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Fluchtweg Bulgarien

Die verlängerte Mauer an den Grenzen zur Türkei, Jugoslawien und Griechenland

von Stefan Appelius (Autor:in)
©2019 Monographie 450 Seiten

Zusammenfassung

Seit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 suchten DDR-Bürger nach alternativen, möglichst gefahrlosen Fluchtwegen in die Bundesrepublik. Dabei entwickelte sich der Fluchtweg über die damalige Volksrepublik Bulgarien mit ihren Grenzen zur Türkei, Griechenland und Jugoslawien bereits nach kurzer Zeit zu einer Hauptfluchtroute. Die überwiegend jungen Leute glaubten, über das rückständige Bulgarien „ganz einfach" in den Westen zu gelangen. Stefan Appelius hat seit fünfzehn Jahren über den Fluchtweg Bulgarien gearbeitet, und das Thema in der Bundesrepublik erstmals einer großen Öffentlichkeit bekanntgemacht. Er wertete mehrere tausend Archivquellen aus und führte seit zwölf Jahren mehrere hundert Interviews mit Flüchtlingen, Angehörigen von Todesopfern, mit Grenzern, DDR-Diplomaten und Staatssicherheitsleuten. Hier legt er die wichtigsten Ergebnisse seiner Arbeit vor.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Anmerkungen zur Sekundärliteratur
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Ein exotisches Urlaubsziel
  • Die Rolle des MfAA und der DDR-Generalstaatsanwaltschaft
  • Der erste Flüchtling und der erste Stasi-Offizier
  • Tod eines Reiseleiters
  • Die Operativdienststelle Varna
  • Rechtshilfe in Strafsachen
  • 2. Die Operativgruppe Bulgarien des MfS
  • Der Fall Werner Gambke
  • Der Fall Karl-Heinz Engelmann / Siegfried Gammisch
  • Eine operative Kombination
  • Der Fall Gudrun Lehmann
  • Ein Fußballverein sorgt für Schlagzeilen
  • Der Fall Gunter Pschera
  • 3. Urlauberüberwachung nach dem „Modell Nessebar“
  • Fluchtmotiv Liebe
  • Ein BBC-Journalist leistet Fluchthilfe
  • Jeder ist verdächtig
  • Die Anwerbung eines West-Verlobten schlägt fehl
  • Die Festnahme der Familie Claus
  • Das Schlupfloch auf dem Balkan
  • Mehr Urlauber bedeuten mehr Überwachung
  • Die geheime Nachrichtenübermittlung
  • Der Fall Anton Frank
  • Das Überwachungssystem wird verbessert
  • Das Trauma des Christian Staudinger
  • 4. Von Flüchtlingen und Fluchthelfern
  • Der Sonderfall Kühnle / Sandner: „Eine Geheimdienstsache“
  • 5. Der beginnende Individualtourismus
  • Der Fall Jochen Kilian
  • „FIM Alfons“: Der falsche Fluchthelfer
  • Per Faltboot in die Freiheit
  • Militärstaatsanwalt Dimitar Kapitanov
  • Die Fälle Reinhard Poser und Eberhard Melichar
  • Der Fall Peter Nötzel
  • Der Fall Brigitte von Kistowski / Klaus Dieter Prautzsch
  • Die „rechte Hand“ von Hasso Herschel
  • Michael Dorgerloh: Erlebnisse in Jugoslawien
  • Die Bräute aus der DDR: Ein Wahlkampfgeschenk der SED
  • Ein mittelloser Fluchthelfer
  • Abbildungen, Teil 1
  • 6. Die Fluchtwelle ebbt nicht ab
  • Der Fall Rudi Nettbohl / Bernd Schaffner
  • Jugoslawien ändert den Kurs
  • Das Fluchtmotiv Unzufriedenheit
  • Der Irrtum vom sicheren Fluchtweg
  • Der Fall Andreas Stützer / Detlef Heiner
  • Hundegebell und Schüsse
  • Das Verhältnis zwischen dem MfS und dem „Reisebüro der DDR“ wird neu sortiert
  • Herta Otto: Eine Mutter kämpft
  • 7. Führungswechsel im MfAA und in der Generalstaatsanwaltschaft der DDR
  • „Rechtswidrige“ Ersuchen auf Übersiedlung in die Bundesrepublik
  • Versuchte ungesetzliche Nichtrückkehr
  • Eine Aufpasserin mit langjähriger MfS-Verbindung setzt sich ab
  • Flucht eines IM
  • Abbildungen, Teil 2
  • 8. Zwangstaufe mit Maschinengewehren – Die Unterdrückung der türkischen Minderheit und die Auswirkungen auf das Grenzregime
  • Griechischer Sozialismus
  • Junge Flüchtlinge und alte Aufpasser
  • Das Spitzelnetz in Bulgarien
  • Der Fall Carola Jordanow
  • Oberst Pfütze entscheidet
  • Abgewirtschaftet
  • Der Fall Frank Schachtschneider
  • Die Volksrepublik kollabiert
  • Der Fall Michael Weber
  • Nachwort
  • Verfolger und Verfolgte
  • Statistische Ergebnisse
  • Die juristische Seite
  • Vorläufige Übersicht über die deutschen Opfer der verlängerten Mauer in Bulgarien
  • Anmerkungen zur Quellenlage
  • Die Operativgruppe des MfS in der Volksrepublik Bulgarien (Übersicht)
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Reihenübersicht

Einleitung

Es herrschte große Unruhe, als die bürgerliche Abgeordnete Virginia Veltcheva 1992 im bulgarischen Parlament von Innenminister Sokolov und von Verteidigungsminister Ludschev während einer Fragestunde die genaue Anzahl der in der Volksrepublik Bulgarien bei versuchten illegalen Grenzübertritten getöteten Menschen wissen wollte. Darüber hinaus sollten die beiden Ressortminister der Abgeordneten auch beziffern, in wie vielen dieser Fälle es sich um „Morde aus politischen Gründen” gehandelt habe. Die Abgeordnete erklärte, alleine aus ihrem Wahlkreis drei solcher Fälle zu kennen, in denen Menschen einfach zur Grenze gebracht und dort erschossen wurden, um ein Gerichtsverfahren zu umgehen. Während Frau Veltcheva ihre Fragen stellte, reagierten viele Abgeordnete der mittlerweile zu „Sozialisten“ umbenannten früheren Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) mit Unmutsäußerungen. Doch Frau Veltcheva ließ sich davon nicht beirren. Sie wolle auch, dass die genaue Anzahl bulgarischer und ausländischer Staatsangehöriger genannt werde, weil – wörtlich – „in den letzten Jahren ein beträchtlicher Teil der Staatsangehörigen der ehemaligen DDR gerade unser Land als einen leichteren Weg für die Auswanderung benützen”. Da die Abgeordnete Veltcheva die Minister auch danach fragte, wie viele Personen beim Versuch, das Land illegal zu betreten, getötet wurden, wusste sie offenbar, dass bulgarische Grenzsoldaten während der kommunistischen Diktatur nicht nur Flüchtlinge, die in den Westen wollten, sondern auch Armutsflüchtlinge töteten, die über Bulgarien nach Europa zu gelangen versuchten.

Die Antwort von Verteidigungsminister Dimitar Ludschev lautete, dass man nicht für alle Jahre über Erkenntnisse verfüge1 und dass in den Jahren, über die es Akten gebe, 339 Menschen an den bulgarischen Grenzen ums Leben gekommen seien. In den Archiven des Verteidigungsministeriums seien keine Dokumente aufbewahrt worden, aus denen man ersehen könne, ob der Grenzübertritt in bestimmten Fällen als „Tarnung für die Liquidierung aus politischen Gründen ohne gerichtliches Urteil benutzt worden sei”. Innenminister Jordan Sokolov ergänzte, dass bei der Grenztruppenverwaltung seit 1962 Registerbücher mit Rechenschaftsangaben geführt worden seien, aus denen die Tötung von 105 Personen, darunter 36 Ausländern ersehen werden könne. Sokolov erklärte in seinem kurzen Statement, dass man im Innenministerium „kein Normativdokument”←9 | 10→ entdeckt habe, dass die Grenztruppen verpflichtete, über die beim Versuch des illegalen Übertritts der Staatsgrenze getöteten Personen Rechenschaft abzulegen, was auf eine beträchtliche Dunkelziffer derartiger Fälle schließen lässt.

Die tatsächliche Zahl der Menschen, die bei Fluchtversuchen über Bulgarien im dortigen Grenzgebiet getötet wurden, war mit Sicherheit wesentlich höher. Ob diese Zahl jemals zu rekonstruieren ist, darf allerdings bezweifelt werden, denn die Leichen der betreffenden Personen wurden jahrzehntelang nach den dortigen Gepflogenheiten direkt im Grenzgebiet verscharrt. Außerdem ist der Zugang zu den Akten des Shivkov-Regimes extrem kompliziert – große Teile der betreffenden Dokumente wurden offenbar vernichtet, etliche Geheimdienstdossiers gerieten nach dem Untergang des Ostblocks in die Hände dubioser Geschäftsleute, die sie zu Zwecken der Erpressung nutzten. Weitere wichtige Dokumente, die wie die Obduktionsberichte der Grenztoten im Sofioter Militärkrankenhaus für die hier untersuchte Fragestellung höchst relevant wären und zumindest vor einigen Jahren noch im Sofioter Militärkrankenhaus existierten, dürfen nicht eingesehen werden. Dem Verfasser wurde nach einer Anfrage vom ehemaligen bulgarischen Außenminister mündlich mitgeteilt, diese Obduktionsprotokolle, die sich damals in einem speziellen Büro des Sofioter Militärkrankenhauses befanden, existierten überhaupt nicht.

Zeithistorische Forschungen über das volksbulgarische Grenzregime führen in Bulgarien stets zu Gegenfragen, warum man sich für diese Thematik interessiere und – bezogen auf den Verfasser – zu der Vermutung vieler bulgarischer Gesprächspartner, der Verfasser müsse, wenn er sich für derart „geheime” Fragestellungen interessiere, wohl selbst im Auftrag eines ausländischen Geheimdienstes unterwegs sein. Reaktionen wie diese gehören zu den Nachwirkungen jahrzehntelanger Propaganda einer kommunistischen Diktatur. Dass auch das frühere Grenzregime selbst inzwischen über eine eigene Tradition verfügt, belegen Berichte der ARD aus dem Sommer 2016, nach dem sich im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet private, mit Panzern ausgerüstete Bürgerwehren gegründet haben, um das Eindringen von Armutsflüchtlingen auf bulgarisches Territorium zu verhindern.2

Details

Seiten
450
Erscheinungsjahr
2019
ISBN (Hardcover)
9783631788325
ISBN (PDF)
9783631788820
ISBN (ePUB)
9783631788837
ISBN (MOBI)
9783631788844
DOI
10.3726/b15612
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
Verlängerte Mauer Republikflucht DDR DDR-Flucht Staatssicherheitsdienst der DDR Bulgarien
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 450 S., 27 s/w Abb., 2 Tab.
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Biographische Angaben

Stefan Appelius (Autor:in)

Stefan Appelius lehrt Politikwissenschaft als apl. Professor an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Nach Promotion und Habilitation war er viele Jahre als selbständiger Wissenschaftler tätig. Gegenwärtig ist er Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat. Die oben abgebildete Aufnahme zeigt Appelius an der Grenzsignalanlage „S-100" an der bulgarisch-griechischen Grenze.

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Titel: Fluchtweg Bulgarien