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Fluchtweg Bulgarien

Die verlängerte Mauer an den Grenzen zur Türkei, Jugoslawien und Griechenland

von Stefan Appelius (Autor:in)
Monographie 450 Seiten

Zusammenfassung

Seit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 suchten DDR-Bürger nach alternativen, möglichst gefahrlosen Fluchtwegen in die Bundesrepublik. Dabei entwickelte sich der Fluchtweg über die damalige Volksrepublik Bulgarien mit ihren Grenzen zur Türkei, Griechenland und Jugoslawien bereits nach kurzer Zeit zu einer Hauptfluchtroute. Die überwiegend jungen Leute glaubten, über das rückständige Bulgarien „ganz einfach" in den Westen zu gelangen. Stefan Appelius hat seit fünfzehn Jahren über den Fluchtweg Bulgarien gearbeitet, und das Thema in der Bundesrepublik erstmals einer großen Öffentlichkeit bekanntgemacht. Er wertete mehrere tausend Archivquellen aus und führte seit zwölf Jahren mehrere hundert Interviews mit Flüchtlingen, Angehörigen von Todesopfern, mit Grenzern, DDR-Diplomaten und Staatssicherheitsleuten. Hier legt er die wichtigsten Ergebnisse seiner Arbeit vor.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Anmerkungen zur Sekundärliteratur
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Ein exotisches Urlaubsziel
  • Die Rolle des MfAA und der DDR-Generalstaatsanwaltschaft
  • Der erste Flüchtling und der erste Stasi-Offizier
  • Tod eines Reiseleiters
  • Die Operativdienststelle Varna
  • Rechtshilfe in Strafsachen
  • 2. Die Operativgruppe Bulgarien des MfS
  • Der Fall Werner Gambke
  • Der Fall Karl-Heinz Engelmann / Siegfried Gammisch
  • Eine operative Kombination
  • Der Fall Gudrun Lehmann
  • Ein Fußballverein sorgt für Schlagzeilen
  • Der Fall Gunter Pschera
  • 3. Urlauberüberwachung nach dem „Modell Nessebar“
  • Fluchtmotiv Liebe
  • Ein BBC-Journalist leistet Fluchthilfe
  • Jeder ist verdächtig
  • Die Anwerbung eines West-Verlobten schlägt fehl
  • Die Festnahme der Familie Claus
  • Das Schlupfloch auf dem Balkan
  • Mehr Urlauber bedeuten mehr Überwachung
  • Die geheime Nachrichtenübermittlung
  • Der Fall Anton Frank
  • Das Überwachungssystem wird verbessert
  • Das Trauma des Christian Staudinger
  • 4. Von Flüchtlingen und Fluchthelfern
  • Der Sonderfall Kühnle / Sandner: „Eine Geheimdienstsache“
  • 5. Der beginnende Individualtourismus
  • Der Fall Jochen Kilian
  • „FIM Alfons“: Der falsche Fluchthelfer
  • Per Faltboot in die Freiheit
  • Militärstaatsanwalt Dimitar Kapitanov
  • Die Fälle Reinhard Poser und Eberhard Melichar
  • Der Fall Peter Nötzel
  • Der Fall Brigitte von Kistowski / Klaus Dieter Prautzsch
  • Die „rechte Hand“ von Hasso Herschel
  • Michael Dorgerloh: Erlebnisse in Jugoslawien
  • Die Bräute aus der DDR: Ein Wahlkampfgeschenk der SED
  • Ein mittelloser Fluchthelfer
  • Abbildungen, Teil 1
  • 6. Die Fluchtwelle ebbt nicht ab
  • Der Fall Rudi Nettbohl / Bernd Schaffner
  • Jugoslawien ändert den Kurs
  • Das Fluchtmotiv Unzufriedenheit
  • Der Irrtum vom sicheren Fluchtweg
  • Der Fall Andreas Stützer / Detlef Heiner
  • Hundegebell und Schüsse
  • Das Verhältnis zwischen dem MfS und dem „Reisebüro der DDR“ wird neu sortiert
  • Herta Otto: Eine Mutter kämpft
  • 7. Führungswechsel im MfAA und in der Generalstaatsanwaltschaft der DDR
  • „Rechtswidrige“ Ersuchen auf Übersiedlung in die Bundesrepublik
  • Versuchte ungesetzliche Nichtrückkehr
  • Eine Aufpasserin mit langjähriger MfS-Verbindung setzt sich ab
  • Flucht eines IM
  • Abbildungen, Teil 2
  • 8. Zwangstaufe mit Maschinengewehren – Die Unterdrückung der türkischen Minderheit und die Auswirkungen auf das Grenzregime
  • Griechischer Sozialismus
  • Junge Flüchtlinge und alte Aufpasser
  • Das Spitzelnetz in Bulgarien
  • Der Fall Carola Jordanow
  • Oberst Pfütze entscheidet
  • Abgewirtschaftet
  • Der Fall Frank Schachtschneider
  • Die Volksrepublik kollabiert
  • Der Fall Michael Weber
  • Nachwort
  • Verfolger und Verfolgte
  • Statistische Ergebnisse
  • Die juristische Seite
  • Vorläufige Übersicht über die deutschen Opfer der verlängerten Mauer in Bulgarien
  • Anmerkungen zur Quellenlage
  • Die Operativgruppe des MfS in der Volksrepublik Bulgarien (Übersicht)
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Reihenübersicht

Stefan Appelius

Fluchtweg Bulgarien

Die verlängerte Mauer an den Grenzen
zur Türkei, Jugoslawien und Griechenland

Autorenangaben

Stefan Appelius lehrt Politikwissenschaft als apl. Professor an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Nach Promotion und Habilitation war er viele Jahre als selbständiger Wissenschaftler tätig. Gegenwärtig ist er Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat. Die oben abgebildete Aufnahme zeigt Appelius an der Grenzsignalanlage „S-100“ an der bulgarisch-griechischen Grenze. Einige Kilometer von dieser Stelle entfernt wurden Klaus Prautzsch und Brigitte von Kistowski getötet.

Über das Buch

Seit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 suchten DDR-Bürger nach alternativen, möglichst gefahrlosen Fluchtwegen in die Bundesrepublik. Dabei entwickelte sich der Fluchtweg über die damalige Volksrepublik Bulgarien mit ihren Grenzen zur Türkei, Griechenland und Jugoslawien bereits nach kurzer Zeit zu einer Hauptfluchtroute. Die überwiegend jungen Leute glaubten, über das rückständige Bulgarien „ganz einfach“ in den Westen zu gelangen. Stefan Appelius hat seit fünfzehn Jahren über den Fluchtweg Bulgarien gearbeitet, und das Thema in der Bundesrepublik erstmals einer großen Öffentlichkeit bekanntgemacht. Er wertete mehrere tausend Archivquellen aus und führte seit zwölf Jahren mehrere hundert Interviews mit Flüchtlingen, Angehörigen von Todesopfern, mit Grenzern, DDR-Diplomaten und Staatssicherheitsleuten. Hier legt er die wichtigsten Ergebnisse seiner Arbeit vor.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Vorwort

Seit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 suchten DDR-Bürger nach alternativen, möglichst gefahrlosen Fluchtwegen in die Bundesrepublik. Dabei entwickelte sich der Fluchtweg über die damalige Volksrepublik Bulgarien mit ihren Grenzen zur Türkei, Griechenland und Jugoslawien bereits nach kurzer Zeit zu einer Hauptfluchtroute. Die überwiegend jungen Leute glaubten, über das rückständige Bulgarien „ganz einfach“ in den Westen gelangen zu können. Stefan Appelius hat seit fünfzehn Jahren über den Fluchtweg Bulgarien gearbeitet, und das Thema in der Bundesrepublik erstmals einer großen Öffentlichkeit bekanntgemacht. Er wertete mehrere tausend Archivquellen aus und führte seit zwölf Jahren mehrere hundert Interviews mit Flüchtlingen, Angehörigen von Todesopfern, mit Grenzern, DDR-Diplomaten und Staatssicherheitsleuten. Dieses Buch enthält die wichtigsten Ergebnisse seiner Recherchen über an den bulgarischen Grenzen gelungene und tragisch gescheiterte Fluchten sowie über die Kooperation des DDR-Staatssicherheitsdienstes mit den bulgarischen Sicherheitsbehörden zur Verhinderung von „Republikfluchten“.

Die Studie „Fluchtweg Bulgarien“ ist der zweite Begleitband zu dem abgeschlossenen Forschungsprojekt über das DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze, als dessen Ergebnis 2017 das biografisches Handbuch „Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes 1949–1989“ in der Reihe Studien des Forschungsverbundes SED-Staat als Band 24 erschienen ist. Die 2. Auflage des Handbuches liegt seit Dezember 2018 vor. Der erste Begleitband des biografischen Handbuches befaßt sich mit den Begleitumständen des DDR-Grenzregimes. Er ist 2018 unter dem Titel „Die Grenze des Sozialismus in Deutschland“ als Band 25 der Studien des Forschungsverbundes SED-Staat erschienen und enthält Beiträge von Stefan Appelius, Kerstin Eschwege, Joachim Heise, Ralph Kaschka, Gerhard Schätzlein, Angela Schmole, Enrico Seewald, Klaus Schroeder und Jochen Staadt zu den historischen, regional- und alltagsgeschichtlichen Auswirkungen des DDR-Grenzregimes, zu seiner Vorgeschichte von 1945 bis 1949 und zu seiner juristischen Aufarbeitung nach der Wiedervereinigung.

Die mit diesem zweiten Begleitband des Projektes vorliegende Untersuchung von Stefan Appelius über den „Fluchtweg Bulgarien“ ist zugleich eine Vorstudie des im November 2018 begonnenen Forschungsprojektes über „Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über Ostblockstaaten“. Dieses Forschungsprojekt ist Teil eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Forschungskonsortiums, dem neben der Freien Universität Berlin auch←7 | 8→ die Universitäten Greifswald und Potsdam angehören. Das Forschungsteam der Universität Greifswald untersucht unter Leitung von Hubertus Buchstein die Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee, die Forschungsgruppe der Universität Potsdam unter der Leitung von Manfred Görtemaker die Funktion des DDR-Justizministeriums im SED-Staat und seine Mitwirkung an Rechtsbeugungen gegen Ausreisewillige und wegen „versuchter Republikflucht“ bestrafter DDR-Bürger.

Stefan Appelius hat für diese Studie umfangreiche Aktenbestände in der BStU, im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes sowie im Bundesarchiv (Berlin) ausgewertet und darüber hinaus zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen insbesondere mit Angehörigen von getöteten Flüchtlingen geführt. Dadurch konnte die bisherige Datenbasis erheblich erweitert werden. Im Verlauf der Recherche konnten im Bundesarchiv (Berlin) in den gesperrten und bisher nicht erschlossenen Beständen der „Generalstaatsanwaltschaft der DDR“ brisante und für die Rekonstruktion von Todesfällen an der verlängerten Mauer relevante Akten ausgewertet werden, unter anderem zum Fall Engelmann / Gammisch (1966), der auf diese Weise umfassend aufgeklärt wurde.

Geplante Reisen in auswärtige Archive und die Befragung auswärtiger Zeitzeugen konnten leider nicht im ursprünglich geplanten Umfang realisiert werden, da der beantragte Zuschuß für diese Studie durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aus unerfindlichen Gründen um 50 Prozent gekürzt wurde. Statt der beantragten 30.000,- € gewährte die Bundesstiftung für den Abschluß der Untersuchung nur einen Zuschuß von 15.000,- €. Die ausstehenden Recherchen zum „Fluchtweg Bulgarien“ wird Stefan Appelius nun als Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsverbundes SED-Staat im Forschungsprojekt über „Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über Ostblockstaaten“ zum Abschluß bringen.

Klaus Schroeder Jochen Staadt←8 | 9→

Einleitung

Es herrschte große Unruhe, als die bürgerliche Abgeordnete Virginia Veltcheva 1992 im bulgarischen Parlament von Innenminister Sokolov und von Verteidigungsminister Ludschev während einer Fragestunde die genaue Anzahl der in der Volksrepublik Bulgarien bei versuchten illegalen Grenzübertritten getöteten Menschen wissen wollte. Darüber hinaus sollten die beiden Ressortminister der Abgeordneten auch beziffern, in wie vielen dieser Fälle es sich um „Morde aus politischen Gründen” gehandelt habe. Die Abgeordnete erklärte, alleine aus ihrem Wahlkreis drei solcher Fälle zu kennen, in denen Menschen einfach zur Grenze gebracht und dort erschossen wurden, um ein Gerichtsverfahren zu umgehen. Während Frau Veltcheva ihre Fragen stellte, reagierten viele Abgeordnete der mittlerweile zu „Sozialisten“ umbenannten früheren Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) mit Unmutsäußerungen. Doch Frau Veltcheva ließ sich davon nicht beirren. Sie wolle auch, dass die genaue Anzahl bulgarischer und ausländischer Staatsangehöriger genannt werde, weil – wörtlich – „in den letzten Jahren ein beträchtlicher Teil der Staatsangehörigen der ehemaligen DDR gerade unser Land als einen leichteren Weg für die Auswanderung benützen”. Da die Abgeordnete Veltcheva die Minister auch danach fragte, wie viele Personen beim Versuch, das Land illegal zu betreten, getötet wurden, wusste sie offenbar, dass bulgarische Grenzsoldaten während der kommunistischen Diktatur nicht nur Flüchtlinge, die in den Westen wollten, sondern auch Armutsflüchtlinge töteten, die über Bulgarien nach Europa zu gelangen versuchten.

Die Antwort von Verteidigungsminister Dimitar Ludschev lautete, dass man nicht für alle Jahre über Erkenntnisse verfüge1 und dass in den Jahren, über die es Akten gebe, 339 Menschen an den bulgarischen Grenzen ums Leben gekommen seien. In den Archiven des Verteidigungsministeriums seien keine Dokumente aufbewahrt worden, aus denen man ersehen könne, ob der Grenzübertritt in bestimmten Fällen als „Tarnung für die Liquidierung aus politischen Gründen ohne gerichtliches Urteil benutzt worden sei”. Innenminister Jordan Sokolov ergänzte, dass bei der Grenztruppenverwaltung seit 1962 Registerbücher mit Rechenschaftsangaben geführt worden seien, aus denen die Tötung von 105 Personen, darunter 36 Ausländern ersehen werden könne. Sokolov erklärte in seinem kurzen Statement, dass man im Innenministerium „kein Normativdokument”←9 | 10→ entdeckt habe, dass die Grenztruppen verpflichtete, über die beim Versuch des illegalen Übertritts der Staatsgrenze getöteten Personen Rechenschaft abzulegen, was auf eine beträchtliche Dunkelziffer derartiger Fälle schließen lässt.

Die tatsächliche Zahl der Menschen, die bei Fluchtversuchen über Bulgarien im dortigen Grenzgebiet getötet wurden, war mit Sicherheit wesentlich höher. Ob diese Zahl jemals zu rekonstruieren ist, darf allerdings bezweifelt werden, denn die Leichen der betreffenden Personen wurden jahrzehntelang nach den dortigen Gepflogenheiten direkt im Grenzgebiet verscharrt. Außerdem ist der Zugang zu den Akten des Shivkov-Regimes extrem kompliziert – große Teile der betreffenden Dokumente wurden offenbar vernichtet, etliche Geheimdienstdossiers gerieten nach dem Untergang des Ostblocks in die Hände dubioser Geschäftsleute, die sie zu Zwecken der Erpressung nutzten. Weitere wichtige Dokumente, die wie die Obduktionsberichte der Grenztoten im Sofioter Militärkrankenhaus für die hier untersuchte Fragestellung höchst relevant wären und zumindest vor einigen Jahren noch im Sofioter Militärkrankenhaus existierten, dürfen nicht eingesehen werden. Dem Verfasser wurde nach einer Anfrage vom ehemaligen bulgarischen Außenminister mündlich mitgeteilt, diese Obduktionsprotokolle, die sich damals in einem speziellen Büro des Sofioter Militärkrankenhauses befanden, existierten überhaupt nicht.

Zeithistorische Forschungen über das volksbulgarische Grenzregime führen in Bulgarien stets zu Gegenfragen, warum man sich für diese Thematik interessiere und – bezogen auf den Verfasser – zu der Vermutung vieler bulgarischer Gesprächspartner, der Verfasser müsse, wenn er sich für derart „geheime” Fragestellungen interessiere, wohl selbst im Auftrag eines ausländischen Geheimdienstes unterwegs sein. Reaktionen wie diese gehören zu den Nachwirkungen jahrzehntelanger Propaganda einer kommunistischen Diktatur. Dass auch das frühere Grenzregime selbst inzwischen über eine eigene Tradition verfügt, belegen Berichte der ARD aus dem Sommer 2016, nach dem sich im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet private, mit Panzern ausgerüstete Bürgerwehren gegründet haben, um das Eindringen von Armutsflüchtlingen auf bulgarisches Territorium zu verhindern.2

Das Interesse für Bulgarien entstand, als der Verfasser 2001/2002 als Akademischer Direktor am Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Sofia arbeitete und nach der Rückkehr nach Deutschland im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes bei einer Aktenrecherche auf den Fall eines jungen Man←10 | 11→nes aus Sachsen stieß, der in Bulgarien 1967 bei einem Fluchtversuch mehrere Kilometer vor der türkischen Grenze erschossen worden war. Nach ersten Veröffentlichungen über den Fluchtweg Bulgarien wurde der Verfasser damals durch einen Staatsanwalt, der sich kurz nach dem Mauerfall im Auftrag der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) mit dem Schicksal ostdeutscher Bulgarienflüchtlinge beschäftigt hatte, auf Akten in der Berliner Staatsanwaltschaft hingewiesen. In diesen Akten stieß der Verfasser auf die Namen und Daten weiterer Menschen, die an den bulgarischen Grenzen bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen waren.

Der Verfasser will mit diesem Buch an die Zeit der deutschen Teilung und einen vergessenen Fluchtweg von Ost nach West erinnern. Dieses Buch soll an die Flüchtlinge erinnern und ihre Motive erklären. Darüber hinaus soll beleuchtet werden, welche Rolle die Mitarbeiter der Untersuchungsabteilung des MfS, die Mitglieder der in Bulgarien stationierten Operativgruppe des MfS, die Mitarbeiter der DDR-Botschaft in Sofia und des DDR-Konsulats, des Ost-Berliner „Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten“ (MfAA) und der Generalstaatsanwaltschaft der DDR bei diesen Fällen spielten. Der Verfasser sichtete im Rahmen der Arbeit an diesem Projekt diverse Aktenbestände in der Stasi-Unterlagenbehörde, im Bundesarchiv und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, er setzte sich mit zahlreichen Zeitzeugen in Verbindung und reiste mehrmals nach Bulgarien, um durch Einträge in Friedhofsregistraturen und in Gesprächen mit bulgarischen Gerichtsmedizinern zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen.

Dieses Buch wäre ohne die sachkundige, geduldige und sehr engagierte Unterstützung von Astrid Möser (BStU) nicht möglich gewesen. In einer Vielzahl von „Montagsgesprächen” konnte der Verfasser das Bulgarien-Thema mit ihr reflektieren und die Recherche nach Akten immer weiter verfeinern. Dank gilt auch ihrem Mitarbeiter, Herrn Ziegler. Wesentliche Unterstützung in der Recherche erhielt der Verfasser von Dr. Martin Kröger (Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes) und dem Politikwissenschaftler Christoph Stamm (Berlin). Aus der Gruppe der Zeitzeugen seien Herta Otto, die das Erscheinen dieses ursprünglich für den Sommer 2007 angekündigten Buches leider nicht mehr miterleben konnte, Stefan Pschera, Olaf Schachtschneider, Gerhard Breitinger, Maria Frank, Dr. Günter Möstl und Helmut Schulze (Cottbus) besonders erwähnt.

Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin unterstützt die Forschungen des Verfassers über die verlängerte Mauer bereits seit Jahren und setzte sich mit Erfolg als Antragsteller für das Projekt bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein. Peter Erler, von der Gedenkstätte im ehemaligen Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen hat dem←11 | 12→ Verfasser wertvolle Informationen aus dem Haftkrankenhaus des MfS zugänglich gemacht. Dank schuldet der Verfasser auch Ilija Iliev (Sofia), der bei den Grenztruppen arbeitete und Personenrecherchen auf dem Friedhof Bakarena Fabrika durchführte, der Gerichtsmedizinerin Dr. Maria Grozeva (Sofia), Vera Avramova (Sofia), die als Dolmetscherin in der DDR-Botschaft beschäftigt war, Renate Ude (Varel) und Gretel Verhoek (Berlin).←12 | 13→


1 Keine Angaben lagen Minister Ludschev für die Jahre 1969, 1973, 1979 sowie für den Zeitraum von 1986 bis 1989 vor.

2 http://www.zdf.de/auslandsjournal/buergerwehren-in-bulgarien-auslandsjournal-vom-08.06.2016-43851980.html, Link abgerufen am 29.07.2016.

Anmerkungen zur Sekundärliteratur

Monika Tantzscher. Die verlängerte Mauer. Die Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste der Warschauer-Pakt-Staaten bei der Verhinderung von „Republikflucht“. Berlin 1998 (Neuauflage: 2001)

Die Diplom-Slawistin und spätere BStU-Mitarbeiterin Monika Tantzscher war eine der ersten, die sich in der Abteilung BF der damaligen „Gauck-Behörde“ mit dem Schicksal jener Menschen befasste, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs versucht hatten, über eines der Bruderländer in den Westen zu gelangen. Allen diesen Fluchtversuchen ging die Annahme voraus, dass es „einfacher“ und „weniger gefährlich“ sein müsse, über die weniger stark bewachte Außengrenze eines Bruderlandes in den Westen zu fliehen. Das seinerzeit von Frau Tantzscher verfasste, in der „Reihe B“ der Abteilung BF veröffentlichte Werk beschäftigt sich allerdings nicht mit den Flüchtlingen selbst, sondern versucht die Strukturen zu erklären, durch die derartige Fluchten von staatlichen Stellen – insbesondere dem MfS – verhindert werden sollten. Sie belegt, dass die Deutsche Volkspolizei mit ihrer geheimdienstlich aktiven Linie VP/K1 bereits im Vorfeld maßgeblich in die Beobachtung verdächtiger DDR-Bürger involviert war. Sie stellt die verschiedenen Rechtshilfeabkommen der DDR-Regierung mit den Regierungen der betreffenden Bruderländer vor, auf deren Basis die Festnahme und Rückführung der Flüchtlinge und Fluchtverdächtigen über viele Jahre hinweg erfolgte, beleuchtet aber auch die ebenfalls – ohne Vertrag – in dieses System involvierten Regime in Rumänien und im blockfreien Jugoslawien, dass bis Anfang der 1980er Jahre mit der DDR eine heimliche Kooperation betrieb. Die Arbeit zeigt auf, dass die HA VI des MfS in Zusammenarbeit mit der HA IX/9 bzw. HA IX/10 die beiden maßgeblichen geheimdienstlichen Instanzen waren, die den Fluchtweg über die Außengrenzen für das SED-Regime unter Kontrolle bringen sollten. Dabei stützt sich die Verfasserin durchweg auf Quellen des MfS, ohne diese kritisch zu hinterfragen oder einzuordnen. Das von ihr vorgelegte Zahlenmaterial aus unterschiedlichen Linien des MfS ist unvollständig und deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Stoyan Raichevsky / Fanna Kolarova. Flucht aus der DDR über den „Eisernen Vorhang“ Bulgariens. Wege, Methoden, Opfer. Berlin 2016

Eine bemerkenswerte Veröffentlichung zweier Bulgaren erschien 2016 unter der Schirmherrschaft der Berliner „Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus“ und einem Vorwort von Dr. Anna Kaminsky, der Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Bemerkenswert ist an der←13 | 14→ Veröffentlichung, dass darin fast ausschließlich umfangreiche Dokumente ostdeutscher und volksbulgarischer staatlicher ungeprüft und unkontrolliert abgedruckt werden. Es ist die Art von Täterakten, in der die Opfer des bulgarischen Grenzregimes nun auch posthum und unkommentiert kriminalisiert werden. Die Verfasser haben, wie die Fußnoten zeigen, auch keineswegs primär bulgarische Akten veröffentlicht, sondern sich lediglich in den MfS-Akten der BStU mit den Kopien dort recht zahlreich abgelegter bulgarischer Dokumente begnügt. Im historischen Bogen bedienen sich die Autoren in dem 2006 von Appelius vorgelegten Band „Bulgarien – Europas Ferner Osten“, freilich jedoch ohne ihre Quelle korrekt anzugeben. So wird auf S. 378 eine bei Appelius (2006, S. 252) veröffentlichte Opferliste wiedergegeben, in der der Name Peter Nötzel aufgrund damals noch nicht aufgefundener Akten von Appelius falsch als „Nöser“ angegeben wurde. Die Autoren haben diese Angabe einfach abgeschrieben, und dann auch noch falsch („Noser“). Aus dem in Bulgarien getöteten Eberhard Melichar wird bei Raichevsky/Kolarova „Melicher“. An anderer Stelle heißt es, ein gewisser Bernd Carnehl sei im Oktober 1965 „an der Grenze“ getötet worden (S. 383). Das ist jedoch Unsinn. Carnehl, der aus Westdeutschland stammte und seine ostdeutsche Verlobte treffen wollte, verunglückte mit seinem Mietwagen auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel. Er war in keine Flucht verwickelt. Doch dieses Buch ist nicht nur das Werk von Trittbrettfahrern, die sich aus Veröffentlichungen bedienten, ohne die Herkunft ihres Wissens kenntlich zu machen. Es ist eine Ansammlung von unkommentierten Dokumenten zweier verbrecherischer Regime, in der die Opfer noch nachträglich mit Füßen getreten werden. Dass ausgerechnet die Gedenkbibliothek und die Bundesstiftung ein derartiges Veröffentlichungsvorhaben unterstützen ist wahrlich kein Ruhmesblatt für diese beiden Institutionen. Den Angehörigen der Opfer ist zu empfehlen, von dieser Veröffentlichung größtmöglichen Abstand zu halten.

Christopher Nehring. Tödliche Fluchten über Bulgarien. Die Zusammenarbeit von bulgarischer und DDR-Staatssicherheit zur Verhinderung von Fluchtversuchen. Berlin 2017

Der Titel dieser Broschüre – die als eine Fortsetzung und notwendige Ergänzung der Arbeit von Frau Tantzscher gedacht war – ist eine Entlehnung aus dem Titel der kurz zuvor abgeschlossenen Dissertation von Nehring über die Zusammenarbeit der in Bulgarien personell mit zahlreichen Mitarbeitern vertretenen HV A mit dem bulgarischen Innenministerium („Die Zusammenarbeit der DDR-Auslandsaufklärung mit der Aufklärung der Volksrepublik Bulgarien. Regionalfilialen des KGB?“, Erstgutachter Joachim Rogall, 2016) und führt gleichzeitig in die Irre. Tatsächlich hatte der DDR-Geheimdienst nämlich nur in einem bisher bekannten←14 | 15→ Sonderfall (Kühnle / Sandner 1972) direkt mit dem Tod von DDR-Flüchtlingen zu tun. Die beiden mutmaßlich darin verwickelten MfS-Offiziere – die im Übrigen nicht der HV A angehörten – sind mittlerweile selbst verstorben. Für alle anderen Todesfälle an den bulgarischen Grenzen trugen hingegen bulgarische Grenzsoldaten die Verantwortung.

Die Publikation des zeitweilig in der Forschungsabteilung der BStU beschäftigten Nehring fasst die langjährigen Recherchen von Stefan Appelius über das bulgarische Grenzregime und die Schicksale der bisher bekannten deutschen Grenzopfer zusammen. Nehring hat die verschiedenen Veröffentlichungen von Appelius genommen, dazu die Akten bestellt und eine kleine Schrift daraus gebastelt. Im Fall des im Frühsommer 1965 an der griechischen Grenze erschossenen Werner Gambke ergänzt Nehring eine Akten-Signatur zu einem „namenlosen“ Opfer, die Appelius, der jahrelang in der BStU über diese Thematik forschte, nicht vorgelegt wurde. Es ist eine der wenigen neuen Erkenntnisse in dieser Publikation der sogenannten Prioritätenforschung geschuldet, nach der Mitarbeiter der Abteilung BF der BStU gegenüber externen Wissenschaftlern bei der Akteneinsicht in der BStU bevorzugt werden. Zu Gambke finden sich in der BStU nämlich keinerlei Akten, Appelius spürte die wenigen Dokumente in der Familie des Opfers auf. Wer nur von Tätern verfasste Akten liest und Medienveröffentlichungen – mit all ihren Fehlern – zur Erschließung dieses äußerst sensiblen Themas heranzieht, kann den tatsächlichen Sachverhalten nicht gerecht werden. Dieser Herangehensweise liegt die vor allem von westdeutschen Historikern vertretene Auffassung zugrunde, was Schwarz auf Weiß in den Akten stehe, müsse „die Wahrheit“ sein und den tatsächlichen Sachverhalten entsprechen. In den Akten aber heißt es stets, dass sich die Vorfälle unter strenger Einhaltung aller Vorschriften ereignet haben. Dabei ist die Manipulation dieser Dokumente durchaus erkennbar. Auf den Fotos getöteter DDR-Flüchtlinge ist zum Beispiel oft zu sehen, dass einer Leiche nachträglich ein Messer in die geöffnete Handfläche gelegt wurde.

Wenn Nehring beispielsweise behauptet, die DDR-Botschaft habe 1989 den Eltern des erschossenen Michael Weber die Leichenschau verwehrt (S. 92), zeigt sich die Problematik dieser Arbeitsweise. Tatsächlich fand diese Leichenschau im Fall Michael Weber statt, beide Eltern durften den toten Teenager – wenn auch nur durch eine Glasscheibe – mit Einverständnis des DDR-Konsuls Richter noch einmal sehen. Während sich Appelius mit der Mutter des getöteten Teenagers in Verbindung setzte, referiert Nehring die Fragestellung von seinem damaligen Schreibtisch in der Abteilung BF der BStU.

Sein Hinweis, dass die Operativgruppen des MfS in Bulgarien nicht die vorrangige Aufgabe der Fluchtbekämpfung hatten, ist keine Überraschung und wurde←15 | 16→ von Appelius auch zu keiner Zeit behauptet. Die Operativgruppen hatten ein breites Aufgabenspektrum und arbeiteten im Bereich der Spionage und Spionageabwehr sowohl mit der HA II als auch der HV A zusammen.

Berichte von Flüchtlingen

Biographische Angaben

Stefan Appelius (Autor:in)

Stefan Appelius lehrt Politikwissenschaft als apl. Professor an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Nach Promotion und Habilitation war er viele Jahre als selbständiger Wissenschaftler tätig. Gegenwärtig ist er Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat. Die oben abgebildete Aufnahme zeigt Appelius an der Grenzsignalanlage „S-100" an der bulgarisch-griechischen Grenze.

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Titel: Fluchtweg Bulgarien