1989 zuordnen. Bei den 21 Todesfällen im kausalen Zusammenhang des DDR Grenzregimes existieren zu den in Moskau und Leipzig Hingerichteten keine vergleichbaren Fälle im Berliner Handbuch. Gleichwohl stehen diese Hinrichtungen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime, denn zum einen erfolgten alle Festnahmen der später hingerichteten Personen im Grenzraum zum anderen bezogen sich die Urteilsbegründungen auf den Grenzdienst oder auf versuchte oder erfolgte Fluchten.31 Insgesamt 43 Suizide in den DDR-Grenztruppen mit dienstlichem Hintergrund, die in einem Kapitel dieses Handbuches enthalten sind, müssen nach Auffassung der Herausgeber dieses biografischen Handbuches ebenfalls zu den Opfern des DDR-Grenzsystems an der innerdeutschen Grenze gerechnet werden. Demnach fielen unter Berücksichtigung der oben aufgeführten Fallgruppen und der Suizide in den Grenztruppen nach jetzigem Stand insgesamt 327 Personen dem DDR Grenzregime an der innerdeutschen Landgrenze zum Opfer.

Das jüngste aus dem Archivgut ermittelte Todesopfer war ein im Juli 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs erstickter sechs Monate alter Säugling. Das älteste Todesopfer an der innerdeutschen Grenze war ein 81-jähriger Bauer aus dem niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg, der im Juni 1967 irrtümlich in ein Minenfeld geriet. Landminen rissen ihm beide Beine ab. Sein Todeskampf dauerte mehr als drei Stunden. Er verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Grenzstreifen wagte. Der sozialen Zusammensetzung nach handelte es sich bei den Opfern des DDR-Grenzregimes überwiegend um junge Arbeiter, Bauern und Handwerker. Etwa 50 Prozent davon gehörten zur Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren, weitere rund 30 Prozent zur Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren. Auch 19 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren fielen dem DDR-Grenzregime zum Opfer.←25 | 26→ Unter den an der innerdeutschen Grenze ums Leben gekommenen Zivilisten lag der Frauenanteil bei etwas über zehn Prozent. Die Auswertung der NSDAP-Kartei für die Jahrgänge der vor 1926 geborenen Todesopfer an der innerdeutschen Grenze widerlegt für diese Gruppe die Behauptung der SED-Propaganda, unter den „Republikflüchtigen“ der frühen Jahre hätten sich zahlreiche ehemalige NS-Funktionäre befunden. Unter den 13 festgestellten ehemaligen NSDAP-Mitgliedern befand sich keine Person, die in der Nazi-Partei eine herausgehobene Funktion bekleidet hätte.

Im Zuge der Recherchen im Meldungsaufkommen der Grenztruppen und des MfS stieß das Forschungsteam auch auf 454 Todesfälle in den DDR-Grenztruppen, die in keinem Zusammenhang mit Fahnenfluchten standen. Von diesen namentlich und hinsichtlich der Todesumstände erfassten Grenzsoldaten starben mindestens 111 durch Schusswaffenunfälle, 203 durch Suizide und 88 durch Unfälle im Dienst. Diese Zahlenangaben sind unvollständig, da das Forschungsteam nicht sämtliche Tagesmeldungen der Grenztruppen und nicht alle Meldungen des MfS auswerten konnte, sondern nur die Überlieferungen monatsweise durchgesehen hat, in denen zusätzliche Angaben zu bereits festgestellten gescheiterten Fluchten und unnatürlichen Todesfällen im Grenzraum zu vermuten waren.

Quellenkritische Hinweise

Die Inhalte der ausgewerteten Überlieferungen der SED, der DDR-Grenztruppen, des MfS, der Polizei und der DDR-Justiz bewegen sich, was die Zwischenfälle an der DDR-Grenze betrifft, im Spannungsfeld von sachlicher Präzision und einer ideologisch geprägten Weltsicht, die das Geschehen oft verzerrt bzw. den damals geltenden Vorschriften anpasst. Dies hat auch eine persönlichkeitsrechtliche Dimension, da sich die Angehörigen von Todesopfern zu Recht gegen die Veröffentlichung von Informationen aus dem Privatleben, Diffamierungen und moralischen Herabsetzungen aussprechen. Das Forschungsteam hat die Darstellung von Ereignissen und Personen aus DDR-Überlieferungen anhand von komplementären Überlieferungen aus Unterlagen westlicher Dienststellen sowie aus den Polizei- und Justizakten aus den 1990er Jahren und nach Hinweisen von Verwandten und Zeitzeugen quellenkritisch überprüft. Allerdings können quellenkritische Hinweise in den Biografien nicht nach jedem Satz und jedem Sachverhalt neuerlich erfolgen. Die in den DDR-Überlieferungen vielfach enthaltenen Diffamierungen von Opfern des DDR-Grenzregimes, ihre nachträgliche Kriminalisierung und moralischen Herabsetzungen blieben für die Niederschriften der Biografien dieses Handbuchs ohne Belang.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages (12. Wahlperiode) zur „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ bewertete in ihrem Abschlussbericht grundsätzlich die „Qualität und Aussagefähigkeit von Unterlagen des MfS“ folgendermaßen: „Es wäre verfehlt anzunehmen, daß das MfS seine Informationsgewinnung grobschlächtig oder naiv vorgenommen hat. Es ist vielmehr bemüht gewesen, verfälschende Faktoren möglichst auszuschalten, weil diese die Effizienz der eigenen Tätigkeit gefährdeten. Das MfS führte eine permanente Bewertung, Kontrolle und Überprüfung seiner eigenen Informationserhebung durch, betrieb also selbst eine Art ‚Quellenkritik‘. Hierzu bestanden Festlegungen in den dienstlichen Bestimmungen zur operativen Arbeit sowie zur Informations- und Auswertungstätigkeit, die in entsprechenden, zur Schulung der hauptamtlichen Mitarbeiter verwendeten Materialien erläutert und bekräftigt wurden. […] Selbstverständlich sind die im MfS←26 | 27→ geltenden Normen nicht mit der Praxis gleichzusetzen. Wie in allen Apparaten gab es auch hier Abweichungen und vereinzelt regelrechte Verstöße gegen die geltenden dienstlichen Bestimmungen.“32 Grundsätzlich gilt, dass die Geheimdokumente diktatorischer Systeme von einer eindimensionalen Weltsicht geprägt sind und ein ideologisch verzerrtes Bild der real existierenden Verhältnisse enthalten.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash schrieb nach Abschluss seiner vielbeachteten Arbeit über das Ende der deutschen und europäischen Teilung33 in einem Essay über die SED- und MfS-Unterlagen: „Es stimmt nicht, was so oft behauptet wird: daß diese Akten so korrumpiert seien, daß man auf ihrer Grundlage keine zuverlässige Geschichte schreiben könne. Das Material muß mit besonderer Sorgfalt beurteilt werden. Der Text muß in seinem historischen Umfeld gelesen werden. Die Interpretation bedarf sowohl intellektueller Distanz als auch der grundlegend wichtigen imaginativen Sympathie mit allen beteiligten Männern und Frauen, selbst den Unterdrückern. Aber wenn man diese alten vertrauten Disziplinen nutzt, dann läßt sich Wahrheit finden. Keine absolute Wahrheit mit einem großen ‚W‘, aber doch eine reale und wichtige Wahrheit.“34

Eine teilungsbedingt einseitige Sicht auf das Geschehen an der innerdeutschen Grenze lässt sich auch für die bundesdeutsche Überlieferung des Zolls, des Bundesgrenzschutzes, der Polizei und Staatsanwaltschaften feststellen. Oft waren diese Behörden auf Aussagen von Reisenden und Übersiedlern bzw. Flüchtlingen angewiesen, machten aus der Ferne Fehlbeobachtungen oder erlagen der Täuschung von Scheinhandlungen durch die DDR-Grenztruppen. Deshalb war zusätzlich zum Vergleich der DDR mit der westdeutschen Überlieferung die Überprüfung von bundesdeutschen Meldungen über Tote an der innerdeutschen Grenze anhand der Tagesrapporte der Grenzpolizei bzw. der Grenztruppen der DDR erforderlich. Einfache Auflösungen sind aber auch hier selten. Beispielsweise erklärten am 24. August 1965 drei 14-jährige Schüler, die durch die Elbe ans niedersächsische Ufer geschwommen waren, den Zollbeamten aus Lüneburg, dass ein weiterer Junge ertrunken sein könne. Er sei zwar zunächst aus Angst am Ufer zurückgeblieben, kurz darauf habe er es womöglich aber doch probiert. Die Vermutung schien bestätigt, als zwei Tage später beobachtet wurde, wie Angehörige der Grenztruppe unweit jener Stelle, von der aus die Kinder losgeschwommen waren, eine Leiche geborgen wurde. Als ein Mann und eine Frau zum Fundort kamen und die Leiche in Augenschein nahmen, zog der Zoll den Schluss, dass es sich hierbei um die Eltern des vermissten Jungen handeln müsse.35 Den DDR-Grenzern bot sich offensichtlich ein ganz anderes Bild. In den Tagesmeldungen der Grenztruppen wird festgehalten, dass es sich bei der aus der Elbe geborgenen Leiche um einen vor zwei oder drei Monaten ertrunkenen Mann aus Westdeutschland handeln müsse. In der Geldbörse des Toten wurde zwar kein Ausweis, jedoch Westgeld gefunden. Er war mit einen Arbeitsanzug bekleidet, dessen Kragen die Aufschrift←27 | 28→ „Captain“ trug.36 Aus dem Bericht des Hauptzollamtes Lüneburg spricht aber auch einfache Unkenntnis der DDR-Verhältnisse, denn es ist kein Fall überliefert, in dem die Eltern von Todesopfern in das Grenzgebiet gebracht wurden, um sich ein eigenes Bild über den tödlich gescheiterten Fluchtversuch zu machen.

Vielversprechender sind dagegen die Unterlagen der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) beim Berliner Polizeipräsidium. Die Ermittler trugen hier Ost- und Westüberlieferungen zusammen und bemühten sich durch die Befragung von Tatzeugen und Beschuldigten das Tatgeschehen möglichst objektiv und unanfechtbar zu rekonstruieren. Die zeitgenössischen Berichte des MfS und der Grenztruppen wurden dabei oft von den Beschuldigten nachträglich in Zweifel gezogen, beispielsweise durch die Aussage, eine absichtliche Fluchtverhinderung nach der Tat fälschlicherweise gegenüber den Vorgesetzten behauptet zu haben, um sich Vorteile zu verschaffen. Tatsächlich sei der Tod des Flüchtlings ein Unfall oder eine unglückliche Verkettung der Umstände gewesen.37 Inwiefern dies Schutzbehauptungen sind oder die DDR-Überlieferung doch stärker als angenommen die Fiktion „geordneter Abläufe“ aus der Sicht ihrer Institutionen vermittelt, war für die ermittelnden Beamten der ZERV oft selbst im Einzelfall kaum zu entscheiden. Abgesehen von der defizitären Erfassung in Verzeichnissen wurde bei der Durchsicht der Akten auch deutlich, dass sich die Fragestellung des Forschungsprojektes von jener der ZERV unterscheidet. Dem Forschungsteam ging es um die Rekonstruktion der Biografien von Todesopfern, die Beamten der ZERV aber hatten den Auftrag, die strafrechtliche Relevanz der Handlungen von Tatbeschuldigten zu klären. Deswegen enthalten ihre Aktenüberlieferungen zahlreiche Angaben über die Tatbeschuldigten und nur wenige über die zu Tode gekommenen Menschen. Die Biografien in diesem Handbuch konzentrieren sich auf das Leben, die Fluchtmotive und schließlich den gescheiterten Fluchtversuch der Todesopfer. Auf die Aussagen und die Biografien der Tatbeschuldigten gehen die Darstellungen nur insoweit ein, als sie den Tathergang und den weiteren juristischen Umgang mit den Tätern darzustellen versuchen. Durch diese Schwerpunktsetzung soll der Charakter des Gedenkens an die Opfer des DDR-Grenzregimes gewahrt bleiben.

Eine weitere Problematik ergab sich bei der Berücksichtigung der Erinnerungen von Familienangehörigen. Diese waren durch das Fluchtgeschehen gleich zweifach betroffen. Zum einen mussten sie den Verlust eines nahen Menschen verkraften, ohne einen Rahmen für ihre Trauer zu haben, denn vielfach wurden sie nach den Zwischenfällen an der Grenze selbst vom Staatssicherheitsdienst vernommen und observiert. Das MfS machte den Hinterbliebenen oft genaue Vorgaben hinsichtlich des Ablaufs der Beerdigung. Nicht selten ordnete die Stasi auch noch an, wann die Beerdigung stattzufinden hatte. Es gab strenge Auflagen für den Inhalt der Todesanzeigen, die nie den tatsächlichen Sachverhalt der Todesumstände enthalten durften. Gelder aus Lebensversicherungen wurden nicht ausgezahlt, Eigentum der Todesopfer nicht vollständig der den Familien übergeben. Familienangehörige sahen sich also vielfachen Schikanen und Sanktionen ausgesetzt. Zum anderen sollten sie akzeptieren, dass der Ehemann, der eigene Vater oder Sohn unvermittelt die Familie verlassen wollte, um←28 | 29→ in der Bundesrepublik sein Glück zu suchen. Hieraus entstanden Unsicherheiten über die Biografie des Verstorbenen, die sich seit der Öffnung der MfS-Unterlagen mitunter noch verstärkten. Ein Geschehen, welches das MfS als Fluchtversuch qualifizierte, kann in der Erinnerung der Familienangehörigen als Unfall oder Verbrechen überliefert sein. Die Darstellungen in diesem Handbuch berücksichtigen diesen Umstand, indem in einigen Fällen offen gelassen wird, aus welchen Gründen die späteren Todesopfer sich in das Grenzgebiet begaben. Leerstellen in der Überlieferung werden in diesen Fällen benannt und nicht durch implizite Mutmaßungen ausgeglichen.38

Editorischer Hinweis

In dem ausgewerteten Quellenmaterial, zumeist unveröffentlichtes Schriftgut, fanden sich immer wieder geringfügige orthografische Fehler. Das galt insbesondere für Eigennamen, die aus den Grenztruppen oder von MfS-Dienststellen phonetisch übermittelt wurden. Diese Fehler wurden in Zitaten entweder stillschweigend korrigiert, oder mit [sic] gekennzeichnet. Abkürzungen in Zitaten – wie etwa „pol.-ideol.“ (politisch-ideologisch) – sind gleichfalls um der besseren Lesbarkeit willen ausgeschrieben. Dagegen ist die gelegentlich recht eigenwillige Interpunktion belassen worden, um nicht eventuell nachträglich Sinnveränderungen vorzunehmen. Auslassungen und erläuternde Ergänzungen in Zitaten sind in eckige Klammern gesetzt.

Im vorliegenden Band erfolgte eine Initialisierung der Nachnamen Tatbeteiligter, die noch nicht verstorben sind, sofern sie nicht absolute oder relative Personen der Zeitgeschichte sind. Ebenso sind Namen von beteiligten und unbeteiligten Dritten teilanonymisiert, sofern sie nicht absolute oder relative Personen der Zeitgeschichte sind.

Am Ende jedes Eintrages werden die Kürzel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeführt, die an den Recherchen beteiligt waren sowie die Autorinnen und Autoren der Biografie. Aufschlüsselung der Recherche- und Autorenhinweise: App.: Stefan Appelius; AN: Andreas Neumann; ES: Enrico Seewald; EZ: Erik Zurth; glz: Jan Gülzau; jk: Jan Kostka; jos.: Jochen Staadt; kt: Karin Toben; LH: Lisa Herbst; MP: Mandy Palme; MS: Mathilde Schäfer; ST: Sophia Trier; St.A.: Steffen Alisch; Sf: Stefan Seefelder; TP: Tilman Peters; US: Uta Schulz.

Das Erstlektorat der Biografien in diesem Band führte Yvonne Maaß aus, das Lektorat des Handbuches Ariane Mohl. Die chronologische Übersicht zu den Todesopfern im Anhang erstellten Conny Rubach und Uta Schulz.

Jochen Staadt, Jan Kostka, unter Mitarbeit von Uta Schulz←29 | 30→ ←30 | 31→


1 Siehe Suckut, Siegfried (Hrsg.): Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen zur „politisch-operativen Arbeit“. Berlin 1996, S. 152 f.

2 Vgl. Beschluss des Politbüros des SED-Zentralkomitees vom 30. September 1952, TOP 6: Erhöhung des Stellenplanes der Hauptverwaltung Deutsche Grenzpolizei. SAPMO-BArch, DY30/IV 2/2/235.

3 Bennewitz, Inge: Das DDR-Grenzregime und seine Folgen. Die Maßnahmen im Hinterland. In: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission „Überwindung und Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der Deutschen Einheit“, 13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, Bd. 8. Baden-Baden 1999, S. 707–752.

4 Angaben nach Grafe, Roman: Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945–1990. Berlin 2002, S. 19.

5 MfS, Hauptverwaltung Deutsche Grenzpolizei: Berichtsbögen der HVDGP. BArch Freiburg, DVH 27/130244.

6 Siehe zur Militarisierung der Deutschen Grenzpolizei Lapp, Peter Joachim: Grenzregime der DDR. Aachen 2013, 16–33.

7 MfS, ZAIG: Menschenhandel, Abwerbe- und Schleusungsmethoden mittels gefälschter Auslandspässe, westberliner und westdeutscher Ausweispapiere [und andere Dokumente zu Fluchten und Fahnenfluchten bis 1966]. BStU, ZA, MfS ZAIG 4605.

8 Vgl. u. a. Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees der SED vom 23. Januar 1973: Bericht über die Durchführung des Beschlusses des Politbüros über Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit und Ordnung an der Staatsgrenze zur BRD und der Direktive des Sekretariats des ZK zur weiteren Arbeit im Grenzgebiet an der Staatsgrenze zur BRD und zu Westberlin sowie Schlussfolgerungen für eine wirkungsvolle Grenzsicherung. SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1431.

9 Politbüro des ZK der SED; Schulz, H. (Protokoll): Protokoll Nr. 3/71 der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees am 6. Juli 1971 (Arbeitsprotokoll). SAPMO-BArch, IPA, J IV 2/2A/1524.

10 Vgl. Hertle, Hans-Hermann/Nooke, Maria: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch. Berlin 2009 sowie Sälter, Gerhard/Dietrich, Johanna/Kuhn,Fabian: Die vergessenen Toten. Todesopfer des DDR-Grenzregimes in Berlin von der Teilung bis zum Mauerbau (1948–1961). Berlin 2016.

11 Siehe hierzu die ausgewählte Literatur im Anhang.

12 Hertle, Hans-Hermann/Nooke, Maria: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch. Berlin 2009.

13 Die Ausstellung „Über die Ostsee in die Freiheit“ spricht von mindestens 189 Menschen, die auf der Flucht über die Ostsee aus der SBZ/DDR ums Leben kamen. Siehe: http://www.ostseefluchten.de/html/set/set1.htm (zuletzt abgerufen am 20. Februar 2017). Stefan Appelius weist in seinem in Kürze erscheinende Begleitband zu diesem Handbuch über den „Fluchtweg Bulgarien“ auf die unvollständige Zahlenangabe des bulgarischen Verteidigungsministers Dimitar Ludschev hin, der auf eine parlamentarische Anfrage im Jahr 1992 die Größenordnung der Todesopfer an den bulgarischen Grenzen zur Türkei, zu Griechenland und dem damaligen Jugoslawien mit mindestens 339 Fällen bezifferte. Diese Zahlenangabe enthält keine Hinweise auf die Nationalität der Toten. Die tschechische Internetseite https://www.ustrcr.cz/uvod/dokumentace-usmrcenychstatni-hranice/usmrceni-statni-hranice-portrety/ bietet eine Auswahl von 80 Biografien getöteter Flüchtlinge, darunter auch einige Todesfälle von DDR-Bürgern. Stefan Karner spricht in seiner Studie über die ČSSR-Grenze zu Bayern und Österreich für die Zeit von 1945 bis 1989 von 390 getöteten Zivilisten (darunter 280 Flüchtlinge) und 648 getöteten Grenzsoldaten. Eine Aufschlüsselung der Todesopfer nach Nationalitäten enthält die Studie nicht. Siehe Karner, Stefan: Halt! Tragödien am Eisernen Vorhang. Die Verschlussakten. Wien 2013, S. 30. Auch verlässliche Zahlenangaben zu den bei Fluchtversuchen in Rumänien getöteten Menschen sind bislang nicht veröffentlicht worden. Vgl. Appelius, Stefan: Fluchtweg Rumänien unter: http://www.appelius.de/tod_in_rumanien.html. Das gleiche gilt für die ungarische Grenz zu Österreich. Auch zu den dort ums Leben gekommenen Flüchtlingen liegen bislang keine wissenschaftlich fundierten Zahlenangaben vor.

14 Vgl. Gülzau, Jan: Grenzopfer an der sächsisch-bayerischen und sächsisch-tschechischen Grenze 1947–1989. Dresden 2012.

15 Hertle, Hans-Hermann/Nooke, Maria: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch. Berlin 2009, S. 15.

16 Vgl. exemplarisch Lapp, Peter Joachim: Grenzregime der DDR. Aachen 2013. Siehe auch die Literaturauswahl zum Thema im Anhang.

17 Nach einer Statistik der MfS-Hauptabteilung I, Abteilung Äußere Abwehr desertierten zwischen dem 1. Januar 1950 und dem 30. Juni 1987 insgesamt 10 756 Soldaten der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen und anderer bewaffneten Einheiten, darunter befanden sich 543 Offiziere und 1 445 Unteroffiziere. Die überwiegende Zahl der Fahnenfluchten erfolgte vor dem Mauerbau, bis zum 31. Juli 1961 zählte das MfS 8 278 Deserteure. Siehe: MfS, HA I, Abteilung Äußere Abwehr: Bericht vom 24. Juli 1987 über eine Beratung zwischen der HA IX und der HA I zur Durchsetzung der Befehle 11/87 des Genossen Minister im Verantwortungsbereich der Hauptabteilung I. BStU, ZA, MfS HA I Nr. 15340.

18 MfS, HA I beim Kommando der Grenztruppen; Nieter (Oberst, stellv. Leiter der HA I): Einschätzung der politisch-operativen Lage an der Staatsgrenze und in den Grenzgebieten zur BRD und Berlin (West) sowie an der Seegrenze der DDR und zur Wirksamkeit der politisch-operativen Arbeit und ihrer Führung und Leitung für den Zeitraum 1.10. bis 31.12. 85. BStU, ZA, MfS, HA I Nr. 16713. Vgl. generell hierzu Wenzke, Rüdiger (Hrsg.): Staatsfeinde in Uniform? Widerständiges Verhalten und politische Verfolgung in der NVA. Militärgeschichte der DDR, Bd. 9. Berlin 2005 sowie Sälter, Gerhard: Grenzpolizisten. Konformität, Verweigerung und Repression in der Grenzpolizei und den Grenztruppen der DDR 1952 bis 1965. Berlin 2009. Vgl. auch Eisenfeld, Bernd: Formen widerständigen Verhaltens in der Nationalen Volksarmee und bei den Grenztruppen, in: Neubert, Erhart / Eisenfeld, Bernd (Hrsg.): Macht Ohnmacht Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR. Bremen 2001.

19 Vgl. u. a. MfS, HA I, GK Nord, Abwehr /UA GAR-7: Abschlußbericht vom 28.07.1987 über Unklarheiten zur Anwendung der Schußwaffe. BStU, ZA, MfS, HA I Nr. 14.196.

20 Vgl. zur Diskussion über den Begriff der Opfer des SED-Regimes die zusammenfassende Darstellung in: Borbe, Ansgar: Die Zahl der Opfer des SED-Regimes. Erfurt 2010.

21 Die ZERV spricht in ihrem letzten Jahresbericht aus dem Jahr 2000 von 421 erwiesenen Todesopfern an der gesamten innerdeutschen Grenze. Diese Zahl enthält auch von der ZERV festgestellte Todesfälle bei Fluchtversuchen über die Ostsee. Die wissenschaftliche Ausstellung „Über die Ostsee in die Freiheit“ spricht von mindestens 189 Menschen, die auf der Flucht über die Ostsee aus der SBZ/DDR ums Leben kamen. Siehe: http://www.ostseefluchten.de/html/set/set1.htm (zuletzt abgerufen am 20. Februar 2017).

22 Vgl. die Auswertung von Zahlenangaben zu Todesopfern an der DDR-Grenze von Hertle, Hans-Hermann und Sälter, Gerhard in: Die Todesopfer an Mauer und Grenze. Probleme einer Bilanz des DDR-Grenzregimes. Deutschland Archiv 4/2006, S. 667–676; Vgl auch die zusammenfassenden Hinweise zu den unterschiedlichen Zahlenangaben in: Borbe, Ansgar: Die Zahl der Opfer des SED-Regimes. Dort insbesondere das Kapitel: Wegen Flucht getötete, Erfurt 2010, S. 32–34.

23 Vgl. Hildebrandt, Alexandra (Text und Zusammenstellung): 1 841 Todesopfer – Keine Endbilanz. Neue Zahl der ermittelten Todesopfer des Grenzregimes der Sowjetischen Besatzungszone/DDR/Der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, das 174. Pressecommuniqué Mauermuseum – Museum Haus am Checkpoint Charlie, 13. August 2016. Unter den namentlich und zum Teil anonymisiert aufgeführten 780 Todesopfern befinden sich jedoch nach genauerer Überprüfung u. a. Personen, die Fluchtversuche verletzt überlebt haben, Suizidfälle von Grenzsoldaten, die in keinem dienstlichen Zusammenhang stehen, Unfälle und Schußwaffenunfälle im Grenzdienst, Abschüsse westalliierter Flugzeuge durch sowjetische Streitkräfte, Unfälle und 106 Herzinfarkte an Grenzübergangsstellen. Siehe hierzu auch die kritischen Anmerkungen von Hertle und Sälter in: Deutschland Archiv 4/2006, S. 672 ff. sowie von Hertle und Nooke in: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989, S. 12 f. Der Forschungsverbund SED-Staat bat Frau Hildebrandt zweimal schriftlich um einen Meinungsaustausch über ihre Erhebung. Dem entsprach Frau Hildebrandt nicht.

24 Es handelte sich dabei um die Todesfälle von Peter Grohganz (ertrunken zwischen dem 10. Dezember 1980 und dem 9. Februar 1981 in der Spree), Hans-Joachim Zock (ertrunken zwischen dem 14. und 17. November 1970 in der Spree) Czesław Kukuczka (erschossen im Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße „Tränenpalast“ am 29. März 1974). Diese drei Todesopfer hat die Gedenkstätte Bernauer Straße inzwischen in ihre biografische Darstellung der Todesopfer an der Berliner Mauer aufgenommen. Vgl. http://www.chronik-der-mauer.de/todesopfer/ (abgerufen 27. Januar 2017). Das Forschungsteam stieß bei seinen Recherchen auch auf einen vierten Todesfall, der zur weiteren Klärung der Gedenkstätte Bernauer Straße mitgeteilt worden ist. Es handelt sich dabei um einen bislang namentlich nicht bekannten sowjetischen Deserteur, der bei dem Versuch nach West-Berlin zu flüchten am 2. Februar 1979 bei Potsdam von Volkspolizisten erschossen wurde.

25 Solche Täuschungshandlungen ordnete der Chef der Grenztruppem mit Befehl 80/73 vom 12.10.73 an. Demnach war „zur Verschleierung der eigenen Handlungen in Verantwortlichkeit des Chefs des Stabes bis 30.11.73 ein Plan der Scheinhandlungen zu erarbeiten, zu Bestätigung vorzulegen und an die Verbände herauszugeben.“

26 Vgl. zu Zwischenfällen an der Zonengrenze von 1945–1949 den Beitrag von Gerhard Schätzlein im Begleitband I zu dieser Studie: Blutige Grenze. Von den Schwierigkeiten über diese Zeit zu berichten. In: Schroeder, Klaus/Staadt, Jochen (Hrsg.): Die Grenze des Sozialismus in Deutschland – Alltag im Niemandsland. Berlin 2017.

27 Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik, Kommando der Grenztruppen, Chef Pionierwesen: Analyse der Minenverletzungen an der Staatsgrenze der DDR zur BRD vom 27. August 1979. Havemann-Archiv, Bestand Lutz Naumann, Loseblattsammlung. Im Anhang namentliche Liste der Verletzten, Dienstgrade, Tätigkeit nach Verletzung etc.

28 MfS, HA I: Meldung vom 7.11.1986 über eine Detonation von Landminen im Munitionsbunker des Marinepionierbataillons 18 Saßnitz/Rügen/Rostock. BStU, ZA, MfS, HA I Nr. 13329, Bd. 1.

29 MfS, HA I: Entwicklung der politisch-operativen Lage an der Staatsgrenze im Zusammenhang mit Angriffen aus dem Inneren der DDR. BStU, ZA, MfS, HA I, 13044.

30 Vgl. zur Entwicklung der Splitterminen von 1965 bis zu ihrer Demontage 1983/84 Staadt Jochen: Die DDR-Staatsgrenze West und ihre Bewacher – Schießbefehl, Sprengfallen, Überwachung, Abversetzungen, Widerstand, Fahnenfluchten. In: Schroeder, Klaus/Staadt, Jochen (Hrsg.): Die Grenze des Sozialismus in Deutschland – Alltag im Niemandsland. Berlin 2018.

31 Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation hob zwischen 1999 und 2001 die Todesurteile gegen die 9 in Moskau erschossenen DDR-Grenzpolizisten und den bayerischen Zollbeamten auf und rehabilitierte die Betroffenen als Opfer politischer Unrechtsurteile der stalinistischen Justiz. Siehe Roginskij, Arsenij u. a: „Erschossen in Moskau …“. Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953. Berlin 2008.

32 Enquete-Kommission des Bundestages „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, Bd. I, S. 636 f.

33 Garton Ash, Timothy: Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent. Frankfurt am Main 1996.

34 Garton Ash, Timothy: Diktatur und Wahrheit. Die Suche nach Gerechtigkeit und die Politik der Erinnerung. In: Lettre international 40 (1998), S. 16.

35 Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter: Bericht des Hauptzollamtes Lüneburg vom 22.9.1965. NLA Hannover, Nds. 220 Acc. 12/75 Nr. 8/4.

36 Grenztruppen der DDR/Abteilg. Operativ: Tagesmeldung Nr. 239/65, 25.8.1965 bis 26.8.1965. BArch Freiburg, DVH 32/112591.

37 Siehe beispielsweise die Biografien von Hans-Georg Lemme und Hans-Joachim Damm in diesem Band.

38 Siehe beispielsweise die Biografien von Jürgen Kleesattl und Manfred Hube in diesem Band.

Biografien der Todesopfer im innerdeutschen Grenzgebiet 1949–1989

Karl Sommer

geboren am 25. März 1906 in Steinach

erschossen am 16. Oktober 1949

Ort des Zwischenfalls: Meilschnitz (Bayern)

Karl Gustav Sommer wurde in Steinach, Kreis Sonneberg, in Thüringen geboren. Wie sein Vater erlernte auch er den traditionellen Beruf des Griffelmachers. Heute informiert das Steinacher Schiefermuseum mit einer nachgebauten Griffelmacherhütte über die damals für das Schreiben auf Schiefertafeln unentbehrlichen Griffel. Karl Sommer gehörte der evangelischen Glaubensgemeinschaft an und heiratete im März 1929 seine Frau Frieda. Zuletzt wohnte die Familie mit zwei Kindern im Alter von zwölf und sechzehn Jahren in Haselbach, einer thüringischen Gemeinde im Altenburger Land. Für den 43-Jährigen gehörte es vermutlich zum Alltag, aus der sowjetischen Besatzungszone in die Westzone nach Bayern zu reisen, um dort Glaserzeugnisse gegen stets knappe Lebensmittel zu tauschen.

Am 16. Oktober 1949, nur ein paar Tage nach der DDR-Gründung, fand eine solche Tauschfahrt ein schreckliches Ende. Acht Grenzgänger verabredeten sich für eine Tour am 15. Oktober 1949. Jeder von ihnen trug einen Rucksack, gefüllt mit dem beliebten Thüringer Christbaumschmuck bei sich. Die Gruppe gelangte von Steinach über Mönchröden nach Oeslau. Am Sonntag früh, gegen 2 Uhr, erreichte sie die Grenze östlich der Straße von Meilschnitz nach Effelder. Durch die ihm schon aus Kindertagen vertrauten heimatlichen Gefilde in der Nähe von Steinach überquerte Karl Sommer die innerdeutsche Demarkationslinie von Ost nach West in Richtung des bayerischen Dorfes Meilschnitz. Zu dieser Zeit standen noch keine Warnschilder an der Grenze, Zaun oder Schlagbäume gab es auch noch nicht. Für den gemeinsamen Rückweg verabredeten sich die Grenzgänger für Sonntagmittag, bis dahin sollten alle mitgeführten Waren verkauft oder eingetauscht sein. Gegen 17.30 Uhr entdeckten zwei DDR-Grenzpolizisten des Kommandos Effelder die Gruppe, die bereits auf dem Heimweg in die DDR war, noch auf bayerischem Gebiet und forderten sie auf, sofort stehenzubleiben. Daraufhin suchten die Grenzgänger im Unterholz des Waldes Deckung. Die Grenzpolizisten nahmen ihre Verfolgung auf und gaben nach weiteren Rufen insgesamt vier Warnschüsse ab. Die Grenzgänger versuchten, sich im Wald entlang der Demarkationslinie in Sicherheit zu bringen. Nun schoss einer der Verfolger gezielt in das Unterholz, aus dem er Geräusche vernommen hatte. Unmittelbar danach rief dort jemand um Hilfe. Als der DDR-Grenzpolizist, Wachtmeister L., sich dorthin begab, fand er einen Verletzten, dessen Oberschenkel durchschossen war. Wachtmeister L. leistete Erste Hilfe. Unter den Grenzgängern befand sich auch der Neffe Karl Sommers, der ebenfalls vergeblich versuchte, die Wunde seines Onkels abzudrücken. Der Verletzte verlor unterdessen das Bewusstsein, er hatte bereits viel Blut verloren. Die anderen Grenzgänger aus der Gruppe näherten sich ebenfalls der Unglücksstelle. Von den Grenzpolizisten aufgefordert, den Verletzten auf die Ost←31 | 32→seite zu transportieren, hatten sie sich mit Holzknüppeln bewaffnet und forderten Wachtmeister L. drohend auf zu verschwinden. Als dann auch noch zwei bayerische Grenzpolizisten und zwei amerikanische Soldaten herankamen, trat Wachtmeister L. vorsichtshalber einige Schritte zurück. Der nach etwa 20 Minuten eintreffende Arzt stellte bei Karl Sommer noch Lebenszeichen fest. Kurz entschlossen transportierte der Arzt den Verletzten mit seinem Fahrzeug nach Neustadt ins Krankenhaus. Noch auf dem Weg dorthin erlag er jedoch seinen schweren Verletzungen. Die Kugel hatte die große Schlagader des rechten Oberschenkels getroffen und zur Verblutung geführt. Zwei Tage später wurde Sommers Leichnam zur Beerdigung nach Haselbach überführt. Karl Sommer zählt zu den ersten Todesopfern an der innerdeutschen Grenze.

Die in den 1990er Jahren angestrengten Ermittlungen wurden eingestellt, da der damals 17-jährige Schütze bereits verstorben war. Einer der Grenzgänger erinnerte sich in seiner Vernehmung daran, dass es in dieser Zeit „ums nackte Überleben [ging]. Wir waren uns der Gefährlichkeit des illegalen Grenzübertritts bewußt, aber es war die einzige Möglichkeit, nach dem Kriege zu überleben.“ (Recherche: jk, MP; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Berichte und Meldungen über Schußwaffengebrauch 1949–1953. BArch Freiburg, DVH 27/130291.

Bayerisches Staatsministerium des Innern: Veröffentlichung über kommunistische Gewaltverbrechen an der Demarkationslinie, o. Dt. BArch Koblenz, B 137/6429.

StA bei dem KG Berlin: Ermittlungsverfahren in der Strafsache z. N. Karl Sommer. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346 Az. 25 Js 33/99.

Otto Machold

geboren am 25. Dezember 1888 in Oelze

erschossen am 23. Oktober 1949

Ort des Zwischenfalls: zwischen Hasenthal und Tettau (Thüringen)

Durch das unwegsame, dichtbewaldete Gelände zwischen Hasenthal am Rennsteig und dem oberfränkischen Tettau führte nur ein Fußpfad, der Tettauer Steg. Am Abend des 22. Oktober 1949 verabschiedete sich der 60-jährige Schuhmachermeister Otto Hermann Edwin Hildebert Machold von seiner Frau Luise und begab sich auf diesen etwa fünf Kilometer langen Weg. Er wollte für seinen Oelzener Handwerksbetrieb Arbeitsmaterialen beschaffen und hatte als Tauschware Christbaumkugeln eingepackt.

Auch der Grenzpolizei war bekannt, dass der Tettauer Steg von Grenzgängern genutzt wurde. Günther T. und Adalbert B. richteten deshalb bei ihrem Streifengang besondere Aufmerksamkeit auf diesen Pfad. Als sie gegen 19 Uhr, von einer Querstraße kommend, einen Mann mit zwei Rucksäcken bemerkten, stand für sie fest, dass hier ein „illegaler Grenzverletzer“ unterwegs war. Als sie ihn anriefen, lief Otto Machold weiter in Richtung der Grenze, die nur noch 110 Meter entfernt war. Nach zwei erfolglosen Warnschüssen feuerte Adalbert B. gezielt auf den Flüchtenden. Dann vernahmen sie keine Bewegungen mehr. Die beiden Grenzpolizisten fanden den Mann schließlich im Dickicht auf dem Bauch liegend. Nur mit ihrer Unterstützung konnte er noch aufstehen. „Ihr habt mich getroffen“, sagte er. Günther T. tastete den Mann ab, bemerkte aber im Dunkeln die Verletzung des Festgenommenen auf der linken Brustseite nicht. Die Grenzpolizisten feuerten daraufhin Signalpatronen ab, um Hilfe herbeizurufen. Da keine Reaktion folgte, griffen sie Otto Machold unter die Arme←32 | 33→ und machten sich zu Fuß auf den Weg zurück zum Kommando. Später kam ihnen eine Streife entgegen, die Otto Machold zum Kommando brachte. Dort erst stellte ein Sanitäter fest, dass der Festgenommene einen Brustdurchschuss erlitten hatte. Man brachte ihn nach der Erstversorgung ins Krankenhaus Gräfenthal. Am Morgen des nächsten Tages starb Otto Machold um 6.30 Uhr. Seine Beisetzung erfolgte in seinem Heimatort Oelze.

Der Schütze Adalbert B. ist 1972 verstorben. Das Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft gegen Günther T. wurde 1995 eingestellt, weil dem ehemaligen Grenzpolizisten kein direkter oder bedingter Tötungsvorsatz nachgewiesen werden konnte. Er habe „im Vertrauen auf die Rechtsgültigkeit der damaligen Befehlslage“ gehandelt. (Recherche: jk, MP; Autor: jk)

Quellen:

Standesamt Gräfenthal: Sterbefallanzeige Nr. 58/1949. Kreisarchiv Sonneberg.

ZERV: Strafsache wegen Totschlags, z. N. von Otto Machold. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, StA KG Berlin, 2 Js 1152/92.

Gerhard Domeyer

geboren am 17. Mai 1928 in Ellrich

erschossen am 31. Oktober 1949

Ort des Zwischenfalls: Ellrich (Thüringen)

Laut einem Bericht der Grenzpolizei waren die Streifen des Kommandos Ellrich-Ziegelei am 31. Oktober 1949 unterbesetzt. Eine Streife musste kurz nach 14 Uhr das Gebiet ihrer Nachbarposten übernehmen, weil diese festgenommene Grenzgänger nach Gudersleben brachten. Zu diesem Zweck teilten die zwei Grenzpolizisten ihr Streifengebiet auf. Volkspolizeianwärter H. übernahm das Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte, das zum Teil im Westen, zum Teil auf DDR-Gebiet lag. Dieses Areal, zu dem das Gelände der Chemiefabrik Juliushütte gehörte, galt als „Schwerpunkt für illegale Grenzgänger“. Schon bald bemerkte der Grenzpolizist zwei Männer, die aus Niedersachsen zurückkehrten. Er forderte sie auf stehenzubleiben und gab einen Warnschuss ab, doch sie konnten zurück in den Westen entkommen. Bei zwei Radfahrern hatte er mehr Erfolg. Er nahm sie fest und führte sie über das ehemalige Fabrikgelände ab. Plötzlich bemerkte er 150 Meter entfernt drei Personen auf der Straße Am Burgberg. Er glaubte, dass es sich um die Grenzgänger handele, die zuvor geflüchtet waren. Der Volkspolizist rief ihnen zu, sie sollen stehen bleiben, pfiff auf seiner Signalpfeife und gab schließlich einen gezielten Schuss ab. Doch wieder schienen sie zu entkommen und hinter einem Bretterzaun Schutz zu finden. Er wollte mit den festgenommenen Radfahrern schon weitergehen, da hörte er jemand rufen, ein Mensch sei angeschossen worden. H. lief zur Straße hinüber und fand dort den 21-jährigen Gerhard Willy Domeyer sterbend auf dem Boden vor. Der ledige Sattler stammte aus Ellrich. Ein herbeigerufener Arzt konnte nur noch seinen Tod feststellen. Er war nach einem Brustdurchschuss verblutet.

In Horst Grundlachs Buch Die deutsch-deutsche Grenze 1945–1990 heißt es, Gerhard Domeyer aus Ellrich habe mit zwei Freunden einen Ausflug über die Grenze unternommen. Da die beiden Freunde bei der SAG Wismut arbeiteten, wollten sie sich auf keinen Fall von der Grenzpolizei festnehmen lassen. Ein Besuch in der Bundesrepublik←33 | 34→ hätte sie leicht der Spionage verdächtig gemacht. Deshalb seien sie fortgelaufen, als der Grenzpolizist sie aufforderte stehenzubleiben.

Gerhard Domeyer wurde in Ellrich beerdigt. Der Schütze H. musste sich vor dem Kommandeur der Grenzbereitschaft Ellrich verantworten. Es widersprach der Dienstanweisung, sich von seinem Kameraden zu trennen, auch hatte er es unterlassen, vorschriftsmäßig einen Warnschuss abzugeben. Außerdem lag eine Gefährdung von Zivilpersonen vor, da H. seinen Schuss in Richtung bewohnter Häuser abgegeben hatte. Trotz dieses Fehlverhaltens folgten keine strafrechtlichen Konsequenzen für den Schützen. (Recherche: jk, MP, St.A.; Autor: jk)

Quellen:

Ministerium des Innern, Landesbehörde der V.P., Abt. Grepo: Tötung eines illegalen Grenzgängers durch Schußwaffengebrauch beim Kdo. Ellrich-Ziegelei, Kdtr. Gudersleben, Grenzpolizeibereitschaft Ellrich. Weimar, 3.11.1949. BArch Freiburg, DVH 27/130291.

Standesamt Ellrich: Sterbefall Nr. 50/1949. Kreisarchiv Nordhausen.

Mitteilung der Stadtverwaltung Ellrich, Abt. Standesamt vom 19.04.2016.

Gundlach, Horst: Die deutsch-deutsche Grenze 1945–1990. Eine Dokumentation der Ereignisse im Südharz. Bad Langensalza 2014, S. 68 f.

Kurt Zimmermann

geboren am 14. Januar 1913 in Hohendorf

erschossen am 8. Dezember 1949

Ort des Zwischenfalls: zwischen Großensee (Thüringen) und Hönebach (Hessen)

Der Kraftfahrzeugmeister Kurt Zimmermann arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für die Adam Opel AG in Rüsselsheim. In der Nachkriegszeit lebte er wieder mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Zeulenroda (Thüringen). Dort fand er zumindest zeitweise Beschäftigung in einer Buchdruckerei. Mit dieser Tätigkeit war er aber unzufrieden. Deswegen bewarb er sich erfolgreich bei seinem früheren Arbeitgeber Opel-Rüsselsheim. Die Opel-Werke sagten ihm eine Einstellung in seiner alten Stellung als Abnahmeingenieur zu. Da er aber keinen Interzonenpass besaß, wollte er im Dezember 1949 die innerdeutsche Grenze heimlich überschreiten. Wie seine Tochter Ingrid 1971 gegenüber dem Hessischen Landeskriminalamt aussagte, führte ihn dabei ein Schleuser.

Der 21-jährige Grenzpolizist Emil Günter K., der seit dem Frühjahr 1949 der Deutschen Volkspolizei angehörte, war am 8. Dezember 1949 gemeinsam mit seinem Postenführer als Grenzstreife im Gebiet zwischen Großensee (Thüringen) und Hönebach (Hessen) im Einsatz. Nachdem er sich von seinem Postenführer getrennt hatte, entdeckte er gegen 15.30 Uhr von der Hauptstraße zwischen Hönebach und Großensee aus, in einer Entfernung von etwa 150 Metern, eine Person, die sich im Laufschritt in Richtung Grenze bewegte. Wie Emil Günter K. 1997 vor dem Landgericht Mühlhausen aussagte, habe er dem Mann zugerufen stehenzubleiben und anschließend einen Warnschuss abgegeben. Doch der Flüchtende sei sogar noch schneller und in gebückter Haltung weitergelaufen. K. lud seinen Karabiner nach und gab stehend einen zweiten Schuss ab, der den Flüchtenden von hinten traf. Als der Grenzpolizist den zu Boden gestürzten Mann erreichte, soll dieser noch gestöhnt haben, „jetzt hast Du mich erschossen“, bevor er seinen Verletzungen erlag. Zimmermanns Sterbeurkunde enthält zur Todesursache die Angabe: „Tangentialschuß des Brustkorbes“.←34 | 35→

Die damals siebenjährige Tochter Zimmermanns erinnerte sich später, dass die Familie noch am Nachmittag durch den Schleuser vom Tod ihres Vaters erfuhr. Dieser habe berichtet, es sei unerwartet auf Zimmermann und ihn geschossen worden. Eine zweite Kugel sei nur knapp an seinem Kopf vorbeigeflogen. Die Leiche ihres Vaters wurde nach der Erinnerung seiner Tochter zur Familie gebracht. An eine augenscheinliche Verletzung konnte sie sich nicht erinnern. Die Beisetzung fand am 13. Dezember 1949 im thüringischen Pöllwitz statt, dem Heimatort der Eltern Zimmermanns. Da er bis dahin den Unterhalt der Familie bestritten hatte, kämpften die Hinterbliebenen mit erheblichen finanziellen Problemen. Nachdem die Nachricht über Zimmermanns Tod die Adam Opel AG erreicht hatte, drückte die Firma den Angehörigen ihre Anteilnahme aus. In dem Beileidsschreiben heißt es, Kurt Zimmermann sei „nicht nur ein hervorragender Fachmann auf seinem Gebiet, sondern ein ebenso hervorragender Mensch“ gewesen und habe in den Opel-Werken viele Freunde gehabt.

Emil Günter K. verteidigte sich 1997 in einem Verfahren vor dem Landgericht Mühlhausen mit der Behauptung, er habe den flüchtenden Kurt Zimmermann nicht töten wollen, sondern unmittelbar vor dessen Füße gezielt. Er gab vor Gericht an, er habe bei einem seiner ersten Einsätze an der Grenze auf einen Grenzgänger nicht gezielt geschossen, sondern lediglich einen Warnschuss abgegeben und habe deswegen von seinen Vorgesetzten eine Rüge erhalten und den Befehl, illegale Grenzüberschreitungen unbedingt zu verhindern, gegebenenfalls auch durch einen gezielten Schuss. Emil Günter K. schied im Frühjahr 1950 auf eigenen Wunsch aus dem Grenzpolizeidienst aus, weil ihn der Tod Kurt Zimmermanns nach eigenen Angaben „psychisch stark belastete“. Im Mai 1997 verurteilte ihn das Landgericht Mühlhausen wegen Totschlags zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Außerdem musste er 1 200 DM an den Arbeitskreis Grenzinformation e. V. in Bad Sooden-Allendorf zahlen. (Recherche: MP, St.A.; Redaktion: jos.)

Quellen:

Kommando der DGP, Abteilung Operativ: GB: Berichte und Meldungen über den Schusswaffengebrauch 1949–1953. BArch Freiburg, Pt 7664.

StA Erfurt: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags, ThHStA Weimar, StA Erfurt 9568–9576.

StA Erfurt: Anklage vom 29. Juli 1996; LG Mühlhausen: Urteil vom 6. Mai 1997, 570 Js 96501/96–1 Ks. Sammlung Marxen/Werle, Humboldt-Universität Berlin.

Emil Rakau

geboren am 22. Juni 1905 in Königsberg/Ostpreußen
(heute: Kaliningrad, Russland)

erschossen am 10. Dezember 1949

Ort des Zwischenfalls: Bischhagen (Thüringen)

Emil Rakau kam in Königsberg (heute: Kaliningrad) in Ostpreußen zur Welt. Zuletzt lebte er zusammen mit seiner Ehefrau Gertrud im hessischen Weißenborn. Vermutlich unternahm er regelmäßig die zu dieser Zeit üblichen Grenzübertritte, um Schwarzmarktgeschäfte zu machen. Am späten Nachmittag des 10. Dezember 1949 entdeckte ihn ein sowjetischer Posten vom Grenzkommando Bischhagen nach der Grenzüberquerung von West nach Ost und nahm ihn fest. Anschließend wurde der 44-Jährige zur sowjetischen Dienststelle nach Bischhagen abgeführt. Dort gelang es ihm ohne Werk←35 | 36→zeug, den Fensterrahmen herauszubrechen und aus dem Haftraum zu entkommen. Dies bemerkte allerdings ein Wachposten, der mehrere Schüsse auf den Flüchtenden abgab. Emil Rakau erlag noch am Ort des Geschehens seinen Verletzungen. Sein Sterbeeintrag weist als Todesursache „9 Steckschüsse“ aus. (Recherche: MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Berichte und Meldungen über Schußwaffengebrauch 1949–1953. BArch Freiburg, DVH 27/130291.

Verwaltungsgemeinschaft Leinetal, Standesamt Bodenrode-Westhausen: Sterbeeintrag Emil Rakau.

Otto Kirchberg

geboren am 14. Oktober 1903 in Druxberge

verstorben nach Schussverletzung am 23. Dezember 1949

Ort des Zwischenfalls: Walbeck, nahe Seggerde (Sachsen-Anhalt)

Der Arbeiter Hermann Otto Kirchberg wurde am 14. Oktober 1903 in Druxberge, einem Ortsteil der Gemeinde Eilsleben, im Landkreis Börde geboren. Vermutlich überquerte er kurz vor dem Weihnachtsfest 1949 die DDR-Grenze, um Lebensmittel oder Geschenke im Westen zu besorgen. Das war zu dieser Zeit üblich und gehörte zum Alltag im Grenzgebiet.

In den Nachmittagsstunden des 21. Dezember 1949 befand sich Otto Kirchberg auf dem Rückweg über die Grenze von West nach Ost. Er war mit einem Fahrrad unterwegs. Eine Grenzstreife entdeckte den 46-Jährigen nahe Walbeck, im Bereich der Kommandantur Seggerde, und forderte ihn auf stehenzubleiben. Vielleicht dachte Otto Kirchberg in diesem Moment, dass er der Festnahme entgehen könnte, wenn er nur schnell genug mit dem Rad fahren würde. Bis zu seinem Heimatort hatte er noch etwa 30 Kilometer zurückzulegen. Die Grenzposten reagierten darauf mit einem Warnschuss, dem ein gezielter Schuss folgte. Otto Kirchberg wurde durch einen Steckschuss in der Leistengegend verletzt. Nachdem er unter schwerem Schock sogleich ins Kreiskrankenhaus Gardelegen überführt wurde, erlag er zwei Tage später, in den Nachmittagsstunden des 23. Dezember 1949, seiner Verletzung.

Erst zwei Jahre zuvor, im März 1947, hatten Otto Kirchberg und seine Frau Frieda geheiratet. Das junge Paar verlebte nur zwei gemeinsame Weihnachtsfeste. Über das traurige Schicksal ihres Ehemannes sprach die Witwe nicht.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den 1990er Jahren ergaben keine weiterführenden Erkenntnisse. Die für den Tod Otto Kirchbergs verantwortlichen Grenzposten konnten nicht ermittelt werden, sodass das Verfahren eingestellt wurde. (Recherche: jk, LH, MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

Standesamt Gardelegen: Sterbeurkunde Nr. 306 vom 24. 12. 1949.

Grenzpolizei Sachsen-Anhalt, Landesregierung Sachsen-Anhalt, MdI, Landesbehörde der Volkspolizei, Abteilung Grenze: Besonderes Vorkommnis im Bereich der Grenzbereitschaft Gardelegen (Schusswaffengebrauch in Ausübung des Dienstes). LASA, MD, Rep. K 14, Nr. 236, Bl. 172.

ZERV: Auswertung „Tote an der innerdeutschen Grenze“. LAB D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27/2 Js 135/93.

Gespräch Lisa Herbst mit Günther Wagener (Vorsitzender des Heimatvereins Oberes Allertal e. V. Eilsleben) am 20.09.2016.←36 | 37→

Joachim Twardowski

geboren am 20. Dezember 1923 in Klein Kottorz,
Oberschlesien (polnisch Kotórz Mały)

erschossen am 2. März 1950

Ort des Zwischenfalls: sächsisch-bayerische Grenze,
Nähe Heinersgrün (Sachsen)

Joachim Twardowski, ein 22-jähriger Flüchtling, stammte aus Kleinkochen, Kreis Oppeln in Oberschlesien, und war von Beruf Tischler. Er lebte kurz vor seinem Tod im Lager Hof-Moschendorf in Bayern. Dort wurde er zuletzt am 1. März 1950 gesehen. Er äußerte die Absicht, zusammen mit einem anderen Lagerbewohner die Grenze in Richtung Osten zu überschreiten.

Tatsächlich beobachteten zwei DDR-Grenzpolizisten Twardowski zusammen mit seinem Begleiter am 2. März an der Straße zwischen Großzöbern und Krebes bei Heinersgrün im Vogtland. Polizeiliche Ermittlungen in den 1990er Jahren ergaben, dass diese beiden VP-Wachtmeister, die gerade einen festgenommenen „Grenzverletzer“ zur Volkspolizeiwache Heinersgrün brachten, Twardowski und seinen Begleiter bemerkten, als diese die Straße in Richtung Wald verließen. Nach kurzer Verfolgung blieben beide stehen. Wachtmeister Jörg Schulze forderte sie auf, mit ihm zurück zur Straße zu gehen. Schulze gab gegenüber den Ermittlern in den 1990er Jahren an, es sei dann zu einem Handgemenge zwischen ihm und den beiden Männern gekommen, in dessen Verlauf er zu Boden ging. Er sei in die Nase gebissen und gewürgt worden. Schließlich habe er sich befreien können und nach seinem am Boden liegenden Karabiner gegriffen und ihn entsichert. Beim Aufstehen sei er ausgerutscht und ein Schuss habe sich gelöst, der Twardowski in den Kopf traf. Laut Tagesrapport der DDR-Grenzpolizei vom 4. März 1950 muß Schulz damals angegeben haben, dass die Schussabgabe auf Twardowski gezielt aus vier bis sechs Metern Entfernung erfolgt sei. Zur Diskrepanz zwischen seinen damaligen Einlassungen und den Aussagen bei der polizeilichen Vernehmung in den 1990er Jahren erklärte Schulz, er habe unmittelbar nach dem Geschehen „peinlichen Befragungen“ aus dem Weg gehen wollen und deswegen den Anschein eines vorschriftsmäßigen Handelns vorgespiegelt. Genaueres über die tatsächlichen Abläufe wird sich nicht mehr ergründen lassen. Die Ermittler akzeptierten die Darstellung von Schulze und gingen von Notwehr aus, da er selbst lebensgefährlich bedroht worden sei. Nach Angaben der Bayerischen Grenzpolizei erfolgte die Bestattung von Joachim Twardowski in Großzöbern. (Recherche: St.A., TP; Redaktion: jos.)

Quellen:

Staatsanwaltschaft Berlin: Ermittlungsverfahren wegen Totschlag. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27 Js 16/98.

Gülzau, Jan: Grenzopfer an der sächsisch-bayerischen und sächsisch-tschechischen Grenze in den Jahren 1947–1989. Dresden 2012, S. 20 f.←37 | 38→

Johannes Simon

geboren am 23. März 1923 in Schönau (Uder)

gestorben am 5. März 1950 an den Folgen einer Schussverletzung vom 31. Januar 1950

Ort des Zwischenfalls: bei Arenshausen (Thüringen)

Der Kraftfahrer Johannes Simon, ein 26-jähriger Familienvater, besuchte nach dem Feierabend am 31. Januar 1950 eine Gastwirtschaft in Arenshausen. Dort sprach ihn ein junger Mann an und fragte, ob er ihn zum Bahnhof ins nahe gelegene Uder mitnehmen könne. Johannes Simon machte sich gegen 22 Uhr mit seinem Lkw Ford V8 auf den Heimweg nach Schönau (Uder) und nahm den jungen Mann als Beifahrer mit. Dieser hieß Walter U. und kam aus Frankfurt am Main. Er hatte ohne gültige Papiere unbemerkt die Grenze überschritten und wollte zu seinen Eltern nach Delitzsch. Um den Kontrollen der DDR-Grenzpolizei zu entgehen, hatte man ihm geraten, nicht in Arenshausen, sondern erst von Uder aus mit der Bahn zu fahren. Für Johannes Simon war es nichts Ungewöhnliches, jemanden mitzunehmen, die Zigaretten die ihm Walter U. als Dank gab, nahm er gern an.

Gut einen Kilometer hinter dem Ortsausgang von Arenshausen führten die Grenzpolizisten Wachtmeister S. und Joachim F. vom Kommando Rustenfelde zwei Frauen ab, die ebenfalls von der Bundesrepublik aus die Grenze ohne Interzonenausweis überschritten hatten. Als den Grenzpolizisten der Lkw von Johannes Simon entgegenkam, hob einer von ihnen die Hand zum Haltesignal, um das Fahrzeug zu kontrollieren – doch der Wagen fuhr einfach weiter. Daraufhin gab Wachtmeister Joachim F. zuerst einen Warnschuss ab und feuerte anschließend in Richtung des Führerhauses. Ein Schuss traf Johannes Simon in das rechte Gesäß. Blut lief an seinem Bein herab. Er brachte den Lkw nach 20 Metern zum Stehen. Gegenüber den herbeigeeilten Grenzpolizisten klagte er über starke Schmerzen und wollte nach Hause gebracht werden.

Während Wachtmeister S. die festgenommenen Frauen zur Kommandantur nach Arenshausen abführte, stieg Joachim F. zu Simon ins Fahrerhaus und steuerte den Wagen nach Schönau (Uder). Frau Simon wird die Männer erschrocken empfangen haben, als sie ihren Ehemann in die Wohnung hinauftrugen, vielleicht wurde das ein Jahr alte Kind wach. Sofort holte man einen Arzt herbei. Dieser legte zunächst einen Notverband an. Der Verletzte klagte weiterhin über einen brennenden Schmerz in der rechten Gesäßhälfte. Außerdem konnte er das rechte Bein im Hüft- und Kniegelenk nicht bewegen. Der Arzt überwies ihn ins Krankenhaus nach Heilbad Heiligenstadt. Zuvor noch vernahmen Grenzpolizisten den Verletzten. Er erklärte ihnen, er habe versucht zu bremsen, doch es sei ihm nicht gleich gelungen, auf der schneeglatten Straße zum Stehen zu kommen. Dies bestätigte 1993 auch Walter U. gegenüber den Ermittlern der ZERV.

Die Ärzte im Krankenhaus stuften die Oberschenkelschussverletzung zunächst als nicht lebensgefährlich ein, doch es entwickelten sich Komplikationen. Am Sonntag, dem 5. März 1950, starb Johannes Simon nach langer Leidenszeit an Wundstarrkrampf, Lungenentzündung und Herzschwäche im Krankenhaus Heiligenstadt. (Recherche: jk, MP; Autor: jk)

Quellen:

Kommando der DGP/Abteilung Operativ: Berichte über Schußwaffengebrauch 1950–1953. BArch Freiburg, DVH 27/130292.←38 | 39→

Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Erfurt. Handakten zur Strafsache 560 Js 11060/93 Totschlag. ThHStA Weimar, Freistaat Thüringen, StA Erfurt 2919.

ZERV: Auswertung „Tote an der innerdeutschen Grenze“. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, StA II LG Berlin 2 Js 214/93.

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Bildquelle: Georg Joachim
Schilling-Werra

Irmgard Wilhelmine Schilling kam am 26. März 1928 in Herrenbreitungen (Landkreis Schmalkalden-Meiningen) zur Welt. Sie heiratete am 1. Oktober 1949 den Werkzeugschlosser Fred Stark und zog nach Schmalkalden. Gemeinsam hatten sie einen Sohn.

In der Nacht vom 16. auf den 17. März 1950 schlossen sich die 21-jährige Irmgard Stark und ihr Ehemann einer Gruppe von Grenzgängern an, um in den Westen zu flüchten. In der Nähe von Dorndorf (Krayenberggemeinde) entdeckte eine Streife der Grenzpolizei Oberzella gegen 22.30 Uhr die Grenzgänger. Laut einem Bericht der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei machten die beiden Grenzposten Wachtmeister Manfred K. und Herbert B. „entgegen der Instruktion, ohne einen Warnschuß abzugeben, sofort von der Schußwaffe Gebrauch“. Irmgard Stark erlitt einen tödlichen Lungendurchschuss. Sie erlag noch an Ort und Stelle den Folgen dieser Verletzung. Ein weiterer Schuss verletzte den 29-jährigen Herbert K. aus Hessen schwer. Nachdem am 17. März gegen 3 Uhr morgens eine Spezialkommission der Volkspolizei Meiningen die Ermittlungen aufgenommen hatte, kam es zur vorläufigen Festnahme der beiden beteiligten Grenzpolizisten wegen des Verdachts der Fahrlässigkeit. Das Ermittlungsergebnis ist nicht überliefert.

Irmgard Starks Ehemann hielt das Geschehen zwei Wochen später in einem Gedächtnisprotokoll fest. In der Nähe des Blockhauses Mäusewand bei Dorndorf seien sofort nach ihrer Entdeckung durch die Grenzpolizisten mehrere Schüsse gefallen. „Meine Frau Irmgard, die neben mir an einem kleinen Abhang Schutz gesucht hatte, wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen. Sie schrie auf, und im nächsten Augenblick standen 2 DDR-Grenzsoldaten vor uns, die ihre Gewehre und Taschenlampen auf uns gerichtet hielten.“ Fred Stark riss sein Hemd in Streifen, um die Verletzung zu verbinden, doch ein Grenzpolizist drängte ihn zur Seite. „Ich konnte meiner Frau,←39 | 40→ die weinend und stöhnend immer wieder meinen Namen rief, nicht mehr helfen.“ Die beiden Grenzpolizisten hätten tatenlos den Tod von Irmgard Stark abgewartet und Fred Stark anschließend zur Vernehmung in eine Grenzstation bei Dorndorf geführt. Die Leiche seiner Frau brachten Grenzpolizisten in das örtliche Spritzenhaus der Feuerwehr. Ihre Beisetzung fand am 21. März 1950 in Schmalkalden statt. In der Traueranzeige, die in der Zeitung Thüringer Volk am 20. März erschien, teilen die Familienmitglieder mit: „Durch tragisches Schicksal wurde am 16.3.1950 meine über alles geliebte Frau, die herzensgute Mutti ihres einzigen Söhnchens, unsere liebe Tochter, meine einzige Schwester, unsere liebe Schwiegertochter u. Schwägerin Frau Irmgard Stark geb. Schilling kurz vor ihrem 22. Geburtstag jäh aus dem Leben gerissen.“

Irmgard Starks Bruder, Georg J. Schilling-Werra, hatte den Namen des vermeintlichen Schützen Manfred K. in Dorndorf in Erfahrung gebracht. Nach seiner Flucht in die Bundesrepublik meldete er 1984 den Vorfall der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter. Im August 1990 nahm die Staatsanwaltschaft Suhl Ermittlungen gegen Manfred K. auf. Bei seiner Vernehmung im Februar 1991 erinnerte sich Manfred K., dass er und ein weiterer Posten am 16. März 1950 bei der Festnahme einer Gruppe von Grenzgängern je einen Warnschuss abgegeben hätten. Es handelte sich um etwa 20 Personen, die nach Lebensmitteleinkäufen im Westen gegen Mitternacht nach Thüringen zurückkehren wollten. Einer der Grenzgänger habe seine Frau vermisst. Als man sie nach kurzer Suche fand, war sie bereits tot. Ihr Oberkörper war blutdurchtränkt. „Es hob auch noch jemand den Arm der Frau an, der jedoch gleich wieder zum Körper förmlich zurückfiel.“ Manfred K. führte die Verletzung von Irmgard Stark auf einen Querschläger zurück. Eine Kugel müsse durch einen Baum abgefälscht worden sein.

Die Staatsanwaltschaft Suhl stellte die Ermittlungen gegen Manfred K. im April 1991 wieder ein. Die Urheberschaft des tödlichen Schusses sei nicht zu ermitteln. Ebenfalls blieben der zweite Posten und der Verbleib der damaligen Untersuchungsakten ungeklärt. Darüber hinaus sah der Staatsanwalt keinen Grund, eine Unterbrechung der Verjährungszeit für Mord oder Totschlag anzuerkennen, die nach dem 1950 geltenden Strafgesetzbuch 20 Jahre betrug.

Fred Stark, der mit seinem dreijährigen Sohn 1951 in die Bundesrepublik geflüchtet war, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr. Georg J. Schilling-Werra setzte sich jedoch für eine Wiederaufnahme der Strafverfolgung ein. Der Tod seiner Schwester ist Gegenstand seines Romans „Eines Tages werde ich dich töten“ (1993) sowie des Hör- und Theaterspiels „Heimlich nach Deutschland“ (1994). (Recherche: jk, MP; Autor: jk)

Quellen:

HA Kriminalpolizei, Abt. G: Morgenrapport, Mo. 20. März 1950. Berlin, 20.3.1950. BArch Berlin, DO 1/27805.

HV DVP HA Grenzpolizei an die Leitung der HA K, im Hause: Morgenmeldung. Berlin, 23.3.1950. BArch Berlin, DO 1/27805.

ZESt: Tötungshandlung (Schußwaffengebrauch) z. N. Irmgard Stark, AR-ZE 699/84. BArch Koblenz, B 197/27103.

Staatsanwaltschaft bei dem Bezirksgericht Suhl/Sitz Meiningen: Klärung der Umstände des Todes von Irmgard Stark. Beiakten zur Sache 560 Js 96 122/95. Akte 223–399/90. ThStA Meiningen, BStU Suhl, 4892.

Traueranzeige Irmgard Stark. In: Thüringer Volk, 20.03.1950.←40 | 41→

Grenzt ans Lächerliche. In: Der Spiegel, Nr. 19, 1991, S. 28–31, hier S. 31.

Taktisch klug und richtig. Die Todesgrenze der Deutschen (II): Protokolle über Schießbefehl und Republikflucht. In: Der Spiegel, Nr. 27, 1991, S. 52–71, hier S. 59.

DDR-Grenzer erschossen junge Frau – Täter frei. In: Bild-Zeitung, 19.04.1991.

Filmer, Werner/Schwan, Heribert: Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, S. 158.

Schätzlein, Gerhardt/Rösch, Bärbel/Albert, Reinhold: Grenzerfahrungen Bayern–Thüringen 1945 bis 1971. Hildburghausen 2001, S. 60.

Rudolf Marquard

geboren am 30. Oktober 1916 in Hamburg

erschossen am 30. März 1950

Ort des Zwischenfalls: Testorf (Mecklenburg-Vorpommern)

Der gebürtige Hamburger Rudolf Wilhelm Marquard diente während des Zweiten Weltkrieges in der Wehrmacht. Seine Frau verließ mit ihren beiden Kindern nach den verheerenden Bombenangriffen vom Juli und August 1943 die Stadt und zog zu ihren Eltern nach Kleinsaubernitz in Sachsen. Rudolf Marquard begab sich 1945 nach seiner Entlassung aus der britischen Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie nach Sachsen. Dort erhielt der gelernte Kaufmann im Kreis Bautzen eine Neulehrerstelle. Im Jahr 1948 kam das fünfte Kind der Eheleute Marquard zur Welt.

Rudolf Marquard konnte sich jedoch mit dem stalinistischen Machtapparat und der politischen Ordnung nicht anfreunden. Aufgrund seiner besonderen Bemühungen um schwächere Schüler soll es zu Denunziationen des eigenwilligen Lehrers durch einige Kolleginnen und Kollegen gekommen sein. Vermutlich führten unter anderem auch diese Probleme am Arbeitsplatz zur Ablehnung seiner Anträge auf einen Reisepass. Um seine Eltern in Hamburg trotzdem besuchen zu können, überquerte Rudolf Marquard illegal die Grenze. Im Frühjahr 1950 machte er sich erneut auf den Weg nach Hamburg. Da er dort nicht eintraf und seine Eltern über mehrere Wochen kein Lebenszeichen von ihm erhielten, benachrichtigten sie die Familie ihres Sohnes in Kleinsaubernitz. Eine Freundin der Familie aus der Gegend um Zarrentin konnte schließlich in Erfahrung bringen, dass DDR-Grenzpolizisten Rudolf Marquard am 30. März 1950 an der innerdeutschen Grenze bei Testorf erschossen hatten. Die Landesbehörde der Volkspolizei Mecklenburg veröffentlichte in einem Informationsblatt am 15. Mai 1950 folgende Suchanzeige: „Unbekannter Toter. Am 31.3.50 wurde an der Demarkationslinie bei Zarrentin, Kr. Hagenow, eine unbekannte männliche Leiche aufgefunden. Bei der Leiche wurde ein halber alter Ausweis ohne Paßbild auf den Namen Rudolf Marquard, geb. 3.10.16 in Hamburg, vorgefunden. Personenbeschreibung: Etwa 34 Jahre alt, etwa 1,78 m groß, schlanke Gestalt, mittelbl. Haar, rechts gescheitelt. Goldzahn: 5 oben rechts. Schuhgröße: 43–44. Narbe am linken Unterschenkel. Bekleidung: Blaugrauer Anzug, dunkelblauer Mantel, blaue Baskenmütze, blaugrau kariertes Sporthemd, graue Wollsocken, schwarze hohe Schnürschuhe, Strickjacke dunkelblau mit grauer Einfassung. Wo wird beschriebene Person vermisst?“

Die Witwe und ihre fünf Kinder überstanden die schwere Zeit nach dem Verlust des Ehemannes und Vaters nur dank der Hilfe von Angehörigen und Freunden. Da sie keine Sterbeurkunde ihres Mannes vorweisen konnte, verwehrte man der alleinerziehenden Mutter die staatliche Unterstützung. Zudem verweigerten ihr die←41 | 42→ DDR-Behörden die nötigen Dokumente für eine Reise zu ihren Schwiegereltern nach Hamburg. Auf eine erneute Anfrage zur Klärung des Falles an den Rat der Stadt Zarrentin erhielt sie im Mai 1954 schlicht die Angaben zum Todesdatum, dem Datum der Beerdigung sowie den Verweis, weitere Auskünfte könnten nicht erteilt werden. Durch Bemühungen der Familienangehörigen in Hamburg gelang es schließlich doch, Näheres über die Todesumstände zu erfahren.

Durch die Schussverletzung, die Rudolf Marquard in den frühen Morgenstunden des 30. März 1950 im Grenzbereich nahe Zarrentin erlitt, hatte er nach starkem Blutverlust das Bewusstsein verloren. Die Grenzposten hielten eine medizinische Versorgung nicht mehr für nötig und kümmerten sich nicht um den Sterbenden. Der genaue Todeszeitpunkt Marquards konnte später nicht mehr festgestellt werden. Die Grenzpolizei überführte den Toten im Morgengrauen des Unglückstages in die Leichenhalle von Zarrentin. Das Begräbnisregister der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Zarrentins enthält als Todesursache den Eintrag „Lungenschuss“. Am 5. April 1950 – zu diesem Zeitpunkt warteten die Eltern in Hamburg vermutlich noch auf den Besuch ihres Sohnes und die Familie in Kleinsaubernitz auf seine Rückkehr – wurde Rudolf Marquard auf dem Friedhof in Zarrentin beerdigt. Den Strafverfolgungsbehörden gelang es nach der Wiedervereinigung nicht, den Namen des DDR-Grenzpolizisten zu ermitteln, der seinerzeit den tödlichen Schuss auf Rudolf Marquard abgab. (Recherche: jk, MP; Autorin: MP)

Quellen:

StA bei dem KG Berlin: Strafsache gegen Unbekannt. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 2 Js 419/92.

Landesbehörde der VP Mecklenburg/Abteilung K/Dezernat F: Informationsblatt der Volkspolizei für das Land Mecklenburg. 5. Jahrg., Nr. 9, Schwerin, 15.5.1950. LHASn, 6.11–13, 126.

Erich Schmiedel

geboren am 19. November 1905 in Leipzig

erschossen am 1. April 1950

Ort des Zwischenfalls: Straße von Morsleben nach Helmstedt (Sachsen-Anhalt)

Erich Schmiedel, geboren in Leipzig, lebte in Halle an der Saale. Seit 1939 war er verheiratet. Der gelernte Maurer war seit Beginn des Jahres 1950 als Fuhrunternehmer tätig. Als Fahrer eines mit Möbeln und Waren beladenen Lastwagens wollte sich Erich Schmiedel an der innerdeutschen Grenze einer Kontrolle durch DDR-Grenzpolizisten entziehen. Er fuhr mit seinem Lkw gegen Mittag des 1. April 1950 auf der Straße zwischen Morsleben und Helmstedt, als ihn zwei DDR-Grenzpolizisten stoppten, um das Fahrzeug zu kontrollieren. Nach damaligen Aufzeichnungen der Deutschen Grenzpolizei habe der Besitzer des Lkw den Volkspolizei-Wachtmeister E. angegriffen, ihm den Karabiner in einem Handgemenge entrissen und mit einem Handkantenschlag gegen die Halsschlagader zu Boden gestreckt. Dann sei „der Täter […] sofort mit seinem entwendeten Karabiner in Deckung“ gegangen, „während VP-Wm. S. einen Zielschuss – der zunächst verfehlte – auf ihn abgab. [Der] Täter wollte das Feuer erwidern, hatte aber Ladehemmung. Der nächste aus 10 m Entfernung abgegebene Zielschuss traf den Täter tödlich.“

In den 1990er Jahren stellte der Todesschütze gegenüber Ermittlern das damalige Geschehen anders dar. Schmiedel habe ihm zunächst Geld angeboten, um der Kontrolle zu entgehen, worauf er sich nicht einließ. Stattdessen habe er seinen Karabiner umgehängt und sei auf das Hinterrad gestiegen, dabei habe der Fahrer die Waffe←42 | 43→ ergriffen und blitzschnell entladen. Dann habe er nach dem anderen Posten gefragt, sei zu diesem gelaufen und habe dessen Karabiner entwendet. Anschließend sei er etwa 50 bis 60 Meter auf ein weitgehend freies Feld gelaufen. Der entwaffnete Polizist warnte seinen Kollegen S., der inzwischen seine Waffe wieder geladen hatte. Nachdem die Posten von Schmiedel beschossen wurden, will S. einen Warnschuss und sodann einen Zielschuss auf einen Birkenstrauch abgeben haben, hinter dem er den Geflüchteten vermutete. Er selbst habe in diesem Moment ungedeckt gestanden und in Notwehr gehandelt. Erich Schmiedel starb an einem Kopfschuss. Hernach sei festgestellt worden, dass sich auf dem Lkw Weidenkörbe mit Waren wie Rasierklingen, Seife und Ähnliches befunden habe. Die Ermittlungsbehörden kamen in den 1990er Jahren zu dem Schluss, Wachtmeister S. habe aus Notwehr gehandelt und stellten das Verfahren gegen ihn ein. (Recherche: St.A., MP, US; Redaktion: jos.)

Quellen:

Kommando der DGP, Abteilung Operativ: Tagesrapporte der Hauptabteilung Grenzpolizei besondere Vorkommnisse betr. März–Juli 1950. In: ZERV: Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen zum Todesfall Schmiedel, Erich. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27 Js 160/94.

Kommando der DGP/Abteilg. Operativ: Berichts- und Meldewesen 1950–1952. BArch Freiburg, DVH 27/130554.

Sterbeurkunde Nr. 12/1950 Erich Schmiedel. Verbandsgemeinde Flechtingen, Standesamt, Auskunft vom 6.10.2016.

Gerhard Graf

geboren am 26. Oktober 1919 in Wittenberg

erschossen am 4. April 1950

Ort des Zwischenfalls: bei Lichtentanne,
südöstlich von Probstzella (Thüringen)

Über Gerhard Graf liegen nur spärliche Informationen vor. Aus der NSDAP-Mitgliederkartei geht hervor, dass der Schlosser Gerhard Graf am 12. Oktober 1938 die Aufnahme in die NSDAP beantragte. Er gehörte der Ortsgruppe Kleinleipisch an. Der Tagesrapport der Deutschen Grenzpolizei vom 5. April 1950 meldete seinen Tod. Der Streifenposten Horst Szagarucz vom Grenzkommando Lehesten stellte demnach am 4. April 1950 gegen 11.20 Uhr einen „Grenzverletzer“ und nahm ihn bei dem Versuch, die Demarkationslinie von Ost nach West mit dem Fahrrad zu überqueren, fest. Als er den Mann zum Grenzkommando abführen wollte, riss dieser sich los und ergriff mit dem Fahrrad die Flucht. Da er angeblich weder auf Warnrufe noch auf einen Warnschuss des Grenzpolizisten reagierte, feuerte der Posten gezielt auf den Flüchtenden. Ein Schuss traf den 30-jährigen Gerhard Graf in den linken Oberschenkel, er starb kurz darauf nach starkem Blutverlust.

In Roman Grafes Buch „Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990“ findet sich folgende Darstellung über Grafs Beisetzung: „Auf dem Friedhof Lichtentanne wird Gerhard Graf in aller Frühe mit Gebet und Bibelwort beerdigt. Eine Ansprache hält der Pfarrer nicht. Der Tote soll rasch unter die Erde, noch bevor seine Frau Erika und die beiden Kinder eintreffen.“ (Recherche: MP, Sf, St.A.; Redaktion: jos.)

Quellen:

DGP: Tagesrapporte März bis Juli 1950. BArch Freiburg, DVH 27/130324.←43 | 44→

Kommando der DGP/Abteilg. Operativ, Berichts- und Meldewesen 1950–1952. BArch Freiburg, DVH 27/130554.

NSDAP-Reichskartei: Der Schlosser Gerhard Graf beantragte am 12.10.1938 die Aufnahme in die NSDAP. Er gehörte der Ortsgruppe Kleinleipisch an, BArch Berlin, RK 3100/G0139.

Grafe, Roman: Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990.
München 2008, S. 29.

Ida Fuß

geboren am 7. Mai 1932 in Langwinden

versehentlich erschossen am 18. April 1950 in Langwinden (Thüringen)

Am 18. April 1950 gegen 9.10 Uhr verließen die VP-Anwärter Schm. und S. vom Kommando Zitters, Kommandantur Katzenstein, Grenzbrigade Dermbach, ihren Streifendienst um sich zu der 27-jährigen Ida Elisabeth Fuß zu begeben, die im elterlichen Bauernhof in Langwinden an der thüringisch-hessischen Grenze wohnte. Die nur aus drei Bauernhöfen bestehende Ortschaft gehörte zur Gemeinde Motzlar. Ida Fuß bat den Grenzpolizisten Schm., ihrem Bruder die Haare zu schneiden. Schm. und Ida Fuß saßen nebeneinander auf einer Bank als Schm. durch das Fenster eine sowjetische Streife auf das Haus zukommen sah. Er stand daraufhin sofort auf und ergriff seinen Karabiner. Dabei löste sich aus der ungesicherten Waffe ein Schuss, der Ida Fuß in die Brust traf. Sie erlitt einen Herzdurchschuss, der sie augenblicklich tötete.

In Langwinden wohnten Anfang der 1970er Jahre noch drei Familien. Am 8. August 1972 umstellten Volkspolizisten den Ort und zwangen zwei Familien sofort nach Motzlar umzuziehen. Die dritte Familie verließ im November 1972 Langwinden nach dem Bescheid, dass sie „zur Gewährleistung der Sicherheit im Grenzgebiet“ ebenfalls umgesiedelt werde. Danach sprengten DDR-Grenztruppen die Gebäude und machten die Ortschaft dem Erdboden gleich. Eine vom Rhönklub 1994 errichtete Gedenktafel erinnert heute am früheren Standort an den niedergerissenen Ort. (Recherchen: MP; Autor: jos.)

Quellen:

DGP: Tagesrapporte März–Juli 1950. BArch Freiburg DVH 27/130324.

Kommando der DGP/Abteilg. Operativ, Berichts- und Meldewesen 1950–1952: Tod der Ida Elisabeth Fuß in Langwinden durch fahrlässigen Schußwaffengebrauch, GB Dermbach. BArch Freiburg DVH 27/130554.

Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Berliner Mauer und innerdeutschen Grenze. Berlin 2011, S. 207.

Oskar Fertig

geboren am 10. Januar 1905 in Wilhelmshaven

erschossen am 9. Juni 1950

Ort des Zwischenfalls: Gemarkung Hohengandern (Thüringen)

Der im Wilhelmshavener Stadtteil Bant aufgewachsene Kaufmann Oskar Johannes Fertig eröffnete 1927 in Friedrichroda einen Drogerie- und Süßwarengroßhandel. Im Juli 1937 heiratete er die im gleichen Ort wohnende Hildegard Ißleib.

Eine Doppelstreife des Grenzpolizei-Kommandos Rustenfelde entdeckte am 9. Juni 1950 gegen 16 Uhr in der Gemarkung Hohengandern einen Mann, der sich in Richtung←44 | 45→ der hessischen Grenze bewegte. Die Volkspolizeiwachtmeister nahmen seine Verfolgung auf und versuchten, ihn durch Pfeifsignale und einen Warnschuss vor der Demarkationslinie zu stoppen. Da der Mann die Grenze schon fast erreicht hatte, befahl der Postenführer, gezielt auf ihn zu schießen. Ein Geschoss traf den Flüchtenden in den Rücken. Als die vier Grenzpolizisten den auf freiem Feld zusammengebrochenen Mann erreichten, lebte er wahrscheinlich schon nicht mehr. Es handelte sich um den Drogisten Oskar Fertig aus Friedrichroda. Sein Totenschein enthält die Eintragung: „Schußverletzung Lungendurchschuß, Tod durch Verbluten, beim illegalen Grenzübertritt erschossen“.

Oskar Fertig befand sich am Nachmittag des 9. Juni 1950 vermutlich auf dem Weg zu seiner Mutter nach Wilhelmshaven. Da er keinen Interzonenpaß besaß, versuchte er, bei Hohengandern im thüringischen Eichsfeld ohne Genehmigung über die Grenze zu kommen. Die nach der Wiedervereinigung aufgenommenen Ermittlungen zum Todesfall blieben ergebnislos, da sich keine Hinweise auf die Personalien der vier an dem Zwischenfall beteiligten Grenzpolizeiwachtmeister fanden. (Recherche: MP, US; Autor: jos.)

Quellen:

Kommando der DGP/Abteilung Operativ: Tod des Grenzverletzers Feroig [sic!], geb. 10.1.05, nach Schußwaffengebrauch, Kdo. Rustenfelde. Berichts- und Meldewesen 1950–1952. BArch Freiburg, DVH 27/130554.

MDI/HVDVP: Tagesrapporte. BArch Berlin, DO 1/27805.

ZERV: Auswertung Todesopfer an der innerdeutschen Grenze. LAB, D Rep. 120–02 Acc. 8346, Az. 27 Js 64/94.

Standesamt Hanstein-Rusteberg: Sterberegister des Standesamtes Kirchgandern, Nr. 26/1950.

Landratsamt Gotha, Kreisarchiv: Auskunft vom 13.06.2016 zum Todesfall Oskar Fertig.

Stadt- und Kurbibliothek Friedrichroda, Stadtarchiv: Auskunft vom 30.08.2016 zum Personenstand Hildegard und Oskar Fertig.

Horst Henniger

geboren am 3. April 1925 in Nordhausen

erschossen am 22. Juni 1950

Ort des Zwischenfalls: nahe dem Wiedigshof
bei Walkenried (Niedersachsen)

Im Zweiten Weltkrieg diente Horst Henniger bei der Kriegsmarine. Im Mai 1944 wurde er Vater einer Tochter, deren Mutter er bald nach dem Krieg im Dezember 1945 in Viöl (Nordfriesland) heiratete. Hernach lebte der Kühlerbauer im thüringischen Nordhausen. Beim niedersächsischen Zoll war er als „gewerbsmäßiger Grenzgänger“ bekannt. Er überquerte etwa zweimal wöchentlich die Grenze mit Handelsgütern. Der Zollgrenzdienst auf der westlichen Seite schritt gegen den Warenschmuggel nicht ein. Auf der Ostseite nahm die Volkspolizei solche Grenzgänger in der Regel kurz fest und beschlagnahmte das Schmuggelgut.

Am Morgen des 22. Juni 1950 befand sich Horst Henniger mit seinem Freund Heinz S. und seinem Bekannten Otto M. in der Nähe des Schlagbaums Wiedigshof auf einer Schmuggeltour durch das innerdeutsche Grenzgebiet. Die drei Männer waren auf Fahrrädern unterwegs. Über den Ablauf des Geschehens gab es später←45 | 46→ unterschiedliche Darstellungen. Nach amtlichen Meldungen der Volkspolizei und des niedersächsischen Zollgrenzdienstes befanden sich Horst Henniger und seine Begleiter auf dem Rückweg von Bad Sachsa nach Gudersleben (DDR), als sie eine Streife der DDR-Grenzpolizei entdeckte. Die drei Männer versteckten sich auf der westlichen Seite für etwa zehn Minuten in einer Senke. Als sie die Deckung verließen, schoss Volkspolizei-Wachtmeister Karl-Ernst Kaiser mit seinem Karabiner aus etwa 200 Metern Entfernung über die Grenze hinweg und traf Horst Henniger in den Rücken. Die Kugel durchschlug sein Herz, Henniger verstarb noch, bevor die in der Nähe postierten niedersächsischen Zöllner am Ort des Geschehens eintrafen. Die Leiche Hennigers wurde zwei Tage später in Braunschweig obduziert und am 26. Juni 1950 in Nordhausen beigesetzt.

In einem Bericht der Volkspolizei wurde die Tat als Unfall dargestellt: Wachtmeister Kaiser habe einen Warnschuss auf die „Grenzverletzer“ abgeben wollen, beim Durchladen des Karabiners hätte sich versehentlich ein Schuss gelöst, der Getroffene sei noch einige Meter weitergelaufen und dann auf westlichem Gebiet zusammengebrochen. Im März 1993 sprach der Schütze während seiner Vernehmung ebenfalls von einem Unfall; er habe sich ein Fahrrad von einem Arbeiter geliehen, um näher an die Männer heranzukommen. Beim Anhalten sei der Tragriemen des Karabiners abgerutscht und der Lauf des Gewehrs auf dem Boden aufgeschlagen. Als er die Waffe wieder hochnahm, habe sich versehentlich ein Schuss aus der bereits durchgeladenen Waffe gelöst. Er habe zuvor keinen Warnschuss abgegeben, da sich die drei Männer auf westlichem Gebiet befanden. Auf Nachfrage behauptete er, der Sicherungshebel des Karabiners habe sich möglicherweise gelöst, als er zuvor beim Beobachten der „Grenzgänger“ im Gebüsch lag oder als das Gewehr zu Boden fiel. Die kriminalpolizeilichen Ermittler hielten einen solchen Ablauf für höchst unwahrscheinlich. Auch sein damaliger Postenführer G., der ebenfalls zur Sache vernommen wurde, hält die Version seines früheren Kollegen Kaiser für unglaubwürdig. Unmittelbar nach der Schussabgabe, die er nicht selbst sehen konnte, habe der Schütze gerufen: „Ich bin ein Mörder, ich bringe mich jetzt um.“ Die beiden Begleiter Hennigers sagten 1993 aus, sie hätten genau gesehen, wie der Volkspolizist mit seinem Karabiner auf sie gezielt habe.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelte unmittelbar nach der Tat im Jahr 1950 wegen fahrlässiger Tötung gegen den Todesschützen. Im Zuge einer Überprüfung schlug die Staatsanwaltschaft Mühlhausen das Verfahren nieder. In der Begründung hieß es, der Volkspolizist habe pflichtgemäß in Ausübung seines Dienstes gehandelt. Der Beschuldigte blieb nach eigenen Angaben 1950 zwei bis drei Wochen im Arrest, anschließend sei er versetzt und 1972 im Range eines Leutnants aus dem Dienst entlassen worden. Nach der Wiedervereinigung eröffnete die Staatsanwaltschaft Erfurt das Verfahren gegen den Todesschützen erneut. Da die Verjährung für dieses Delikt jedoch bereits eingetreten war, wurde das Verfahren wegen Totschlags 1998 eingestellt. (Recherche: jk, MP, St.A.; Autor: jos.)

Quellen:

Oberfinanzdirektion Hannover: Wichtige Vorkommnisse an der Grenze – Grenzverletzung durch Ostzonenpolizei, begangen durch Erschießen eines auf britischem Zonengebiet befindlichen Grenzgängers im Bereich des Zollgrenzkommissars Walkenried. NLA Hannover, Nds. 220 Acc. 2009/015, Nr. 27.

Deutsche Grenzpolizei: Quartalsberichte 1949–1950. Grenzpolizei Land Thüringen. BArch Freiburg, DVH 27/130252.←46 | 47→

Deutsche Volkspolizei Abt. G an den Generalinspekteur der Volkspolizei Seifert: Betr.: Meldung besonderer Vorkommnisse Nr. 152/50 vom 23. Juni 1950. In: Kommando der DGP, Abt. Operativ: Tagesrapporte der Hauptabteilung Grenzpolizei besondere Vorkommnisse betr., März–Juli 1950. Deutsches Militärarchiv, Pt 7695. Enthalten in StA beim KG Berlin, Ermittlungsakte gg. G., Horst z. N. Schröder, Horst, 27 Js 85/94. LAB, D Rep. 120–02 ZERV.

Staatsanwaltschaft Erfurt: Ermittlungsverfahren. StA Erfurt, Signatur 27/2 /Js 993/92. Sammlung Marxen/Werle, Humboldt-Universität Berlin.

Staatsanwaltschaft Erfurt: Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Erfurt zum Fall Henniger. StA Erfurt, 510 Js 10315/98. Sammlung Marxen/Werle, Humboldt-Universität Berlin.

Standesamt Walkenried: Sterbeeintrag Horst Henniger, Auskunft vom 19.01.2017.

Paul Höhle

geboren am 3. Februar 1911 in Dortmund

erschossen am 3. Juli 1950

Ort des Zwischenfalls: bei Hötensleben (Sachsen-Anhalt)

Paul Höhle stammte aus Dortmund. Zuletzt lebte der Arbeiter gemeinsam mit seiner Frau in Hornhausen, einem Ortsteil von Oschersleben, unweit der innerdeutschen Grenze. Die nach Gründung der DDR weiter zunehmende Grenzbewachung machte die bis dahin alltäglichen Wege über die grüne Grenze, um Lebensmittel und andere Dinge von westlicher Seite zu besorgen, immer gefährlicher.

Paul Höhle und seine beiden Begleiter versuchten am 3. Juli 1950 erneut ihr Glück und machten sich mit ihren Rädern von Hornhausen auf den Weg über die Grenze. Am späten Nachmittag gegen 17.30 Uhr – die Männer waren bereits auf dem Rückweg und hatten die Grenze ein zweites Mal überquert – entdeckten Streifenposten der Grenzbereitschaft Osterwieck die drei Radfahrer. Die Grenzposten forderten sie auf anzuhalten. Paul Höhle kehrte daraufhin um und versuchte, zurück über die Grenze zu entkommen. Daraufhin gab Wachtmeister H., aus der Hüfte feuernd, einen Warnschuss ab. Der Schuss traf Paul Höhle von hinten und durchschlug sein Herz. Ein in den 1990er Jahren angestrengtes Ermittlungsverfahren gegen den Todesschützen wurde eingestellt, da dieser bereits verstorben war. (Recherche: jk, MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Tagesrapporte März–Juli 1950. BArch Freiburg, DVH 27/130324.

DGP/Kommando DGP/Abteilg. Operativ: Berichts- und Meldewesen 1950–1952. BArch Freiburg, DVH 27/130554.

LBdVP Sachsen-Anhalt – Abt. K – Dezernat A: Tageskurzbericht Nr. 127/50 für die Zeit vom 4.7. bis 5.7.1950. Halle/S., 5.6.1950. LASA Mgb., K 14, Nr. 144.

StA bei dem KG Berlin: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27 Js 82/94.

Standesamt Dortmund: Geburtseintrag Paul Höhle. Standesamt Dortmund, Auskunft vom 22.02.2016.

Einwohnermeldeamt Oschersleben: Meldeeintrag Paul Höhle.

Standesamt Hötensleben: Sterbeurkunde Nr. 28/1950. Standesamt Verbandsgemeinde Obere Aller in Eilsleben.←47 | 48→

Helmut Gill

geboren am 29. November 1931 in Sonnenberg,
Kreis Angerapp (heute: Pawlowo, Russland)

ertrunken am 17. oder 18. Juli 1950, geborgen aus der Elbe am 19. Juli 1950

Ort des Geschehens: Elbe bei Neu Bleckede
(1950: Mecklenburg-Vorpommern, heute: Niedersachsen)

Die Familie Gill flüchtete vor den Kriegshandlungen aus Ostpreußen und ließ sich in dem Dorf Preten (Kreis Hagenow) als Neubauern nieder. Der 1931 geborene Sohn Helmut Walter Gill folgte als junger Erwachsener einer der Kampagnen der Wismut AG, die mit günstigen Arbeitsbedingungen und guter Entlohnung warben. Er zog nach Johanngeorgenstadt, um als Bergmann im Uranabbau zu arbeiten. Dort lernte er auch vermutlich den vier Jahre älteren Bruno Fischer aus Quastenberg kennen. Gemeinsam mit ihm fuhr Helmut Gill am 14. Juli 1950 nach Preten. Nach einem Aufenthalt in Gills Elternhaus begaben sich die beiden jungen Männer am 17. oder 18. Juli 1950 gemeinsam an das etwa zehn Kilometer entfernte Elbufer. Von dort aus versuchten sie, schwimmend die Elbe zu überqueren, um in die Bundesrepublik zu flüchten, doch beide ertranken. Am Nachmittag des 19. Juli barg die Volkspolizei die Leiche des 18-jährigen Helmut Gill am Elbufer der Gemeinde Neu Bleckede. Zwei Tage später wurde auch die Leiche von Bruno Fischer geborgen. (Recherche: jk, MP, US; Autor: jk)

Vgl. die Biografie von Bruno Fischer

Quellen:

DGP: Tagesrapporte Juli–Oktober 1950. BArch Freiburg, DVH 27/130325.

HV Deutsche Volkspolizei, Hpt. Abt. G, Abt. K: Morgenmeldung. Berlin, 3.8.1950. BArch Berlin, DO 1/27806.

Sterbebuch Neuhaus/Elbe: Eintrag Nr. 58 vom 25.07.1950. Standesamt Amt Neuhaus.

Mitteilung des Kreisarchives Aue vom 11.01.2017.

Bruno Fischer

geboren am 28. November 1927 in Neustrelitz

ertrunken in der Elbe am 17. oder 18. Juli 1950, geborgen am 21. Juli 1950

Ort des Geschehens: Elbe bei Neu-Wendischthun
(1950: Mecklenburg-Vorpommern, heute: Ortsteil von Bleckede, Niedersachsen)

Die Bereitschaft der DDR-Grenzpolizei in Eldena meldete am 21. Juli 1950 den Fund einer Wasserleiche am Elbufer durch Grenzpolizisten des Kommandos Neu-Wendischthun. Bei dem Toten handelte es sich um den Bauarbeiter Bruno Karl-Heinz Fischer aus Quastenberg. Erste Ermittlungen ergaben, dass Fischer zusammen mit dem bereits tot aus der Elbe geborgenen Helmut Gill, dessen Eltern in Preten, Kreis Hagenow, aufsuchte und sich von dort aus mit Gill auf den Weg zur Elbe machte. Beim Versuch, „illegal“ die Elbe zu überqueren, seien Fischer und Gill am 17. oder 18. Juli 1950 ertrunken. Den Sterbebucheintrag für Bruno Fischer veranlasste die Kreispolizei Hagenow am 22. Juli 1950. (Recherche: LH, MP, US; Autor: jos.)

Vgl. die Biografie von Helmut Gill.←48 | 49→

Quellen:

HV Deutsche Volkspolizei, Hauptabteilung G an den Generalinspekteur der Volkspolizei Willi Seifert: Meldung besonderer Vorkommnisse Nr. 178/50. Berlin, 24.7.1950. In: Deutsches Militärarchiv, Kommando der DGP, Abt. Operativ: Tagesrapporte der Hauptabteilung Grenzpolizei besondere Vorkommnisse betr. Juli–Oktober 1950. Pt 7696. Eingesehen in: LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. KG Berlin 27/Js/108/94.

DGP: Tagesrapporte Juli–Oktober 1950. BArch Freiburg, DVH 27/130325.

Standesamt Neustrelitz: Geburtenregister. Auskunft vom 03.05.2016.

Amt Neuhaus: Sterbebucheintrag 57/1950. Auskunft vom 11.05.2016.

SB Meldestelle, Amt Stargarder Land: Auskünfte vom 04.04. und 13.09.2016.

Erich Bartsch

geboren am 25. September 1902 in Rohrberg

erschossen am 6. August 1950

Ort des Zwischenfalls: Seebenau (Sachsen-Anhalt)

Joachim Ernst Erich Bartsch kam als Sohn von Emma Helena Bartsch und dem Zuckermeister August Bartsch in Rohrberg, einer kleinen Gemeinde im Altmarkkreis Salzwedel, in Sachsen-Anhalt, zur Welt. Die Familie gehörte der evangelischen Glaubensgemeinschaft an. Erich Bartsch erlernte wie sein Vater den Beruf des Bäckers.

In den frühen Abendstunden des 6. August 1950 fuhr Erich Bartsch mit dem Fahrrad von West nach Ost über die innerdeutsche Grenze. An diesem Sonntag war es gegen 19 Uhr noch sommerlich warm. Bartsch befand sich auf dem Rückweg aus Niedersachsen und wollte zurück in die Altmark. In der Nähe des Grenzkommandos Seebenau entdeckte ein Grenzpolizist den Radfahrer und gab Warnschüsse ab. Erich Bartsch, für den die Grenzpassage zu dieser Zeit vermutlich nichts Ungewöhnliches war, winkte nur ab und nahm weder die Aufforderung anzuhalten noch die Warnschüsse ernst. Nun zielte der Grenzpolizist direkt auf den Radfahrer. Der Schuss verletzte Erich Bartsch schwer, er verblutete noch am Ort des Geschehens. (Recherchen: jk, MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Tagesrapporte Juli – Oktober 1950, BArch Freiburg, DVH 27/130325.

Standesamt Rohrberg: Geburtsurkunde Nr. 37/1902. Verbandsgemeinde Beetzendorf-Diesdorf, Auskunft vom 8. April 2016.

Stadtarchiv Salzwedel: Sterbeurkunde Nr. 26/1950, Auskunft vom 05.04.2016.

Günter Lippmann

geboren am 14. Dezember 1930 in Plauen

angeschossen am 16. August 1950, gestorben am 20. August 1950

Ort des Zwischenfalls: Grenzkommando Oebisfelde (Sachsen-Anhalt)

Günter Lippmann kam am 14. Dezember 1930 in Jössnitz, einem Stadtteil von Plauen, im sächsischen Vogtland als Sohn eines Buchbinders zur Welt. Er gehörte der evangelischen Kirche an und erlernte den Beruf eines Vulkaniseurs. Im Jahr 1950 lebte er in einer kleinen Gemeinde nahe Hamm in Westfalen. Vermutlich hatte er die DDR←49 | 50→ verlassen, um einer Bestrafung wegen eines Einbruchs zu entgehen. Seit dem 17. März 1950 fahndete die Volkspolizei wegen eines Einbruchdiebstahls im vogtländischen Reichenbach nach Lippmann.

Am Nachmittag des 16. August 1950 nahmen DDR-Grenzposten Günter Lippmann fest, als er versuchte, zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt in die DDR zu gelangen. Wahrscheinlich wollte er zu seinen Eltern, die im thüringischen Reichenbach wohnten. Die Grenzpolizisten führten den jungen Mann zur Kommandantur in Oebisfelde ab und stellten dort fest, dass er seit fünf Monaten zur Fahndung ausgeschrieben war. Unterdessen gelang es Günter Lippmann, die Fenstergitter des Verwahrraumes aufzustemmen und hinaus in den Garten der Kommandantur zu springen. Ein Wachposten bemerkte den Fluchtversuch und nahm sofort die Verfolgung des Flüchtenden auf, der jedoch trotz der Halt-Rufe des Postens nicht stehenblieb. Als Lippmann bereits die Gartenmauer erreicht und erklommen hatte, gab sein Verfolger einen gezielten Schuss auf ihn ab, der den Flüchtenden traf. Dennoch setzte Lippmann mit letzter Kraft seine Flucht fort. Nach etwa 150 Metern musste er erschöpft aufgeben und sich erneut festnehmen lassen. Kurze Zeit später stellte ein herbeigerufener Arzt eine schwere Unterleibsverletzung fest und ordnete an, Lippmann in das Hilfskrankenhaus Oebisfelde zu bringen.

Wegen der schweren Verletzung und des starken Blutverlustes verlegte man ihn von dort in das Kreiskrankenhaus nach Gardelegen. Trotz einer Blutspende durch einen Polizisten der Grenzbereitschaft Gardelegen konnte Lippmann dort nicht mehr gerettet werden. Das Geschoss hatte seine Leber zerrissen. Nach qualvollen vier Tagen starb der 19-Jährige in den Morgenstunden des 20. August 1950.

Im Zuge der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in den 1990er Jahren wurde die tödliche Schussabgabe auf Lippmann als fahrlässige Tötung bewertet. Der beschuldigte ehemalige Volkspolizei-Wachtmeister Sch. sagte aus, er habe einen ungezielten Schuss aus der Hüfte heraus in Richtung der Gartenmauer abgegeben. Das Geschoss sei dann von der Mauer abgeprallt und habe Lippmann als Querschläger getroffen. Die Einstellung des Verfahrens erfolgte mit der Begründung, dass Wachtmeister Sch. die Schusswaffe nicht in erster Linie zur Verhinderung einer Flucht nach Westdeutschland angewandt habe, sondern primär zur Festnahme eines flüchtigen Gefangenen, nach dem „wegen eines Eigentumsdeliktes gefahndet worden war. In einem solchen Fall muß eine fahrlässige Tötung anläßlich des Schußwaffeneinsatzes zur Festnahme erst recht gerechtfertigt sein.“ (Recherche: LH, MP; Autorin: MP)

Quellen:

LBDVP Sachsen-Anhalt, Grepo: Spitzenmeldung vom 17.8.1950, in: DGP-Berichte und Meldungen über Schußwaffengebrauch 1949–1953, BArch Freiburg, DVH 27/130291.

ZERV/Staatsanwaltschaft Berlin: Aufstellung Todesfälle an der innerdeutschen Grenze. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27/2 Js 1182/92.

Standesamt Gardelegen: Todesanzeige und Sterbebucheintrag Günter Lippmanns, Auskunft vom 09.09.2016.←50 | 51→

Werner Heise

geboren am 6. September 1926 in Ahlsdorf

Schusswaffenverletzung mit Todesfolge am 1. September 1950

Ort des Zwischenfalls: bei Mihla (Thüringen)

Werner Otto Max Heise kam in Ahlsdorf im Mansfelder Gebirgskreis zur Welt und wuchs auch dort auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und war in seinem Heimatort als Sparkassenangestellter tätig.

Im Tagesrapport der Deutschen Grenzpolizei ist für den 1. September 1950 im Bereich der Grenzbereitschaft Mihla die „Verletzung eines Grenzgängers durch Schusswaffengebrauch“ vermerkt. Demnach kehrte Werner Heise in der Nacht gegen 4.40 Uhr aus dem Westen über die hessisch-thüringische Grenze in die DDR zurück. Um nach Ahlsdorf zu gelangen, hatte er noch eine Wegstrecke von etwa 130 Kilometern zurückzulegen. Er befand sich bereits auf dem Hoheitsgebiet der DDR, als Grenzpolizisten ihn entdeckten und mit Rufen und Warnschüssen zum Stehenbleiben aufforderten. Als Werner Heise nicht reagierte, schossen sie gezielt auf ihn und trafen den 23-Jährigen am Oberarm und in der Bauchgegend. Man brachte den Verletzten nach Heiligenstadt in das dortige Krankenhaus. Die lebenserhaltenden Maßnahmen der Ärzte scheiterten. Werner Heise erlag fünf Tage vor seinem 24. Geburtstag gegen 8 Uhr infolge starker innerer Blutungen einem Herzstillstand. (Recherche: MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Tagesrapporte Juli–Oktober 1950, BArch Freiburg, DVH 27/130325.

Standesamt Hergisdorf: Geburtseintrag, Nr. 97/1926. Verbandsgemeinde Mansfelder Grund-Helbra.

Standesamt Heiligenstadt: Sterbebucheintrag, Nr. 193/1950. Stadtarchiv Heiligenstadt.

Erwin Vogt

geboren am 17. April 1920 in Breslau

erschossen am 3. September 1950

Ort des Zwischenfalls: Waldweg von Fuhrbach
nach Sonnenstein/Wehnde auf der Höhe „Wehnder Hütte“ (Thüringen)

Erwin Vogt kam am 17. April 1920 in Breslau auf die Welt. Er zog als Vertriebener im März 1948 in das ostwestfälische Herzebrock-Clarholz und heiratete dort im November 1949 seine Frau Irmgard, mit der er eine Tochter und einen Sohn hatte. Vogts Mutter lebte in Oberthau, Kreis Merseburg, in Sachsen-Anhalt. Am frühen Morgen des 3. September 1950 überquerte Erwin Vogt mit dem Fahrrad die grüne Grenze zwischen Niedersachsen und Thüringen, um seine Mutter in der DDR zu besuchen. Zu dieser Zeit existierten im Bereich des Grenzkommandos Jützenbach weder Grenzzäune noch Grenzsicherungsanlagen. Lediglich bewaffnete Grenzpolizisten patrouillierten im Grenzbereich, um gegen „illegale Grenzgänger“ vorzugehen. Erwin Vogt fuhr auf einem Weg, der von Fuhrbach bei Duderstadt im Landkreis Göttingen nach Sonnenstein/Wehnde im thüringischen Eichsfeld führte. Nach etwa vier Kilometern auf DDR-Gebiet traf er gegen 5.45 Uhr an einer Weg←51 | 52→gabelung plötzlich auf zwei DDR-Grenzpolizisten, die eine am Vorabend im Grenzgebiet festgenommene Frau ins nahe gelegene Wehnde bringen sollten. Als Vogt an der Gruppe vorbeifuhr, rief einer der Polizisten: „Halt! Stehenbleiben! Grenzpolizei!“ Da er dem nicht Folge leistete und seine Fahrt beschleunigte, luden die beiden Volkspolizisten ihre Karabiner durch und gaben Warnschüsse ab. Nachdem der Flüchtende dennoch weiterfuhr, zielte Herbert O. nach eigenen Angaben freihändig auf den Hinterreifen des inzwischen ca. 150 Meter entfernten Fahrrads. Die Kugel traf Erwin Vogt in den Rücken. Herbert O. (Jg. 1929), schilderte seinen Vorgesetzten das weitere Geschehen seinerzeit folgendermaßen: „Der Radfahrer zuckte zusammen und bediente nicht mehr die Pedale. Er fuhr noch ein Stück ca. 20 mtr. und bog dann nach links in den Waldrand ein. Hier stürzte er vom Rad und blieb reglos liegen.“ Er sei sofort zu dem Mann gelaufen und habe eine Schußverletzung mit starken Blutungen festgestellt. „Von der Stelle, wo der Radfahrer getroffen wurde, bis zu diesem Punkt, wo er vom Rad stürzte, war eine gut sichtbare Blutspur festzustellen.“ Der Schütze rannte zu dem Getroffenen, nahm dessen Fahrrad und fuhr damit in seine Dienststelle, um Hilfe zu holen.

Erwin Vogt, der seine Frau, eine zweijährige Tochter und einen dreijährigen Sohn hinterließ, wurde in dem kleinen niedersächsischen Grenzdorf Brochthausen beigesetzt. Laut einem Artikel der Illustrierten Stern stimmte der dortige Gemeindedirektor zunächst einer Beerdigung in seinem Dorf nicht zu, da er „keinen Mord decken“ wollte. „Der Leichenwagen fährt wieder über die Grenze in die Ostzone. Hier wird ein Grab geschaufelt für Erwin Vogt. Da meldet sich die Mutter und bittet, dem Sohn ein Grab in der Westzone zu geben, damit seine Frau und seine beiden Kinder zur Beerdigung kommen können. Als Toter fährt Erwin Vogt zum zweiten Mal über die Grenze, die er lebend nicht überschreiten durfte.“

Das Landgericht Mühlhausen verurteilte im April 2000 den früheren DDR-Grenzpolizisten Artur Herbert O. in erster Instanz wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil im Dezember 2000 auf und sprach den Angeklagten frei, da Zweifel an der Rechtswidrigkeit der Tat bestünden. (Recherche: jk, MP, St.A.; Autor: jos.)

Quellen:

Volkspolizei-Grenzbereitschaft Ellrich; Instrukteur K.: Abschrift/Bericht vom 8. September 1950 betr.: Schußwaffengebrauch mit tödlichem Ausgang. ThStA Weimar StA Erfurt 10086.

Staatsanwaltschaft Erfurt: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags Gegen Wolfgang H. und Otto H. StA Erfurt 520 Js 96136/97, zuvor 27/2 Js 983/92 StA Berlin, Einstellung nach § 170, Abs. 2 am 21.1. 1998.ThHStA Weimar, StA Erfurt 10086–1091.

Staatsanwaltschaft Erfurt: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags, 520Js 96136/97–1 Ks. Sammlung Marxen/Werle, Humboldt-Universität Berlin.

Ein Toter reist durchs Niemandsland. Der Stern, Heft 40, 3. Jahrg., 01.10.1950.

Auszüge der BGH-Entscheidung vom 01.01.2000 sind abgedruckt in: Neue Justiz, 3/2001, S. 152.←52 | 53→

Paul Gullasch

geboren am 16. März 1902 in Lübbenau

gestorben an den Folgen einer Schussverletzung am 24. September 1950

Ort des Zwischenfalls: nördlich von Schierke (Sachsen-Anhalt)

Am Nachmittag des 23. September 1950 kontrollierten die Grenzpolizisten Huldreich H. und Oberwachtmeister A. die Grenze im Abschnitt Schierke. Gegen 17.50 Uhr beobachteten sie, wie eine Frau und ein Mann von Westen her über die Grenze kamen. Die Grenzgänger bemerkten ebenfalls die Anwesenheit der Grenzpolizisten und trennten sich. Huldreich H. wollte die Frau festnehmen, doch in dem felsigen Gelände verlor er sie aus den Augen. Der 20-jährige A. dagegen konnte sich der männlichen Person nähern. Als er ihn aus einer Entfernung von 100 Metern aufforderte stehenzubleiben, versuchte der Grenzgänger zu entkommen.

Es handelte sich um den Schuhmacher Paul Albert Gullasch aus Elbingerode. Der 48-Jährige war der Kommandantur der DDR-Grenzpolizei in Benneckenstein bereits mehrfach als Grenzgänger aufgefallen. Vielleicht nutzte er die Nähe zu Braunlage in Niedersachsen für Einkäufe, möglicherweise betätigte er sich auch als Grenzführer. Jetzt, am Nachmittag des 23. September 1950, rannte er bergauf in einen Nadelwald hinein, um seiner Festnahme zu entgehen. Laut einem Bericht der Grenzpolizei feuerte Oberwachtmeister A. daraufhin mit seinem Karabiner einen Warnschuss ab. Weil der Flüchtende nicht stehenblieb, schoss er anschließend viermal gezielt auf ihn. Paul Gullasch brach von einem Bauchschuss getroffen zusammen. Nachdem die beiden Grenzpolizisten ihm einen Notverband angelegt hatten, wurde Gullasch mit einem Fahrzeug ins Grenzkommando gebracht. Von dort überführte ihn ein Arzt aus Schierke in das Kreiskrankenhaus Wernigerode. Der Verletzte war bereits bewusstlos, als der Mediziner dort eintraf. Noch in den Nachtstunden, am 24. September 1950 um 0.30 Uhr, verstarb Paul Gullasch. Er hinterließ seine Frau Anna, mit der er seit 1942 verheiratet war, und einen gemeinsamen Sohn.

Der ehemalige Oberwachtmeister A. der Grenzpolizei erklärte 1992 auf Fragen der Ermittler zum Tathergang, er habe lediglich ungezielte Warnschüsse seitwärts des Flüchtenden abgegeben. Einer davon müsse Gullasch als Querschläger getroffen haben. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg stellte am 6. Juli 2000 das Verfahren gegen A. wegen Totschlags ein. Weder aus gerichtsmedizinischer noch aus ballistischer Sicht war die Aussage, dass Paul Gullasch von einem Querschläger getroffen worden sei, nicht zu widerlegen. (Recherche: jk, St.A.; Autor: jk)

Quellen:

LDVP Weimar an die HVDVP, Einsatzstab Berlin: Ergänzungsbericht vom 26. September 1950. BArch Freiburg, DVH 27/130292.

Staatsanwaltschaft Magdeburg: Einstellungsverfügung vom 06.07.2000. StA Magdeburg, 33 Js 45746/95.

ZERV: Auswertung Tote an der innerdeutschen Grenze. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, 2 Js 240/92.

Auskunft des Standesamtes Lübbenau/Spreewald vom 01.08.2016.

Sterbeurkunde Nr. 545. Wernigerode, 30.12.1950. Stadtarchiv Wernigerode.←53 | 54→

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Bildquelle: privat O.M.

Herbert Walter Theodor Muhs wuchs in Dummersdorf, einem Ortsteil von Lübeck, westlich der Trave auf. Gegenüber dem Dummersdorfer Ufer mit seiner Steilküste liegt das östliche Selmsdorfer Ufer. Eine Landzunge trennt dort die Große von der Kleinen Holzwiek. Das östliche Ufer lag damals nur 300 bis 400 Meter vom westlichen Ufer entfernt. Die Kinder aus der näheren Umgebung kamen häufig zum Spielen und Baden.

Nachdem der Vater von Herbert Muhs die Familie verlassen hatte, kümmerte sich seine Mutter allein um ihre sechs Kinder. Herbert half ihr als Drittältester so gut er konnte und sorgte für seine jüngeren Geschwister. Am Montag, dem 25. September 1950, trafen sich Herbert und sein elf Jahre jüngerer Bruder Ingo mit einem befreundeten Brüderpaar und aßen mit deren Familie zu Mittag. Anschließend machten sich die Jungen auf den Weg zum Dummersdorfer Ufer. Herbert Muhs hatte ein Einmannschlauchboot aus ehemaligen Luftwaffenbeständen auf den Gepäckträger seines Fahrrades geschnürt. Er hatte schon einige Male zuvor die Trave überquert, um auf der Ostseite bei Bauernhöfen in Selmsdorf oder Schönberg etwas Essbares zu besorgen. Das verkaufte er dann im Westen oder tauschte es gegen andere Waren ein. An der Trave bliesen die Jungs das Schlauchboot auf. Als das Boot für die Überfahrt bereit war, äußerte Herbert Muhs gegenüber den Anderen, dass er Angst habe und eigentlich nicht mehr „rüber“ wolle. Aber der Gedanke an die Notlage der Familie muss dann doch sein mulmiges Gefühl überwogen haben. Sein Bruder und seine Freunde vereinbarten, vom westlichen Ufer aus die Überfahrt zu beobachten und ihn im Falle einer Gefahr durch lautes Pfeifen zu warnen. Herbert Muhs stieg in das etwa 1,50 Meter lange Schlauchboot. Als Paddel dienten ihm zwei entsprechend zurechtgesägte kurze Bretter. Für den geplanten Transport der Nahrungsmittel nahm er einen Sack mit. Am mecklenburgischen östlichen Ufer angekommen, zog er das Boot an Land und versteckte es im Buschwerk. Dann bewegte er sich vorsichtig in Richtung des nahe gelegenen Waldes. Nach nur wenigen Schritten sah er vier Uniformierte, die aus dem Wald←54 | 55→ direkt auf ihn zukamen. Sein Bruder Ingo und seine Freunde beobachteten vom westlichen Traveufer aus, wie er plötzlich umkehrte, das Schlauchboot ergriff und zurück zum Ufer rannte. Dabei verlor er seine Pudelmütze, die beiden Holzpaddel und der Sack fielen aus dem Boot. Am Wasser angekommen, warf er sich sofort der Länge nach ins Boot und paddelte mit den Händen los. Die ihn verfolgenden Grenzposten eröffneten augenblicklich das Feuer auf das Schlauchboot. Die Jugendlichen am westlichen Ufer warfen sich flach auf den Boden, um nicht getroffen zu werden. Herbert Muhs hatte sich, mit beiden Händen paddelnd, schon ein gutes Stück vom Ufer entfernt, als einer der Grenzposten niederkniete und gezielt auf ihn schoss. Von diesem Moment an rührte sich Herbert Muhs nicht mehr. Das Schlauchboot drehte leicht ab und trieb in Richtung Kleine Holzwiek. Durch die Schüsse aufmerksam geworden, beobachteten Arbeiter von einem Bergungsschiff aus das Geschehen. Sie befanden sich vor Ort, um mit schwerem Gerät ein im Krieg gesunkenes U-Boot zu heben. Vom Bergungsschiff aus steuerte dann eine kleine Barkasse mit einem Ruderboot im Schlepp langsam an das treibende Schlauchboot heran. An die Grenzposten gerichtet, die sie für sowjetische Soldaten hielten, rief die Bootsbesatzung: „Hallo Posten, hier getroffen, Kamerad tot!“ Doch vom östlichen Ufer erfolgte keine Reaktion, die DDR-Grenzpolizisten hatten sich bereits wieder in den Wald zurückgezogen. Die Barkasse schleppte das Schlauchboot zum Dummersdorfer Ufer. Den dort wartenden Freunden und dem Bruder von Herbert Muhs bot sich ein schrecklicher Anblick. Ingo Muhs sagte später aus: „Er lag auf dem Bauch, der Länge nach im Boot, Kopf und Füße lagen auf dem Wulst. Im Boot war alles voller Blut.“ Während kurz darauf ein Boot der Wasserschutzpolizei aus Schlutup und ein Arzt aus Dummersdorf eintrafen, eilte Ingo Muhs nach Hause, um seiner Mutter die schreckliche Nachricht zu überbringen. Wie die ärztliche Untersuchung der Leiche ergab, hatte das tödliche Geschoss Herbert Muhs in den Rücken getroffen und zu schweren inneren Verletzungen geführt.

Die Lübecker Nachrichten berichteten tags darauf, Augenzeugen hätten durch ein Fernglas beobachtet, dass sich die Grenzposten nach der Einstellung des Feuers zunächst Zigaretten anzündeten und dann im Wald verschwanden. Im Familien- und Freundeskreis von Herbert Muhs vermutete man, dass die DDR-Grenzer im Wald auf der Lauer lagen und ihn dort erwarteten, denn durch eine frühere Festnahme wusste die DDR-Grenzpolizei von seinen heimlichen Einkaufsfahrten über die Trave.

Die Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter registrierte den Todesfall erst im Oktober 1994 nach einer Anzeige aus dem Familienkreis. Die danach angestrengten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen liefen trotz intensiver Bemühungen ins Leere. Zeugenaufrufe in Presse und Fernsehen erbrachten keine weiterführenden Hinweise über die tatbeteiligten Grenzpolizisten. (Recherche: MP, US; Autorin: MP)

Quellen:

StA II bei dem LG Berlin: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags z. N. Herbert Muhs, 27/2 Js 383/91. LAB, D Rep. 120–02 ZERV.

Sterbeeintrag Herbert Muhs im Sterberegister III 61/1950. Archiv Hansestadt Lübeck.

Zeitzeugengespräche Mandy Palme mit O.M. (Schwester) am 02.11.2016 und am 16. November 2016.

Filmer, Werner/Schwan, Heribert: Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, S. 159.←55 | 56→

Gerhard Oelze

geboren am 26. Juni 1920 in Magdeburg

erschossen am 27. Oktober 1950

Ort des Zwischenfalls: Walbeck, nahe Schwanefeld (Sachsen-Anhalt)

In der Mittagszeit des 27. Oktober 1950 traten die beiden Radsportler Gerhard Oelze und Gerhard Zöffzig ihren Rückweg über die Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen an. Schon oft waren sie im Westen, um dem Radrennsport nachzugehen und an Radrennen teilzunehmen. Diesmal wollten sie allerdings nur Ersatzteile für ihre Räder und ein paar Lebensmittel besorgen. Nach erfolgreichen Einkäufen hatten sie ihre Rucksäcke vollgepackt und ihre Fahrräder mit Kisten beladen. Ein reger Schmuggelverkehr über die grüne Grenze gehörte zur damaligen Normalität. Die sowjetischen und deutschen Grenzposten ignorierten lange die „illegalen“ Grenzgänger oder sprachen allenfalls geringe Strafen aus. Diese Situation änderte sich jedoch nach der DDR-Gründung, die früher geduldeten Grenzübertritte wurden zunehmend riskanter. Auf der Westseite begegneten die Radfahrer einem Posten, der sie darauf hinwies, dass auf ostdeutscher Seite neue, möglicherweise strenger kontrollierende Grenzposten ihren Dienst aufgenommen hätten. Nach diesem Hinweis stiegen die jungen Männer von ihren Rädern und schoben sie entlang des Feldweges in Richtung Beendorf. Nachdem sie ein Waldstück durchquert hatten, beobachteten sie die Gegend und hielten Ausschau nach Grenzposten.

Gegen 13.30 Uhr entdeckten die Grenzpolizisten des Kommandos Walbeck die beiden Radfahrer und forderten sie auf stehenzubleiben. Da sie dem nicht Folge leisteten, gaben die Grenzer mehrere Warnschüsse ab. Daraufhin schwangen sich die beiden Radfahrer wieder auf ihre Sättel und fuhren entlang eines schmalen Feldweges in Richtung Beendorf. Berichten der Volkspolizei zufolge erhöhten die beiden ihre Geschwindigkeit und versuchten, „in wilder Flucht“ zu entkommen. Die Grenzpolizisten eilten ihnen zu Fuß hinterher und gaben weitere Warnschüsse ab.

Bei einer Vernehmung in den 1990er Jahren verwies einer der damals beteiligten Posten auf die „Instruktionen für die Grenzpolizeiorgane zum Schutz der Grenze und der Demarkationslinie der SBZ Deutschlands“. Er habe gemäß der Schusswaffengebrauchsbestimmung gehandelt. Da auf dem Nachbarabschnitt der Grenze keine weiteren Grenzstreifen auftauchten, habe er aus etwa 450 Metern Entfernung einen gezielten Schuss „ohne Visiereinstellung etwa einen Meter vor das Vorderrad des vorausfahrenden“ Gerhard Oelze abgegeben. Dabei habe er darauf vertraut, „den Radfahrer jedenfalls aus dieser Entfernung nicht mehr tödlich zu treffen“. Die Kugel traf jedoch. Von hinten getroffen stürzte der 24-jährige Gerhard Oelze vom Rad und blieb bewegungslos liegen. Gerhard Zöffzig fuhr weiter und entkam. Einer der Grenzpolizisten kümmerte sich um den Verletzten, während der andere einen Arzt aus Beendorf herbeiholte. Gerhard Oelze erlag noch am Unglücksort seinen schweren Verletzungen. Als der Arzt nach 20 Minuten eintraf, stellte er fest, dass Gerhard Oelze an inneren Verletzungen verblutet war. Man brachte den Toten nach Beendorf in die Leichenhalle des Friedhofs. Am 2. November 1950 gaben ihm seine Angehörigen und Freunde auf dem Magdeburger Westfriedhof das letzte Geleit. Der Radsportler hinterließ seine Verlobte. Seine Mutter reichte wiederholt eine Todesanzeige für ihren Sohn ein. Sie erhielt die Anzeige jedoch mehrfach zurück, das Wort „Grenze“ sollte im Text nicht auftauchen.←56 | 57→

Das Landgericht Magdeburg sprach den Todesschützen am 25. Januar 1995 frei. In der Begründung des Freispruches hieß es, für den damals 19-jährigen Volkspolizei-Wachtmeister Josef K., der erst seit einigen Monaten an der innerdeutschen Grenze seinen Dienst verrichtete, entfalle zwar grundsätzlich die rechtfertigende Wirkung der damals gültigen Schusswaffengebrauchsbestimmung. Jedoch habe eine objektiv erkennbare Gefahrenlage vorgelegen, weil sich die beiden Radfahrer anders verhalten hätten als die übrigen Grenzgänger. Da sie sich von West nach Ost bewegten, habe ihr Verhalten bei den Grenzpolizisten die begründete Vermutung ausgelöst, „dass ihre Flucht auch anders hätte motiviert sein können. Insoweit stehen der rechtfertigenden Wirkung der Schusswaffengebrauchsbestimmung für diesen konkreten Fall keine durchgreifenden Bedenken entgegen“. Es liege jedoch eine „fahrlässige Tötung im Rahmen der Grenzsicherung“ vor. (Recherche: MP, TP, US; Autorin: MP)

Quellen:

DGP: Berichte und Meldungen über Schußwaffengebrauch 1949–1953, BArch Freiburg, DVH 27/130291.

LG Magdeburg: Urteil vom 29.3.1995, 32 Js 39753/93. Staatsanwaltschaft Magdeburg.

LG Magdeburg: Urteil vom 25.1.1995, 22 Ks 33 Js 39753/93 (5/94). In: Deutsch-Deutsche Rechtszeitschrift. München 1995, S. 380 f.

Standesamt Magdeburg-Altstadt, Geburtseintrag Nr. 1897/1920, Gerhard Oelze. Standesamt Magdeburg, Auskunft vom 26.10.2016.

Standesamt Beendorf: Sterbeurkunde Nr. 16/1950, Gerhard Oelze. Verbandsgemeinde Flechtingen, Standesamt, Auskunft vom 22.09.2016.

Filmer, Werner/Schwan, Heribert: Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, S. 160.

Schätzlein, Gerhard: Flucht aus der DDR von 1950 bis 1989. Mellrichstadt 2015, S. 25.

Anneliese Walter

geboren am 19. April 1920 in Quedlinburg

gestorben nach Schussverletzung am 28. Oktober 1950

Ort des Zwischenfalls: an der ehemaligen Bahnlinie zwischen Wasserleben (Sachsen-Anhalt) und Vienenburg (Niedersachsen)

Die 29-jährige Anneliese Marie Martha Walter lebte mit ihrem Ehemann, dem Maschinenschlosser Alfred Hermann Gustav Walter, und der gemeinsamen Tochter in Westerhausen, das heute ein Ortsteil von Thale ist. Alfred Walter hatte dort nach dem Krieg als Gleisbauarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn Arbeit gefunden.

Bevor die Grenzüberwachung 1952 verstärkt wurde, erlaubte die Nähe zu Niedersachsen den Harzbewohnern noch Familienbesuche und Einkäufe in der Bundesrepublik. Um nicht in die Kontrollen der DDR-Grenzpolizei zu geraten, mussten die Wege dorthin jedoch in der Dunkelheit zurückgelegt werden. In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober 1950 machte sich Anneliese Walter auf den Weg in das gut 40 Kilometer entfernt liegende Vienenburg.

Die Rückkehr trat sie am 28. Oktober in den frühen Morgenstunden an. Die Temperaturen sanken auf den Gefrierpunkt, der Boden war schneebedeckt. Diesmal hatte sie sich vier weiteren Grenzgängern angeschlossen, mit denen sie gegen 4 Uhr nahe←57 | 58→ der stillgelegten Bahnstrecke nach Wasserleben die Grenze passierte. Hinter sich konnten sie noch die Lichter von Vienenburg sehen. Als ihnen wenige Augenblicke später von zwei Posten der DDR-Grenzpolizei aus etwa 200 Metern Entfernung zugerufen wurde, sie sollten stehenbleiben, und kurz darauf ein Warnschuss krachte, versuchten sie, wieder über die Grenze in den Westen zurückzulaufen.

Die Grenzpolizisten Oberwachtmeister Manfred S. und Wachtmeister Franz M. hatten kurz zuvor eine Gruppe von neun Grenzgängern gestellt. Nun zeichneten sich im Schnee fünf weitere Personen ab, die die Grenze überquert haben mussten. Um ihre Flucht zu stoppen, gab Manfred S. einen gezielten Schuss auf die Gruppe ab. Das Geschoss verletzte zunächst Frieda Leuschner aus Quedlinburg und traf dann die hinter ihr gehende Anneliese Walter in den Bauch. Beide Frauen stürzten zu Boden, ihre Wunden bluteten stark. Manfred S. lief zur Kommandantur Lüttgenrode, um Meldung zu erstatten und einen Krankenwagen anzufordern. Während Wachtmeister M. Erste Hilfe leistete, nutzten die bereits gestellten Grenzgänger die Gelegenheit und ergriffen die Flucht. Nach 4.30 Uhr brachte ein Krankenwagen Anneliese Walter und Frieda Leuschner in das Krankenhaus Osterwieck. Frau Walter starb noch am gleichen Tag um 9.15 Uhr. Frieda Leuschner musste noch vier Wochen im Krankenhaus bleiben, bis ihre Verletzung, ein Hüftdurchschuss, verheilt war. Sie sagte 1992 gegenüber den Ermittlern der ZERV aus, dass sie weder einen „Halt“-Ruf der Grenzpolizisten noch einen Warnschuss gehört habe.

Zwei Monate nach dem Tod seiner Ehefrau wandte sich Alfred Walter mit einem Brief an den Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck und bat um finanzielle Unterstützung. „Leider ist es mir unmöglich die Bestattungskosten zu tragen, denn ich selber kann mir diese Ausgaben nicht erlauben, zumal ich bei der Reichsbahn als Gleisbauarbeiter beschäftigt bin und noch meine Tochter zu ernähren habe.“ Zu dieser Zeit untersuchte die Mordkommission der Magdeburger Volkspolizei noch den Vorfall. Da die Mordkommission dem Schützen kein vorsätzliches oder fahrlässiges Verhalten vorwerfen konnte, stellte die Staatsanwaltschaft Magdeburg am 8. Februar 1951 das Strafverfahren gegen Manfred S. wieder ein. Auf der Grundlage dieses Beschlusses lehnte die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei am 16. April 1951 die von Alfred Walter erbetene Unterstützung ab. Sie teilte dem Witwer mit, „daß die Grenzpolizisten in Ausübung ihres Dienstes rechtmäßig handelten und die Schuld einwandfrei auf Seiten Ihrer Frau liegt“.

Alfred Walter starb im Februar 1989 in Quedlinburg. Als 1993 der Schütze als Beschuldigter von der Polizei vernommen wurde, beteuerte Manfred S., nur einen Warnschuss abgegeben zu haben, und zeigte sich überrascht, dass aufgrund seines Schusswaffengebrauchs eine Frau getötet und eine weitere schwer verletzt worden war. (Recherche: jk; Autor: jk)

Quellen:

Kommando der DGP/Abt. Operativ: Berichte über Schußwaffengebrauch 1950–1953. BArch Freiburg, DVH 27/130292.

Anklageschrift an das Landgericht Halle/Große Jugendkammer gegen den Rentner Hans Manfred S. In: StA Erfurt 520 Js 96136/97 wg. Totschlag [Fall Erwin Vogt] zuvor 27/2 Js 983/92 StA Berlin. ThHStA Weimar, StA Erfurt 10087.

Filmer, Werner/Schwan, Heribert: Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, S. 161.

ZERV: Auswertung „Tote an der innerdeutschen Grenze“. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, 2 Js 1117/92.←58 | 59→

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Bildquelle: Privat,
Familie Lieven / Schülke

Richard Hillebrand lebte 50 Jahre in seinem Heimatdorf, dem thüringischen Hohengandern, einer kleinen Gemeinde im Eichsfeld. Er arbeitete bei der Reichsbahn und in der Nachkriegszeit als Schlosser im Bahnausbesserungswerk Göttingen. Mit seiner Frau Agnes hatte er drei Kinder. Bis Mitte 1950 besaß Richard Hillebrand wie auch andere Pendler aus der Gegend Passierscheine, die ihnen die tägliche Heimkehr von ihren Arbeitsstätten im Westen gestatteten. Als diese Passierscheine durch die DDR abgeschafft wurden, kamen die Pendler in der Regel nur noch am Wochenende illegal nach Hause. Wie Ermittler in den 1990er Jahren feststellten, versuchte Richard Hillebrand, am Abend des 28. Januar 1951 zusammen mit seinem Bruder Robert und Andreas Klöppner von der Ostseite aus in den Westen zu gelangen. An diesem Sonntagabend herrschte trübes Wetter. Die drei Männer liefen von Hohengandern nach Allendorf und bogen von der Straße auf einen Feldweg in Richtung Grenze ein. Vom Bahnhof Eichenberg auf der hessischen Seite wollten sie dann nach Göttingen fahren, um rechtzeitig am Montag zur Arbeit zu kommen. Gegen 18.20 Uhr fielen sie in der Feldmark einer Streife der DDR-Grenzpolizei auf, die sie zum Stehenbleiben aufforderte. Dem kamen die drei Männer nicht nach, sondern ergriffen in verschiedene Richtungen die Flucht. Robert Hillebrand erinnerte sich an den Zuruf seines Bruders, er solle sich „hinschmeißen“. In diesem Moment fiel der erste Schuss. Richard Hillebrand wurde von zwei Kugeln getroffen. Der ortsansässige Arzt konnte nur noch seinen Tod durch einen Herztreffer feststellen. Richard Hillebrand starb drei Tage vor seinem 50. Geburtstag. Andreas Klöppner wurde im Grenzraum und Robert Hillebrand später in seiner Wohnung festgenommen.

Agnes Hillebrand schilderte später, wie sie am 28. Januar 1951 vom Tod ihres Mannes erfuhr, als sie gegen 20 Uhr ihre Wohnung verließ, um eine Nachbarin zu besuchen. Auf der Straße sei ihr in der Dunkelheit eine weinende Frau entgegengekommen. „Sie rief mir entgegen: ,Eben haben sie Hillebrand’s Richard erschossen!‘ Es war eine Frau S., die sehr erschrocken war, als sie mich erkannte. Ich wurde ohnmächtig, und man brachte←59 | 60→ mich in […] die Wohnung meiner Schwägerin, die in der Nähe war. Als ich mich etwas erholt hatte, wollte ich zu meinem Mann. Bekannte und Nachbarn, die sich eingefunden hatten, begleiteten mich an den Tatort. Eine Gruppe Volkspolizisten hielt uns aber mit vorgehaltenen Waffen zurück. All’ mein Reden half nichts, wir mussten zurückkehren. Die VOPO sagte mir, dass ich meinen Mann noch bekäme, aber erst müsste die Mordkommission dagewesen sein.“

Nachdem die Witwe die Grenzpolizei in der Öffentlichkeit des Mordes beschuldigte, hörte sie von einem bei der Kriminalpolizei beschäftigten Bekannten unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ihre Verhaftung bevorstand und ihre Kinder in ein Heim eingewiesen werden sollten. Daraufhin flüchtete sie Hals über Kopf mit ihren neun und zehn Jahre alten Töchtern und ihrem dreijährigen Sohn in den Westen. Im Aufnahmelager Friedland hielt sich A. Hillebrand mit ihren drei Kindern ca. 8 Monate auf. In diesem Zeitraum befragte sie ein Journalist über den Vorfall des 28. Januar 1951. Er berichtete danach in der Zeitung unter der Schlagzeile: „Ein Mord wird belohnt. Ein Volkspolizist spielt Schicksal. Er erschoß aus Willkür einen Vater. Für den Mord wurde er befördert.“ Frau Hillebrand erstattete im März 1962 bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig Anzeige gegen Unbekannt wegen der Erschießung ihres Mannes.

Die Ermittlungsbehörden in Westdeutschland kannten seit 1953 den Namen der Todesschützen. Es handelte sich um den späteren Major der DDR-Grenztruppen Willi Vogler. Ermittlungen gegen einen weiteren Verdächtigen namens Dölle wurden aufgrund von Zeugenaussagen nicht weiter verfolgt. Ein in den Westen geflüchteter ehemaliger DDR-Grenzpolizist sagte 1953 im Aufnahmelager Göttingen aus, Vogler habe ihm das Geschehen vom 28. Januar 1951 folgendermaßen geschildert: „Als Hillebrand auf den ersten Anruf nicht sofort stehengeblieben sei, habe er unverzüglich geschossen und habe ihn in den linken Unterarm getroffen. Dabei sei Hillebrand hingefallen und er selbst sei unverzüglich auf Hillebrand zugelaufen und hätte ihn anschließend mit der Pistole erschossen. Den ersten Schuß habe er mit dem Karabiner abgegeben. Warum V. nun anschließend H. erschossen hat, weiß ich nicht. V. hat darüber nichts erwähnt. Er erwähnte nur noch, daß er Hillebrand nach dem ersten Schuß mit dem Fuß umgedreht habe und danach den Pistolenschußabgegeben habe.“ Zu seiner Strafverfolgung Voglers kam es nach der Wiedervereinigung nicht, er war 1992 verstorben. (Recherche: jk, MP, St.A., TP; Autor: jos.)

Quellen:

Deutsche Volkspolizei: Meldung vom 29.01.1951, zit. nach Filmer, Werner; Schwan, Heribert: Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, S. 161.

ZESt: Strafsache wegen Totschlags: ZESt AR-ZE 49/62. BArch Koblenz, B 197/171.

Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht II Berlin: Ermittlungsverfahren wegen Totschlags. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 2 Js 76/93.

ZERV: Auswertung der „Toten der Grenze“, StA LG Berlin, Schlußvermerk vom 1.9.1995. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 2 Js 76/93.

Angaben zum damaligen Geschehen von Frank Lieven (Enkel), übermittelt am 25. April 2017 im Namen der Töchter Margarethe Lieven und Barbara Schülke.←60 | 61→

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Bildquelle: Familie Krause

Der Chef des Grenzkommandos Groß Thurow hatte den Einwohnern des Dorfes versichert, die Aufgabe der Grenzpolizei sei es, „Agenten, Schieber und sonstige illegale Grenzgänger“ zu ergreifen. Dabei müsse notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden. Als ein Grenzpolizist jedoch einen zehnjährigen Jungen erschoss, verschlechterte sich das Verhältnis der Dorfbewohner zur Grenzpolizei in Groß Thurow schlagartig.

Harry war das jüngste von vier Kindern der Familie Krause, die vor den Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg nach Groß Thurow geflohen war. Die Familie wohnte unweit des Goldensees auf einem Bauernhof. Im Winter war es üblich, auf dem See Schlittschuh zu laufen, obwohl das gegenüberliegende Ufer bereits zur Bundesrepublik gehörte. Auch von dort, vom Gut Goldensee, kamen die Kinder aufs Eis – man spielte miteinander, versorgte sich mit Süßigkeiten. All dies tolerierte die Grenzpolizei.

Am letzten Januartag des Jahres 1951 überquerten der ältere Bruder von Harry Krause und dessen Freund Helmut den zugefrorenen Goldensee. Sie wollten auf der bundesdeutschen Seite an Bekannte Lebensmittel verkaufen. Der zehnjährige Harry, der als lustiger, sympathischer Junge beschrieben wird, folgte ihnen unbemerkt auf seinen Schlittschuhen. Als er sich dem westlichen Ufer näherte, fiel plötzlich ein Schuss. Der Junge brach getroffen zusammen.←61 | 62→

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Harry Krause (vorn 2. von rechts) im Kreis seiner Familie

Quelle: Familie Krause

Nach den Unterlagen der Grenzpolizei bemerkten gegen 15 Uhr zwei Grenzpolizei-Wachtmeister den Jungen, den sie für einen Jugendlichen hielten. Aus einem Abstand von 900 Metern wähnten sie ihn 30 bis 40 Meter vom westlichen Ufer entfernt. Nach einem Bericht des Staatssicherheitsdienstes habe nun einer von ihnen, der 18-jährige Grenzpolizist Otto R., der seit einem halben Jahr im Dienst des Kommandos Groß Thurow stand, seinen Karabiner vom Rücken genommen und sei, die entsicherte Waffe in Hüfthöhe, zum Ufer gelaufen, um einen Warnschuss abzugeben. Dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Otto R. und sein Kollege hätten beobachtet, wie der „Grenzgänger“ – der zehnjährige Harry Krause – noch 15 Meter weiter gelaufen, dann aber weinend zusammengebrochen sei. Daraufhin habe ihn jemand vom westlichen Ufer an Land gezogen. Die beiden Grenzpolizisten gaben weiterhin an, dass sie glaubten, die Person sei gestolpert und deshalb gestürzt. Dass eine Kugel aus so großer Entfernung getroffen haben könnte, zogen sie erst gar nicht in Erwägung und setzten ihren Streifenweg fort. Unterdessen hatten Kinder, die das Geschehen beobachteten, Harry Krauses Vater Bescheid gegeben. Sofort machte sich dieser auf den Weg zur anderen Seite der Grenze. Die Rückkehr muss ihn viel Kraft gekostet haben: Hinter sich, im Schlitten, zog er die Leiche seines Jungen, eingepackt in Decken. Die Bewohner des Dorfes kamen ihnen entgegen, sie waren traurig und wütend zugleich über diese Tat. Wachtmeister Otto R. hatte den kleinen Harry Krause tödlich getroffen. Gegen 20 Uhr traf die Mordkommission der Polizei aus Schwerin in Groß Thurow ein. Sie nahm die Aussagen der beiden Grenzpolizisten auf, überprüfte diese jedoch nicht, weil es für eine Rekonstruktion des Vorgangs schon zu dunkel war. Ein Arzt aus Schlagsdorf untersuchte die Leiche und vermutete einen Herzsteckschuss als Todesursache. Als Harry Krause im nahen Roggendorf bestattet wurde, standen die Kinder aus Groß Thurow um den hellen Sarg und nahmen Abschied von ihrem Freund. Auf den Grabstein ließen die Eltern gravieren: „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah“. Die offizielle Version, dass sich der tödliche Schuss auf Harry Krause nur versehentlich gelöste habe, mochte im Ort niemand so recht glauben.←62 | 63→

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Harry Krauses nicht mehr erhaltenes Grab mit der
Inschrift: „Dem Auge so fern, dem Herzen so nah“

Quelle: Familie Krause

Zwei Monate nach dem Vorfall wandte sich ein Staatssekretär des DDR-Innenministeriums, von Berichten über die negative Stimmungslage in Groß Thurow und Umgebung alarmiert, an den Chef der Deutschen Volkspolizei und an den stellvertretenden DDR-Innenminister Karl Maron, denen er den Todesfall sowie das aus seiner Sicht unverständliche Verhalten des Grenzpolizeikommandos Groß Thurow beschrieb: „[…] von unserer Seite aus ist nichts geschehen. Es wurde nicht einmal mit Familie Krause gesprochen. Bei der Beisetzung hätte die westliche Polizei einen Kranz geschickt, [während] seitens unserer Volkspolizei aber nicht einmal eine Erklärung über den bedauerlichen Vorfall abgegeben worden ist. Ich bitte diese Angelegenheit zu überprüfen, insbesondere auch in der Richtung, dass bei solch einem Vorfall die Volkspolizei dann auch den Mut haben muss, mit den betreffenden Leuten zu sprechen.“

Tatsächlich war Otto R. lediglich disziplinarisch mit Arrest bestraft worden. Die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei selbst wandte sich im August 1951 an die Oberstaatsanwaltschaft in Schwerin mit der Bitte, eine Hauptverhandlung zum Fall Krause einzuberufen: „1) damit der Bevölkerung gezeigt wird, daß Verfahren, an denen VP-Angehörige beteiligt sind, ordnungsgemäß zu Ende geführt werden und der feindseligen Haltung eines Teiles der Bevölkerung von Thurow-Horst damit entgegengetreten wird, 2) damit dem VP-Wm. R[…] die seelische Bedrückung genommen wird, einen Menschen getötet zu haben.“ Doch die Staatsanwaltschaft lehnte ab. Das Verfahren sei bereits nach § 170 der Strafprozessordnung eingestellt worden. „Es liegt keine strafbare Handlung vor, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände, also ein Unglücksfall.“ Nachdem der Plan einer Einwohnerversammlung, bei der die Staatsanwaltschaft und die Volkspolizei zu dem Fall Stellung nehmen sollten, fallengelassen worden war – inzwischen war es November und die Stimmung vor Ort hatte sich beruhigt – kam es zu einer individuellen „Aussprache“ mit den Eltern von Harry Krause. Nach zweieinhalbstündigem Gespräch am 17. November 1951←63 | 64→ sei man, so heißt es in einem Bericht der Grenzbereitschaft Schönberg, „im guten Einvernehmen“ auseinandergegangen. Je ein Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Volkspolizei und der Grenzpolizei hätten dem Vater, welcher der Justiz vorwarf, den Tod seines Kindes vertuschen zu wollen, die Einstellung des Verfahrens begründet. Tatsächlich, so erinnerte sich die Schwester von Harry Krause, bot man den Eltern Schweigegeld an, was der Vater ablehnte. 1952 wurde die Familie Krause aus Groß Thurow zwangsausgesiedelt. Ihr wurde sogar die Möglichkeit genommen, das Grab ihres Jungen zu pflegen.

1995 stellte die Staatsanwaltschaft des Landgerichts Berlin das Ermittlungsverfahren gegen Otto R. ein. Ihm konnte kein vorsätzliches Tötungsdelikt nachgewiesen werden. Eine Tat aus Fahrlässigkeit unterlag zu diesem Zeitpunkt bereits der Verfolgungsverjährung. Seit dem 31. Januar 2016, dem 65. Todestag von Harry Krause, erinnert ein von Götz Schallenberg entworfenes Erinnerungszeichen an der Alten Schule in Groß Thurow an das Schicksal des Jungen. (Recherche: jk; Autor: jk)

Quellen:

Kommando der DGP/Abt. Operativ: Berichte über Schußwaffengebrauch 1950–1953. BArch Freiburg, DVH, 27/130292.

Staatsanwaltschaft II bei dem Landgericht Berlin: Vfg. Berlin 22.11.1995. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, StA II LG Berlin 27/2 Js 112/93.

Koop, Volker: „Den Gegner vernichten“. Die Grenzsicherung der DDR. Bonn 1996, S. 340 f.

Pingel-Schliemann, Sandra: „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen!“ Die Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe 1945 bis 1989. Schwerin 2013, S. 226.

Stippekohl, Siv: Der Tod eines Jungen an der Grenze. 31.01.2016. https://www.ndr.de/kultur/geschichte/goldensee100_page-1.html (Zugriff am 10.10.2016).

Erich Sperschneider

geboren am 2. Januar 1923 in Forschengereuth

verblutet nach Schussverletzung am 25. Februar 1951

Ort des Zwischenfalls: bayerisch-thüringische Grenze
nordöstlich von Meilschnitz (Bayern)

Erich Sperschneider wuchs in Mengersgereuth in Thüringen auf und erlernte nach dem Besuch der Volksschule den Beruf eines Feinmechanikers. Er trat am 1. September 1941 der NSDAP-Ortsgruppe Mengersgereuth bei und diente dann in der Wehrmacht als Fallschirmjäger. Bei Kriegsende geriet er für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft, konnte aber schon im Juni 1945 wieder nach Hause zurückkehren. Er arbeitete zunächst in einer Schmuckwerkstatt. Nachdem sein alter Betrieb, der nun VEB Feinmechanik Sonneberg hieß, die Produktion wiederaufgenommen hatte, kehrte er an seine frühere Arbeitsstätte zurück. Nach seiner Heirat im Jahr 1947 wohnte er im Haus seiner Schwiegereltern. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

In der Region fehlte es bis Mitte der 1950er Jahre an Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs. Viele dort lebende Menschen versuchten deshalb, an westdeutsche Produkte zu kommen. Sie überquerten bei Dunkelheit die sogenannte grüne Grenze, um sich jenseits der Demarkationslinie Lebensmittel bzw. Konsumgüter zu besorgen. Dabei halfen ihnen meist westdeutsche Verwandte oder Bekannte. Im←64 | 65→ Gegenzug brachten die Grenzgänger DDR-Produkte (hauptsächlich Spielzeug) in die Bundesrepublik, um an die „harte Währung“ DM zu kommen. Bis 1951 war dieser „Grenzverkehr“ gang und gäbe. Nachdem sich der Tod Erich Sperschneiders herumgesprochen hatte, ging er in dieser Grenzgegend drastisch zurück.

Die Grenze war, wie sich Sperschneiders Bruder Mylius erinnerte, zu diesem Zeitpunkt weder markiert noch durch einen Zaun gesichert, den Grenzverlauf konnte man nur anhand des Kontrollweges der Grenzpolizisten erkennen. Sperschneiders Elternhaus lag ca. zwei Kilometer von der Grenze entfernt. Über freie Felder bzw. durch Waldstücke gelangte man direkt zum bayerischen Meilschnitz. Dort wohnten Sperschneiders Großeltern, die die beiden Brüder häufig besuchten. Insbesondere Erich ging häufig über die Grenze. Er galt als gutmütig und hilfsbereit. So besorgte er für das örtliche Krankenhaus westliche Arzneimittel und führte immer wieder Grenzgänge für ein bloßes Dankeschön aus. Mylius und Erich Sperschneider gerieten einmal in eine Kontrolle durch westdeutsche Polizisten, die sie aber nach Aufnahme ihrer Personalien wieder freiließen. DDR-Grenzpolizisten gaben bis dahin in der Gegend vereinzelt Warnschüsse ab, um Grenzgänger zu stellen. Deshalb waren diese zwar sehr aufmerksam, sahen aber in ihrem privaten „Interzonenhandel“ kein größeres Risiko.

Am Abend des 24. Februar 1951 bat Mylius Sperschneider seinen Bruder Erich, ihm von „drüben“ Apfelsinen für seine kranke einjährige Tochter mitzubringen. Erich brach gegen 18.30 Uhr zu seinen Großeltern auf und wurde bereits zwei Stunden später zurückerwartet. Doch gegen Mitternacht erhielt seine Familie die telefonische Nachricht, Erich liege angeschossen im Sonneberger Krankenhaus. Sein Bruder und die Eltern fuhren mit dem Auto des Nachbarn sofort dorthin. Nach der Erinnerung von Mylius Sperschneider wachte sein Bruder Erich gegen 4 Uhr aus der Narkose auf und schilderte, geschwächt durch den Blutverlust und die Amputation seines linken Unterschenkels, mit stockender Stimme den Vorfall. Demnach befand er sich zusammen mit zwei Männern und einer Frau auf dem Heimweg, als Grenzpolizisten sie aufforderten stehenzubleiben. Obwohl er der Aufforderung Folge leistete, fiel plötzlich ein Schuss, der ihn in beide Beine traf. Er habe zuvor keinen Warnschuss gehört. Das Geschoss durchschlug Sperschneiders rechte Wade und zerfetzte sein linkes Fußgelenk. Einer seiner Begleiter band die Verletzung notdürftig ab. Erst nach zwei Stunden transportierte die Grenzpolizei den Verletzten in einem offenen Geländewagen ab. Um Sperschneiders Leben zu retten, amputierten ihm die Ärzte im Sonneberger Krankenhaus sein linkes Bein unterhalb des Knies. Er erlag dennoch am folgenden Tag seinen Verletzungen.

Leitung und Belegschaft der Firma, für die er tätig gewesen war, veröffentlichten am 1. März 1951 folgende Traueranzeige: „Plötzlich und unerwartet wurde unser Arbeitskollege, der Feinmechaniker Erich Sperschneider, im Alter von 28 Jahren aus unserer Mitte gerissen. Wir verlieren in ihm einen fleißigen, aufrichtigen und hilfsbereiten Arbeitskollegen und werden sein Andenken stets in Ehren halten.“ Doch diese ehrende Erinnerung passte den örtlichen SED-Funktionären nicht. Mylius Sperschneider erinnert sich, dass SED-Funktionäre in einer Betriebsversammlung seinen Bruder als „Großschieber“ beschimpften und behaupteten, in seiner Wohnung hätte die Volkspolizei größere Mengen Margarine und andere Schmuggelware sichergestellt. Mylius Sperschneider bestreitet das, er kann sich auch nicht daran erinnern, dass es überhaupt jemals eine Hausdurchsuchung bei seinem Bruder gab.←65 | 66→

Bei dem letzten Gespräch mit seinen Angehörigen im Krankenhaus Sonneberg nannte Erich Sperschneider den Vornamen eines Grenzpolizisten, den er für den Schützen hielt. Dieser Grenzpolizist mit Vornamen Herbert entfernte sich nach der Schussabgabe rasch. Als Sperschneiders Witwe die Aufklärung des Falls und die Bestrafung des Schützen forderte, drohte ihr der Staatssicherheitsdienst an, sie aus dem Grenzgebiet auszuweisen. Sperschneiders Söhne bemühten sich Anfang der 1990er Jahre vergeblich um eine gerichtliche Rehabilitierung und Entschädigung für den Tod ihres Vaters. Die Ermittler konnten freilich den Täter zweifelsfrei identifizieren. Es handelte sich um den ehemaligen DDR-Grenzpolizisten Hans Gottschalk. Da er 1992 verstarb, kam es zu keiner Anklageerhebung. Erich Sperschneiders Bruder Mylius errichtete nach dem Ende des SED-Regimes am Ort des Zwischenfalls auf dem Grenzstreifen ein Holzkreuz für seinen Bruder. Seit dem Jahr 2002 erinnert an dieser Stelle ein von Erich Sperschneiders Freund Otto Müller gestifteter Gedenkstein an den Todesfall. Auch in der Thüringisch-Fränkischen Begegnungsstätte in Neustadt bei Coburg informiert eine Tafel über das Schicksal Erich Sperschneiders. (Recherche: jk. MP, Sf, St.A.; Redaktion: jos.)

Quellen:

Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin: Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Totschlag. LAB, D Rep. 120–02, Acc. 8346, Az. 27 Js 134/94.

Staatsanwaltschaft Erfurt: Ermittlungen wegen Verdachts auf Totschlag. 560 Js 10158/93, zuvor 7 Js 7599/92 StA Meiningen. ThHStA Weimar, StA Erfurt 1824.

BDC: Ortsgruppenkartei der NSDAP. BArch Berlin, OK 3200/V0078.

Biographische Angaben

Klaus Schroeder (Band-Herausgeber) Jochen Staadt (Band-Herausgeber)

Klaus Schroeder lehrt als Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 1992 leitet er den Forschungsverbund SED-Staat. Jochen Staadt ist Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und seit 1992 dessen Mitarbeiter.

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Titel: Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989