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Die vielen Gesichter der Germanistik

Finnische Germanistentagung 2017

von Mia Raitaniemi (Band-Herausgeber:in) Hanna Acke (Band-Herausgeber:in) Irmeli Helin (Band-Herausgeber:in) Joachim Schlabach (Band-Herausgeber:in) Christopher Schmidt (Band-Herausgeber:in) Doris Wagner (Band-Herausgeber:in) Jana Zichel-Wessalowski (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 278 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse der internationalen Germanistik aus den Bereichen DaF-Didaktik, Literaturwissenschaft und Linguistik. Es haben sich Autorinnen und Autoren der verschiedenen germanistischen Institute Finnlands und des deutschsprachigen Raumes daran beteiligt, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bosnien und Herzegowina, Estland, Irland, Kroatien, Litauen und der Ukraine. Die Finnische Germanistentagung, die im Juni 2017 an der Universität Turku und der Åbo Akademi Universität in Turku/Åbo stattfand, brachte diese Forscherinnen und Forscher miteinander ins Gespräch. Die Ergebnisse ihres Austauschs sind im vorliegenden Sammelband festgehalten. Einen Schwerpunkt bildet aufgrund des 500-jährigen Jubiläums der Reformation 2017 das Werk Martin Luthers.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort (Mia Raitaniemi / Hanna Acke / Irmeli Helin / Joachim Schlabach / Christopher M. Schmidt / Doris Wagner / Jana Zichel-Wessalowski)
  • Fragen der Sprachenpolitik und Deutschdidaktik
  • Zum Deutschbedarf in finnischen Unternehmen: Ausgewählte Ergebnisse der LangBuCom-Studie (Margit Breckle / Joachim Schlabach)
  • Motive und Motivation zum Deutschlernen – Beispiel Deutsch als Fremdsprache unter Studierenden in Finnland (Sabine Ylönen / Mari Hurskainen)
  • Erfahrungsbasiertheit, kollegiale Kooperation und videobasierte Reflexion als Prinzipien des LEELU-LehrerInnenbildungsprojekts (Karen Schramm / Katrin Hofmann / Marta Dawidowicz)
  • Berufsorientierte Kommunikationskompetenzen im Ingenieurberuf – Bedarfsanalyse und didaktisches Konzept (Oliver Winkler)
  • Deutsch im Elementarbereich – Besonderheiten der Methodik des frühen Fremdsprachenlernens (Merle Jung)
  • Präsenz der Sprache der Neuen Medien in kroatischen DaF-Lehrwerken (Katica Sobo / Blaženka Filipan-Žignić / Vladimir Legac)
  • Mehrsprachigkeitsdidaktik im universitären Sprachenstudium – Ein Beispiel aus der Praxis (Sabine Grasz)
  • Zeit, Ort, kulturelle Zugehörigkeit
  • Der Weltuntergang als temporales Ereignis in der eschatologischen Literatur des Mittelalters (Aleksej Burov)
  • Ort als Ausgangspunkt des autofiktionalen Erzählens im Buch „Chronik meiner Straße“ von Barbara Honigmann (Sigita Barniškienė)
  • Zwiespältige Begegnungen – Zur ethischen Ambivalenz der Mensch-Tier-Beziehungen in Hermann Hesses Prosa (Björn Hayer)
  • Übersetzte Literatur und ihr Beitrag zum Migrationsdiskurs in Deutschland – Aspekte der Transkulturalität in den Werken Rosa Ribas (Alexandra Simon-López)
  • Die Unterschiede zwischen der Eigen- und der Fremdkultur in Karikaturen mit bosnisch-herzegowinischer Thematik (Amira Žmirić)
  • Sprachliche Muster, geschichtliche Quellen
  • Argumentationsmuster bei Martin Luther und Augustin von Alveldt – Zur interkonfessionellen Polemik innerhalb zweier Streitschriften aus dem Jahr 1524 (Sebastian Seyferth)
  • Sprachliche Besonderheiten manipulativer Strategien in den Streitschriften von Martin Luther (Svitlana Ivanenko)
  • Anrede- und Grußformeln in Musterbriefen der Geschäftskorrespondenz – Ein deutsch-deutscher Vergleich (Hartmut E. H. Lenk)
  • Die linguistische Relativitätstheorie = Bullshit? Gedanken zur Popularisierung von linguistischen Fachtexten (Henrik Nikula)
  • Deutschland – Finnland – Irland. Der Linguist Ernst Lewy (1881–1966) (Gisela Holfter / Doris Wagner)
  • Reihenübersicht

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Vorwort

„Die vielen Gesichter der Germanistik“ – unter diesem Rahmenthema stand die finnische Germanistentagung, die vom 7. bis 9. Juni 2017 in Turku/Åbo stattfand und in Zusammenarbeit der Universitäten Turku und Åbo Akademi veranstaltet wurde. An der Tagung nahmen 70 FachkollegInnen aus Finnland, den skandinavischen und baltischen sowie zwölf weiteren Ländern teil. Plenarvorträge wurden von Prof. Dr. Sebastian Seyferth (Hochschule Zittau/Görlitz), Prof. Dr. Karen Schramm (Universität Wien) und Dr. Oliver Winkler (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) gehalten.

Traditionell treffen sich die finnischen Germanisten zu ihrer gemeinsamen Tagung in Abständen von etwa drei Jahren. Die zeitliche Spanne nach der Helsinkier Tagung im Jahr 2012 (siehe hierzu Hyvärinen/Richter-Vapaatalo/Rostila 2014) wurde jedoch etwas länger, denn hochschulpolitische Umwälzungen hatten mehrere finnische Germanistik-Fächer in dieser Periode unter Druck gesetzt. Ohne auf diese Periode genauer einzugehen, lässt sich nach der Germanistentagung 2017 die veränderte Landkarte der finnischen Germanistik wie folgt skizzieren: In Finnland bestehen volle germanistische Studienprogramme an folgenden Universitäten: Helsinki, Jyväskylä, Oulu, Tampere, Turku und Åbo Akademi. An der Universität in Joensuu (Universität Ostfinnland) wurde das Studienprogramm eingeschränkt und die Germanistik an der Universität Vaasa wurde aufgelöst und mit der Germanistik an der Universität Jyväskylä verschmolzen.

Die Thematik der Tagung umfasst alle drei zentralen Pfeiler der finnischen Germanistik: DaF-Didaktik, Literaturwissenschaft sowie Linguistik. Neben diesen allgemeinen Bereichen wurde auf der Tagung anlässlich des Jubiläumsjahres 500 Jahre Reformation ein Augenmerk auf das Werk von Martin Luther gesetzt, was sehr gut zum Veranstaltungsort Turku/Åbo passte, denn hier ist der historische und aktuelle Sitz des Erzbistums der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands und hier finden sich reichlich Spuren aus der Zeit der Reformation.

Der vorliegende Band enthält die drei Plenarvorträge sowie 14 ausgewählte Sektionsbeiträge und ist in drei Blöcke geteilt. Den ersten Block mit sieben Beiträgen bilden Fragen der Sprachenpolitik und Deutschdidaktik. Darauf folgen fünf Beiträge, die sich mit Literatur befassen, unter den Stichworten Zeit, Ort, kulturelle Zugehörigkeit. Den letzten Block bilden fünf linguistische Beiträge unter der Rubrik Sprachliche Muster, geschichtliche Quellen.

Der Block Fragen der Sprachenpolitik und Deutschdidaktik enthält vier Beiträge, die den Blick nicht auf die Praxis der Lehre, sondern auf die Rahmenbedingungen ← 7 | 8 → der Ausbildung in den Fremdsprachen werfen, und drei Beiträge mit didaktischen Fragestellungen.

Margit Breckle und Joachim Schlabach haben eine Bedarfsanalyse über die Sprache Deutsch und die Mehrsprachigkeit bei finnischen Unternehmen und Organisationen durchgeführt. Das Projekt trägt den Titel Sprachen in der internationalen Geschäftskommunikation in Finnland (LangBuCom). Die Autoren präsentieren die Umfrage-Ergebnisse von 272 Befragten zum Deutsch-Bedarf und zur Vielfalt der Kontakte, die zwischen finnischen und deutsch(sprachig)en Unternehmen bestehen. Zu den zentralen Resultaten zählt u. a. die Tatsache, dass die Bedeutung des Deutschen bei den Befragten kontinuierlich gestiegen ist und auch zukünftig als zunehmend angesehen wird, unabhängig von der starken Rolle des Englischen.

Sabine Ylönen und Mari Hurskainen untersuchen die Motive und die Motivation zum Deutschlernen bei finnischen Universitätsstudierenden aus allen Disziplinen. Es handelt sich um ein Teilergebnis einer breiten Umfrage für Universitätsstudierende aus ganz Finnland aus dem Jahr 2008 zu ihren bisherigen Sprachlernerfahrungen. Als wichtigster Grund zum Deutschlernen galt die Einschätzung, durch Deutschkenntnisse bessere Arbeitschancen zu bekommen. Weitere Gründe waren sozio-kulturell. Ein Ergebnis der qualitativen Inhaltsanalyse ist, dass die Motivation der Deutschlerner in Finnland durchaus von dem nationalen Lehrplan beeinflusst wird.

Die Plenaristin Karen Schramm stellt mit ihren Kolleginnen Katrin Hofmann und Marta Dawidowicz das LEELU-Projekt zur Unterstützung des extensiven Lesens bei DaF-Lernenden in mehreren europäischen Ländern vor. Neben der Bestrebung, die Lesekompetenz der Deutschlerner zu verstärken, gilt als ebenso zentrales Ziel des Projekts, eine videobasierte Methodik in die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte in den Fremdsprachen einzuführen.

Der Plenarist Oliver Winkler führt ein Konzept zur Neustrukturierung des multilingualen Kommunikationsunterrichts im Bereich Ingenieurwissenschaften vor. Der Konzeptbeschreibung geht eine Bedarfsanalyse voraus. Am Ende des Beitrags wird der Schritt gemacht, die verbindenden Eigenschaften der Auslandsgermanistik und des muttersprachlichen oder multilingualen Kommunikationsunterrichts an der Hochschule für Nicht-Linguisten zu erwägen. Hierbei wird besonders die Problematik des Rechtfertigungszwangs vor Nicht-Sprachfachleuten auf diesen beiden Gebieten aufgegriffen.

Bei den folgenden didaktisch ausgerichteten Beiträgen werden alle drei Bildungsstufen betrachtet: Die Didaktik des Deutschen im frühkindlichen Bereich, an der Schule sowie an der Hochschule. Merle Jung stellt einen methodischen Rahmen für den frühkindlichen Fremdsprachenunterricht vor, den sie für den ← 8 | 9 → Deutschunterricht in Kindergärten in Estland entwickelt hat. In dieser nicht als Sprachbad, sondern als Sprachimmersion zu verstehenden Methode geht es hauptsächlich darum, bei den Lehrkräften die (störenden) Voraussetzungen, die sie aus ihrer anderen Unterrichtspraxis mitbringen, abzubauen, sowie die persönliche vorschuldidaktische Entwicklung der Lehrkräfte zu unterstützen.

Katica Sobo, Blaženka Filipan-Žignić und Vladimir Legac haben die Frequenz von Lexik der Neuen Medien in kroatischen Deutschlehrwerken der Klassen 7 bis 8 untersucht. Das Resultat, dass der Anteil von lexikalischen Einheiten aus dem Bereich neuer Medien sehr niedrig ist, wird mit einer Umfrage von Lehrermeinungen kontrastiert. Es zeigt sich, dass unterschiedliche Altersgruppen von Lehrkräften die Häufigkeit der Neue-Medien-Lexik unterschiedlich bewerten. Beide Resultate sprechen dafür, dass die Lexik von Lehrwerken immer neu auf ihre Aktualität hin geprüft werden sollte.

Die Hochschuldidaktik ist Thema bei Sabine Grasz. Sie berichtet über die Lernereinstellungen zu Mehrsprachigkeit in einem sprachenübergreifenden Kurs, der finnische Studierende der Fremdsprachenphilologien auf das Deutschstudium vorbereitet. Sie kann bestätigen, dass die Mehrheit der Studierenden sich am Anfang nur wenige Gedanken über die Zusammenführung der Sprachen gemacht hat, gegen Ende des Kurses aber zu dem Ergebnis kommt, dass die sprachenübergreifenden Vergleiche als sehr förderlich für das Verständnis von Sprachstrukturen angesehen werden.

Der literaturwissenschaftliche Block Zeit, Ort, kulturelle Zugehörigkeit setzt sich aus Beiträgen zusammen, die die Identitätsbildung und die Zuordnung zu bestehenden Kategorien betrachten. Es geht um die Auffassung des Menschen von der Zeit, um das Verhältnis von Personen zu Orten sowie um Klassenzugehörigkeiten und Sprachen.

Alexej Burov sucht nach Indizien für das Aufhören der Linearität der Zeit in mittelalterlicher Literatur. Die eschatologische Literatur bietet mehrere Stellen, die die Auffassungen über die Zeit nicht nur als etwas Lineares, sondern auch als etwas Ewiges bzw. Zirkuläres betrachten lassen. Es wird gefragt, welche Darstellungsstrategien für den Weltuntergang als eine nicht-lineare Ereigniskette gewählt wurden.

Sigita Barniškienė behandelt das Buch „Chronik meiner Straße“ von Barbara Honigmann als ein Beispiel für die narrative Identitätsbildung, bei der der Ort, und nicht der Ich-Erzähler, als Ausgangspunkt dient. Das soziale Bild einer Straße wird zu einem zentralen Baustein für die Identität des erzählerischen Alter-Egos. Der historische Bogen der Identitätswandlungen wird ebenso über die Schilderung der weiteren Anwohner der Straße aufgebaut. ← 9 | 10 →

Björn Hayer geht den Ausdrucksweisen der Alterität in Hermann Hesses Werken nach. Es wird untersucht, wie sich der Leser in die Tierfiguren, die als denkende Individuen dargestellt werden, hineinversetzen kann. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass Hesses Tierfiguren zwar an vielen Stellen vermenschlichte Eigenschaften tragen, an anderen Stellen wiederum als durch ihre tierischen Triebe bewegte Akteure dargestellt werden. Der Beitrag versteht sich als einen Vertreter der Literary Animal Studies, bei der der literarische Text aus der Perspektive der nicht-menschlichen Wesen betrachtet wird.

Alexandra Simon-López hebt die Transkulturalität der aus dem Spanischen übersetzten Kriminalromane Rosa Ribas hervor. Sie plädiert damit für eine stärkere Stellung der transkulturellen Literatur im Kanon der deutschen Literatur der Migranten. An den Werken Ribas wird gezeigt, wie sich die Identität der Figuren mosaikartig aus den Komponenten ihrer beiden Kulturen zusammensetzt und welche Rolle der Mehrsprachigkeit und dem multikulturellen Umfeld Frankfurt am Main hierbei zukommt.

Amira Žmirić beschreibt die Darstellungsweisen von Bosnien-Herzegowina in österreichischen Karikaturen aus dem Jahr 1908. Es werden die Fragen bearbeitet, inwieweit in den Karikaturen kulturelle Unterschiede erkannt werden können sowie inwieweit diese sich in den generelleren Rahmen der Eigen- und Fremdkultur einordnen lassen.

Den dritten Block des Bandes, Sprachliche Muster, geschichtliche Quellen, bilden die sprachwissenschaftlichen Beiträge. Die betrachteten Gegenstände reichen von den Schriften Martin Luthers bis zu modernen, popularisierten Darstellungen der Sprachwissenschaft. Ein weiteres Thema ist die Darstellung des Lebens des deutschen Linguisten Ernst Lewy, der Kontakte zu Turku/Åbo hatte.

Der Plenarist Sebastian Seyferth stellt die Argumentationsmuster bei Martin Luther und Augustin von Alveldt unter Betrachtung. Es handelt sich um eine interkonfessionelle Polemik aus dem Jahr 1524. Die Streitschiften, die erörtert werden, waren der Öffentlichkeit bekannt und hatten daher ein weites Publikum. Seyferth zeigt nicht nur, welche Argumente von beiden Seiten einander gegenübergestellt wurden, sondern stellt hierzu auch eine pragmatisch angelegte Analyse der Propositionen vor.

Ebenfalls mit Streitschriften von Martin Luther befasst sich Svitlana Ivanenko. Dabei steht die Manipulation im Mittelpunkt. Die manipulativen Strategien und Taktiken werden an vier Streitschriften Luthers untersucht. Als Ergebnis wird die vielschichtige Zerredungsstrategie dieser Schriften dargelegt.

Hartmut E. H. Lenk vergleicht die Anrede- und Grußformeln in der Geschäftskorrespondenz anhand von Mustertexten aus den beiden deutschen Staaten BRD ← 10 | 11 → und DDR in den Jahren 1947–1990. Es zeigen sich bestimmte Unterschiede in den Anrede- und Grußformeln, aber auch parallele Entwicklungen, die nicht von der innerdeutschen Grenze betroffen sind.

Henrik Nikula befasst sich mit der Problematik der Popularisierung der Wissenschaft am Beispiel von Werken, die die sprachliche Relativitätstheorie popularisieren. Nikula erwägt sowohl die Stärken als auch die Gefahren von dieser Art der Vereinfachung des sprachwissenschaftlichen Diskurses. Da nur wenige Leser Vorkenntnisse in der Linguistik haben, ergeben sich ganz besondere Probleme in der Informationsvermittlung.

Der letzte Beitrag wendet die Blickrichtung und betrachtet die äußeren Bedingungen philologischer Arbeit in einer früheren Periode in Deutschland und Finnland. Gisela Holfter und Doris Wagner führen die Leser in das Leben, das Wirken und die Nachwirkung des ersten deutschen Professors für Finnougristik, Ernst Lewy, ein, der in den Turbulenzen im Dritten Reich versucht, Zuflucht in Turku/Åbo zu suchen, da er Jude ist. Die Kontakte zu finnischen Sprachwissenschaftlern, wie Emil Öhmann, Yrjö Wichmann und Emil Nestor Setälä werden im Lichte des Briefwechsels dargestellt. Da die Übersiedlung nach Finnland nicht gelingt, führt das Schicksal Ernst Lewy nach Irland, wo er als angesehener Sprachtypologe wirkt.

In der reichen Themenpalette der Beiträge ist es erfreulich, mehrere verbindende Bezüge herstellen zu können. Teils entstehen diese auch etwas überraschend, wie die folgenden Überlegungen zeigen. Die in der finnischen Germanistik zur Tradition gewordenen Bedarfsanalysen für Mehrsprachigkeit sind eine Ausdrucksform des aktuellen Rechtfertigungszwangs für den Sprach- und Kommunikationsunterricht, den Winkler in diesem Band explizit thematisiert. Wir finden aber auch weitere Dimensionen des Sprachunterrichts, die ebenso einem ähnlichen Rechtfertigungszwang unterliegen, wie das extensive Lesen sowie den mehrsprachigen Unterricht für Ingenieure oder für Philologen. Die Beiträge spiegeln die Tatsache wider, dass der Grad an Multilingualität in der Gesellschaft wächst, während die sprachenpolitische Steuerung und auch das allgemeine Interesse an sprachlichem Kapital sinken.

Die Wahl der Sprache wird nicht nur in den didaktisch angesiedelten Beiträgen berührt, sondern auch in den literaturwissenschaftlichen und linguistischen. Mehrmals erwähnte Themenkomplexe sind Migration und Mehrsprachigkeit. Dazu kommt die Art der Darstellung von kulturellen Zügen, die sowohl übertrieben und bissig als auch mosaikartig, dezent und etwas verschleiert auf uns zukommen, das Letztere besonders in Übersetzungen. Die Wahl der Sprache ist in unserem Themenkomplex auch auf Martin Luthers Werk zurückzuführen. Durch die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache führt er ein so starkes ← 11 | 12 → sprachenpolitisches Statement vor, dass seine überlieferten Schriften reichlich Stoff für die Erforschung erfolgreicher Argumentationsweisen bieten. Während bei Luther die Mehrsprachigkeit ein Weg zur besseren Bildung im religiösen Leben war, wird die Mehrsprachigkeit in diesem Band ebenso als Weg zur stärkeren Bildung angesehen. Hier werden natürlich unsere zeitgenössisch aktuelleren Ziele mehr betont: Die Mehrsprachigkeit bietet sowohl materielle Vorteile als auch ein breiteres Verständnis der Kulturen der Welt.

Die finnische Germanistentagung 2017 in Turku/Åbo wurde von mehreren Trägern finanziell unterstützt. Die Herausgeber, gemeinsam mit den weiteren Organisatoren der Tagung, bedanken sich sehr herzlich bei folgenden Institutionen:

Biographische Angaben

Mia Raitaniemi (Band-Herausgeber:in) Hanna Acke (Band-Herausgeber:in) Irmeli Helin (Band-Herausgeber:in) Joachim Schlabach (Band-Herausgeber:in) Christopher Schmidt (Band-Herausgeber:in) Doris Wagner (Band-Herausgeber:in) Jana Zichel-Wessalowski (Band-Herausgeber:in)

Mia Raitaniemi arbeitete an den Universitäten Turku und Åbo Akademi im Fachbereich Germanistik. Hanna Acke und Christopher M. Schmidt vertreten das Fach Deutsch an der Åbo Akademi. Irmeli Helin und Doris Wagner sind als Germanistinnen an der Universität Turku tätig. Joachim Schlabach ist Lektor am Zentrum für Sprachen- und Kommunikationsstudien der Universität Turku und Jana Zichel-Wessalowski war an den beiden Universitäten als gemeinsame DAAD-Lektorin tätig und bekleidet diese Position nun an der Universität Bergen. Auf diese Weise vertreten die HerausgeberInnen verschiedene Arbeitsfelder der Germanistik in Finnland.

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