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Essayistisches Schreiben in der Kinder- und Jugendliteratur

von Stephanie Jentgens (Autor:in)
Monographie 168 Seiten

Zusammenfassung

Der Band weist essayistisches Schreiben erstmalig in der Kinder- und Jugendliteratur nach. Dabei sind die ausgewählten Texte ein Beitrag zur reflexiven Auseinandersetzung mit einer unvollkommenen und komplexen Welt. Zunächst wird eine Übersicht über den Forschungsstand zu Essay und Essayismus gegeben. Anschließend werden vier Modi des essayistischen Verfahrens herausgearbeitet und auf Texte von Walter Benjamin, Christoph Hein, Bibi Dumon Tak und Sarah Michaela Orlovský angewandt. Zwischen den Kapiteln bieten essayistische Passagen eine Verknüpfung. Auf den Einzelanalysen aufbauend diskutiert die Autorin gattungstypologische Fragen und ein essayistisches Bildungsverständnis.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Danksagung
  • Ein Essay –​ bloß nicht über den Essay
  • 1. Essay und Essayismus
  • 1.1 Der Essay in der germanistischen Forschung
  • 1.2 Der Essay –​ ein transmediales Phänomen
  • 1.3 Essay und Essayismus –​ eine erste und zweite Annäherung
  • 1.4 Vier Modi des Essayismus
  • 1.5 Ein Desiderat in der Kinder-​ und Jugendliteratur-​Forschung
  • 1.6 Die Suchbewegung
  • 1.7 Forschungsanliegen und Vorgehen
  • 2. Walter Benjamin: Aufklärung für Kinder. Radiovorträge
  • 2.1 Kinder und Jugendliche als Thema und als Adressat: innen im Werk von Walter Benjamin
  • 2.2 Zur Überlieferung der Rundfunkvorträge
  • 2.3 Charakterisierung der Rundfunkvorträge
  • 2.4 Essayistische Fachvorträge für Kinder
  • 2.5 Partnerschaftliche Bildung
  • Passage von Walter Benjamin zu Christoph Hein
  • 3. Christoph Hein: Alles, was du brauchst.
  • 3.1 Kinder und Jugendliche als Adressat: innen im Werk von Christoph Hein
  • 3.2 Charakterisierung von Alles, was du brauchst.
  • 3.3 Essayistisches Schreiben für Kinder bei Christoph Hein
  • 3.4 Ein essayistisches Ratgeberbuch
  • 3.5 Menschen-​ und Identitätsbildung
  • Passage von Christoph Hein zu Bibi Dumon Tak
  • 4. Bibi Dumon Tak: Kuckuck, Krake, Kakerlake und Große Vogelschau
  • 4.1 Kinder und Jugendliche als Adressat: innen im Werk von Bibi Dumon Tak
  • 4.2 Charakterisierung von Kuckuck, Krake, Kakerlake
  • 4.3 Charakterisierung von Große Vogelschau
  • 4.4 Essayistisches Schreiben für Kinder bei Bibi Dumon Tak
  • 4.5 Essayistische Tiersachbücher
  • 4.6 Menschenbildung zwischen Erlebnis und Begriff, Irritation und Humor
  • Passage von Bibi Dumon Tak zu Sarah Michaela Orlovský
  • 5. Sarah Michaela Orlovský: ich #wasimmerdasauchheißenmag
  • 5.1 Kinder und Jugendliche im Wirken von Sarah Michaela Orlovský
  • 5.2 Charakterisierung von ich #wasimmerdasauchheißenmag
  • 5.3 Essayistisches Schreiben bei Sarah Michaela Orlovský
  • 5.4 Ein postmoderner Adoleszenzroman als essayistische Collage
  • 5.5 Selbst-​ und Identitätsbildung
  • 6. Zusammenfassung und Ausblick
  • 6.1 Gattungstypologische Überlegungen: Plädoyer für die Einführung essayistischer Sub-​Genres
  • 6.2 Essayismus als Bildungskonzept
  • 6.3 Nur ein Vorschlag …
  • 7. Literatur-​ und Abbildungsverzeichnis

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Ein Essay – bloß nicht über den Essay

Viel ist über ihn schon geschrieben worden und es gibt tausend Gründe, kein weiteres Wort hinzuzufügen: „Der Essay ist ebenso veraltet wie die Kunst des Briefeschreibens“ (Hamburger 1963: 290), schrieb Michael Hamburger bereits Anfang der 60er-Jahre. Entsprechend wurde mir von dem Thema aus akademischen Kreisen abgeraten, da es doch so traditionell sei und sein Bart schon dreimal um den Erdball reiche. Andere hielten und halten den Essay für die Königsdisziplin. Nur die klügsten Geister dürfen sich daran versuchen: Adorno, Bloch, Habermas, Musil, Benjamin, um nur ein paar Namen der meist männlichen Essayisten zu nennen. Der Essay trägt den Nimbus des Elitären, viel zu komplex, um für Kinder geeignet zu sein. Da fragen Sie sich, liebe Leser:innen, vermutlich, warum will nun ausgerechnet eine Person, die in der Kinder- und Jugendliteraturforschung beheimatet ist, noch etwas zum Essay hinzufügen? Ist es ein typischer Impuls der Kinder- und Jugendliteraturszene in Deutschland, die sich nie so recht ernst genommen fühlt und daher immer zu beweisen bemüht ist, dass Literatur für Kinder echte Literatur sei? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich will Sie aber gleich beruhigen: Das hier wird kein Essay über den Essay. Wie sollte man auch über etwas schreiben, das – so bestätigt durch zahlreiche Forscher:innen1 – sich jeglichem Definitionsversuch entzieht.

Schreiben möchte ich über ein Spiel ohne feste Regeln und ohne Ziel, bei dem die Spielenden mit einem Bein im Feld des Realen, im Beleg- und Beobachtbaren verankert sind, das andere Bein tanzt währenddessen umher, zerrt mal in die eine Richtung, mal in die andere, drängt Körper und Geist in weniger sichere Gefilde, tastet sich voran, lässt sich treiben und führt dazu, dass der Weg nicht gerade, sondern mäandernd verläuft. Man schweift ab, verweilt mal hier, mal dort und betrachtet ein Detail etwas genauer, um dann wieder voranzuschreiten und den Blick in Richtung Horizont zu richten.

Schreiben möchte ich über die Freude, die mich ergreift, wenn mich Montaigne – lässig vierhundert Jahre Distanz überwindend – in ein Gespräch über die Eigenarten des Menschseins verwickelt. Gleich in seiner Vorrede „An den Leser“ fordert er mich heraus: „Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß du deine Muße auf einen so unbedeutenden, so nichtigen Gegenstand verwendest.“ ←11 | 12→(Montaigne 2016: 5)2 Die Provokation hat natürlich das Gegenteil zur Folge. Umso interessierter liest die Leser:in Montaignes kurze Erzählungen über den Fürst von Epirus oder König Krösus, die Reflexionen über das Glück, den Tod, die Erziehung von Kindern, Weinen und Lachen, die Gewohnheit oder über die Einsamkeit. Gespickt sind diese Erörterungen mit Zitaten von Homer oder Ovid, die als Beispiele oder Ausgangspunkt dienen. Es entwickelt sich ein innerer Dialog mit einem skeptischen und belesenen Individuum, das die Begrenztheit der eigenen Erkenntnis immer wieder betont. Man erkennt die Person, die um die früh verstorbenen Kinder trauert (vgl. ebd.: 192) und sich mit ihrer Krankheit, einer Blasenkolik (vgl. ebd.: 378), sowie dem nicht mehr allzu fernen Tod auseinandersetzt.

Essayistisches Schreiben, wie es Montaigne begründet hat, ist eine reflexive Weltbetrachtung, bei der alles zum Gegenstand der Gedanken werden kann. Gleichzeitig wird in dem Bewusstsein geschrieben, dass das Erfasste immer unfertig sein wird. Man kann viele Seiten in den Blick nehmen und doch ist es nie das Ganze. Der Essayist reflektiert in seinen Gedankenspaziergängen das eigene Voranschreiten, die Bedingungen seines Schreibens oder des Mediums, in dem die Gedanken verfasst sind.

Dass das essayistische Schreiben nicht nur im Essay zu finden ist, ist allgemein bekannt. Man denke nur an den Roman Der Mann ohne Eigenschaften (1930-1943) von Robert Musil, der zahlreiche essayistische Passagen beinhaltet und den Essayismus selbst zum Thema macht. Das ist nun auch wieder ein Beispiel, das nur wenigen Leser:innen zugänglich ist. Kann es das Essayistische auch in weniger eloquenter Form geben, gar in Texten für Kinder und Jugendliche?

In der Sekundärliteratur zur Kinder- und Jugendliteratur sucht man Begriffe wie Essay, essayistisch oder Essayismus vergeblich. Gibt es dieses Phänomen also nicht? Gibt es etwas nicht, nur weil keiner es bislang so bezeichnet hat? Oder darf es ein von Skepsis durchdrungenes Schreiben in der Literatur für Kinder und Jugendliche nicht geben? Versagen sich Autor:innen, wenn sie sich an ein junges Publikum richten, diese Haltung, die charakteristisch für viele Intellektuelle der Moderne gewesen ist? Will man die Kinder vor Verunsicherung schützen? Und schreibe ich vielleicht etwas herbei, das es eigentlich nicht gibt?

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Momentan bin ich davon überzeugt, dass es das Phänomen auch in der Kinder- und Jugendliteratur gab und gibt. Sonst wäre das vorliegende Buch nicht entstanden. Und ich möchte sogar behaupten, dass es im Sinne einer gelingenden literarischen Bildung bedeutsam ist, Kinder und Jugendliche mit essayistischer Literatur zu konfrontieren. Nicht nur bereitet es die Lesenden auf komplexe Literatur vor – sei es in der Belletristik, in der Philosophie und der Wissenschaft –, was natürlich nicht für alle Menschen gleichermaßen relevant für ihr Leben ist. Aber die skeptische Grundhaltung, die das Essayistische vermittelt, ist darüber hinaus hilfreich, um einer populistischen Vereinfachung von Weltdarstellungen entgegenzutreten. Und das ist für uns alle relevant.

Achtung, liebe Leser:innen, jetzt kommt ein Gedankensprung, später sollte sich der Zusammenhang erschließen!

2018 veröffentlicht Thomas Bauer seinen Essay Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Er diagnostiziert nicht nur den Verlust an Vielfalt in einer globalisierten Welt, sondern auch die mangelnde Ambiguitätstoleranz, die dazu führe, dass Mehrdeutigkeit und Vielfalt gemieden oder vermindert werden. Der Begriff Ambiguitätstoleranz, von lateinisch ambiguitas = Mehrdeutigkeit, Doppelsinn und tolerare = erdulden, ertragen, geht auf die Psychoanalytikerin und Psychologin Else Frenkel-Brunswik (1949) zurück. Sie beschreibt hiermit ein Persönlichkeitsmerkmal, das Menschen befähigt, mit mehrdeutigen Informationen und Wahrnehmungen, z. B. positiven und negativen Eigenschaften eines Objektes, umzugehen und nicht mit Aggression hierauf zu reagieren. Ambiguitätsintoleranz kommt Populisten und totalitären Systemen entgegen. Sie teilen die Welt in Gut und Böse, geben einfache Antworten und klare Orientierung. Wer ambiguitätsintolerant ist, findet bei ihnen ein bequemes Zuhause, in dem Widersprüche und Vieldeutigkeit vermieden werden. Gerade in Zeiten von Verunsicherung durch Wirtschaftskrisen, Veränderung der Gesellschaft durch Zuwanderung oder – wie zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches aktuell – einer Pandemie braucht es Ambiguitätstoleranz, um das Vertrauen in demokratische Entscheidungswege nicht zu verlieren und das Fehlen von klaren Antworten zu ertragen. So wundert es nicht, dass die Forschung von Frenkel-Brunswik derzeit an mehreren Universitäten wieder aufgegriffen wird. Dabei soll auch untersucht werden, ob Ambiguitätstoleranz erlernbar sei. Thomas Baethge, Professor für Psychiatrie an der Universität Köln, äußert dazu:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Ambiguitätstoleranz nicht auch lernen oder verlernen kann. Das bedeutet: Ich stelle mir schon vor, dass die Erziehung eine große Rolle spielt bei der Ausbildung der Fähigkeit, Spannung auszuhalten, also Ambiguität auszuhalten." (Baethge zit. n. Streitbörger 2019: 12)

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Thomas Bauer spricht Musik, Kunst und Literatur hierbei eine besondere Bedeutung zu, da sie per definitionem nicht eindeutig sind (vgl. Bauer zit. n. Streitbörger 2019: 12f.).

Wie kommt hier nun das essayistische Schreiben ins Spiel? Essayistische Texte lehren, die Dinge von vielen Seiten zu betrachten. Sie haben keine einfachen Antworten, sondern fordern zu eigenen Reflexionen heraus. Gleichzeitig legen Essayist:innen den Gang ihrer Gedanken offen, reflektieren über sich selbst. Fehler, Unvollkommenheit, die eigene Begrenztheit sind Themen und nichts, was überdeckt würde. Essayistische Texte spiegeln Suchvorgänge, nicht Standpunkte wider. Sie sind ambig und könnten damit auch dazu beitragen, Ambiguitätstoleranz zu schulen, – wohlgemerkt: nur beitragen und auch nur möglicherweise, denn die Wirkungsmacht von Texten ist bekanntermaßen begrenzt.

Details

Seiten
168
ISBN (PDF)
9783631863039
ISBN (ePUB)
9783631863046
ISBN (MOBI)
9783631863053
ISBN (Hardcover)
9783631860045
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 168 S., 3 farb. Abb., 3 s/w Abb.

Biographische Angaben

Stephanie Jentgens (Autor:in)

Stephanie Jentgens hat Germanistik, Politik und Psychologie studiert und an der Universität Osnabrück in Literaturwissenschaften promoviert. Seit 30 Jahren ist sie in der Kinder- und Jugendliteraturforschung und -vermittlung tätig. Sie ist Autorin, u. a. von Lesebüchern, und Jurorin für lyrix und Die besten 7. Derzeit arbeitet sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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