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Spanienbilder aus dem deutschsprachigen Exil bei Feuchtwanger und seinen Zeitgenossen

von Isabel Hernández (Band-Herausgeber:in)
Sammelband XX, 364 Seiten
Reihe: Feuchtwanger Studies, Band 5

Zusammenfassung

In seinen Romanen Die Jüdin von Toledo (1955) und Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis (1951) zeigte Lion Feuchtwanger während seines kalifornischen Exils eine ausgeprägte Neigung zu Spanien. Diese Neigung zeigten auch andere der vielen Schriftsteller, die im Dritten Reich gezwungen waren, Deutschland zu verlassen, manchmal über Spanien.
Im Gegensatz zum Italienbild wurde das Spanienbild in den Texten einiger der exilierten Schriftsteller nie ästhetisiert. Stoffe aus der spanischen Geschichte boten den Autoren aber die Gelegenheit, die damalige Gegenwart durch eine schon vorgegebene Vergangenheit zu interpretieren, was ihre Vorliebe für den historischen Roman erklärt. In den letzten Jahren hat die Gattung eine Wiederbelebung erfahren, die bereits auf eine Rückkehr von vielen im Exil geschriebenen Werken hindeutet. Die politische und soziale Lage, die in vielen Ländern der Welt zum Alltag geworden ist, bestätigt die Aktualität von Romanen wie Feuchtwangers Die Jüdin von Toledo.
In diesem Sinne widmet sich diese Publikation in ihrem ersten Teil Lion Feuchtwangers schriftstellerischer Auseinandersetzung mit Spanien. Der zweite Teil befasst sich mit dem Spanienbild vieler Schriftsteller, die in Spanien nicht nur einen Zufluchtsort, sondern auch Inspiration für ihre eigenen Werke gefunden haben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Abbildungen
  • Vorwort
  • Teil 1: Lion Feuchtwangers Spanienbild
  • Die historischen Romane Lion Feuchtwangers: Geschichte und Literatur als Wege zum Weltbürgertum und der Ort Spaniens in diesem Imaginarium (Bernd F. W. Springer)
  • Lion Feuchtwangers Auseinandersetzung mit Goyas Werk in Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis (Helmut C. Jacobs)
  • Raumbilder und Bildräume in Feuchtwangers Goya-Roman (Ingrid García-Wistädt)
  • „Ich selber lieb’ es nicht, dies Volk …“. Die Jüdin von Toledo und das Problem von Judentum und Macht bei Grillparzer und Feuchtwanger (François Genton)
  • Locus ameonus und hortus conclusus: Der Garten als Seelenlandschaft (Friedel Schmoranzer-Johnson)
  • Teil 2: Literarisierte Spanienbilder
  • Zwischen historischer Camouflage und theologischer Weltdeutung. Zu Verfahren und Ambivalenz der Regimekritik in Stefan Andres’ Novelle El Greco malt den Großinquisitor (Tobias Christ)
  • „Spanien an seinem entscheidenden Wendepunkt“: Spanien im historischen Roman von Leo Katz Die Welt des Columbus (Teresa Cañadas)
  • Exil vs. Insil? / Innere Emigration und Transit: Drei ungleichgewichtige Räume spanischer Identität in der deutschen Literatur des Dritten Reiches: Reinhold Schneider und die Poetik des Leidens (Ángeles Osiander-Fuentes)
  • Der Disput von Valladolid (1550/1551) im zeitgenössischen Kontext: Fragen über Recht und Gerechtigkeit in Reinhold Schneiders Roman Las Casas vor Karl V. (1938) (Jörg Thunecke)
  • Alte Mythen und moderne Helden. Zu Stefan Zweigs Spanienbild (Arturo Larcati)
  • Spanische Geschichte und politische Gegenwart. Thomas Manns Don Quijote-Essay von 1934 und seine Stellungnahmen zum Spanischen Bürgerkrieg (Friedhelm Marx)
  • Teil 3: Erlebte Spanienbilder
  • Das Spanienbild Ernst Tollers: Projektionsfläche von eigener Identität und engagiertem Handeln (Carsten Schapkow)
  • Das Archaische und Mythische des Vormodernen im Spanienbild: Walter Benjamin und Raoul Hausmann auf Ibiza (Marisa Siguan)
  • Spanien als literarische Exilwelt bei Klaus Mann (Gesa Singer)
  • „Auch die Uhr liegt längst unaufgezogen“: der Niederschlag von Franz Bleis Exiljahren auf Mallorca (Gabriele Einsele)
  • Albert Vigoleis Thelen and Émigré Literature: Dispatches from Mallorca and Other European Venues, 1934–1940 (Jacob Boas)
  • Verzeichnis der AutorInnen
  • Register (Namen)
  • Register (Sachen)
  • Reihenübersicht

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Abbildungen

Titelbild:Marta und Lion Feuchtwanger in Nogales, Mexiko, 1941 © Feuchtwanger Memorial Library, University of Southern California.
Abb. 1:Francisco de Goya, Capricho 1 (1799). Radierung, 30,6 × 20,1 cm. Abdruck aller Caprichos mit Genehmigung des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg im Breisgau. Fotos: Bernhard Strauss © Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg.
Abb. 2:Francisco de Goya, Selbstporträt in Brief an Martín Zapater y Clavería vom 2. August 1800.
Abb. 3:Francisco de Goya, Selbstporträt (um 1795–1797). Tusche, laviert, 23,3 × 14,4 cm. Metropolitan Museum of Art, New York, USA © The Metropolitan Museum of Art, New York.
Abb. 4:Francisco de Goya, Don Andrés del Peral (1797–1798). Öl auf Leinwand, 95 × 65,7 cm. The National Gallery, London (Signatur: NG1951) © The National Gallery, London.
Abb. 5:Francisco de Goya, Juan Agustín Ceán Bermúdez (1786). Öl auf Leinwand, 122 × 88 cm © Privatsammlung.
Abb. 6:Francisco de Goya, Manuela Camas y de las Heras (um 1786). Öl auf Leinwand, 121 × 84,5 cm. Szépmüvészeti Múzeum, Budapest, Ungarn (Signatur: 3792) © Szépmüvészeti Múzeum, Budapest.
Abb. 7:Francisco de Goya, Ranas humanas abrazándose. Zeichnung, 200 × 141 mm. Museo Nacional del Prado (Signatur: D03957) © Museo Nacional del Prado, Madrid. ← xi | xii →
Abb. 8:Francisco de Goya, La Familia de Carlos IV (Die Familie von Karl IV.) (1800–1801). Öl auf Leinwand, 280 × 336 cm. Museo Nacional del Prado (Signatur: P00726) © Museo Nacional del Prado, Madrid.
Abb. 9:Francisco de Goya, Capricho 43.
Abb. 10:Francisco de Goya, Capricho 54.
Abb. 11:Francisco de Goya, Capricho 56.
Abb. 12:Francisco de Goya, Capricho 80.
Abb. 13:El Greco, Porträt des Kardinalinquisitors Don Fernando Niño de Guevara. Öl auf Leinwand, ca. 1600. Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur (Schweiz). Quelle: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. Verfügbar unter: ‹https://commons.wikimedia.org/wiki/File:El_Greco_048.jpg›.
Abb. 14:Herr Wolfram von Eschenbach. Quelle: Codex Manesse, UB Heidelberg, Cof. Pal. germ. 848, fol. 149v., ca. 1305–1315. Verfügbar unter: ‹http://www.mediaevum.de/autoren/wolfram_von_eschenbach.htm›.
Abb. 15:El Greco, Begräbnis des Grafen von Orgaz (1586–1588), Kirche von Santo Tomé in Toledo. Verfügbar unter: ‹https://commons.wikimedia.org/wiki/File:El_entierro_del_se%C3%B1or_de_Orgaz_-_El_Greco.jpg›.
Abb. 16:Titelblatt: Spanien. Menschen in Not. Hg. von den sozialdemokratischen Frauengruppen der Schweiz (Aarau), 1937.

Jegliche Anstrengung wurde unternommen, um die Copyright-Inhaber ausfindig zu machen und ihr Einverständnis zur Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material zu erhalten. Der Verlag entschuldigt sich für alle Fehler oder Auslassungen im obigen Verzeichnis und ist für jegliche Hinweise oder Korrekturen dankbar, die in zukünftige Nachdrucke oder Neuauflagen dieses Buches aufgenommen werden sollten.

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ISABEL HERNÁNDEZ

Vorwort

Ohne die Zukunft vorauszuahnen, unternahm Lion Feuchtwanger mit seiner Frau Marta 1926 eine Urlaubsreise nach Spanien. Er war schon damals als der berühmte Verfasser des Romans Jud Süß bekannt. Nachdem der Roman jahrelang keinen Verleger finden konnte, wurde er plötzlich ein Riesenerfolg, der dazu beitrug, den Autor in der von ihm gewählten Form des historischen Romans zu bestätigen. Feuchtwanger hatte sich stets von großen Figuren der Geschichte, in denen sich geistige bzw. geistliche Konflikte abgespielt hatten, angezogen gefühlt. Während seiner Spanienreise fand er mehr als eine Inspirationsquelle, denn die Geschichte, die Architektur, die Landschaft und die Gewohnheiten des Landes beeindruckten ihn so nachhaltig, dass er bald danach eine Kurzerzählung mit dem Titel „Stierkampf“ schrieb und sich gleich nach einem Besuch im Prado-Museum dazu entschied, einen Roman über den Maler Francisco de Goya zu schreiben, den er als Entdecker der modernen Kunst empfand. Der Roman kam erst 1951 zustande, als er schon lange im kalifornischen Exil war, in das er nach der Internierung in Les Milles mit Hilfe des 1940 gegründeten Emergency Rescue Committee über Spanien und Portugal geflohen war. Drei Jahre später würde er der spanischen Geschichte noch einen weiteren Roman widmen, und zwar eines seiner berühmtesten und meistübersetzten Werke: Die Jüdin von Toledo.

Auch wenn Feuchtwanger zunächst einen Roman über die Figur der biblischen Esther schreiben wollte, sah er in der Legende der Liebesaffäre des mächtigen christlichen Königs Alfons VIII. von Kastilien und der schönen Jüdin Raquel einen adäquateren Hintergrund für sein Vorhaben, da sie im mittelalterlichen Toledo spielte, wo Juden, Christen und Moslems Jahrhunderte lang friedlich zusammengelebt hatten. Mit einer solchen Kulisse, die er mit Hilfe einer antithesischen Darstellung am Anfang des Romans sehr vollständig beschreibt, konnte er zu der jüdischen Thematik ← xiii | xiv → zurückkehren und in der Gestalt seines Protagonisten, Jehuda Ibn Esra, nicht nur das Problem des großen jüdischen Intellektuellen und dessen Universalismus darstellen, sondern auch das säkularisierte Judentum außerhalb des Ghettos. So konnte er durch diese literarische Figur den heimatlosesten Teil seines Volkes, und dadurch den Wert und die Eindringlichkeit der Fabel aktualisieren, um damit das gemein-jüdische Schicksal zu erklären. Wie auch für andere Autoren wurde Spanien somit zum Zentrum von Feuchtwangers Reflektionen zur Geschichte des Judentums. Etwas Ähnliches kann man aus der Lektüre seines Goya-Romans entnehmen, wo die spanische Verwurzelung des Künstlers, der aus einer bäuerlichen Familie stammend sich bis zum Hofmaler emporarbeitete, eine überaus grosse Rolle spielt: Ortschaften und Personen werden zur Basis seines künstlerischen Schaffens, was ihn später – wie viele andere auch – ins Exil zwingen wird.

Feuchtwanger war nicht der einzige Autor, der sich im Exil bzw. in der Inneren Emigration für die Geschichte Spaniens interessiert hat. Der Grund für dieses Interesse lag mit Sicherheit in der Einzigartigkeit einzelner Figuren der spanischen Geschichte, in denen die deutschen Exilanten viele Gemeinsamkeiten mit der Lage im damaligen Deutschland sahen und darin eine Erklärung für ihre Erfahrungen und ihre Gegenwart finden konnten: der Kampfgeist und der ausgeprägte Individualismus der Herrscher, der Idealismus bzw. die Verrücktheit des Volkes – prominent personifiziert in der Figur des Don Quixote –, die Ritterlichkeit, der Stolz, die Arroganz und so viele weitere Merkmale, die das Land im Endeffekt im Laufe der Jahrhunderte zum Verlust seiner Macht gestürzt hatten.1 Aber gerade der umfassende geschichtliche Kontext eines Landes, dessen „Geschichtsgröße ← xiv | xv → […] in fernen Jahrhunderten“ (Th. Mann) lag, erlaubte den deutschen Schriftstellern ein zwischen Triumph und Niederlage oszillierendes historisches Flechtwerk entstehen zu lassen, welches ihnen als idealer Schauplatz für ihre Romane dienen sollte.

Die historische Rekonstruktion, die in den Werken der Erzähler des deutschen Exils stattfindet, geht also nicht von den historischen Ereignissen, sondern einzig und allein von den beschriebenen Personen aus. Dadurch entsteht ein Bild der verschiedenen Epochen der spanischen Geschichte, das von den Eigenschaften der Individuen bestimmt wird, die in den verschiedenen Romanen von Bedeutung sind und die sich auf diese Weise in Träger bestimmter Charaktereigenschaften verwandeln, die auf die gesamte Nation, und folglich auch auf den historischen Werdegang derselben übertragen werden. Es handelt sich also um einen Prozess der Reformulierung der Geschichte, der von den Merkmalen bestimmter Figuren dieses so einzigartigen und zugleich andersartigen Volkes ausgeht. Und auf diese Weise, d.h. von diesen einzelnen Beschreibungen ausgehend, lassen die Erzähler ein Gesamtbild des spanischen Lebens und der spanischen Gesellschaft in verschiedenen Epochen und in den auffälligsten Aspekten entstehen, die an sich alle Bereiche deckt: die Lebensbedingungen auf dem Land und in den Städten, die Gebräuche der Bewohner, das Wesen des Volkes, die Politik, die Kirche, das öffentliche Gesundheitswesen und vieles mehr.

Die Geschichte Spaniens konnte in dieser Hinsicht besser als die anderer Länder als Modell für historische Dichtung gebraucht werden, und dadurch die Vergangenheit in die Gegenwart einströmen lassen, was Feuchtwanger als Methode und Ziel des historischen Romans sah:

Sie [die Vergangenheit] befruchtet die Gegenwart mit dem, was aus der Vergangenheit lebensfähig bleibt. Sie [die historischen Romane] schaffen dem Leser ein Erlebnis, das keine andere Dichtungsart ihm zu geben vermag. Der Leser kann die Menschen einer historischen Dichtung gleichzeitig aus der Distanz betrachten und an ihrem Sein und Leben teilnehmen. Die historische Dichtung übermittelt dem Leser den letzten Sinn aller Beschäftigten mit der Vergangenheit, […] Lehrt ihn, die eigene ← xv | xvi → Zeit einzuordnen in die Gesamtgeschichte der Menschheit. Lehrt ihn, die Gesetze des eigenen Lebens tiefer zu erkennen.2

So wie Feuchtwangers Werk im Exil war das Werk vieler anderer Autoren sowohl im Exil als auch in der Inneren Emigration durch eine permanente Auseinandersetzung mit eigenen Positionen gekennzeichnet, deren Stand jeweils in den fiktiven Handlungen ihrer Romane reflektiert wird. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stellen auf diese Weise eine historische Kontinuität dar, in die auch der vom Verlust der geschichtlichen Kontinuität bedrohte Emigrant eingegliedert ist.

Viele der exilierten Autoren entschieden sich gerade vor diesem Hintergrund für die Gattung des historischen Romans, auch wenn er damals ein gewisses negatives Prestige besaß, das sie dazu zwang, sich in vielen Fällen dafür zu rechtfertigen. Mehr oder weniger deutlich bemühten sich alle darum, klarzustellen, dass der historische Roman besser als jede andere Gattung in der Lage war, sich an das von den im Exil lebenden Schriftstellern verfolgte Ziel anzupassen – nämlich hinter dem Schleier der Geschichte die aktuelle Realität zu verbergen. Indem sie sich diese Gattung zu eigen machten, versuchten sie alle, die Gültigkeit dieses Genres gegenüber dem Vorwurf der Trivialität zu verteidigen. Für Lion Feuchtwanger war der historische Roman eine eindeutige und für Exilanten überdies eine ausgesprochen attraktive Gattung. In dem berühmten Vortrag, der unter dem Titel Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans veröffentlicht wurde, und den der Autor im Jahre 1935 auf dem Internationalen Schriftstellerkongress in Paris hielt, äußerte sich Feuchtwanger folgendermaßen:

Ich für mein Teil habe mich, seitdem ich schreibe, bemüht, historische Romane für die Vernunft zu schreiben, gegen Dummheit und Gewalt, gegen das, was Marx das Versinken in die Geschichtslosigkeit nennt. Vielleicht gibt es auf dem Gebiet der Literatur Waffen, die unmittelbarer wirken: aber mir liegt […] am besten diese Waffe, der historische Roman, und ich beabsichtige, sie weiter zu gebrauchen.3 ← xvi | xvii →

In diesem Sinne äußert sich zum Beispiel auch Alfred Döblin in einem seiner bekanntesten Aufsätze, der den Titel Der historische Roman und wir (1936) trägt, und in dem er in allen Details den Entstehungsprozess des historischen Romans als einen Prozess erklärt, in dem der Autor eine Figur aus der Geschichte aufgreift, sie aus der Vergangenheit herauslöst, wo sie sich in einem statischen Zustand befunden hatte und sie neu beschreibt, wodurch eine Entwicklung entsteht, die auf die Gegenwart bezogen wird, und bei der die entsprechende Figur als real erscheint, wobei sie in vielen Fällen mit einer Person aus der Gegenwartsgeschichte identifiziert wird.4 Folglich ist das Ziel eines jeden Romans dieser Gattung nicht nur, eine Reihe historischer Ereignisse darzulegen, die für den Leser von heute interessant sein könnten, sondern ihn mit einem aktuellen Sinn zu versehen, den er von sich aus und aus historischer Sicht nicht hatte. Das von der Inquisition beherrschte Spanien des Goldenen Jahrhunderts, in dem Cervantes sein Meisterwerk schrieb, eignete sich bestens, um an einem fiktionalisierten Stoff exemplarisch die Frage nach dem Handeln des Einzelnen angesichts des Bösen zu erörtern.

Aber Spanien diente nicht nur als Inspirationsquelle und Kulisse, sondern auch als Zufluchtsort und freundliches Gastland für viele vom Nationalsozialismus verfolgte Intellektuellen, vielleicht wegen der historisch-politischen gegenseitigen Entwicklung beider Länder. Von Südfrankreich aus und mit der Angst vor der Verhaftung und vor dem Tod konnte Spanien als Ort der Rettung betrachtet werden, vor allem weil das gespaltene Land sich perfekt als Raum anbot, wo sich die Autoren des Exils doch ideologisch profilieren konnten. Spanien wurde somit als Mittel zum ideologischen Ausdruck sowie als Mittel zum Kampf gegen den Faschismus betrachtet, der sich in Spanien mit Franco durchzusetzen versuchte. Davor aber, gerade zu der Zeit, an der sich die Weimarer Republik in Richtung Nationalsozialismus bewegte, hatte sich 1930 die spanische Diktatur Primo de Riveras aufgelöst. Gleich danach wurde die Zweite Republik proklamiert. Diese unerwartete Entwicklung der Politik auf der Halbinsel prägte die Kulturbeziehungen zwischen beiden Ländern stark: Einerseits wurde ← xvii | xviii → es in diesem konkreten historischen Kontext möglich, dass Autoren bzw. Intellektuelle des Frühexils wie Erich Arendt und Harry Graf Kessler, Albert Vigelois Thelen oder Franz Blei, welche 1933 oder kurz davor Deutschland verließen, sich auf Mallorca niederlassen konnten. Vielleicht wegen der Rückständigkeit und Isolation der Insel zeigte sie sich als offenes Gastland für die Exilanten. Die Armut des dortigen Lebens in Zusammenhang mit der lebensfreundlichen Natur des Mittelmeers ergeben in vielen ihrer Texte ein Bild, das als Utopie des verlorenen Paradieses – d.h. der Heimat – verstanden werden kann. Walter Benjamin, der schon vor diesem tragischen Jahr schöne Tage auf Ibiza mit Raoul Hausmann geteilt hatte, verübte am Grenzort Portbou Selbstmord, weil er trotz erfolgter Grenzüberschreitung seine Auslieferung an die Deutschen befürchtete. Trotzdem wurde die spanische Grenze für Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque und Heinrich Mann u. a. auch zum Ort der Hoffnung.

Spanien ließ keinen der Autoren, die mit dem Land in Kontakt gekommen waren, unberührt und auf verschiedene Art und Weise setzten sie sich alle mit dem Land und dessen Menschen auseinander. Einige wie Ernst Toller, „der an hervorragender Stelle bemüht war, das zu verhindern, was jetzt in Deutschland scheußliche Wirklichkeit geworden ist“,5 engagierten sich sogar namentlich für die Zivilbevölkerung in Spanien. Auch Feuchtwanger war in diesem Sinne politisch aktiv interessiert. Wie aus einem am 18. April 1941 datierten Memorandum der FBI Files über Feuchtwanger zu entnehmen ist, war er einer der „International Sponsors of the North American Committee to Aid Spanish Democracy“, was die Amerikaner selbstverständlich für prokommunistisch hielten.6

Da Spanien für die deutschsprachigen Autoren der Zeit verschiedene Rollen gespielt hat, ist die vorliegende Publikation in drei verschiedenen Sektionen geteilt, die ein sehr vollständiges Bild von dem zeichnen, was die deutschsprachigen Schriftsteller im Exil über Spanien dachten. Der erste Teil ist dem Spanienbild Lion Feuchtwangers gewidmet, der mit seinen ← xviii | xix → Romanen neues literarisches Licht auf die spanische Geschichte warf; der zweite Teil stellt das von Autoren wie Stefan Andres, Leo Katz, Reinhold Schneider, Stefan Zweig oder Thomas Mann literarisierte Spanien vor, welches mehrere Jahrhunderte spanischer Geschichte deckt – wobei aber die Zeit der Konquista eine überaus große Rolle spielt; an dritter Stelle widmet sich die Publikation den selbsterlebten Spanienbildern, die von Autoren stammen, die Spanien als Zufluchtsort hatten bzw. sich in dem Spanischen Bürgerkrieg engagierten.

Eine solche Einteilung wird dem Leser den Zugang zu diesem komplexen Thema erleichtern. Vor allem weil das Spanienbild, das die deutschsprachigen Schriftsteller dieser Epoche uns vermittelt haben, heute von großer Aktualität zu sein scheint und sich gegen die von mehreren Politikern und Intellektuellen bis in unsere Tage verbreitete Idee des Mittelalterspaniens als Modell für eine sogenannte Allianz der Zivilisationen wendet, die als Ziel hat, gemeinsame Handlungsansätze über verschiedene Gesellschaften und Kulturen hinweg zu verschmelzen, um Extremismus zu bekämpfen und kulturelle, religiöse und soziale Barrieren zu überwinden. Die Geschichte hat uns jedoch gezeigt, dass sich die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte dagegen gewehrt hat. ← xix | xx →


1 Siehe hierzu den Aufsatz von Ramón Menéndez Pidal, Los españoles en la Historia (Madrid: Espasa, 1991), 73–145, in dem sehr präzise die Merkmale beschrieben werden, mit denen das spanische Volk definiert wird, und die seltsamerweise in keinem der erwähnten Werke deutscher Autoren auftauchen – mit Ausnahme des berühmten Stolzes, der natürlich falsch verstanden und nicht in entsprechendem Maße an das spanische Wesen angepasst wird. Menéndez Pidal betont allen voran die Genügsamkeit als Hauptqualität des spanischen Charakters; einzig und allein über diese Eigenschaft müssen die anderen gesehen werden, nicht gesondert, sondern in ständiger Beziehung zu ihr. Das Desinteresse, der Idealismus, die Religiosität oder der Individualismus können nur verstanden werden, wenn man von der Schlichtheit als Basischarakteristikum ausgeht, das den Ursprung für alle übrigen darstellt.

2 Lion Feuchtwanger, „Zum historischen Roman“, Der Bienenstock. Blätter des Aufbau-Verlags, 37 (1957), o. S.

3 Lion Feuchtwanger, „Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans“, in Lion Feuchtwanger, Ein Buch nur für meine Freunde (Frankfurt am Main: Fischer, 1984), 501.

4 Vgl. Alfred Döblin, „Der historische Roman und wir“, in Alfred Döblin, Aufsätze zur Literatur (Olten: Walter, 1963), 180ff.

Details

Seiten
XX, 364
ISBN (PDF)
9781787071490
ISBN (ePUB)
9781787071506
ISBN (MOBI)
9781787071513
ISBN (Paperback)
9781787071483
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
Spanienbild Deutschsprachige Literatur Exil Imagologie
Erschienen
Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Wien, 2018. XX, 364 S., 17 s/w Abb.

Biographische Angaben

Isabel Hernández (Band-Herausgeber:in)

Isabel Hernández ist Professorin für deutschsprachige Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universidad Complutense de Madrid. Als Gastdozentin war sie in verschiedenen Universitäten in Europa und Lateinamerika tätig. Sie ist Senior Fellow des Real Colegio Complutense in Harvard und Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung. Seit 2003 ist sie Herausgeberin der Revista de Filología Alemana. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Spanienbild in der deutschsprachigen Literatur. In diesem Zusammenhang hat sie bereits mehrfach über Lion Feuchtwangers Werk publiziert.

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Titel: Spanienbilder aus dem deutschsprachigen Exil bei Feuchtwanger und seinen Zeitgenossen