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Konzeptuelle Motivationen des Verbalaspekts im Russischen und Tschechischen

Mit besonderer Berücksichtigung von Iteration und der ‘faktischen’ Funktion sowie der Begriffe von Episodizität und Referenz

von Valentin Dübbers (Autor:in)
Dissertation X, 434 Seiten
Reihe: Slavolinguistica, Band 25

Zusammenfassung

Die Publikation befasst sich mit der Frage, durch welche universellen Konzepte der Verbalaspekt und seine Variationen motiviert sind. Hierfür werden zunächst die Grundlagen der Aspekttheorie auf den Ebenen Vorgangstyp und Vorgangstoken neu beleuchtet und eine Differenzierung innerhalb des Zustandsbegriffs sowie zwischen den Parametern Episodizität und episodische Referenz vorgenommen. Anschließend befasst sich die Publikation unter Einschluss empirischer Korpusstudien mit der Aspektvariation bei Iteration im Tschechischen. Der letzte Abschnitt widmet sich der Aspektmotivation bei ‚faktischer‘ (nichtepisodischer) Referenz und der Divergenz zwischen dem Russischen und Tschechischen in diesem Bereich.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • About the author
  • About the book
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung und inhaltlicher Überblick
  • TEIL I: Konzeptuelle Basis aspektueller Phänomene
  • 1. Zwei-Ebenen-Theorie des Aspekts auf universeller konzeptueller Grundlage
  • 1.1. Problematik der begrifflichen und terminologischen Unterscheidung zweier sprachlicher Phänomenbereiche
  • 1.2. Sprachphilosophische und erkenntnistheoretische Ausgangspunkte
  • 1.2.1. Zum Verhältnis von Konzept und Wirklichkeit
  • 1.2.2. Das Vorgangskonzept als Teil einer Trichotomie konzeptueller Grundkategorien
  • 1.3. Aspektuelle Dichotomie auf zwei Ebenen
  • 1.3.1. Die konzeptuellen Entitätstypen ‘holistisch’ vs. ‘homogen’
  • 1.3.2. Maximales vs. nichtmaximales Token einer Entität
  • 1.3.2.1. Maximales (begrenztes, geschlossenes) Token: perfektive Aussage eines Vorgangs, Ereignis
  • 1.3.2.2. Nichtmaximales (unbegrenztes, offenes) Token: imperfektive Aussage eines Vorgangs, Verlauf
  • 1.4. Assertionszeit, Psychisches Jetzt und Phasenstruktur
  • 1.4.1. Die Assertionszeit als semantisches Konstrukt zur Beschreibung der Aspekte
  • 1.4.2. Das Psychische Jetzt als Zeit der Vergegenwärtigung
  • 1.4.3. Phasenstruktur bei Vergegenwärtigung im Psychischen Jetzt
  • 1.5. Relativität der Ebenen und Rekategorisierung des Typs
  • 1.6. Unterschiedliche Arten von Begrenzungen von Vorgängen
  • 1.7. Sprachliche Evidenz für die universelle Ebenenunterscheidung in Sprachen mit und Sprachen ohne grammatischen Aspekt
  • 1.8. Zur ingressiven Funktion perfektiver Aspektgrammeme
  • 1.9. Zustände als nichtepisodische und als episodische Konzeptualisierungen
  • 1.9.1. Die Problematik der Definition und Differenzierung des Zustandsbegriffs
  • 1.9.2. Von der ursprünglichen nichtepisodischen Zustandsaussage zur Konzeptualisierung von Zustandsepisoden und deren Niederschlag in sprachlichen Kategorien
  • 1.9.2.1. Episodische Zustände (statisch) vs. Vorgänge (dynamisch)
  • 1.9.3. Nichtepisodische Konzeptualisierungen von Zuständen
  • 1.10. Zusammenfassung der Zwei-Ebenen-Theorie
  • 2. (Nicht-)Episodische Situation vs. (nicht-)episodische Referenz auf eine Situation
  • 2.1. Unterschiedliche Referenz auf episodische Situationen (Episoden)
  • 2.2. Unterschiedliche Referenz auf nichtepisodische Zustände
  • 2.3. Zum Perfekt bzw. zur Perfektfunktion
  • TEIL II: Motivation des Aspekts bei Iteration
  • 3. Allgemeines zur Aspektmotivation bei Iteration
  • 3.1. Iteration als komplexe Struktur und offene vs. geschlossene Iteration
  • 3.2. Motivation des Aspekts durch die Mikro- oder die Makrosituation
  • 3.3. Motivation durch offene iterative Makrosituation
  • 3.3.1. Episodische Konzeptualisierung der Makrosituation als Makro-Verlauf
  • 3.3.2. Nichtepisodische Konzeptualisierung der Makrosituation (Habitualität als abstrakter nichtepisodischer Zustand)
  • 3.3.3. Iterative Makrosituation als abstrakte Zustandsepisode
  • 3.4. Aspektmotivation bei geschlossener iterativer Makrosituation
  • 3.5. Abschließendes zu Typ und Token iterativer Makrosituationen
  • 3.6. Nichtlineare Mehrmaligkeit von Situationen
  • 3.7. Episodische und nichtepisodische Referenz auf iterierte und iterative Situationen
  • 3.8. Zusammenfassung
  • 4. Aspektkonkurrenz bei offener Iteration im Tschechischen
  • 4.1. Vorbemerkungen zur West-Ost-Polarität des slavischen Aspekts
  • 4.2. Mikroebene als entscheidender Faktor oder gleichwertige Ebenenkonkurrenz?
  • 4.2.1. Stunová (1993)
  • 4.2.2. Eckert (1984)
  • 4.2.3. Abschließendes zu den Faktoren der Mikroebene
  • 4.3. Der Faktor der offenen Iterationsquantoren: Typ und Wortstellung
  • 4.3.1. Petruchina (1983)
  • 4.3.2. Eigene Korpusuntersuchung
  • 4.3.2.1. Problemstellung und Art der Durchführung
  • 4.3.2.2. Auswertung und Interpretation
  • 4.4. Skopusverhältnis von Negation und Iterationsquantor
  • 4.4.1. Formale Satz- vs. Satzgliednegation und funktionale totale vs. partielle Negation im Tschechischen
  • 4.4.2. Unterscheidung der beiden Skopusverhältnisse und mögliche Wortstellungen im Tschechischen
  • 4.4.3. Aspektverteilung in den beiden Skopusverhältnissen
  • 4.5. Referenz und Numerus von Argumenten
  • 4.5.1. Subjekt im Singular mit identischer vs. distributiver Referenz
  • 4.5.2. Subjekt im Plural mit identischer vs. distributiver Referenz
  • 4.5.3. Einfluss der Wortstellung von Subjekt und Verb?
  • 4.5.4. Referenz und Numerus des Objekts
  • 4.6. Zusammenfassung
  • 4.7. Exkurs: Zur Semantik der morphologischen Iterativa von Zustandsverben im Tschechischen
  • 4.7.1. Morphologische Iterativa für iterative Makroepisoden
  • 4.7.2. Pseudo-iterative Funktion von Iterativa für kontinuierliche Makroepisoden von Zuständen
  • 4.7.3. Zusammenfassung
  • TEIL III: Motivation der ‘faktischen Funktion’ des imperfektiven Aspekts im Slavischen
  • 5. Umfang und Motivation der ‘faktischen Funktion’ des imperfektiven Aspekts
  • 5.1. Die ‘faktische Funktion’ des IA als Oberbegriff bei nichtepisodischer Referenz auf Ereignisse
  • 5.2. Umfang und Subklassifikation der ‘faktischen Funktion’ des IA in traditionellen Ansätzen
  • 5.2.1. ‘Existenziell’ vs. ‘präsuppositional’ (GRØNN)
  • 5.2.2. ‘Allgemeinfaktisch’ vs. ‘aktional’ (PADUČEVA 1996)
  • 5.3. Die unterschiedliche Rolle von Typ vs. Token in Existenzaussagen
  • 5.3.1. Vorgangsprädikationen als Existenzprädikationen von Vorgängen
  • 5.3.2. Worauf referiert das (nominale) Argument eines Existenzprädikats?
  • 5.3.2.1. Existenz von konkreten (singulären) Entitäten
  • 5.3.2.2. Existenz von Typen von Entitäten (Vorkommen, Vorhandensein)
  • 5.3.2.3. Intensionale Tokenreferenz als funktionale Typreferenz vs. wörtliche Typreferenz im Nominalbereich und die Rolle des Numerus
  • 5.3.2.4. Extensionale vs. intensionale Referenz als grundlegende Dichotomie orthogonal zu definiter/indefiniter Referenz
  • 5.3.2.5. Affirmative Existenzaussagen mit unterschiedlicher Salienz von Typ oder Token.
  • 5.3.3. Typ vs. Token bei Vorgangsprädikaten und (nicht-)episodische Referenz
  • 5.4. Subklassifikation der ‘faktischen Funktion’ unter dem Gesichtspunkt Typ vs. Token
  • 5.4.1. Die klassischen Fälle: Typexistenzielle und aktional-spezifizierende FF
  • 5.4.2. Aktional-existenzielle FF
  • 5.4.2.1. Verifikative aktional-existenzielle FF im Unterschied zur singulärtypexistenziellen FF
  • 5.4.2.2. Aktional-existenzielle FF nur im verifikativen oder auch im neutralen oder explikativen kommunikativen Status?
  • 5.4.3. Zum Verhältnis zwischen konkret-referenziellen Funktionen des IA und der singulärtypexistenziellen FF und möglicher Vagheit
  • 5.5. Motivation des IA bei der aktionalen und der typexistenziellen FF
  • 5.5.1. Motivation des IA bei der aktionalen FF
  • 5.5.2. Motivation des IA bei der typexistenziellen FF
  • 6. Abstufungen zwischen episodischer und nichtepisodischer Referenz und ihr Verhältnis zur Token- vs. Typreferenz
  • 6.1. Die Endpunkte der Skala: Volle episodische Referenz vs. existenzielle Typreferenz
  • 6.1.1. Volle episodische Referenz
  • 6.1.2. Existenzielle Typreferenz (nichtepisodische Referenz)
  • 6.1.2.1. Abgrenzung von der Referenz auf einen abstrakten Zustand des (bevorstehenden) Stattfindens eines Ereignisses (keine typexistenzielle FF)
  • 6.1.2.2. Ebenenunterscheidung des PJ bei der typexistenziellen FF und Abgrenzung zur Ebenenunterscheidung bei der (offen-)iterativen Funktion des IA
  • 6.1.2.2.1. Einbettung von resultativen Ereignissen im PA in einen typexistenziellen Kontext
  • 6.2. Zwischenstufen der Referenz
  • 6.2.1. Isolierte Existenzprädikationen von Vorgangstokens im Präteritum
  • 6.2.1.1. Aspektfunktionen bei isolierter Referenz auf Vorgangstokens und die „Faktizität“ der retrospektiven Referenz
  • 6.2.2. Sekundäre Prädikationen über Vorgangstokens
  • 6.3. Zusammenfassung der Abstufungen der episodischen Referenz
  • 7. Besondere Motivationen des IA: Resultatsannulliertheit und geschlossene Iterativität
  • 7.1. Resultatsannulliertheit: Einordnung, Motivation und Referenzstatus
  • 7.1.1. Resultatsannulliertheit im Rahmen der typexistenziellen FF
  • 7.1.2. Durch Resultatsannulliertheit motivierte FF des IA mit größerer Nähe zu konkreter Tokenreferenz
  • 7.1.3. „Bidirektionale“ Bewegungsverben und syntaktische Einbettung der resultatsannullierenden FF in konkret-referenzielle Kontexte
  • 7.1.4. Nachtrag: Vorvergangenheit als mögliche, aber nicht notwendige Implikation der resultatsannullierenden FF – aber auch der aktionalen FF
  • 7.2. Geschlossene Iterativität und die Frage des Referenzstatus
  • 7.2.1. Geschlossene Iterativität im Rahmen der typexistenziellen FF des IA
  • 7.2.2. Geschlossene Iterativität bei konkreter Tokenreferenz
  • 7.2.3. Geschlossen-iterative FF des IA mit konkreter Tokenreferenz?
  • 7.2.3.1. Einbettung der geschlossen-iterativen FF in einen narrativen Erzählstrom
  • 7.2.3.2. Zur Frage einer retrospektiven konkret-referenziellen geschlossen-iterativen FF
  • 7.3. Abschließende Bemerkungen zur Familie der typexistenziellen/resultatsannullierenden/ geschlossen-iterativen FF des IA
  • 8. Die systematischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der FF im Russischen und Tschechischen im Umriss
  • 8.1. Existenzielle Typreferenz: obligatorischer IA im Russischen vs. Verbabhängigkeit im Tschechischen
  • 8.2. Resultatsannullierender IA im Russischen vs. schlichte Vorzeitigkeitsfunktion des faktischen IA im Tschechischen
  • 8.3. Geschlossene Iterativität
  • 8.4. Möglicher IA im Tschechischen vs. obligatorischer PA im Russischen
  • 8.4.1. Tschechischer IA in Überschriften
  • 8.4.2. Tschechischer IA in allgemeinen Fällen isolierter retrospektiver Referenz auf Ereignistokens
  • 8.5. Fazit
  • Zusammenfassung und Fazit
  • Literaturverzeichnis

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Einleitung und inhaltlicher Überblick

Der Aspekt ist eine semantische Kategorie des Verbs, die bekanntlich nur in manchen Sprachen grammatikalisiert ist, d.h. obligatorisch durch die Verbform ausgedrückt wird – so in den slavischen Sprachen, im Englischen und in den Vergangenheitstempora romanischer Sprachen wie z.B. des Französischen. Im Unterschied zum grammatischen Tempus, das eine Verbsituation in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft relativ zur Äußerungszeit lokalisiert und dessen Beschreibung hinsichtlich dieser Lokalisierung meist keine größeren Probleme mit sich bringt, ist die Beschreibung der Aspektkategorie, ihrer unterschiedlichen Erscheinungsformen sowie ihres unterschiedlichen und variablen Verhaltens in verschiedenen Sprachen komplexer und oft mit begrifflichen und terminologischen Verwirrungen verbunden. Dies fängt schon bei der Frage der Definition des Aspektbegriffs an. Zwar kann grundsätzlich gesagt werden, dass der Aspekt mit Begrenzungseigenschaften von Verbsituationen, also dem Gegensatzpaar ‘begrenzt vs. unbegrenzt’ oder ‘geschlossen vs. offen’ zu tun hat. Doch kann diese Dichotomie auf zwei verschiedenen Ebenen der Situationsbeschreibung angewandt werden: zum einen kann ein Vorgang bereits in seiner Definition eine Begrenzung haben, also holistisch definiert sein wie z.B. aufstehen, das Fenster öffnen oder einen Kuchen backen, oder ohne eine solche Begrenzung, d.h. homogen1 definiert sein wie z.B. tanzen oder Klavier spielen. Zum anderen kann – davon grundsätzlich unabhängig – ein Vorgang entweder als geschlossene (maximale) Episode, als „Ereignis“ dargestellt werden (perfektiv), z.B. Gestern Abend hat er {einen Kuchen gebacken / Klavier gespielt}, oder aber als offene (nichtmaximale) Episode, d.h. ein „Verlauf“, der zu einem bestimmten Referenzzeitpunkt vor sich geht (imperfektiv), z.B. Als er nach Hause kam, {backte sie gerade einen Kuchen / spielte sie gerade Klavier}. Der Aspektbegriff in einem weiteren – eher allgemeinlinguistischen – Sinne wird auf beide Ebenen angewandt; in einem engeren Sinne – so auch in der Slavistik – aber nur auf die letztgenannte. Oft wird dann bei Aspektsprachen die Unterscheidung ‘lexikalischer vs. grammatischer Aspekt’ getroffen – dieses Begriffspaar greift jedoch in allgemeinlinguistischer Hinsicht zu kurz, da es um eine allgemeine konzeptuelle Unterscheidung zweier Ebenen geht, die ja auch in den obigen Beispielen des Deutschen als einer Nicht-Aspektsprache zum Ausdruck kommt.

Das Anliegen der vorliegenden Arbeit ist zunächst die Beschreibung einer „integralen“ Aspekttheorie auf der Grundlage dieser Ebenenunterscheidung und universeller konzeptueller Grundkategorien. Um diese konzeptuelle Basis geht es in Teil I der Arbeit. In den Teilen II und III sollen mit Hilfe der dabei präzisierten Begriffe die besonders einschlägigen und einer großen Varianz unterliegenden Phänomenbereiche von Iterativität und der ‘faktischen Funktion’ im Russischen und Tschechischen beleuchtet werden. Diese beiden Sprachen können als Repräsentanten des östlichen und des westlichen slavischen Aspekttyps und somit der inner←1 | 2→slavischen Aspektvarianz angesehen werden. Das Hauptanliegen dabei ist es, die verschiedenen, von Sprache zu Sprache variierenden Unterfunktionen der grammatischen Aspekte nicht als zufällige funktionale Kategorien aufzufassen, sondern ihre jeweilige konzeptuelle Motivation zu verstehen und von den invarianten Grundbedeutungen der Aspekte abzuleiten.

In Teil I soll zunächst eine allgemeine Zwei-Ebenen-Theorie des Aspekts mithilfe des Begriffspaars ‘Vorgangstyp’ vs. ‘Vorgangstoken’ beschrieben werden. Dabei soll zwischen den sogenannten ‘unidimensionalen’ und den ‘bidimensionalen’ Ansätzen vermittelt werden. Von den ersteren werden die beiden Ebenen lediglich als Problem von Einzelsprachen (im Sinne der Unterscheidung ‘lexikalischer vs. grammatischer Aspekt’) und nicht als allgemeine semantisch-konzeptuelle Unterscheidung angesehen, von den letzteren hingegen als semantisch unterschieden und voneinander unabhängig („orthogonal“, vgl. FILIP 1999: 158). Doch auch der Begriff ‘bidimensional’ ist irreführend, da es sich um dieselbe konzeptuelle Dichotomie ‘offen vs. geschlossen’ bzw. die Teil-Ganzes-Beziehung handelt. Diese aber tritt wie gesagt auf verschiedenen Ebenen auf, die allgemein, d.h. semantisch-konzeptuell und nicht nur sprachspezifisch unterschieden werden können. Allerdings ist nicht von einer völligen Unabhängigkeit der Ebenen zu sprechen, da aufgrund der Asymmetrie der Teil-Ganzes-Beziehung ein holistischer Vorgangstyp nur als maximales Vorgangstoken (Ereignis) voll verwirklicht und ein nichtmaximales Vorgangstoken (Verlauf) zu einem holistischen Vorgangstyp nur in einer Teilrelation stehen kann, für sich genommen aber stets homogene Eigenschaft hat.

Eine weitere wesentliche Problematik, die mit der Aspektthematik verbunden ist und um die es in Teil I dieser Arbeit geht, ist mit dem Begriffspaar ‘episodisch / nichtepisodisch’ und dem Begriff des ‘Zustands’ bzw. der Zustandsaussage (statisch) in Abgrenzung vom Begriff des ‘Verlaufs’ (dynamisch) verbunden. Der Begriff der Episodizität spielt eine zentrale Rolle in der einschlägigen und progressiven funktionalen Aspekttheorie von LEHMANN (s. insbes. Lehmann 1994). Im Unterschied zu dem Ansatz von Lehmann, der Zustände per se als nichtepisodisch definiert, wird aber in der vorliegenden Arbeit unterschieden zwischen der primären nichtepisodischen Zustandsaussage, also der Aussage einer zu einem bestimmten Zeitpunkt geltenden Eigenschaft, und einem davon abgeleiteten Begriff des Zustands als zeitliche Episode, in der die Eigenschaftsaussage gilt. Dieser Unterschied kann teilweise anhand des Gegensatzes im Englischen zwischen der einfachen Form und der Verlaufsform illustriert werden. Ein nichtepisodischer Zustand ist also eine von einer bestimmten Zeit ausgesagte bloße Gültigkeit einer Eigenschaft ohne Konzeptualisierung einer Episode, ein episodischer Zustand (also eine Zustandsepisode) ist wie ein Vorgang eine konzeptualisierte Zeitgestalt, jedoch abgeleitet und abstrakt und keine primäre Zeitgestalt wie ein Vorgang.

Die Bezeichnung einer Aussage als ‘episodisch’ heißt also in dem hier vertretenen Ansatz, dass eine Zeitgestalt (Episode) konzeptualisiert wird, die zeitlich verortet wird, ‘nichtepisodisch’ bedeutet, dass von einer bestimmten Zeit eine Eigenschaftsaussage gemacht wird, ohne dass dabei eine Episode konzeptualisiert wird. Hiervon unterschieden wird in dieser Arbeit die ‘episodische / nichtepisodische Referenz’ auf eine temporale Situation (s. Kapitel 2), die ←2 | 3→unabhängig von der episodischen oder nichtepisodischen Konzeptualisierung der Situation selbst ist. Auch hierin setzt sich die vorliegende Arbeit von Lehmanns Theorie ab, bei dem die Begriffe Episodizität (einer Situation) und episodische Referenz zusammenfallen und nur von ‘Episodizität’ die Rede ist. Episodische Referenz im Sinne des hier vertretenen Ansatzes heißt, dass auf eine temporale Situation so referiert wird, dass sie – entsprechend Lehmanns Definition von ‘Episodizität’ – im ‘Psychischen Jetzt’ (PJ) vergegenwärtigt wird; nichtepisodische Referenz heißt, dass auf eine temporale Situation referiert wird, ohne sie im PJ zu vergegenwärtigen. Die Vergegenwärtigung der Situation bei episodischer Referenz ist (auch bei Lehmann) unabhängig von ihrer objektiven zeitlichen Lokalisierung in Bezug zur Äußerungszeit – so liegt in einem narrativen Kontext die Vergegenwärtigung von realiter vergangenen (oder fiktiven) Situationen vor (die deshalb auch im historischen Präsens wiedergegeben werden können). In meinem Ansatz ist die Vergegenwärtigung aber auch unabhängig von der episodischen / nichtepisodischen Konzeptualisierung der Situation selbst. So wird zwar typischerweise auf eine Episode episodisch referiert und auf einen nichtepisodisch konzeptualisierten Zustand nichtepisodisch, doch kann auch nichtepisodisch auf eine Episode referiert werden – das klassische Beispiel hierfür ist die traditionell ‘allgemein-faktisch’ genannte Funktion des imperfektiven Aspekts im Russischen bei Aussagen, dass ein gewisses Ereignis vorgekommen ist: Dieses Ereignis bleibt als solches eine Zeitgestalt, d.h. Episode, und wird als solche konzeptualisiert, aber es wird nicht als Episode im PJ vergegenwärtigt (‘Konzeptualisierung’ ist also nicht mit ‘Vergegenwärtigung’ gleichzusetzen). Als nichtepisodischer „Zustand“ wird nicht das Ereignis selbst konzeptualisiert, sondern allenfalls das davon abgeleitete, zur Äußerungs- bzw. Referenzzeit gültige abstrakte Faktum der Existenz des Ereignisses. Dieses legitimiert jedoch nicht das Präteritum, mit dem auf das in der Vergangenheit vorgekommene Ereignis referiert wird. Und umgekehrt kann auch ein nichtepisodisch konzeptualisierter Zustand vergegenwärtigt werden, indem der Zeitpunkt, zu dem er gilt oder galt, vergegenwärtigt wird, auch in einem narrativen Kontext.

Die Unterscheidung zwischen episodischer und nichtepisodischer Referenz ist allerdings keine absolute, sondern eine relative mit möglichen Zwischenstufen, wobei die Vergegenwärtigung im PJ und die Retrospektivität als koexistent und nur unterschiedlich gewichtet gedacht werden kann. Dies wird in Teil III, Kapitel 6 dargelegt.

Ausgehend von der Beschreibung dieser konzeptuellen Basis aspektueller Phänomene in Teil I sind der Gegenstand von Teil II diejenigen Fälle, in denen iterierte (wiederholte) gleichartige Situationen versprachlicht werden und insofern wiederum zwei Ebenen unterschieden werden können: die Mikroebene der Einzelsituation, die iteriert wird, und die Makroebene der Iterationskette als Gesamtheit. Dabei wird der Terminus ‘iteriert’ auf die Mikrosituation bezogen, die wiederholt wird, der Terminus ‘iterativ’ aber auf die Makrosituation, die aus den iterierten Mikrosituationen besteht. Es ist zwischen zwei grundsätzlichen Arten der sprachlichen Darstellung von Iterativität zu unterscheiden: der offenen (unbegrenzten) und der geschlossenen (begrenzten) Iterativität. Nur im ersteren Fall kann von einer Motivation des grammatischen imperfektiven Aspekts (IA) durch die (offene) iterative Makrosituation und einer da←3 | 4→raus sich ableitenden iterativen Aspektfunktion gesprochen werden, sofern der Aspekt nicht durch die iterierte Mikrosituation bestimmt wird. Dadurch kommt es zu einer Konkurrenz zwischen der Mikro- und der Makroebene hinsichtlich ihres Einflusses auf die grammatische Aspektwahl und zur Möglichkeit der unterschiedlichen Fokussierung bzw. Vergegenwärtigung von Mikro- oder Makrosituation durch den grammatischen Aspekt. Diese Konkurrenz besteht jedoch beim östlichen slavischen Aspekttyp, hier repräsentiert durch das Russische, nur peripher, da dort der IA zur Kennzeichnung offener Iterativität weitgehend grammatisch vorgeschrieben ist. Im westlichen slavischen Aspekttyp, hier repräsentiert durch das Tschechische, besteht dagegen eine freiere Variationsmöglichkeit zwischen aspektueller Fokussierung der Mikrosituation und Aspektbestimmung durch die Makrosituation. – Bei geschlossener Iterativität ist die Mikrosituation insofern salienter, als sie durch adverbiale Quantoren des Typs ‘n-mal’ „multipliziert“ wird, während bei offener Iterativität ein Quantor wie ‘oft’, ‘selten’ oder ‘regelmäßig’ auch als Spezifikation einer bereits durch den IA gekennzeichneten iterativen Makrostruktur (Dichte bzw. Art der Wiederholungen) aufgefasst werden kann. Eine geschlossene iterative Makrosituation kann als solche nicht den IA legitimieren, dafür kann der perfektive Aspekt (PA), auch wenn er ein jeweiliges geschlossenes Mikroereignis voraussetzt, auch die Geschlossenheit der Makrosituation hervorheben (sog. „summarische“ Bedeutung, die aber in ihrer Definition strittig ist und diskutiert wird). Wenn der IA dennoch verwendet wird, aber nicht durch eine Verlaufsdarstellung der Mikrosituation motiviert ist, so muss er als besonderer Fall seiner ‘faktischen’ Funktion angesehen werden, die erst in Teil III der Arbeit eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung erfährt.

Nachdem in Kapitel 3 den allgemeinen Fragen zu den Konzeptualisierungen offener und geschlossener Iteration, zu den möglichen Aspektmotivationen in diesen Fällen und zur Frage der Arten von Referenz auf iterierte/iterative Situationen nachgegangen worden ist, bildet Kapitel 4 mit der Untersuchung der Faktoren für die Aspektvariation bei offener Iterativität im Tschechischen das empirische Kernstück dieser Arbeit. Die offene Iterativität ist zugleich ein prominenter Beispielbereich für die innerslavische Variation des Funktionierens der Aspektkategorie zwischen den beiden „Polen“ Tschechisch und Russisch, die den westlichen, konservativeren, und den östlichen, progressiveren und grammatikalisierteren Aspekttyp repräsentieren. Eine kurze Abhandlung der allgemeinen aspektuellen West-Ost-Typologie auf der Basis der einschlägigen Arbeit von DICKEY (2000) wird zu Beginn von Kapitel 4 (Abschnitt 4.1) gegeben, bevor dann in 4.2 bis 4.5 die Faktoren behandelt werden. Die Faktoren für die Aspekt- bzw. Ebenenkonkurrenz bei offener Iterativität im Tschechischen, insbesondere der Einfluss verschiedener adverbialer Iterationsquantoren wie ‘oft’ oder ‘ab und zu’ (Abschnitt 4.3), von Skopusverhältnissen bei Negation (4.4) und von Eigenschaften der Argumente (4.5) ist in der bisherigen Literatur noch wenig bis gar nicht untersucht worden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse gründen auf Zahlenverhältnissen zwischen den Vorkommen der beiden Aspekte in bestimmten Kollokationen, die durch Korpusstudien anhand des Tschechischen Nationalkorpus eruiert wurden. Die Ergebnisse sind z.T. in Balkendiagrammen sichtbar gemacht und im Online-Anhang auf der Verlagshomepage zu finden (s. letzte Buchseite).

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Während bei offener Iterativität das Russische (im Gegensatz zum Tschechischen) insofern uninteressant ist, als hier weitgehend der IA obligatorisch und der PA nur in bestimmten markierten Kontexten im morphologischen Präsens verwendet werden kann (in der sog. „anschaulich-exemplarischen“ Funktion), besteht bei geschlossener Iterativität auch im Russischen Aspektkonkurrenz. Auf eine ähnlich umfangreiche Abhandlung dieses Bereichs musste aber verzichtet werden. Stattdessen sei an dieser Stelle auf die Arbeiten von GATTNAR (2011) und (2013) verwiesen, die bei geschlossener Iteration den Einfluss von Quantoren wie ‘einige Male’ (neskol’ko raz) oder ‘zweimal’ (dva raza) und ihrer Wortstellung mit Sprachproduktions- und -rezeptionstests untersucht hat. In der vorliegenden Arbeit findet eine Erörterung der Motivation des IA bei geschlossener Iterativität sowie eine Darstellung der wichtigsten Unterschiede zwischen dem Russischen und Tschechischen in diesem Bereich erst in Teil III statt (Abschnitte 7.2 bzw. 8.3), da der IA bei geschlossener Iterativität ja einen Unterfall der ‘faktischen’ Funktion darstellt (wenn er nicht durch eine Verlaufsdarstellung der jeweiligen Mikrosituation motiviert ist).

In Abschnitt 4.7 wird in einem Exkurs auf die Semantik der tschechischen morphologischen Iterativa von Zustandsverben eingegangen. Diese sind zum einen deshalb von Interesse, da sie quasi „Imperfektivierungen“ zweiten Grades darstellen, zumal das Iterativsuffix -va-, welches an bereits imperfektive Verbstämme angehängt wird, morphologisch und historisch mit dem Imperfektivierungssuffix identisch ist. Semantisch versprachlichen sie zunächst iterative Makroepisoden oder nichtepisodisch konzeptualisierte Sachverhalte von iterierten Zuständen, davon abgeleitet aber auch kontinuierliche Makro-Zustandsepisoden, die jedoch nicht im ursprünglich-episodischen PJ vergegenwärtigt werden können, sondern zumeist in einer weiter zurück liegenden Vergangenheit lokalisiert sind. Auf sie können daher die in dieser Arbeit neu definierten Begriffe der (Nicht-) Episodizität und der (nicht-) episodischen Referenz als auf einen besonderen Fall angewandt werden.

Die ‘faktische’ Funktion (FF) des IA schließlich ist der letzte große und schwierigste Themenbereich dieser Arbeit, dem der Teil III gewidmet ist und der überwiegend vom theoretischen Gesichtspunkt behandelt wird. Als ‘faktisch’ (oder traditionell ‘allgemein-faktisch’) wird die Funktion des russischen IA in Aussagen wie z.B. (sinngemäß) ‘Hans hat schon mal sein Portemonnaie verloren’ bezeichnet, wo das Verb im Russischen im IA stehen muss, obwohl es sich bei dem Vorgang ‘verlieren’ um ein (komplettes und nicht als Verlauf darstellbares) Ereignis handelt. Dieses wird jedoch nicht im PJ vergegenwärtigt, sondern es wird in diesem Fall nur sein Vorkommen als Faktum ausgesagt. Auch bei ‘faktischen’ Aussagen kann man also zwei Ebenen unterscheiden, zum einen eine eingebettete „Mikroebene“ der Situation, deren Vorkommen assertiert wird, und zum anderen eine Diskursebene, die aber nicht mit der Makroebene bei offener Iteration zu verwechseln ist: Letztere kann realiter als Makroepisode aufgefasst werden, die aus der offenen Kette der iterierten Vorgänge besteht, die Diskursebene betrifft dagegen nur die sprachliche Darstellung, durch welche der assertierte Vorgang oder die assertierten Vorgänge nicht im PJ vergegenwärtigt, sondern nur ihr ←5 | 6→Vorkommen (bzw. bei der aktionalen FF nähere Umstände eines Vorgangs) als zum Äußerungs- bzw. einem Referenzzeitpunkt gültiges Faktum dargestellt werden.

In 5.1 geht es zunächst um eine Begriffsbestimmung und -untergliederung der ‘faktischen Funktion’ gegenüber einer in der Literatur sehr uneinheitlichen Terminologie. Dabei werde ich den Begriff insofern eng auffassen, als ich ihn nur auf diejenigen Fälle anwende, wo ein realiter vorliegendes Ereignis eigentlich den PA erwarten ließe (und nicht auf Fälle, in denen der IA aufgrund eines vorliegenden Verlaufs oder Zustands sowieso erwartbar ist, auch wenn die Art der Referenz dieselbe ist wie bei der FF). In anderer Hinsicht werde ich den Begriff aber weit fassen – und damit auch den einfachen Terminus ‘faktisch’ gegenüber dem in der Russistik üblichen Ausdruck ‘allgemein-faktisch’ begründen –, indem ich auch die von PADUČEVA (1996) so genannte ‘aktionale’ Funktion des IA, bei der ein konkretes Handlungsereignis durch Fokussierung eines Arguments oder Umstands näher spezifiziert wird, als eine Unterart der FF auffasse.

Auf eine kurze Darstellung konventioneller Beschreibungsansätze in Abschnitt 5.2 folgt in 5.3 eine kritisch-würdigende Auseinandersetzung mit dem innovativen und zum Teil erhellenden Ansatz von MEHLIG (2013), der die von ihm ‘allgemein-faktisch’ genannte Funktion (in einem engeren Sinne, d.h. ohne die ‘aktionale’ Funktion) als Existenzaussagen über Ereignistypen (anstatt Ereignistokens) definiert. Diesen Ansatz übernehme ich insofern, als ich ihn der von mir sogenannten ‘typexistenziellen FF’ als eine der Spielarten der FF zugrunde lege. Synonym zur Typreferenz spricht Mehlig auch von ‘allgemeiner Referenz’ (bzw. einem ‘allgemein-referenziellen Status’ von Prädikaten, deshalb auch der Terminus ‘allgemeinfaktisch’) im Gegensatz zur ‘konkreten Referenz’ (bzw. einem ‘konkret-referenziellen Status’), die er mit der Tokenreferenz gleichsetzt. Zunächst aber gilt es in den Unterabschnitten von 5.3.2 zu erörtern, worauf das Argument der Existenzaussage einer dinglichen Entität referieren kann, insbesondere inwiefern man hier von einer Typ- oder Tokenreferenz bzw. einer Typ- oder Tokensalienz sprechen kann. Dabei geht es darum, ob durch eine Existenzaussage eher der Lokalisator bzw. Possessor der existierenden Entität durch das Vertretensein des Entitätstyps qualifiziert wird, oder ob durch die Existenzaussage ein neu in den Diskurs eingeführtes Token vergegenwärtigt wird. Es wird auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass es Fälle von Vagheit gibt, zumal sich beide Aspekte – Qualifizierung des Lokalisators bzw. Possessors und Bezugnahme auf eine konkrete Entität – gegenseitig bedingen. In 5.4 wird die Unterscheidung zwischen Typ- und Tokenreferenz auf die FF angewandt, die in dieser Hinsicht in die zwei Hauptgruppen ‘typexistenzielle FF’ (mit Typreferenz) und ‘aktionale FF’ (mit Tokenreferenz) zu untergliedern ist. Die erstere kann nochmals differenziert werden in die ‘unbestimmt-typexistenzielle FF’ (wenigstens einmaliges Vorkommen) und die ‘singulärtypexistenzielle FF’ (bei der ein genau einmaliges Vorkommen impliziert wird). Was die ‘aktionale FF’ betrifft, so wird vorgeschlagen, diesen Begriff, von dem die ‘aktional-spezifizierende’ Variante die allgemein bekannte Ausprägung ist, um eine ‘aktional-existenzielle’ Variante zu erweitern, die wiederum in einem nahen und z.T. vagen Verhältnis zur ‘singulärtypexistenziellen FF’ steht. In 5.5 schließlich wird der Frage der Motivation des IA in den ←6 | 7→verschiedenen Arten der FF nachgegangen und dafür argumentiert, dass diese nicht nur bei der aktionalen FF in der Fokussierung der „Substanz“ des Vorgangs selbst unter Abstraktion von seinen Grenzen liegt, sondern auch bei der typexistenziellen FF, auch wenn diese im östlichen Aspekttyp auf nonvolitionale Achievements wie ‘finden’ oder ‘verlieren’ ausgedehnt wurde, die als Vorgänge im Grunde gar keine zeitliche Ausdehnung besitzen.

Nach dieser Erörterung von Umfang und Motivation der FF in ihren allgemein als solchen bekannten Spielarten in Kapitel 5 folgt in Kapitel 6 eine differenziertere Betrachtung der Kategorien von episodischer und nichtepisodischer Referenz. Die Fragen, die mit den Abgrenzungen zwischen der typexistenziellen und der aktionalen FF einerseits und zwischen der aktionalen FF und der gewöhnlichen Verlaufsfunktion des IA sowie zwischen der FF insgesamt und der Ereignisfunktion des PA verbunden sind, machen es m.E. notwendig, die binäre Differenzierung zwischen episodischer und nichtepisodischer Referenz (bei Lehmann: Episodizität und Nichtepisodizität) zu relativieren und Zwischenstufen zuzulassen. Insbesondere geht es dabei um isolierte Referenz auf vergangene Vorgänge, die nicht in ein narratives Situationsgefüge (Erzählstrom) eingebettet sind (Abschnitt 6.2.1). Hierbei wird in 6.2.1.1 auch auf die besondere typologische Stellung des slavischen Aspekts als solchen (etwa im Gegensatz zum Aspekt in den romanischen Vergangenheitstempora) eingegangen, die darin besteht, dass die Aspektwahl in solchen Fällen häufig von den Verbeigenschaften, d.h. dem Vorgangstyp, und weniger von dem übergeordneten Kriterium der Darstellung eines maximalen oder nichtmaximalen Vorgangstokens abhängig ist. – Ferner wird in 6.1.2.2 auch innerhalb der typexistenziellen FF eine notwendige Differenzierung verschiedener Ebenen der Vergegenwärtigung im PJ vorgenommen, da z.B. auch eine Verlaufsvergegenwärtigung in eine typexistenzielle Aussage eingebettet sein kann.

Eine gesonderte Betrachtung erfahren in Kapitel 7 die Faktoren von Resultatsannulliertheit und geschlossener Iterativität als Motivationen für den IA. Es wird dafür argumentiert, dass Resultatsannulliertheit zum einen als typische Implikation der typexistenziellen FF vorliegt, aber im Russischen auch als eigenständige Motivation des IA in Fällen auftritt, die nicht notwendig als typreferenziell aufgefasst werden müssen. In ähnlicher Weise kann die Funktion des IA bei geschlossener Iterativität (sofern er nicht durch die Mikrosituation motiviert ist) einerseits als Spezifizierung der unbestimmt-typexistenziellen FF zu einer ‘mehrmalig-typexistenziellen FF’ verstanden werden, andererseits muss aber auch hier wiederum in vielen Fällen von einer möglichen eigenen Motivation des IA allein durch die geschlossene Iterativität (die freilich häufig auch eine jeweilige Resultatsannulliertheit impliziert) bei konkreter Tokenreferenz gesprochen werden. Die in Abschnitt 5.4 vorgenommene Differenzierung der FF in eine ‘typexistenzielle’ und eine ‘aktionale FF’ muss also erweitert werden um eine ‘resultatsannullierte’ sowie eine ‘geschlossen-iterative FF’, die sich teilweise mit der ‘typexistenziellen FF’ überschneiden und mit dieser verwandt sind, da sie nicht wie die ‘aktionale FF’ durch den Fokus auf die Durchführung einer volitionalen Handlung, sondern unabhängig von der Volitionalität durch die Abstraktion vom Resultat motiviert sind.

←7 | 8→

In Kapitel 8 wird schließlich noch umrissartig auf die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Russischen und Tschechischen hinsichtlich der FF eingegangen. Sie können grob dahingehend zusammengefasst werden, dass eine FF, die unabhängig von der Verbklasse allein durch Typreferenz, Resultatsannulliertheit oder geschlossene Iteration motiviert ist, nur im Russischen besteht, während im Tschechischen immer die Möglichkeit der Darstellung des Vorgangs als Verlauf, also seine existierende zeitliche Ausdehnung oder „Substantialität“ Voraussetzung für den Gebrauch des IA ist (sofern er nicht durch offene Iterativität motiviert ist, die ja wiederum als Makro-Verlauf oder Makro-Zustand konzeptualisiert werden kann). Eine aktional-spezifizierende FF ist dagegen auch dem Tschechischen bekannt und wird auch in der Literatur mit Beispielen aufgeführt, allerdings nicht unter dieser Bezeichnung (der Terminus ‘faktische’ geschweige denn ‘allgemein-faktische Funktion’ ist in der tschechischen Linguistik quasi nonexistent, zumal es die alleinige Legitimation des IA durch Typreferenz im Tschechischen ja auch nicht gibt). Gleichwohl ist die Bezeichnung ‘faktische Funktion’ auch für den tschechischen IA berechtigt, so eben bei der aktional-spezifizierenden FF. Aber auch typexistenzielle Propositionen können den Gebrauch des IA begünstigen, vorausgesetzt, dass das denotierte vorgekommene Ereignis eine zeitliche Ausdehnung besitzt oder wenigstens eine volitionale Handlung ist. Während in vielen Fällen aufgrund von Typreferenz oder Resultatsannulliertheit (besonders bei bidirektionalen Bewegungen) das Russische den IA vorschreibt, aber im Tschechischen aufgrund der Verbsemantik nur der PA möglich ist, gibt es jedoch auch zahlreiche Fälle, in denen umgekehrt der IA im Tschechischen freier verwendet werden kann, wo im Russischen nur der PA stehen kann. Dies betrifft nicht nur die Verwendung des IA in Ereignisfolgen, um eine Handlung in ihrem Ablauf zu vergegenwärtigen, sondern auch die isolierte (d.h. nicht in ein narratives Situationsgefüge eingebettete) Referenz auf Ereignisse, z.B. in Überschriften.


1 Zur Definition dieses Begriffs siehe Abschnitt 1.3.1.

←10 | 11→

1.Zwei-Ebenen-Theorie des Aspekts auf universeller konzeptueller Grundlage

1.1.Problematik der begrifflichen und terminologischen Unterscheidung zweier sprachlicher Phänomenbereiche

Der Terminus ‘Aspekt’ wird in der linguistischen Literatur für zwei verschiedene, jedoch in enger Beziehung stehende sprachliche Phänomenbereiche verwendet: zum einen für die grammatische Opposition ‘perfektiv vs. imperfektiv’ in Sprachen, deren Verbsystem über diese grammatische Kategorie verfügt, zum anderen für die Opposition ‘telisch vs. atelisch’3 als inhärente semantische Eigenschaft von Verben, Verbphrasen sowie ganzen Sätzen abzüglich eventueller grammatischer Aspektmorpheme. Der grammatische Aspekt (sofern in einer Sprache vorhanden) bringt grob gesagt den Unterschied zwischen der Präsentation einer temporalen Situation als geschlossenes Ereignis (perfektiv) oder als offener Verlauf oder Zustand (imperfektiv) zum Ausdruck.4 In den romanischen Sprachen geschieht dies durch verschiedene Vergangenheitstempora, z.B. im Französischen durch den Gegensatz zwischen dem ‘Passé simple’ (Jean écrivit une lettre ‘Jean schrieb einen Brief’) bzw. ‘Passé composé’ (Jean a écrit une lettre) auf der einen und dem ‘Imparfait’ (Jean écrivait une lettre) auf der anderen Seite. Die ersteren beiden Tempora sind perfektiv, denotieren also abgeschlossene Ereignisse (wobei das ‘Passé simple’ schriftsprachlich ist und das ‘Passé composé’ neben seiner ursprünglichen Funktion als Perfekt in der Umgangssprache die Funktion des gewöhnlichen perfektiven Präteritums übernommen hat), das ‘Imparfait’ ist, wie der Name sagt, imperfektiv, denotiert also im obigen Beispiel einen Verlauf. Im Englischen besteht die grammatische Aspektopposition in dem Gegensatz ‘Simple vs. Progressive form’ (im Folgenden: ‘einfache Form vs. Verlaufsform’) bei Prädikaten, die auf einmalige Vorgänge referieren (John wrote a letter vs. John was writing a letter). Die slavischen Sprachen schließlich bedienen sich für die grammatische Aspektopposition verschiedener derivationaler Verbstämme (z.B. tschechisch Jan napsalP dopis vs. Jan psalI dopis als Entsprechung des genannten französischen und englischen Beispiels).5, 6 Der grammatische Aspekt kann als ‘Aspekt’ im engeren Sinne betrachtet ←11 | 12→werden. Für ihn gibt es keinen anderen Terminus (außer den von Smith 1993 geprägten ‘viewpoint’ bzw. ‘viewpoint aspect’), während für die Opposition ‘telisch vs. atelisch’ die verschiedensten Termini gebraucht werden, z.B. ‘lexikalischer Aspekt’, ‘Aktionsart’ oder ‘aspektuelle Verbklasse’. Das Adjektiv ‘aspektuell’ und die Nominalisierung ‘Aspektualität’ werden dagegen als abstraktere Termini stets für beide Bereiche verwendet.

Bei der Kategorie der Telizität (‘telisch vs. atelisch’) geht es um die Frage, ob ein durch ein Verb, eine Verbalphrase oder einen ganzen Satz abzüglich eventueller grammatischer Aspektmarkierungen denotierter Vorgang als Ganzes (holistisch) mit inhärentem Endpunkt (Telos) definiert ist wie (das Fenster) öffnen oder einen Brief schreiben oder als homogener Vorgang ohne inhärenten Endpunkt, dessen Teile genauso wie das Ganze definiert werden. Im letzteren Fall kann von einem Ganzen in diesem Sinne gar nicht gesprochen werden, da die Grenzen willkürlich sind, wie bei schwimmen oder schreiben (ohne zählbares Objekt wie einen Brief). Die beiden wichtigsten Tests zur Unterscheidung dieser Dichotomie sind der Unterbrechungs- oder Teilbarkeitstest und der Test mit inklusiven vs. durativen Zeitadverbialen. Ersterer zielt auf die holistische vs. homogene Definition des Vorgangs ab: Bei telischen Vorgängen enthält eine imperfektive Aussage nicht die perfektive (John was writing a letter lässt nicht auf John wrote a letter schließen), bei atelischen Vorgängen enthält jedoch die imperfektive Aussage auch die perfektive (aus John was swimming folgt auch John swam). Das heißt also, ein telischer Vorgang wie to write a letter ist als ein Ganzes (holistisch) definiert und liegt erst dann als solcher vor, wenn er zu seinem inhärenten Endpunkt (Telos) gelangt ist (hier die Fertigstellung des Briefes), die Definition des Vorgangs bezieht sich auf das Ganze und nicht auf die Teile. Ein atelischer Vorgang dagegen ist nicht als ein Ganzes definiert, es gibt keinen inhärenten Endpunkt, und jeder willkürliche Teil trägt bereits die Definition des Vorgangs als solchen.7 – Beim zweiten Test zeigt sich, dass telische Prädikate mit inklusiven Zeitadverbialen des Typs in einer Stunde, aber nicht mit durativen Zeitadverbialen des Typs eine Stunde (lang) kombinierbar sind, bei atelischen Prädikaten ist es umgekehrt: John wrote a letter in an hour (?for an hour) vs. John swam for an hour (*in an hour). Der Unterschied ist also derjenige, dass telische Vorgänge eine bestimmte Zeit benötigen, um das inhärente Telos zu erreichen, also als Ganzes verwirklicht zu werden, atelische Vorgänge dagegen eine ←12 | 13→gewisse willkürlich begrenzte Zeit andauern. Allerdings hat dieser zweite Test eine Einschränkung, die weiter unten erläutert wird.

Die beschriebene Dichotomie der Telizität hat ihre Entsprechung im Bereich der räumlichmateriellen Entitäten, die im Gegensatz zwischen zählbaren Begriffen wie Tisch und nicht zählbaren Begriffen wie Wasser zum Ausdruck kommt. Dabei geht es um zwei grundlegende Arten von Prädikaten (im Sinne von Typenzuordnungen), die KRIFKA (1989) als ‘gequantelt’ (engl. ‘quantized’) vs. ‘kumulativ’ bezeichnet. Ein Prädikat ist gequantelt (oder hat gequantelte Referenz) genau dann, wenn es für eine Entität in bestimmten Grenzen, aber nicht für seine Teile zutrifft: Das Prädikat (der/ein) Tisch trifft nur auf einen Tisch als Ganzen zu, ein Teil von einem Tisch kann nicht als (der/ein) Tisch bezeichnet werden. Ein Prädikat ist kumulativ (oder hat kumulative Referenz), wenn zwei diskrete Einheiten, die jeweils mit diesem Prädikat bezeichnet werden, als Summe mit demselben Prädikat bezeichnet werden können: eine bestimmte Menge Wasser plus noch eine Menge Wasser ist zusammen immer noch Wasser. Die Definitionen gelten auch in ihrer jeweiligen Umkehrung: Ein gequanteltes Prädikat ist nicht kumulativ, denn ein Tisch plus ein Tisch ist nicht mehr ein Tisch, sondern zwei Tische, und ein kumulatives Prädikat ist nicht gequantelt, denn ein Teil von einer bestimmten Menge Wasser ist immer noch Wasser. Die „Schwestereigenschaft“ der Kumulativität ist also die Divisivität, die eben die zuletzt genannte Eigenschaft beinhaltet und die mit der Homogenität Vendlers gleichgesetzt werden kann. Ebenfalls in Beziehung hierzu steht hinsichtlich verbaler Prädikate die Subintervalleigenschaft von BENNETT und PARTEE (1978), die besagt, dass ein Prädikat mit dieser Eigenschaft, welches für ein bestimmtes Zeitintervall gültig ist, auch zu jedem Subintervall dieses Intervalls gültig ist.8 Allerdings kann zwischen Kumulativität und Divisivität noch unterschieden werden, da Divisivität in der Regel strikter als Kumulativität aufgefasst wird: sie besagt wie der Begriff der Homogenität, dass das Prädikat auf jeden beliebigen Teil des Referenten zutrifft. Bei Begriffen wie Sand oder Kies oder ungezählten Pluralen wie Eier ist der Referent jedoch nicht unbegrenzt teilbar: ein einzelnes Sandkorn, ein Kieselstein oder ein Ei kann noch nicht mit Sand, Kies bzw. Eier bezeichnet werden. Letztere Prädikate sind deshalb nach Krifka zwar kumulativ (und deshalb nicht gequantelt), aber nicht divisiv.9 TAYLOR (1977) unterscheidet zwischen homogenen und heterogenen Begriffen; als Beispiel für letztere nennt er fruit cake (als kumulativer Begriff), zumal eine einzelne Rosine noch nicht fruit cake genannt werden kann, und entsprechend unterscheidet er im Bereich verbaler Prädikate zwischen homogenen wie move oder fall und heterogenen wie chuckle, giggle, talk, walk (vgl. FILIP 1999: 43). Mit demselben Argument ist aber auch bei der Divisivität von Stoffbegriffen wie Wasser eingewendet worden, dass aus naturwissenschaftlicher Sicht ein einzelnes Wassermolekül oder gar ein darin befindliches Wasserstoff- oder Sauerstoffatom noch nicht Wasser ausmache (so QUINE 1960, zit. in Filip 1999: 43). Hana FILIP (ibd.) verwirft diesen Einwand, also das Problem der kleinsten (nicht mehr vorstellbaren) Teile, im Sinne einer notwendigen Unterscheidung zwischen sprachlichem und naturwissen←13 | 14→schaftlichem Weltbild: für den Begriff Wasser ist es nicht notwendig, zu wissen, dass Wasser nicht unendlich teilbar ist und was die kleinsten Teile von Wasser sind (die außerdem der direkten Wahrnehmung sowieso nicht zugänglich sind). Genauso verwirft Filip aber auch das Problem der minimalen, d.h. mindestens notwendigen und sichtbaren Teile – also z.B. die Frage, ab wievielen Sandkörnern man von Sand sprechen kann, als für die linguistischen Eigenschaften der entsprechenden Prädikate irrelevant. Dieser Ansicht möchte ich mich in dieser Arbeit anschließen und die Eigenschaften ‘kumulativ’ und ‘divisiv’ bzw. ‘homogen’ als zwei Seiten derselben Medaille ansehen, d.h. die beiden letzteren Begriffe in ihrer weiten Lesart auffassen. Diese Art von Konzepten werde ich ‘homogen’ (i.S.v. ‘nicht gequantelt’ bzw. bei Vorgängen ‘atelisch’) nennen und sie den ‘holistischen’ (i.S.v. ‘gequantelten’ bzw. bei Vorgängen ‘telischen’) Konzepten gegenüberstellen, mehr dazu in Abschnitt 1.3.1.

Auf der Dichotomie ‘telisch vs. atelisch’ sowie weiteren Unterscheidungen wie ‘zeitlich ausgedehnt vs. punktuell’ und der grundlegenden Unterscheidung ‘dynamisch vs. statisch’ beruht die aspektuelle Verbklassifikation von VENDLER (1957/67), dessen Begriffe ‘States’, ‘Activities’, ‘Accomplishments’ und ‘Achievements’ bis heute prägend sind.10 Der Terminus ‘Verbklassen’ ist jedoch aus dem schon genannten Grund problematisch, da die Telizität nicht nur von Verblexemen allein, sondern auch von den Eigenschaften des Objekts abhängen kann (vgl. die atelischen Prädikate Hans aß, Hans aß {Brot / Äpfel} vs. die telischen Prädikate Hans aß {einen Apfel / eine Scheibe Brot}), manchmal sogar vom ganzen Satz einschließlich des Subjekts (vgl. telisch Ein Apfel fiel vom Baum vs. atelisch {Äpfel fielen / Wasser tropfte} vom Baum). Neuere Ansätze sprechen deshalb anstatt von Verbklassen von ‘eventuality types’, einem von BACH (1981, 1986) geprägten Terminus (vgl. Filip 1999: 3f.). Dort wird auch an Stelle der Vendlerschen Vierereinteilung eine dreiteilige Gliederung ‘state – process – event’ bevorzugt (d.h. die Vendlerschen ‘Accomplishments’ und ‘Achievements’ werden zu ‘events’, d.h. telischen Situationen zusammengefasst, und ‘Activity’ wird durch das agentivitätsneutrale ‘process’ ersetzt). Carlota SMITH (1993) spricht von ‘situation types’ bzw. vom ‘situation aspect’ und übernimmt Vendlers Termini, die sie allerdings noch um die ‘Semelfactives’ (momentane Ereignisse ohne Zustandswechsel wie [einmal] niesen) ergänzt. Ein traditionellerer Terminus für die sog. Eventualitätstypen ist ‘Aktionsart’, der als deutscher Terminus auch in der englischsprachigen Literatur verwendet wird (so etwa bei BACHE 1982, HINRICHS 1985, PASLAWSKA & VON STECHOW 2003).11

Im Gegensatz zu dem auf die Sprache Bezug nehmenden Begriff ‘Verbklasse’ ist also ‘Eventualitäts-’ oder ‘Situationstyp’ ein ontologischer Begriff, doch hier schließt sich bereits die ←14 | 15→Frage und Problematik an, welchen semantischen Beitrag der Aspekt im Sinne der grammatischen Opposition ‘perfektiv vs. imperfektiv’ liefert und welcher bereits in der durch Verblexeme und Argumente (abzüglich des grammatischen Aspekts) inhärent enthaltenen Eigenschaft ‘telisch vs. atelisch’ gegeben ist, und ob es hier abgesehen von den sprachspezifisch unterschiedlichen Erscheinungsweisen überhaupt einen grundlegenden semantischen Unterschied gibt. Denn die „ontologische“ Trichotomie ‘Ereignis – Verlauf – Zustand’ (‘event – process – state’), die hier als ‘Eventualitätstypen’ genannt wurde, wird ja zurecht auch als Bedeutungen des grammatischen Aspekts verwendet, wenn, wie oben gesagt, der perfektive Aspekt Situationen als Ereignis und der imperfektive Situationen als Verlauf (oder Zustand) darstellt. Auch in dem Lehrbuch zum russischen Aspekt von ZALIZNJAK & ŠMELËV (1997 bzw. 2000) ist allgemein von der ‘Ontologie der Erscheinungen’ (‘ontologija javlenij’) und deren Gliederung in ‘Ereignis’ (‘sobytie’), ‘Verlauf’ (‘protekanie’) und ‘Zustand’ (‘sostojanie’) die Rede, die in den grundlegenden Aspektbedeutungen zum Ausdruck kommen (vgl. dies. 1997: 40ff.).

Biographische Angaben

Valentin Dübbers (Autor:in)

Valentin Dübbers studierte Ostslavische Philologie, Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Tübingen und war dort in den Jahren 2009–2013 Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Verbalaspekt im Text: Kontextuelle Dynamisierung vs. Grammatik".

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Titel: Konzeptuelle Motivationen des Verbalaspekts im Russischen und Tschechischen