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Wiener Slawistischer Almanach Band 83/2019

von Bernhard Brehmer (Band-Herausgeber:in) Aage A. Hansen-Löve (Band-Herausgeber:in) Tilmann Reuther (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 284 Seiten

Zusammenfassung

Der Band vereinigt fünf Beiträge deutscher und österreichischer slavistischer Linguistinnen und Linguisten des „Konstanzer Kreises" sowie sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge aus Österreich, der Ukraine, Polen und den USA sowie einen Rezensionsartikel.
Die linguistischen Aufsätze betreffen klassische und innovative Bereiche der Sprachwissenschaft (kontaktlinguistische Morphologie, Pragmatik, Soziolinguistik, Sprachpolitik, Diskursanalyse, Digital Humanities, Spachdidaktik, Ukrainistik).
Die beiden literaturwissenschaftlichen Beiträge behandeln zum einen Fragen der Poetik von Andrej Belyjs Roman Peterburg und zum anderen Probleme der Struktur von Zeit und Raum in der Komposition lyrischer Texte, zumal jener Osip Mandel’štams.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • Inhalt
  • Walter Breu, Anastasia Makarova (Konstanz), Typologie des Passivs im Moliseslavischen: Bewahrung, Umbau und Innovation im totalen slavisch-romanischen Sprachkontakt
  • Sebastian Kempgen (Bamberg), Die Säulen in der Klosterkirche von Sveti Naum: ein Projektbericht zur Digitalisierung des sprachlichen Kulturerbes in Makedonien
  • Holger Kuße (Dresden), Sprache loben – im Blick auf das Ukrainische
  • Renate Rathmayr (Wien), Höflichkeit in der Interkulturellen Kommunikation
  • Monika Wingender (Gießen), Aktuelle Diskurse zu Sprachen und Sprachenpolitik in der Russischen Föderation (Debatten zwischen dem Föderationszentrum und der Republik Tatarstan)
  • Salvatore Del Gaudio (Kiev), An outline of the language situation of Černihiv within the Ukrainian language context
  • Jürgen Fuchsbauer, Michaela Liaunigg (Wien, Innsbruck), Eine alternative Darstellungsweise der Kasussuffixe der russischen Substantive und deren sprachdidaktische Vorteile
  • Maša Levina-Parker, Mikhail Levin (Irvine, CA), Inoreal’nost’ „Peterburga“ Andreja Belogo
  • Gennadij M. Zel’dovich (Warszawa), „Tesnota stichovogo rjada“, struktura vremeni i prostranstva i kompozicija liricheskogo teksta
  • Marina Scharlaj (Dresden), Kittel, Bernhard / Lindner, Diana / Brüggemann, Mark / Zeller, Jan Patrik / Hentschel, Gerd, Sprachkontakt – Sprachmischung – Sprachwahl – Sprachwechsel. Eine sprachsoziologische Untersuchung der weißrussischrussischen gemischten Rede „Trasjanka“ in Weißrussland, Berlin u.a.: Peter Lang, 2018.

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Walter Breu, Anastasia Makarova

TYPOLOGIE DES PASSIVS IM MOLISESLAVISCHEN: BEWAHRUNG, UMBAU UND INNOVATION IM TOTALEN SLAVISCH-ROMANISCHEN SPRACHKONTAKT

1. Einleitung

Das Moliseslavische (MSL) in Süditalien befindet sich seit etwa 500 Jahren im Sprachkontakt mit romanischen Varietäten. Bevor diese südslavische Mikrosprache Mitte des 19. Jahrhunderts in direkten Kontakt mit der italienischen Standardsprache und ihrer umgangssprachlichen süditalienischen Varietät gelangte, fungierten vor allem die lokalen und regionalen Dialekte des Molise als Quelle für lexikalische Entlehnungen und als Modell für strukturelle Angleichungen. Seit etwa einem Jahrhundert befinden sich die Moliseslaven in einer Situation des totalen Sprachkontakts, d.h. alle Sprecher der Minoritätssprache beherrschen auch eine oder mehrere Varietäten der Dominanzsprache. Von den drei moliseslavischen (msl.) Dialekten steht im folgenden derjenige von Acquaviva Collecroce (msl. Kruč) mit mittlerem Erhaltungsgrad, aber den meisten Sprechern, im Mittelpunkt der Untersuchung. Beispiele aus dem konservativeren Dialekt von Montemitro (Mundimitar) und dem im Alltag kaum mehr gebrauchten Dialekt von San Felice del Molise (Filič) werden eigens erwähnt.1

Im Bereich des msl. Verbums ist es vor allem das Passiv, das bisher noch so gut wie überhaupt nicht beschrieben wurde. Dabei bietet es durchaus interessante Kontaktphänomene im Bereich der Morphosyntax, die sich aus der Anpassung an die romanischen Varietäten ergeben haben, bis hin zur Neubildung bisher im gesamtslavischen Bereich völlig unbekannter Konstruktionen. Wie immer in kontaktlinguistischen Studien stellt sich stets auch die Frage der Resistenz ererbter Strukturen, wie wir sie unter anderem in den modernen slavischen Standardsprachen finden, wobei im folgenden vor allem das nahverwandte Kroatische und das Russische als Vergleichsinstanzen herangezogen werden.

Die slavischen Sprachen allgemein kennen ein mit dem Auxiliar ‘sein’ und dem passiven Partizip Perfekt (PPP) konstruiertes Partizipialpassiv, im folgen←7 | 8→den als ESSE-Passiv bezeichnet. Dazu tritt das mit Hilfe des Reflexivpronomens gebildete Reflexivpassiv. Das in Passivkonstruktionen grundsätzlich fakultative Agens kann herkömmlich über den reinen Instrumental angeschlossen werden, wofür teilweise aber auch präpositionale Fügungen eintreten.

Das Moliseslavische besitzt eine größere Zahl von passivischen Konstruktionen als die meisten slavischen Standardsprachen, insbesondere auch als das Kroatische, da es neben dem Partizipial- und dem Reflexivpassiv auch noch über ein durch Sprachkontakt induziertes und mit ‘kommen’ gebildetes VENIRE-Passiv verfügt.2 Aber auch bei den beiden herkömmlichen Passiven lassen sich Einflüsse der dominanten romanischen Varietäten erkennen.

Das nachfolgende Schema 1 gibt vorab einen Überblick über die formalen Bildungsweisen der msl. Passivkonstruktionen, unter Einschluß des Kriteriums der expliziten Agensangabe, die im MSL beim Reflexivpassiv ausgeschlossen ist.

Schema 1: Passivtypen im Moliseslavischen

In der hierarchischen Klassifikation wird hier zunächst danach untergliedert, ob das Vollverb in der betreffenden Konstruktion als PPP3 auftritt oder als flektiertes Reflexivum. Daran schließt sich die Aufgliederung nach dem zusätzlichen Bildungselement an, nämlich dem konkreten Auxiliar bzw. dem Reflexivpro←8 | 9→nomen. Schließlich werden den einzelnen Konstruktionen die funktionalen Passivtypen zugeordnet, das Zustandspassiv (nur mit dem Auxiliar ESSE) bzw. das Vorgangspassiv.

Im vorliegenden Beitrag werden wir uns in der Hauptsache auf das partizipiale ESSE-Passiv beschränken. Die übrigen Passivkonstruktionen werden im folgenden nur ansatzweise in ihrem Verhältnis zum ESSE-Passiv erläutert. Ihre ausführliche Behandlung bleibt künftigen speziellen Untersuchungen vorbehalten.

Eine besondere Rolle in der nachfolgenden Analyse des msl. ESSE-Passivs spielen neben der Bildungsweise der Partizipien und der prinzipiellen Aufgliederung in Vorgangs- und Zustandspassiv aspektuelle Funktionen, namentlich der Ausdruck von Prozessualität, Habitualität (Iteration)4 und Delimitativität, sowie die Interaktion mit den beiden Aspektoppositionen, d.h. der grammatischderivativen Perfektivitätsopposition (perfektiv : imperfektiv) und der morphosyntaktischen (flexivischen) Opposition von Perfekt und Imperfekt. Zu berücksichtigen sind beim Passiv auch die Funktionen des Neutrums, das im substantivischen Bereich analog zum italienischen 2-Genus-System vollständig geschwunden ist (Breu 2003; 2013).5

Neben theoretischen Fragestellungen zum Passiv und zum Sprachkontakt soll der vorliegende Beitrag auch zur Dokumentation der moliseslavischen Mikrosprache allgemein dienen. Deshalb enthält er zu einzelnen Phänomenen eine relativ große Zahl von Beispielen. Der Vergleich mit dem Italienischen ist für alle den Sprachkontakt betreffenden Aussagen unabdingbar.

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2. Die Formenbildung des moliseslavischen ESSE-Passivs

Das ESSE-Passiv wird im Präsens mit den proklitischen Kurzformen des Auxiliars bit gebildet. Bezogen auf die Vergangenheit werden die Aspektotempora Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt des Auxiliars eingesetzt, bezogen auf die Zukunft die mit den Auxiliaren tit ‘wollen’ und jimat ‘müssen, haben’ und dem Infinitiv bit gebildeten Future. Dazu kommen der Infinitiv und der Imperativ. Alle diese Formen werden mit dem PPP verbunden, das in der Regel im perfektiven Aspekt steht. Wie weiter auszuführen sein wird, spielt jedoch auch das imperfektive PPP eine gewisse Rolle, und zwar nicht nur bei Zustandsverben. Grundvoraussetzung für die Bildbarkeit des ESSE-Passivs (und überhaupt des PPP) ist die Transitivität des Verbs.

2.1. Die Formenbildung des passiven Partizips Perfekt (PPP)

Die Bildung des msl. PPP hält sich innerhalb der im Slavischen üblichen Bandbreite, wobei allerdings die mit dem Suffix -n- gebildeten noch stärker als sonst über die mit -t- gebildeten dominieren. Im folgenden geben wir einen kurzen Überblick über die hauptsächlichen Ableitungen.

Für das Passiv sind ausschließlich die Kurzformen des PPP zuständig, die nur im Nominativ bestehen, mit genusdifferenziertem Singular und einheitlichem Plural, z.B. bei dem zweiaspektigen Verb písat ‘schreiben’: pīsan SG.M, pīsana SG.F, pīsano SG.N, pīsane PL. Langformen haben ausschließlich adjektivischen Charakter und können von den Kurzformen mit Hilfe adjektivischer Endungen abgeleitet werden. Der Nominativ lautet im gegebenen Fall: pīsanī SG.M, pīsanā SG.F, pīsanō SG.N, pīsanē PL.

Die hier gegebenen Schreibungen sind historisierend. Synchron können sie als phonologisch aufgefaßt werden. In Acquaviva und San Felice wird das auslautende historische kurze -a als reduzierter Flüstervokal (stimmlos) realisiert /ˈpīsana/ = [ˈpiːsanḁ], das historisch lange als kurzes, voll ausgesprochenes - a. Das historisch kurze -o des Neutrums erscheint aufgrund des msl. Akanje in der Regel ebenfalls als [ḁ], /ˈpīsano/ = [ˈpiːsanḁ], während das historisch lange als kurzes [o] ausgesprochen wird, also [ˈpiːsano]. Ähnliches gilt für die Pluralformen, die historisch (und synchron-phonologisch) auf -e, auslauten.6

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Die Langformen spielen für die Beschreibung des Passivs, wie gesagt, keine Rolle, sind aber im attributiven Gebrauch sehr häufig; vgl. etwa Beispiel (1a) mit zatvorani im ACC.SG.M, (1b) mit nabotanu ACC.SG.F und (1c) mit otvoranihi „INS“.PL.M bei dem Pluraletantum usta ‘Mund’.7

(1a)Je osta jena list zatvorani momu tatu.8

‘Er ließ meinem Vater einen verschlossenen Brief zurück.’

(1b)Je vidija do naduga jenu stvaru nabotanu kana jena mihur.

‘Er sah von fern ein wie eine Blase aufgeblähtes Ding.’

(1c)Ja sa ju gledala s usti otvoranihi.

‘Ich sah sie mit geöffnetem Mund an.’

In der Regel sind die Partizipialstämme vom Infinitivstamm abgeleitet, wobei prinzipiell (wie sonst im Slavischen) eine Reduktion auf zwei Typen vorliegt, den a-Typ und den e-Typ, je nach dem (historisch, phonologisch) vorliegenden Vokal vor den formbildenden Konsonanten -n oder -t. Aufgrund des Akanje erscheint aber auch /e/, wenn es unbetont ist, variativ als [a]. Insbesondere bei konsonantischem Infinitivstamm des e-Typs ist außerdem analogischer Einfluß des Präsensstamms häufig. Im folgenden werden die Bildungsweisen an Hand einzelner Verben exemplifiziert, und zwar zunächst in einer phonologischen Darstellung ohne Suprasegmentalia, mit Hinzufügung einer phonetischen Repräsentation soweit erforderlich. Eine vollständige morphologische Beschreibung würde insbesondere angesichts der Alternationen, Variationen und der suprasegmentalen Charakteristik eine spezielle Untersuchung erfordern.

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In der regulären a-Klasse, die von den Infinitiven mit der Endung -at abgeleitet wird, erhält man den Partizipialstamm direkt durch Abstreichen der sowieso fakultativen Infinitivendung -t;9 vgl. hierzu die fünf Beispielverben in Tabelle 1.

Tab. 1: Die Bildung des PPP (a-Typ bei Infinitiven auf -at)

In die a-Klasse gehört beispielsweise auch sijan zu dem Imperfektivum sijat ‘säen’, ähnlich posijan zum zugehörigen perfektiven Partner posijat, aber auch alle italienischen (ital.) oder molisanischen (mol.) Lehnwörter aus der a-Konjugation, neben amat und numinat (< ital. amare, nominare) in Tabelle 1 etwa auch fermat ‘anhalten’ (< ital. fermare), PPP ferman, oder mitat ‘einladen’ (< mol. mmətà), PPP mitan.

Die Verben aller übrigen Infinitivklassen (vokalisch auf -it, -et oder konsonantisch) bilden das passive Partizip nach dem e-Typ. Bei Infinitiven auf -it fin←12 | 13→den wir infolge des Wandels des ursprünglichen i- des Infinitivstammes zu jvor dem Vokal -e- des Partizipialstamms häufig Palatalisierungen des stammauslautenden Konsonanten, insbesondere bei den Dentalen. Wie oben bereits angesprochen kann der typenbildende Vokal des Partizips infolge des Akanje in Acquaviva und San Felice auch als [a] realisiert werden, soweit nicht die Partizipialendung betont ist.13 Tritt letzterer Fall ein, wie bei čit in Tabelle 2, dann trägt der Vokal -e steigende Intonation und erscheint phonetisch vor Flüstervokal gedehnt. Beim Infinitiv liegt hier im übrigen in Acquaviva eine (obligatorische) Kontraktion vor. Die volle Form činit ist in Montemitro und San Felice die einzig mögliche. Im PPP wird auch in Acquaviva nicht kontrahiert. Abgesehen von čit ist in Tabelle 2 auch kupit endbetont, surtit und lejit sind dagegen stammbetont.

Tab. 2: Die Bildung des PPP (e-Typ) bei Infinitiven auf -it

Die konkreten phonetischen Formen der PPPs würden in Acquaviva etwa für stammbetontes surtit und für endungsbetontes čit folgendermaßen lauten: [ˈsuːrtit] – [ˈsuːrtʃan] M, [ˈsuːrtʃanḁ] SG.F/N, PL bzw. [ˈtʃiːt] – [ˈtʃiɲan] M, [tʃiɲéːnḁ] SG.F/N, PL.

Das PPP furnjen zu furnit ‘beenden’ ist ein weiterer Fall des i-Typs mit Palatalisierung. Es handelt sich hierbei um ein Lehnwort der i-Konjugation aus mol. fərnì. Im Erbwortschatz sind Ableitungen wie bei dobit ‘gewinnen’, PPP dobjen, oder bei zabit ‘vergessen’, PPP zabjen, auffällig, da es hier das -i- der Wurzel ist, das sich zu -j- wandelt. Dasselbe gilt auch für das transitive Reflexivum sa napit ‘trinken’ mit seinem PPP napjen. Dagegen haben nosit ‘tragen’ und vodit ‘am Strick führen’ in ihren Partizipien nosen bzw. voden keine Palatalisierung, auch nicht zgorit ‘verbrennen’ mit seinem PPP zgoren oder zatvorit ‘schließen’ mit zatvoren. Bei pokrit ‘bedecken’ schwindet sogar das -i- der Wurzel ersatzlos: PPP pokren. Gelegentlich kommt auch Variation vor, etwa bei viden ~ ←13 | 14→vidžen zu vidit ‘sehen’. Auch das gerade genannte PPP napjen hat eine Variante napijen.15

Noch stärkere Unregelmäßigkeiten weisen die Partizipien der irregulären Infinitivklassen auf, zu denen diejenigen auf -č, -kj, -et und auf Konsonantencluster zählen, die ebenfalls dem partizipialen e-Typ zuzuordnen sind. Hier sind Einflüsse des Präsensstamms (in synchronischer Sicht) besonders häufig, insbesondere, wenn im Infinitiv im Laufe der Sprachgeschichte wegen konsonantischem Stammausgang eine Verschmelzung mit der Infinitivendung -t zu sekundären Endungen eingetreten ist. Im PPP kommt dieser ursprüngliche Stammausgang wieder zum Vorschein; vgl. etwa zdubjen mit dem -b wie im Präsens (historisch auch im Infinitiv) statt -s, wie es der Infinitiv jizdust ‘ausgraben’ in Tabelle 3 aufweist, oder auch vrč ‘setzen, stellen, legen’ mit dem PPP vržen (Wurzel *vrg-). Bei reč ‘sagen’ wird die Partizipialendung sogar an den vollen Infinitiv angehängt. Tabelle 3 zeigt wieder die phonologische Basisform (ohne Suprasegmentalia) der angegebenen und weiterer Beispiele.16

Tab. 3: Die Bildung des PPP (e-Typ) bei irregulären Infinitiven

Im folgenden seien noch einige weitere Besonderheiten angeführt. So findet sich neben den in Tabelle 3 genannten beispielsweise bei požet ‘ernten’ ein PPP poženjen, ukrest ‘stehlen’ hat ukredžen, und zu jisprest ‘spinnen’ gehört jispredžen. Eine andere Palatalisierung weist ubost ‘stechen’ mit seinem PPP ubojen auf. Bei den variativen Infinitiven vazet ~ vast ~ vamit finden sich die sekundär nach dem Präsens umgestalteten PPP-Bildungen vam(l)jen und – als eine der seltenen t-Bildungen außerhalb der Semelfaktiva – vamjat.

Auffällig ist die Partizipialbildung bei den Verben mit dem Semelfaktivsuffix -n-, die vom Infinitiv her mit Ersetzung des ursprünglichen -nut durch -nit ←14 | 15→zur i-Klasse gehören. Das Präsens zeigt dagegen nach wie vor die Endungen der e-Konjugation. Der Normalfall ist beim PPP die Beibehaltung des n-Suffixes mit daran anschließender Partizipialendung -ot, z.B. PPP dvignot zu dvignit ‘hochheben’ oder badnot zu badnit ‘berühren’. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Senkung des ursprünglichen -nu > -no, worauf auch die selteneren Nebenformen mit erhaltendem -u- hinweisen, also dvignut, badnut. Im Endeffekt sind die Semelfaktivbildungen die einzigen mit regulär erhaltener t-Endung für die Partizipien. Doch auch hier ist gelegentlich variativ die n-Endung eingedrungen, etwa bei der Variante badnjen. Zum Teil fehlt im PPP das Semelfaktivsuffix, wie bei zgrabjen zu zgrabnit ‘ergreifen’. Hier ist aber wohl eher von einem Einschub des semelfaktiven -n- im Infinitiv auszugehen, wie der Vergleich mit dem zugehörigen Imperfektivum grabit zeigt. Andererseits findet sich das Semelfaktivsuffix gelegentlich auch in Partizipien, die es im Infinitiv nicht aufweisen, z.B. beim PPP razbnjot (~ razbjen) zu razbit ‘zerbrechen’. In beiden Fällen ist wohl der punktuelle Charakter der Verbbedeutung für die Analogie zu den Semelfaktiva verantwortlich. Ein Modell für solche Schwankungen kommt von der traditionellen Variante dvižen (~ dvignot) bei dem Infinitiv dvignit.

Wie oben festgestellt, zeigt das pf. Verb nabrat ‘ernten’ im PPP die reguläre Ableitung vom Infinitivstamm auf -a, also nabran. Dagegen weist das zugehörige Imperfektivum brat bei der Bildung des PPP beren Einfluß des Präsensstamms auf und ist dem e-Typ der Partizipien zuzuordnen. Der Einfluß des Präsensstamms ist nicht auf Imperfektiva beschränkt, wie das Partizip zaberen zu dem pf. zabrat ‘wählen’ von derselben Wurzel zeigt. Wirklich ausgeschlossen ist nicht einmal naberen als Variante des häufigeren nabran.

Dennoch ist der Einfluß des Präsensstamms auf die Bildung des PPP bei Imperfektiva besonders häufig, z.B. bei dem Zustandsverb znat ‘wissen’ mit PPP znajen oder bei kupovat ‘kaufen’ mit dem PPP kupovljen. Andererseits ist der Einfluß des Präsens auch bei dem Perfektivum dat ‘geben’ zu finden, wohl in Kontamination mit dem zugehörigen Imperfektivum davat. PPP für beide Aspektpartner ist dajen, das dem e-Typ zuzurechnen ist. Ähnliches gilt für das Präfixkompositum udat ‘verheiraten’, hier allerdings mit Variation udan ~ udajen. Ein weiterer Fall mit (synchron) erhaltenem vollem Infinitiv in der Partizipialableitung ist buč, PPP bučen.

Da Unterschiede in der Konjugation der drei msl. Dialekte bestehen, ergeben sich teilweise auch charakteristische Unterschiede in der Bildung des PPP. So entspricht beispielsweise dem obigen aus dem Dialekt von Acquaviva stammenden Partizip pisan zu pisat ‘schreiben’, Präsens pisam 1.SG usw., in Montemitro die Form pišen, die unter dem Einfluß des dortigen Präsens pišem usw. entstanden ist.

Biographische Angaben

Bernhard Brehmer (Band-Herausgeber:in) Aage A. Hansen-Löve (Band-Herausgeber:in) Tilmann Reuther (Band-Herausgeber:in)

Bernhard Brehmer war zunächst Juniorprofessor an der Universität Hamburg und hat seit 2013 die Professur für slawische Sprachwissenschaft am Institut für Slawistik der Universität Greifswald inne. Aage A. Hansen-Löve habilitierte an der Universität Wien (russische Literaturwissenschaft) und war von 1987 bis zur Emeritierung 2013 Professor am Institut für Slavische Philologie der Universität München. Tilmann Reuther studierte Lehramt für Russisch und Mathematik in Wien und wurde 2004 an der Universität Klagenfurt habilitiert. Er war dort bis 2018 Professor für russische Sprachwissenschaft.

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Titel: Wiener Slawistischer Almanach Band 83/2019