Lade Inhalt...

Psychologie und Totalitarismus

Die Abwendung vom Humanitätsgedanken in der Psychologie und die Folgen (ca. 1895–1945)

von Susanne Guski-Leinwand (Autor)
Habilitationsschrift 325 Seiten

Inhaltsverzeichnis


Susanne Guski-Leinwand

Psychologie und Totalitarismus Die Abwendung vom Humanitätsgedanken in der Psychologie und die Folgen (ca. 1895-1945)

img

Autorenangaben

Susanne Guski-Leinwand ist Privatdozentin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Geschichte der Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vertretungsprofessorin für Psychologie an der Fachhochschule Dortmund. Sie lehrt und forscht zu Geschichte und Ethik der Psychologie, einschließlich Psychotherapie.

Über das Buch

Die große historische und politische Frage: „Wie konnte das geschehen?“ erhält auf Basis dieses Buches eine Antwort aus psychologischer Sicht. Die Autorin präsentiert neue Aspekte in der Totalitarismus-Forschung: Sie stellt die Bedeutungen psychologischer Ansätze und ihr Hineinwirken in politische Konzepte bis hin zum Nationalsozialismus dar und analysiert sie in ihren Zusammenhängen. Sie untersucht, bis zu welchem Moment die Psychologie in Deutschland sich dem Humanitätsgedanken verpflichtet sah und wann bzw. wodurch sich dieses änderte. So konnten z. B. ein psychologischer Darwinismus, organisches Denken und antisemitische Positionen Einzug halten. Bisher unbekannte politische Konzepte bedienten sich der Psychologie und umgekehrt, schließlich opferte man den Humanitätsgedanken. Prominente Fachvertreter des 20. Jahrhunderts trugen unterschiedlich stark hierzu bei. Das Buch stellt Konzepte und Beteiligte in ihren zugehörigen Kontexten vor. Ein bisheriger „weißer Fleck“ der Geschichte erhält Konturen und Kontrastierungen.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Vorwort

Die vorliegende Publikation stützt sich in wesentlichen Teilen auf die Habilitationsschrift der Autorin mit dem Titel „Die Abwendung vom Humanitätsgedanken in der Psychologie und die Folgen für „Wissenschaftlichen Antisemitismus“, ‚Ganzheit‘ und Totalitarismus“. Die Habilitationsschrift wurde im Dezember 2013 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena eingereicht und angenommen. Die nun vorliegende Publikation stellt eine überarbeitete und durch neuere Forschungsergebnisse ergänzte Version der Habilitationsschrift dar. Es sind einzelne Kapitel erweitert, in ihrer Gestaltung konkretisiert worden, auch sind einzelne Archivalien und Literatur zusätzlich aufgenommen worden. Auch das Fazit wurde überarbeitet und die für die Forschung resultierenden Herausforderungen dargestellt.

Die Ausführungen in den verschiedenen Kapiteln zeigen, welch verheerende Wirkungen von einem heuristisch angelegten Ideen- bzw. Paradigmenwechsel ausgehen können: Es wird dargelegt, wie die Idee der Humanität zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Idee der organischen Organisation weitgehend abgelöst wurde. Diese Idee zog verstärkt seit dem Ersten Weltkrieg in eine Vielzahl von Wissenschaftsgebieten ein und wurde auch in die Psychologie integriert. Wissenschaft konnte auf dieser – ideengesteuerten – Basis sehr leicht politisch dienstbar gemacht und für die Umsetzung totalitärer Staatsziele genutzt werden. Schwerpunktmäßig werden in der vorliegenden Untersuchung die Verquickungen der Psychologie mit politischen Konzepten sowie der Bezug zur organischen Denkweise aufgezeigt und unbekannte Quellen mit ihrem Bezug zur Psychologie ausführlich diskutiert.

Verschiedene Hinweise bildeten für die vorliegende Ausgabe wertvolle Ergänzungen. Namentlich sei hierfür besonders den Herren Professoren Wolfgang Frindte, Uwe Hoßfeld, Helmut Lück sowie Georg Eckardt, Horst Gundlach, Wolfgang Schönpflug, Horst-Peter Brauns und Jost Lemmerich in Berlin gedankt. Auch in Gesprächen am Rande von Treffen der Fachgruppe Geschichte der Psychologie in der DGPs oder innerhalb des BDP, dort besonders Herr Dr. Rudolf Günther, erhielt ich von verschiedenen Kolleginnen und Kollegen interessante Impulse, für die ich hier ebenso allgemein danken möchte wie für die vielen Unterstützungen in den genannten Archiven und Bibliotheken. Hierzu zählt auch der sehr geschätzte Austausch mit Herrn Dr. Gerd Wenninger und Frau Dr. Annerose Meischner-Methge im Vorfeld der Enstehung der Habilitationsschrift. Den Herausgebern der Reihe dieses Bandes, Helmut Lück und Armin Stock, und der Leitenden Lektorin,←5 | 6→ Frau Isolde Fedderies, danke ich herzlich für ihre lange Geduld bis zur Vorlage des endgültigen Manuskriptes. Angereichert ist die Publikation mit verschiedenen Abbildungen bzw. Reprofotografien. Für die Erlaubnisse bzw. Genehmigungen für Abbildungen danke ich herzlich dem Umschau Zeitschriftenverlag GmbH in Wiesbaden, ebenso der Frankfurter Universitätsbibliothek/Lesesaal Judaica, der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin sowie der Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz, ferner auch der Universität Uppsala und dem Alfred Kröner Verlag für Abbildungsgenehmigungen. Herr Georg Witrisal gab mir die freundliche Genehmigung zur Nutzung einer schematischen Übersicht.

Teilergebnisse des zweiten Kapitels konnten mit Hilfe eines Stipendiums der Köhler-Stiftung enstehen, wofür ich auch an dieser Stelle noch einmal herzlich danke.

Da sich die Untersuchung aus historischen Quellen nährt, legen diese im Zitat auch jeweils unterschiedliche Rechtschreibungen zu Grunde. Eine gendergerechte Sprache ist auf Grund des Alters der Quellen im Zitat nicht zu realisieren gewesen, jedoch im Weiteren beachtet.

Bad Honnef im Oktober 2016

Susanne Guski-Leinwand

←6 | 7→

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Humanitätsgedanke in der Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Sein Verlust und ‚Ganzheit‘ als neue Orientierung in der Psychologie

1.1 Wundts Auffassung von Humanität und die Kulturauffassungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts – ein Abriss

1.2 Die organische Kulturauffassung und die fehlende Humanitätsorientierung

1.3 Über die Ursprünge einer organischen Denkweise

1.4 „Die Psychologie im Kampf ums Dasein“ 1913: Konkurrenzen und Konzeptionen

1.5 Zusammenfassung: Themen für die hiesigen Untersuchungen

2. ‚Ganzheit‘: Sprachliche Grundlagen versus kontextuelle oder codierte Bedeutungsgebungen zur Entschlüsselung des Begriffes

2.1 Abriss zur sprachlichen Kernbedeutung von ‚Ganzheit‘

2.2 Bedeutungsgebungen, Verknüpfungen und Codierung von ‚Ganzheit‘ in Wörterbüchern der Psychologie, Biologie und anderen Nachschlagewerken

2.3 Die Verwendung des Begriffes ‚Ganzheit‘ im Bereich des Geisteswissenschaftlichen und in der Psychologie

2.4 ‚Ganzheit‘ im Rahmen politischer und staatstheoretischer Definitionen und Staatskonzeptionen

2.4.1 Kurt Riezlers „Theorie der Politik“ aus dem Jahr 1913

2.4.2 Johan Rudolf Kjelléns „Psychopolitik“ in seinem „Grundriß zu einem System der Politik“ von 1920

2.5 Johann Heinrich Plenges „Cogito, ergo sumus“ – eine Formel für organische Ganzheit und Totalitarismus←7 | 8→

2.6 Die Rezeption des Ganzheitsbegriffes in Publikationen deutsch-jüdischer Psycholog/innen

2.7 Zusammenfassung der Ergebnisse des 2. Kapitels

3. „Wissenschaftlicher Antisemitismus“: Abriss zu seiner Begriffsgenese und zu seinen Ausprägungen im 20. Jahrhundert

3.1 „Wissenschaftlicher Antisemitismus“– Der Berliner Privatier Gustav Levinstein und sein Engagement für Wissenschafts- und Religionsfreiheit

3.2 „Wissenschaftlicher Antisemitismus“ und der Einzug der Rassenlehre in die Geisteswissenschaften in Deutschland

3.3 „Wissenschaftlicher Antisemitismus“: Definition und Konsequenzen für gute wissenschaftliche Praxis

3.3.1 Sieben Ausgrenzungsarten bei wissenschaftlichem Antisemitismus

3.3.2 Beispielhafte Bezüge zu den Ausgrenzungsarten als wissenschaftlichem Antisemitismus in der Genese der Psychologie in Deutschland (ca. 1900–1945)

3.4 „Wissenschaftlicher Antisemitismus“, Rassenlehren und ihre Bezüge zur Deszendenztheorie

3.5 Zusammenfassende Schlussfolgerungen aus dem 3. Kapitel

4. Kurzer Abriss zur Deszendenztheorie und den Folgen ihres Transfers in die Geisteswissenschaften

4.1 Darwinismus und Deszendenztheorie in geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskursen

4.2 Die Deszendenztheorie und ihr radikaler Transfer in die Geisteswissenschaften: Das Preisausschreiben von 1900 im Kontext geisteswissenschaftlicher Entwürfe zur Psychologie

4.3 Die radikale Deszendenztheorie und das Fehlen der Ethik

4.4 Die Genealogie, ihre Funktion für eine radikale Deszendenztheorie und die Psychologie←8 | 9→

5. Auswirkungen einer radikalen Deszendenztheorie als Darwinismus in der Psychologie: Untersuchung des psychologischen Lehrgebäudes Felix Kruegers

5.1 Darwinismus, Sozialdarwinismus, Soziale Evolution: Definitionen und Herleitungen

5.2 Darwinistische Spuren im psychologischen Lehrgebäude Felix Kruegers

5.3 Spuren eines biologischen bzw. philosophischen Darwinismus im psychologischen Lehrgebäude Felix Kruegers (1910–1948)

5.4 Psychologischer Darwinismus versus soziologischer Darwinismus: Prüfung Kruegerscher Kernaussagen als eines soziologischen Darwinismus

5.5 Darwinismus und Ethnozentrismus im psychologischen Lehrgebäude Felix Kruegers

5.6 Einordnung und Bewertung des Lehrgebäudes von Felix Krueger hinsichtlich der Wissenschaftlichkeit

5.7 Die „Entwickelungspsychologie der Ganzheit“ Felix Kruegers und ihre Bedeutung für die Entstehung des Totalitarismus in Deutschland

6. Reflexion der Ergebnisse aus den Kapiteln 4 und 5

7. Abschließende Gedanken auf die Frage „Wie konnte das geschehen ?“

8. Humanität als „zusätzliche Bedingung“, oder: Was die Geschichte der Psychologie ihrer Disziplin noch schuldig ist

9. Quellenverzeichnis: Literatur, schriftliche Auskünfte und Archivalien

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildungsverzeichnis←9 | 10→ ←10 | 11→

Einleitung

Die vorliegende Publikation gründet sich auf die Habilitationsschrift der Autorin, der ein knapp sechsjähriges Forschungsprojekt voranging und welches unter anderem der Entstehung von „wissenschaftlichem Antisemitismus“ (Levinstein, 1896) nachging. Hierbei sollte geklärt werden, ob bzw. wie durch Haltungen und Lehren aus dem Kreis der Psychologie ein Antisemitismus genährt bzw. sich als ein akademischer bzw. „wissenschaftlicher Antisemitismus“ vor bzw. während der Zeit des Nationalsozialismus etabliert hatte bzw. wie sich dieser im Kontext der Psychologie als Disziplin und akademisch-wissenschaftliche Gemeinschaft nachweisen ließ.

Beim Zusammentragen der Ergebnisse aus der mehrjährigen Untersuchungszeit betreffend die Ausgangsfrage um einen möglichen „wissenschaftlichen Antisemitismus“ ging es bei der Erstellung der Habilitationsschrift (Guski-Leinwand, 2013b) sowohl um die Frage nach der Provenienz des Begriffes „wissenschaftlicher Antisemitismus“ als auch um die Frage, wie sich ein solcher mit dem Humanitätsgedanken der Geisteswissenschaften vereinbaren ließ bzw. welchen Stellenwert der Humanitätsgedanke in der frühen Zeit des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund eines zunehmenden Antisemitismus während der Weimarer Republik in der Psychologie (noch) hatte (vgl. Wundt, 1912b; vgl. Conrad, 1928). Mit diesen Überlegungen war auch die Frage verbunden, inwieweit eine „Psychologie für den Nationalsozialismus“ (Guski-Leinwand, 2007, S. 245; Guski-Leinwand, 2010a, S. 318) sich über das Vernachlässigen des Humanitätsgedankens für eine politische Totalherrschaft und Diktatur als möglicherweise flankierend oder herbeiführend eignete: Humanität war unter dem nationalsozialistischen Regime nicht gewollt. In der Rede vom 30. Januar 1939 drückte Hitler wörtlich aus „Man bleibe uns also vom Leib mit Humanität.“1

Nach 1945 und dem Erkennen über das Ausmaß des Verbrechens gegen die Menschlichkeit unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und den Nachbarländern stellen die Generationen der vom Verbrechen gegen die Menschlichkeit Betroffenen als auch die Nachgeborenen allgemein die Frage: „Wie konnte das geschehen?“. Diese Frage wendet sich – wenn auch mit negativen Vorzeichen – dem Humanitätsgedanken zu. Dieser wiederum ist der←11 | 12→ idealistischen Kulturauffassung zuzuordnen. Eine Beantwortung der Frage „Wie konnte das geschehen?“ ist jedoch bisher ohne eine zufriedenstellende Antwort, im Sinne einer umfassend aufklärenden Antwort über die in den Menschen selbst liegenden Ursachen geblieben. Die gelebten bzw. erlebten Inhumanitäten der NS-Zeit wurden zwar vielfältig in ihren derben Variationen entdeckt, aufgedeckt und zu großen Teilen aufgearbeitet. Eine Antwort auf den geistigen Kern, der dazu geführt hat, kann jedoch bisher nur aus der Peripherie, d. h. aus den Manifestationen der Grausamkeiten (Rassentheorien, Gesetze etc.) gegeben werden. Der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Paul Spiegel, hatte diese Sachlage eindrücklich während seiner Amtszeit und vor seinem Tod erläutert:

„Vor allem treibt mich, treibt die nachfolgende Generation eine Frage um, eine Frage, auf die niemand eine Antwort geben kann: Wie konnte es dazu kommen? Wie war es möglich, dass es geschehen konnte? Was geschehen ist, das wissen wir. Wir haben darüber gelesen, gehört, gesehen. (…) Es gibt immer neue Filme, Dokumentationen, Spielfilme, die sich mit diesem Thema befassen, aber eine Antwort auf diese Frage wird es nicht geben.“ (Spiegel, 2006, S. 59 f.)2

Erklärungen, so scheint es aus den Worten Paul Spiegels auf, beziehen sich auf die Folgen der Ereignisse und die vorausgegangenen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zeit der Weimarer Republik, die Gesetzgebungen der verschiedenen Stufen der Entrechtung von Menschen sind rekonstruierbar, nicht jedoch ist bis heute jener geistige Kern in seinem Anteil identifiziert, auf den sich die verschiedenen Maßnahmen der Entrechtungen und Inhumantitäten wie eine gemeinsame Wirkbasis bezogen haben könnten und auf den sie sich zurückführen lassen. Eine Aufklärung über diese Wirkgrößen muss aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kommen. Aus←12 | 13→ diesem Grunde wurden diese Wirkgrößen bezogen auf den betreffenden psychologischen Teil, zum Gegenstand der Untersuchung gemacht.

Die damaligen (Geistes-)Wissenschaften – hier mit besonderem Blick auf die Psychologie – zeigten sich in persona ihrer Repräsentanten in der Zeit des Nationalsozialismus vielfach gleichgeschaltet, nach 1945 jedoch weitgehend unbeteiligt bis persönlich-emotional oder fachlich unbetroffen. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und die dadurch entstandene Öffentlichkeit zur Aufarbeitung erschienen sie nicht.

Innerhalb der Psychologiegenese lassen sich gleichzeitig jedoch viele unerledigte und unberücksichtigte Themen und Aufgaben aus der politischen Gewaltherrschaft im Nationalsozialismus identifizieren, die prinzipiell als Verantwortlichkeiten dieser Disziplin zu beschreiben sind (Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a). So stellt sich für die vorliegende Untersuchung angesichts einer Erforschung eines „wissenschaftlichen Antisemitismus“, d. h. eines Antisemitismus in den wissenschaftlich-akademischen Kreisen, die Frage nach den damals herrschenden Paradigmen und ihrem Bezug zum Humanitätsgedanken.

Die experimentelle Psychologie hatte im Untersuchungszeitraum den Humanitätsgedanken nicht in ihrem Fokus. Dieser fand sich eher in völkerpsychologischen Publikationen (z. B. Wundt, 1912b). Dass es paradigmatische Wandlungen in der Psychologie gab, ist ansatzweise zur betreffenden Zeit diskutiert (vgl. Wundt, 1916) oder später untersucht worden (z. B. Herrmann, 1998). Doch bezog sich dies auf methodische oder terminologische Diskussionen, nicht auf inhaltliche Bezüge – wie etwa zum Humanitätsgedanken.

Die vorliegende Untersuchung soll deshalb zeigen, ob bzw. welche paradigmatischen Veränderungen es im Verlauf der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in der Psychologie gab, welcher Provenienz diese waren und wie sie möglicherweise einem wissenschaftlichen Antisemitismus über die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zuträglich waren, um schließlich auch antisemitische Agitationen – wie jene gegen jüdische Psychologinnen und Psychologen im Zusammenhang mit dem XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1933 – zu erklären.

Der in dieser Abhandlung gelegte Schwerpunkt soll die Entstehungsbedingungen für „wissenschaftlichen Antisemitismus“ untersuchen und mögliche paradigmatische Veränderungen herausarbeiten sowie diese in ihren Bedeutungen für die Psychologie in Deutschland und in ihrer möglichen Interdisziplinarität erklären. Dazu werden zentrale Begrifflichkeiten untersucht und im Sinne eines Beitrags für eine Wissenschaftsforschung in der Psychologie vorgestellt und←13 | 14→ kritisch diskutiert, bzw. multiperspektivisch herangezogen und betrachtet: Die hiesigen Untersuchungen konzentrieren sich dabei vornehmlich auf den Begriff der Ganzheit, welcher in Untersuchungen zur Geschichte der Psychologie in seiner politischen Bedeutsamkeit entweder in Teilen bestätigt (Geuter, 1980; Geuter, 1985), in anderen Teilen jedoch verneint wurde (Plaum,1995). Die vorliegende Untersuchung will hier zu einer Klärung beitragen, ob der Ganzheitsbegriff ideengeschichtlich doppelt codiert war.

Außerdem liegen verschiedene Ergebnisse von Untersuchungen zur Psychologiegeschichte allgemein vor, welche einerseits die Veränderungen aus wissenschaftstheoretischer Perspektive aufzeigen (z. B. Staeuble, 1985) und dabei den Unterschied zwischen einer verstehenden und einer erklärenden Psychologie in Deutschland beschreiben, wie er seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert bestand. Weitere Untersuchungen beschäftigten sich mit den Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Psychologie vor und nach 1945 vor dem sozio-kulturellen Hintergrund (Jaeger u. a., 1995) bzw. zur Frage einer „Professionalisierung“ der Psychologie in Deutschland während bzw. durch den Nationalsozialismus (Geuter, 1984). Dabei verliefen die Untersuchungen quasi unidirektional in der Richtung, dass man die Psychologie als Profiteurin von politischen Ereignissen und Systembedingungen zu erfassen versuchte. Die umgekehrte Richtung hingegen, die Psychologie als Unterstützerin bzw. Beförderin politischer Entwicklungen zu betrachten, ist ad absolutum so bisher nicht untersucht worden. Da jedoch die Psychologie sich auch mit den Wechselwirkungen verschiedenster Verhaltensweisen von Menschen beschäftigt, muss diese Untersuchungsrichtung eine Berücksichtigung finden. Dies umso mehr, als bereits frühere Ergebnisse zeigen, dass antisemitische Handlungen in der Psychologie (z. B. im Zusammenhang mit der Vorgängerorganisation der heute gleichnamigen Deutschen Gesellschaft für Psychologie) bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums stattgefunden hatten (Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a).

Andere Ergebnisse zur Psychologiegeschichte in Deutschland besagen, dass durch den Nationalsozialismus „staatlicherseits keine psychologische Richtung zu einem politisch verbindlichen Paradigma der Theoriebildung“ diktiert worden war, gleichzeitig jedoch die „Ganzheitspsychologie während des Nationalsozialismus an Einfluß gewinnen konnte“ (Geuter, 1985, S. 81). Auf dem ersten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie im nationalsozialistischen Staat 1933 war von einem „Ganzheitsstaat“ (Klemm, 1934, S. 3 f.) die Rede. Dieser sollte nur bestimmte Richtungen fördern – jene, die eine Zweckdienlichkeit der jeweiligen Schulen für den neuen Staat bedeuteten (Klemm, 1934; vgl. Geuter, 1979). Die←14 | 15→ vorliegende Untersuchung geht somit auch der Frage nach, inwieweit der Begriff ‚Ganzheit‘ – und mit ihm das Lehrgebäude aus der „Zweiten Leipziger Schule“3  – mit Rückgriff auf biologisch-organische Denkweisen und mit einer Schlüsselfunktion4 zur Bildung einer geschlossenen Volksgruppe instrumentalisiert wurde5: Bereits aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lagen Ergebnisse vor, welche den „logischen Irrtum“ eines Rückschlusses von anatomischen Merkmalen auf psychische Eigenschaften (Boas, 1922, S. 74 ff.) benannten und mit ihnen gingen Warnungen für eine damit verbundenen Verantwortung einher (Boas, 1922, S. 236 f.): Die Gefahr des Rückschlusses von individuellen Erblichkeiten auf geschlossene Volksgruppen (vgl. Weiler, 2006, 365 f.). Sie wurde zwar als solche benannt, gleichzeitig jedoch auch unterschätzt, da man davon ausging, dass dieser Fehlschluss methodisch unmöglich sei: „Bislang ist noch keine experimentelle Methode gefunden, die irgendwie befriedigende Resultate gibt, die vor allem die Grundfrage beantworten könnte, inwieweit biologische Anlagen und inwieweit Kultur die Grundlage der Volkspersönlichkeit ist“ (Boas, 1932, S. 15).

Eine kritische Diskussion zu diesem methodenfreien Ansatz einer Volks- und Völkerpsychologie lässt sich in der Psychologie der 1920er bis 1940er Jahre (bzw. teilweise zeitlich auch darüber hinaus) in der deutschsprachigen Psychologie kaum finden (vgl. Guski-Leinwand, 2015b), wenngleich es in einzelnen Publikationen kritische Auseinandersetzungen darüber gab, von denen beispielsweise zu nennen ist: „Wie heute das Menschsein begriffen wird“ (Jaspers, 1933, S. 130 ff.). Hierin wurde der Bezug zur Existenzphilosophie auch für die Psychologie als gültig beschrieben:

„Die besten Gesetze, die trefflichsten Einrichtungen, die richtigsten Wissensresultate, (…) werden zu nichts, wenn Menschen sie nicht zur gehaltvollen Wirklichkeit erfüllen. Was wirklich geschieht, ist daher nicht nur durch Verbesserung der Sachkunde zu ändern, sondern entscheidend erst durch das Sein des Menschen; seine innere Haltung, die Weise, wie er sich in seiner Welt bewußt ist, der Gehalt dessen, was ihn befriedigt, ist Ursprung dessen, was er tut.“ (Jaspers, 1933, S. 144 f.). ←15 | 16→

Auch die damaligen Nationalisierungen als Kennzeichen für ein Streben nach einer geschlossenen Volksgruppe (vgl. z. B. Krueger, 1922) wurden darin ebenfalls kritisch reflektiert:

„Zum Beispiel ist das Volk als die Ganzheit, um dessen Sein es sich handelt, heute fragwürdig, aber nicht etwa überwunden. Die Nationalisierungsbestrebungen auf der ganzen Welt sind intoleranter als je, (…) Nation hört auf, echtes Volk zu sein, wo sie in die Unfreiheit dieser Weise des Selbstbewußtseins hineingezwungen wird.“ (Jaspers, 1933, S. 96).

Die hier von Jaspers in zeitlicher Nähe zum Nationalsozialismus in Deutschland beschriebene Unfreiheit im Zusammenhang mit dem Ganzheitsbegriff gibt Anlass, sich in diesem Zusammenhang stärker auch mit der Ganzheitspsychologie bzw. dem Konstrukt „psychische Ganzheit“ (Krueger, 1926a) zu beschäftigen.

Für die vorliegende Untersuchung sind somit folgende Forschungsfragen leitend gewesen:

Welche Bedeutung hatte der Humanitätsgedanke? Wodurch wurde er möglicherweise ersetzt? Welche Provenienz(en) lassen sich zu einem „wissenschaftlichen Antisemitismus“ finden? Worauf gründete sich der Ganzheitsbegriff bei Krueger bzw. der Zweiten Leipziger Schule? In welcher Relation stand er zum Humanitätsgedanken? Welchen kontextuellen und paradigmatischen Vorgaben unterlag die Psychologie (besonders die der Zweiten Leipziger Schule nach Krueger)? Welcher Zusammenhang lässt sich zwischen der Ganzheitslehre aus der Psychologie und Totalitarismus erkennen?

Da die vorliegende Untersuchung Bezug auf die Abwendung vom Humanitätsgedanken nimmt, soll im Folgenden zuerst eine Darstellung des Humanitätsgedankens aus psychologischer Provenienz erfolgen, bevor der Entstehungszusammenhang eines „wissenschaftlichen Antisemitismus“ untersucht und in einen zeitlichen und begrifflichen Zusammenhang eingeordnet wird. Im Anschluss daran folgt eine Untersuchung ideengeschichtlicher bzw. paradigmatischer Veränderungen, welche auch die Psychologie betroffen haben oder sich auf diese bezogen. Abschließend werden das Lehrgebäude Felix Kruegers und die (Be-)Deutungsgeschichte des Ganzheitsbegriffes untersucht. Im Schlusskapitel der vorliegenden Untersuchung werden Antworten zu den oben gestellten Forschungsfragen formuliert.←16 | 17→


1 Adolf Hitler-Rede am 30. Januar 1939 in Berlin, Seite 7 (Online-Ressource: http://www.worldfuturefund.org/wffmaster/Reading/Hitler%20Speeches/Hitler%20rede%201939.01.30.htm).

2 Im Jahr 2005 war Dr. Paul Spiegel (sel. A.) zu einer Lesung nach Bad Honnef in den Rathaussaal gekommen. Die Dissertationsschrift der Autorin zur Genese der Psychologie in Deutschland (Guski-Leinwand, 2007) war damals in Bad Honnef noch in der Entstehung. Während der gesamten Jahre der Promotion war es die gleiche Frage, die sich bei der Beschäftigung mit der Genese der Psychologie für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein drängte: Wie konnte es dazu kommen? In einem kurzen Gespräch im Anschluss an seine Lesung 2005 in Bad Honnef schenkte Dr. Paul Spiegel diesen disziplinspezifischen Gedanken damals seine Aufmerksamkeit und ermutigte, den Fragen nach möglichen Zusammenhängen zwischen der Genese der Psychologie und der gedanklichen Basis für die nationalsozialistischen Verbrechen nach zu gehen. Diese Fragen blieben in der gesamten Entstehungszeit der vorliegenden Untersuchung leitend.

3 Zur Bezeichnung „Zweite Leipziger Schule“ vgl. Wellek, 1950; Scheerer, 1985, S. 16

4 Hierzu wurde bereits in früheren Untersuchungen über ein mögliches doublespeak-Phänomen nachgedacht, auf das im Zusammenhang mit den Ergebnissen dieser Arbeit abschließend noch einzugehen ist.

5 Aus Untersuchungen zur Historie von Nachbardisziplinen liegen außerdem Ergebnisse zum „Janusgesicht des Entwicklungsgedankens“ vor (vgl. Weiler, 2006, S. 272 ff.). Da die 1915 von Felix Krueger erschienene Schrift „Über Entwicklungspsychologie“ zeitlich und inhaltlich in diese Ergebnislage einzuordnen ist, wurde auch diese bzw. dazu der Entwicklungsbegriff Kruegers, mit in die hiesigen Untersuchungen einbezogen.

1. Der Humanitätsgedanke in der Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Sein Verlust und ‚Ganzheit‘ als neue Orientierung in der Psychologie

Der Begriff der Humanität wurde gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts von Johann Gottfried Herder in seinem Werk „Briefe zur Beförderung der Humanität“ (1793/97)6 vorgestellt. Auch bei Immanuel Kant findet man die sogenannte Menschheitsformel (Kant, 1785, S. 429). Zum Humanitätsgedanken in der Psychologie hat sich in Deutschland im 20. Jahrhundert Wilhelm Wundt eingehend geäußert und ihn im Zusammenhang mit seinen völkerpsychologischen Lehren explizit als einen Aspekt menschlicher Entwicklung benannt (Wundt, 1912b). Seine Publikation erschien in jenem Jahr, als ihm achtzigjährig für seine wissenschaftlichen Verdienste der Orden „Pour le merite“ verliehen wurde (vgl. hierzu auch Guski-Leinwand, 2009c).

Abb. 1: Reprofotografie von Prof. Dr. Wilhelm Wundt aus „Die Umschau“ (1917, S. 635)

image

←17 | 18→

Als „Entwicklung zur Humanität“ sah Wundt „die mit klarem Bewußtsein hervortretende Humanitätsidee selbst, die wir in ihrer Ausbreitung über einen zureichend großen, ihr eine dauernde Macht sichernden Teil der Menschheit und in ihrem Einfluß auf die verschiedenen Faktoren der Kultur wohl als eine Entwicklung zur Humanität bezeichnen dürfen.“ (Wundt, 1912b, S. 469 f.)7.

Die Stellung des Humanitätsgedankens in der Psychologie für den hier zu Grunde gelegten Untersuchungszeitraum 1895 bis 1945 ist jedoch bis heute kaum in wissenschaftshistorischen Aufarbeitungen diskutiert worden bzw. ist als solcher kaum separat zum Thema wissenschaftshistorischer Untersuchungen mit Bezug zur Psychologiegenese in Deutschland geworden. Aus Kapazitätsgründen kann die Diskussion des Humanitätsgedankens für den Untersuchungszeitraum nicht vollständig wiedergegeben werden. Orientierend soll hier jedoch die von Wilhelm Wundt dargelegte Definition zu Grunde gelegt werden:

„Auf der einen Seite schließt die Humantität die ganze Menschheit oder mindestens einen überwiegenden Teil derselben ein, der als Vertreter der Gesamtheit gelten kann. Auf der andern ist die Humanität ein Wertprädikat, das auf die vollkommene Ausbildung der den Menschen vom Tiere unterscheidenden ethischen Eigenschaften und auf deren Betätigung im Verkehr der einzelnen wie der Völker hinweist. Eben in diesem Sinne vereinigt die Humanität beides, die Menschheit und die Menschlichkeit, nur daß sie bei dem letzteren Begriff von der dem Wort anhaftenden Nebenbedeutung menschlicher Unvollkommenheit absieht, um die positiv wertvolle Seite allein zurückzubehalten. In ihrer Anwendung auf die Gesinnung des einzelnen Menschen wird so die Humanität zu einer über die Schranken aller engeren Verbände von Familie, Stamm und Staat hinausreichende Schätzung der menschlichen Persönlichkeit als solcher; in ihrer Anwendung auf die menschliche Gemeinschaft aber wird sie zur Forderung eines idealen Zustandes, in welchem diese Schätzung des menschlichen Wertes zur allgemeingültigen Norm geworden sei.“ (Wundt, 1912b, S. 467).

Dieser Definition legte Wilhelm Wundt die Annahme zu Grunde, dass die humanen Motive bzw. „die Grundmotive des Geschehens gerade wegen ihres allgemein menschlichen Inhalts in den natürlichen Anlagen und Trieben des Menschen bereits vorgebildet“ sind (Wundt, 1912b, S. 468). Wundt argumentierte hier im Sinne einer genetischen Veranlagung des Menschen zur Humanität und setzte diese axiomatisch voraus. Wie schon in der Einleitung formuliert, hatte der Hu←18 | 19→manitätsgedanke seinen Platz nicht in der experimentellen Psychologie, sondern eher in der Völkerpsychologie.

Für den Untersuchungszeitraum für die vorliegende Arbeit (von ca. 1895 bis 1945) lässt sich eine aktive Auseinandersetzung mit dem Humanitätsgedanken zuletzt bei Conrad gegen Ende der 1920er Jahre finden (1928/1929)8: Otto Conrad würdigte dabei die von Wilhelm Wundt dargelegten Ausführungen über Humanität als umfassenden Begriff für Menschheit und Menschlichkeit (Wundt, 1912b, S. 467) und ordnete Wundt in die Herdersche Denktradition ein. Er ließ diese Würdigung in der Monatsschrift der Juden in Deutschland, „Der Morgen“, veröffentlichen. Wundt selbst hatte der Humanität in seiner Schrift „Elemente der Völkerpsychologie“ (1912b) und auch in seiner Ethik, wie sie bspw. 1904 erschienen war, eine deutliche Kontur und Orientierung gegeben: Er beschrieb die Menschheit „auf dem Wege zur Humanität“ (Wundt, 1912b, S. 465) und sah den Verlauf so: „die Menschheit muß der Menschlichkeit die Wege bereiten“ (Wundt, 1912b, S. 470). Weiter führte Wundt den Zusammenhang von Menschheitsgedanken und Menschlichkeit aus:

„der Totalbegriff der Menschheit im Sinne eines nicht bloß von uns gebildeten Gattungsbegriffs, sondern einer realen, schließlich alle ihre Glieder vereinigenden Gesamtheit ist dem Begriff der Menschlichkeit in der Bedeutung einer Anerkennung allgemein menschlicher Rechte, auf die jedes der Glieder des Genus humanum Anspruch zu machen habe, (…) vorangegangen.“ (Wundt, 1912b, S. 470)9.

Auffallend ist, dass Wundt hier einen „Totalbegriff“ verwendet, der alle Menschen als eine Gattung unter dem „Genus humanum“ erfasst. Die Hinzufügung des Glieder-Begriffes demonstriert hier die Gleichartigkeit und Gleichberechtigung←19 | 20→ aller Menschen. Der Humanitätsgedanke, aus dem heraus Wilhelm Wundt seine psychologischen Gedanken und Konzepte verfolgte, scheint unter diesem Totalbegriff besonders deutlich auf. Zwar wurde diese Nomenklatur des Gliederbegriffs später auch von Wundts Lehrstuhlnachfolger, Felix Krueger (1915; 1926a), verwendet, doch lassen sich Unterschiede in der Bedeutungsgebung erschließen, auf die in einem späteren Kapitel eingegangen wird.

Während Wilhelm Wundt also in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts noch von einem „Genus humanum“ (Wundt, 1912b, S. 470) ausging, begann nur etwa zwei Jahrzehnte später von Deutschland aus eine Zeit der Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Londoner Charta, II. 6, Abs. c)10. Wie lässt sich aber dieser zeitlich kurze Wechsel in den Einstellungen und Haltungen der Menschen begreifen? Jüngere Forschungen haben herausgearbeitet, dass seit dieser Wendezeit von einem anders gearteten, ja so genannt von einem „artgerechten Humanismus“ (Bialas, 2014, S. 30) bzw. von einem „artgemäßen biologischen Humanismus“ (Bialas, 2014, S. 32) gesprochen werden muss: Demnach wurden die humanistischen Grundwerte einem eingegrenzten Bezugsrahmen, dem der nordischen Rasse bzw. biologischen Rassekonzeptionen, unter- bzw. zugeordnet. Das – miteinander verbindende – Blut galt als „moralische Urteilskraft“ (Bialas, 2014, S. 32): Damals wurden nichtstoffliche Inhalte wie Werte, Normen, Sitte in Stofflichkeiten wie das Blut überführt bzw. auf diese metaphorisch übertragen. Die Beliebigkeit dieser Übertragung wurde nur von wenigen Akademikern hinterfragt, sondern über verschiedene Disziplinen hinweg gleichsam als moderner Ansatz oder moderne Idee übernommen, welche pragmatische Ableitungen leicht und möglich machte. Den/die Forschende/n versetzte dieses Vorgehen in die Rolle eines/einer ökonomisch-pragmatischen Zwischenhändlers/Zwischenhändlerin für Lebens- und Gesellschaftskonzepte. Dies bedeutete einen Einfluss auf außerwissenschaftliche Zusammenhänge und Geltungsbereiche für die Einzelnen.

Ferner wurde erarbeitet, dass der Nationalsozialismus gleichsam einer „höhere(n) Humanität der Rasse“ (Bialas, 2014, S. 35) folgte, wobei die „höhere“ Orientierung hier keine Wertigkeit oder Überzeugung heutiger Ansichten wiedergibt, sondern gemäß der damaligen Perspektive rekonstruierend die Ausgangsbasis für Werthaltungen und Grundlagen für Handlungsmuster beschreibt. Eine eigene „Metaphorologie“ (Blumenberg, 1998, S. 111) hatte den wissenschaftlichen Logos abgelöst und zog mit einer eigenen Argumentationslogik ihre Kreise. Nach Kuhn (1984) „werden zwei Objekte oder Situationen unter dem Gesichtspunkt der Ähnlichkeit oder Gleichartigkeit nebeneinandergestellt (…). Dem jeweils noch←20 | 21→ uneingeweihten Publikum werden die neu zusammengestellten Gegenstände von jemandem erläutert, der ihre Ähnlichkeit bereits zu erkennen vermag und der nun die Angesprochenen in seinem Sinne zu überzeugen versucht.“ (Kuhn, 1984, S. 37).

Die von den Nationalsozialisten laut Bialas (2014) verfolgte „Humanität der Rasse“ folgte einer solchen Metaphorik: Dort wurde eine so genannte Blutsverwandtschaft zu Grunde gelegt, in der Rassenmerkmale, zu denen auch ererbte Einstellungen, Charaktereigenschaften und schließlich sogar eine daraus ableitbare Moral und Sitte gehören sollten, über das Blut transportiert werden sollten. Was bisher dazu in der historischen Aufarbeitung nicht erkannt wurde, ist, dass man mit dieser Denkweise an eine weithin unbekannte Publikation aus dem Jahr 1842 anknüpfte: Hier wurde von Hermann Klencke ein „System der organischen Psychologie“ präsentiert, in der das Blut analog zu den Gemütsverfassungen bzw. als Informationsträger derselben diskutiert wurde:

„Im Seelenleben, haben wir gesehen, läuft dasjenige substanzielle Moment, welche gewöhnlich Gemüth genannt wird, parallel mit dem organischen, ihm adaequaten Blute. In §62 wurde davon gesagt, dass das wogende Blut (zur inneren Assimilation getrieben) stets schwanke zwischen Individuum und Aussenwelt und dass ebenso unser Gemüth schwanke, stets von Aussen erregt werde und innerlich den chemischen Prozess der Wahlverwandtschaft durchlebe.“ (Klencke, 1842, S. 266).

In dem benannten §62 formulierte Klencke, wie nach seiner Vorstellungen die Außenwelt über das Blut auf das Individuum wirkt:

„Im Gemüthe wogen die Zustände des Angenehmen und Unangenehmen, der Freude und Traurigkeit, des heiteren Daseins und der dumpfen, herabgestimmten Niedergeschlagenheit. Diese Zustände sind summarische Gefühle von befreundeten oder feindlichen Konflikten, in welche wir durch unsern Organismus versetzt werden und diese finden ihr somatisches Adäquat im Blutleben. Wenn die Daseinsidee sich durch den Organismus offenbart und wenn sie dieses auf ganz bewusste Weise durch das Nervensystem vermag, warum soll sie dieses nicht auch durch die anderen, organischen Systeme, durch das Blut, ebenfalls können?“ (Klencke, 1842, S. 171).

An dieser Stelle wird deutlich, wieso eine als unlogisch erscheinende Ideologie, wie sie sich im Nationalsozialismus als sogenannte Blut-und-Boden-Theorie manifestierte, sich mit psychologischer Konnotation über das Gefühls- bzw. Gemütsleben assoziieren ließ: Das Blut gleichsam als Informationsträger von Befindlichkeiten, welche durch den Kontakt mit anderen Menschen ausgelöst werden – und damit anfällig für jede Form von Propaganda wurden.

Ob und in welchem Ausmaß diese Konzeption aus der Mitte des 19. Jahrhunderts als Grundlage für die Anfänge einer – wie auch immer gerichteten –←21 | 22→ Rassenpolitik gelten könnte, bedarf prinzipiell einer eigenen vergleichenden Untersuchung, die sich allein auf diese Konzeption und inhaltsanalytische Vergleiche beziehen müsste. Für die vorliegende Abhandlung liegt der Schwerpunkt jedoch anders. Die hier zitierte Schrift soll als Beispiel für eine denkbare Ressource genannt sein, welche für spätere Konzepte in der Psychologie Pate gestanden haben könnte. Die generelle Bedeutung von Ideen, gedanklichen Konzepten oder Systemen als Ressourcen hatte Ash (1999) für den Wechsel innerhalb wissenschaftlicher Konzepte und Dynamiken erkannt und mit Bezug auf politische Systeme bzw. Systemwechsel erläutert. Als eine solche Ressource könnte das „System der organischen Psychologie“ nach Klencke gedient haben. Klenckes System nähme hierbei den Rang einer Idee ein, welche als Ressource erst Jahrzehnte später wieder aufgegriffen bzw. integriert wurde, ohne jedoch explizit auf den Urheber (und dessen Zweifel bzw. Grenzziehungen dieser Metaphorik) zu verweisen. Die vorliegende Abhandlung will sich jedoch nicht auf eine einzelne Publikation stützen, sondern einen größeren Kontext ausleuchten, um den Wandel in der Psychologie während der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts zu erklären und mögliche Ressourcen dazu benennen.

Ein kritisches Aufbegehren gegen die Integration metaphorisch begründeter Ideen, die auf analoger Denkweise fußten, aus interdisziplinären Überlegungen stammten und in die Psychologie Einzug hielten, lässt sich für den hier benannten Untersuchungszeitraum jedoch in den Reihen der Psychologie damals kaum finden (Jaeger, 1993). Vielmehr bezeugen besonders die Ereignisse um den XIII. Kongress der damaligen Deutschen Gesellschaft für Psychologie11, auf dem sich besonders staatstheoretische Bezüge unter Begrifflichkeiten psychologischer Provenienz offenbarten (vgl. Klemm, 1934, S. 3) und jüdische Kolleginnen und←22 | 23→ Kollegen von der Kongressteilnahme ausschlossen12, das Gegenteil: Im Vorfeld zu diesem XIII. Kongress der damaligen Deutschen Gesellschaft für Psychologie13 zeigte sich aus den Reihen des damaligen Vorstands und der Mitwirkenden in hohem Maße eine inhaltliche Gefolgschaft in die politische Diktatur des Nationalsozialismus, wobei sie diese zeitlich gesehen gleichsam vorwegnahm (vgl. Geuter, 1983a; Geuter, 1985; Graumann, 1988; Traxel, 2004). Im Zusammenhang mit anderen Ergebnissen wurde eine Tendenz zu einer „Psychologie für den Nationalsozialismus“ (Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a) erkannt. Humanität oder eine Diskussion wie sie Wilhelm Wundt noch zu Lebzeiten in verschiedenen seiner Werke diskutierte, war kein allgemeinmenschlicher Gegenstand der Psychologie mehr.

Auffallend richtete sich ein Teil der Psychologie in Deutschland in den ersten Jahren des Nationalsozialismus überwiegend auf ‚Ganzheit‘ aus. Die hiermit auftretende „kognitive Dissonanzen“ (Festinger, 1957)14, ‚Ganzheit‘ gleichsam zu predigen und fachübergreifend als Ideal zu erklären und gleichzeitig jüdische Kolleginnen und Kollegen auszuschließen, zeigt eine inhaltlich gegenläufige Deutung und Bedeutung von Ganzheit, verwies Ganzheit doch eher im Sinne Wundts auf das Verständnis von Integration und Integrität als Humanität und damit Gleichberechtigung sowie Beteiligung und Berücksichtigung der Bedürfnisse aller. Bialas (2014) resümierte diesbezüglich – auch für die Psychologie treffend –: „Im moralischen Ausnahmezustand des nicht nur politischen sondern ganzheitlich-anthropologischen Umbruchs sollten von bürgerlicher und christlicher Moral etablierte Werte als überlebt und nicht mehr zeitgemäß außer Kraft gesetzt werden. Die am Individuum orientierte bürgerliche Moral wurde durch die völkische Moral von Rasse und Gemeinschaft ersetzt.“ (Bialas, 2014, S. 30). In diesem Ergebnis zeigt sich, dass nicht mehr die Idee der Humanität in←23 | 24→ Gesellschaft und Wissenschaften vorherrschte, sondern sich eine andere Ideenkonzeption etabliert hatte. Publikationen aus dem Ausland sprechen hier von einem eigenen Wertehorizont, vor dem der Einzelne für sein Handeln nicht verantwortlich gemacht werden kann: einem sogenannt ethischen Universum als Konstrukt (Haas, 1988, zitiert in Bialas, 2014, S. 55 f.). Deutlich wird jedoch, dass der Wertehorizont der Humanität nicht gleich zu setzen ist mit einem so konstruierten Universum, das rassisch und totalitaristisch hinter einem grausamen Gewalt- und Mordsystem steht. Hieraus ergeben sich für die Psychologiegenese in Deutschland u. a. folgende Forschungsfragen:

Bis wann etwa lässt sich ein Bewusstsein über den Humanitätsgedanken in der Psychologie nachweisen? Wie kam es zu einem Ideenwechsel bzw. einer Vorherrschaft einer Ideenkonzeption in der Psychologie, welche die noch von Wundt (und vielen anderen) vertretene Idee der Humanität verdrängte? Welche Belege oder Konzeptionen lassen sich dazu nachweisen? Wie lassen sich die Ereignisse in den Reihen der Psychologie wenige Jahrzehnte nach Wundts Publikation (1912) über Humanität einordnen? Lässt sich ein leitendes Paradigma erkennen bzw. wie lässt sich ein Paradigmenwechsel erklären?

In verschiedenen Untersuchungen wurde dazu bisher lediglich festgestellt, warum dieses Erkennen eines inhaltlich leitenden Paradigmas oder eines Paradigmenwechsels ausblieb: Lange Zeit war die Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung einzelner Lehrgebäude der Psychologie im Nationalsozialismus „tabu“ (Geuter, 1980a, S. 6; vgl. auch Hiebsch, 1955)15, nicht zuletzt, weil nach 1945 einige Lehren als „unwissenschaftliche Strömungen“ angesehen wurden (Schunter-Kleemann, 1980, S. 58), gleichzeitig aber die Mehrzahl der westdeutschen Lehrstühle von Schülern aus der sogenannten Zweiten Leipziger Schule besetzt waren (vgl. Geuter, 1985), von denen einige bzw. führende Mitglieder sich sehr deutlich für die Entstehung bzw. Unterstützung des Nationalsozialismus eingesetzt hatten.

Erst etwa ab den 1980er Jahren erfuhr die Aufarbeitung der Psychologiegeschichte in Deutschland Auftrieb: Symposien (Graumann, 1985), Unter←24 | 25→suchungen (Geuter, 1984) und Thesen (Kempf, 1988) widmeten sich der Rolle der Psychologie und einzelner Psychologen als auch Publikationsorganen zur Psychologie im Totalitarismus (vgl. Ash, 1985), doch konnten diese Engagements und Ergebnisse nicht dazu führen, die Geschichte der Psychologie in Deutschland verpflichtend in die Curricula des Diplomstudienganges noch in die aktuellen Bachelor- oder Masterstudiengänge zur Psychologie aufzunehmen. Auch blieb eine systematische Forschung aus, welche Aufschluss über leitende Paradigmen und Paradigmenwechsel in der Psychologie und ihrer Wechselwirkung zu politischen Entwicklungen gaben. Inzwischen ist zwar durch das persönliche Engagement Vieler die Institutions- wie auch die Institutsgeschichte der Psychologie an den Universitäten recht umfassend dokumentiert worden (z. B. Gundlach, 2004a; Gundlach, 2004b; Gundlach, 2006; Gundlach, 2007; Ebisch, 2011; Schönpflug, 2008; Sprung & Schönpflug, 2003; Jung, 2000; Lück, 2002; Lück & Bringmann, 1999; Lück u. a., 1987; Klüpfel & Graumann, 1986; Ash, 1985; u. v. a.), doch sind auf Basis dieser Vielzahl von Untersuchungen weder Lehrinhalte zur Geschichte der Psychologie als lehr- und prüfungsrelevant festgelegt worden, noch ist eine theoretische Psychologie eigenständig daraus hervorgegangen, so sie nicht von einzelnen Ordinarien konsequent bedacht und benannt wurde16. Seit dem Jahr 2015 ist jedoch erstmals ein Memorandum verfasst worden bzw. wird weiterhin diskutiert, welches auf die Notwendigkeit der verbindlichen Vermittlung von Psychologiegeschichte für Studierende aller Studiengänge (Bachelor, Master und Nebenfach bzw. Nachbardisziplinen) hinweist und ihre Verortung bzw. Institutionalisierung fordert (Allesch u. a., 2015).

Wenngleich die Forderung nach einer verpflichtenden Etablierung von Psychologiegeschichte einen größeren Zeitraum als jenen der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts meint, so stellt doch die sogenannte Zwischenkriegszeit – zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges – einen besonders zu beachtenden Einschnitt innerhalb der Wissenschaftsausrichtung der Psychologie dar. Schönpflug (2012) hatte in jüngerer Zeit am Beispiel der Berufsbiographie des Psychologen J. B. Rieffert zur NS-Zeit←25 | 26→ erkannt: „Die Wechselwirkung von Lebens-, Fach- und Zeitgeschichte wird vollends deutlich, wenn man das Geschehene mit „ungeschehener Geschichte“ (Demandt, 2001) kontrastiert. „Hätte es nicht ausreichend viele Unterstützer von der Art Riefferts gegeben, wäre der Nationalsozialismus eine Randerscheinung geblieben.“ (Schönpflug, 2012, S. 87). Diese Aussage führt zu der Überlegung, ob es aus den Reihen der Psychologie bzw. mit Hilfe einzelner Lehrgebäude gleichsam einen „inszenierten Antisemitismus“ (Frindte, 2006) gab. Bei inszeniertem Antisemitismus nennt Frindte für die heutige Zeit mit Bezug auf Bergmann & Erb (1991) u. a. eine „Kommunikationslatenz“ (vgl. hierzu Bergmann & Erb, 1986), welche antisemitische oder antijüdische Ressentiments für den engeren sozialen Bezugsrahmen (Familie, Freunde, Vertraute…) erkennbar, für die breitere Öffentlichkeit jedoch versteckt zeigt.

Inwieweit eine solche Kommunikationslatenz auch in der akademischen Kommunikation oder in wissenschaftlichen Publikationen der Psychologie für den Untersuchungszeitraum zu finden ist, ist in dieser Weise so noch nicht untersucht worden. Dies bedarf auch einer umfassenden und multiperspektivischen Untersuchung, welche bibliographisch angelegt sein sollte und über die eigentlichen Lehrgebäude der Psychologie hinausgehend auch weitere Einflussgrößen (z. B. Verleger und deren Ziele) untersucht bzw. in Beziehung zur Psychologie analysiert. Dies kann unter dem Fokus der vorliegenden Fragestellungen dieser Untersuchung so nicht geleistet werden, soll aber an dieser Stelle den dringenden Hinweis auf eine Notwendigkeit nicht entbehren. Es werden im weiteren Verlauf hier jedoch ausgewählte relevante Konzepte präsentiert und kritisch diskutiert, welche Hinweise auf eine Kommunikationslatenz sich ändernder moralischer Wertesysteme in der Psychologie geben.

Zwei Möglichkeiten bestehen, um den Geltungsbereich moralischer Wertesysteme festzulegen bzw. zu untersuchen: „Entweder gelten moralische Urteile als objektiv und wissenschaftlich begründbar, oder sie beziehen ihre Plausibilität aus kulturell spezifischen Begründungen und der persönlichen Glaubwürdigkeit derjenigen, die diese Urteile aus ihren Erfahrungen und Haltungen gewinnen“ (Bialas, 2014, S. 54). Wilhelm Wundt war in seiner Zeit eine solche Persönlichkeit, der einerseits wissenschaftlich stringent begründete und andererseits hierdurch persönlich glaubwürdig erschien. Für Wundt war in seiner Lehre und Wissenschaftlichkeit die Idee der Humanität leitend. Im folgenden Teilkapitel soll daher zunächst ein Bezug zu Wundts Humanitätsauffassung in Bezug zu Kulturauffassung hergestellt und im Kontext der zeitgeschichtlichen Diskussion während des Untersuchungszeitraums erläutert werden.←26 | 27→

1.1 Wundts Auffassung von Humanität und die Kulturauffassungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts – ein Abriss

Die vorliegende Untersuchung widmet sich zunächst der Frage, was aus dem Humanitätsgedanken in der Psychologie geworden ist. Denn führt man hier als wohl radikalstes Beispiel die Exklusion eines Volksteil an, wie den der jüdischen Deutschen im Nationalsozialismus (und wie es in den Kreisen der Psychologie im März/April 1933 noch vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nachweislich stattgefunden hat), lässt sich nach den Worten Wilhelm Wundts dieses Streben sehr leicht als Inhumanität identifizieren, bedeutete es doch einen Verstoß gegen eine „humane Kultur“, welche „die Erzeugnisse der vorangegangenen Zeiten in sich auf(nimmt) und (…) sie tiefere Wurzeln fassen (läßt).“ (Wundt, 1912b, S. 468).

Für Wundt war die Kulturgemeinschaft die Basis für ein staatliches Zusammenleben als Volk:

„So hat der Gedanke der Kulturgemeinschaft der Völker das Bewußtsein des eigenen Staates nicht gemindert, sondern, soweit sich hier aus dem bisherigen Verlauf der Geschichte ein Schluß ziehen läßt, gefestigt und bereichert (…)“ (Wundt, 1912b, S. 468).

So jedenfalls sah es Wundt aus der Retrospektive für die Zukunft der Menschheit. Aus diesen wenigen Worten geht sehr deutlich hervor, dass Wundts Ausführungen keinen Raum für völkische Ansätze oder Ansätze von Rassenlehren ließen, die stets das einzelne Volk bzw. die einzelne Rasse als geschlossene bzw. biologisch beeinflusste Kulturgemeinschaft betrachteten und den Humanitätsgedanken in solchen Lehrgebäuden und Publikationen aussparten bzw. auf andere inhaltliche Aspekte nur den eigenen Volksanteil betreffend reduzierten. Wundt betonte für die Menschheitsgeschichte zwischen Einzelkultur und Weltkultur (Wundt, 1912b, S. 479 ff.) stets eine Wechselwirkung, die bereichernd auf die Eigenart des einzelnen Volkes bzw. der Einzelpersönlichkeit wirkte (Wundt, 1912b, S. 468)17.

Mit Eingrenzungen oder Ausgrenzungen, welche – bezogen auf den hiesigen Untersuchungsraum – Einflüsse anderer Völker als schädlich darstellten, ging←27 | 28→ immer auch die Erläuterung bzw. Behauptung seelischer Unterschiede zwischen Völkern und unter dem Aspekt geistiger Begabungen einher. Nicht nur, dass hier verschiedene Untersuchungsgestände (Seelisches gegenüber Geistigem) miteinander verquickt wurden18, sie mündeten schließlich in Überlegungen zu einer „artgebundenen Kultur“ bzw. „artgebundenen kulturellen Lebensformen“ (vgl. Michel, 1988, S. 210 f.) und hatten ihren Ursprung in Paradigmenübernahmen und Paradigmenübertragungen aus dem gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Bereich19. Diese hatte sehr früh der Münchner Professor für Rassehygiene, Fritz Lenz, im Rahmen einer „organischen Kulturauffassung“ erläutert. Diese Kulturauffassung stellte Lenz über die idealistische Kulturauffassung, wie sie Wilhelm Wundt vertrat und 1912 noch explizit dargelegt hatte. Bei Lenz galt für die organische Kulturauffassung: „sie muß aber gegenüber jenen auf die Rasse oder allgemeiner auf die Erbanlage als die erste und unerläßliche Bedingung aller Kultur hinweisen.“ (Lenz, 1927, S. 583).

In der Psychologie stand im Lehrgebäude des Wundt-Nachfolgers Felix Krueger „der erwachsene Kulturmensch, dieses hauptsächliche Forschungsobjekt der Psychologie“ (Krueger, 1915, S. 15) im Fokus. Auf diesen Kulturmenschen richtete Krueger sein Lehrgebäude aus und behauptete einerseits, die Wissenschaften von der Kultur seien wechselseitig in steigendem Maße zur wissenschaftlichen Psychologie entfremdet worden. Er selbst ordnete andererseits die Psychologie der eigenkulturspezifischen Erfahrung unter und identifizierte den Zweck der Psychologie im Erklären (Krueger, 1915, S. 24)20. Krueger ging es damit um eine „genetische Kulturpsychologie“ (Krueger, 1915, S. 203; i. Orig. Sperrung vorh.). Er strebte eine Entwicklungstheorie an, welche über das historische Erkennen hinausgehen und als Gesetzeswissenschaft fungieren sollte (Krueger, 1915, S. 32 f.). In der Suche nach Gesetzlichkeiten schloss sich Krueger der Biologie und den durch sie gefundenen genetischen Gesetzlichkeiten an:

„In der Richtung auf ein gesetzliches Begreifen von Entwicklungen ist ohne Zweifel die naturwissenschaftliche Biologie bisher am weitesten fortgeschritten. Ihre Gesetze ent←28 | 29→sprechen genau dem oben erwähnten, von Kant genial antizipierten Typus der ‚besonderen‘ übermechanischen Gesetze aller Lebenserscheinungen.“ (Krueger, 1915, S. 34).

Hier offenbarte Krueger die Einordnung bzw. Unterordnung der Psychologie unter die Biologie, wie er es auch später weiterhin vertrat (Krueger, 1932). Er prägte den Begriff der „genetische(n) Kulturp sychologie“ (Krueger, 1915, S. 203; Sperrung i. Orig.). Seine Sprachwahl zeigt eine starke Orientierung an den Begriffen der Genetik, wobei der Genetikbegriff als solcher erst 1905 von Bateson öffentlich präsentiert wurde (Bateson, 1913; Jahn u. a. 1985)21. Zunächst war damals eine Methode – als genetische Methode umschrieben, welche sich auf die Individualentwicklung von Organismen (Ontogenese) bezog. Außerdem verwendeten Krueger und seine Schüler Begrifflichkeiten der Abstammungslehre (z. B. ‚Typus‘ als Begriff der Typentheorie aus der Abstammungslehre (vgl. Ewers, 1986) oder als Geformtheit bzw. Form (vgl. Haeckel, Neuauflage, 2013, S. 264))22.

Anhand der sprachlichen Nähe zur biologisch-organischen Terminologie lässt sich erkennen, dass Krueger ebenfalls eine organische Kultur- bzw. Wissenschaftsauffassung vertrat, jedoch Jahre bzw. gut ein Jahrzehnt bevor die Kultur der biologischen Vorzeichen unterworfen wurde (vgl. oben, Lenz, 1927). Ganzheit in der Psychologie aus der Perspektive des biologistischen bzw. völkisch-organischen Denkens war bereits in früheren Untersuchungen diskutiert worden (vgl. Scheerer, 1985).

Krueger suchte – wie weiter unten in einem separaten Kapitel noch ausführlich erläutert wird – das Seelische analog zur physischen Entwicklung zu erfassen:

„Wie wir den physischen Organismus trotz der unendlichen Vielheit seiner Erscheinungen als ein einheitliches Ganze auffassen müssen, das in der Geschichte der Zellenentwicklung seinen Ausdruck findet, so tritt uns die ganze Summe der Seelenäußerungen als nichts weiter entgegen, denn als eine fortgesetzte einfachere oder verwickeltere Anwendung einer kleinen Zahl von Grundgesetzen, die unveränderlich aneinander gekettet sind.“ (Krueger, 1915, S. 206)23. ←29 | 30→

In diesen Ausführungen wird deutlich, dass Krueger das organisch-biologische Paradigma auf das seelische Geschehen übertrug und seine Wissenschaftsauffassung eine organische Ausrichtung annimmt, die zu dieser Zeit offenbar in der Entstehung und unter Geisteswissenschaftlern bzw. Psychologen und Philosophen diskutiert war. Dies bezeugte im gleichen Jahr 1915 Eduard Spranger, damals Ordinarius für Philosophie und Pädagogik in Leipzig (Lück, 2016, S. 157–163), in einem privaten Brief an eine Freundin. Dort gab er seine ebenfalls so geartete paradigmatische Wende preis:

„Und so entsteht aus seltsamen Verschlingungen jene Zukunftsidee, die den Humanitätsgedanken in mir ablöst, die „Idee der organischen Organisation“. Was das ist, kann ich nicht auseinandersetzen. Es ist nicht die Leugnung der Humanitätsidee, sondern die realistische Reifung dessen, was ich im Schlußwort des Humboldt ahnend andeutete, wozu mir aber die Zeit jetzt erst ihre neuen Materialien geliefert hat“. (Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe Hadlich, 15. Dezember 1915 (Leipzig), S. 5/6).

Abb. 2: Eduard Spranger (1882–1963)

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, Porträtsammlung: Eduard Spranger‘)

image

←30 | 31→

Die von Spranger in diesem Zusammenhang angesprochenen neuen Materialien beziehen sich u. a. auf die ins Deutsche übersetzten Veröffentlichungen des schwedischen Staatswissenschaftlers Johan Rudolf Kjellén, worauf in den späteren Kapiteln noch weiter eingegangen wird. In seinem Brief im Dezember 1915 an Käthe Hadlich gab Spranger zu verstehen, dass er den Humanitätsgedanken – als Vertreter einer geisteswissenschaftlich orientierten Psychologie – einer neuen Idee, einem neuen Paradigma unterordnete24.

Es ist anzunehmen, dass Spranger die Publikation Felix Kruegers bereits kannte – wenige Jahre später sollte er persönlich mit Krueger in Leipzig als Kollegen arbeiten und mit ihm im persönlichen Austausch sein25, wie es der Briefwechsel mit Käthe Hadlich ab 1917 offen legt. Somit wird an der Mitteilung Sprangers an Hadlich deutlich, dass eine paradigmatische Wende durch Setzung bzw. Anschluss an eine neue Idee bereits während des Ersten Weltkrieges eingeleitet wurde und zunächst lediglich eine Vernachlässigung des Humanitätsgedankens zur Folge hatte, denn leugnen wollte Spranger die Humanitätsidee nicht26.

Eine Weiterentwicklung im Sinne eines „Zeitalters der Humanität“, wie es Wilhelm Wundt 1912 in „Elemente der Völkerpsychologie“ beschrieben hatte, wurde damit jedoch sicher nicht vorangetrieben, sondern – wie es der Verlauf der Psychologie- und der Zeitgeschichte zeigten – führte zu einer Verdrängung des←31 | 32→ Humanitätsgedankens als Gegenstand der geisteswissenschaftlichen Psychologie bzw. der Geisteswissenschaften, die sich nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend insofern der „Idee der organischen Organisation“ verschrieben, als sie ihre Untersuchungsgegenstände zunehmend nationalisierte bzw. biologisierte und damit genau das Gegenteil des Humanitätsgedankens verfolgten27. Die Abgrenzung eines Volkes gegenüber anderen Völkern bzw. bereits frühe Ausgrenzung derselben, verfolgten beispielsweise die antisemitischen Zielsetzungen der Deutschen Philosophischen Gesellschaft (vgl. Schlotter, 2004), zu der in erster Linie auch Felix Krueger gehörte. Die Abgrenzung von Völkern hatte Krueger mindestens seit 1910 beschäftigt (vgl. Burger, 1910; Krueger, 1911; Klemm, 1911).

An dieser Stelle lässt sich also die Abwendung vom Humanitätsgedanken in der Psychologie für die Zeit um 1915 festlegen, also wenige Jahre vor dem Tod Wilhelm Wundts (1920), der sich 1917 aus gesundheitlichen Gründen von seinem wissenschaftlichen Amt zurückzog und auf dessen Lehrstuhl Felix Krueger folgte.28

Humanität als Kern einer idealistischen Kulturauffassung29 hingegen war nur wenige Jahre vorher von Wundt selbst noch herausgestellt worden als „Wertprädikat, das auf die vollkommene Ausbildung der den Menschen vom Tiere unterscheidenden ethischen Eigenschaften und auf deren Betätigung im Verkehr der einzelnen wie der Völker hinweist. In eben diesem Sinne vereinigt Humanität beides, die Menschheit und die Menschlichkeit.“ (Wundt, 1912b, S. 467).30

Im Folgenden werden die Umstände dargelegt, die zu Entscheidungen für eine paradigmatische Wende geführt haben, indem der Prozess der Übertragung oder Übernahme des organischen Paradigmas auf/in die Geisteswissenschaften erläutert wird. ←32 | 33→

1.2 Die organische Kulturauffassung und die fehlende Humanitätsorientierung

Die Ausrichtung der Psychologie in Richtung einer organischen Kulturauffassung bzw. einer Idee der organischen Organisation folgend, wie es sich vor allem bei Eduard Spranger nachweisen lässt bzw. im Laufe der Jahrzehnte auch bei Wundts Lehrstuhl-Nachfolger Felix Krueger (1932a, S. 9)31 lässt erkennen, wann und dass unter biologisch-organischen Vorzeichen der Weg der Vernachlässigung der Humanitätsorientierung in der Psychologie eingeschlagen wurde bzw. wozu er über die folgenden Jahrzehnte schließlich geführt hat: Die Psychologie – wie auch in großen Teilen die Philosophie – in Deutschland war nicht mehr „friedenstiftende Mittlerin“ zwischen den Wissenschaften wie sie Wilhelm Wundt (Wundt, 1907, S. 55) positioniert hatte. Die veränderte Konzeption der Psychologie arbeitete anderen Konzepten und Lehrgebäuden zu und bot damit – vertreten durch Inhaber renommierter Lehrstühle – gleichsam einen (interdisziplinären) Anschluss, eine Basis an, auf der prinzipiell nicht nur abstruse Lehrgebäude wie die Rassenlehren fußen und wachsen konnten, sondern sie verlor damit auch die Kraft, sich in ihrem Fortschrittsstreben wohlwollend kritisch zu reflektieren oder – mit Schiller gesprochen – sich auf ihr Ende hin, d. h. ihren Sinn, ihr Bekenntnis hin zu reflektieren (Schiller,1789)32. Damit ist kein zeitliches Ende gemeint, sondern vielmehr ein Horizont, vor dem sich eine Wissenschaft ansiedelt bzw. in ihrem Selbstverständnis mit allen Konsequenzen begründet.

Für die Psychologie hatte Wilhelm Wundt selbstredend die idealistische Kulturauffassung und mit ihr den Humanitätsgedanken vorausgesetzt. Mit der Übernahme eines neuen bzw. fremden Paradigmas in die Psychologie, welches aus der organisch-biologischen Provenienz stammte, wurde die Ausrichtung auf den Humanitätsgedanken jedoch tatsächlich beendet. Das dann folgende Verstum←33 | 34→men in der Psychologie gegenüber Aspekten, die mit dem Humanitätsgedanken verbunden waren, lässt sich ab den späten 1920er Jahren in der Psychologie in Deutschland retrospektiv nachvollziehen. Somit konnte die Psychologie unter der organischen Kulturauffassung prinzipiell zum Instrumentarium und zur Mittäterin an Inhumanitäten verschiedenster Ausprägungsgrade (Krieg, Verfolgungen, Vernichtung, Ermordung) werden, denn das Vernachlässigung oder das Fehlen des Humanitätsparadigmas lässt sich darin erkennen, dass aus den Reihen der Psychologie kaum Stimmen oder Engagements gegen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vernehmen waren, noch nach 1945 konsequent aufarbeitend zu erkennen waren. Einzige Ausnahme bildete hier die umfangreiche Aufarbeitung der Indienstnahme der Psychologie für die Inhumanitäten des Kriegswesens während des Zweiten Weltkriegs (Geuter, 1984).

Mit der Abwendung vom Humanitätsgedanken ging eine wichtige Stimme aus den Geisteswissenschaften, besonders aus der geisteswissenschaftlichen Psychologie, verloren33. Im Zusammenhang mit dieser Überlegung muss im weiteren Verlauf nun geklärt werden, in wieweit die Psychologie in Deutschland sich unter einer organischen Ausrichtung letztlich teilweise schon früh für den Nationalsozialismus oder einen (staatlichen) Totalitarismus eignete bzw. möglicherweise mitentschieden hat (im politischen Bereich hätte man früher von „Anschluss“ gesprochen). Auch muss an ausgewählten Konzepten gezeigt werden, wie sich eine organische Denkweise manifestiert hat. Damit geht vor allem die Suche nach Mustern einer gewissen Radikalisierung, d. h. Verabsolutierung von Denkgebäuden einher bzw. die Frage, ob sie sich in der Genese der Psychologie nachweisen lassen34.

Humanistische Ideale bzw. die Ideale der Humanität wurden in den Jahrzehnten nach Wilhelm Wundts Tod in der Psychologie kaum bzw. nicht disku←34 | 35→tiert, noch zum Gegenstand der Psychologie gemacht. Selbst nach 1945 haben die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit möglichen Untersuchungen zu den Verhaltens- und Erlebensweisen der Menschen in unterschiedlichsten Situationen unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten keine konsequente bzw. begleitende Aufarbeitung, noch selbstkritische Auseinandersetzung in den Reihen der Psychologie in Deutschland hervorgerufen. Auch führten die grausamen Ereignisse von Gewaltherrschaft und Holocaust nicht zu einer Reflexion eines Horizontes, eines Endes im Schillerschen Sinne. Nur einzelne Betroffene aus dem Kreis der Psychologie und Psychotherapie setzten sich in Veröffentlichungen damit auseinander (z. B. Stern, 1937; Utitz, 1947; Baumgarten, 1948; Baumgarten, 1949; Baumgarten, 1950)35. Vereinzelt gab es Jahrzehnte später auch Symposien zur Reflexion von Rolle und Verantwortung der Psychologie im Hinblick auf die politischen Ereignisse. Diese öffentlichen Diskussionsformen entstanden auf Initiative Einzelner (vgl. Graumann u. a., 1985). Inzwischen jedoch hat sich diese Diskussionsform für verschiedenste Themen innerhalb und außerhalb von Fach-Kongressen etabliert36.

Der Verweis auf die Vernachlässigung der Idee der Humanität zu Gunsten einer organischen Denkweise, wie sie bereits Jahrzehnte vor den größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Nationalsozialismus stattfand, mag hier einen Antwortkorridor erkennen lassen, dem im Verlaufe der vorliegenden Untersuchung noch weiter nach gegangen wird. Bisher lautet die gängige Lehrmeinung, dass keine direkte Unterstützung des Nationalsozialismus als System durch die Psychologie nachgewiesen werden konnte. Gleichzeitig ist aber auffallend, dass es bedeutende Beteiligungen und Unterstützungen an Systemteilen des Nationalsozialismus in unterschiedlicher Weise und durch verschiedene Personen und Organisationen gegeben hat, die in den 1930er und 1940er Jahren über eine psychologische Expertise und somit entsprechende fachliche Glaubwürdigkeit verfügten (vgl. hierzu z. B. Graumann, 1985; Geuter, 1984; Geuter, 1988). Auch wurde in kategorischen Beschreibungen wie beispielsweise einer sogenannten←35 | 36→ „Nazipsychologie“ (Wenninger, 1989)37 über Teilengagements (z. B. der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in den 1930er Jahren) aufmerksam gemacht sowie auf die Wirkweise bestimmter Termini in der Psychologie mit Bezug zu politisch-ideologischen Aspekten – wie jenem der ‚Struktur‘ als der „wichtigste – und dunkelste – Begriff“ (Harrington, 2002, S. 237; vgl. Harrington, 1999) – hingewiesen38.

1.3 Über die Ursprünge einer organischen Denkweise

Zu Beginn des hier vorliegenden ersten Kapitels wurde bereits die 1842 erschienene Publikation von Hermann Klencke erwähnt, welche ein „System der organischen Psychologie“ darlegte. Klencke verfolgte damit das Ziel, eine Erklärung „über die psychische Bedeutung der organischen Lebenssystem“ zu liefern. Diese erfolgte von einem „freien, philosophisch gestützten Standpunkt“ aus, der nicht „in den Ketten der Tradition und des Vorurtheils hängen“ bleiben sollte (Klencke, 1842, S. 303). Somit wird deutlich, dass Klencke einen eigenen, geisteswissenschaftlichen Entwurf präsentierte, in dem von einer psychophysischen Wechselwirkung ausgegangen wurde. Ein Entwurf, der sich in vielem auch als ein metaphorisches Denken präsentierte und das Psychische als „psychischen Reflex“ auf von außen einwirkende Tendenzen verstand (Klencke, 1842, S. 304). Der Entwurf einer organischen Psychologie wurzelte somit auf einer „Hintergrundmetaphorik“, welche nur durch das (Er-)Kennen des „Vorstellungshorizont(s) des Autors“ verstehbar wird (Blumenberg, 1998, S. 91). Eine Hintergrundmetaphorik zieht immer Deutungen nach sich.

Wenngleich Wilhelm Wundt in seinem Menschenbild und innerhalb der Völkerentwicklung von einem naturgegebenen Motiv oder einer Anlage zur←36 | 37→ Humanität ausging, so bediente er sich in seinen experimentell-psychologischen Forschungen jedoch der Vorstellung eines psycho-physischen Parallelismus. Anders als Klencke Jahrzehnte zuvor, ging Wundt nicht von einer psychophysischen Wechselwirkung aus (Wundt, 1863, I, S. 16), sondern wandte sich entschieden gegen eine somit reduzierende Denkweise, die er als zerstörerisch für eine wissenschaftliche Psychologie ansah (Wundt, 1908/1874, S. 9). Eine ausführliche Aufarbeitung der Auseinandersetzungen Wundts hat Eckardt (2010, S. 71–86) gegeben: Dabei stellte er heraus, dass Wundt von einer an sich einheitlichen Erfahrung ausging. Diese wiederum lässt sich auf den zwischenmenschlichen Erfahrungsaspekt der Humanität ebenso wie auf psychophysische Aspekte beziehen, da Erfahrung als an sich komplexes Ereignis „verschiedene Gesichtspunkte ihrer Bearbeitung“ zulasse (Wundt, 1897, S. 3). Zu Unrecht wurde Wundt von seinem Lehrstuhlnachfolger und anderen seit den 1920er Jahren wegen einer mechanistischen Sichtweise abgelehnt: Die psychischen Aspekte erläuterte Wundt nicht auf mechanistisch-analoge Weise, sondern als eigene Ereignisse im Psychischen wie im Physischen, die sich als parallele Ereignisse darstellten. Wundts Wissenschaftsinteresse war immer theorie- und erkenntnisgeleitet. Dies erläuterte er ausführlich in der über einen langen Zeitraum dauernden Kontroverse mit Wilhelm Schuppe (vgl. Guski-Leinwand, 2010a, S. 96–107). Eine mechanistische Analogie hingegen benötigt keine Theorie, sie hat eine „pragmatische Funktion“, da sie an Effekten interessiert ist (Blumenberg, 1998, S. 101).

Ähnlich verhält es sich mit der organischen Denkweise: Auch sie ist bzw. war nicht theoriegeleitet, sondern orientiert(e) sich metaphorisch an Funktionsweisen und ebenfalls an Effekten, welche aus einer angenommenen Wechselwirkung von Psyche und Physis resultieren sollten. In seiner Publikation nutzte 1877 Ernst Kapp als „Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten“ die organische Metaphorik zur Erklärung der Technikentstehung als analoge, veräußerte Funktionsweisen: Wie Organe vereinfacht im menschlichen Organismus zu finden sind, werden ihre Bau- und Funktionsweisen abgewandelt oder verändert als Werkzeuge außerhalb des menschlichen Körpers benutzt. Kapp benannte hierzu seine These der „Organprojection“ (Kapp, 1877, S. VI u. S. 29–39): Analog zu einem leiblichen Organ erscheinen Werkzeuge, die nach ihrem Vorbild oder ihrer Funktionsweise konstruiert wurden, als eine „Verlängerung, Verstärkung oder Verschärfung leiblicher Organe.“ (Kapp, 1877, S. 42)39. Die auf diesem←37 | 38→ Prinzip beruhende menschliche Entwicklung bezeichnete er als „organische Entwickelungstheorie“ (Kapp, 1877, S. 37), in Anlehnung an die „vier verschiedenen Culturstufen“ nach Siegwart40.

Zusammenfassend sah er die organische Idee als höchste aller Ideen an: „So ist die organische Idee die Substanz des Absoluten und der allein untrügliche Anhalt für die gläubige Zueignung anthropomorpher Attribute in harmonischer Vollkommenheit. Die organische Idee ist von kosmischer Universalität und in ihr bewegt sich der Gedanke (…).“ (Kapp, 1877, S. 77).

Auch für staatliche Konzeptionen zog Kapp in einem eigenen Kapitel die organische Idee heran: Vielmehr machen alle Einzelorganismen in voller selbsteigner Leibhaftigkeit zugleich auch die eigentliche organische Substanz der staatlichen Schöpfung aus. (…) Wo nur immer der historische, d. h. der in staatlicher Gemeinschaft lebende Mensch einem Gegenstand Spuren des Geistes aufgeprägt hat, da er scheint ein solcher Stoff an der Geschichte beteiligt und ist, weil der historische Prozess und die Entwicklung des Staatsorganismus identisch sind, in staatsorganischer Verbindung. (..)“ (Kapp, 1877, S. 84 f.). Kapp gelangte schließlich in einer Kurzformel zu der Überzeugung: „Staat sein heißt sich als Organismus verhalten.“ (Kapp, 1877, S. 85). Diese staatsorganische These – und ihre Reaktivierung im 20. Jahrhundert – wird im späteren Verlauf der Untersuchung noch an anderer Stelle wieder aufgegriffen. Hier soll im Vorgriff zu späteren Untersuchungen, die Ursprünge der organischen Idee betreffend jedoch schon mitgeteilt werden, dass einige Ideengeber – wie z. B. Casparis „Urgeschichte der Menschheit“ – sich auf die Deszendenztheorie bezogen, die sie in Anlehnung an Darwin insofern als eine Erneuerung entwarfen, als sie sie auf „das Gebiet des frühesten Geisteslebens der Menschheit“ bezogen (Caspari, in Kapp 1877, S. 38). Auf die Deszendenztheorie wird im 4. Kapitel noch genauer eingegangen.

Nun erklärt sich der Wandel in einer Disziplin jedoch nicht allein über das Aufkommen einer neuen Idee bzw. über die Nutzung früherer Ressourcen, die nur zu gegebener Zeit wieder hervorgeholt werden müssen. Es ist zu untersuchen, welche Ausgangssituation im Einzelnen dazu geführt haben könnte,←38 | 39→ dass die organische Idee sich durchsetzen konnte. Dies bedarf der These, dass die organische Idee nicht die einzige Ideenkonzeption gewesen ist, welche etwa um die Zeit des Ersten Weltkrieges als – wie auch immer begründete – Ressource zur Verfügung stand. Hierzu soll im folgenden Teilkapitel eine kurze Zusammenschau anderer Ideen bzw. Konzepte in der Psychologie erbracht werden.

1.4 „Die Psychologie im Kampf ums Dasein“ 1913: Konkurrenzen und Konzeptionen

Im Jahr 1913 lassen sich eine Vielzahl kritischer und gegeneinander konkurrierende Konzeptionen der Psychologie auffinden. Es war das Jahr nach Wilhelm Wundts 80. Geburtstag. Wundts Methode der experimentellen Psychologie erfuhr immer stärkere Kritik, da sie als ein sehr aufwändiges Verfahren galt (Frischeisen-Köhler, 1913) und in den Folgejahren ihre Grenzen stärker als ihre wissenschaftlichen Vorzüge diskutiert wurden (Frischeisen-Köhler, 1918). Das Jahr 1913 war jenes Jahr, in dem die sogenannte „Aktion gegen die Psychologie“ (Marbe, 1913) stattfand: Lehrstuhlinhaber der Philosophie hatten sich in einem öffentlichen Rundschreiben gegen die vermehrte Besetzung philosophischer Lehrstühle durch experimentell-psychologisch ausgebildete Kandidaten ausgesprochen, weil sie um die reine philosophische Expertise fürchteten. Sie forderten eine Berücksichtigung der experimentellen Psychologie in anderer Anbindung statt bisher im Verbund mit einem philosophischen Lehrstuhl. Diese Forderung kamen jedoch vielen experimentell arbeitenden Psychologen entgegen: Auch sie wünschten sich prinzipiell eigene Lehrstühle für experimentelle Psychologie. Wilhelm Wundt hingegen stellte sich weder auf die eine noch die andere Seite der Betroffenen. Er versuchte zu vermitteln und publizierte eine „Friedensschrift“ (Wundt, 1913, o. P.), welche darlegen sollte, warum die experimentelle Psychologie mit der Philosophie im Verbund bleiben müsse und sich nicht verselbständigen dürfe. Für diese Situation beschrieb er die „Psychologie im Kampf ums Dasein“ und verwies mit dieser Formulierung aus dem Kontext der Abstammungstheorie nach Darwin im übertragenen Sinne auf einen Rückbezug hinsichtlich der Entstehungslinie der experimentellen Psychologie von der Philosophie aus. ←39 | 40→

Abb. 3: Fotografie des Deckblattes aus Wilhelm Wundt, Die Psychologie im Kampf ums Dasein (1913)

image

Wundt arbeitete heraus, dass die experimentelle Arbeitsweise letztlich nicht nur Lehrinhalte, sondern auch das Selbstverständnis der Philosophen berührte:

„Man liest aus diesen Ausdrücken deutlich heraus, daß Verfahrungsweisen, die zu einem guten Teil doch auch technischer Art sind, der Philosophie allzu fern und unter ihren höheren Zielen allzu tief liegen, als daß man sie mit ihr vereinbar halten könnte. Wenn ich mir erlauben darf, den vielleicht nur im dunklen Hintergrund des Bewusstseins schlummernden Gedanken etwas mehr in den Vordergrund zu ziehen, so ließe sich dieser vielleicht kurz und drastisch so ausdrücken: das Experimentieren ist eine←40 | 41→ banausische Kunst; demnach ist der experimentelle Psychologe bestenfalls ein wissenschaftlicher Handwerker. Ein Handwerker paßt aber nicht unter die Philosophen.“ (Wundt, 1913, S. 9).

Aus dieser Darlegung Wundts sprechen also destabilisierende Einflüsse für die experimentelle Psychologie, welche nicht nur den Rahmen und die Methode der Psychologie betrafen, sondern darüber hinaus das Selbstbild und die Wissenschaftsauffassung von Philosophen bzw. damit zusammenhängend auch Wertigkeiten.

Die „Grundfragen der Psychologie“ (Cohn, 1913) betrafen jedoch nicht nur die experimentelle Psychologie. Auch Wundt selbst hatte in seiner Friedensschrift andere Ansätze psychologisch-empirischer Forschungsbereiche wertgeschätzt. Die „Notwendigkeit einer gründlichen psychologischen Schulung für die Angehörigen sonstiger Fachgebiete“ (Wundt, 1913, S. 10) lag ihm am Herzen. Den unterschiedlichen Perspektiven und Zugangsweisen zur Psychologie hatte sich Wundt nicht versperrt, sondern diese differenziert hinsichtlich der Fragestellungen des jeweiligen Fachgebietes diskutiert. Ähnlich hatte er sich Jahrzehnte zuvor bereits engagiert (vgl. hierzu die sog. Schuppe-Wundt-Kontroverse, z. B. Lück/Guski-Leinwand, 2014) und immer stellte Wundt heraus, wie wichtig es ist, die Entstehung von Bewusstsein anhand nachprüfbarer Sinneseindrücke zu erklären, anstatt die menschliche Erkenntnistätigkeit oder Erkenntnisfähigkeit auf Basis von Annahmen, d. h. gedanklichen Konstrukten oder Ideen, zu erklären.

Des Weiteren gab es jedoch auch mit Kritik gepaarte, konkrete „Angebote“ gegen die Methode der experimentellen Psychologie: So publizierte der spätere Nachfolger auf den philosophischen Lehrstuhl von Wilhelm Wundt, Felix Krueger, zum Abschluss seiner halbjährigen Austauschprofessur als Kaiser-Wilhelm-Professor an der New Yorker Columbia-University in einer amerikanischen Fachzeitschrift auf Englisch über neue Ziele und Tendenzen in der Psychologie. Diese sollten – gleichsam als ein Querschnittswissen oder Metawissen – aus den Ergebnissen aller möglichen Nachbardisziplinen (Jurisprudenz, Nationalökonomie u. a.) auf eine genetische Theorie der Zivilisation ausgerichtet sein. Auch die Gefühle – als angeborene Komponenten des Menschen – sollten über eine solche Theorie erklärbar werden. Die speziellen experimentellen Methoden wurden als überholt dargestellt und die Methoden der Psychologie sollten mehr und mehr erweitert und verändert werden (Krueger, 1913, S. 255) und für einen sozial-genetischen Forschungsschwerpunkt dienlich sein. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sollten in geisteswissenschaftliche Fragestellungen Eingang finden. Diese Konzeption barg erste Ansätze einer Integration biologisch-genetischer Fragestellungen mit psychologischen Fragestellungen. Vererbungsfragen war in einem←41 | 42→ ersten Versuch Wilhelm Peters in seiner Dissertation nachgegangen, zu denen er ebenfalls im Jahr 1913 einen Artikel auf Deutsch publizierte, der im Titel fast identische Begriffe wie jener von Felix Krueger transportierte. Peters „Wege und Ziele der psychologischen Vererbungsforschung“ betrachteten kritisch die Ausgangslage zu einer psychologischen Vererbungsforschung, eröffneten jedoch vor allem kritisch zu prüfende Möglichkeiten (Peters, 1913). In den weiteren Rahmen solcher Fragestellungen ist letztlich auch Sigmund Freud einzuordnen, der mit der Publikation „Totem und Tabu“ im gleichen Jahr der Frage nachging, ob bzw. welche evolutionären Grundlagen der psychischen Entwicklung des homo sapiens über die Ergebnisse der Völkerkunde abgeleitet und als triebgesteuert erklärt werden können. Seit diesem Jahr widmete sich auch Carl Gustav Jung, der sich im selben Jahr auch von seinem langen Weggefährten und Lehrer Freud abwandte, der Frage, inwieweit ein kollektives Unbewusstes, inwieweit Archetypen das Verhalten des Menschen beeinflussen könnten.

Dem stand jedoch ein anderer neuer Entwurf der Psychologie gegenüber: Die Psychologie aus Sicht des Behavioristen. Diese Sichtweise entwarf John Watson. In der renommierten Fachzeitschrift Psychological Review stellte er dar, wie irrelevant der Bezug zur Genetik für die Erklärung menschlichen Verhaltens ist. Die Umwelt und die aus ihr resultierenden Reizverknüpfungen bestimmten und prägten nach seiner Konzeption das menschliche Verhalten (Watson, 1913; s. auch Watson, 1919). Watsons Entwurf war revolutionär und sollte trotz der ethisch-moralischen Verfehlungen im Zusammenhang mit seiner 1920 veröffentlichten Studie an „Little Albert“ einen nachhaltigen Impuls bieten (Watson & Rayner, 1920). Danach waren Gefühle nicht angeboren, sondern erlernt und konnten – je nach Anzahl und Stärke der Reize und Reizverknüpfungen – beliebig weiterentwickelt werden. Diese wiederum bedingten das menschliche Verhalten.

Es ist zu erkennen, dass die Psychologie im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vielfältiger Kritik und ebenso vielfältigen Alternativen gegenüber stand. Eine inter- oder intradisziplinäre Diskussion oder gar Abwägung dieser verschiedenen Konzeptionen fand nicht statt bzw. nicht mehr statt. Nur noch 1914 fand der inzwischen VI. Kongress für experimentelle Psychologie statt. Der dann folgende – in Reihe der VII. Kongress – fand kriegsbedingt erst sieben Jahre später statt. Zwar nannte sich der Kongress dann immer noch Kongress für experimentelle Psychologie, doch die auf ihm vorgestellten Beiträge folgten nicht mehr streng der experimentellen Methode und nahmen in den Folgejahren auch vermehrt nicht-experimentelle Beiträge auf, die überdies über das zu untersuchende Individuum als Gegenstand der Psychologie hinaus wiesen (z. B. Jaensch, 1924) bis die Gesellschaft sich Ende der 1920er Jahre umbenannte←42 | 43→ und den experimentellen Inhaltsbezug aus ihrem Titel strich (vgl. Sommer, 1932; Geuter, 1982; Traxel, 1983; Geuter, 1983).

Wilhelm Wundt verstarb 1920, nachdem er sich aus Alters- und Gesundheitsgründen 1917 von seinem Lehrstuhl zurückgezogen hatte. Die Vielfalt der oben vorgestellten Konzepte diskutierte Wundt nicht bzw. nur in Bezug auf Felix Kruegers Konzeption einer Entwicklungspsychologie, welche auf völkercharakterologischen Annahmen basierte (Wundt, 1916).

1.5 Zusammenfassung: Themen für die hiesigen Untersuchungen

Unter der paradigmatischen Veränderung von einer idealistischen Kultur- und Wissenschaftsauffassung hin zu einer organischen Kultur- bzw. Wissenschaftsauffassung ergibt sich der besondere Impuls zur näheren Untersuchung der Paradigmata und der Frage, was sich dem Totalbegriff Wundts als Grundlage für Humanität entgegenstellte bzw. inwiefern das Humanitätsverständnis Wundts in diesem „Totalbegriff“ (Wundt, 1912b, S. 470) später möglicherweise in eine andere Terminologie übersetzt wurde. Hier fällt der von Wundts Nachfolger Krueger früh eingeführte Begriff ‚Ganzheit‘ (Krueger, 1915, S. 79) als ein möglicher intermittierender und intervenierender Begriff auf: Intermittierend zwischen den verschiedenen Disziplinen der natur- und geisteswissenschaftlichen Fächer, der sich über die dann folgenden Jahrzehnte auch über die Völkerpsychologie – ausgehend von einer „Urganzheit“ (vgl. Hellpach, 1944, S. 96), weiterentwickelte, und intervenierend wiederum, um als Surrogat für Wundts Totalbegriff zu wirken und eine Änderung in der Grundausrichtung der Psychologie in Gang zu setzen.

Hinsichtlich einer paradigmatischen Wende soll im Folgenden auch nachvollzogen werden, wie sich im Untersuchungszeitraum von ca. 1900 bis 1950 auch in anderen Disziplinen ein Paradigmenwechsel erkennen lässt, der sich dem organischen Denkmuster unterordnete. Besonders auffallend erscheint hier der von dem Leipziger Historiker Karl Lamprecht entwickelte Ansatz „psychogenetische(r) Geschichtsauffassung“41 (Czok, 1984, S. 15). ←43 | 44→

Die im ersten Kapitel dargelegten divergierenden Auffassungen führen zu der These, dass der Totalbegriff Wundts inhaltlich nicht mit dem von seinem Lehrstuhlnachfolger Krueger eingeführten Begriff Ganzheit übereinstimmte. Zur Überprüfung dieser These wird sprachhistorisch analysiert, welcher Provenienz der Begriff ‚Ganzheit‘ war und wann bzw. wie er in die Wissenschaften eingeführt wurde bzw. ob er für mögliche Ausgrenzungskonzepte42 oder einen (wissenschaftlichen) Antisemitismus wirksam geworden ist.

Wenngleich sich in der Psychologie in Deutschland der naturwissenschaftlich definierte Begriff der Ganzheit (Wertheimer, 1912; Wertheimer, 1964) und der geisteswissenschaftlich undefinierte Begriff der Ganzheit der „Zweiten Leipziger Schule“ (Krueger, 1932a; Krueger, 1948) gegenüberstehen, soll in der vorliegenden Untersuchung der Ganzheitsbegriff Felix Kruegers besonders im Fokus stehen,←44 | 45→ da er nach so vielen Jahrzehnten noch nicht ausreichend paradigmatisch untersucht wurde und als redlich notwendig angesehen wird. Als redlich notwendig wird hier verstanden, was die ethischen Richtlinien des BDP und der DGPs43 für Psychologinnen und Psychologen an wissenschaftlicher Redlichkeit verlangen: Diese wissenschaftliche Redlichkeit muss vor allem Orientierung über die hinter den Lehrgebäuden stehenden Überzeugungen oder Erkenntnisse geben.

Um eine Einschätzung oder Einordnung der Wirkung des Ganzheitsbegriffes im Hinblick auf einen Antisemitismus geben zu können, wird das Phänomen eines „wissenschaftlichen Antisemitismus“ (Levinstein, 1896) untersucht, das zeitgleich (d. h. am Ende des 19. Jahrhunderts) zu den divergierenden Kultur- und Wissenschaftsauffassungen dokumentiert, benannt und auch in den Folgejahrzehnten in verschiedenen Publikationen beschrieben wurde.

Außerdem soll untersucht werden, inwieweit eine Integration der Deszendenztheorie in die Psychologie erfolgte, da die „Grundüberzeugungen“ der organischen Denkweise als auch die „Leipziger Genetische Ganzheitspsychologie“ (Wellek, 1954, S. 2) hierauf zu verweisen scheinen.

Im folgenden Kapitel wird nun mit der Erläuterung des Ganzheitsbegriffes in seiner etymologischen Bedeutung und Herkunft begonnen und es werden die verschiedenen Bedeutungsgebungen in der Psychologie bzw. anderen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Kontexten dargestellt werden44. Auf Basis dieser Informationen soll dann eine Darstellung des sich wandelnden bzw. erweiternden Bedeutungsgehaltes des Ganzheitsbegriffes erfolgen, um im Sinne des „Sprache verstehen“ (Herrmann, 2005) die kontextuellen Bedingungen und Aussagemöglichkeiten in ihrer Bedeutung für die Psychologie zur erklären bzw. in einen möglichen Zusammenhang mit den Folgen als Antisemitismus, Rassismus und Totalitarismus einzuordnen.←45 | 46→ ←46 | 47→


6 Vgl. hierzu die Originaltexte über die Online-Ressource: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6443/1, abgerufen am 13.10.13, 17.30 Uhr

7 Wenige Jahre nach dieser Publikation, mitten im Ersten Weltkrieg Ende 1915, wurde der „Unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden“ gegründet. Wundt gehörte zu diesem und unterzeichnete im Juli des Folgejahres einen Aufruf dieses Ausschusses, der von den Unterzeichnenden wohl zur Beförderung des Humanitätsgedankens intendiert, aber wohl anders ausgedeutet wurde (vgl. Riezler, Aufsätze II, S. 591 ff.).

8 Auch Utitz lässt in einer Veröffentlichung 1935 den Humanitätsgedanken indirekt in seiner versteckten Kritik an der Philosophie in Deutschland anklingen: „Ich habe geflissentlich nicht von der Gegenwart gesprochen, aber ich hoffe, daß das Gesagte in betontem Maße gerade für die Gegenwart gilt. Schwerlich hat eine Zeit mehr die sich selbst verwirklichende Philosophie gebraucht als die unsere: das unerschütterliche Bewußtsein um Wahrheit und Wert, die unbedingte Sachlichkeit dem Nächsten und Fernsten gegenüber, das scharfe Wissen um Wesen und Sinn menschlichen Seins, den ungebrochenen Mut zur Vernunft. Heute aber krankt eine große Zahl von Philosophen daran, daß sie das echte Bild der Philosophie verloren haben. (…) Das Abendland verrät sich selbst, wenn es dies philosophische Leben entweiht und schändet.“ (Utitz, 1935, S. 158 f.).

9 Wundt erkannte eine Reihenfolge als geschichtliche Aufeinanderfolge der einzelnen Erscheinungen, die zu den Bedingungen, welche eine Humanität begründeten, gehörte. Conrad (1928) ging hierauf ein und zeichnete den Humanitätsgedanken Wundts posthum wenige Jahre nach dessen Tod skizzenhaft nach.

10 vgl. http://avalon.law.yale.edu/imt/imtchart.asp

11 Unter dem Namen ‚Deutsche Gesellschaft für Psychologie‘ hatte sich 1946 nach Gründung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen die noch heute bestehende Nachfolgeorganisation der damaligen DGPs gegründet (Lück, 2004). Wichtig ist herauszuheben, dass sich unter der DGPs heute eine namensgleiche Nachfolgeorganisation findet, die sich formal in vielem von der damaligen DGPs unterscheidet (z. B. damals Führerprinzip, heute demokratische Grundlage etc.). Auch bestehen Unterschiede in ihrer juristischen Person und ihrer Organisation gegenüber der damaligen Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Es fehlt jedoch leider bis heute an einer Aufarbeitung der Unterschiede zwischen diesen beiden Gesellschaften gleichen Namens als auch der dazugehörigen Geschichte der Gesellschaft für experimentelle Psychologie als einer Gesamtuntersuchung, wenngleich es in den vergangenen Jahrzehnten und zuletzt besonders im Jahr 2004 anlässlich des hundertjährigen Jahrestages seit Gründung der Gesellschaft(en) vielfältige engagierte Beiträge und Anstöße zur Aufarbeitung gab (vgl. Lukas & Schneider, 2004)

12 In diesem Zusammenhang erschien deshalb eine vertiefende Untersuchung eines „wissenschaftlichen Antisemitismus“ angezeigt, der im Zusammenhang mit den Verhinderungs- und Entstehungsbedingungen des XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie im Jahr 1933 angenommen werden muss und somit als ein Initialereignis gelten kann, welches zur Thematik dieser Untersuchung geführt hat.

13 Die heute gleichnamig existierende Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat die Veranstaltungstradition der Kongresse fortlaufend übernommen. (vgl. zur Deutschen Gesellschaft für Psychologie die vorangegangene Fußnote)

14 Die sich entgegenstehenden Ergebnisse zur Ganzheitspsychologie der Zweiten Leipziger Schule sind unter dem Aspekt der kognitiven Dissonanz in der wissenschaftshistorischen und wissenschaftstheoretischen Aufarbeitung zur Psychologiegeschichte so bisher nicht benannt worden, lassen sich jedoch als solche in der Zusammenschau der Ergebnisse erkennen bzw. so benennen.

15 Inwieweit diese Tabuisierung einer wissenschaftspsychologischen Forschung heute noch zugänglich ist, bzw. als die Motivation der damaligen Akademiker untersucht werden könnte, lässt sich hier nur schwer abschätzen. Es mag sich jedoch im Rahmen dieser Tabuisierung nicht einfach nur um ein Verschweigen handeln, sondern könnte sich nach der Totalisierung der Wissenschaften in der bzw. für die NS-Zeit hierbei nach 1945 um ein „Letztes Reservat persönlicher Freiheit“ (Clemen, 1963) gehandelt haben, welches jedoch im Zusammenhang als ein interessantes Kriterium leider in der psychologischen Forschung weitgehend unbeachtet blieb.

16 Die Sensibilisierung hierfür verdanke ich meinem Doktorvater, Prof. Dr. Joachim Funke, der seinen Lehrstuhl sowohl mit Inhalten zur Geschichte und Ethik der Psychologie als auch zur Theorie der Psychologie im Rahmen der Allgemeinen Psychologie ausgestaltet hat und damit maßgeblich auch zu meiner weiteren akademischen Orientierung beigetragen hat. Außerdem danke ich Mike Lüdmann für seine Ausführungen zu den Notwendigkeiten für eine theoretische Psychologie auf der DGPS-Fachgruppentagung Geschichte in Hagen im September 2013.

17 Gerade diese Wechselwirkung, die Wundt als Bereicherung und Steigerung der geistigen Entwicklung sah, war es, welche unter völkischen und rassenlehre-orientierten Standpunkten als Reduzierung, Bedrohung und schließlich sogenannte Rassenunreinheit und Zersetzung betrachtet und von Lehrstuhlinhabern mit erbbiologischer oder erbpsychologischer Denomination zu „Rassentrennung“ und Definitionen wie jener von „ethnisch lebensfähige(r) Mischung“ und ihrem Gegenteil führten (zitiert in Michel, 1988).

18 Dass einem solchen Ansatz kritisch gegenüber zu treten war, hatten schon frühe Arbeiten in der Psychologie von Wilhelm Peters (1912) gezeigt, die der Frage nach der Vererbung psychischer Eigenschaften nachgingen und eine solche nicht bestätigen konnten (Peters, 1913; Peters, 1915,S. 188 f.).

19 Hier speziell zur Deszendenztheorie, auf die in einem gesonderten Kapitel weiter unten eingegangen wird.

20 Kruegers Auffassung stand jener von Paul radikal entgegen, welcher die Kulturwissenschaften als rein historische und von der Psychologie gänzlich unabhängige Wissenschaften auffasste (vgl. Krueger, 1915, S. 30).

21 http://de.wikipedia.org/wiki/Genetik

22 Ernst Haeckel sah als philosophische Aufgabe der vergleichenden Anatomie, aus der Formverwandtschaft die Blutsverwandtschaft zu erkennen. Krueger knüpfte hier synonym über eine „vergleichende Psychologie“ an (Krueger, 1915, S. 205).

23 Bereits 1912/1913 während seines Auslandsaufenthalts als Austauschprofessor in New York positionierte Krueger die Psychologie zu Gunsten anderer Paradigmata mit neuen Zielen (New York Times, 1912; Krueger, 1913. Seine Lehre wird wissenschaftshistorisch als „Zweite Leipziger Schule“ von anderen Schulen bzw. Wundts Leipziger Schule unterschieden. In manchen Veröffentlichungen ist nur von einer „Leipziger Schule“ die Rede – hierunter wird jedoch unterschiedlich einmal jene nach Wundt und einmal jene nach Krueger bezeichnet (Wellek, 1954; Laugstien, 1990; Harrington, 2002; Herrmann, 2004). Krueger selbst steht hier wohl nur beispielhaft als Repräsentant für eine Zeit, die als „Epochenwechsel“ (Herrmann, 1998) bezeichnet wurde und über die auch ihre paradigmatische oder außerwissenschaftliche Bedeutung erkannt wurde. (Neurath, 1932/1933, S. 234).

24 Zwar lässt Sprangers Publikation bzw. Vortrag von 1921 „Der gegenwärtige Stand der Geisteswissenschaften und der Schule“ noch den Humanitätsgedanken durchscheinen, gleichzeitig wird mit dem Entwurf einer Typentheorie im ebenfalls 1921 erschienenen Werk „Lebensformen“ die Idee der organischen Organisation verfolgt. Seine geisteswissenschaftliche Konzeption der Psychologie galt zu seiner Zeit „als zukunftsweisend (…) und blieb auch in der Lehrerausbildung bis weit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs maßgebend“ (Lück, 1997, S. 161). Wie Krueger 1915 und später 1923 versucht Spranger im Sinne der organischen Denkweise Strukturgesetze der Kultur heraus zu arbeiten und bedient sich hierbei – wie Krueger – der biologisch-organischen Terminologie.

25 In seinem Aufsatz „Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters (1924)“ stellte Helmut E. Lück dar, dass Spranger Sympathien für die Ganzheitspsychologie Felix Kruegers aufbrachte (Lück, 2006, S. 124), jedoch ein Gegner der experimentellen Psychologie war.

26 Über Spranger liegen bereits vielfältige Arbeiten vor (z. B. Plaum, 1988; Scholder, 1982; Sacher, 1988; Retter, 2000; Meyer-Willner, 2001; Waschulewski, 2002; Sacher, 2004; Schraut, 2007; Fontana, 2009), so dass in der vorliegenden Untersuchung ein anderer Schwerpunkt zur Untersuchung des Epochenwechsels gelegt werden soll, da sich in diesem besonders eigenwillig der Ganzheitsbegriff und in der Psychologie aus dem Kreis der sogenannten Zweiten Leipziger Schule die „Genetische Ganzheitspsychologie“ hervor ging (Wellek, 1954; Scheerer, 1985, 16; Lück, 1996, S. 79).

27 In Sprangers Publikation „Psychologie des Jugendalters“ von 1924 setzt für ihn eine „Arbeit an der Kultur…die Gesundheit des Leibes“ voraus, welche durch die Beeinflussung „der natürliche(n) Entwicklung des Leibes und der Seele“ seitens der Erzieher sichergestellt werden soll. Der (männliche) Jugendliche kann nur so zu einem Organ für die Kultur werden, welcher ebenso organisch-funktional nach Spranger „eine Gegenwirkung gegen die schädlichen, die herabziehenden, die wertwidrigen“ zu leisten hat (Spranger, 1924, S. 140).

28 Zu den vom üblichen Verfahren abweichenden Nachfolgebestimmungen siehe Guski-Leinwand (2007) bzw. Guski-Leinwand (2010a).

29 Gemeint ist hiermit die von Kant bis Schelling im Idealismus formulierten Auffassungen von Kultur.

30 In seinen Ausführungen unterschied Wundt sprachgeschichtlich zwischen dem „genus hominum“ (Wundt, 1912b, S. 466) und dem „genus humanum“ (Wundt, 1912b, S. 471).

31 Über Spranger jedoch liegen bereits vielfältige Arbeiten vor (z. B. Plaum, 1988; Scholder, 1982; Sacher, 1988; Retter, 2000; Meyer-Willner, 2001; Waschulewski, 2002; Sacher, 2004; Schraut, 2007; Fontana, 2009), so dass in der vorliegenden Arbeit ein anderer Schwerpunkt zur Untersuchung des Epochenwechsels gelegt werden soll, da sich in diesem besonders eigenwillig der Ganzheitsbegriff begriff und in der Psychologie aus dem Kreis der sogenannten Zweiten Leipziger Schule die „Genetische Ganzheitspsychologie“ hervor ging (Wellek, 1954; Scheerer, 1985, S. 16; Lück, 1996, S. 79).

32 Friedrich Schillers Antrittsvorlesung an der Jenaer Universität trug den Titel „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (Online-Ressource: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/schiller_universalgeschichte_1789)

33 Es gab einzelne Widerstände aus den Reihen der Psychologie, wie in Untersuchungen bereits dargelegt wurde (z. B. Jaeger, 1993). Dass jedoch aus den Reihen der in Deutschland und im Ausland ansässigen Lehrstuhlinhaber der Philosophie und Psychologie zahlreiche Repräsentanten sich bereits vor 1933 den völkischen und/oder nationalsozialistischen Initiativen anschlossen bzw. diese unterstützten, ist ebenfalls bereits dargelegt und unter einem erweiterten Schulenverständnis – wie z. B. einer nationalpsychologischen Ausrichtung – diskutiert worden (vgl. Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a). Dies soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, da diese als Manifestationen bereits beschreiben wurden. Im hiesigen Rahmen soll es vielmehr um die zu diesen veränderten Ausrichtungen gehörenden Paradigmen gehen.

34 Die in der Einleitung zitierte Textpassage von Jaspers (1933) wies bereits auf eine Unfreiheit hin, welche über eine (Selbst-)Attribuierung des Volkes vollzogen wurde.

35 Viele Arbeiten der 1990er Jahre bzw. Anfang 2000 beschäftigten sich denn auch mehr mit den traumatischen Folgen (zumeist aus psychoanalytischer Sicht) als einer wissenschaftstheoretischen Aufarbeitung der Ereignisse in der, mit der oder durch die Psychologie in Deutschland (vgl. hierzu z. B. Kaufhold, 2000; Federn, 2000; Kuschey, 2003)

36 So lud z. B. die heutige Deutsche Gesellschaft für Psychologie auf ihrem Kongress 2012 in Bielefeld zu einem Symposium Psychologie im Nationalsozialismus ein.

37 Herrn Dr. Gerd Wenninger danke ich herzlich für die Überlassung seiner Habilitationsschrift zur Unterstützung meiner Untersuchung. Zum kategorischen Begriff Nazi-Psychologie vgl. hierzu auch die Online-Ressource: http://www.psychology48.com/deu/d/nazi-psychologie/nazi-psychologie.htm

38 Auf Biografien und Verwicklungen einzelner Repräsentanten dieser psychologischen Konzepte, speziell der Schüler und Assistenten der sogenannten Zweiten Leipziger Schule, kann hier nur oberflächlich und marginal eingegangen werden. Erwähnt sei jedoch, dass es verschiedenste Tätigkeiten von Psychologen im NS-Apparat gab, so z. B. im Hitler persönlich nahestehenden sogenannten Amt Ribbentrop, in dem der Krueger-Schüler Karlfried Graf Dürckheim tätig war (vgl. z. B. Longerich, 1987, S. 154).

39 Das von Kapp vorgestellte Prinzip nannte Hartmann (2010, S. 96) „Organizität“.

40 K. Siegwarts Theorie hatte Kapp gemäß dessen Werk „Über das Alter des Menschengeschlechts“ mit folgenden Stufen benannt: „den rohen, thierähnlichen Naturzustand“ (…), Zustand des Halbwilden, charakterisiert durch die Anfänge der Steinperiode“ (…), Zustand beginnender Cultur (Uebergang aus der höheren Steinperiode in die Bronzeperiode (…) Zustand höherer Civilisation eines gesonderten Menschenstammes“ (Kapp, 1877, S. 37).

41 Diese wurde als eigene geisteswissenschaftliche Ausrichtung angeboten, zunächst jedoch von verschiedenen Seiten abgelehnt: Lamprecht hatte Kulturgeschichte als eine „Geschichte des Seelenlebens menschlicher Gemeinschaften“ (Lamprecht, 1899, S. 17) definiert. Inwieweit dies auf das Lehrgebäude Felix Kruegers (z. B. Krueger, 1929; Krueger, 1935) – durch dessen Tätigkeit als Assistent am Lamprechtschen Institut (Krueger, 1940, S. 14) – Einfluss hatte, wird ebenfalls untersucht. Bereits bei den Arbeiten zur Genese der Psychologie in Deutschland (Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a) wurde herausgestellt, dass Lamprechts Institut als „eine allgemeine und eine deutsche“ Angelegenheit angesehen wurde, da es sich der deutschen Geschichte als einer Volkstumsgeschichte widmete und Lamprecht als mit dem „Trieb zur Ganzheit“ beseelt angesehen wurde. Das Institut erhielt 1934 den Auftrag, die politische Erziehung der Studentenschaft zu übernehmen, wie es in einem Zeitungsartikel 1934 hieß (vgl. zu diesen Aspekten: UAL, Film 994, Institut für Kultur- und Universalgeschichte, Blatt 31 und Blatt 73) Außerdem wurde zuvor herausgearbeitet, dass die Einflussnahme des Rassenantisemiten Houston Stewart Chamberlain auf die Psychologie sich in ähnlicher Weise auch bei dem Leipziger Historiker Karl Lamprecht finden (Lamprecht, 1922a, S. 325): Für das junge 20. Jahrhunderts sah Lamprecht es als notwendig an „die biologische Seite des Seelenlebens (…) zu erforschen“ (Lamprecht, 1904; Lamprecht, 1922b, S. 77) und ordnete diese Aufgabe den Geschichtswissenschaften zu. Hier ist die Nähe zu Kruegers späterer Forderung der Psychologie als „wahrhaft biologische Seelenlehre“ (Krueger, 1932a, S. 9; vgl. auch Krueger, 1924) und in den Bestrebungen, eine „notwendige Synthese zwischen Biologie und Psychologie nur durch Begriffe von Ganzheit“ herzustellen (Krueger, 1926, S. 45) deutlich zu erkennen. Doch auch andere Ordinarien – ebenfalls wie Krueger Mitglieder der Gesellschaft für experimentelle Psychologie bzw. später der Deutschen Gesellschaft für Psychologie – verfolgten und unterstützten diesen Ansatz. So beispielsweise Robert Sommer, der am Beispiel von Persönlichkeitstypen und „Genieperioden“ Kreuzungen biologischer und psychologischer Art unter bestimmten Familiengruppen darlegte und „der deutschen Geschichte vom Standpunkt der Psychologie und Vererbungslehre“ (Sommer, 1924, S. 31) ebenfalls ein neues Gepräge geben wollte.

42 Es scheint paradox, dass ein Begriff wie Ganzheit unter den politischen Ausschluss-Ereignissen der Naziherrschaft in der Psychologie seine Hochzeit erfuhr. Dies hätte damals wie auch heute mindestens eine kognitive Dissonanz (Festinger, 1957) auslösen müssen. Diesem Phänomen kann jedoch als solchem an dieser Stelle nicht nachgegangen werden, da es den Fokus der hier gewählten Thematik erweitern bzw. verschieben würde und muss zu Gunsten künftiger Arbeiten deshalb zurück gestellt werden.

43 Vgl. Online-Ressource: http://www.dgps.de/dgps/aufgaben/003.php

44 Rein formal bleibt noch anzumerken: Bei den verschiedenen Zitaten wurde jeweils die historische Orthographie beibehalten. Die gendergerechte Schreibweise wurde zu Gunsten der besseren Lesbarkeit des Textes vernachlässigt.

2. ‚Ganzheit‘: Sprachliche Grundlagen versus kontextuelle oder codierte Bedeutungsgebungen zur Entschlüsselung des Begriffes

Im vorliegenden zweiten Kapitel soll es – ausgehend von den zuvor im ersten Kapitel genannten Überlegungen – um den Begriff ‚Ganzheit‘ gehen: Dabei wird bewusst vom Begriff und nicht vom Terminus (=Fachbegriff) gesprochen, da mit ‚Ganzheit‘ sehr unterschiedliche Bedeutungen verbunden sind, die zwar alle auf der Metaebene etwas Allumfassendes beschreiben oder auf etwas einheitlich Angelegtes abzielen, doch selbst in der Psychologie existiert für ‚Ganzheit‘ keine einheitliche Terminologie, die einer fachlich einheitlichen Bedeutungsgebung folgt. Hier gilt es mit dem Wissen aus der eigenen Disziplin „Bedeutungskomplexe“ aufzuspüren und „paradigmatische Assoziationen“ (Herrmann, 1972, S. 46–66) zu klären sowie diese intradisziplinär wie auch interdisziplinär abzugrenzen bzw. zu unterscheiden: Unterschiede von Bedeutungsgebungen bzw. komplexen Bedeutungsgebilden hängen in der Wissenschaft immer mit einer Idee bzw. einem Paradigma zusammen, d. h. einem Leitbild, Denkmuster oder einer Grundüberzeugung, auf das hin Axiome und Theorien formuliert sind. Paradigmatische Assoziationen ergeben sich somit aus Bedeutungsentschlüsselungen.

Wenn mit dem Begriff ‚Ganzheit‘ unterschiedliche Bedeutungen verbunden sind, so gilt es, diese Mehrdeutigkeit der Bedeutung von ‚Ganzheit‘ offenzulegen, war er doch zeitweilig ein zentraler Terminus in der Psychologie. Außerdem sind „Definitionen von Konzepten in den Sozialwissenschaften selten unumstritten (…), da sie von den jeweilig benutzten Theorien bestimmt werden“ (Tschirschky, 2006, S. 27). Bei einer Untersuchung des Ganzheitsbegriffes kommt es daher auch darauf an, gerade dort eine Theorie und damit möglicherweise einen erweiterten oder bisher unbekannten Bedeutungskern zu Tage zu fördern, der hinter diesem steht und somit gegebenenfalls eine Vielschichtigkeit aufzeigen zu können, wie sie bisher noch nicht vorliegt. Denn ‚Ganzheit‘ als Begriff rückte just zu einem Zeitpunkt in das Zentrum psychologischer Diskussionen und Forschungen, als sich die völkischen Initiativen in den Kreisen der Akademiker verstärkten45 und bis zum Ende des Nationalsozialismus einen „at←47 | 48→mosphärischen Hintergrund“ (Traxel, 2004, S. 22)46 in der Psychologie bzw. für die Psychologie bildeten. Im intradisziplinären Geschehen spielten schließlich die Kongresse der damaligen Deutschen Gesellschaft für Psychologie zwischen 1933 und 1938 eine zentrale Rolle, da sie zu einem „Ganzheitsstaat“ (Klemm, 1934, S. 3) beitragen sollten.

In ihren Bedeutungskernen transportiert der Begriff Ganzheit folglich sehr unterschiedliche Inhalte, die wiederum mit dem Kontext des Begriffes und somit einer spezifischen Begriffswelt zusammen hängen: Diese reichen von naturwissenschaftlichen Bezügen über geisteswissenschaftliche Entwürfe bis hin zu politischen Konzeptionen und Schlüsselfunktionen.

Wie im Vorangegangenen schon dargelegt wurde, hatte der Ganzheitsbegriff in der Psychologie eine auffallende Zweiteilung erfahren, so dass sich auf der wahrnehmungstheoretischen Seite (vgl. Köhler, 1920; Wertheimer, 1912; Wertheimer, 1925; Ehrenstein, 1938) eine nachvollziehbare Definition und eingrenzbare Kontextualisierung finden lassen, auf der kultur- und völkerpsychologischen Seite jedoch teilweise nicht definierte (Krueger, 1926a; Krueger, 1932; Krueger, 1948) oder bis auf eine „Urganzheit“ (Hellpach, 1944, S. 96) nebulös zurückweisende Nutzungen zeigen. Dass vor allem die letztgenannte Variante in auffallender Nähe zu politischer Verwendung bzw. staatstheoretischen Konzepten stand, soll hier vorwegnehmend benannt, aber erst in einem späteren Unterkapitel diskutiert werden.

Inwieweit sich Folgen aus der politischen Verquickung mit dem Begriff Ganzheit als thematische Klammer für Gewalthandlungen nachweisen lassen bzw. inwiefern diese zu fassen sind, muss jedoch die Untersuchung einer Manifestation dieser Lehre als eine mögliche Gewaltlehre47 zunächst noch zurückgestellt werden, um sich hier zuerst der Untersuchung der theoretischen Grundlagen zu widmen.←48 | 49→

Für die vorliegende Untersuchung ergibt sich zuerst einmal die Notwendigkeit einer Klärung mittels der verwendeten kontextuell bedeutsamen Begrifflichkeiten, von denen ‚Ganzheit‘ als zentral bedeutsamer Begriff gegenüber dem Totalbegriff Wundts ausgewählt wurde. Hierzu soll auf Basis der Ergebnisse aus den Sprachwissenschaften zur Begriffsklärung Folgendes vorweg geschickt werden:

Im Rahmen der linguistischen Forschung würden Begriffe, die entweder von einem Wissenschaftszusammenhang auf einen anderen übertragen werden oder adaptive Ergänzung erhielten als „indexikale Ausdrücke“ verstanden. Indexikal ist ein Begriff oder Ausdruck dann, wenn seine Bedeutung (nur) in einem bestimmten Kontext verstehbar ist (Coulon, 1995, S. 17), er sich bezieht auf das sprachliche Verstehen (Esser, 2001, S. 178) und/oder es wird eine spezifische Vertrautheit im Sinne eines Eingeweiht-Seins vorausgesetzt, d. h. sie können nur von Personen verstanden werden, die die Ausdrücke in ihrer Bedeutung oder Verschlüsselung kennen (Abels, 2004, S. 242 f.)

‚Indexikalität‘ wurde auf Basis ethnologischer Forschungsergebnisse entdeckt bzw. begrifflich geprägt, als man feststellte, dass sprachliche Begriffe ihre Bedeutungsgebung aus dem Kontext beziehen und die Entschlüsselung der Bedeutung wiederum eines Kontextwissens bedarf. Weiter wurde erkannt, dass der Einsatz sprachlicher Begriffe von Kontext zu Kontext wechseln kann (Garfinkel, 1973; Kaplan, 1989a; Kaplan, 1989b; Richter, 1988; Braun, 2008; Harendarski, 2012)48. Kaplans Theorie der Indexikalität unterscheidet zwei Sorten des Begriffsverständnisses bzw. der Entschlüsselungsmöglichkeiten eines Begriffes: Einerseits wird eine linguistische Bedeutungsprägung aufgrund sprachlicher Prägung und Ableitungsmöglichkeiten benannt, so wie sich beispielsweise in der deutschen Sprache am fremdwörtlichen Begriff „ambulant“ das aus dem Lateinischen stammende „ambulare“ für „(hin-)gehen“ erkennen lässt. Hier ist die Begriffsnutzung demonstrativ (vgl. Kaplan, 1989a), da sie unmissverständlich auf die Bedeutung hinweist und keinen Klärungsbedarf bzw. kein Nachfragen oder Nachdenken begrifflich bedingt fordert. Andererseits nannte Kaplan für das Verständnis eines Begriffes den Kontext als eine notwendige Entschlüsselungsbasis, so dass es das Nachdenken oder Nachfragen um die Bedeutung eines Begriffes oder einer Aussage erfordert. Somit gilt es durch Nachfragen oder Nachdenken heraus zu finden, worauf ein Begriff oder←49 | 50→ eine Aussage verweist (vgl. Kaplan, 1989b). Die Kenntnis des Umfeldes, der Situation bzw. des Handlungsrahmens, innerhalb derer Begriffe benutzt oder Aussagen getätigt werden, ist unerlässlich. Auch das von Lutz (1989) gefundene „doublespeak“-Phänomen gehört in diesen Forschungsbereich: Als „doublespeak“ wird ein Begriff dann bezeichnet, der seinen eigentlichen Aussagegehalt nicht oder nur bestimmten – eingeweihten – Adressaten frei gibt. Der Begriff „doublespeak“ wurde von William Lutz (1989) im Zusammenhang mit der Untersuchung von Literatur und der in ihr verborgenen politischen Aussagen und Reflexionen geprägt. In Bezug auf die Verdunkelungsfunktion definierte Lutz „doublespeak“ als eine Sprache, welche vorgibt zu kommunizieren, es tatsächlich aber nicht leistet:

„Doublespeak is language which pretends to communicate but really does not.“

(Lutz, 1989, S. 4).

Wenn Kommunikation also im etymologischen Sinne Gemeinschaft (communio) erzeugt, wirkt „doublespeak“ in diesem Zusammenhang gemeinschaftsbildend für jene, die Teil an dem gemeinschaftlichen Codierungswissens haben, auf der anderen Seite aber wirkt „doublespeak“ exkludierend für jene, die darüber nicht verfügen: So stellt Lutz auch die im Sinne eines „doublespeak“ beteiligten Akteure dar, deren Mitteilungen für Mitglieder, die nicht zur – jeweilig definierten – Gemeinschaft gehören bzw. gehören sollen, nicht zu entschlüsseln sind:

„However, when a member of the group uses jargon to communicate with a person outside the group, and uses it knowing that the nonmember does not understand such language, then there is doublespeak.” (Lutz, 1989, S. 4).

Ohne die Kenntnis, auf welchen Kontext ein sprachlich bekannter Begriff außerdem – aber verborgener – bezogen und somit also codiert wird, ist ein eindeutiges Verstehen – besonders innerhalb von politischen Aussagen oder Absichten – des Gesagten nicht möglich49. Der Begriff ‚Ganzheit‘ muss deshalb als doublespeak-Phänomen untersucht werden.

In Vorbereitung darauf soll nun zuerst ein Abriss zur sprachlichen Kernbedeutung von ‚Ganzheit‘ gegeben werden, bevor dann in den weiteren Ausführungen des Kapitels auf die Bedeutungsgebungen bzw. Bedeutungsverknüpfungen und mögliche Codierungen des Ganzheitsbegriffes eingegangen wird.←50 | 51→

2.1 Abriss zur sprachlichen Kernbedeutung von ‚Ganzheit‘

Das Wort ‚Ganzheit‘ lässt sich etymologisch auf das Adjektiv ‚ganz‘ im Sinne von unversehrt, heil, gesund zurückführen, wobei die Herkunft aus dem Althochdeutschen als „dunkel“ beschrieben wurde (vgl. Kluge, 1899, S. 132). Das Adjektiv ‚ganz‘ ist sprachgeschichtlich nachweisbar seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. (Kluge, 1999, S. 298). Die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung älteste verfügbare Quelle ist von Georg Henisch in „Teütsche Sprach und Weißheit“ aus dem Jahr 161650 gefunden worden. Im Nachdruck aus dem 20. Jahrhundert auf Seite 1352 wird der Begriff „ganz“ erläutert als:

„Ganz ist das hebr. ‚kanaz’, finis, quo quid absolvitur. ganz/gar ausgemacht/ integer, totus, tota, totum. Das gantz eines jedtlichen dings, das man theilt/als Erb und andere dergleichen. (…)Ganz/unversehret/unverfälscht/ohnfähl und mangel/unzerbrochen/unverletzt/unverzuckt/unvermindert/incorruptus/incolumnis/integrum, q. non tactum, non imminutum (…). Ganz/vollkommen/aneinander/integer, solidus, perfectus, a, um. Ganz/voll plenus, a, um.“

Die substantivierten Begriffe ‚Ganzheit‘ bzw. als ‚das Ganze‘ entstand jedoch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts. In Joachim Heinrich Campes 1808 herausgegebenem „Wörterbuch der deutschen Sprache, Zweiter Theil, F-K“ erscheinen mit folgender Erläuterung und Bezug zu den Wissenschaften:

„Die Ganzheit, d. Mz. Ungew. der Zustand einer Sache, da sie ganz ist (Integrität)“ (Campe, 1808, S. 223)

„Das Ganze, des –n, Mz. die –n, der Inbegriff aller wirklichen oder möglichen Theile eines Dinges, alle diese Theile zusammengenommen und als Eins betrachtet (das Ensemble). „Die Einheit oder das Ganze setzt notwendig die Vielheit der Theile voraus“. Sulzer. (…) „Viele Dinge machen alsdann ein Ganzes, wenn ein Subjekt (Grundwesen) da ist, das aus dem gemeinschaftlichen Beitrage aller Theile entsteht, deren jeder zur Bildung des Subjektes (des Grundwesens) das Seinige thut.“ Sulzer. In Ganzen alle zu einer Sache gehörigen Theile genommen oder betrachtet. Das Ganze der Landwirtschaft, alle Theile der Landwirtschaft (System). Das Ganze der Sittenlehre. Eine Wissenschaft in ein zusammenhängendes Ganzes bringen.“ (Campe, 1808, S. 222 f.)51

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich der Begriff mit erweiterter Bedeutung beispielsweise 1860 finden in „Dr. Daniel Sanders Wörterbuch der Deut←51 | 52→schen Sprache“52. Dort erschien er im ersten Band, A-K, auf Seite 539 mit dem Bezug zu verschiedenen Werken von Goethe und anderen, wie er sich auch im Deutschen Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm knapp 20 Jahre später auffinden lässt:

„Ganzheit, f. für das alte, bessere gänze, mhd. genze, eingetreten, doch auch schon mhd. z. b. ganzheit der beichte wird verlangt gegenüber der, die man ungenzlich tuot (…); ganzheit on mittel, vollständigkeit (…) die … aus ihrer massenhaften ganzheit gerissenen felssteine Göthe, 44, 251 (…); sie, die in der ganzheit eines groszen wohlbehagens zu einander gehörten, werden sich gewiss in dem Moment der Zerstückelung desto eifriger … aufgesucht haben. (…) so müssen wir uns die wissenschaft … als Kunst denken,wenn wir von ihr irgend eine art von ganzheit erwarten. (53,28); der trieb in seine ganzheit (…).“53

In Grimms Wörterbuch, dem „Vierten Band Erste Abtheilung“ (Grimm & Grimm, 1878) zeigen sich verschiedene Bezüge. Dort findet sich Ganzheit wie folgt erläutert54:

„Ganzheit, f. für das alte bessere gänze, mhd. genze eingetreten, doch auch schon mhd. z. B. ganzheit der Beichte wird verlangt, gegenüber der, die man ungenzlichen tuot. Haupt 5, 450–451. ganzheit on mittel, continuitas voc. 1482 kij.; vollständigkeit. KEISERS B. irrig schaf 60b.; die…aus ihrer massenhaften ganzheit gerissenen felssteine. Göthe 44, 251 (…).

„Gänzigkeit, f., gleich ganzheit, integritas (animi); genzigkeit des unzerrütteten gemüts. (…)“ (Grimm & Grimm, 1878, 1309).

im 15. jahrhd. „ganzicheit ires magetumes(…)“ (Grimm & Grimm, 1878, S. 1310)

In den hier zitierten Passagen wird Ganzheit als Begriff bereits in Verbindung mit dem Mittelhochdeutschen „Genze/Gänze“ in Verbindung gebracht und an einem Beispiel einer religiösen Handlung erläutert: Eine Haltung bzw. eine Verhaltenskategorie wurde ebenfalls mit dem Begriff Ganzheit in Verbindung gebracht. Ein weiteres←52 | 53→ Beispiel innerhalb dieser Definition zeigt die metaphorische Verwendung bei Goethe, der die wissenschaftlichen Zusammenhänge – heute würden wir vielleicht von Interdisziplinarität sprechen – am Beispiel eines zerschlagenen Felsbrockens darstellte. Der dritte und letzte Aspekt in diesen Wörterbüchern betrifft das Getriebensein in die Ganzheit und sollte den Rückbezug des Menschen auf seine Integrität erklären. Damit wurde der Begriff der Ganzheit als eine innere Dynamik zu einer Integrität von der Sache – wie oben aufgeführt – auf die Integrität der Person bezogen.

Im fremdsprachigen lexikalischen Zusammenhang taucht ‚Ganzheit‘ zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann zunächst bei William James auf, dort vom Deutschen übersetzt als „totality“ (James, 1901b, S. 153), während die umgekehrte Übersetzung des Englischen „totality“ synonym als „totalness“ dargestellt und ins Deutsche jedoch als das ‚Ganze‘ übersetzt wurde (James, 1901a, S. 444). Die Provenienz des „totality“ konnte trotz umfangreicher Literaturrecherchen für die vorliegende Abhandlung nicht geklärt werden, so dass die Klärung, wie es zur Übersetzung von „totality“ ins Deutsche als „Ganzheit“ bei James kam, einem späteren Zeitpunkt vorbehalten bleiben muss. In anglo-amerikanischen Übersetzungen erscheint der Begriff „whole-quality“ (Urban, 1927) und in internationalen Berichten über den XII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie wurde die Psychologie als konzeptionell als auf „wholeness“ ausgerichtet (Ellis, 1931) dargestellt. Andere Auslegungen bezogen sich auf anglo-amerikanische bzw. südafrikanische Sprachübertragungen: Hiernach steht für Ganzheit „holism“ (Smuts, 1926). Inhaltlich bezieht es sich jedoch auf das aristotelische Gedankengebäude, dem griechischen ‚holon‘ folgend, das eine Welt- und Seinsauffassungen beschrieb, wohingegen „wholeness“ (Ellis, 1931) einen summarischen Sammelbegriff meint.

In den 1930er Jahren schließlich lässt sich in Trübners Deutsches Wörterbuch55 folgende Erläuterung finden:

„ganz Adj. Adv. Der Begriff ‚ganz’ wird in den germ. Sprachen durch all, heil und v oll gedeckt (s. d.); (…)“ (Trübners Deutsches Wörterbuch, 1937, S. 13)

„Vielfach wird ganz verstärkt: gantz und vollkommen. In einer Erinnerung an Gottfried Keller erzählt das Berliner Tagblatt vom 13. April 1891, Keller habe, als jemand in der Unterhaltung die Formel gebrauchte, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es ist, trotz seiner Fülle!“ (Trübners Deutsches Wörterbuch, 1937, S. 14)

In den verschiedenen Zitaten werden die Vollständigkeit, die Unversehrtheit, die Fülle, aber auch die Integrität mit dem Ganzheitsbegriff erläutert. Im Folgenden←53 | 54→ soll nun – wie bereits unter den Ausführungen zu Beginn dieses Kapitels dargelegt – auf die Bedeutungsgebungen, Verknüpfungen und Codierung von Ganzheit –im Untersuchungszeitraum – eingegangen werden.

2.2 Bedeutungsgebungen, Verknüpfungen und Codierung von ‚Ganzheit‘ in Wörterbüchern der Psychologie, Biologie und anderen Nachschlagewerken

An dieser Stelle sollen weitere Verwendungen von ‚Ganzheit‘ vorgestellt werden, welche die Funktionalität oder Relationalität im Ganzheitsbegriff in den Nachbardisziplinen abzielen: Die Verwendung des Ganzheitsbegriffes in den verschiedenen Wissenschaften reicht von der Philosophie/Erkenntnistheorie über die Biologie/Zoologie/Botanik bis hin zu neueren Entwicklungen wie der Systemtheorie und der Synergetik (vgl. Haken & Schiepek, 2010)56.

In das Psychologische Wörterbuch aus den 1920er Jahren fand der Begriff ‚Ganzheit‘ zunächst keinen Eingang (vgl. Giese, 1921). Erst in der dritten Auflage im Jahr 1935 ist er dort mit folgender Erläuterung zu finden:

„Ganzheit, im Ggs zur elementaren = atomisierenden Teiluntersuchung, diejenige Form ps. Betrachtungsweise, welche das Gesamtgefüge des Seelischen zum Ausgangspunkt aller Forschung macht, in der Erkenntnis, daß die Summe aus den Teilen (= die Addition aus den *Elementen!) niemals das Bild des Gesamtgefüges ergibt. G. ist ein durchgehendes ps. Gesetz, das auf allen Gebieten der Wahrnehmungen, der höheren Funktionen (Denken, Fühlen, Wollen) und der gesamten Schichtung des Bewusstseins vorzufinden ist, insbesondere aber genetische Bedeutung hat: Das Ganze besteht zugleich (entwicklungsbedingt) vor den Teilen vgl. Gestaltps., Struktur, Typen.“ (Giese, 1935, S. 60 f.)57.

Mit identischer Definition findet sich Ganzheit so auch noch nach 1945 (vgl. Dorsch-Giese, 1950, S. 94). Hier deutet sich besonders über den letzten Satz der Erläuterung Ganzheit als ein indexikaler, d. h. auf einen Bezugsrahmen verweisender Begriff an, der sich auf die Genetik bezieht. Dies hat u. a. seine Ursache darin, dass die Psychologie seit den 1920er Jahren in Deutschland eine stark erweiterte Gegenstandsbezogenheit erfuhr.←54 | 55→

In „Der Neue Brockhaus“ wiederum erscheint nahezu im gleichen Jahr eine andere Erläuterung von Ganzheit:

„…das Gefüge eines ganzheitlichen Gegenstandes besteht nicht aus vereinzelten Teilen, ist nicht eine Summe von Teilen, sondern besteht aus Gliedern, die innerhalb dieses Ganzen in einer sinnvollen Beziehung untereinander stehen. (…).“

In diesem Zusammenhang wurde Ganzheit noch weitgreifender als eine „Denklehre“ dargestellt:

„Ganzheit (zu ganz) die,-/-en, Denklehre: Geschlossenheit, Vollständigkeit, Unversehrtheit, Eigengesetzlichkeit von körperlichen oder geistig-seelischen Gegenständen. G. ist eigentlich nur anschaulich erfaßbar und aufweisbar und kann kaum begrifflich bestimmt werden; (…) Der Begriff der G. wird in Gegensatz zu den Begriffen Haufe, Summe, Aggregat, Mechanismus, Maschine gestellt und ist darum ein Grundbegriff der Lebens- und Seelenwissenschaft, der Geisteswissenschaften und der Philosophie geworden.“ (Der Neue Brockhaus (DNB), 1937, S. 154; vgl. auch Der Neue Brockhaus (DNB), 1941, S. 156).58

Abb. 4: Fotografie des lexikalischen Eintrages für ‚Ganzheit‘ , Der Neue Brockhaus (1937, S. 154)

image

←55 | 56→

Ähnlich zur Definition im Neuen Brockhaus tauchte der Begriff Ganzheit einige Jahre zuvor in einem Biologiebuch auf: In dem Buch „Allgemeine Biologie als Grundlage für Weltanschauung, Lebensführung und Politik“59 von Hermann Gustav Holle, Gymnasiallehrer für Biologie aus Bremerhaven (vgl. Holle, 1909) hieß es dazu:

„Und je tiefer wir mit der biologischen Forschung in die Zusammenhänge des Gesamtlebens eindringen, desto sicherer erkennen wir, daß der Einzelne nur als Glied dieser Ganzheit, das ist für den Menschen das Volk, Wert und Bedeutung, Berechtigung und Zukunft hat.“ (Holle, 1925, S. 17; Sperrung im Original).

Abb. 5: Fotografie aus G. H. Holle, Allgemeine Biologie als Grundlage für Weltanschauung, Lebensführung und Politik (1925, S. 17)

image

Am Beispiel dieser Definition ist deutlich zu erkennen, dass der Gliederbegriff, wie ihn Wilhelm Wundt im Zusammenhang mit seinem Totalbegriff der Menschheit verwendete, hier zu einem eingegrenzten Begriff auf ein Volk hin benutzt wird. Wundts Totalbegriff war völkerübergreifend, der von Holle (1925) benutzte Gliederbegriff jedoch gleichsam völkereingreifend: Die Definition des Einzelnen als Glied der Ganzheit “Volk” enthebt das Individuum seiner freiheitlichen Wahl, sich zu einem Volk zu zählen bzw. individuell innerhalb eines Volkes Geltung zu haben. Bei der Beschreibung von Gliedern, wie sie sich in einer Kette oder einer Schnur befinden, wird nach der Definition Holles eine Ganzheit als Gleichheit (und Ersetzbarkeit der einzelnen Glieder) impliziert. Begriffe der Individualität und damit der Ungleichheit unter den Menschen in ihren Empfindungen, Einstellungen, Haltungen, Denk- und Verhaltensweisen sind damit nicht vereinbar, ebenso wenig die prinzipielle volksunabhängige Gleichberechtigung der Menschen.←56 | 57→

Diese Definition von Ganzheit bei Holle stellt am deutlichsten unter allen hier herangezogenen Schriftstücken heraus, dass Ganzheit etwas anderes als die Summe aller Teile bezeichnete, wie es die Berliner Schule für Gestaltpsychologie für diesen Terminus definierte (vgl. Wertheimer, 1912). Auch wird durch Holles Darstellung deutlich, dass es sich bei der Verwendung des Ganzheitsbegriffes um einen indexikalen Begriff handelt, der – wie in einem der vorangegangenen Unterkapitel bereits erläutert wurde – seine Bedeutung nur aus dem Kontext heraus erkennen lässt. Diese Darstellung von Ganzheit bzw. die Darstellung des Einzelnen als Glied lässt sich als eine Vorbereitung oder Vorbedingung zu einer „Gleichschaltung” auf staatlicher Ebene denken60. Das in dem völkischen Verlag von J. F. Lehmann in München erschienene Buch von Holle (1925) deutete mit dem Begriff Volk dabei auch implizit auf das nicht-jüdische deutsche Volk hin. Es enthielt im Anhang eine Liste der “Bücher, die zu tieferem Eindringen in bestimmte Einzelgebiete der naturwissenschaftlichen und psychologischen Forschung oder der Anwendung biologischer Erkenntnisse zu empfehlen sind” (Holle, 1925, S. 5) und verwies ausschließlich auf rassenantisemitische Schriften, so z. B. von Houston Stewart Chamberlain (seit 1899) oder Alfred Rosenberg (hier die propagandistische Schrift von 1923 “Die Protokolle der Weisen von Zion” als auch Eugen Dührings Publikation von 1881 unter dem Titel “Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage”) sowie Positionen einer veränderten Völkerpsychologie betreffend, wie sie Hurwicz (1920) vertrat61.

In der Zeit des Nationalsozialismus wird ‚ganzheitlich‘ im Rahmen einer Darstellung über „völkische Psychologie“ wie folgt herangezogen:

„Die ganzheitliche Forschung muß die eigene Gestaltqualität völkischer Erlebnisweisen und Ereignisse verständlich machen (…)“ (Kesselring, 1936, S. 351).←57 | 58→

Im völkischen Kontext ging ‚Ganzheit’vermittelnd mit dem Begriff der ‚Struktur‘ einher. Über geisteswissenschaftliche Argumentation wurde er in Deutschland bereits in den ersten Jahren der Weimarer Republik auch auf das Volkstum, als das ‚Deutsche‘ oder das ‚Germanische‘ bezogen: Der Begriff Struktur wurde als völkisches Synonym für das sogenannte Deutsche – und dessen angeblich spezifische körperliche und seelische Struktur – codiert (Stapel, 1924, S. 10 f.). Auch hier wird erkennbar, wie die organische Idee Nichtstoffliches (d. h. das sogenannte Deutsche) in Stoffliches (d. h. Körperlichkeit) übertragen und wiederum mit Nichtstofflichem (Seelischem) gleichsetzen ließ.

Diese Gleichsetzung bzw. Auffassung des Seelischen als etwas Nichtstoffliches nach der oben genannten Maßgabe soll nun im folgenden, weiteren Unterkapitel untersucht werden: Zunächst geht es dabei um die Verwendung des Begriffes ‚Ganzheit‘ im geisteswissenschaftlichen Bereich bzw. der geisteswissenschaftlichen Psychologie wie er in die sogenannte „Zweiten Leipziger Schule“ (Wellek, 1954) eingeführt und dort z. T. unterschiedlich benutzt wurde.

2.3 Die Verwendung des Begriffes ‚Ganzheit‘ im Bereich des Geisteswissenschaftlichen und in der Psychologie

Für den Bereich des Geisteswissenschaftlichen soll hier aus der damals führenden Philosophie Martin Heideggers zitiert werden. Dort taucht der Begriff der Ganzheit nur in einem Kapitel des Werkes „Sein und Zeit“, erschienen 1927, auf und wirkt unverbunden zum Gesamtinhalt des Buches62. In Rezensionen der damaligen Zeit wird Heideggers Publikation jedoch besonders im Hinblick auf den Seins-Begriff der Zeit und der Zeitlichkeit und damit auch des Eingebundenseins in Geschichte und geschichtlich vergangene Zeit interpretiert (Messer, 1930a)63. Inwieweit dieser Begriff der Ganzheit dabei überhaupt von Heidegger selbst oder←58 | 59→ anderen, die mit ihm bei der letzten Durchsicht an dem Buch gearbeitet hatten, eingeführt worden ist, konnte im Rahmen der vorliegenden Fragestellungen nicht geklärt werden, noch ob Heidegger diesen Begriff überhaupt noch in einer weiteren Publikation benutzte64.

Im Zusammenhang mit anderen Ansätzen einer geisteswissenschaftlichen Psychologie, welche – ähnlich wie Heidegger – insofern einen Bezug auf die Zeitlichkeit als Geschichtlichkeit nahmen, indem sie die Geschichte bzw. Geschichtswissenschaften hierzu als ihre Basis ansahen (vgl. Lamprecht, 1896c; Spranger, 1905; Krueger, 1915), ist der Ganzheitsbegriff von dem Leipziger Ordinarius Felix Krueger als zentrale Orientierung in seiner Lehre gesetzt worden: 1924 (bzw. 1923 auf dem Kongress der Gesellschaft für experimentelle Psychologie) und ausführlich ab 1926 publizierte er über ‚Ganzheit‘, und legte damit auch einen Anker in die Philosophie, indem er zwei Grade von Ganzheit unterschied: Das Nachdenken um eine „reale Ganzheit“ behielt er der Psychologie vor, jenes um eine „ideale Ganzheit“ jedoch der Philosophie (Heuss, 1953, S. 335).

Im Bereich der Philosophie tauchte der Ganzheitsbegriff verstärkt ab 1927 in den Kreisen um die (antisemitisch eingestellte) Deutsche Philosophische Gesellschaft auf, deren Vorsitz Felix Krueger ab 1927 bis 1934 hatte. Martin Heidegger gehörte dieser Gesellschaft nicht an65. In diesem philosophischen Zirkel wurde der Begriff Ganzheit – jedoch mit völkischer Auslegung und Verwendung – unter einer „ontologischen Theorie der Zeit“ (Spann, 1927, S. 233 ff.) ebenfalls herangezogen: Seine Nutzer – u. a. Othmar Spann und Felix Krueger – waren (mindestens) ab 1929 öffentlich als Mitglieder in Alfred Rosenbergs Kampfbund für Deutsche Kultur genannt worden (vgl. hierzu z. B. Schlotter, 2004; Guski-Leinwand, 2007, S. 150 f.; Guski-Leinwand, 2010a, S. 203 f.).←59 | 60→

Abb. 6: Fotografie aus Völkischer Beobachter vom 11. Januar 1929

image

Abb. 7: Ausschnittvergrößerung zur Fotografie Völkischer Beobachter, 11. Januar 1929

image

←60 | 61→

In den meisten Wissenschaften wird der Begriff Ganzheit zumeist ausgehend von der aristotelischen Seelenlehre erläutert, welche die Beziehung von Ganzem zu den Teilen erklärt und im Verhältnis der Prinzipien (von höherem zu niedrigerem Rang Definiertem) als Bezogenheit aufeinander darlegte. Das in diesen Prinzipien wirksam Werdende wurde in den Wissenschaften in Deutschland als Ganzheit bezeichnet, der Begriff der Ganzheit ist jedoch kein von Aristoteles selbst so formulierter Begriff. Für die Psychologie hat Herrmann (1957) sowohl zur aristotelischen Provenienz als auch anderen Urheberschaften eine umfassende Darstellung von Problem und Begriff der Ganzheit in der Psychologie gegeben – besonders hier auch eine Übersicht über die Begriffsbildungen (Herrmann, 1957, S. 43–69) und herausgearbeitet,

„wie verwirrend vielfältig die Begriffsbildung der ganzheitlichen Schulrichtungen doch ist, wie viele sachliche Widersprüche und wie viele logische Schwierigkeiten aufgewiesen werden können“ (Herrmann, 1957, S. 5)66 67.

Herrmann unterschied vier Arten von Ganzheitsbegriffen: Den phänomenalen, den funktionalen, den methodalen und den transphänomenalen. Bisher noch nicht untersucht, ob die Widersprüche, die sich bei der Verwendung des Ganzheitsbegriffes in der Psychologie ergeben, an einer weiteren – von den vier anderen Arten zu unterscheidenden – Art des Ganzheitsbegriffes liegen: an einem indexikalen Ganzheitsbegriff68. ←61 | 62→

Vordergründig bietet sich für Ganzheit die Möglichkeit, sie in der Denktradition Wilhelm Diltheys einzuordnen (Herrmann, 1957, S. 29–42; vgl. auch Baßler, 1988, S. 170–189)69, wie Krueger dies auch selbst als Basis für kulturphilosophische Überlegungen zum Ganzheitsbegriff vornahm (Krueger, 1924, S. 32). Gleichzeitig aber – und hier liegt die wissenschaftliche Unvernunft70 – wurden biologische Ganzheitsbegriffe verwendet, die dann zu einer genetischen Betrachtung von Ganzheit führten (Krueger, 1924, S. 33 f.).

Der Begriff Ganzheit erhielt eine umfassende Integration in die Wissenschaften und damit auch in Verbindung mit dem Begriff der Struktur in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre in Deutschland. Dies wird nachvollziehbar am Eintrag im Philosophischen Wörterbuch von 1931:

„Ganzheit, ein Begriff, der in neuester Zeit viel Anwendung findet, sowohl in der Physik und Biologie als auch in der Psychologie und Soziologie: Das Einzelne, der „Teil“, ist nur aus dem Ganzen heraus zu verstehen, das Ganze aber ist mehr als die Summe seiner Teile. Das Ganze ist nicht aus Teilen „zusammengesetzt“, es werden nur Teile unterschieden, in deren jedem das Ganze ist und wirkt. „Gegeben sind mehr oder weniger durchstrukturierte, mehr oder weniger bestimmte Ganze und Ganzprozesse, mit vielfach sehr konkreten Ganzeigenschaften, mit inneren Gesetzlichkeiten, charakteristischen Ganztendenzen, mit Ganzbedingtheiten für ihre Teile“ (Wertheimer). „Ganzheit bedeutet sinnbedingt abgeschlossene Struktur.“ (Burkamp) – Die G. wird intuitiv-synoptisch erfaßt, der Teil diskursiv-konstituierend. – Diese Ganzheitsbetrachtung war schon Goethe geläufig. S. Struktur. Vgl. Köhler, Die physischen Gestalten, 1920; M. Wertheimer, Drei Abhandlungen zur Gestalttheorie, 1924; P. Linke, Grundfragen der Wahrnehmungslehre, 2. Aufl., 1929; W. Burkamp, Die Struktur der G.n, 1929.“ (Schmidt, 1931, S. 137)71. ←62 | 63→

In diesem Eintrag wird der Ganzheitsbegriff einerseits der Wahrnehmungstheorie entnommen, wie er im Zusammenhang mit der Gestalttheorie der Berliner Schule von Max Wertheimer und Wolfgang Köhler in ihren Untersuchungen zu Grunde gelegt wurde. Die rassisch-völkischen Bedeutungsgebungen, auf die im Folgenden noch näher eingegangen wird, sind hier nicht explizit zitiert, allerdings bezieht sich Burkamp über den Begriff der Struktur auf Krueger, da die Berliner Schule – bzw. Max Wertheimer selbst – den Begriff der Gestaltqualitäten (in Anlehnung an Christian von Ehrenfels, 1890) im wahrnehmungstheoretischen Sinne benutzte bzw. bevorzugte, wenngleich Wertheimer (1925, 3) auch von „inneren Strukturgesetzen“ sprach. Krueger jedoch an dieser Stelle mit seiner Lehre einen Unterschied durch den Begriff der Struktur zog, welcher für biologische Ganzheit und damit genetische Veranlagung gewählt wurde (vgl. Burkamp, 1929; vgl. hierzu auch Friederichs, 1943).

Somit wird deutlich, dass der Begriff Ganzheit in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts zunächst eine Verwendung in der naturwissenschaftlichen Psychologie erfuhr: Die Berliner Gestaltpsychologen – wie Wolfgang Köhler, Max Wertheimer und Kurt Koffka – entdeckten, dass die Wahrnehmung einzelner Elemente immer in Verbindung mit den sie umgebenden Elementen stattfindet und sprachen somit von Ganzheit der Wahrnehmung (Sprung & Schönpflug, 2003; Ebisch, 2011). Wie mit dem Hinweis auf die Berliner Schule oben bereits angedeutet, lassen sich in der Psychologie verschiedene Bedeutungskerne und Schulen finden, innerhalb derer der Begriff der Ganzheit verwendet wurde (vgl. Herrmann, 1957): In der naturwissenschaftlich ausgerichteten Psychologie (vgl. Ash, 1995) ist er anders dargelegt als in der geisteswissenschaftlich ausgerichteten Psychologie (vgl. Scheerer, 1985), innerhalb derer er erst ab Anfang der 1920er Jahre vertiefend eingeführt und weiterentwickelt wurde (Volkelt, 1925; Krueger, 1926a) und in bisherigen Untersuchungen als „Ideologem“ (Ash, 2008, S. 824) mit verhaltenshermeneutischer Wirkung, d. h. einer Wirkung, welche über die Auslegung des Ganzheitsbegriffes zu Ausdruck und Verhalten hindeutend, erläutert wurde: Wie in der vorliegenden Untersuchung zu zeigen sein wird, macht es einen Unterschied, ob Ganzheit in einem wahrnehmungstheoretischen Kontext als „Übersummativität“ unter dem Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ steht und damit im mathematischen Sinne eine Gleichung zulässt oder ob es mit anderem – teils undeutlichem Bezug – als eine Differenz, als etwas „Anderes“ bezeichnet wird, wie unter dem Satz „Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile“ (Metzger, 1975, S. 6) und damit mathematisch ausgedrückt eine Ungleichheit bezeichnet. Bis hierher stellt sich jedoch deutlich heraus, dass der im Kreis der Berliner Schule benutzte Ganzheitsbegriff sich von dem aus←63 | 64→ dem Kreis der sogenannten Zweiten Leipziger Schule unterschied. Hier wurde entweder um den Begriff Ganzheit herum definiert, Krueger selbst hatte über die gesamten Publikationen seines Lebens hinweg behauptet, Ganzheit könne man nicht definieren:

„Was Ganzheit, allgemein gesprochen, bedeutet, läßt sich nicht eigentlich definieren. Wir können es nicht anderswoher vollständig ableiten, was Ganzheit sei. Alle dazu verwendeten Bestimmungen, alle dazugehörigen Begriffe führen auf etwas Letztes, etwas, das schlechthin als vorhanden anzuerkennen ist oder aber notwendig gefordert wird. (…)“ (Krueger, 1948, S. 8).

Die Fülle der hier sprachdefinitorisch aufgezeigten Angebote für den Begriff ‚Ganzheit‘ zeigt teilweise widersprüchliche oder eine unterschiedlicher Disziplinprovenienz. Dies ist auch für andere Begriffe in der Psychologie – wie z. B. in der Verwendung des Begriffes ‚Reiz‘ – erkannt und die wissenschaftliche Rechtmäßigkeit als auch Verantwortlichkeit, die „Vagheit und Uneindeutigkeit“ eines Begriffes zu beklagen, benannt worden (Gundlach, 1976, S. 7 f.). So ist zur Begriffsgenese erkannt worden, dass in der experimentellen wie der geisteswissenschaftlichen Psychologie Fachworte anderer Disziplinen Eingang gefunden haben (wie z. B. der Begriff ‚Reiz‘), die aus der Physiologie oder Biologie und damit aus den Naturwissenschaften stammten. Die aus den Naturwissenschaften verwendeten Begriffe wurden funktional benutzt. Begriffliche Übernahmen in die Psychologie wurden als „versimplifizierende Bezeichnung“ (Gundlach, 1976, S. 8) kategorisiert, die den Zweck erfüllten, komplexe Zusammenhänge des psychophysischen Geschehens begrifflich fassbar zu machen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der in seiner Vielfalt innerhalb der 1920er Jahre zunehmend uneindeutig verwendete sowie in Teilen gleichsam (mindestens) doppelt codierte Begriff ‚Ganzheit‘ erscheint im Rahmen der vorliegenden Untersuchung als kommunikationspsychologisches Agens besonders wegen seiner möglichen doublespeak-Funktion interessant (vgl. hierzu die Ausführungen in Kapitel 2). Da hinsichtlich der Verwendung des Ganzheitsbegriffes mit Provenienz der Zweiten Leipziger Schule keine Eindeutigkeit bzw. Direktheit durch eindeutige Definitionen vorlag, muss davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um einen doublespeak-Begriff handelte72.

Auf Basis der hier zusammengetragenen Vielfalt der Encodierungs- und Decodierungsmöglichkeiten von ‚Ganzheit‘ und seiner auffallenden Nähe in←64 | 65→ zeitlicher Vorbereitung des Nationalsozialismus steht der Begriff deshalb auch im Mittelpunkt der hiesigen Ausführungen, weil er hinsichtlich seiner „ideologische(n) „Affinität“ (Ash, 2008, S. 823) oder als politische Ressource (Ash, 2002a) für einen (wissenschaftlichen) Antisemitismus bzw. Totalitarismus gegolten haben kann.

Im nachfolgenden Unterkapitel soll deshalb zunächst ein Überblick über die Verwendung des Ganzheitsbegriffes in politischen Theorien bzw. staatstheoretischen Konzeptionen gegeben werden, bevor in späteren Kapiteln untersucht wird, inwieweit der Ganzheitsbegriff der Zweiten Leipziger Schule (und gegebenenfalls anderer Provenienzen aus der Psychologie) einen Anteil an der Entstehung bzw. Manifestation des Totalitarismus im nationalsozialistischen Deutschland gehabt haben könnte.

2.4 ‚Ganzheit‘ im Rahmen politischer und staatstheoretischer Definitionen und Staatskonzeptionen

In Bezug auf die politische Nutzung und Doppelcodierung des Ganzheitsbegriffes in den Reihen der Psychologie fällt besonders der Begriff „Ganzheitsstaat“ (Klemm, 1934, S. 3) ins Auge. Dieser wurde als eine Zielsetzung im Zusammenhang mit dem XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Leipzig genannt. Die turbulenten Umstände, die eine Durchführung dieses Kongresses im April 1933 in Dresden verhinderten, und der vorauseilende politische Gehorsam aus den Reihen des damaligen Gesellschaftsvorstandes unter dem Vorsitz von Felix Krueger, sind in einer früheren Untersuchung ausführlich dargestellt worden (Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a). Dass jedoch zu diesem Zeitpunkt der Rahmen eines psychologischen Fachkongresses gleichsam als Auftaktveranstaltung für eine neue Staatsausrichtung und Staatsführung genutzt wurde, wirft die Frage nach den zu Grunde liegenden Entwicklungen wie Verwicklungen auf. Bis einschließlich 1931 hatten in relativ regelmäßigen Abständen, jedoch unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, zehn Fachkongresse der Gesellschaft für experimentellen Psychologie stattgefunden, und ab 1927 auch zwei Folgekongresse unter dem Namen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, die ebenfalls fachliche Themen der Psychologie behandelten. Dass es in diesen ersten Jahrzehnten der Kongresse auch Beiträge gab, welche – wie weiter unten noch ausführlicher erläutert wird – auf völkerpsychologische Konzeptionen eingingen, welche späterhin staatliche Argumentationen ermöglichten (vgl. Jaensch, 1924; vgl. Hellpach, 1938; Hellpach, 1944), lässt sich an Einzelfällen zwar nachweisen, geht aber über den Einzelfall insofern nicht hinaus als es auch nur annähernd eine solche Systematik und umfassende Ausrichtung auf staatliche Bezüge zeigt wie←65 | 66→ beispielsweise im Bericht über den XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1933 (Klemm, 1934).

In Online-Lexika ist somit im Zusammenhang mit dem Ganzheitsbegriff auch der Begriff des ‚totalitären Staates‘ genannt: „In der aristotelischen Tradition wird die Beziehung der Gesellschaft zu ihren Mitgliedern als das einer Ganzheit zu ihren Teilen begriffen, was in der Übersteigerung der Ganzheit als Totalität zum totalitären Staat geführt hat.“73. Somit wird allein an diesen bis hierher genannten Hinweisen deutlich, dass eine Verquickung der Ganzheitspsychologie der Zweiten Leipziger Schule mit staatlichen Zielsetzungen einer Untersuchung bedarf, welche im Rahmen der vorliegenden Untersuchung geleistet werden soll. Hierzu bedarf es des Nachweises entsprechender politischer Bezüge bzw. staatstheoretischer Konzeptionen, die über die bereits bekannten Nachweise (vgl. Guski-Leinwand, 2007; Guski-Leinwand, 2010a) hinausgehen sollten, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen. Dazu konnten erstaunliche Verwandtschaften nachgewiesen werden, welche eine hohe Übereinstimmung zwischen veränderten Konzeptionen der Völkerpsychologie74 und Ganzheitskonzepten der Psychologie mit politischen Konzepten zeigen. In diesem Zusammenhang werden in der vorliegenden Arbeit zwei Konzeptionen vorgestellt: Hierbei handelt es sich einerseits um die „Theorie der Politik“ von Kurt Riezler aus dem Jahr 1913 und andererseits um den „Grundriß zu einem System der Politik“ von Johan Rudolf Kjellén (1920). Dass ‚Ganzheit‘ außerdem als politischer Zielbegriff des Nationalsozialismus in seinen Bestrebungen als eines „Ganzheitsstaat(es)“75 (Klemm, 1934, S. 3 f.) Verwendung fand und warum er←66 | 67→ als solcher so früh im Nationalsozialismus mit Bezug zur Psychologie genannt wurde, ist zuvor noch nicht dezidiert untersucht worden. Die Darstellung der beiden politischen Konzepte soll Klärung bringen, inwieweit es Entsprechungen zur Ganzheitspsychologie Kruegers gab.

2.4.1 Kurt Riezlers „Theorie der Politik“ aus dem Jahr 1913

Der Historiker Karl Dietrich Erdmann würdigte Kurt Riezler als „eine ungewöhnliche Persönlichkeit, Historiker, Politiker und Philosoph in einer Person.“ (Erdmann, 1972, s. Bucheinband). Er wurde 1882 geboren, studierte zu Anfang des 20. Jahrhunderts Geschichtswissenschaft, nannte sich 1906 von Beruf Historiker, arbeitete als Beamter in verschiedenen Stellen des Staatsdienstes (Erdmann, 1972, S. 19–32) und wurde 1933 wegen sogenannter „nationaler Unzuverlässigkeit“ (Erdmann, 1972, S. 144) aus dem Dienst entlassen. 1938 emigrierte er mit seiner Frau und seiner Tochter in die USA und übernahm dort eine Professur an der New School for Social Research in New York und hielt Lesungen an der Columbia University in New York und andernorts. In den USA blieb er bis kurz nach dem Tode seiner Frau, der ihn sehr ergriffen hatte. 1954 zog Riezler nach Rom, was ihm letzter Wohnsitz sein sollte. Noch 1955 trat er eine Griechenlandreise an. Doch bereits im Juli 1955 ging es Riezler gesundheitlich schlecht und er verstarb im September 1955. (vgl. Erdmann, 1972, S. 153–159).

Die im Jahr 1913 erschienene Publikation Riezlers „Die Erforderlichkeit des Unmöglichen – Prolegomena zu einer Theorie der Politik und zu anderen Theorien“ (im Folgenden kurz „Theorie der Politik“ genannt), entstanden während seiner Tätigkeit als Staatssekretär des damaligen Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Darin folgte er dem organischen Gedanken und stellte Ganzheit in den Mittelpunkt. Zuvor war Riezler im Auswärtigen Amt tätig gewesen und hatte in den Folgejahren auf die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms II. durch seine Publikationen auf sich gezogen. Riezler war mit vielen Philosophen und Psychologen der damaligen Zeit in engem Austausch und Freundschaft, darunter einer der führenden Gestaltpsychologen, Max Wertheimer (Erdmann, 1972, S. 144). Auch Wilhelm Wundt nahm Riezler zu dessen Lebzeiten und in dessen entschiedenem Eintreten für Humanität deutlich wahr (Riezler, 1916, II, S. 591).←67 | 68→

Abb. 8 Fotografie des Buchdeckels von Kurt Riezlers Publikation (1913)

image

Seine 1913 publizierte „Theorie der Politik“ war eine vorübergehende Auseinandersetzung mit der evolutionistischen Geschichtsphilosophie, die er bald darauf mit der Begründung verwarf, dass sie „den Handelnden von der vollen Verantwortung für das, was er in einer konkreten Entscheidungssituation tut, zu dispensieren“ vermag (Erdmann, 1972, S. 155). In seinem Alterswerk setzte sich Riezler entsprechend kritisch „im Kampf gegen die ‚social sciences‘ … und in Ansehung des völlig zerredeten humanum“ (Riezler, 1946, zit. in Erdmann, 1972, S. 154) im Prinzip für jene Kulturauffassung ein, wie sie auch Wilhelm Wundt vertreten hatte, indem er „das Gemeinsame und Bleibende“ (Erdmann, 1972, S. 154) betonte.

Die Publikation von 1913 ist als eine „politische Philosophie“ (Erdmann, 1972, S. 26) eingeordnet worden, die zu diesem Zeitpunkt einen Exkurs in die naturrechtliche Staats- und Gesellschaftslehre darstellte, von der er sich bald darauf vollkommen distanzierte und dies auch in seinem Werk „Gestalt und Gesetz, Entwurf einer Metaphysik der Freiheit“ (Riezler, 1923) bezeugte. Die ein Jahrzehnt zuvor erschienene „Theorie der Politik“ fällt in ihren Grundaussagen durch ihre erstaunliche Ähnlichkeit zum späteren philosophischen wie psychologischen←68 | 69→ Lehrgebäude Felix Kruegers auf, worauf weiter unten noch eingegangen wird. Bei Riezler hieß es in seiner Publikation 1913:

„Die Reihe der überindividuellen Individualitäten, in welchen der Einzelne eingegliedert ruht und seinen ewigen Drang über die Grenzen der eigenen Endlichkeit fortsetzt, führt über die Familie, den Familienverband, den Stamm zum Volk und scheint in ihm einen gewissen Abschluss zu finden. (…) Das Wesen dieser lebendigen Einheit, Volk genannt, ist in dem, was eben diese Einheit ausmacht, rätselhaft wie alles Lebendige. Es ist zunächst nicht die Summe der Volksgenossen, nicht eine quantitative Einheit eines quantitativ Mannigfaltigen. (…) Es ist auch nicht nur eine qualitative Gleichheit eines numerisch Verschiedenen. Eine irgendwelche qualitative Gleichheit der Angehörigen desselben Volkes mag immerhin konstatiert werden, sie macht das Wesen des Volkes nicht aus. Auch die Gemeinsamkeit der Sprache, die Gleichheit der Rasse, die Zugehörigkeit zu einem Staate reichen nicht aus, den Begriff des Volkes zu bilden. (…) Das Wesentliche liegt tiefer. Das Volk ist eine Ganzheit, die durch die Addition der Teile nicht aufgebaut werden kann. Diese Ganzheit ist die innere Gesetzlichkeit des Organischen, deren Glied, nicht Teil, jeder Einzelne ist, das in dem jedem Einzelnen mitgegeben, mitgeboren ist und seine Möglichkeiten begrenzt und bestimmt (…). (Riezler, 1913, S. 201 f.)“

Biographische Angaben

Susanne Guski-Leinwand (Autor)

Susanne Guski-Leinwand ist Privatdozentin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Geschichte der Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vertretungsprofessorin für Psychologie an der Fachhochschule Dortmund. Sie lehrt und forscht zu Geschichte und Ethik der Psychologie, einschließlich Psychotherapie.

Zurück

Titel: Psychologie und Totalitarismus