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Die Darstellung Südosteuropas in der Gegenwartsliteratur

von Goran Lovric (Band-Herausgeber:in) Slavija Kabić (Band-Herausgeber:in) Marijana Jelec (Band-Herausgeber:in)
©2018 Konferenzband 264 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband versammelt Beiträge der internationalen literaturwissenschaftlichen Konferenz „Die Darstellung Südosteuropas in der Gegenwartsliteratur", die 2017 an der Universität Zadar, Kroatien stattfand. Die Beiträge spiegeln die aktuelle literarische Produktion in Verbindung mit dem Thema Südosteuropa wider und zeigen die große Bandbreite verschiedener Ansätze in der Darstellung positiver und negativer gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen aber auch Kontinuitäten in dieser Region. Sie behandeln Autorinnen und Autoren, die größtenteils aus dieser Region stammen und sich mit Ursachen und Folgen der dramatischen und weitreichenden Ereignisse in Südosteuropa literarisch auseinandersetzen, wobei viele Werke auch einen autobiographischen Hintergrund aufweisen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • „Das Land, aus dem wir kamen, war unser gemeinsames Trauma.“ Affektivität und Sprache in Dubravka Ugrešićs Roman Das Ministerium der Schmerzen
  • Die Generation der Schlangentöter. Das Kriegsmotiv in den Erzählungen von Jurica Pavičić
  • Rijeka, Zagreb, Berlin, Paris oder Toscana – Räume der Erinnerungen oder der Wahnsinn als letzter Zufluchtsort der Opfer. Belladonna und EEG von Daša Drndić
  • Bilder Jugoslawiens und der Schweiz in den Familienromanen Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji und Elefanten im Garten von Meral Kureyshi
  • Schweiß, Hitze und Olivenöl – Reorientierung und Rekonstruktion in Alida Bremers Olivas Garten
  • Nicol Ljubićs Roman Meeresstille oder vom Vermögen der Sprache in einem Zeitalter der Verunsicherung
  • „Wer warst du im Jugoslawienkrieg, Vater?“ Über den Umgang mit einem Kriegsverbrecher in Goran Vojnovićs Roman Vaters Land
  • Srebrenica in Dokumentation und Fiktion
  • „Für mich ist der Kanister ein Symbol.“1 – Krieg und Nachkriegszeit in Romanen von Nenad Veličković
  • Die Hingabe an den Rattenfänger. Zu Slobodan Šnajders Roman Die eherne Zeit
  • Darstellung Südosteuropas in dokumentarisch-fiktionalen Reiseberichten: Ulrike Schmitzer Die gestohlene Erinnerung und Karl-Markus Gauß Zwanzig Lewa oder tot
  • Johannes Weidenheim und die Inszenierung des Zusammenlebens in seinen Werken: Heimkehr nach Maresi (1994) und Maresi. Eine Kindheit in einem donauschwäbischen Dorf (1999)
  • Eginald Schlattners Trilogie der Siebenbürger Sachsen – Verrat und Vergebung unter den Bedingungen der Diktatur
  • Zwischen den Bildern. Bulgarien-Imaginationen im Spannungsfeld von Literatur und Fotografie bei Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck
  • Angaben zu den Autorinnen und Autoren

Einleitung

Der vorliegende Band versammelt Beiträge der internationalen literaturwissenschaftlichen Konferenz „Darstellung Südosteuropas in der Gegenwartsliteratur“, die Ende September 2017 an der Universität Zadar, Kroatien, stattfand.

Ein Vierteljahrhundert nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens und Beginn der damit verbundenen Kriege, als einer nicht nur für den südosteuropäischen Raum bedeutenden historischen Zäsur, war es an der Zeit zu rekapitulieren, wie sich die dadurch verursachten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auf die literarische Darstellung der Region Südosteuropa in der Gegenwartsliteratur auswirken.

Während in den ersten Werken, die insbesondere in der deutschsprachigen Literatur in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erschienen, noch die Kriegshandlungen und ihre direkten Ursachen und Folgen im Mittelpunkt des Interesses standen, hat sich der Fokus in den darauffolgenden Jahren größtenteils auf individuelle menschliche Schicksale verlegt. Dazu gehört der Neubeginn der Autoren genauso wie ihrer Protagonisten im Ausland, aber teils auch ihre Rückkehr in die Heimat sowie die Identitätssuche der ersten und nunmehr auch der zweiten Flüchtlingsgeneration.

Unter Gegenwartsliteratur wurde bei der Konferenz vornehmlich die deutschsprachige Literatur des letzten Vierteljahrhunderts verstanden. Da über dieses Thema aber nicht nur deutsche und österreichische Autoren geschrieben haben, sondern auch ehemalige im deutschsprachigen Raum lebende Kriegsflüchtlinge und Migranten, die auch selbst zu Autoren der Migrantenliteratur geworden sind und in ihren Werken häufig ihr eigenes wie auch das Schicksal ihrer Völker und Länder thematisieren, ist eine Grenze zwischen den Sprachen und nationalen Literaturen nur schwer bestimmbar, was für das Verständnis und die Analyse der Werke aber auch nicht als unabdingbar erscheint. Bei der Konferenz wurden demzufolge Werke mit einbezogen, die ursprünglich in anderen Sprachen erschienen sind, was auch dadurch begründet ist, dass einzelne Autoren in unterschiedlichen Sprachen schreiben und übersetzt werden, weshalb es in manchen Fällen schwer zu definieren ist, zu welcher Nationalliteratur sie gehören, zumal für einige aufgrund der von ihren hervorgehobenen Heimatlosigkeit der Begriff „post-nationale Literatur“ als zutreffend erscheint. Das alles ermöglichte und erforderte einen komparativen Ansatz, was sich als einer der Schwerpunkte aber auch Pluspunkte dieser Konferenz erwies.

Die erste und größte Gruppe der Beiträge befasst sich mit Autorinnen und Autoren, die aus Ex-Jugoslawien stammen und die sich in ihren Werken mit Ursachen und Folgen der Kriege in der Region befassen.

Im Fokus von Bettina Rabelhofers Beitrag „‚Das Land, aus dem wir kamen, war unser gemeinsames Trauma.‘ Affektivität und Sprache in Dubravka Ugrešićs Roman Das Ministerium der Schmerzen steht Affektivität im interkulturellen Kontext und wie sich ihre literarische Repräsentation in der sogenannten ‚Migrationsliteratur‘ als symbolische Verdichtung von Möglichkeits- und Interaktionsräumen konturiert und auf die identitäre und damit auch affektive Verortung ihrer ProtagonistInnen fokussiert. Wenn innere Modelle von primären Beziehungserfahrungen im Lichte neuer Erfahrungen umstrukturiert werden müssen, verändern sich auch die identifikatorischen Bezugnahmen auf ‚Väterlichkeit‘ und ‚Mütterlichkeit‘. Mütterliche bzw. väterliche Ersatzobjekte haben Surrogatcharakter, die kulturtypischen Elternsurrogate müssen in der Migration durch kulturfremde ersetzt werden, was Rabelhofer am Beispiel von Ugrešićs Roman veranschaulicht.

Eldi Grubišić Pulišelić bearbeitet in ihrem Beitrag „Die Generation der Schlangentöter. Das Kriegsmotiv in den Erzählungen von Jurica Pavičić“ zwei Geschichten, die in deutscher Sprache unter dem Titel Helden (2015) veröffentlicht wurden und in denen sich Pavičić mit dem Thema des Vaterländischen Krieges in Kroatien befasst. Die Handlung der Geschichten „Der Schlangentöter“ und „Der Schutzengel“ spielt während des Krieges oder in der Nachkriegszeit. Pavičić beschreibt tragische Antihelden, die in der Vergangenheit gefangen geblieben sind und sich selbst aber auch anderen das Recht auf ein normales Leben vorenthalten und forscht nach der Bedeutung des Krieges im Leben gewöhnlicher Menschen, die, wenn der Krieg nicht gerade ihre Generation erfasst hätte, ihre normale Bürgerexistenz gelebt hätten. So bleiben sie, wie Grubišić Pulišelić betont, für immer als Generation der Schlangentöter gekennzeichnet, die irgendwo das Recht auf Glück verloren haben.

Petra Žagar-Šoštarić untersucht im Beitrag „Rijeka, Zagreb, Berlin, Paris oder Toscana – Räume der Migration und der Erinnerungen oder wenn der Wahnsinn zum letzten Zufluchtsort wird. Belladonna und EEG von Daša Drndić“ zwei 2012 und 2016 veröffentlichte Romane, in denen die Autorin häufig kontrovers geführte Diskurse über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, Migration, Exil, Lager und Vernichtung, ebenso wie die Täter- und Opferrollen thematisiert. Das alltägliche gegenwärtige Leben ihrer Romanfiguren ist durchflochten mit schwermütigen und oft schreckenerregenden Erlebnissen und Geschichten aus der Vergangenheit, die durch Krankheit, Leid und Tod ständig hinterfragt werden. Die Autorin zeigt in den Romanen Schicksale von Menschen ←8 | 9→mit Migrationshintergrund, die in sozio-politischer Hinsicht auf unterschiedlichen zeitlichen, räumlichen und geschichtlichen Ebenen existentielle aber auch geistige Schäden erleiden mussten und zum Opfer gesellschaftlicher Systeme und Ordnungen wurden.

Emily Eder thematisiert im Beitrag „Bilder Jugoslawiens und der Schweiz in den Familienromanen Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji und Elefanten im Garten von Meral Kureyshi“ die Darstellung von Migrationserfahrungen am Beispiel der autobiographisch geprägten Familienromane Tauben fliegen auf (2010) von Melinda Nadj Abonji und Elefanten im Garten (2015) von Meral Kureyshi, beide Migrantinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Familie stellt dabei die Rahmenstruktur für das Spannungsverhältnis von Identitätsbildung und Integration im Zielland einerseits und der Aufrechterhaltung von Traditionen sowie von familiären Bindungen in der Heimat andererseits dar. Die Migrationserfahrungen sowie der erschwerte Heimatbezug innerhalb des Familienromans werden durch einen Generationenkonflikt zwischen den Kindern und ihren Eltern repräsentiert. Gleichzeitig wird gezeigt, inwiefern sich bei der Kindergeneration die Distanz zur Heimat in der graduellen Verdrängung der Muttersprache durch die Sprache der Zielgesellschaft ausdrückt.

Annette Bühler-Dietrich befasst sich im Beitrag „Schweiß, Hitze und Olivenöl – sinnliche Wahrnehmung als Weg der Reorientierung und Rekonstruktion in Alida Bremers Olivas Garten mit dem 2013 veröffentlichten Roman der kroatischstämmigen Autorin Alida Bremer, in dem die kroatische Geschichte im Laufe des 20. Jh. als Familiengeschichte rekonstruiert und die Suchbewegung des physischen und affektiven Nachspürens der Erinnerung konstruiert wird. Der Genuss lokaler Lebensmittel wird zur Spur durch Raum und Zeit für die Reorientierung der Erzählerin selbst sowie Grundlage für die historisch-affektive Rekonstruktion familiärer und historischer Umstände. Im Beitrag wird dieses Gespürte und Spürbare als Zugang zur Erfahrung der Familienmitglieder und in seinem Verhältnis zur Rekonstruktion diskursiver und faktenbasierter Geschichten analysiert.

Marijana Erstić bearbeitet im Beitrag Meeresstille oder vom (Un-)Vermögen der Sprache“ Nicol Ljubićs Roman aus dem Jahr 2010, in dem der Autor die Liebesgeschichte zwischen Ana, der Tochter eines mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers und Robert, einem Mann kroatischer Abstammung, thematisiert. Erstić geht den Fragen nach, welche Rolle die Sprache des Gebietes spielt, in dem sich das Grauen ereignet hat, und in der ein eigener Begriff für das Sinnbild der kontemplativen Ruhe existiert: die besagte Meeresstille – kroatisch ‚bonaca‘, was die (Un-)Kenntnis der Sprache für die Protagonisten bzw. ihr Verständnis des Krieges und seiner Folgen bedeutet und ob die Sprache überhaupt seine ←9 | 10→Schrecken adäquat darstellen kann. Aus formaler Sicht wird auch die ‚Ästhetik des Schreckens‘ untersucht und Mittel analysiert, anhand derer die Narrativa des Schreckens erzeugt und an den Leser übertragen werden.

Marijana Jeleč befasst sich im Beitrag „‚Wer warst du im Jugoslawienkrieg, Vater?‘ Über den Umgang mit einem Kriegsverbrecher in Goran Vojnovićs Roman Vaters Land mit dem 2016 in deutscher Sprache veröffentlichten Roman des slowenischen Autors, in dem sich der Ich-Erzähler als Sohn einer Slowenin und eines untergetauchten serbischen Offiziers der jugoslawischen Armee auf eine Reise durch das ehemalige Jugoslawien begibt. Die Erkenntnis, dass der Vater ein gesuchter Kriegsverbrecher ist, wirft die Frage nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit auf. Die Reise wird so zur Zeitreise in die Vergangenheit auf der Suche nach Wahrheit auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene. Im Vordergrund stehen Fragen des menschlichen Gewissens, nach der Schuld des Vaters und ob eine Versöhnung mit seiner Vergangenheit nach zwei Jahrzehnten möglich ist. Im Zusammenspiel der Vater-Sohn-Beziehung und der Auseinandersetzung mit der lückenhaften Familienvergangenheit schreibt Vojnović der Familiengeschichte als Spiegel der allgemeinen Geschichte Relevanz zu.

Im Fokus von Jörg Jungmayrs Beitrag „Srebrenica in der deutschsprachigen dokumentarischen und fiktionalen Literatur: Emir Suljagić Srebrenica und Gerhard Roth Der Berg steht die Frage nach dem Verhältnis von dokumentarischer zu fiktionaler Literatur in den Werken. Emir Suljagić, der nur als UNO-Dolmetscher das Massaker von Srebrenica überleben konnte, dokumentiert in seinen 2005 veröffentlichten achronologischen „Notizen aus der Hölle“ die Geschehnisse von Srebrenica, wobei aus einem dokumentarischen Text Literatur wird. Den umgekehrten Weg geht Gerhard Roth in seinem 2010 erschienenen Roman, in dem in Form eines Thrillers die abenteuerliche Odyssee des Journalisten Viktor Gartner erzählt wird, der sich auf die Suche nach dem serbischen Dichter Goran R., der im Jugoslawienkrieg Augenzeuge des Massakers in Srebrenica war, begibt. Im Verlauf der Irrfahrt kristallisiert sich ein Diskurs heraus, der den medialen Umgang mit dem Massaker im Zerrspiegel der österreichischen Gesellschaft dokumentiert.

Slavija Kabić untersucht im Beitrag „‚Für mich ist der Kanister ein Symbol.‘ – Krieg und Nachkriegszeit in Romanen von Nenad Veličković“ zuerst den Roman Logiergäste (1997), eines der ersten Werke über den Krieg in Bosnien und Herzegowina, der auch als beeindruckendes Zeitdokument und eine hybride Zusammensetzung aus Jugendroman und Familienchronik gilt. Im Roman werden die ersten Kriegsmonate im belagerten Sarajevo aus der Perspektive der Gymnasiastin Maja geschildert. Der zweite Roman Der Vater meiner Tochter (2003) stellt ein postmodernes Narrativ dar, in dem im Sarajevo ←10 | 11→der Nachkriegszeit ein vom Krieg traumatisierter Familienvater mit seiner am Kriegsanfang geborenen Tochter spricht und so Anschluss an die Gegenwart zu finden versucht. Ihre Gespräche drehen sich um die Erinnerungen des Vaters an das Leben im Sozialismus, seine Kriegsjahre und das kulturelle, soziale und ideologische Durcheinander in der kapitalistischen bosnisch-herzegowinischen Wendezeit.

Die zweite thematische Einheit bilden AutorInnen und Werke, in deren Fokus sich das Schicksal der Donauschwaben in unterschiedlichen südosteuropäischen Ländern befindet, wobei die meisten von ihnen einen autobiographischen Hintergrund aufweisen.

Marijan Bobinac bearbeitet im Beitrag „Die Hingabe an den Rattenfänger. Zu Slobodan Šnajders Roman Die eherne Zeit den Roman Doba mjedi (Die eherne Zeit, 2015), in dem sich der Autor mit der Geschichte der kroatischen Donauschwaben befasst. In der breit angelegten Romanhandlung wird die zweihundertjährige Präsenz der Deutschen in der ostkroatischen Provinz Slawonien, von ihrer Ansiedlung in der mariatheresianischen Zeit bis zur Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs, an Schicksalen mehrerer Generationen der Familie Kempf dargestellt. Die Vielzahl der Erzählperspektiven wird durch das Bewusstsein der Figur des Sohnes fokalisiert, was auf Šnajders (auto)biographisches Erzählverfahren hinweist, das er selbst durch Hinweise auf die Lebensläufe seiner Familienangehörigen bestätigt hat. Zu den textlich-literarischen Konstruktionsprinzipien des Romans gehören auch zahlreiche mythologische Bezüge, die von Šnajder als Korrelat zur grundsätzlich tragisch gezeichneten Inszenierung der Geschichte Mittel- und Osteuropas herangezogen werden.

Goran Lovrić befasst sich im Beitrag „Darstellung Südosteuropas in dokumentarisch-fiktionalen Reiseberichten: Karl-Markus Gauß Zwanzig Lewa oder tot und Ulrike Schmitzer Die gestohlene Erinnerung zuerst mit Ulrike Schmitzers autobiographisch untermaltem Familien- und Reiseroman Die gestohlene Erinnerung (2015), in dem die Erzählerin sich gemeinsam mit ihrer Mutter auf die Suche nach den Wurzeln ihrer donauschwäbischen Familie in der Vojvodina macht. Anschließend werden vier Reiseberichte aus dem Band Zwanzig Lewa oder tot (2017) von Karl-Markus Gauß behandelt, in dem der Autor über seine Reisen durch die Republik Moldau, die Vojvodina, Kroatien und Bulgarien berichtet, wobei er verschiedene historische und zeitgenössische gesellschaftliche Aspekte bearbeitet. Beide Werke verbinden die Thematisierung der Unzuverlässigkeit und Beeinflussbarkeit des Erinnerns und das teils beabsichtigte Vergessen historischer Ereignisse sowie die Suche nach den donauschwäbischen Wurzeln der Familien.

Ivica Leovac untersucht im Beitrag „Inszenierung des Zusammenlebens in den Werken Heimkehr nach Maresi und Maresi: Eine Kindheit in einem donauschwäbischen Dorf von Johannes Weidenheim“ wenig bekannte Werke des Autors, der 1918 in Topola (Batschka) geboren wurde und in Werbaß/Vrbas aufgewachsen ist. Seit der Vertreibung der Donauschwaben Ende des Zweiten Weltkrieges lebte er in Deutschland. Die verlorene pannonische Heimat ist im imaginären Ort Maresi zu erkennen, wie auch in seinem Pseudonym, das vom Namen „Vrbas“ für Weide stammt. Heimkehr nach Maresi (1994) ist die Chronik eines multiethnischen Ortes, die zugleich allgemeine gesellschaftliche und politische Veränderungen jener Zeiten widerspiegelt. Weidenheims Alter Ego Simon Lazar Messer besucht auch in Maresi: Eine Kindheit in einem donauschwäbischen Dorf (1999)den Ort seiner Kindheit. Leovac analysiert anhand beider Werke die Inszenierung des Zusammenlebens der Donauschwaben mit anderen Völkern.

Die zwei verbleibenden Beiträge befassen sich mit Autoren und ihren Werken, in deren Mittelpunkt Rumänien und Bulgarien stehen und die ebenfalls autobiographisch untermalt und inspiriert sind.

Hans Richard Brittnacher bearbeitet im Beitrag „Eginald Schlattners Trilogie der Siebenbürger Sachsen – Liebe und Verrat unter den Bedingungen einer sozialistischen Diktatur“ drei autobiographische Romanen des Autors, in denen er das Leben dieser Minderheit zu unterschiedlichen Krisenzeiten beschreibt. Der erste Roman Der geköpfte Hahn (1998) spielt in den 1920er und 1930er Jahren und beschreibt wie die Siebenbürger Sachsen der rechtsnationalen Propaganda erliegen. Im Roman Rote Handschuhe (2000) beschreibt Schlattner das zentrale Ereignis seines Lebens: im Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959 hatte er sich von der Securitate für belastende Aussagen gegen andere deutschsprachige Schriftsteller missbrauchen lassen. Der Roman schildert die Hintergründe des Prozesses, seine Folter und Aussage, aber auch seine Versuche, als Verräter und Ausgestoßener eine neue Orientierung zu finden. Der dritte Roman Das Klavier im Nebel (2005) konfrontiert eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Intellektuellen und einer rumänischen Kuhmagd mit dem politischen Neubeginn der 50er und 60er Jahre. Brittnacher betont Schlattners kraftvolles und archaisierendes Erzählen und seine Vorliebe für groteske Details und folkloristische Gestalten.

Details

Seiten
264
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783631771655
ISBN (ePUB)
9783631771662
ISBN (MOBI)
9783631771679
ISBN (Hardcover)
9783631771648
DOI
10.3726/b14821
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Siebenbürger Sachsen Donauschwaben Familienroman Jugoslawienkrieg Migration Erinnerung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 264 S. 5 s/w Abb.

Biographische Angaben

Goran Lovric (Band-Herausgeber:in) Slavija Kabić (Band-Herausgeber:in) Marijana Jelec (Band-Herausgeber:in)

Goran Lovrić, Ao. Univ.-Prof. Dr. phil. an der Germanistikabteilung der Universität Zadar. Promovierte zum Thema Erzählen und Erzähler im österreichischen Heimat und Anti-Heimatroman. Arbeitsschwerpunkte: deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Literatur des 19. und 20. Jh., Literaturinterpretation. Slavija Kabić, O. Univ.-Prof. Dr. phil. an der Germanistikabteilung der Universität Zadar. Promovierte zum Thema Tagebuch als literarische Form in der deutschen Literatur nach 1945. Arbeitsschwerpunkte: deutschsprachige Literatur des 20. und 21. Jh., Kindheitsbilder, Holocaust, literarische Tagebücher und Autobiografien, Migrantenliteratur. Marijana Jeleč, Univ.-Doz. Dr. phil. an der Germanistikabteilung der Universität Zadar. Promovierte zum Thema österreichischer Familienromanen nach 2000. Arbeitsschwerpunkte: deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Familie in der Literatur, literarische Inszenierung der Geschichte, interkulturelle Literatur.

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