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Migration und Interkulturalität

Theorien – Methoden – Praxisbezüge

von Kerstin Störl (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 288 Seiten

Zusammenfassung

Der massenhafte Zustrom von Menschen aus Syrien, nah- und fernöstlichen Ländern, Afrika und Nicht-EU-Staaten des Balkans, die 2015 und 2016 in Deutschland Asyl suchten, wurde als »Flüchtlingskrise« wahrgenommen. Der vorliegende Band enthält historische, philosophische, kulturwissenschaftliche, psychologische, linguistische und kommunikationswissenschaftliche Studien, die dieses aktuelle Migrationsphänomen und damit im Zusammenhang stehende Kulturkontaktsituationen interdisziplinär und anhand empirischer Daten beleuchten. Das Ziel ist die wissenschaftliche Diskussion anzuregen sowie Praxisvertretern fundierte Argumente anzubieten, um sich mit Missverständnissen in der Bevölkerung auseinander zu setzen, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und den gegenseitigen Respekt voreinander zu fördern.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • Vorwort
  • Vorstellung der Autor(inn)en
  • Dank
  • 2. Die aktuelle „Flüchtlingskrise“ – ihre Reflexion in Politik und Gesellschaft
  • Zur aktuellen Flüchtlingssituation in Berlin
  • Persönlicher Bericht
  • 3. Gewaltmigration und das „Fremde“ – historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Studien
  • Gewaltmigration: Hintergründe, Bedingungen und Folgen
  • Das Fremde als Anspruch
  • Soziale Repräsentationen von Multikulturalismus – komplexe Aushandlungen innerer und äußerer sozialer Realitäten durch Eigen- und Fremdbilder
  • 4. Migration und Integration – psychologische, linguistische und kommunikationswissenschaftliche Aspekte
  • Migrationsbedingte konfliktive mentale Repräsentationen und der Versuch interkultureller Kommunikation
  • Transgenerationale Auswirkungen von Krieg, Verfolgung und Flucht: Implikationen für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland
  • Lügen? Aufklären? Vernebeln? Über das Scheitern des Medien-Diskurses während der sogenannten Flüchtlingskrise
  • Differenzierte Sprachstandsermittlung und -förderung von DaZ-Schülern während des Unterrichtsgeschehens. Das Sprach-Können im Fokus der Bewertung
  • Integration – ein einseitiges Konzept?
  • 5. Interkulturelle Begegnungen und Konflikte – Kulturspezifische Analysen
  • Muslime als Europäer? Zur Vorgeschichte heutiger Integrationsdebatten
  • Das Konzept einer interkulturellen Anthropologie – Auseinandersetzung mit Migration, Rassismus und Afrophobie
  • Wenn Normen aufeinanderprallen! Zum Umgang mit interkulturellen moralischen Dilemmata am Beispiel der religiösen Beschneidung männlicher Säuglinge
  • Theorien der Integration Migrations- und Integrationsbeziehungen zwischen Frankreich und Algerien

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Vorwort

In den Jahren 2015 und 2016 reiste über eine Million Flüchtlinge und Migranten unerlaubt in Deutschland ein. Der Bürgerkrieg in Syrien war eine der Hauptursachen für die Flucht. Aber nicht nur Syrer und Flüchtlinge aus nah- und fernöstlichen Ländern suchten in Deutschland Asyl, sondern auch Migranten aus Afrika und Nicht-EU-Staaten des Balkans. Angesichts des massenhaften Zustroms dieser Menschen, der als „Flüchtlingskrise“ wahrgenommen und so bezeichnet wurde, wurde in der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin das Ziel formuliert, neben dem Angebot an praktischer Hilfe das Phänomen auch wissenschaftlich zu durchdringen, um Missverständnisse in der Bevölkerung auszuräumen, Probleme zu erhellen, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und wissenschaftlich fundierte Argumente gegen das zunehmend fremdenfeindliche Klima in unserem Land anzubieten.

Die Leibniz-Sozietät hat deshalb ihre Jahrestagung 2017 dem Thema „Migration und Interkulturalität. Theorien – Methoden – Praxisbezüge“ gewidmet, die am 5. Oktober 2017 im Max Delbrück Communications Centers auf dem Medizincampus Berlin-Buch stattfand. Nach der Eröffnung durch den Präsidenten der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, Herrn Prof. Dr. Gerhard Banse, informierte der Staatssekretär für Integration, Herr Daniel Tietze von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, die Teilnehmer(innen) über die aktuelle Flüchtlingssituation in Berlin. Frau Juliane Willuhn, der Einrichtungsleiterin des „AWO Refugiums Berlin-Buch“, stellte diese Gemeinschaftsunterkunft für 560 geflüchtete Menschen vor, bevor der dort wohnhafte Herr Mohamad Haj Ali auf bewegende Weise seine Flucht aus Aleppo in Syrien sowie seine aktuelle Situation in Berlin schilderte.

Für die anschließenden wissenschaftlichen Referate und Diskussionen waren Spezialisten verschiedener Fachdisziplinen eingeladen worden, die mit der Flüchtlingsproblematik befasst sind, beziehungsweise aus der Sicht ihrer Disziplin etwas zum Thema „Migration und Interkulturalität“ beizutragen hatten. Wissenschaftliche Theorien wurden hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf das Verständnis und die Bewältigung der aktuellen Flüchtlingssituation analysiert. Es gab rege Diskussionen unter den Wissenschaftlern sowie zwischen ihnen und den anwesenden Praxisvertretern, zum Beispiel Lehrer(innen) aus ←9 | 10→Willkommensklassen oder Berufsschulen sowie Vertretern von Institutionen mit Projekten zur Unterstützung der Geflüchteten.1

An der hier vorliegenden Publikation haben sich nicht nur die Referenten der Tagung beteiligt, sondern weitere ausgewählte Spezialisten, sodass ein interdisziplinäres Werk entstanden ist, das die aktuelle Flüchtlingssituation von ganz verschiedenen Aspekten beleuchtet und auch in Zukunft für die Analyse von Migrationsphänomenen und Kulturkontaktsituationen nützlich sein kann. Der Band versteht sich als eine Anregung für Wissenschaftler und Studierende, aber auch als ein Aufklärungsinstrument für die Bevölkerung, um Kontakte und Konflikte zwischen Kulturen besser zu verstehen und um den gegenseitigen Respekt voreinander zu fördern.

Die Publikation ist in fünf Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung (Kapitel 1) folgt das erste Hauptkapitel (Kapitel 2), das der Reflexion der aktuellen „Flüchtlingskrise“ in Politik und Gesellschaft gewidmet ist. Es enthält die erwähnte Rede des Staatssekretärs für Integration, Daniel Tietze, sowie den persönlichen Bericht von Mohamad Haj Ali. Der Staatssekretär beschreibt die Herausforderungen, denen sich die Stadtbevölkerung von Berlin angesichts der zahlreichen Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016 gegenüber sah und zeigt bereits errungene Erfolge auf. Herr Mohamad Haj Ali dankt der Regierung und dem Volk Deutschlands für die Hilfe und berichtet vom Krieg in Syrien, den Umständen seiner Flucht nach Deutschland sowie von den Problemen des Zusammenlebens. Er zeigt seine Bereitschaft, bei Problemlösungen aktiv zu helfen und betont die Wichtigkeit einer guten Ausbildung sowie der Familienzusammenführung.

Es folgen die wissenschaftlichen Beiträge, beginnend mit dem Kapitel 3 zum Thema „Gewaltmigration und das ‚Fremde‘ “, das verschiedene historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Studien vereint. Der erste Beitrag stammt von Jochen Oltmer. Er beleuchtet Hintergründe, Bedingungen und Folgen von Gewaltmigration und zeigt, dass Fluchtbewegungen, Vertreibungen und Deportationen kein Spezifikum der Neuzeit sind, ebenso wenig wie Krieg, Staatszerfall und Bürgerkrieg. Dennoch könne Gewaltmigration als Signatur von Gegenwart und Zeitgeschichte beschrieben werden, allein wegen der Vielzahl und des Umfangs der durch Gewalt induzierten Migrationen sowie der weitreichenden gesellschaftlichen Folgen.

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In dem Beitrag von Dorothee Röseberg, „Das Fremde als Anspruch“, geht es um die Frage, welche wissenschaftlichen Ansätze die Interkulturalitätsforschung für das Thema Fremdheit beziehungsweise Fremderfahrung bereitstellt. Anknüpfend an die postkoloniale Diskussion, in der das Fremde eine enorm positive Neubewertung der Selbsterkenntnis erlebte, fragt die Autorin, ob das auch gilt, wenn das Fremde durch Zuflucht erlebt oder erzwungen wird und sucht nach wissenschaftlichen Ansätzen, die unterschiedliche Erfahrungen mit dem Fremden erfassen und beschreiben können. Sie untersucht die Besonderheiten des Fremden im Zusammenhang mit Flucht und stellt phänomenologische und systemtheoretische Ansätze vor, die zur Ausarbeitung kontextspezifischer Methoden verwendet werden können.

Babette Gekeler und Kathrin Friederici thematisieren in ihrem Beitrag „Soziale Repräsentationen von Multikulturalismus“ die nationale, ethnische und religiöse Vielfalt im multikulturellen Alltag, die einen binären Kontext schafft, in dem Unterschiede anerkannt werden können. Sie stellen fest, dass Individuen und Gruppen zwischen dem Zusammenrücken und dem Schutz des eigenen Raumes schwanken. Die Sozialpsychologie kümmere sich nur spärlich um die Vieldeutigkeit, die tiefere Bedeutungsschichten sowohl des Bekannten als auch des Fremden bei Individuen und Gruppen evozieren. Der Aufsatz veranschaulicht die Identitätsarbeit von Menschen in multikulturellen Kontexten.

Das vierte Kapitel ist psychologischen, linguistischen und kommunikationswissenschaftlichen Aspekten von Migration und Integration gewidmet. Kerstin Störl betrachtet die „Flüchtlingskrise“ als Kulturkontaktsituation. Ausgehend von kultureller Hybridisierung, die unter anderem durch Sprachkontaktphänomene zum Ausdruck kommt, untersucht sie die migrationsbedingt aufeinanderprallenden kulturell variablen mentalen Repräsentationen und bezieht dabei Erkenntnisse der Frame-Theorie und der Systemtheorie ein. Sie geht den Fragen nach, wie angesichts sich widersprechender Konzepte interkulturelle Kommunikation möglich ist und wie in der Praxis mit den Problemen der konzeptuellen Bifurkationen und der Nichtlinearität umgegangen werden kann.

Cordula von Denkowski untersucht in ihrem Beitrag die transgenerationale Übertragung von Traumata in Bezug auf bewaffnete Konflikte, Verfolgung und erzwungene Migration. Ausgehend von transgenerationalen Studien in Familien von Holocaust-Überlebenden und Familien von TäterInnen und Kollaborateuren des NS-Regimes sowie von transgenerationalen Prozessen bei zeitgenössischen Flüchtlingen diskutiert sie Konsequenzen für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland.

In seinem Aufsatz „Lügen? Aufklären? Vernebeln?“ analysiert Michael Haller das Scheitern des Mediendiskurses während der „Flüchtlingskrise“ 2015/16. ←11 | 12→Seither stecke der Journalismus in einer Glaubwürdigkeitskrise. Politikverdruss und Medienfrust scheinen nach Haller einander verstärkt zu haben. In einer großangelegten Untersuchung haben Michael Haller und sein Forscherteam die mediale Begleitung des Flüchtlingsthemas minutiös untersucht. In seinem Beitrag zeigt er, wie es dazu kam, dass die Medien von der Rolle des kritischen Beobachters in die des politischen Akteurs wechselten.

Mit Fragen des Erwerbs der deutschen Sprache durch Geflüchtete beschäftigen sich Winfried Thielmann und Uta Großmann, speziell mit der differenzierten Sprachstandsermittlung und -förderung von DaZ2-Schülern während des Unterrichtsgeschehens. Für paradox halten sie die Tatsache, dass im DaZ-Bereich trotz der vielen wertvollen Ergebnisse der Zweitspracherwerbsforschung Didaktik und Methodik des Unterrichts noch sehr stark von muttersprachlichen Erwartungshorizonten überformt sind. Das Korrigieren jedes einzelnen Fehlers, den ein Lerner macht, sei kontraproduktiv und führe weg von einer angemessenen Bewertung der Lernerfolge. Die Autoren zeigen die Leistungsfähigkeit der empirisch basierten Profilanalyse anhand authentischer Texte und Diskurse.

Cornelius Griep und Merle Müller-Hansen stellen die Frage „Integration – ein einseitiges Konzept?“ und präsentieren als Alternative die Idee der „Interkulturellen Wahrnehmungswelten“, die sie für die Anwendung in der Berliner Geflüchtetenarbeit konzipiert haben. Sie postulieren, dass Deutschlands Reichtum seine Vielfalt sei. Teil einer Gesellschaft zu werden bedeute nicht, die ursprüngliche Identität aufgeben oder unterdrücken zu müssen, sondern ihre Bewahrung könne gleichzeitig mit einer Orientierung an den Werten der deutschen Lebensweise von statten gehen. Die Autoren schlagen vor, die Integration nicht als Prozess der Anpassung einer Minderheit an die Bedürfnisse und Standards einer Mehrheit, sondern als Koevolution neu zu konzeptualisieren.

Das fünfte und letzte Kapitel des Buches ist kulturspezifischen Analysen interkultureller Begegnungen und Konflikte gewidmet. Monika Walter untersucht in ihrem Aufsatz „Muslime als Europäer?“ die Vorgeschichte der aktuellen Integrationsdebatte. Erst seit einigen Jahrzehnten hat eine westeuropäische Diskussion um eine innereuropäische Islamgeschichte erste Standardwerke hervorgebracht. In Spanien und Frankreich sind diese Forschungen unter Formeln wie „unbehagliche Geschichte“ oder „histoire-problème“ gebündelt worden. Darin fordern Wissenschaftler zu einem historisch vertieften Nachdenken über das nationale Spaniertum oder Französischsein auf, mit dem in den jeweiligen Nationalgeschichten die so aktuelle Frage nach der Unvereinbarkeit eines ←12 | 13→christlich-jüdischen Westeuropas mit dem Islam auf eine neue und komplexe Weise beantwortet werden kann. Der Beitrag führt in die Gründe für eine solche „Blindheit“ gegenüber dieser europäischen Kulturgeschichte des Islam.

Jacob Emmanuel Mabe stellt das Konzept einer interkulturellen Anthropologie vor und setzt sich mit Migration, Rassismus und Afrophobie auseinander. Er thematisiert die übermäßige Angst vor Überfremdung, die sich in manchen Fällen zum radikalen Rassismus gewandelt hat. Dass aber die Zugezogenen der Angst der Einheimischen mit schwer rechtfertigbaren Gewaltakten begegnen, sei interkulturell ebenso nicht hinnehmbar wie der Fremdenhass. Der Autor nimmt die aktuelle Realität in Deutschland zum Anlass, um ein umfassendes Lernkonzept vorzuschlagen, das allen deutschen Bevölkerungsgruppen helfen kann, sich mit den vielfältigen Herausforderungen der Migration vertraut zu machen. Denn die Bundesrepublik Deutschland könnte laut Mabe zu einer beispiellosen Heimat für geflüchtete Menschen aus Ost- und Mitteleuropa, Afrika, Amerika, Asien etc. werden, vorausgesetzt, dass der Geist der Toleranz und der Vielfalt nicht demontiert, sondern konsequent gefördert wird.

Unter dem Titel „Wenn Normen aufeinanderprallen!“ setzt sich Frau Marie-Luise Raters mit interkulturellen moralischen Dilemmata auseinander und veranschaulicht diese am Beispiel der religiösen Beschneidung männlicher Säuglinge. Sie führt dazu einen konkreten Fall aus Eritrea an und plädiert für einen kreativen Umgang mit widersprüchlichen Normen.

Silvia Behrens beschäftigt sich mit Theorien der Integration und untermauert ihre Aussagen anhand der Analyse der Migrations- und Integrationsbeziehungen zwischen Frankreich und Algerien. Ihr Aufsatz skizziert das aktuelle Bild der postmigrantischen Gesellschaft Frankreichs und zeigt den Umfang der politischen, sozialen und kulturellen Herausforderungen innerhalb des französisch-algerischen Integrationsprozesses auf.

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1 Der ausführliche Tagungsbericht ist nachzulesen auf der Homepage der Leibniz-Sozietät: https://leibnizsozietaet.de/jahrestagung-2017-migration-und-interkulturalitaet-am-5-oktober-2017/#more-13915.

2 DaZ: Deutsch als Zweitsprache.

Biographische Angaben

Kerstin Störl (Band-Herausgeber:in)

Kerstin Störl ist Universitätsprofessorin für Romanische Sprach- und Landeswissenschaften an der Universität Wien und Privatdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie lehrt, forscht und publiziert zur Romanistik, Linguistik, Lateinamerikanistik, Altamerikanistik sowie zur Kultur- und Kommunikationswissenschaft.

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