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Die deutschen Friedensnobelpreiskandidaten in der Zeit des Nationalsozialismus 1934–1945

von Thomas Sirges (Autor:in)
©2021 Monographie 334 Seiten

Zusammenfassung

Schon immer hatten pazifistische Friedensnobelpreiskandidaten in Deutschland einen schweren Stand und sahen sich in Einzelfällen auch politischer Verfolgung ausgesetzt. Dass aber gleich eine ganze Gruppe geächtet, verfolgt, eingesperrt oder vertrieben wurde, ist bis heute ein einzigartiger Vorgang in der 120-jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises. Die Namen von Adolf Damaschke, Hans Driesch, Friedrich Wilhelm Foerster, Hermann Kantorowicz, Fritz Küster, Carl v. Ossietzky, Walther Schücking, Helene Stöcker, Karl Strupp und Hans Wehberg sowie das von Ludwig Quidde ins Leben gerufene Comité de secours aux pacifistes exilés stehen – jeder auf seine Weise – für ein anderes Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. Doch nicht alle in dieser dunklen Zeit nominierten Deutschen fügen sich in dieses Bild ein. Vervollständigt wird die Liste der deutschen Kandidaten von zwei Repräsentanten des Dritten Reichs: Alfred Ploetz und Adolf Hitler. Vom selben Autor sind bereits die Bände Die deutschen Friedensnobelpreiskandidaten im Kaiserreich 1901–1918 (2017) und Die deutschen Friedensnobelpreiskandidaten in der Weimarer Republik 1919–1933 (2020) erschienen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Deutsche Friedensnobelpreiskandidaten als Forschungsthema
  • Der Friedensnobelpreis und die Deutschen
  • 1. Kandidaten
  • 2. Vorschläge
  • 3. Nobelkomitee
  • 3.1. Vorauswahl
  • 3.2. Gutachten
  • 3.3. Entscheidungen
  • Die deutschen Friedensnobelpreiskandidaten in Einzelporträts
  • I. Personen
  • 1. Adolf Damaschke
  • 2. Hans Driesch
  • 3. Friedrich Wilhelm Foerster
  • 4. Adolf Hitler
  • 5. Hermann Kantorowicz
  • 6. Fritz Küster
  • 7. Carl v. Ossietzky
  • 8. Alfred Ploetz
  • 9. Walther Schücking
  • 10. Helene Stöcker
  • 11. Karl Strupp
  • 12. Hans Wehberg
  • II. Organisationen
  • 1. Comité de secours aux pacifistes exilés
  • Anhang
  • Abkürzungen
  • Literatur- und Quellenverzeichnis
  • Nachweis der Abbildungen
  • Namenregister
  • Reihenübersicht

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Deutsche Friedensnobelpreiskandidaten als Forschungsthema1

Schon immer hatten pazifistische Friedensnobelpreiskandidaten in Deutschland einen schweren Stand und sahen sich in Einzelfällen auch politischer Verfolgung ausgesetzt. Dass aber gleich eine ganze Gruppe geächtet, verfolgt, eingesperrt oder vertrieben wurde, ist bis heute ein einzigartiger Vorgang in der 120jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises. Die Namen von Adolf Damaschke, Hans Driesch, Friedrich Wilhelm Foerster, Hermann Kantorowicz, Fritz Küster, Carl v. Ossietzky, Walther Schücking, Helene Stöcker, Karl Strupp und Hans Wehberg sowie das von Ludwig Quidde ins Leben gerufene Comité de secours aux pacifistes exilés2 stehen – jeder auf seine Weise – für ein anderes Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. Doch nicht alle in dieser dunklen Zeit nominierten Deutschen fügen sich in dieses Bild ein. Vervollständigt wird die Liste der deutschen Kandidaten von zwei Repräsentanten des Dritten Reichs: Alfred Ploetz und Adolf Hitler.

Von den 13 deutschen Kandidaten für den Friedensnobelpreis sind fünf bereits aus dem Zeitraum von 1918 bis 1933 bekannt. Dabei handelt es sich um den Sozialpolitiker Adolf Damaschke,3 den Pädagogen Friedrich Wilhelm Foerster4 sowie um die Völkerrechtler Walther Schücking,5 Karl Strupp6 und Hans Wehberg.7 Die Geschichte ihrer Kandidatur für den Friedensnobelpreis wird hier für den Zeitraum von 1934 bis 1945 fortgeschrieben. Neu hinzugekommen sind der Biologe und Philosoph Hans Driesch, Reichskanzler Adolf Hitler, der ←7 | 8→Jurist Hermann Kantorowicz, die Publizisten Fritz Küster und Carl v. Ossietzky, der Rassenhygieniker Alfred Ploetz, die Publizistin Helene Stöcker und als einzige Organisation das Comité de secours aux pacifistes exilés.

Die Kandidatur von vier der Genannten hat bereits die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen. Am gründlichsten ist zweifellos die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl v. Ossietzky untersucht worden.8 Bis heute gilt sein Fall als der spektakulärste in der Geschichte des Nobelpreises. Recht ausführlich sind auch die Ludwig Quidde-Biographen Karl Holl und Torsten Quidde sowohl auf den Quidde-Konkurrenten in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), Fritz Küster, als auch auf das von Quidde gegründete und geleitete Comité de secours aux pacifistes exilés eingegangen.9 Ferner ist auch schon seit geraumer ←8 | 9→Zeit die Kandidatur von Alfred Ploetz bekannt, auf die Werner Doeleke in seiner medizinhistorischen Dissertation von 1975 hingewiesen hat.10 Seitdem wird auf diese Kandidatur sowohl in der Ossietzky-Forschung, die wiederholt die Frage gestellt hat, ob die Nationalsozialisten Ploetz als Gegenkandidat installiert haben, als auch in der historischen Eugenik- und Rassenhygieneforschung immer wieder eingegangen.11 Bekannt ist auch der immer wieder von den Medien aufgegriffene ironische Vorschlag eines schwedischen Reichstagsabgeordneten, Adolf Hitler den Nobelpreis für 1939 zu verleihen. Diese kuriose Episode aus der Geschichte des Friedensnobelpreises ist von Bengt Nilsson detailliert ←9 | 10→aufgearbeitet worden.12 Gänzlich unbeachtet sind dagegen bislang die Kandidaturen von Hans Driesch, Hermann Kantorowicz und Helene Stöcker geblieben, was zumindest bei letzterer überrascht, ist sie doch nach Anna B. Eckstein13 überhaupt erst die zweite deutsche Frau gewesen, die für den Friedensnobelpreis nominiert worden ist.

Wie in den beiden vorangegangenen Bänden zu Kaiserreich und Weimarer Republik stützen sich auch diesmal die biographischen Skizzen der deutschen Friedensnobelpreiskandidaten weitgehend auf die vorhandene Literatur. Ergänzend wurden aber zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen der Kandidaten herangezogen, um auch einen unmittelbaren Eindruck von ihren Friedensideen und Friedensaktivitäten zu vermitteln. Die eigentlichen Nobelpreisverfahren – von den Anträgen über die Gutachten bis hin zu den Entscheidungen – sind wiederum aus den Quellen gearbeitet. Die meisten hält das Norwegische Nobelinstitut (Det Norske Nobelinstitutt (NNI)) bereit, doch konnten vor allem in Verbindung mit Friedensnobelpreisträger Carl v. Ossietzky auch Archivalien aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), dem niederländischen International Institute of Social History (IISH),14 dem norwegischen Arbeiderbevegelsens arkiv og bibliotek (Arbark), dem Bundesarchiv Koblenz (BArch Koblenz) und dem norwegischen Riksarkivet (RA) herangezogen werden. Bei den mit einer fünfzigjährigen Sperrfrist versehenen Quellen des Nobelinstituts handelt es sich um die Vorschläge für den Friedensnobelpreis (Prisforslag), die Rechenschaftsberichte des Nobelkomitees einschließlich der Gutachten (Redegjørelse), die Rechenschaftsberichte des Nobelinstituts (Aarsberetning) sowie die ←10 | 11→Korrespondenz des Nobelinstituts (Innkomne bzw. Utgående skriv).15 Auf dieser breitgefächerten empirischen Grundlage lassen sich nicht nur die Motive und Intentionen der Antragsteller, sondern auch Verbindungen und Kontakte zwischen den Antragstellern, Kandidaten und dem Nobelinstitut rekonstruieren.

Auch für die Zeit des Nationalsozialismus stellt der Nachvollzug der Entscheidungsprozesse des Nobelkomitees die Friedensnobelpreisforschung vor große Herausforderungen.16 Schon in den beiden Vorgängerbänden zu den deutschen Friedensnobelpreiskandidaten wurde auf die eiserne Verschwiegenheit des Nobelkomitees und den Verzicht auf die Anfertigung von Sitzungsprotokollen hingewiesen. Insofern stellt das schmale, im Jahr 1919 begonnene Arbeitstagebuch (Arbeidsdagbok) des Komiteemitglieds Halvdan Koht einen großen Glücksfall dar. Es erlaubt zumindest einen Einblick in die Präferenzen und in das Abstimmungsverhalten der Komiteemitglieder, bricht aber leider 1936 mit dem Rückzug des Verfassers aus dem Nobelkomitee ab. Auch die zeitgeschichtlich hochinteressanten, bislang in der Forschung viel zu wenig genutzten Gutachten können für die eigentlichen Entscheidungsprozesse allenfalls Anhaltspunkte liefern. Dasselbe trifft auch auf die öffentliche Bekanntgabe der Preisträger und auf die von den Komiteemitgliedern gehaltenen Laudationes auf die Preisträger zu. Die Entscheidungsprozesse des Nobelkomitees werden also kaum abschließend aufzuklären sein. Eine diachrone wie synchrone Aufarbeitung der Friedensnobelpreiskandidaten kann aber für eine Annäherung einen wichtigen Beitrag leisten. Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg, zumindest aber mit den deutschen Friedensnobelpreiskandidaten ein Anfang gemacht.

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Wie seine beiden Vorgängerbände besteht auch dieser Band aus drei Teilen.17 Der erste Teil fasst die wichtigsten Ergebnisse zur Geschichte der deutschen Friedensnobelpreiskandidaten in der Zeit des Nationalsozialismus in systematisch-vergleichender Form zusammen, wobei auch zahlreiche Vergleiche mit dem Kandidatenfeld des Kaiserreichs und der Weimarer Republik gezogen werden. Der zweite Teil stellt die Kandidaten mit Schwerpunkt auf ihre friedenspolitischen Ideale und Aktivitäten vor,18 geht dann auf die Beweggründe, Motive und Intentionen der Antragsteller und Unterstützer über und schließt mit einer Untersuchung der Auswahl- und Begutachtungsverfahren bis zu den Entscheidungen des Nobelkomitees. Der dritte Teil rundet schließlich die Studie mit ausgewählten Dokumenten zu den deutschen Kandidaten ab.19

Details

Seiten
334
Jahr
2021
ISBN (PDF)
9783631860625
ISBN (ePUB)
9783631860632
ISBN (Hardcover)
9783631849439
DOI
10.3726/b18613
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (November)
Schlagworte
Friedensnobelpreis Nobelkomitee Historische Friedensforschung Friedensbewegung Pazifismus Friedenspolitik Völkerverständigung Deutsche Geschichte Norwegische Geschichte
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 334 S., 9 s/w Abb., 8 Tab.

Biographische Angaben

Thomas Sirges (Autor:in)

Thomas Sirges ist Professor für Deutsche Kulturkunde am Institut für Literatur, Kulturkunde und europäische Sprachen der Universität Oslo.

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Titel: Die deutschen Friedensnobelpreiskandidaten in der Zeit des Nationalsozialismus 1934–1945