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Die Japanpolitik der DDR

1949 bis 1989

von Shogo Akagawa (Autor:in)
Monographie 410 Seiten

Zusammenfassung

Über die Japanpolitik der DDR ist wenig bekannt, obwohl sie sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht für den SED-Staat von großer Bedeutung war. Nach bereits frühen wirtschaftlichen Kontakten in den späten 1950er Jahren regte sich rasch die Hoffnung, mithilfe Japans die Außenpolitische Blockade des westlichen Lagers zu durchbrechen. Nach anfänglichem Scheitern und damit verbundenem, abflauendem Interesse gewann Japan mit seinem rapiden Aufstieg zur Wirtschaftsmacht an neuem Glanz. Eine neue Japanstrategie, günstige politische Entwicklungen in Japan und glückliche persönliche Bekanntschaften ebneten den Weg für den ersten Staatsbesuch Honeckers in einem Land des kapitalistischen Lagers. Der erhoffte politische und wirtschaftliche Aufstieg der DDR blieb jedoch aus. Letzterer auch trotz massiver Bemühungen das CoCom-Embargo mithilfe japanischer Firmen zu umgehen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über den Autor
  • Geleitwort
  • Vorbemerkung
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Forschungsstand: Ein weißer Fleck innerhalb der deutsch-japanischen Beziehungen
  • 1.2 Zielsetzung: Licht ins Dunkel der Geschichte
  • 1.3 Methodik der wissenschaftlichen Arbeit
  • 2. Ein Überblick über die Japanpolitik der DDR
  • 2.1 Die Außenpolitik der DDR unter sowjetischem Einfluss
  • 2.2 Das Streben der DDR nach Anerkennung in Asien
  • 2.3 Japanpolitik unter Führung der SED
  • 2.4 Die Bedeutung der Japanpolitik nach der Herstellung diplomatischer Beziehungen
  • 2.4.1 Säule I: Außenpolitik – Brückenkopf zu den „imperialistischen Ländern“
  • 2.4.2 Säule II: Handelspolitik – auf der Jagd nach Spitzentechnologie
  • 2.4.3 Säule III: Kulturpolitik – Schaffung eines DDR-freundlichen Klimas
  • 3. Die außenpolitischen Beziehungen zwischen der DDR und Japan
  • 3.1 Politische Manöver mit den japanischen Sozialisten in den 1960er Jahren
  • 3.1.1 Zwei außenpolitische Hürden: Die japanisch-sowjetischen Beziehungen und die Hallstein-Doktrin
  • 3.1.2 Annäherung an die japanischen Sozialisten
  • 3.1.3 Der Wunsch nach staatlicher Anerkennung
  • 3.1.4 Der Kampf um die Einreise
  • 3.1.5 Das Scheitern der Bemühungen mit der SPJ
  • 3.2 Kontaktaufnahme mit der LDP – der außenpolitische Wendepunkt 1972
  • 3.2.1 Günstige Veränderungen im internationalen politischen Umfeld
  • 3.2.2 Die Modrow-Delegation
  • 3.2.3 Modrows Kontaktaufnahme mit zwei einflussreichen LDP-Politikern
  • 3.2.4 Die erste umfangreiche Japanpolitik und die Staatsanerkennung
  • 3.2.5 Vorbereitung und Durchführung der Verhandlungen in Moskau
  • 3.3 Annäherung mit Kalkül – die Partei- und Regierungsbeziehungen
  • 3.3.1 Brückenbau: Nabeshima, Kono und die Freundschaftsgruppe DDR-Japan
  • 3.3.2 SED und LDP: Eine Beziehung zwischen Skepsis und Freundschaft
  • 3.3.3 Die Japanpolitik unter Günter Mittag
  • 3.3.4 Die erste Staatsdelegation und eine Außenpolitik auf „Augenhöhe“
  • 3.3.5 Das Fehlen ostdeutscher Expertise zu Japan
  • 3.4 Honeckers Japanreise 1981 – die DDR als Repräsentant der Sowjetunion
  • 3.4.1 Honeckers Ambitionen als Weltdiplomat
  • 3.4.2 Die Intervention der BRD in Japan gegen die außenpolitische Offensive
  • 3.4.3 Misstrauen und unterschiedliche Auffassungen als Hindernis einer echten Annäherung
  • 3.4.4 Sorgfältige Vorbereitung des Staatsbesuchs in Japan
  • 3.4.5 Honecker in Japan – der Triumph der ostdeutschen Außenpolitik
  • 3.4.6 Politische Ambitionen – in der Rolle des Ostblock-Repräsentanten
  • 3.4.7 Die Gründe für Honeckers Erfolg – eine strategische Partnerschaft
  • 3.5 Im Schatten der Supermächte – das Erkalten der bilateralen Beziehungen
  • 3.5.1 Der verpuffte Honecker-Effekt
  • 3.5.2 Der Antikommunismus unter dem Reagan-Nakasone-Bündnis
  • 3.5.3 Kalkulation und Widerspruch in den bilateralen Beziehungen
  • 3.5.4 Zwischen Aussichtslosigkeit und Hoffnung
  • 3.5.5 Das Ende der Ambitionen
  • 4. Die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Japan
  • 4.1 Der Kaliexport in den 1950er Jahren
  • 4.1.1 Die Wirtschaftsbeziehungen während der Stalin-Ära
  • 4.1.2 Die Wirtschaftsbeziehungen über amerikanische Unternehmen
  • 4.1.3 Der Vertrag mit Nichimen Jitsugyō – direkte Handelsbeziehung mit Japan
  • 4.1.4 Das Kaligeschäft als politisches Mittel – Skandal und Vertuschung in Japan
  • 4.2 Kontaktaufnahme mit japanischen Unternehmen in den 1960er Jahren
  • 4.2.1 Das Interesse an der japanischen Wirtschaft während der Ulbricht-Ära
  • 4.2.2 Normalisierung und Modernisierung – zwei Ziele der Japanpolitik
  • 4.2.3 Systematische Analyse 1964 während der Olympischen Spiele in Tokio
  • 4.2.4 Privatbeziehung statt Staatsbeziehung – der China-Japan-Handel als Modell
  • 4.2.5 Der Motor des Handels – der „Wirtschaftsausschuss DDR-Japan“
  • 4.3 Die Annäherung der DDR an das „Monopolkapital“
  • 4.3.1 Großkonzerne und Wirtschaftsverbände als Verbündete
  • 4.3.2 Japanische Beteiligung an staatlichen Bauprojekten
  • 4.3.3 Modernisierung der Industrie durch Import japanischer Anlagen
  • 4.3.4 Die DDR-Geschäfte der japanischen Autoindustrie
  • 4.3.5 Respekt und Beobachtung
  • 4.3.6 Pannen und Schwierigkeiten beim Anlagenimport
  • 4.4 Japan als Exportziel
  • 4.4.1 Große Ambitionen unter Devisenmangel
  • 4.4.2 Der schleppende Lizenzhandel
  • 4.4.3 Teilerfolge bei Meißner Porzellan
  • 4.4.4 Das Handelsdefizit und der Untergang der DDR
  • 4.5 Faszination Spitzentechnologie – Industriespionage der DDR
  • 4.5.1 Das Zielland des Embargohandels
  • 4.5.2 Die Struktur der Spionage in Japan
  • 4.5.3 Der Durchbruch 1978 – die Strategie zum Erwerb von Hochtechnologie
  • 4.5.4 Dubiose Geschäfte mit Toshiba
  • 4.5.5 Technologietransfer in die DDR von 64-k- und 256-k-DRAM
  • 4.5.6 Das Platzen des Embargohandels nach zehnjähriger Beziehung
  • 4.5.7 Verhandlung mit NEC und Sharp
  • 4.5.8 Die Planung der Produktion von Videorekordern
  • 4.5.9 OA-Machinery – der japanische Mitverschwörer
  • 5. Die kulturpolitischen Beziehungen zwischen Japan und der DDR
  • 5.1 Kunst als neutralisierender Faktor
  • 5.1.1 Die DDR als Vertreter der deutschen Tradition
  • 5.1.2 Japanische Führungskräfte und die deutsche Kunst
  • 5.1.3 Die Medienstrategie der DDR in Japan
  • 5.2 Orchestertourneen und Nebenwirkungen
  • 5.2.1 Klassische Musik für das Ansehen der DDR
  • 5.2.2 Japan als Fluchtkorridor in die BRD
  • 6. Schlussfolgerung – drei Phasen in vierzig Jahren
  • Abkürzungen
  • Literatur- und Quellenverzeichnis
  • Personenverzeichnis
  • Reihenübersicht

1. Einleitung

In der historischen Forschung über die deutsch-japanischen Beziehungen gibt es einen „weißen Fleck“. Wird heute über die „deutsch-japanischen Beziehungen der Nachkriegszeit“ gesprochen, sind damit, für den Zeitraum 1945 bis 1989, die Beziehungen Japans zur Westzone bzw. zu Westdeutschland gemeint, oder, ab 1990, die Beziehungen Japans zur wiedervereinigten Bundesrepublik. Gerne wird dabei übersehen, dass es zwischen 1949 und 1989 noch einen weiteren Komplex von deutsch-japanischen Beziehungen gab: die Beziehungen zwischen Japan und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

1.1 Forschungsstand: Ein weißer Fleck innerhalb der deutsch-japanischen Beziehungen

Die Beziehungen zwischen Japan und der Bundesrepublik Deutschland (BRD) sind, wenn auch nicht eingehend, so doch in ihren Grundzügen bekannt. Beide Länder stiegen nach dem Zweiten Weltkrieg zu Wirtschaftsmächten auf und in den 1970er Jahren gab es zwischen ihnen eine enge außen- und wirtschaftspolitische Zusammenarbeit. Unter der Führung von Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde im Jahr 1975 die Gruppe der Sechs (G6) gegründet, der auch Japan angehörte. Auf dem Weltmarkt waren die BRD und Japan zwar Rivalen, auf anderen Gebieten, wie der Währungspolitik, verfolgte man jedoch gemeinsame Interessen. Ein Beispiel hierfür ist das Plaza-Abkommen von 1985, das zeigt, wie eng die Zentralbanken und Finanzministerien beider Länder bei der Aufwertung des Japanischen Yen und der Deutschen Mark gegenüber dem Amerikanischen Dollar kooperierten. Der gegenseitige wirtschaftliche Austausch und die wirtschaftspolitische Annäherung sind wohl ein Grund dafür, dass die Deutschlandforschung in Japan bis dato von der Untersuchung Westdeutschlands dominiert wird.

Doch selbst die wissenschaftliche Aufarbeitung der westdeutsch-japanischen Beziehungen weist Lücken auf. Akira Kudo, emeritierter Professor der Universität Tokio, und Nobuo Tajima, Professor der Seijo-Universität in Tokio, stellen in der Einleitung ihres 2014 erschienenen Buches „Sengo Nichidoku Kankeishi [Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg]“ fest, dass es mit Blick auf die beiden Länder „auch annähernd 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kaum Werke gibt, die sich mit politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen seit dem ←23 | 24→Zweiten Weltkrieg auf systematische Art auseinandersetzen“.2 Auf den ersten Blick scheinen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten in Deutschland etliche japanische Analysen vorhanden zu sein. Zahlreiche japanische Wissenschaftler widmen sich in ihren Untersuchungen Westdeutschland oder – ab dem Jahr 1990 – dem vereinigten Deutschland. Auf den zweiten Blick kann jedoch schnell festgestellt werden, dass sich der Großteil jener Werke, die sich mit den Beziehungen zwischen Deutschland und Japan beschäftigen, Politik und Diplomatie aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in den Blick nimmt.

Ist schon der Forschungsstand zu den Beziehungen zwischen Japan und der Bundesrepublik verbesserungswürdig, so liegen die Beziehungen zwischen Japan und der DDR weitestgehend im Dunkeln. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Bis 1989 war eine ausführliche, unideologische Analyse, besonders in den Bereichen Politik und Wirtschaft, schwierig. Aber auch nach der Wiedervereinigung Deutschlands blieben vielfältige Barrieren bestehen. Ein sinkendes Interesse an Deutschland in Japan und der damit einhergehende, deutliche Rückgang von Studenten, die als zweite Fremdsprache Deutsch lernen3, ist etwaigen Ostdeutschland-Studien wenig zuträglich. Umgekehrt stellen für deutsche Wissenschaftler die komplizierten politischen und wirtschaftlichen Strukturen in Japan, die Verschleierung der japanischen Unternehmensverbindungen zur DDR – vor allem was illegale Geschäfte anbelangt – sowie relativ schwer zugängliche japanische Archive große Hindernisse dar. Aus den genannten Gründen sind die Forschungsergebnisse zur ostdeutsch-japanischen Nachkriegsgeschichte bislang sehr überschaubar.

In seinem Beitrag „Zwischen Ost-West-Handel und Opposition. Die Japanpolitik der DDR 1952–1973“ stellt Christian Heideck detailliert Fakten und Ereignisse der 1950er und 1960er Jahre dar, insbesondere den Austausch der Gewerkschaften.4 Beate Neuss veröffentlichte 1989 in dem Forschungsbericht „Die Westpolitik der DDR“ der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Beitrag über „Die Beziehungen zwischen der DDR und Japan“, in dem sie Außen- und ←24 | 25→Wirtschaftspolitik in den 1970er und 1980er Jahren skizziert.5 Ähnlich steuerte Volker Stanzel, ehemaliger Botschafter der BRD in Japan, 2016 für das Buch „Transnational encounters between Germany and Japan: Perceptions of partnership in the nineteenth and twentieth centuries“ ein Kapitel mit dem Titel „Peace, business und classical culture: The relationship between the German Democratic Republic and Japan“ bei.6 1983 erschien in der DDR der Band „Die DDR und Japan“, der von dem damaligen Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) Hans Modrow herausgegeben wurde.7 Anhand der genannten Werke werden die Umrisse der bilateralen Beziehungen erkennbar, eine umfassende und tiefergehende Erforschung der vierzig Jahre andauernden Beziehungen zwischen der DDR und Japan blieb bis dato aber aus.

1.2 Zielsetzung: Licht ins Dunkel der Geschichte

Es wäre voreilig, aufgrund der geringen Anzahl an akademischen Werken den Schluss zu ziehen, dass den Beziehungen zwischen der DDR und Japan historisch keine Bedeutung zukäme. Bereits ab den 1950er Jahren zeigte sich die SED in ihrem Streben nach internationaler Anerkennung an Kontakt zu Japan interessiert.8 Dieses Interesse nahm mit Japans Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht nach den USA weiter zu.

Um das Ziel einer diplomatischen Anerkennung zu erreichen, galt es, einige Hürden zu überwinden. Da waren zunächst Japans innenpolitische Lage und seine Rolle als wichtiger Verbündeter der USA. Die japanische Regierungspartei war konservativ, und die Regierung der BRD, die Initiatorin der Hallstein-Doktrin, versuchte mit allen Mitteln, eine Annäherung zwischen der DDR und ←25 | 26→Japan zu verhindern. Außerdem musste die DDR erst den politischen Segen der Sowjetunion einholen.9

Was der SED zugutekam, war ein sich ausweitender Handelsstreit, den Japan mit den USA und Europa austrug, und der ab den 1960er Jahren an Heftigkeit gewann. Auch fühlte Japan sich aufgrund seiner geografischen Lage durch die Länder Osteuropas sicherheitspolitisch nicht bedroht und zeigte sich im Umgang mit ihnen nicht sonderlich vorsichtig. Hier sah die DDR eine Chance, in Japan Fuß zu fassen und den Wettstreit mit der BRD in Asien zu gewinnen.10 1981 wurde Japan zum ersten kapitalistischen Land, das Erich Honecker als Staatsgast empfing, was seine politische Bedeutung für die DDR deutlich macht.

Obwohl für die SED in den 1950er und 1960er Jahren das Bemühen um staatliche Anerkennung im Vordergrund stand, gewann Japan auch wirtschaftspolitisch für die DDR zunehmend an Bedeutung. Ab den 1970er Jahren bemühte man sich, Zugang zu moderner japanischer Spitzentechnologie zu erhalten. Die SED versuchte, die CoCom-Bestimmungen11 zu umgehen, um insbesondere begehrte Halbleitertechnologie zu erwerben.12 Japanische Unternehmen waren neben österreichischen hier besonders im Visier der DDR,13 mit der sie durch legale, aber auch illegale Geschäfte verbunden waren. Somit waren sowohl die japanische Politik als auch die japanische Wirtschaft stark in die Außen- und Handelspolitik der DDR involviert.

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, Fakten und Hintergründe der Japanpolitik der DDR durch Zeitzeugenberichte und Archivmaterial ans Licht zu bringen, und erstmals ausführlich die außen-, wirtschafts- und kulturpolitischen ←26 | 27→Beziehungen zwischen der DDR und Japan zu analysieren. Was für einen Nutzen zog die DDR aus ihren Beziehungen zu Japan? Worin liegen die Gründe und was waren die Ziele der Annäherung? Was für Reaktionen gab es auf japanischer Seite? Diesen Fragen wird in vorliegender Arbeit nachgegangen.

Die Motivation für diese Forschung entspringt meinem persönlichen Interesse als Journalist, der viele Jahre in die Berichterstattung über Japan und Deutschland involviert war. Das Kapitel der Beziehungen zwischen der DDR und Japan soll nicht länger im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

1.3 Methodik der wissenschaftlichen Arbeit

Da dankenswerterweise noch die Möglichkeit besteht, mit Zeitzeugen und ehemaligen Verantwortungsträgern sprechen zu können, wurden im Rahmen der Forschung zahlreiche mehrstündige Leitfadeninterviews mit Politikern, Diplomaten und SED-Kadern geführt, die an der Japanpolitik unmittelbar beteiligt waren. Die Aussagen von Hans Modrow, dem ehemaligen Mitglied des Zentralkomitees der SED, Leiter der Verhandlungsgruppe für die Staatsanerkennung durch Japan und Vorsitzenden der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe DDR-Japan, sind hierfür ebenso unentbehrlich, wie die Schilderungen der Mitglieder des Wirtschaftsausschusses (WA) DDR-Japan, darunter der Generaldirektor des Außenhandelsbetriebes (AHB) Industrieanlagen-Import, Herbert Roloff, oder der Generaldirektor des AHB Chemie Export/Import, Kurt Falkenberg. Gespräche mit dem Generaldirektor der Künstler-Agentur der DDR, Hermann Falk, und dem über Japan in die BRD geflohenen Flötisten Ekkehard Creutzburg trugen wesentlich zu der Analyse der Kulturpolitik bei. Von japanischer Seite wurden Regierungsmitglieder sowie Mitarbeiter von Unternehmen, die mit der DDR Beziehungen hatten, kontaktiert. Viele japanische Zeitzeugen waren nur unter der Zusicherung von Anonymität dazu bereit, über die damaligen Ereignisse Auskunft zu erteilen. Ihre Aussagen leisteten einen wichtigen Beitrag dazu, die Atmosphäre bei den Verhandlungen und Gesprächen rekonstruieren zu können.

Des Weiteren stützt sich diese Arbeit auf schriftliche Primär- und Sekundärquellen. Dank der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch) war es möglich den Entscheidungsprozess der SED zu analysieren. Die Akteneinsicht in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) brachte verborgene Beziehungen zwischen SED-Kadern und japanischen Unternehmen ans Licht. Was die japanische Seite anbelangt, habe ich die Plenarprotokolle des japanischen Parlaments ←27 | 28→analysiert. Anhand stenografischer Mitschriften lassen sich hier wörtliche Aussagen in der politischen Diskussion über die DDR rekonstruieren. Nach wiederholter Antragstellung an das japanische Außenministerium wurden amtliche Dokumente, Aktenvermerke, Sitzungsprotokolle sowie Telegramme zur DDR-Politik der japanischen Regierungen erstmals offengelegt. Die Reaktion der japanischen Regierung auf die Japanpolitik der DDR lässt sich anhand dieser Schriftstücke dokumentieren.

Darüber hinaus greife ich auf diverse deutsch-, englisch- und japanischsprachige Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften sowie wissenschaftliche Abhandlungen, Bücher und Statistiken zurück. Alle verwendeten japanischen und englischen Quellen wurden eigenständig ins Deutsche übersetzt. Die Schreibweise japanischer Personen- und Firmennamen folgt westlichen Gepflogenheiten (keine Kennzeichnung der Vokallänge; Vorname vor Nachname). Die Transkription sämtlicher sonstigen japanischen Begriffe und Ausdrücke folgt dem Hepburn-System.

←28 |
 29→

2 Kudo, Akira und Nobuo, Tajina (Hg.): Sengo Nichidoku Kankeishi [Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg], Tokio 2014, S. 10.

3 Vgl. „Zadankai, daigaku ni okeru daini gaikokugo kyōiku no igi to korekara no tenkai [Gesprächsrunde – Bedeutung und weitere Entwicklung der Ausbildung in einer zweiten Fremdsprache an Hochschulen]“, in: Daigaku Jihō [University Current Review], Nr. 374, Mai 2017, S. 18, unter https://daigakujihou.shidairen.or.jp/download/?issue=374&section=1 (abgerufen am 07.05.2018).

4 Vgl. Heideck, Christian: Zwischen Ost-West-Handel und Opposition. Die Japanpolitik der DDR 1952–1973, München 2014.

5 Vgl. Neuss, Beate: „Die Beziehungen zwischen der DDR und Japan“, in: Hans-Joachim Veen und Peter R. Weilemann (Hg.): Die Westpolitik der DDR-Beziehungen der DDR zu ausgewählten westlichen Industriestaaten in den 70er und 80er Jahren, Forschungsbericht 66, Konrad-Adenauer-Stiftung, Melle 1989, S. 265–316.

6 Vgl. Stanzel, Volker: „Peace, business and classical culture: The relationship between the German Democratic Republic and Japan“, in: Joanne Miyang Cho u. a. (Hg.): Transnational encounters between Germany and Japan: Perceptions of partnership in the nineteenth and twentieth centuries, New York 2016, S. 227–245.

7 Vgl. Modrow, Hans (Hg.): Tōkute chikai futatsu no kuni – Higashi Doitsu to Nihon [Die DDR und Japan]. Übersetzt von Mitsuyoshi Ikeda und Eiichi Kido, Tokio 1984.

8 Vgl. BArch Berlin DL 2/1776, S. 1 f., Bericht über die Verhandlung mit den Vertretern der japanischen Fa. Japan Cotton/Tokyo betreffend Kaliexport nach Japan am 22.02.1955 14–17 Uhr (23.02.1955).

9 Vgl. Archiv des Verfassers: Hans Modrow.

10 Vgl. ebd.

11 Das Coordinating Committee for East West Trade Policy (CoCom) war von den Westmächten zu Beginn des Kalten Krieges im Jahr 1948 als eine Reaktion auf die Bedrohung des Westens durch die UdSSR und ihre Satellitenstaaten gebildet worden. Die Bildung des CoCom verlief parallel zur Gründung der North Atlantic Treaty Organization (NATO). Zunächst wurde das CoCom von den Staaten der NATO (ohne Island) sowie Japan und Australien getragen. Weitere westliche neutrale Staaten, wie Österreich oder die Schweiz, kamen später hinzu. Vgl. Borchert, Jürgen: Die Zusammenarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem sowjetischen KGB in den 70er und 80er Jahren. Ein Kapitel aus der Geschichte der SED-Herrschaft, Berlin 2006, S. 73.

12 SAPMO-BArch DY 3023/1491, S. 439–443, Information über die ökonomischen Ergebnisse des Besuches des Stellvertreters des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Genossen Günter Mittag […] vom 3. bis 8. Juli 1986 in Japan.

13 Vgl. Archiv des Verfassers: Hans Modrow.

2. Ein Überblick über die Japanpolitik der DDR

Einem sozialistischen Staatsmodell folgend, setzte sich die SED, unter Berücksichtigung der Interessen der Sowjetunion, zum Ziel, einen Kontrapunkt zu der von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannten Bundesrepublik zu bilden. In dieser Hinsicht besaß Japan für die DDR einen spezifischen Stellenwert.

Japan gehörte zwar dem Lager der kapitalistischen Länder an, stand aber zur restlichen kapitalistischen Welt in einem ambivalenten Verhältnis. Einerseits war Japan eine militärische Allianz mit den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) eingegangen, andererseits kam es wirtschaftlich mit den USA und Europa zu heftigen Handelsstreitigkeiten. Im Gegensatz dazu sah sich Japan von Osteuropa weder militärisch noch wirtschaftlich bedroht und fühlte sich dem Deutschen Reich und den beiden deutschen Nachfolgestaaten immer noch als eine Art „Elternnation“ verbunden. Aus diesen Gründen wurde die DDR von Japan eher als Chance denn als Gefahr wahrgenommen.

Für die SED-Kader war Japan ein Brückenkopf zur kapitalistischen Welt. Sie reisten häufig nach Japan und versuchte die bilateralen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken. Die Erfolge dieser Bemühungen blieben nicht aus: Gleichsam als Höhepunkt konnte Erich Honecker mit seiner Japanreise 1981 auf einen ersten Besuch in einem Land des westlichen Lagers verweisen.

Was die ostdeutsche Handelspolitik anbelangte, verfolgte diese das Ziel, für die Volkseigenen Betriebe (VEB) möglichst viel Hochtechnologie japanischer Unternehmen zu importieren. Allerdings ging diese Politik dabei nicht von der Volkskammer oder den Unternehmen selbst aus, sondern wurde ausschließlich von der SED gesteuert.

Die Gruppe derer, die maßgeblich an der Gestaltung der ostdeutschen Japanpolitik beteiligt waren, war sehr klein. Folgende vier Personen hielten sich häufig in Japan auf und spielten bis zum Mauerfall 1989 in den Beziehungen der DDR zu Japan eine entscheidende Rolle: Günter Mittag, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Gerhard Beil, Mitglied des ZK der SED und Minister für Außenhandel, Alexander Schalck-Golodkowski, Oberst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Ministerium für Außenhandel (MAH) der DDR, sowie Hans Modrow, ←29 | 30→Abteilungsleiter für Agitation des ZK der SED und Vorsitzender der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe DDR-Japan.

2.1 Die Außenpolitik der DDR unter sowjetischem Einfluss

Die DDR war ideologisch, sicherheitspolitisch und wirtschaftlich tief mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) verbunden. Eine per Volksentscheid bestätigte Verfassung gab es erst ab dem 9. April 1968. In ihr wurden die Verwirklichung des Sozialismus als Staatsziel und die „führende Rolle der Partei“ festgeschrieben.14 Bereits in der Gründungszeit der DDR war jedoch deutlich erkennbar, dass die sowjettreue SED ihr Land in Richtung eines sowjetischen Staatsmodells entwickeln wollte.

In seiner Antrittsrede vom 11. Oktober 1949 glorifizierte Wilhelm Pieck, neben Otto Grotewohl Vorsitzender der SED, als erster und einziger Präsident der DDR die sowjetische Leitungs- und Vorbildrolle: „Es kann nicht Worte des Dankes genug geben, den wir der Sowjetregierung und dem Generalissimus Stalin für diesen hochherzigen Akt schulden und den wir durch eine intensive Arbeit im Sinne dieser Anerkennung abzustatten verpflichtet sind.“15

Nicht nur die ideologische Nähe der SED zur Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), die beide als marxistisch-leninistische Parteien galten, war Grund für eine Anbindung an die UdSSR. Die Führungsrolle der SED in der DDR konnte nur mit Unterstützung der UdSSR etabliert und behauptet werden. Die DDR war von Anfang an Teil des Ostblocks und war in diesen sowohl militärisch als auch außen- und handelspolitisch fest eingebunden. „Ohne die Sowjetunion hätte die DDR nicht existieren können. […] Unsere Existenz war mit der Sowjetunion verbunden – wirtschaftlich und politisch“, bestätigt Egon Krenz, ehemaliger Vorsitzender des Staatsrats der DDR, 2014.16

Lediglich auf dem Papier war die DDR souverän. Pieck betonte in seiner Antrittsrede die Absicht, eine selbstständige Außenpolitik der DDR erarbeiten zu wollen: „Die Sowjetunion hat dem deutschen Volke […] eine große unschätzbare Hilfe geleistet. […] Sie gibt uns jetzt in nationaler Hinsicht die Gelegenheit, ←30 | 31→eine eigene Außenpolitik zu entwickeln und unsere demokratische und friedensgewillte Zusammenarbeit mit den anderen Völkern unter Beweis zu stellen“. Die Wirklichkeit sah bis in die 1980er Jahre hinein jedoch anders aus. Der Spielraum für eine „eigenständige Außenpolitik“ war „stark eingeschränkt“.17

Dieses Machtverhältnis wurde auch in der Japanpolitik deutlich. Hier war, besonders bis zum Anfang der 1970er Jahre, der Einfluss der UdSSR sehr groß. Vor jeder diplomatischen Verhandlung konsultierten die SED-Kader die KPdSU. Eine wesentliche Rolle bei der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Japan und in der Aufbauphase der ostdeutsch-japanischen Handelspolitik spielte unter anderem der sowjetische Botschafter in Japan Oleg Troyanovsky.18 So baute die SED die Japanpolitik der DDR zwar eigenständig auf, es wurde dabei aber immer auf die Interessen der UdSSR geachtet, und Informationen über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Japan wurden laufend mit dem „Bruderstaat“ im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) ausgetauscht. Zwar fanden sich bislang keine Beweise dafür, dass die UdSSR der DDR Weisungen bezüglich ihrer Japanpolitik erteilte, es steht jedoch außer Frage, dass sie eine steuernde Funktion innehatte.

2.2 Das Streben der DDR nach Anerkennung in Asien

Die SED sorgte sich um die Existenz der DDR und befürchtete eine mögliche Absorption durch die BRD. Die internationale Anerkennung der DDR wurde daher bis zur Aufnahme in die Vereinten Nationen 1973 als ein vorrangiges außenpolitisches Ziel erachtet. Durch völkerrechtliche Anerkennung legitimiert, wollte sie als gleichberechtigter, souveräner und unabhängiger Staat neben der BRD existieren. So wollte die DDR weltweit die Zwei-Staaten-These bestätigen und die Ein-Staaten-These beziehungsweise den Alleinvertretungsanspruch der BRD widerlegen.19 Besondere Bedeutung hatte dabei die Anerkennung durch Staaten außerhalb des sozialistischen Lagers, ein Ziel, das auch der UdSSR wichtig war.20

Da sich die Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen als schwierig erwies, bemühten sich die Vertreter der DDR um „staatliche Handelsabkommen“ und versuchten „die Errichtung einer Handelsvertretung der DDR“ voranzutreiben, da die Bundesrepublik Handelskontakte dritter Staaten mit der DDR ←31 | 32→duldete.21 Einen ähnlichen Zweck wie der Außenhandel erfüllte hier auch die kulturelle Auslandsarbeit. Im Mittelpunkt stand nicht die Beförderung eines Kulturaustausches, um das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und einen gesellschaftlichen Dialog über die Grenzen hinweg in Gang zu setzten, sondern der Wunsch im Ausland Flagge zu zeigen und sich international zu profilieren.22

In Ostasien hatten schon im Jahr 1949 die Volksrepublik China und die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) diplomatische Beziehungen mit der DDR aufgenommen. Diesen folgten 1950 die Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam) und die Mongolische Volksrepublik.23 Eine Anerkennung durch andere asiatische Länder blieb aber aus. So konnte die DDR beispielsweise mit der Republik Korea (Südkorea) aufgrund der Beziehungen zu Nordkorea praktisch keinen Kontakt aufbauen.

Auch in Japan hatte man auf die diplomatischen Annäherungsversuche der DDR kaum reagiert. Mitverantwortlich hierfür war die landläufig als „Hallstein-Doktrin“ bekannte Leitlinie der westdeutschen Außenpolitik, die Konrad Adenauer bei seiner Regierungserklärung 1955 zum Ausdruck gebracht hatte, als er erklärte, „dass die Bundesregierung auch künftig die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR durch dritte Staaten, mit denen sie offizielle Beziehungen unterhält, als einen unfreundlichen Akt ansehen würde“.24 Auch Japan fühlte sich diesem Leitsatz verpflichtet. Aber auch zu den kommunistischen Ländern Asiens, wie der Volksrepublik China, Nordvietnam oder Nordkorea, unterhielt Japan keine diplomatischen Beziehungen, unabhängig davon, wie sehr diese der UdSSR nahestanden oder nicht.

Das Streben nach Anerkennung durch die japanische Regierung dominierte die Japanpolitik der DDR bis zum Anfang der 1970er Jahre. In den 1950er und 1960er Jahren hielten sich die diplomatischen Bemühungen der DDR noch in Grenzen. Auch als Japan 1956 mit der Unterzeichnung der Japanisch-Sowjetischen-Erklärung seine außenpolitischen Beziehungen zur UdSSR wiederherstellte und sich schrittweise diplomatisch für den Ostblock zu öffnen begann, ←32 | 33→stand das Land noch nicht im Fokus der ostdeutschen Außenpolitik. Die SED hatte die Kontrolle über die Japanpolitik noch nicht vollständig übernommen und überließ den Kontakt mit Japan weitestgehend der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD)25 und dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB).26 Im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) spielte Japan in der Abteilung „Ferner Osten“ neben China, Korea oder Vietnam nur eine Nebenrolle.27

Erst durch seinen wirtschaftlichen Aufschwung wurde Japan stärker wahrgenommen, und gewann für die DDR an politischer Bedeutung. Erich Markowitsch, Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Volkswirtschaftsrates, und Hans Bentzien, Minister für Kultur, die Tokio 1964 anlässlich der Olympischen Sommerspiele besuchten und das dortige Wirtschaftswunder unmittelbar erlebten, hielten in ihrem Reisebericht fest: „Es ist notwendig, dass alle verantwortlichen Stellen, vor allem das MfAA und das MAI [Ministerium für Außen- und Innerdeutschen Handel], Japan nicht als ein fernes Land betrachten, sondern mit der fünftstärksten Industriemacht der Welt eine weitsichtige, auf die Zukunft gerichtete Politik betreiben und dazu schrittweise, in realer Einschätzung der Situation, vorgehen“.28 Als Resultat stellte das MfAA Ende der 1960er Jahre Japan, als eines der wichtigsten kapitalistischen Länder, auf eine Stufe mit den USA oder Kanada.29 So wurde das im Fernen Osten liegende Land zu einem wichtigen Bestandteil der „Westpolitik“ der DDR, und die SED begann mit der Ausarbeitung einer umfassenden Japanstrategie.

2.3 Japanpolitik unter Führung der SED

Um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen voranzutreiben, wurde im Mai 1972 Hans Modrow nach Japan entsandt. Er war als Abteilungsleiter für Agitation des ZK der SED ein ranghoher Parteifunktionär. Um ihm weniger den Anschein eines Vertreters der Partei zu geben, stellte man bei der Japanreise jedoch seine Funktion als Volkskammerabgeordneter der DDR in den Vordergrund und hoffte, dass sein Auftritt als „Politiker“ die Verhandlungen mit den ←33 | 34→Mitgliedern der regierenden Liberal-Demokratischen Partei (LDP) erleichtern würde.30

Auf dem Papier war die Volkskammer das höchste Verfassungsorgan der DDR. De facto lag die außenpolitische Entscheidungsgewalt jedoch zur Gänze in den Händen der SED. So war es Hermann Axen, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und ZK-Sekretär für internationale Beziehungen, der Modrow 1972 beauftragte, nach Japan zu reisen.31 Wann immer eine Delegation der Volkskammer nach Japan reiste – sei es unter der Leitung ihrer Präsidenten Gerald Götting oder Horst Sindermann bzw. unter der von Hans Modrow als Vorsitzendem der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe DDR-Japan –, bestimmten auch nach der Herstellung der diplomatischen Beziehungen das Politbüro oder das ZK die Ziele, Inhalte und Ansprechpartner der Reise.32 Weder der Außenminister noch das MfAA spielten bei der Entwicklung der außenpolitischen Leitlinien eine wesentliche Rolle.33

Details

Seiten
410
ISBN (PDF)
9783631807507
ISBN (ePUB)
9783631807514
ISBN (MOBI)
9783631807521
ISBN (Hardcover)
9783631795828
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
Japanpolitik Günter Mittag Kali-Export Industriespionage Embargohandel
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 410 S., 7 s/w Abb.

Biographische Angaben

Shogo Akagawa (Autor:in)

Shogo Akagawa ist als Senior Correspondent der japanischen Tageszeitung Nikkei in London tätig. Er studierte Volkswirtschaft an der Keio Universität in Tokio, sowie Politik und deutsche Nachkriegsgeschichte an der Freien Universität Berlin, wo er am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft im Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften promovierte.

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Titel: Die Japanpolitik der DDR