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Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa vom 19.–21. Jahrhundert

von Hans-Christian Maner (Band-Herausgeber:in) Ioannis Zelepos (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 352 Seiten
Reihe: Südosteuropa-Jahrbuch, Band 45

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • Widmung
  • Inhalt
  • About the book
  • Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa (19.–21. Jahrhundert). Einleitung
  • Erinnerungsforschung und Erinnerungskulturen in Südosteuropa – Versuch einer Zwischenbilanz
  • Herkunfts- und Kontinuitätserzählungen
  • I. Konzeptualisierungen des Altertums im Wandel
  • Vid als Prometheus der Adria, Titan und Kriegsgott: Antikenverweise in Diskursen über religiöse Erinnerungsfiguren der orthodoxen Südslawen im 19. Jahrhundert
  • Die Hethiter in der „Türkischen Geschichtsthese“
  • „De la Rîm ne tragem“ – Zum Bezug auf die Antike in der rumänischen Geistesgeschichte
  • The concept of “Romanity” north of the Danube as an outcome of Roman and Byzantine legacy in the 19th–21st century historiography
  • II. Komparative Perspektiven
  • Alte Athener, maßvolle Römer, freiheitsliebende Daker und ungeliebte Byzantiner: Die Vergangenheitswahrnehmung in der „Volkspsychologie“ von Kazazis und Drăghicescu
  • Schemes of Continuity: Byzantine and Ottoman imperial pasts in the work of Konstantinos Paparrigopoulos and Mehmed Fuad Köprülü
  • Das Erbe der Illyrer und Dako-Thraker. Mythenbildung und faktische sprachwissenschaftliche Probleme bei der Antikenrezeption in Albanien und Rumänien
  • Visualisierungen der Vergangenheit: Stadtplanung, Architektur, Archäologie, Denkmalpflege
  • Stadtplanung und Repräsentationsarchitektur in Nauplion, Athen und Saloniki im „langen“ 19. Jahrhundert: Klassizistische, postantike und byzantinische Elemente im Dienst des griechischen nation-buildings
  • Hattuscha gegen Hellas, Medina gegen Rom. Die nicht abgeschlossene Suche nach einem historischen Vorbild der türkischen Stadtentwicklung
  • Reinventing Nationalism in Macedonia: A Reflection on the so-called Antiquization Campaign
  • Das historische Erbe der Spätantike und seine Auswirkungen auf die moderne Archäologie Bosnien-Herzegowinas im Kontext von Nationalismus, Kriegsnachwirkungen und Religion
  • Byzantinische Kirchen und Klöster in der Republik Mazedonien – Altlasten oder Zukunftskapital?
  • Volkskultur als Identitätsspeicher
  • Volkskultur in Südosteuropa – Zwischen Kontinuität und Diskontinuität. Methodologische Überlegungen und das Fallbeispiel Griechenland
  • Die Kontinuität des ‘Uralten‘: Zur nationalen Bedeutung der Volkskultur in Südosteuropa
  • Auf der Suche nach ‚antiken‘ Wurzeln in den Steppen Asiens. Konstruktion der ungarischen Volkskultur
  • Byzanz zwischen Projektionsfläche und Forschungsgegenstand
  • Dositej Obradović – „le philosophe grec“ zwischen Wien und Konstantinopel
  • Das Erbe von Byzanz in der ukrainischen Historiographie im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
  • Byzanz im Kontext orthodoxer Identitätsdiskurse in Südosteuropa im 20. Jahrhundert
  • Die byzantinischen Studien in Südosteuropa
  • Perspectives on the Byzantine Law and its Reception in the Romanian Principalities
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

About the book

Hans-Christian Maner / Ioannis Zelepos (Hrsg.)

Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa (19.–21. Jahrhundert)

Der Sammelband enthält Beiträge internationaler Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen zur Wahrnehmung von Antike und Byzanz als historischem Erbe in Südosteuropa vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Fallbeispiele reichen von Bosnien-Herzegowina bis zur Türkei. Die Autoren untersuchen Medialisierungen von Vergangenheit in komparativer Perspektive im Hinblick auf wissenschaftliche Diskurse sowie auf politische und ideologische Indienstnahmen unter besonderer Berücksichtigung jüngster und gegenwärtiger Entwicklungen. Ihre differenzierten Einzelanalysen liefern somit ein wertvolles Kompendium zum aktuellen Thema «Public History» in der Region.

Die Herausgeber
Hans-Christian Maner ist Professor im Historischen Seminar, Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsgebiete sind die Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Geschichtskultur und regional auf dem Donau-Karpatenraum.

Ioannis Zelepos ist habilitierter Südosteuropahistoriker und Neogräzist. Er leitet derzeit ein DFG-finanziertes Forschungsprojekt am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. neuere Geschichte Griechenlands und Zyperns, Migrations- und Verflechtungsgeschichte, nationale Identitätsdiskurse sowie religiöse Kulturen in Südosteuropa.

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Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa (19.–21. Jahrhundert). Einleitung

Die Auseinandersetzung mit Vergangenheit ist zweifellos eine der ältesten menschlichen Kulturpraktiken, die von je her sehr unterschiedliche Formen haben kann: sei es als biographisches Erinnern, als privates wie öffentliches Gedenken an Vorfahren, bedeutende Personen und Ereignisse, oder auch in Gestalt von Schöpfungs- und Herkunftserzählungen mythologischen Charakters. Allen Formen gemeinsam ist, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit niemals nur für sich selbst geschieht, sondern dem Zweck individueller, insbesondere aber auch kollektiver Sinnstiftung dient. Daran hat sich mit der Entstehung professioneller Geschichtswissenschaft, wie sie sich in den letzten etwa zweihundert Jahren herausgebildet hat, grundsätzlich nichts geändert. Auch moderne Historiker betreiben ihr Handwerk nicht um seiner selbst willen, sondern konstruieren Vergangenheitsbilder zur Anwendung auf die Gegenwart und Zukunft ihrer Gesellschaft. Das geht allerdings nicht selten mit ihrer, gewollten oder ungewollten, Instrumentalisierung für Ziele einher, die mit Wissenschaft wenig zu tun haben, weil sie politischer und/oder ideologischer Natur sind.

Angesichts dieser und zahlreicher weiterer Unzulänglichkeiten entpuppt sich die Rekonstruktion „objektiver“ historischer Wahrheit rasch als eine Fiktion, die im besseren Fall auf Naivität beruht, im schlimmeren Fall dagegen auf vortäuschender Anmaßung.

Trotz aller sich daraus ergebender Vorbehalte liegt jedoch der entscheidende Vorteil wissenschaftlicher Deutungsangebote der Vergangenheit gegenüber mythologischen oder belletristischen Geschichtsbildern darin, dass sie überprüfbar und somit auch falsifizierbar sind. Sie sind ihrem Anspruch nach nicht mehr und nicht weniger als Teil eines prinzipiell entwicklungsoffenen Systems, das auf kritischer Kommunikation beruht und auf Selbsthinterfragung und -korrektur angelegt ist.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, dass die Funktionen der Repräsentation von Geschichte wie auch die Mechanismen des „Erinnerns“1 und der Konstruktion von „nützlichen Vergangenheiten“2 selbst zu einem mittlerweile fest ←11 | 12→etablierten Gegenstand historisch-kulturwissenschaftlicher Forschungen geworden sind.3

Eben diesen Ansatz verfolgt auch der vorliegende Band, der aus den Beiträgen der 56. Hochschulwoche der Südosteuropa-Gesellschaft vom 2.–6. Oktober 2017 hervorgegangen ist. Sie stand unter dem Titel „Antike und Byzanz als historisches Erbe in Südosteuropa vom 19.–21. Jahrhundert“ und war somit einem Thema gewidmet, dem in aktuellen Forschungen zu Erinnerungskultur und Geschichtspolitik bislang vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird als verschiedenen Perioden der Neueren und Neuesten Geschichte.4

Jedoch rückt auch die Frage nach dem Umgang mit früheren Geschichtsepochen immer mehr ins Blickfeld der Forschung. So hat die Antikenrezeption in den altertumswissenschaftlichen Fächern in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich an Bedeutung gewonnen und einen zentralen Platz eingenommen. Die Zahl einschlägiger Publikationen nimmt stetig zu, ebenso die Zahl themenspezifischer Zeitschriften und Online-Portale.5 Dabei ist die Untersuchung von Perzeption und Instrumentalisierung der Antike keineswegs ein Monopol der Altertumswissenschaften, sondern beschäftigt auch Neuzeithistoriker6 und wird insgesamt auf ←12 | 13→breiter interdisziplinärer Basis betrieben.7 Weniger fortgeschritten sind demgegenüber noch die Forschungen zur Rezeption von Byzanz, obwohl es inzwischen bereits mehr als nur vereinzelte Ansätze dazu gibt. Sie beschäftigen ebenfalls zahlreiche Fachdisziplinen (Mediävistik, Byzantinistik, Theologie, Architektur, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft) insbesondere in West- aber auch in Ost- und Südosteuropa und nehmen einen weiten Zeithorizont vom Mittelalter bis zur Gegenwart in den Blick.8 Die perzeptionsgeschichtlichen Forschungen zur Antike wie zur byzantinischen Periode wurden lange Zeit von kunst- und literaturgeschichtlichen Zugängen bestimmt, während die Frage nach explizit politischen Indienstnahmen dieses Kulturerbes erst langsam in den Vordergrund rückte. Zudem bezogen sie sich weit stärker auf westeuropäisch-abendländische Diskurse als auf Südosteuropa, das allerdings mehr noch als der Westen des Kontinents zu den Kernregionen antiker wie byzantinischer Kultur zu zählen ist.

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Der Umgang mit dem Erbe der Antike sowie von Byzanz ist daher für Südosteuropa geradezu „emblematisch“, wie es in der Einführung einer jüngeren Publikation treffend heißt.9 Zudem weist die Rezeption der Antike hier eine besondere Aktualität und alltägliche Präsenz auf. Sie ist in den meisten südosteuropäischen Staaten geradezu ein Politikum, sind doch Erzählungen darüber keineswegs neutral oder gar „objektiv“. Sie erfüllen sowohl integrierende als auch abgrenzende bzw. ausgrenzende, sowohl legitimierende als auch diffamierende Funktionen.10 Aus der Fülle von Beispielen seien hier nur die genealogischen Bezugnahmen auf die antiken Illyrer in Albanien, die Debatte um die Büste des dakischen Königs Decebalus am Ufer der Donau beim Eisernen Tor, der Streit um die Statue des römischen Kaisers Trajans in Bukarest, oder die Auseinandersetzungen um das Projekt „Skopje 2014“ in der Republik Nordmakedonien genannt.

Die Bedeutung des byzantinischen Erbes in Südosteuropa ist nicht geringer zu veranschlagen. So ist der 1935 von dem rumänischen Historiker und Politiker in seinem gleichnamigen Buch geprägte Ausdruck „Byzance après Byzance“ bis in die Gegenwart hinein ein geradezu geflügelter Begriff.11 Mit ihm ist etwa ein Saal des Byzantinischen Museums in Thessaloniki überschrieben („Byzantium after Byzantium“ bzw. „To Vyzantio meta to Vyzantio“), in dem materielles byzantinisches Erbe von 1453 bis einschließlich ins 19. Jahrhundert ausgestellt ist.12 Bis in unsere Tage wird das christlich-orthodoxe Byzanz von Intellektuellen auch gern als historische Referenzgröße für kulturessentialistische Betrachtungen Ost- und Südosteuropas sowie zur Erklärung seiner Unterschiede bzw. Gegensätze zu den weiter westlich liegenden Regionen des europäischen Kontinents bemüht13. In einigen nationalen Kontexten dient Byzanz zudem als Bezugspunkt eigener imperialer bzw. nationaler Größe und in diesem Sinne nicht zuletzt auch als „Geburtshelfer“ der Nation.

Heute ist der Umgang mit Antike und Byzanz in Südosteuropa angesichts eines allgemein stark wachsenden öffentlichen Interesses für historische Themen und zahlreicher Kontroversen um Vergangenheitsdeutungen Teil eines regelrechten Erinnerungsbooms. ←14 | 15→Geschichte und Erinnerung sind nicht nur von historischem sondern auch von aktuellem politischem Interesse, denn Politik will Wirklichkeiten gestalten und Gesellschaften beeinflussen. „Der öffentliche Umgang mit Geschichte sowie Debatten über adäquate Formen des Erinnerns bringen Aspekte der politischen Kultur und des politischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft zum Ausdruck und vermitteln Zugehörigkeiten. Mit der Auswahl, was und wie erinnert wird, und der Inszenierung des Erinnerns an vergangene politische Ereignisse wird politische Ordnung gedeutet und legitimiert.“14

Den diesbezüglichen Gestaltungsmöglichkeiten sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Auf den Punkt gebracht, ist die Repräsentation von Vergangenheit somit immer auch ein politischer Akt. Ihre mediale Wirksamkeit beruht dabei keineswegs nur auf Information und Belehrung bzw. Indoktrinierung, sondern ebenso auf Unterhaltung und im weiteren Sinne auch Emotionalisierung der Öffentlichkeit.15

Die Beiträge des vorliegenden Bandes liefern Einblicke in die Perzeption und Instrumentalisierung antiker und byzantinischer Geschichte und Kultur in politischen Diskursen Südosteuropas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert aus interdisziplinärer Perspektive. Dabei steht zunächst die Funktion dieser Epochen als Referenzgrößen für nationale Identitätskonstruktionen und politische Sinnstiftungen sowie für Besitzansprüche im Vordergrund.

Von zentraler Bedeutung war dabei die Geschichtsschreibung, deren Dreh- und Angelpunkt in Südosteuropa vor allem im 19. Jahrhundert die Nation war. Es handelt sich dabei zwar nicht um ein auf diesen Raum beschränktes Phänomen, denn auch anderswo wurde damals vornehmlich Nationalhistoriographie betrieben, hatte hier jedoch von Beginn an eine noch größere Relevanz für „nation building“-Bestrebungen, da diese als postimperiale Projekte anders als etwa in Westeuropa auf keine bzw. keine langen Traditionen von Eigenstaatlichkeit als Referenzgröße kollektiver Identität zurückgreifen konnten. Umso wichtiger wurden darum Verweise auf eine weit zurückreichende, ruhm- (und in der Regel auch opfer-)reiche Vergangenheit, die eine Heroisierung sowie Sakralisierung der jeweiligen Nation beförderten.16 Abgesehen davon eignete sich der Rückgriff auf längst vergangene Geschichtsepochen auch sehr gut zur argumentativen Untermauerung primordia←15 | 16→listischer Identitätskonzepte sowie für Projektionen von Autochthonie und Perennialismus, welche der eigenen Nation eine vermeintlich naturgegebene „Uranfänglichkeit“ und gar einen (latent bis akut) transzendenten „Ewigkeits“-Charakter andichteten.17 Der Bedarf an derartigen Konstruktionen war nicht zuletzt deshalb besonders groß, weil die kulturgeographische Realität Südosteuropas als einer Region, die von je her durch außerordentliche ethno-linguistische wie religiöse Vielfalt auf engem Raum und in komplexen Gemengelagen geprägt war, tatsächlich in denkbar krassem Widerspruch zum Postulat nationaler Eindeutigkeit stand. Unter diesen Voraussetzungen waren zugleich Auseinandersetzungen um miteinander konkurrierende Monopolansprüche auf (national)historisches „Erbe“ vorprogrammiert, die in der Regel eine territoriale Dimension hatten bzw. haben und dem Topos vom „Pulverfass Balkan“ bis in die Gegenwart hinein Nahrung geben. Die Verarbeitung von Aspekten der antiken und der byzantinischen Geschichte für die Zwecke nationaler Sinnstiftung erfolgte dabei keineswegs gleichförmig, sondern mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen, die sich zudem im Laufe der Zeit wandelten.

Eine wichtige Rolle spielte neben der Historiographie auch die sich im 19. Jahrhundert als eigene Wissenschaftsdisziplin formierende Archäologie, ferner die Sprachwissenschaft und nicht zuletzt die Volkskunde. Insbesondere der Archäologie kam bei der Verbreitung nationaler Botschaften eine Schlüsselrolle zu, da ihre Funde materielle Hinterlassenschaften der Vergangenheit liefern, die sich aufgrund dieser Eigenschaft im Wortsinn als „Beweisstücke“ für nationale Identitäten begreifen ließen.18 Dort, wo es um die Seniorität der eigenen Nation und ihre daraus ←16 | 17→abgeleiteten „historischen“ Anrechte auf bestimmte Territorien ging, konnten derartige „Beweisstücke“ geradezu essentielle Bedeutung erlangen.19 Mit der Erschließung materieller Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit lieferte die Archäologie aber auch einen Fundus an baulichen wie künstlerisch-dekorativen Formelementen, die für die Zwecke öffentlicher Repräsentationsarchitektur und Städteplanung nutzbar waren und dadurch nachhaltig als sichtbare Identitätsmarker fungieren konnten.

Während in dieser Hinsicht somit von gezielten optischen „Vergegenwärtigungen der Vergangenheit“ gesprochen werden kann, sahen demgegenüber die Sprachwissenschaft und die Volkskunde im 19. Jahrhundert ihre vornehmliche Aufgabe darin, möglichst „authentische“ Nationalsprachen und -kulturen zu rekonstruieren sowie deren möglichst „ungebrochene“ historische Kontinuität zu belegen. Mehr noch als die Archäologie, die als Wissenschaftsdisziplin zudem internationaler geprägt war, wurden diese Fächer somit zu Speerspitzen eines akademisch betriebenen „nation building“. Das ging mit verschiedenen ideologischen Missbräuchen einher, die teils eine Langzeitwirkung entfalteten, in der Folgezeit jedoch auch kritisch hinterfragt wurden, was stellenweise zu erkennbaren Paradigmenwechseln in diesen Fächern führte, wie sie auch außerhalb Südosteuropas stattfanden.20 Das schlug sich unter anderem in der Entlarvung von konstruierten Traditionen und Mechanismen ihrer politischen Instrumentalisierung nieder, ermöglichte zugleich aber auch die Betrachtung von realen historischen Kontinuitäten in der südosteuropäischen Volkskultur ohne Fixierung auf nationale Exklusivitäts-Dogmen.21 Dies eröffnete wiederum den Blick auf kulturelle Affinitäten und Übereinstimmungen jenseits von ethno-linguistischen Grenzen und damit auch auf die Frage nach gemeinsamen Spezifika des südosteuropäischen bzw. Balkanraums, die freilich ←17 | 18→schon eine lange Vorgeschichte im Rahmen (gesamt)europäischer Orient-Okzident-Diskurse hatte.22

Einen naheliegenden Bezugsrahmen bildete dabei die imperiale Vorgeschichte der Region und namentlich das Kulturerbe von Byzanz, dessen Perzeption jedoch ambivalent war. Dies zeigt sich unter anderem an den seit dem 19. Jahrhundert unternommenen Versuchen seiner nationalen Inanspruchnahme, die den diversen Antikenrekursen ausnahmslos zeitlich nachgeordnet und auch mit weit größeren Vorbehalten beladen waren als jene. Sie hingen damit zusammen, dass das byzantinische Kulturerbe nur sehr bedingt dazu geeignet war, das den Nationalideologien inhärente Okzidentalisierungs- und Modernisierungsparadigma zu unterstreichen, zumal es diesem in mancher Hinsicht sogar diametral entgegenstand. Die sich daraus ergebenden Ambivalenzen wurden auch durch die Etablierung byzantinischer Studien als eigenständigem Forschungsgegenstand in Südosteuropa nicht aufgelöst und wirken in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute fort.

Aus den obigen Eingangsbemerkungen ergibt sich eine Gliederung der nachfolgenden Beiträge in vier Themengruppen, die jedoch zahlreiche inhaltliche Berührungspunkte untereinander aufweisen und insofern eher technischer Natur sind und einen ordnenden Charakter besitzen. Nach einem einführenden Beitrag zur Erinnerungsforschung und den Erinnerungskulturen in Südosteuropa aus übergreifender Perspektive (Wolfgang Höpken) sind in der ersten Themengruppe Untersuchungen zusammengefasst, die sich mit verschiedenen Herkunfts- und Kontinuitätserzählungen sowie historischen Bezugnahmen auf teils mythologische Völker und Personen im Dienst kollektiver Identitätsstiftung auseinandersetzen. Zunächst stehen dabei Konzeptualisierungen des Altertums im Vordergrund, wie sie etwa im 19. Jahrhundert bei den orthodoxen Südslawen im Zusammenhang mit der Konstruktion von Erinnerungsfiguren wie Kyrill und Method sowie dem Heiligen Vid zu beobachten sind (Stefan Rohdewald), oder auch bei der im 20. Jahrhundert entworfenen „Türkischen Geschichtsthese“, welche die Hethiter zu direkten Vorfahren, das Türkische sogar zu einer „Ursprache“ der gesamten Menschheit erklärte (Anna Vlachopoulou). Zwei weitere Beiträge befassen sich mit rumänischen Bezügen auf das antike Rom, mit Ambivalenzen des daraus abgeleiteten Romanitätsbewusstseins zwischen Dakerkult und Panlatinismus (Wolfgang Dahmen) sowie mit diesbezüglichen Entwicklungen in der rumänischen Historiographie und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart (Andrei Baltag). Es folgen Beiträge, die komparative Zugänge verfolgen, wobei prominente Intellektuelle und Politiker im Fokus stehen – so etwa die Publizisten und Nationalaktivisten Neoklis Kazazis und Dumitru Drăghicescu (Ekkehard W. Bornträger) oder die Historiker Konstantinos ←18 | 19→Paparrigopoulos und Mehmed Fuad Köprülü (Dimitris Stamatopoulos) – und Theorien der Ethnogenese am Beispiel albanischer und rumänischer Illyrer- bzw. Dako-Thraker-Diskurse kritisch beleuchtet werden (Sam Mersch).

Die Beiträge der zweiten Themengruppe setzen sich mit Visualisierungen der Vergangenheit im Rahmen von Stadtplanung, Architektur, Archäologie und Denkmalpflege auseinander. Die Frage nach Rückgriffen und Instrumentalisierungen vergangener Kulturepochen im Bereich von Stadtplanung und Repräsentationsarchitektur sowie die damit oftmals einhergehenden Ambivalenzen werden anhand dreier Fallbeispiele erörtert, die aus jeweils verschiedenen Gründen als besonders aussagekräftig gelten können: Griechenland im „langen“ 19. Jahrhundert (Ulrike Tischler-Hofer), die Türkei von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart (Malte Fuhrmann) sowie die Republik Nordmakedonien und namentlich das Projekt „Skopje 2014“ im 21. Jahrhundert (Branimir Staletović). Zwei weitere Beiträge sind dem Thema des heutigen Umgangs mit spätantikem und byzantinischem Kulturerbe in Ländern des ehemaligen Jugoslawiens aus praktischer archäologischer (Karsten Bracker) sowie denkmalpflegerischer (Panche Velkov) Perspektive gewidmet, wobei neben bestehenden Problemen und Herausforderungen auch Entwicklungspotentiale für die Zukunft aufgezeigt werden.

In einer dritten Themengruppe sind Beiträge zum Themenfeld der Volkskultur als Identitätsspeicher in Südosteuropa versammelt. Sie beschäftigen sich unter empirischem wie methodologischem Aspekt mit der Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten im weiten Feld südosteuropäischer Volkskultur (Walter Puchner), mit ihrer Rolle im Spannungsfeld von soziokultureller Entwicklungsresistenz und Modernisierungsprozessen (Klaus Roth), nicht zuletzt aber auch mit ihrer Inanspruchnahme für nationale Identitätskonstruktionen (Gabriella Schubert).

Die vierte Themengruppe wird schließlich von Untersuchungen zur ambivalenten Perzeption von Byzanz zwischen Projektionsfläche und Forschungsgegenstand in der Region gebildet. Das Spektrum reicht dabei von (tatsächlich oder vermeintlich) „byzantinischen“ Dimensionen in Leben und Werk des serbischen Aufklärers Dositej Obradović (Andreas Gietzen), über verschiedene Valorisierungen von „Byzanz” im Rahmen einer sich im 19. Jahrhundert ansatzweise artikulierenden ukrainischen Nationalgeschichte (Alena Alshanskaya) sowie im Kontext postimperialer Identitätsdiskurse im orthodoxen Südosteuropa (Klaus Buchenau) bis zu den Entwicklungsspezifika der Byzantinischen Studien in Südosteuropa von ihrer Etablierung als Wissenschaftsdisziplin bis heute (Albrecht Berger). Den Abschluss des Bandes bildet ein Fallbeispiel aus den Forschungen zur byzantinischen Rechtsgeschichte und ihres Fortwirkens in der Neuzeit (Alina Frunză).

Die Beiträge dieses Bandes sind thematisch und methodologisch breit gefächert, was der Vielschichtigkeit der hier verfolgten Fragestellung entspricht. Es versteht sich von selbst, dass dabei keinerlei Anspruch auf eine auch nur annähernd erschöpfende Behandlung des Themas erhoben werden kann. Allerdings hoffen die ←19 | 20→Herausgeber, im Hinblick auf das Spektrum der fachlichen Zugänge, die komparativen Perspektiven sowie nicht zuletzt auch die räumliche Streuung der in Blick genommenen Fallbeispiele, möglicherweise etwas mehr als eine lediglich impressionistische Anthologie zu präsentieren und zudem Anhaltspunkte für weiterführende zukünftige Forschungen liefern zu können.

Die Herausgeber widmen den Band dem Kollegen und Freund Bogdan-Petru Maleon. Bogdan Maleon war Professor für Mittelalterliche und Byzantinische Geschichte an der Alexandru-Ioan-Cuza-Universität Iaşi. Zugleich hat er bis 2015 auch das Museum der Universität und ab 2015 die Zentrale Universitätsbibliothek „Mihai Eminescu“ geleitet.

Mainz/München, im Juli 2019 Hans-Christian Maner / Ioannis Zelepos

1 Siehe dazu bereits Maurice HALBWACHS, La mémoire collective. Paris 1950; ferner Christian GUDEHUS u. a. (Hgg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2010; vgl. Harald WELZER (Hg.), Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001 sowie DERS. (Hg.), Der Krieg der Erinnerungen. Holocaust, Widerstand und Kollaboration im europäischen Gedächtnis. Frankfurt/Main 2007; vgl. Juliane SPITTA u. a. (Hgg.), Trauma und Erinnerung. Oral History nach Auschwitz. Kenzingen 2009.

2 Siehe etwa William BOUWSMA, A Usable Past. Essays in European Cultural History. Berkeley, Los Angeles 1990; vgl. A Usable Past? Roles of the historian and the politics of memory in Europe, 12.05.2005–13.05.2005 Genf, H-SOZ-KULT, 15.06.2005, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-800, 6.3.2019.

3 Siehe dazu etwa die Arbeiten von Pierre Norazu Erinnerungsorten (DERS. (Hg.), Les Lieux de Mémoire, 7 Bde. Paris 1984–92); Eric HOBSBAWM zur Erfindung von Traditionen (DERS. / Terence RANGER (Hgg.), The Invention of Tradition. Cambridge 1992); Jan und Aleida Assmann zum kulturellen Gedächtnis (Jan ASSMANN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992; Aleida ASSMANN, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999; DIES., Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006; DIES., Formen des Vergessens, Göttingen 2016) u.v.a.m.

4 Siehe exemplarisch Michael BRAUN, Wem gehört die Geschichte? Erinnerungskultur in Literatur und Film. Münster 2012 und Wolfgang HÖPKEN / Wim van MEURS (Hgg.), The First World War and the Balkans: Historic Event, Experience, Memory Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan: Ereignis, Erfahrung und Erinnerung. Berlin 2018.

Details

Seiten
352
ISBN (PDF)
9783631808122
ISBN (ePUB)
9783631808139
ISBN (MOBI)
9783631808146
ISBN (Buch)
9783631808115
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
Südosteuropa Geschichtspolitik Vergangenheitskultur Öffentliches Gedächtnis Public History
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020., 352 S., 24 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Hans-Christian Maner (Band-Herausgeber:in) Ioannis Zelepos (Band-Herausgeber:in)

Hans-Christian Maner ist Professor im Historischen Seminar, Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsgebiete sind die Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Geschichtskultur und regional auf dem Donau-Karpatenraum. Ioannis Zelepos ist habilitierter Südosteuropahistoriker und Neogräzist. Er leitet derzeit ein DFG-finanziertes Forschungsprojekt am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. neuere Geschichte Griechenlands und Zyperns, Migrations- und Verflechtungsgeschichte, nationale Identitätsdiskurse sowie religiöse Kulturen in Südosteuropa.

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