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Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz – «Form follows function»

von Anke Christensen (Autor:in)
Dissertation 512 Seiten
Reihe: Literarisches Leben heute, Band 8

Zusammenfassung

Lutz Hübner und Sarah Nemitz gehören zu den erfolgreichsten Akteuren des deutschsprachigen Gegenwartstheaters, wurden aber bislang von der literaturwissenschaftlichen Forschung kaum beachtet, wie dieser Band aufzeigt. Er widmet sich ausschließlich den Jugendtheaterstücken des Autorenpaares. Im ersten Teil der Arbeit werden Form und Ästhetik der Texte erfasst, und zwar Handlung, Figuren, Nebentexte und Musik. Im zweiten Teil werden die Jugenddramen nach thematischen Gesichtspunkten untersucht. Diese können als Adoleszenz- und All-Age-Literatur gelten, zumal die Dramen in Jugendtheatern und im Schauspiel aufgeführt werden. Auch Genderdiskurse sowie Intertextualität und Intermedialität unterstützen den hermeneutischen Prozess. Alle Jugenddramen können der realistischen Kinder- und Jugendliteratur zugeordnet werden. Eine Schulbuchanalyse schließt die Untersuchung ab.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1 Vorhang auf für Jugenddramen
  • 1.1 Einführung
  • 1.2 Jugenddramatik – Versuch einer Definition
  • 1.3 Inhalt und Konflikt
  • 1.4 Erziehung durch Literatur? Zur Funktion von Jugendtheater und -dramatik
  • 2 Zu simpel für die Wissenschaft? Forschungsbericht
  • 2.1 Der Gegenwartsdramatiker Lutz Hübner
  • 2.2 Forschungsbeiträge zum Kinder- und Jugendtheater
  • 2.3 Die Gattung Drama als Desiderat der Kinder- und Jugendliteraturforschung
  • 2.4 Lutz Hübner: Ein Autor (nur) für die Schule?
  • 2.5 Methodik und weiteres Vorgehen
  • 3 ‚Form follows function‘: Form & Ästhetik der Jugenddramen
  • 3.1 Handlung: Der Konflikt bestimmt die Form
  • 3.1.1 Darstellung der linear-kausal verlaufenden Handlung
  • 3.1.1.1 Konflikt und Kausalität: Dream Team
  • 3.1.1.2 Weitere Dramen mit kausal-linearen Handlungssträngen
  • 3.1.1.3 Bezüge zum Kammerspiel
  • 3.1.1.4 Jugenddramatik in der Tradition des ‚well-made play‘
  • 3.1.2 Offene Formen
  • 3.1.2.1 Offenheit von Zeit und Raum: Aussetzer
  • 3.1.2.2 Offenheit durch Traum und Erinnerung
  • 3.1.2.3 Verfremdungseffekte
  • 3.1.3 Die Dramenschlüsse
  • 3.2 Figuren: komplexe Ästhetik mit Déjà-vu-Effekt
  • 3.2.1 Figurenkonstellation
  • 3.2.2 Figuren im Widerstreit von Typ und Charakter
  • 3.2.3 Figuren und Handlung
  • 3.2.4 Sprache als Nachahmung des Realen
  • 3.3 Nebentexte: Kleine Texte mit großer Wirkung
  • 3.3.1 Regieanweisungen
  • 3.3.2 Zitate als Verweis
  • 3.3.3 Titel
  • 3.4 Musik: Lebensweltbezug oder intermediale Kunstform?
  • 3.4.1 Funktionen der Musik in Winner & Loser
  • 3.4.2 Musik im Kontext des Irrealen
  • 3.4.3 Musik als Mittel der Verfremdung
  • 3.4.4 Popkultur
  • 3.5 Zwischenfazit
  • 4 Die Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz im Spiegel aktueller Debatten der Jugendliteraturforschung
  • 4.1 Jugenddramen als Adoleszenzliteratur
  • 4.1.1 Merkmale von ‚Adoleszenzliteratur‘
  • 4.1.2 Darstellung von Adoleszenz in ausgewählten Dramen: Paradies
  • 4.1.3 Darstellung von Adoleszenz in ausgewählten Dramen: Die letzte Show
  • 4.1.4 Vom Umgang mit dem Tod: Nellie Goodbye
  • 4.2 Jugenddramen als All-Age-Literatur
  • 4.2.1 Zum All-Age-Begriff
  • 4.2.2 Diskurs und Verlagswesen
  • 4.2.3 Das Jugendtheater als ‚Theater der Generationen‘
  • 4.2.4 Lutz Hübner und Sarah Nemitz – ein Autorenduo des ‚Crosswritings‘
  • 4.2.5 Adressierungen im Drama
  • 4.2.5.1 Mehrfachadressierung auf Ebene des Textes
  • 4.2.5.2 Hierarchie des Wissens und Doppelsinnigkeit
  • 4.2.6 Das Mehr-Generationen-Stück: Das Herz eines Boxers
  • 4.3 Von Losern und starken Frauen: Jugenddramatik im Genderdiskurs
  • 4.3.1 Der Begriff Gender und seine Bedeutung in der (Kinder- und Jugendliteratur)forschung
  • 4.3.2 Die Darstellung der männlichen Figuren in den Jugenddramen
  • 4.3.3 Ausgewählte Jugenddramen im Gender-Diskurs: Ehrensache
  • 4.3.4 Ausgewählte Jugenddramen im Gender-Diskurs: Wunschkinder
  • 4.4 Hypertextuelle Bezüge: Creeps und Ghetto Deluxe
  • 4.4.1 Creeps
  • 4.4.1.1 Die Figuren Petra, Maren und Lilly
  • 4.4.1.2 Die Darstellung der Medienwelt
  • 4.4.1.3 Intermediale Bezüge
  • 4.4.2 Creeps als „Remix“: Ghetto Deluxe
  • 4.4.2.1 Hinweis auf Hypertextualität: Der Titel
  • 4.4.2.2 Hinweis auf Hypertextualität: Eine „Anmerkung“ als Vorwort
  • 4.4.2.3 Hypertextuelle Bezüge: die Handlung
  • 4.4.2.4 Hypertextuelle Bezüge: die Figur Arno
  • 4.4.3 Differenzen der beiden Dramen
  • 4.5 Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz – eine Nachahmung des Realen
  • 4.6 Exkurs: Exemplarische Analyse von Schulbuchtexten
  • 5 Schlussbetrachtung
  • 6 Literaturverzeichnis
  • 6.1 Zitierte Primärquellen
  • 6.2 Weitere Ausgaben der Primärquellen
  • 6.3 Schulbücher
  • 6.4 Sekundärquellen
  • Anhang 1: Auswertung Werkstatistik 1996–2019
  • Anhang 2: Fragen an Lutz Hübner zu Nellie Goodbye
  • Reihenübersicht

Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist 2021 im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück als Dissertation angenommen worden. Sie ist das Ergebnis eines bereichernden Arbeitsprozesses, der ohne die Anregungen, Hilfestellungen und ermutigenden Worte einer Reihe von Menschen nicht möglich gewesen wäre.

Zuallererst gilt mein besonderer und aufrichtiger Dank dem Betreuer meiner Arbeit Prof. Dr. Kai Bremer. Er hat stets die richtigen Worte gefunden, indem er mich gerade in Phasen des Zweifelns ermutigt und bestärkt und zugleich mit konstruktiven Rückmeldungen zum Gelingen dieser Arbeit erheblich beigetragen hat. Ferner danke ich meinem Zweitgutachter Prof. Dr. Christian Dawidowski für seine Begeisterung an meinem Thema sowie für seine wertvollen Hinweise. Meinen beiden Betreuern, aber auch Prof. Dr. Olav Krämer danke ich sehr für die Aufnahme in der Reihe „Literarisches Leben heute“, was mich persönlich mit großer Freude erfüllt.

Auch von anderen Menschen habe ich Unterstützung erfahren: Henning Fangauf danke ich für das spannende und erkenntnisreiche Gespräch über das Jugendtheater. Dem Fotografen Achim Zweygarth danke ich für die Bereitstellung des Autorenfotos. Meinen wunderbaren Freundinnen Dr. Manuela Sissakis und Maren Valkema sei für ihr überaus engagiertes, kritisches und selbstloses Korrekturlesen meiner Arbeit gedankt. Zudem haben mir meine Kieler Kolleginnen und Kollegen durch ihren Zuspruch und in zahlreichen Gesprächen stets weitergeholfen. Auch gilt mein besonderer Dank meinen Eltern Inge und Volker Hillenbach, die mir die Liebe zur Literatur nahegebracht und diese Drucklegung finanziell unterstützt haben. Zuletzt möchte ich Sarah Nemitz und Lutz Hübner dafür danken, bereitwillig meine Fragen beantwortet und mir Einblicke in ihre Arbeitsweise ermöglicht zu haben. Ohne ihr literarisches Schaffen wäre diese Arbeit nicht entstanden.

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1 Vorhang auf für Jugenddramen

1.1 Einführung

Die Stücke und Spielweisen für Jugendliche sind thematisch vielfältiger und sprachlich anspruchsvoller geworden. Die Stücke werden von einer neuen Generation von Dramatikerinnen und Dramatikern geschrieben, die sich selbstbewusst als Autoren der Dramatischen [sic!] Kunst und nicht als Außenseiter verstehen, die einer besonderen, eventuell sogar erzieherischen Mission nachgehen. Die Stücke des heutigen Jungen Theaters gehören zum Repertoire der dramatischen Literatur. Sie werden auf großer wie kleiner Bühne, im Stadttheater und bei den Freien [sic!] Gruppen gespielt, sie finden Anklang im Schultheater und werden im Deutschunterricht gelesen.

Wenn wir von der Entwicklung des Jugendtheaters hin zu einem Jungen Theater sprechen, dann müssen wir in diesem Zusammenhang den Berliner Autor Lutz Hübner erwähnen. [...] Der Autor Lutz Hübner ist der Protagonist des aktuellen Theaters für junge Menschen.1

Das Zitat Henning Fangaufs stellt die kulturelle Bedeutung der Jugenddramatik im Allgemeinen und von Lutz Hübner im Besonderen heraus. Lutz Hübner und seine Co-Autorin Sarah Nemitz feiern mit ihren Theaterstücken seit Jahren kommerzielle Erfolge und einige ihrer Jugenddramen, zu nennen wären vor allem Das Herz eines Boxers und Creeps, erweisen sich als besonders erfolgreich und werden seit etwa 20 Jahren nahezu jede Spielzeit aufgeführt.2 Insbesondere im Bereich der Gegenwartsdramatik nehmen Hübner/Nemitz eine bedeutende Rolle ein, noch häufiger sind nur die Theaterstücke verstorbener Dramatiker wie Bertolt Brecht, William Shakespeare oder Gotthold Ephraim Lessing auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen. Das Autorenpaar hält sich seit 2011 konstant unter den ‚Top 10‘, was Aufführungs- und Inszenierungszahlen betrifft.3 Was für die Dramen von Hübner/Nemitz im Speziellen gilt, besitzt ←11 | 12→auch für das Kinder- und Jugendtheater, für das die Dramen geschrieben wurden, Gültigkeit. Wie Fangauf im obigen Zitat andeutet, ist es seit vielen Jahren eine bedeutende Sparte an deutschsprachigen Theatern. Laut der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins ist das Kinder- und Jugendtheater nach dem Schauspiel das wichtigste Genre. In der Spielzeit 2018/19 wurden 22 % aller Inszenierungen dort aufgeführt mit insgesamt mehr als 4,1 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern.4

An dieser Stelle zeigt sich nun eine Paradoxie: Die Bedeutung, die Jugenddramen allgemein und insbesondere die Dramatik von Lutz Hübner und Sarah Nemitz innehaben, spiegelt sich nicht in der Wahrnehmung der Texte in den Fachwissenschaften wider. Weder Jugenddramatik noch die Literatur von Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben bislang angemessene Beachtung gefunden. Allzu häufig werden Kinder- und Jugendtheaterstücke mit der Institution des Theaters bzw. mit den Inszenierungen der Stücke gleichgesetzt, womit möglicherweise eine Skepsis gegenüber dem ästhetischen Wert eines Jugenddramas einhergeht.5 Die vorliegende Arbeit will beide Desiderate, also die mangelnde Beachtung der Jugenddramatik einerseits und der Literatur des Autorenduos andererseits, zusammenführen und insofern schließen, als dass die Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz literaturwissenschaftlich nach Inhalt, Form und Ästhetik untersucht werden. Grundlage der Arbeit bildet somit eine detaillierte Analyse der Texte, indem sie beschrieben und – wo möglich – auf bestehende literaturwissenschaftliche Konzepte bezogen werden. Dabei wird auch überprüft, inwieweit eine ‚Handschrift‘ des Dramatikerpaares zu erkennen ist, also welche künstlerischen Mittel sich in allen Jugenddramen wiederfinden lassen, die sich vielleicht auch in ihren Stücken des Theaters für Erwachsene zeigen. Möglicherweise liegt in einer besonderen Ästhetik der Erfolg der Dramen begründet.6 Zudem untersucht die Verfasserin auch, wie die Texte auf die (jugendlichen) Rezipienten wirken, also inwieweit der Text die Rezeption beeinflusst. Seit der Aufklärung galt das Theater als ein Ort, an ←12 | 13→dem junge Menschen belehrt wurden.7 Diese Funktion änderte sich erst in den sechziger bis achtziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, denn die Dramen des sogenannten ‚emanzipatorischen Theaters‘ zielten darauf ab, dass Jugendliche ihre eigene Lebenswelt erkennen und als veränderbar begreifen sollten.8 Diese Arbeit soll somit auch überprüfen, ob die Texte didaktisch im Sinne einer ‚Erziehung durch Literatur‘ wirken oder – wie Fangauf in dem Eingangszitat ausdrückt – einer „erzieherischen Mission nachgehen.“

Als grundlegende Problematik bei der Betrachtung von Jugenddramen erweist sich bereits die Abtrennung gegenüber der Literatur für Erwachsene. Was durch den kommerziellen Erfolg der Harry Potter-Reihe sichtbar wurde, zeigt sich in den letzten Jahren vor allem an Herrndorfs tschick, nämlich dass eine Abgrenzung von Jugend- zu Erwachsenenliteratur schwierig und nicht immer zielführend ist.9 Aufgrund der mangelhaften Forschungslage muss deshalb zunächst bestimmt werden, welche Theaterstücke des mehr als 50 Dramen umfassenden Werkes von Lutz Hübner als Jugendstücke gelten können, bevor eine Analyse der Texte erfolgen kann.10 In dieser Arbeit wird zunächst thematisch und auf die Institution Jugendtheater bezogen festgelegt, was herkömmlich ein Jugenddrama ist, bevor weitere Kriterien anhand der Theaterstücke von Lutz Hübner und Sarah Nemitz ermittelt werden, die als Merkmale von Jugenddramatik gelten können. Somit soll auch der Begriff Jugenddrama geschärft werden.

Bislang fehlt es an literaturwissenschaftlichen Konzepten, um Gegenwartsdramen zu analysieren, was vor allem an der Formvielfalt, aber auch am vergleichsweise geringen Interesse der Literaturwissenschaft an solchen Theaterstücken liegt, die nicht als postdramatisch oder episch zu bezeichnen ←13 | 14→sind.11 Deshalb nutzt die Verfasserin für ihre Untersuchung Grundlagentexte zur Dramenanalyse, wie beispielsweise Pfister12 und Freytag13 sie vorgelegt haben, aber auch Klotz’ Theorie vom offenen und geschlossenen Drama14 und die Theatertheorien Bertolt Brechts15, um die Dramen zu beschreiben und auf ihre Wirkung auf die zumeist jugendlichen Rezipienten zu untersuchen. Es gilt zu überprüfen, ob die Theaterstücke von Lutz Hübner und Sarah Nemitz bestehende Konzepte der Dramentheorie übernehmen oder diese aufnehmen, um sie zu erweitern oder ggf. zu modifizieren.

Doch es sind den folgenden Überlegungen Grenzen gesetzt, weshalb die vorliegende Arbeit auch eine Grundlage für weitere Forschungen schaffen soll: Die Theaterpraxis kann beispielsweise aus Kapazitätsgründen nicht berücksichtigt werden. Der Dramentext einerseits und die Aufführung andererseits sind als „Werke sui generis zu begreifen“,16 so dass die vorliegende Untersuchung nur den Text in den Blick nimmt. Inwieweit Merkmale der Jugenddramen, die anhand der Texte von Lutz Hübner und Sarah Nemitz herausgearbeitet wurden, auch für die Werke anderer Autorinnen und Autoren gelten, müssen ebenfalls Folgearbeiten zeigen. Zudem könnten anschließende Forschungen überprüfen, ob die besondere Ästhetik der Jugenddramen sich auch in den Stücken von Lutz Hübner und Sarah Nemitz wiederfinden lässt, die sie für ein erwachsenes Publikum geschrieben haben.

Zuletzt eine Bemerkung zur Autorin: Betrachtet man den Titel dieser Arbeit, so mag es vielleicht verwunderlich sein, dass Sarah Nemitz gleichwertig mit Lutz Hübner genannt wird, auch wenn die Autorin nur bei sechs der elf untersuchten Dramen als Koautorin mitgewirkt hat. Diese Gleichsetzung ist aber bewusst gewählt. Obwohl Sarah Nemitz seit 2001 gemeinsam mit Lutz Hübner Theaterstücke schreibt, findet sie nicht annähernd gleiche Beachtung. Die ←14 | 15→Auszeichnung mit dem Preis der Autoren 2016 ging allein an Lutz Hübner,17 in der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins wird die Autorin erst in Bezug auf die Spielzeit 2008/09 namentlich aufgeführt18 und auch in Publikationen wird sie nicht immer als Verfasserin der Dramen erwähnt, beispielsweise in der auch in dieser Arbeit zitierten Ausgabe von Aussetzer,19 obwohl sie laut Angaben des Theaterverlags Hartmann & Stauffacher bereits als Autorin mitwirkte.20 Die Verfasserin möchte die Arbeit von Sarah Nemitz in gleicher Weise wertschätzen. Wenn allgemeine Aussagen über die in dieser Arbeit untersuchten Jugenddramen getroffen werden oder die Verfasserin sich auf Stücke bezieht, die von Lutz Hübner und Sarah Nemitz geschrieben wurden, so ist im Folgenden von Hübner/Nemitz die Rede. Sollte nur von Lutz Hübner gesprochen werden, so ist bewusst der Autor gemeint, beispielsweise wenn sich Fachliteratur nur auf ihn bezieht oder wenn Lutz Hübner allein das Drama geschrieben hat.

1.2 Jugenddramatik – Versuch einer Definition

Den Begriff ‚Jugenddrama‘ zu definieren, erweist sich als schwierig. Die Problematik deutet sich bereits in Bezeichnungen für die Gattung Drama an, wie sie in den Fachwissenschaften des 21. Jahrhunderts vorgenommen werden. Die Begriffe Theaterstück, Theatertext, dramatischer-, theatraler- oder szenischer Text sowie auch Bühnenstück ersetzen zunehmend den Begriff Drama,21 auch ←15 | 16→der Begriff Neodramatik wird herangezogen.22 Die Begriffe ‚Theatertext‘ oder ‚Bühnenstück‘ beispielsweise verweisen ausdrücklich auf die Kombination der literarischen Form mit der Bühnenästhetik.23 Versuche, den Begriff Drama zu ergänzen oder gar zu ersetzen, reichen bis in die sechziger Jahre zurück,24 eine Diskussion des Begriffes ‚Theatertext‘ nimmt beispielsweise Hauthal vor.25 Dass sich die Literaturwissenschaft zunehmend vom Begriff Drama verabschiedet hat, kann an der geringen Rezeption von Texten der Gegenwartsdramatik liegen, aber vor allem daran, dass Inszenierungen viel stärker wahrgenommen werden als die Literatur.26 Eine umfassende Problematisierung des Gattungsbegriffes ‚Drama‘ kann und muss diese Arbeit nicht leisten. Alle Begriffe, die oben aufgeführt werden – und insbesondere der Gattungsbegriff Drama – werden in dieser Arbeit herangezogen, um die Literatur von Lutz Hübner und Sarah Nemitz zu bezeichnen. Da ihre Dramen ausschließlich zur Aufführung gebracht werden sollen und auch aufgeführt werden, erweisen sich sämtliche oben aufgeführten Bezeichnungen als stimmig. Zudem werden in dieser Arbeit nicht nur gedruckte Dramen herangezogen, sondern auch die Bühnenfassungen des Theaterverlages Hartmann & Stauffacher. Die Dramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz sind somit immer Theatertexte. Zusammenfassend ←16 | 17→schließt sich die Verfasserin einer weiten Definition des Begriffs Drama an, wie sie Bremer vornimmt:

Als ‚Drama‘ werden literarische Texte verstanden, die zum Zeitpunkt der Produktion einen Theater-Bezug kennen und ihn auch für die Rezipienten kenntlich machen. ‚Dramen‘ sind meist Voraussetzung und (weit seltener) Folge einer Inszenierung und dienen nicht primär dazu, die Inszenierung zu dokumentieren [...]. Gleichwohl wird das Drama in Gestalt der Lektüre unabhängig von der Aufführung rezipiert. Die Lektüre wird dadurch ermöglicht, dass das Drama in Textform entweder von einem Verlag oder direkt vom Dramatiker den Lesern zur Verfügung gestellt wird.27

Eine solche Definition erweist sich für das Autorenduo Hübner/Nemitz, die Auftragsarbeiten für viele Theater verfassen, in besonderer Weise als richtig und zielführend und auch die Begriffe ‚dramatischer Text‘, ‚Theatertext‘ oder ‚Stück‘ etc. benennen treffend die untersuchten Jugenddramen.

Die vorliegende Arbeit behandelt nicht das gesamte Werk Lutz Hübners bzw. des Autorenduos, sondern nur die Dramen, die sich vorwiegend an jugendliche Rezipienten richten. Jugenddramen sind eine spezielle Gattung der Kinder- und Jugendliteratur, welche zu definieren sich ebenfalls als Problem erweist.28 Auch der Autor Lutz Hübner selbst zeigt die Unschärfe des Begriffes ‚Jugendstück‘ anhand mehrerer Beispiele auf.29 Eine Bestimmung über den allgemeinen Begriff der Kinder- und Jugendliteratur, die sich vorwiegend der Prosa zuwendet, ist nicht unproblematisch. Trotzdem erweisen sich die Merkmale der allgemeinen Kinder- und Jugendliteratur als hilfreich, um sich der Gattung Jugenddramatik zu nähern. Ewers betont den Kommunikationsaspekt, Kinder- und Jugendliteratur sei all die Literatur, deren Adressaten eben ←17 | 18→Kinder- und Jugendliche seien.30 Dabei teilt er diese Texte in unterschiedliche Unterkategorien, wie beispielsweise „Schullektüre“ oder „intendierte“ und „nicht intendierte“ Kinder- und Jugendliteratur ein.31 Auch in Bezug auf Theaterstücke ist der Kommunikationsprozess innerhalb der intendierten, also der absichtsvoll für Kinder- und Jugendliche verfassten oder zumindest weitergeleiteten Literatur zentral. Die Jugenddramatik von Hübner/Nemitz erweist sich einerseits als originär im Sinne Ewers,32 da die Dramen als Auftragsarbeiten für Jugendtheater verfasst wurden und somit mit dem Fokus auf Jugendliche geschrieben wurden. Andererseits wird die Kommunikation aber auch durch einen Sender unterbrochen, denn selten werden die Dramen direkt von jungen Menschen gelesen, das dürfte nur im Rahmen des Deutschunterrichtes der Fall sein.33 Diese Kommunikationsstruktur eines Jugenddramas lässt sich als „Weiterleitung der literarischen Botschaft in Form einer Einspeisung in einen Sendekanal“ bezeichnen.34 Ewers unterteilt die intentionale Kinder- und Jugendliteratur also nach dem Verlauf der literarischen Kommunikation, was auch in Bezug auf diese Arbeit von Bedeutung ist: Jugendliche rezipieren Jugenddramen meistens mittels ihrer Aufführungen am Theater.

Details

Seiten
512
ISBN (PDF)
9783631861509
ISBN (ePUB)
9783631861516
ISBN (Hardcover)
9783631860373
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
Jugendtheaterstücke Jugenddramatik Gegenwartsdramatik Kinder- und Jugendliteratur Gegenwartstheater
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 512 S., 2 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Anke Christensen (Autor:in)

Anke Christensen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur- und Mediendidaktik, insbesondere die Bereiche Kinder- und Jugenddramen, Theater in Wissenschaft und Unterricht, Satire im Deutschunterricht sowie allgemein Kinder- und Jugendliteratur.

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Titel: Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz – «Form follows function»