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Germanistische Diskurs- und Praxisfelder in Mittelosteuropa

von Annegret Middeke (Band-Herausgeber:in) Doris Sava (Band-Herausgeber:in) Ellen Tichy (Band-Herausgeber:in)
©2019 Sammelband 292 Seiten

Zusammenfassung

Deutsch hat in den Ländern Mittel- und Osteuropas eine lange Tradition. Von der Bedeutung des Deutschen als Fremdsprache in dieser Region ausgehend, zeigt der Sammelband die Ausgestaltung der Deutschlehreraus- und -fortbildung an den Hochschulen in Mittelosteuropa, mögliche Berufsfelder sowie die Motivation des institutionalisierten Deutscherwerbs auf, um das gegenwärtige internationale Profil dieses Faches zu beleuchten. Dabei werden auch curriculare Entwicklungen, aktuelle Herausforderungen und Chancen erfasst, die den Wandel des fachlichen Selbstverständnisses dokumentieren, der eine inhaltliche Neuorientierung des Germanistik-Studiums unumgänglich macht.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Liste der Mitwirkenden
  • Sunhild Galter: Die Germanistikabteilungen an rumänischen Universitäten im Wandel der Zeit
  • Joanna Szczęk: Sinkende Deutschkenntnisse, sinkende Studentenzahlen. Einige Bemerkungen zur Entwicklung des Studiengangs Germanistik in Polen
  • Annette Đurović/Olivera Durbaba/Almut Hille: Die Entwicklung des Belgrader Lehrstuhls für Germanistik
  • Elisabeth Knipf-Komlósi/Márta Müller: Neuorientierung in den Curricula der Germanistik an der ELTE Budapest
  • Carmen Elisabeth Puchianu: (Rumänische) Germanistik am Scheideweg zwischen Sein und Schein. Kritischer Ausblick1
  • Tatjana Atanasoska: Deutsch in der Sekundarstufe – das Beispiel „Eksterno Testirajne“ in Mazedonien (FYROM)
  • Valentina Belova: Ausbildungsinhalte und -ziele der Lehrdisziplin Analytisches Lesen im fremdsprachlichen Lehramtsstudium an russischen Hochschulen
  • Hans-Werner Huneke/Nadja Wulff: Deutsch als (zweite) Fremdsprache und Sprachenpolitik im Kaukasus sowie in Zentralasien
  • Przemyslaw Gębal/Slawomira Kołsut: Zu den akademischen Konzepten der DaF-Didaktik in Polen. Kurzer theoretischer Abriss
  • Ljubov Nefedova: Lehramt Deutsch an der Pädagogischen Staatlichen Universität Moskau: neue Ausbildungsinhalte und -ziele, die ersten Erfahrungen mit Dhoch3
  • Erika Kegyes/Gabriella Bikics: Fachsprachenlehrerausbildung in Ungarn. Neue Wege in der Lehreraus- und -fortbildung
  • Yuliya Kazhan: Entwicklung der didaktischen und unterrichtsorganisatorischen Kompetenzen künftiger Deutschlehrerinnen und -lehrer in der Ukraine nach dem DLL-Konzept (Mariupol)
  • Swetlana Adamovich/Swetlana Meißner: Entwicklung der DaF-Lehrerinnen- und -Lehrerbildung an belarussischen Universitäten – inhaltlich-struktureller Aufbau und Prüfungsformen
  • Michaela Kováčová/Veronika Jurková: Non scholae sed vitae… Berufswege slowakischer Absolventinnen und Absolventen der DaF-Studiengänge und Vorschläge für die inhaltliche Neuorientierung des Germanistik-Studiums in der Slowakei
  • Gabriela Szewiola/Ewa-Dorota Ostaszewska/Ulrike Würz: „Von Wettbewerbsstrategien und intelligenten Häusern“. Studienbegleitender Deutschunterricht als Brücke zur beruflichen Kompetenz
  • Annegret Middeke: Zur Nachhaltigkeit von europäischen Bildungsprojekten am Beispiel von fach- und berufsbezogenem Deutsch in MOE/SOE1
  • Nikolina Burneva: Deutschkundig sein – Passion, Zusatzqualifikation und/oder Beruf?
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis

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Sunhild Galter

Die Germanistikabteilungen an rumänischen Universitäten im Wandel der Zeit

Abstract: This article outlines the historical development of Germanistics before and after the fall of the Berlin Wall (1989/1990). The role of the German minority in the Romanian state school system will also be depicted. Comparing the curricula of the Germanistics department’s Bachelor’s and Master’s degree programs at six Universities in Romania (Bucharest, Timișoara, Cluj, Iași, Brașov, Sibiu) illustrates how the study contents have changed and adapted to the new requirements and how new degree programs such as Applied Modern Languages have been established in order to accommodate the demand for interpreters and translators on the labour market. This is also reflected in a broadening of the lecture programs in terms of content, in order to offer graduates better career opportunities. On the other hand, the course contents are simplified in order to balance out the heterogeneous language skills of the students.

Keywords: Germanistics in Romania, curricula, educational offer, heterogeneous language skills, allocation of study places

1 Germanistikstudium auf dem Gebiet des heutigen Rumänien vor 1990

Rumänien hat eine lange Tradition im Bereich der Pflege der deutschen Sprache. Einerseits gibt es auf dem Gebiete des heutigen Rumänien eine deutsche Minderheit, deren einzelne Gruppen im 12. (die sogenannten Siebenbürger Sachsen), im 17. (die Banater Schwaben/Donauschwaben), im 18. Jahrhundert (Sathmarschwaben, Zipser, Landler, Buchenlanddeutsche) einwanderten bzw. angesiedelt wurden. Diese lebten meist in geschlossenen Ortschaften oder Ortsteilen, sodass auch die Gründung und Beibehaltung eines deutschsprachigen Schulwesens gegeben war, auch wenn es zeitweilig einem starken Magyarisierungsdruck ausgesetzt war (zwischen 1867–1918 als ein Großteil der von Deutschen besiedelten Gebiete verwaltungsmäßig dem ungarischen Königreich unterstanden) oder in den Jahren des Nationalsozialismus politisch vereinnahmt und 1942 der Deutschen Volksgruppe unterstellt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Rumänien das einzige Land in Mittel- und Osteuropa, das seiner deutschen Bevölkerung weiterhin den Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit erlaubte, d.h. in Schulen mit deutschsprachigem Unterricht, im Pressewesen, in der Verlagsarbeit und im Bereich des Theaters.

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Das liegt zum Teil sicherlich darin begründet, dass mehrere Regionen des heutigen Staates Rumänien bis nach dem Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn gehörten, viele der jungen Leute aus diesen Regionen zum Studium in den deutschsprachigen Raum, nach Wien, aber auch nach Berlin, Heidelberg, Tübingen oder Marburg gingen. So studierte zum Beispiel der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu in Wien und Berlin, der Philosoph Lucian Blaga, Namensgeber der Hermannstädter Universität, besuchte schon als Kind die deutschsprachige Grundschule in Mühlbach, studierte später dann im Zweitstudium Philosophie in Wien, wo er auch den Doktortitel im Bereich Philosophie erlangte. Auch wurde der Deutsche Karl von Hohenzollern-Sigmaringen 1866 zum Fürsten von Rumänien ernannt und 1881 als Carol I. König des neu proklamierten Königreichs, das bis zu seiner Umwandlung in eine kommunistisch regierte Volksrepublik 1948 von Carols Nachfahren regiert wurde.1 So kam es, dass die Germanistik im Königreich Rumänien zum Studienfach wurde.

Die Einrichtung der Germanistik als Studienfach an rumänischen Hochschulen mit dem expliziten Ziel der Ausbildung von Deutschlehrerinnen und -lehrern, der Bekanntmachung und Verbreitung der deutschen Kultur (Czernowitz 1875, Bukarest 1905, Jassy 1905, Klausenburg 1919) weitet die Interessenfächerung aus und das Rumänische tritt als Beschreibungsinstrument dazu. Es erschienen in diesem neuen Kontext zahlreiche Arbeiten zur Grammatik, Stilistik, Lexikografie und Geschichte der deutschen Sprache.2

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist für die Studierenden aus Siebenbürgen der Weg an westliche Universitäten durch den Eisernen Vorhang versperrt, sodass sie sich umorientieren müssen. Da die vorhandenen Studienplätze3 an den bestehenden Fachbereichen für Germanistik die Nachfrage nicht abdecken, werden in der Nachkriegszeit zusätzlich neue Abteilungen gegründet. Der Germanistik-Lehrstuhl in Temeswar wird 1956 gegründet4, auch die bei der Machtübernahme durch die Kommunisten aufgelösten Lehrstühle in Jassy5 ←16 | 17→und Klausenburg6 werden nach der stalinistischen Ära wieder eingerichtet, es folgt die Neugründung eines germanistischen Fachbereichs in Hermannstadt, allerdings ist die neue Fakultät für Philologie und Geschichte, der der Fachbereich angehört, nicht selbstständig, sondern eine Außenstelle der Klausenburger Babeș-Bolyai-Universität und wird nach der politischen Tauwetterperiode der 1970er-Jahre im Jahre 1984 wieder geschlossen.7

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes im Dezember 1989 und der Öffnung der Grenzen kam es jedoch zu einem Massenexodus der deutschen Bevölkerung aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland, sodass heute nur noch etwa ein Zehntel8 der ehemaligen deutschen Bevölkerung in Rumänien lebt. Paradoxerweise haben aber viele rumänische Eltern nach der Wende von 1989 und der Auswanderung der deutschen Familien eine Chance darin gesehen, ihre Kinder in die nun „frei gewordenen“, deutschsprachigen Schulen einzuschreiben. Das hat dazu geführt, dass in den letzten 25 Jahren die Schüleranzahl dieser Schulen auf allen Ausbildungsstufen vom Kindergarten bis zum Bakkalaureat (Abitur) kontinuierlich gestiegen ist, sodass 2017 zum Beispiel landesweit 816 junge Absolventinnen und Absolventen, nach drei Jahren deutschsprachigem Kindergarten und 12 Jahren deutschsprachiger Schule, also fünfzehnjähriger deutschsprachiger Ausbildung, die Abschlussprüfung zur Erlangung der Hochschulreife ablegen konnten,9 was manche von ihnen sogar mit doppeltem Abschluss geschafft haben, also sowohl dem rumänischen Bakkalaureat wie auch dem deutschen Abitur bzw. der deutschen Hochschulreife.10 Das heißt, dass hochgerechnet seit der Wende 1989/1990 etwa 20.000 junge ←17 | 18→Menschen in Rumänien eine komplett deutschsprachige Schulbildung abgeschlossen haben, der oft auch ein deutschsprachiges Studium folgte.

Die Kenntnis der deutschen Sprache wird besonders angestrebt, da sie in jedem beruflichen Bereich als absolut karrierefördernd betrachtet wird. Darauf wird noch eingegangen werden. Das klingt zwar wunderbar, hat jedoch mehrere Haken. Die wenigen Schülerinnen und Schüler, die noch in ihren Familien Deutsch sprechen, beugen sich in der Schule der Mehrheit und benützen in den Pausen und in der Freizeit mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern die rumänische Sprache bzw. eine neu entstandene Mischsprache. Dabei werden rumänische Alltagswörter in hochsprachliche Satzstrukturen eingeflochten, da ihnen die normalerweise in der Familie und unter Freunden gängigen umgangssprachlichen Redemittel im Literaturunterricht der oberen Gymnasialklassen natürlich nicht vermittelt werden und im Alltag dann fehlen.11 Diese für rumänische Schülerinnen und Schüler deutscher Schulen typische Mischsprache wird in Hermannstadt/Sibiu auch „Bruk-Deutsch“, in Temeswar/Timișoara „Lenau-Deutsch“, in Kronstadt/Brașov „Honterus-Deutsch“12 usw. genannt. Ohne das früher gegebene muttersprachliche Umfeld ist die Übertragung der im Unterricht erworbenen Sprachkenntnisse, die eher fachsprachlich geprägt sind, auf den Alltag defizitär geworden und das allgemeine Sprachniveau in den letzten 20 Jahren merklich gesunken.

Bis zur großen Auswanderungswelle Anfang der 1990er-Jahre war das Hauptziel der germanistischen Fachbereiche die Ausbildung von Deutschlehrern vorrangig für den muttersprachlichen Deutschunterricht, jedoch konnten die Absolventinnen und Absolventen mit demselben Abschluss auch Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Die Stellenbesetzung nach Studienabschluss wurde von Bukarest, der Hauptstadt, aus geregelt, und zwar wurde jeder Absolventin und jedem Absolventen eine Stelle im Lehramt zugeteilt, die er mindestens drei Jahre lang innehaben musste, da andererseits eine Rückzahlung der Studienkosten und eventuell sogar die Aberkennung der Lehrberechtigung drohte. Die zur Verfügung stehenden Lehrerposten waren in sehr abgelegenen Orten, verseuchten Industriestandorten, d.h. überall dort, wo sonst keine Lehrkraft hinwollte. Eine gewisse Wahl des kleineren Übels hatten jene mit sehr guten ←18 | 19→Abschlussnoten, da die Stellen von allen Absolventinnen und Absolventen einer Fachrichtung landesweit13 der Abschlussnote nach gewählt wurden.

2 Germanistikstudium nach 1990

Nach 1990 wird das Germanistikstudium zuerst wieder dort aufgenommen, wo es unterbrochen worden war, und zwar im Bereich der Lehrerausbildung. Der massive Einbruch der Geburtenrate einerseits, die vielen neuen Studienmöglichkeiten, die sich jungen Leuten ab Ende der 1990er-Jahre bieten, andererseits führen dazu, dass sich immer weniger Schulabgänger für ein Germanistikstudium auf Lehramt interessieren. Dazu kommt die im Vergleich zu anderen Berufen, die einen akademischen Abschluss erfordern, geringere Entlohnung für Lehrkräfte oder medizinisches Personal. Ab 2000 erfolgt eine spürbare Migration von Fachkräften aus dem Lehramt in die freie Wirtschaft.14 Denn allmählich entwickelte sich die Privatwirtschaft in Rumänien. Vor allem aufgrund des für 2007 geplanten EU-Beitritt Rumäniens investieren in den 2000er-Jahren viele ausländische Firmen in Rumänien, darunter besonders viele deutsche und österreichische Betriebe, aber auch die Einheimischen mit Unternehmergeist werden dadurch ermutigt, eigene Betriebe und Unternehmen zu gründen. In dem darauffolgenden Jahrzehnt ist die Nachfrage an deutschsprachigen Kräften stetig gestiegen, sodass die Arbeitgeber es bevorzugen, jemanden, der gut Deutsch kann, anzustellen und selber zielgerichtet für seine Stelle auszubilden, als eine Fachkraft zu nehmen, die erst Deutsch lernen muss. Um dieser großen Nachfrage an deutschsprechenden Fachkräften entgegenzukommen, haben viele rumänische Universitäten insgesamt 73 deutschsprachige Studiengänge eingerichtet, die praktisch alle Bereiche abdecken.15 Guten Zuspruch erfahren ←19 | 20→allerdings vor allem die Wirtschaftswissenschaften und das Ingenieurwesen, da das die Bereiche sind, die nach dem Abschluss eine gut bezahlte Arbeitsstelle gewährleisten. Oft arbeiten die Studierenden schon während des Studiums und werden nach dem Abschluss laufend übernommen. Dazu einige Angaben von der Webseite der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj:16

Tab. 1: Bachelorstudiengänge an der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj 2017–2018

Tab. 2: Masterstudiengänge an der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj 2017–2018

In den zur Verfügung stehenden Unterlagen erscheinen wiederum nur 9 Bachelor- und 5 Masterstudiengänge in deutscher Sprache, von denen je einer im Schuljahr 2017/2018 wahrscheinlich wegen mangelnder Nachfrage nicht angeboten wird. Großen Zulauf haben das Informatikprogramm (54 Studienanfänger) und jenes für Geschäftsverwaltung (85), das Germanistikstudium (41), jenes für Kommunikation und öffentliche Beziehungen (34) und Internationale Beziehungen und Europastudien (26) liegen im Mittelfeld, die anderen sind minimal belegt, oft im einstelligen Bereich. Die Masterstudiengänge sind allgemein viel weniger besucht, am besten steht da noch das Programm „Internationales Management“ an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften mit 23 ←20 | 21→Studierenden, der Germanistik-Masterstudiengang fällt mit 11 Studierenden sehr dagegen ab.

Philologie fürs Lehramt kann in Rumänien nur in der Kombination zweier Sprachen studiert werden, die allgemein als A-Fach und B-Fach in den Lehrplänen und anderen Unterlagen geführt werden, so z.B. Germanistik-Anglistik, oder wie es eher üblich ist Deutsch-Englisch (wobei jedoch immer die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprache gemeint ist und kein Fremdsprachenstudium). Vergleicht man die Lehrpläne17 der Universitäten in Bukarest/București, Temeswar/Timișoara, Klausenburg/Cluj, Jassy/Iași, Kronstadt/Brașov und Hermannstadt/Sibiu, so kann festgestellt werden, dass die Bandbreite im Germanistikbereich von sehr allgemein formulierten Bezeichnungen18 für Vorlesungen und Seminare bis zu sehr expliziten Beschreibungen19 geht, was wahrscheinlich den sehr heterogenen Sprachkenntnissen der Studienanfänger geschuldet ist. Laut der eigenen Aussagen der jeweiligen Universitäten in der DAAD-Broschüre zu deutschsprachigen Studiengängen in Rumänien können/dürfen die Sprachkenntnisse der Studienanfänger zwischen A1 und C1 schwanken. Eine großzügige Benennung der Seminare lässt dann von Sprachübungen bis zu komplexen Textanalysen alles zu und kann als Kompromisslösung der letzten Jahre gelten. In Hermannstadt wurden zudem in den letzten 20 Jahren auch bereichsfremde ←21 | 22→Seminare wie Journalistische Gattungen, Wirtschaftssprache, fachsprachliches Übersetzen (wird auch in Kronstadt angeboten) in den Lehrplan der Germanistik hineingenommen, da aus den Rückmeldungen der Absolventinnen und Absolventen dieses Fachbereichs hervorgeht, dass die wenigsten ins Lehramt gehen, was nach dem Germanistikstudium die erste Option wäre. In Bukarest gibt es außer Germanistik und Angewandte Fremdsprachen auch die Möglichkeit, ein reines Übersetzerstudium zu wählen, wobei jedoch die Nachfrage geringer als bei den Angewandten Fremdsprachen ist, obwohl in dem Bereich nur gebührenpflichtige Plätze zur Verfügung stehen.20 Das mag daran liegen, dass es ein überall schon etablierter Studienbereich ist, aber auch daran, dass die Angewandten Fremdsprachen mehrere berufliche Möglichkeiten eröffnen. Auf die steigende Nachfrage nach deutschsprachigen Fachkräften hin wurde 1999 in Großwardein/Oradea die private ungarischsprachige Christliche Universität Partium gegründet, deren Zielgruppe die Studierenden der ungarischen Minderheit in Rumänien bilden. Laut ihrer eigenen Beschreibung können die Studierenden „einen in Rumänien einzigartigen, akkreditierten Bachelorabschluss erwerben“21, weil nach dem zweisemestrigen Grundstudium die Möglichkeit einer den Anforderungen der Zeit entsprechenden Spezialisierung gewährleistet wird: Ab dem dritten Semester besteht die Wahl zwischen den Modulen Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft und Übersetzung und fachsprachliche Kommunikation, d.h. es wird eine Kombination von Germanistik und angewandter Fremdsprache angeboten.

Bei den Angewandten Fremdsprachen liegt der Schwerpunkt auf den Fachsprachen und der Übersetzerpraxis, allerdings erlaubt es das rumänische Unterrichtsgesetz auch Studierenden dieser Fachrichtung zusätzlich ein didaktisches Modul zu belegen und anschließend DaF zu unterrichten. Das ist zwar eine umstrittene Regelung und manche Schulen erkennen die Lehrbefähigung der Absolventen des Angewandte Fremdsprachen-Studiums nicht an, rechtlich ist es jedoch eine Grauzone, die alles offen lässt.

Es kann also zusammenfassend gesagt werden, dass die Germanistikabteilungen der rumänischen Universitäten nach 1990 in zweierlei Hinsicht auf die neuen, durch die Einführung der Marktwirtschaft und etwas später auch jene des Bologna-Studiums geschaffenen Bedingungen reagieren. Einerseits findet eine Diversifizierung der Inhalte statt, die den Absolventinnen und Absolventen ←22 | 23→möglichst große Berufschancen eröffnen soll, andererseits werden die Inhalte vereinfacht, da das verschulte dreijährige Bologna-Studium zu wenig Raum für die Angleichung der sehr heterogenen Sprachkenntnisse der Studierenden bietet. Dort, wo es die Anzahl der Studierenden erlaubt, wie z.B. in Bukarest und zeitweilig in Hermannstadt/Sibiu wird parallel mit Anfänger- und Fortgeschrittenen-Gruppen gearbeitet. Es sind Kompromisslösungen, die sich unter dem Druck des Arbeitsmarktes zum Teil von den Vorgaben eines Germanistikstudiums entfernen, ohne diese Kompromisse könnten jedoch die Abteilungen die jetzige Durststrecke nicht überleben.

3 Verbleib der Absolventinnen und Absolventen

Zum Verbleib der Studierenden kann man sagen, dass sehr viele Deutsch lernen, aber wenige Deutsch lehren wollen. An manchen Schulen mit Unterricht in deutscher Sprache wird aus Mangel an deutschsprachigen Fachlehrern nur noch der Deutschunterricht auf Deutsch gehalten, an anderen Schulen werden zwischen 3 und 13 Fächer noch auf Deutsch unterrichtet. Während zum Beispiel am Honterus-Gymnasium in Kronstadt/Braşov im Schuljahr 2016–2017 noch 13 Fächer auf Deutsch unterrichtet wurden, waren das am Goethe-Gymnasium in Bukarest/Bucureşti nur noch zwischen 4 und 6.22

Von den Absolventinnen und Absolventen der Germanistik gehen etwa 10 bis 20 % ins Lehramt. Die Zahlen sind sehr schwankend, da diejenigen, die nach dem Abschluss ins Lehramt gehen, nach einigen Jahren meist des höheren Verdienstes wegen in die Wirtschaft wechseln, wobei man dazu wohl auch die privaten Kindergärten und Schulen zählen muss, die sich immer mehr etablieren und die natürlich ebenfalls bessere Gehälter bieten können. Symptomatisch sei der Fall eines Absolventen zu nennen, der Geschichte und Germanistik studiert und anschließend promoviert hat, jahrelang an der Fakultät für Politikwissenschaften unterrichtete und dort auch gut angesehen war, dann aber an eine Privatschule gewechselt hat, wo er an der Unterstufe des Gymnasiums unterrichtet und eigenen Aussagen nach hochzufrieden ist.

Der Prozentsatz der Absolventinnen und Absolventen der Germanistik, die in den akademischen Lehrbetrieb übernommen werden oder gar in die Forschung gehen können, ist verschwindend gering. In den 1990er-Jahren hat sich die Geburtenrate in Rumänien halbiert, die Zuwachsrate ist seit 1992 im negativen Bereich, viele junge Familien sind ausgewandert. Dem Nationalen ←23 | 24→Statistikinstitut zufolge hat die Bevölkerung Rumäniens seit 1992 und bis 2016 um mehr als 13 % abgenommen und das leider im unteren Bereich, bei den Kindern und jungen Personen, das Durchschnittsalter hat sich in der genannten Zeitspanne von 33 auf 41 Jahre erhöht.23 Andererseits wurden viele in den 1980er-Jahren aufgelöste humanistische Fakultäten wiedergegründet, dazu kamen Neugründungen in staatlicher oder privater Trägerschaft. Das heißt, immer mehr Hochschulen werben um immer weniger Abiturienten. Leider werden von manchen Hochschulen auch unzulässige, aber verlockende Kompromisse eingegangen, wie zum Beispiel keine Anwesenheitspflicht, sodass die meisten Fachrichtungen den Lehrbetrieb mit einer erheblich kleineren Anzahl an Studierenden als noch vor 10 Jahren aufrechterhalten müssen. Dementsprechend werden kaum neue Stellen für Nachwuchs-Akademiker ausgeschrieben. Dazu hatte die Regierung nach der Wirtschaftskrise von 2008 aus finanziellen Gründen über mehrere Jahre hinweg die Ausschreibung neuer Stellen verboten, auch die Promotionsplätze an den Hochschulen wurden sehr eingeschränkt. Dasselbe Los betraf auch die Forschungsinstitute. Bei den verschiedenen germanistischen Fachtagungen zeigt es sich aber glücklicherweise, dass sich dennoch einige junge Germanistinnen und Germanisten für den dornigen, schlecht finanzierten Weg der wissenschaftlichen Forschung entscheiden. Dadurch erscheint die Zukunft der Lehre und Forschung im Bereich der Germanistik in einem hoffnungsvolleren Licht, als es die reine Datenlage vermuten lässt.

Details

Seiten
292
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783631794074
ISBN (ePUB)
9783631794081
ISBN (MOBI)
9783631794098
ISBN (Hardcover)
9783631791462
DOI
10.3726/b15852
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
Deutsch als Fremdsprache Mittelosteuropa Deutschlehrerausbildung Deutschlehrerfortbildung Neuorientierung Berufsfelder
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 292 S., 12 s/w Abb., 26 Tab.

Biographische Angaben

Annegret Middeke (Band-Herausgeber:in) Doris Sava (Band-Herausgeber:in) Ellen Tichy (Band-Herausgeber:in)

Anngret Middeke ist wissenschaftliche Angestellte an der Abteilung Interkulturelle Germanistik der Universität Göttingen und Geschäftsführerin des Fachverbandes Deutsch als Fremd- und Zweitsprache e.V. (FaDaF). Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Sprache(n) und Integration, Interkulturelle Sprach-, Literatur- und Kulturvermittlung, Wissenstransfer und Citizen Sience, deutsch-slawische Wechselbeziehungen, Fachdiskurs Germanistik/DaF weltweit. Doris Sava ist Dozentin an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu/Hermannstadt, Fakultät für Philologie und Theaterwissenschaften. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind allgemeine und kontrastive Phraseologie, bilinguale Phraseografie, Lexikologie und Textlinguistik. Ellen Tichy ist DAAD-Lektorin an der Hasan Prishtina Universität Pristina/ Abteilung für Deutsche Sprache und Literatur/Forschungsbereiche: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Mittelosteuropa und Südosteuropa, Fachdidaktik Deutsch als Fremdsprache/ Deutsch als Fach- und Berufssprache/ Landeskunde.

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Titel: Germanistische Diskurs- und Praxisfelder in Mittelosteuropa