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Identitäten und Handlungsmöglichkeiten von Kanonissen im 15. und 16. Jahrhundert

von Agnes Schormann (Autor:in)
©2020 Dissertation 428 Seiten

Zusammenfassung

Diese Publikation untersucht an der Schwelle zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit in Kanonissenstiften lebende geistliche Frauen. Anhand von süddeutschen Quellen werden die Identitäten und Handlungsmöglichkeiten dieser Chorfrauen untersucht und es wird gefragt, ob sich diese in der Bedrohung durch die Reformation änderten. Dabei zeigt sich in den meisten Fällen, wie traditionsverhaftet die Stiftsdamen auch in für sie schwierigen Situationen waren und dass sie ihren geistlichen Gemeinschaften treu blieben. Untersucht werden die theoretischen Konzepte anhand von unterschiedlichsten Themengebieten, wie etwa der Kleidung der Chorfrauen, der Liturgie in den Stiften, aber auch den Beziehungen zu weltlichen Personengruppen und vielem mehr.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • A. Einleitung
  • 1. Geographischer und zeitlicher Rahmen
  • 2. Forschungslage
  • 3. Überlieferung und Quellenlage
  • 4. Fragestellung und Aufbau der Arbeit
  • 5. Theoretisch-methodische Herangehensweise
  • 5.1. Identitäten
  • 5.2. Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindungen
  • 5.3. Methode
  • B. Region und Institutionen
  • 1. Geschichte und Profil der Region
  • 1.1. Württemberg
  • 1.1.1. Grafschaft
  • 1.1.2. Herzogtum
  • 1.2. Die Reichsstadt Augsburg
  • 1.2.1. Augsburg im Spätmittelalter
  • 1.2.2. Die Kirchenspaltung in Augsburg
  • 2. Geschichte der Frauenstifte in der Region
  • 2.1. Regular- und Säkularkanonissen
  • 2.2. Beziehungen zu geistlichen und weltlichen Mächten
  • 2.3. Einordnung der Stifte St. Johannes und St. Stephan in die süddeutsche Stiftslandschaft
  • 3. Oberstenfeld — St. Johannes der Täufer (regulierte/weltliche Kanonissen)
  • 3.1. Geschichtlicher Überblick
  • 3.2. Chorfrauen und Äbtissinnen
  • 3.3. Statuten
  • 4. Augsburg — St. Stephan (freiweltliches adeliges Damenstift)
  • 4.1. Geschichtlicher Überblick
  • 4.2. Chorfrauen und Äbtissinnen
  • 4.3. Statuten
  • C. Mein gotzhaẘs, desselbigen stifftůng, ordnůng, altemherkhomen und bestettigeten statůten — Ordnungen in Frauenstiften
  • 1. arme fraůwen, jůnckfrawen und adelspersonen… — Identitäten
  • 1.1. Die Gemeinschaft im Einklang
  • 1.1.1. Die Äbtissin als Vorbild
  • 1.1.2. Familiäre Bindung
  • 1.1.3. Religiöse Praktiken und bindungsstiftende Traditionen — Bildung von Gemeinschaft
  • 1.2. Visuelle Repräsentation
  • 1.2.1. Abgrenzung durch Kleidung
  • 1.2.2. Herkunft, Wappen und Familie
  • 1.3. Umbrüche in der Gemeinschaft
  • 1.3.1. Innerkonventuale Streitigkeiten
  • 1.3.2. Konflikte mit weltlichen und geistlichen Personen
  • 1.3.3. Aufnahmen und Ablehnungen
  • 1.4. Stiftsaustritte
  • 1.4.1. Vom geistlichen zum weltlichen Stand
  • 1.4.2. Nach dem Ableben
  • 1.5. Arme Jungfrauen und adlige Damen? Ein Zwischenfazit
  • 2. Sie mag aůch sambt den schwestern … sich berathschlagen, etwas ordnen, desen sich aůch gebraůchen. — Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindungen
  • 2.1. Formale Handlungsmöglichkeiten
  • 2.1.1. Handlungsfreiheiten und -möglichkeiten der Äbtissin
  • 2.1.2. Das Kapitel — Ort der Entscheidung?
  • 2.1.3. Äbtissinnenwahl
  • 2.2. Außerstiftische Beziehungen
  • 2.2.1. Beziehungen zum Bischof
  • 2.2.2. Beziehungen zu weiteren geistlichen Personen
  • 2.2.3. Institutionelle weltliche Beziehungen
  • 2.2.4. Familiäre und private Beziehungen
  • 2.3. Konfliktsituationen von außen
  • 2.3.1. Reformen und Aushandlungen über Statuten
  • 2.3.2. Eingriffe in die Rechte und Freiheiten
  • 2.4. Die Tradition als Argument
  • 2.5. Herrschaft, Macht und Freiheiten? Ein Zwischenfazit
  • D. Was mir und mein gotzhaůs geschehen ist in der lůtterei — Identitäten, Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindung in der durch die Reformation Bedrohten Ordnung
  • 1. Das Einschleichen des neuen Glaubens — Der Fall der Chorfrau Katharina von Friedingen
  • 2. Selbst- und Fremdwahrnehmung der Kanonissen in der Bedrohung
  • 2.1. Arme frawen? Selbst zugeschriebene Identitäten
  • 2.2. Zänkische Weiber? Von außen zugeschriebene Identitäten
  • 2.2.1. Das Leben im Stift Oberstenfeld
  • 2.2.2. Die Berichte der Zechpfleger von St. Stephan
  • 3. Neue Handlungsfreiheiten oder Handlungszwänge?
  • 3.1. Am Vorabend der Reformation
  • 3.2. Am Höhepunkt der Reformation
  • 3.2.1. Neue Regeln für die Stiftsgemeinschaft Oberstenfeld
  • 3.2.2. Das Ultimatum in der Reichsstadt Augsburg
  • 3.3. Ein Resümee über die Entscheidungsfindungen der Stiftsdamen
  • 4. Prozesse nach der Reformation
  • 4.1. Auflösung geistlicher Gemeinschaften — Zusammenbrechen einer Ordnung
  • 4.2. Umwandlung geistlicher Gemeinschaften — Modifizierung einer Ordnung
  • 4.3. Restitution geistlicher Gemeinschaften — Rückkehr zur alten Ordnung?
  • E. Schlussbetrachtung
  • Anhang
  • 1. St. Johannes der Täufer in Oberstenfeld: Konventslisten
  • 1.1. Äbtissinnen
  • 1.2. Stiftsdamen
  • 2. St. Stephan in Augsburg: Konventslisten
  • 2.1. Äbtissinnen
  • 2.2. Stiftsdamen
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Abbildungen
  • Abbildungsverzeichnis

A. Einleitung

Zům ersten bin ich mit sampt meinen fraẘen auf den fünffůndzwanintzigisten tag des jenners zu sibenůndreÿssigisten jar von Aůgspůrg zogen gen Höchstett, wie den ander gaistlich heraůs getzogen sind, von wegen deren von Aůgspůrg ir unpillichs fürnemen, die sÿ den gaistlichen und mir mit inen fürgehalten haben in geschrifft, des den uns allen beschwerlich was anzůnemen.1

Dieses Zitat der Äbtissin Anna von Freyberg (1523–1553†)2 des Stifts St. Stephan in Augsburg aus der Zeit um 1547 verdeutlicht, in welchen Situationen sich ←11 | 12→geistliche Frauen im Zuge der Reformation befinden konnten. Doch nicht nur vom Schicksal der Stiftsdamen St. Stephans — sie mussten ihr Stift verlassen und nach Höchstädt3 ziehen — berichtet die Quellenpassage, sondern auch von den Lebenssituationen der Altgläubigen4 Augsburgs: Alle Geistlichen, so berichtet Anna von Freyberg, mussten die Stadt aufgrund eines Schriftstückes5 verlassen. Das war, so verallgemeinert sie in ihrer Aussage, für alle ein negatives emotionales Erlebnis, das sich auch auf ihre bisherigen Lebensumstände auswirkte.

Diese Studie6 widmet sich jenen geistlichen Frauen, die wie Anna von Freyberg in einem Stift lebten. Die Institution des Kanonissenstifts7 als solches bildet ←12 | 13→den Ausgangspunkt dieser Untersuchung. Das Stift kann als Raum, der geradezu eine Ordnung um die Stiftsdamen herum bildet, bezeichnet werden.8 Die Stiftsdamen selbst prägten und formten diese Ordnung9 auch in dem ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Rahmen entsprechend ihrer Handlungsmöglichkeiten10. Weiter veranschaulicht das einleitende Zitat, dass es auch Umbrüche in der Ordnung des jeweiligen Stifts gab.

Der Sonderforschungsbereich 923 ‚Bedrohte Ordnungen‘ der Eberhard Karls Universität Tübingen, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit entstanden ist, greift die beiden Aspekte (Ordnung und Umbruch/Bedrohung), wie auch schon sein Name verdeutlicht, auf. Er befasst sich dabei mit Extremsituationen, die das ←13 | 14→alltägliche Leben beeinflussen und beeinträchtigen. Dies sind laut Definition zum Beispiel Terroranschläge, Natur- und Technikkatastrophen oder auch Finanzkrisen.11 Die vorliegende Arbeit erweitert sie durch einen Religionskonflikt — und zwar den schwerwiegendsten zu Beginn der frühen Neuzeit: die Reformation.12 Bedrohende Situationen machen den involvierten Akteuren13 bewusst, dass sich die Grundlage ihres Lebens oder Handelns, die sie als Ordnung bezeichnen, verändert hat oder in Frage gestellt wird. Ausgehend von Situationen, in denen Gruppen oder Gesellschaften mit Bedrohungen, die unter anderem existenzgefährdend sein können, konfrontiert werden, kann untersucht werden, ob und wie sich diese Ordnungen wandeln14, die eben jene Gruppen oder Gesellschaften strukturieren.15 Diese Annahme führt zu der zentralen Fragestellung dieser ←14 | 15→Untersuchung: Die Frage nach den Identitäten, Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindungen der Akteure in einer Ordnung selbst. Verändern sich diese im Angesicht einer Bedrohung oder bleiben sie möglicherweise statisch? Bezogen auf die Stiftsdamen des 15. und 16. Jahrhunderts bedeutet das, ihre jeweilige eigene Ordnung zu untersuchen und über die Zeit hinweg zu betrachten. Es sollen Einzelaspekte, welche eine Stiftsgemeinschaft und deren Individuen formten, hinterfragt werden, um so systematisch einen Einblick in eine möglicherweise bedrohte Ordnung zu zeigen.

Im folgenden Teil wird zunächst der zeitliche und geographische Rahmen der Untersuchung abgesteckt sowie ein Überblick über die archivalische Überlieferung und die bisherige Forschung zu den süddeutschen Frauenstiften gegeben werden. Auch die Forschung zum Themenkomplex ‚Bedrohte Ordnung‘ wird in jenem Teil kursorisch betrachtet werden. Darauf folgt eine Erläuterung der Fragestellung, verknüpft mit einer Darstellung des Aufbaus der Arbeit. Zuletzt sollen der für die Untersuchung benötigte theoretische Unterbau und die methodische Herangehensweise geklärt werden.

1. Geographischer und zeitlicher Rahmen

Der zeitliche Rahmen dieser Studie wird bereits durch den Untersuchungstitel angegeben: das 15. und 16. Jahrhundert. Die Auswahl des Zeitraums ist zum einem der gedanklichen Trennung von Spätmittelalter und früher Neuzeit geschuldet, denn immer noch ist die Schranke zwischen diesen beiden Epochengrenzen präsent.16 In dieser Studie sollen jedoch Ereignisse vor, während und unmittelbar nach der Reformation gemeinsam untersucht werden und die frühe Neuzeit nicht als etwas Neues und losgelöst vom Spätmittelalter betrachtet werden. Zum anderen ist die Auswahl des Betrachtungszeitraums auch den Quellen geschuldet. Um etwa Identitäten und Handlungsmöglichkeiten darstellen zu können, ist es unabdingbar, ein breites Spektrum an Quellenmaterial heranziehen zu können. Die Reformation bietet dabei einen Zuwachs an Quellen, vor allem aber eine Verdichtung von Bedrohungssituativen.

Nun ist die Reformation kein auf ein einzelnes Territorium beschränktes Phänomen. Dennoch ist die Begrenzung auf einen bestimmten geographischen Ausschnitt und auch einen bestimmten Zeitrahmen von Nöten, um Vergleiche ziehen ←15 | 16→zu können. Es bietet sich für diese Untersuchung daher an, im Sinne der landesgeschichtlichen Herangehensweise vorzugehen; Sigrid Hirbodian beschreibt die Landesgeschichte als „quellenorientierte, interdisziplinäre Beschäftigung mit historischen Räumen. Diese Räume sind nicht präfiguriert durch naturräumliche Gegebenheiten und noch weniger durch heutige politisch-administrative Einheiten. Sie sind vielmehr von Menschen gemacht und damit in stetem Wandel, sie unterliegen permanenten Aushandlungs- und Veränderungsprozessen, militärischen und politischen ebenso wie kommunikativen, sozialen und kulturellen. Diese Veränderung und ihre Ursachen zu erforschen ist das eigentlich Interessante an der Landesgeschichte.“17 Der historische Raum, welcher den geographischen Rahmen dieser Untersuchung bildet, ist die Region Schwaben.18 Zu dieser zählt, mit den heutigen administrativen Grenzen beschrieben, — die im Untersuchungszeitraum keine Rolle gespielt haben, denn eine Reproduktion moderner Staatlichkeit lässt sich nicht auf das Mittelalter oder die frühe Neuzeit anwenden — das heutige Bundesland Baden-Württemberg sowie der Regierungsbezirk des Freistaats Bayern, der denselben Namen der untersuchten Region trägt: Schwaben. Die hier behandelte Region Schwaben kann etwa mit dem frühneuzeitlichen Schwäbischen Kreis gleichgesetzt werden.19 Grob kann diese Region mit dem Bodensee im Süden, den Städten Heilbronn im Norden und Augsburg im Osten, sowie dem Schwarzwald im Westen begrenzt werden. ←16 | 17→Diese Region wurde unter anderem auf Grund ihrer zahlreichen sei es politischen, sei es sozialen Verflechtungen und der auch daraus resultierenden guten Vergleichbarkeit ausgewählt.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei vor allem auf den beiden Stiften St. Johannes der Täufer in Oberstenfeld im Norden Schwabens und St. Stephan in Augsburg, deren Darstellung der Forschungslage und Quellenüberlieferung in den folgenden Kapiteln erfolgt.20 Auch wenn das Hauptaugenmerk auf dem gegebenen geographischen und zeitlichen Rahmen liegt, ist ein weiterreichender Blick, was sowohl Zeit als auch Region betrifft, unabdingbar. So sollen auch Kanonissenstifte, die nicht in der Region Schwaben liegen, mitunter als Vergleich herangezogen werden, ebenso wie frühere oder spätere Ereignisse in der Zeit beachtet werden sollen.

2. Forschungslage

Im Folgenden soll der Forschungsstand zu den Frauenstiften21, vor allem den süddeutschen Gemeinschaften, welche im Bereich des vorgestellten Untersuchungsrahmens liegen, erläutert werden. Zudem wird auch ein Einblick in die Schwerpunkte und Fragestellungen der Kanonissenstiftforschung, in deren ←17 | 18→Tradition sich die vorliegende Arbeit einreiht, gegeben sowie ein knapper Überblick über den Forschungsstand zu Ordnungen und Bedrohungen22 geliefert werden.

Die für diese Untersuchung relevanten Fragestellungen der Arbeitsgebiete Identitäten, Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfindungen werden im letzten Kapitel der Einleitung vorgestellt.

Die Forschung zu süddeutschen Frauenstiften ist nicht einheitlich, so wurden einige Stifte bereits einer genauen Quellenanalyse unterzogen, während die Geschehnisse anderer noch im historischen Dunkel verweilen.

Zu den in Süddeutschland am besten untersuchten und meist frequentierten Damenstiften darf sich ohne jeden Zweifel das freiweltliche Damenstift Buchau am Federsee zählen.23 Vor allem die von Rudolf Seigel, Eugen Stemmler und ←18 | 19→Bernhard Theil vorgelegte Regestensammlung zu den Urkunden des Stifts sind für die Erforschung der Geschichte des Stifts Buchau im Mittelalter von höchster Bedeutung.24

Weitere in den Untersuchungsrahmen fallende Stifte mit aussagekräftiger Forschungsliteratur sind das Fridolinsstift in Säckingen25 und das Augustiner-Chorfrauenstift Inzigkofen, auch das Kanonissenstift Lindau kann sich trotz ←19 | 20→seiner als schlecht zu bezeichnenden Quellenlage — „es fehlen wesentliche Quellen über geistliches Leben, Frömmigkeit, kulturelles Selbstverständnis, zur Alltagsgeschichte oder zur inneren Verfassung“26 — zu den etwas besser untersuchten Frauenstiften zählen. Die heute eher kritisch zu beurteilende historische Beschäftigung mit allen drei genannten Stiften (Säckingen27, Lindau28 und Inzigkofen29) reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück.

Eine Art Prosopographie anhand der Totenchronik des Stifts Inzigkofen entstand im Jahr 1968 durch Ursmar Engelmann.30 In den vergangenen Jahren beschäftigte sich vor allem Edwin Ernst Weber mit der Stiftsgeschichte Inzigkofens sowie deren Überlieferungen31 und edierte zudem die Chronik dieser Gemeinschaft.32

←20 | 21→

Auch das im heutigen Bundesland Bayern gelegene Stift Edelstetten gehört zu den besser erforschten Stiften.33 Erst kürzlich erschienen und sehr wertvoll für das Verständnis der geistlichen Frauen Edelstettens im 17. und besonders 18. Jahrhundert ist die Monographie über ‚Räume und Identitäten’ von Dietmar Schiersner.34 Seine Untersuchungen bieten einen wichtigen Vergleich für die in dieser Studie untersuchten Identitäten der Stiftsdamen des 15. und 16. Jahrhunderts.

←21 | 22→

Weniger Beachtung erfuhren dagegen bisher das Kanonissenstift Reistingen35 sowie die Augustiner-Chorfrauenstifte Weihenberg36, Riedern am Wald37 und Wannental38.

Zu den nicht in den Untersuchungsraum fallenden Kanonissenstiften, welche aber dennoch hier Erwähnung finden müssen, da sie gerade vermehrt im Blick der Forschung der letzten Jahrzehnte lagen und wichtige Vergleiche zu den in dieser Studie untersuchten Fragestellungen liefern können, sind die ←22 | 23→elsässisschen Stifte Andlau, Hohenburg, Niedermünster und St. Stephan39 sowie das Damenstift in Essen40. Auch Quedlinburg, Herford, die Stifte in ←23 | 24→Regensburg und Gandersheim zählen zu den besser untersuchten Stiften.41 Nicht umsonst betitelt Irene Crusius die Region Sachsen als „Kronlandschaft“ ←24 | 25→des Frauenstifts.42 Die genannte Forschungsliteratur bietet eine aussagekräftige Grundlage zur Untersuchung von stiftisch lebenden geistlichen Frauengemeinschaften sowie deren Identitäten und Handlungsmöglichkeiten im Vergleich zu dem hier untersuchten süddeutschen Raum und ist für diese Untersuchung daher von hohem Wert.

An dieser Stelle sei noch separat auf die beiden im Hauptfokus stehenden Stifte St. Stephan in Augsburg und St. Johannes der Täufer in Oberstenfeld eingegangen.

Bereits 1880 erschien in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben die von Karl Primbs vorgelegte, teilweise überholte, allerdings dennoch unter kritischen Aspekten betrachtet wertvolle Untersuchung über das freiweltliche adelige Damenstift St. Stephan.43 Im letzten Jahrhundert erschienen noch einige wenige Artikel und Untersuchungen, die sich speziell mit St. Stephan beschäftigten, allerdings auch mit Fokus auf den dortigen neuzeitlichen Benediktinerorden.44 In den Blick der Forschung geriet St. Stephan dann wieder ←25 | 26→zu Beginn dieses Jahrhunderts.45 Wertvoll für diese Arbeit ist der Artikel zur archivalischen Überlieferung des Stifts von Peter Fleischmann46, wie auch die Untersuchungen zur Geschichte des Stifts von Thomas Groll47. Hervorzuheben sind an dieser Stelle ebenfalls die zahlreichen Untersuchungen von Rolf Kießling, welcher wertvolle Forschungen zur Stadt Augsburg leistete und in diesem Zusammenhang einen hilfreichen Bezug zu St. Stephan bietet.48 Die ←26 | 27→ausführlichen Darstellungen Kießlings mit den darin gezeigten reformatorischen Umbrüchen in Augsburg lieferten einen der wichtigsten Gründe für die Auswahl der Reichsstadt49 und somit auch des darin gelegenen Stifts St. Stephan als Hauptfokus.

Die separate Beschäftigung mit dem Chorfrauenstift Oberstenfeld begann bereits im 19. Jahrhundert50, wobei hier besonders die wertvolle Arbeit von Gebhard Mehring hervorgehoben werden soll, der den Oberestenfelder Nekrolog und das Seelbuch edierte.51 Jedoch müssen diese älteren Publikationen mit aller Vorsicht genossen werden, da sie in vielen Aspekten als überholt gelten können, unter anderem weil wichtige Quellen zur Zeit der Veröffentlichung noch nicht gesichtet wurden. Konstatiert werden kann, dass gerade zu Aspekten der Stiftung zahlreiche Publikationen vorliegen. Die gefälschte Stiftungsurkunde Oberstenfelds und der Beweis, dass es sich wirklich um eine Fälschung handelt, evozierte einige Publikationen.52 Auch kunstgeschichtlich wurde über Oberstenfeld geforscht.53 Im 20. und 21. Jahrhundert kam es dann noch zu ←27 | 28→mehreren Publikationen,54 wobei sich hier vor allem Hermann Ehmer mit dem Stift beschäftigte.55 Die Auswahl Oberstenfelds als Hauptfokus ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass es als einziges Frauenstift in Süddeutschland württembergisch und somit in die reformatorische Landespolitik dieses Territoriums eingebunden war, was zu besonderen Umbrüchen in der Stiftsgemeinschaft führte.

Passend zu diesem Überblick des Forschungsstandes über einzelne noch nicht näher erforschte Kanonissenstifte stellte Sabine Klapp im Jahr 2012 fest:

„Die verschiedenen (deutschen) Regionen weisen dabei einen äußerst unterschiedlichen Forschungsstand auf. Während die sächsischen Stifte, allen voran Essen, inzwischen als gut erforscht gelten können, ist unser Wissen über andere Kommunitäten trotz einer zum Teil recht guten Überlieferungslage gering: Wie die nordhessischen Stifte Wetter, Kaufungen und Eschwege müssen auch Lindau am Bodensee oder St. Stephan in Augsburg als Forschungsdesiderate gelten.“56

←28 | 29→

Der hier skizzierte unterschiedliche Forschungsstand führte auch zur Fokussierung auf die süddeutsche Region und dabei sowohl auf die Gemeinschaften der freiweltlichen Kanonissenstifte als auch auf die der Augustiner-Chorfrauen. Vergleiche zu anderen Regionen, vor allem zu besser erforschten Gemeinschaften, sind unabdingbar und besonders wertvoll für das Verständnis über die Chorfrauen in jeder Hinsicht.

Die erste vergleichende Studie zu Kanonissenstiften reicht sogar bis ins Jahr 1907 zurück: Karl-Heinz Schäfer schrieb, dass Frauenstifte „unbekanntes und unbebautes Neuland, mit dem Gestrüpp irriger Ansichten stark überwuchert“57 seien. Obwohl Schäfer in seiner Studie Gegebenheiten, welche erst für das Spätmittelalter nachweisbar sind, mit frühmittelalterlichen Verhältnissen vermischte, sind seine Verdienste hinsichtlich einer umfangreichen Erschließung vergleichender Analysen zu Kanonissenstiften bemerkenswert, seine Thesen jedoch sind überholt und aus heutiger Sicht der Forschung nur sehr kritisch und mit Vorsicht zu betrachten.58

Etwa hundert Jahre nach Schäfers Monographie gingen immer noch diverse Historiker der Frage nach, wie es zu dieser starken Vernachlässigung der Frauenstifte kommen konnte.59 Crusius geht dabei davon aus, dass die ←29 | 30→Vernachlässigung durch die Forschung bedingt vor allem durch die Geringschätzung der Aachener Regel60 und die oft schlechte Quellenlage der einzelnen Institutionen zustande kam.61

Durch die oben vorgestellten Monographien und Artikel zu einzelnen Stiftsgemeinschaften wurde aber bereits verdeutlicht, dass die Stiftsdamenforschung nicht mehr im Dunkeln verweilt. Schiersner spricht sogar von „beachtlichem Aufschwung“, welcher sich „in den vergangenen fünfzehn Jahren“ vollzog.62 Das Interesse an den Stiftsdamen63 (wie auch anderen geistlichen Frauen) liegt dabei unter anderem auch in ihrer adligen Herkunft begründet und dem damit verbundenen Nachweis der (adligen) Netzwerke.64 Auch die Frauen- und ←30 | 31→Genderforschung zeigt immer wieder großes Interesse an den adligen Stiftsdamen65, wobei auch das Betrachten der Möglichkeiten des eigenständigen Handelns der geistlichen Frauen, also die auch in dieser Untersuchung gestellte Frage nach den Handlungsmöglichkeiten dieser Frauen, im Interesse der Forschung lag.66

←31 | 32→

Ein weiterer Aspekt der Forschungslage, der nun abschließend noch betrachtet werden soll, betrifft die Frage nach der Beschäftigung mit Bedrohungen und Ordnungen. In Zeiten des Umbruchs, wie sie auch in der Gegenwart bedingt durch Migration, Terror und Finanzkrisen wahrgenommen wird, erscheinen im Zuge einer allgemeinen Verunsicherung Fragen nach Ordnung und Bedrohung immer häufiger in den modernen Medien, aber auch als Forschungsgegenstand unterschiedlicher Wissenschaften.

Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 923 der Eberhard Karls Universität Tübingen, der die interdisziplinäre und internationale Arbeit zu bedrohten Ordnungen maßgeblich vorangetrieben hat, sind hierzu zahlreiche Publikationen entstanden.67 Dass die Frage nach Ordnung und Bedrohung nicht nur ein Thema der Gegenwart ist, beweist unter anderem auch eben dieser Forschungsverbund, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich von „epochalen Rahmungen — und dabei insbesondere der Unterscheidung zwischen der Moderne und dem Rest der Geschichte —“ zu lösen.68 Bei der Frage nach bedrohten Ordnungen geht es selbstverständlich auch darum, wie die Akteure mit dieser Bedrohung umgehen. Hierfür verwendet der Sonderforschungsbereich 923 den Begriff des ‚Re-orderings‘. Die Vorstellung umfasst, dass Bedrohungen für die involvierten Akteure sowohl Ziele erreichbar machen, als auch unwillentlich Konsequenzen hervorrufen können: Das kann eine Wiederherstellung der vorherigen, alten Ordnung, eine veränderte alte Ordnung oder gar die Entstehung einer völlig neuen Ordnung bedeuten.69 Grundlagenwerke dieses Forschungsverbundes zur theoretischen sowie fallbeispielhaften Frage nach bedrohten Ordnungen sind unter anderem in der Reihe ‚Bedrohte Ordnung‘ erschienen.70

←32 | 33→

In all diese Themenfelder, die mit der Frauenstiftforschung verknüpft werden können, — sei es die Frage nach den Netzwerken der adligen Stiftsdamen, sei es nach dem Selbstverständnis dieser geistlichen Frauen oder auch nach dem Handeln der Kanonissen im Umfeld von Bedrohungen — reiht sich diese Arbeit ein.

3. Überlieferung und Quellenlage

Dass als zentraler Forschungsgegenstand die beiden Stifte St. Johannes in Oberstenfeld und St. Stephan in Augsburg ausgewählt wurden, ist natürlich auch den Quellen selbst und deren Überlieferung geschuldet. In einem in Tübingen im Jahr 2014 veranstalteten und von der Verfasserin mit organisierten Sondierungsworkshop wurde die Quellenlage der süddeutschen geistlichen Gemeinschaften von Archivaren und Wissenschaftlern des entsprechenden Raumes untersucht und vorgestellt.71 Ausgehend von dieser Skizzierung der vorhandenen Quellen erschienen nach weiteren Recherchen diese beiden Stifte für die Frage nach Ordnung und Bedrohung als die fruchtbarsten.

Wie bereits erwähnt, gibt es einen allgemeinen Zuwachs an Quellen, was die Zeit der Reformation und darauffolgend auch die gesamte frühe Neuzeit ←33 | 34→gegenüber dem Spätmittelalter betrifft. Als Beispiel hierfür sei die gute Urkundenüberlieferung des Stifts St. Stephan in Augsburg erwähnt: Während aus dem 15. Jahrhundert etwa 170 Urkunden überliefert sind, so sind es aus dem 16. Jahrhundert ungefähr dreimal so viele.72 Sämtliche Urkunden wurden für diese Untersuchung gesichtet und exzerpiert. Die Überlieferungswege des Stiftsarchivs St. Stephans wurden bereits von Fleischmann 2011 in einem Artikel veröffentlicht und sollen hier nur kursorisch dargestellt werden. „Bei der Säkularisation des Damenstifts St. Stephan hat man am 11. Dezember 1802 keine Rücksicht darauf genommen, dass es sich um das älteste und vornehmste Kloster in Augsburg handelte,“ bedauert Fleischmann.73 Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass bei einer Selektion vor allem die wirtschaftlichen Dokumente fast geschlossen aufgehoben wurden, wohingegen vorwiegend im kirchlichen Bereich Verluste zu beklagen sind.74 Über mehrere Umwege gelangte der Hauptteil der Akten und Urkunden St. Stephans ins Staatsarchiv Augsburg, zudem wurden auch einige der Archivalien aus dem Stift St. Stephan ins Stadtarchiv Augsburg integriert.75 Bei den Archivalien des Stadtarchivs sind vor allem diejenigen für diese Untersuchung wertvoll, die aus der Reformationszeit stammen — hier sind einige Briefe zwischen Stiftsdamen und beispielsweise dem Rat der Stadt Augsburg überliefert.76 Die Stiftsbestände des Staatsarchivs sind in vier Bereiche gegliedert: Urkunden des Stifts, eine Literaliensammlung, Akten und ein Bestand, welcher mit der Bezeichnung Münchner Bestand oder kurz MüB aus dem Münchener Staatsarchiv übernommen wurde. Abgesehen von ←34 | 35→den Urkunden war vor allem der Münchner Bestand für diese Arbeit von hoher Bedeutung, da in diesem beispielsweise Statuten, Aufnahmedokumente von Stiftsdamen oder auch Privatdokumente enthalten sind. Neben diesem Bestand wurden unter anderem auch die Reichsstadturkunden und Ratsprotokolle der beiden Augsburger Archive gesichtet.

Die zentrale Überlieferung des Stifts Oberstenfeld wird im Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt. Diese ist dort in zwei Bereiche untergliedert: Zum einen die Archivalien mit der Signatur B 480 S und zum anderen die Archivalien mit der Signatur B 480 L.

Bei den Archivalieneinheiten mit der Signatur S handelt es sich um 208 Urkunden und 26 Büschel (Akteneinheiten) von insgesamt 4,1 laufenden Metern.77 Ein großer Teil der Urkunden und Akten des 16. bis 18. Jahrhunderts wurden in den 1920er Jahren in das Staatsarchiv Stuttgart überführt. 1969 gelangten diese Unterlagen im Zuge der Beständebereinigung in das Staatsarchiv Ludwigsburg.78 Viele der Archivalien des Bestandes B 480 S sind als Digitalisate auf der Webseite des Staatsarchivs einsehbar — hierbei ist vor allem das Kalendarium des Stifts hervorzuheben.79 Für diese Untersuchung wurden nahezu alle Bestände dieser Signatur gesichtet.80

Details

Seiten
428
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631819296
ISBN (ePUB)
9783631819302
ISBN (MOBI)
9783631819319
ISBN (Hardcover)
9783631818244
DOI
10.3726/b16840
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
Frauen Kirche Religion Bedrohung Chorfrau Äbtissin Chorfrauen Reformation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 428 S., 2 farb. Abb., 2 s/w Abb., 5 Tab.

Biographische Angaben

Agnes Schormann (Autor:in)

Agnes Schormann studierte Klassische Archäologie und Geschichtswissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen und promovierte an der Philosophischen Fakultät im Fach Geschichte in Tübingen.

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