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Arthur Koestler. Die Genese eines Exilschriftstellers

von Matthias Weßel (Autor:in)
Dissertation 314 Seiten

Zusammenfassung

Arthur Koestler ging 1940 weitgehend unbekannt und fast mittellos ins britische Exil. Wie konnte ihm der rasche Aufstieg zu einem der bedeutendsten politischen Schriftstel­ler des 20. Jahrhunderts gelingen? Das Buch geht dieser Frage nach und berücksichtigt dabei die Themen und den Stil von Koestlers Werken, den Wechsel der Literaturspra­che sowie wirtschaftliche Aspekte der Schriftstellerkarriere. Auf Basis umfangreicher Archivrecherchen werden zahlreiche bislang unbekannte Einblicke in den Werdegang eines Exilschriftstellers gegeben. Zudem wird erstmals Koestlers deutschsprachiges Romanwerk vollständig auf der Basis der jeweiligen Originaltexte analysiert. Dadurch gelingt es, insbesondere zu seinem wichtigsten Werk „Sonnenfinsternis“ grundlegend neue Erkenntnisse vorzustellen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Forschungsschwerpunkte und Fragestellungen
  • Entwicklung des Forschungsprojekts
  • Untersuchungszeitraum und Quellenbasis
  • Theoretische Grundlagen
  • 1. Kindheit, Jugendzeit, Studium (1905–1925)
  • 1.1 Biographischer Überblick
  • 1.2 Sprachliche Entwicklung
  • 1.2.1. Erst- und Muttersprache(n)
  • 1.2.2. Zweitsprachen
  • 2. Als Journalist im Nahen Osten und in Europa (1926–1932)
  • 2.1. Biographischer Überblick
  • 2.1.1. Neuanfang in Palästina (1926–1929)
  • 2.1.2. Korrespondent in Paris (1929–1930)
  • 2.1.3. Redakteur in Berlin (1930–1932)
  • 2.1.4. Reise durch die Sowjetunion (1932–1933)
  • 2.2. Sprachliche Entwicklung
  • 2.2.1. Von der Fremd- zur Zweitsprache
  • 2.2.2. Entwicklung im Bereich der Fremdsprachen
  • 3. Exil der Vorkriegsjahre (1933–1940)
  • 3.1. Beginn des Exils (1933)
  • 3.2. Kommunistischer Aktivist in Frankreich (1933–1934)
  • 3.3. Die Abenteuer des Genossen Piepvogel (1934)
  • 3.3.1. Entstehung
  • 3.3.2. Aufbau und Inhalt
  • 3.3.3. Textgeschichte
  • 3.3.4. Zentrale Themen
  • 3.3.4.1. Juden und nationalsozialistischer Antisemitismus
  • 3.3.4.2. Spannungsfeld Intellektuelle – Proletarier
  • 3.3.4.3. Volksfront-Politik
  • 3.3.5. Auswirkung auf die Etablierung als Schriftsteller
  • 3.4. Zwischen Auftragsarbeit und Literatur (1935–1936)
  • 3.5. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1937)
  • 3.6. Spanish Testament (1937)
  • 3.6.1. Entstehung
  • 3.6.2. Auswirkung auf die Etablierung auf dem Literaturmarkt
  • 3.7. Zwischen Jerusalem, London und Paris (1937–1938)
  • 3.8. Die Gladiatoren (1939)
  • 3.8.1. Entstehung
  • 3.8.2. Aufbau und Inhalt
  • 3.8.3. Textgeschichte
  • 3.8.4. Versionsvergleich
  • 3.8.4.1. Veränderungen bei einzelnen Figuren
  • 3.8.4.2. Veränderungen der allgemeinen Handlung
  • 3.8.4.3. Abschließende Betrachtungen zu den Versionen
  • 3.8.5. Auswirkungen auf die Etablierung als Schriftsteller
  • 3.9. Ende des Exils in Frankreich und Flucht nach England (1939–1940)
  • 3.10. Sonnenfinsternis (1940)
  • 3.10.1. Entstehung622
  • 3.10.2. Aufbau und Inhalt
  • 3.10.2.1. Innere Entwicklung Rubaschows
  • 3.10.3. Textgeschichte687
  • 3.10.4. Versionsvergleich
  • 3.10.4.1. Komplexität von Formulierungen
  • 3.10.4.2. Konventionalität von Idiomen und Lexik
  • 3.10.4.3. Fremdsprachgebrauch in der Figurenrede
  • 3.10.4.3. Menschenverachtender Sprachgebrauch und Pejorativa in der Figurenrede
  • 3.10.4.4. Darstellung von Sexualität
  • 3.10.5. Auswirkungen auf die Etablierung als Schriftsteller
  • 3.11. Koestlers Englisch bis 1940: Fremd- oder Zweitsprache?
  • 4. Exil in England (1941–1945)
  • 4.1. Sprachwechsel und Entwicklung als anglophoner Schriftsteller
  • 4.2. Spuren des Sprachwechsels in Scum of the Earth (1941)
  • 4.3. Koestlers englischer Debütroman Arrival and Departure (1943)897
  • 5. Abschließende Betrachtungen
  • 5.1. Koestlers Verhältnis zur englischen Sprache
  • 5.2. Koestlers Englischgebrauch: Selbst- und Fremdwahrnehmung948
  • 5.2.1. Koestlers Selbstwahrnehmung
  • 5.2.2. Drittwahrnehmung im persönlichen Umfeld
  • 5.2.3. Drittwahrnehmung durch die Literaturkritik
  • 5.3. Eine neue (Sprach-)Heimat?
  • 5.4. Etablierung als Schriftsteller
  • 5.5. Praxis von Übersetzung und Überarbeitung
  • 5.6. Fazit und Ausblick
  • Literatur- und Quellenverzeichnis
  • Primärliteratur
  • Archivbestände
  • Sekundärliteratur
  • Reihenübersicht

Einleitung

Forschungsschwerpunkte und Fragestellungen

Als Arthur Koestler am 6. November 1940 im britischen Bristol landete, hatte der gebürtige Ungar schon so viel erlebt, dass seine Erfahrungen ausreichten, um damit eine zweibändige Autobiographie zu füllen. Dementsprechend endet der zweite Band, The Invisible Writing (1954), mit seiner Ankunft im Exil in Großbritannien. Koestler war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 35 Jahre alt.

In Bristol fing eine neue Phase des Exils an, welches für ihn bereits 1933 begonnen hatte. Als Jude und Kommunist hatte sich der 1905 geborene Koestler seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nur noch in Ländern aufhalten können, die nicht von den Deutschen oder ihren Verbündeten kontrolliert wurden. Die meiste Zeit nach 1933 hatte er in Frankreich gelebt, bis er sich 1940 genötigt gesehen hatte, auch von dort zu fliehen. Sein übriges Exil bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verbrachte er im Wesentlichen in Großbritannien.

Koestler war in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren bereits ein erfolgreicher deutschsprachiger Journalist gewesen und hatte seit Mitte der 1930er-Jahre auch Versuche unternommen, sich als Schriftsteller zu betätigen. Unter den schwierigen Bedingungen des Exils verliefen diese Versuche zunächst nicht sehr erfolgreich. Kein einziger seiner insgesamt drei auf Deutsch geschriebenen Romane gelangte in der Originalsprache zur Veröffentlichung. Koestler, der sich bis 1940 meistens in Paris aufhielt, lebte nicht selten unter prekären Verhältnissen, litt Hunger und war zeitweise sogar obdachlos.

Doch mit der Übersiedelung nach England wendete sich das Blatt. Koestlers Roman Sonnenfinsternis wurde in der englischen Übersetzung als Darkness at Noon (1940) ein großer Erfolg im anglophonen Raum, was maßgeblich dazu beitrug, dass aus Koestler in der Folge „der insgesamt sicher […] erfolgreichste Exilschriftsteller in Großbritannien“1 wurde. Bis zum Ende seines Exils und auch darüber hinaus veröffentlichte er zahlreiche weitere fiktionale und nicht fiktionale Werke.2

Umso bemerkenswerter ist dieser Werdegang, weil er mit seiner Flucht nach England eine für einen Literaten weitreichende Zäsur verband. Koestler, bereits zweisprachig mit Deutsch und Ungarisch aufgewachsen war, ←13 | 14→entschied sich dazu, das Englische als Literatursprache zu adoptieren. Damit ging er einen Weg, der für einen Autor „[s]‌ehr viel schwerer“3 war als die Alternative, ein Werk einfach übersetzen zu lassen. Doch auch mit dieser Entscheidung hatte er Erfolg. Seine in englischer Sprache vorgelegten Werke hatten von Anfang an ein solches sprachliches Niveau, dass viele Literaturkritiker überhaupt nicht registrierten, dass es sich beispielsweise bei Darkness at Noon um eine Übersetzung handelte.

Dieser für einen Exilschriftsteller herausragende und auf den ersten Blick äußerst unwahrscheinlich wirkende Werdegang wirft eine ganze Reihe von Fragen auf, von denen die wichtigsten im Rahmen dieser Arbeit geklärt werden sollen. Mit diesen erkenntnisleitenden Fragestellungen in Verbindung stehen die verschiedenen Schwerpunkte der Untersuchung.

Die erste Frage ist diejenige nach den Vorbedingungen und der Umsetzung des literarischen Sprachwechsels. Wie konnte es Koestler so scheinbar reibungslos gelingen, seine Arbeit plötzlich in einer anderen Sprache fortzuführen? Wie gut war sein Englisch zu dem Zeitpunkt, als er diese Entscheidung traf und wer unterstützte ihn dabei, die ersten Texte auf Englisch zu schreiben? Um dies zu klären, bildet die Untersuchung von Koestlers Sprachentwicklung, besonders bezogen auf das Englische, einen Schwerpunkt dieser Arbeit. Hierfür werden biographische Informationen zu Koestlers Sprachfähigkeiten unter Gesichtspunkten der Sozio- und Kontaktlinguistik ausgewertet.

Zweitens ist zu klären, wie es Koestler geschafft hat, sich unter den schwierigen Bedingungen des Exils überhaupt als Schriftsteller zu etablieren, wie er also seine Karriere als Autor in geschäftlicher Hinsicht vorangetrieben hat. Zu diesem Zweck wird Koestlers Agieren gegenüber verschiedenen wichtigen Akteuren des Literaturmarkts wie Verlegern und Literaturagenten in den Blick genommen. Dieser Schwerpunkt der Arbeit stellt größtenteils eine biographische Fallstudie dar, die Erkenntnisse und Konzepte der Literatursoziologie verwendet.

Die dritte Frage lautet, mit welcher Art von Texten Koestler der Durchbruch als Schriftsteller gelungen ist. Was waren seine Themen und wie hat er diese literarisch umgesetzt? Welche Veränderungen an den Texten ergaben sich durch Überarbeitung und den Prozess der zum Teil mehrfachen Übersetzung? Die Textanalyse und Interpretation, die damit verbunden ist, bildet den texthermeneutischen Schwerpunkt dieser Arbeit.

Die Darstellung des Phänomens der Genese eines Exilschriftstellers aus verschiedenen Perspektiven bedeutet freilich nicht, dass zwischen den separaten Blickwinkeln nicht Abhängigkeiten und Wechselwirkungen bestehen. ←14 | 15→Beispielsweise hatte es natürlich eine erhebliche Auswirkung auf seinen – forcierten – Spracherwerb des Englischen, als Koestler 1940 entschied, in dieser Sprache künftig seine Texte zu verfassen. Umgekehrt hatte die Entscheidung selbst natürlich auch damit zu tun, wie gut er zu diesem Zeitpunkt bereits seine Sprachfähigkeiten ausgebaut hatte.

Die Konzentration auf Koestlers Karriereweg als Schriftsteller und seine Sprachentwicklung unterscheidet im Übrigen den biographischen Teil der vorliegenden Arbeit von allen früheren biographischen Studien zu Koestler. So versucht die frühe, allerdings knappe Koestler-Biographie von Iain Hamilton (1982), Koestlers Leben als Ganzes in den Blick zu nehmen. Die Studie von David Cesarani (1998) untersucht vorgeblich Koestlers Identität als Jude, ist aber tatsächlich vor allem an der Darstellung vermeintlicher Skandale interessiert und genügt oftmals nicht wissenschaftlichen Standards. Christinan Buckard (2004) dagegen stellt tatsächlich das Jüdische im Leben Koestlers in den Fokus und Michael Scammell (2009) behandelt in seiner äußerst umfangreichen und gut recherchierten Studie Koestlers gesamte Lebens- und Schaffenszeit.

Trotz des unbestreitbar großen Anteils an biographischer Forschung versteht sich die vorliegende Arbeit ausdrücklich als eine literaturwissenschaftliche Studie. Daher ist die Untersuchung von Koestlers Werken ein besonders wichtiger Schwerpunkt. Bisher sind Koestlers Texte, auch seine Romane, selten in den Fokus der germanistischen Literaturwissenschaft geraten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Allgemein ist den Autorinnen und Autoren, die aufgrund der Herrschaft der Nationalsozialisten ins Exil gehen mussten, im Nachkriegsdeutschland bis in die Gegenwart die Wahrnehmung und Anerkennung weitgehend verwehrt geblieben. Hinzu kommt bei Koestler, dass er sich seit 1940 als Schriftsteller ausschließlich der englischen Sprache bedient hat.

Ein spezifischer Hinderungsgrund bestand jedoch lange auch aus philologischer Sicht. Koestler hat drei Romane auf Deutsch geschrieben, von denen der erste, Die Erlebnisse des Genossen Piepvogel und seiner Freunde in der Emigration (1934), zu seinen Lebzeiten gar nicht veröffentlicht wurde. Die anderen beiden, Die Gladiatoren (1939) und Sonnenfinsternis (1940), erschienen zunächst nur in englischer Übersetzung. Da Koestler auf seiner Flucht aus Frankreich im Jahr 1940 sämtliche seiner Manuskripte verloren hatte, mussten für die deutschen Ausgaben seiner Romane jeweils Rückübersetzungen aus dem Englischen angefertigt werden. Diese Rückübersetzungen werfen zumindest für eine autorenbezogene Textuntersuchung Probleme auf, weil man letztlich nie genau weiß, ob für bestimmte Formulierungen und Stilmittel der Autor oder der Übersetzer verantwortlich zeichnet.4

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Innerhalb der letzten zehn Jahre gab es allerdings wichtige Entwicklungen im Hinblick auf Koestlers deutschsprachiges Romanwerk. So ist sein frühester Roman im Jahr 2012 unter dem Titel Die Erlebnisse des Genossen Piepvogel in der Emigration erstmals veröffentlicht worden. Die Grundlage für die Veröffentlichung war ein Manuskript, welches sich im Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGWA) in Moskau befindet. Durch die intensive biographische Forschung zu Koestler, die von Michael Scammell geleistet wurde, ist zudem seit 2009 bekannt, dass sich im RGWA auch ein deutsches Manuskript von Die Gladiatoren befindet. Die Wiederentdeckung des Originalmanuskripts von Sonnenfinsternis im Zuge meiner Recherchen in der Zentralbibliothek Zürich hat das Korpus von Koestlers deutschsprachigem Romanwerk vervollständigt.5

Die literaturwissenschaftliche Analyse von Koestlers frühen Romanen ist nun nicht mehr auf die rückübersetzten Texte angewiesen. Da jetzt zu allen drei Werken der ursprüngliche deutsche Text entweder als Manuskript oder sogar schon als Druckausgabe zur Verfügung steht, gibt es für die germanistische Auseinandersetzung mit Koestlers Werk eine ganz neue Grundlage. Neben der genauen Analyse der Originaltexte ist nun auch eine vergleichende Gegenüberstellung mit der englischen Übersetzung und/oder der Rückübersetzung möglich, um beispielsweise textgenetische Prozesse nachzuvollziehen.

Entwicklung des Forschungsprojekts

Als ich gegen Ende des Jahres 2011 mit den konkreten Vorarbeiten für dieses Projekt begann, wusste ich weder von der geplanten Veröffentlichung des Piepvogel-Romans, noch konnte ich absehen, dass ich knapp vier Jahre später das deutsche Manuskript von Sonnenfinsternis wiederentdecken würde, das seit 1940 als verschollen galt. Dementsprechend hatte mein Vorhaben zunächst eine andere Ausrichtung. Beabsichtigt war zu diesem Zeitpunkt, lediglich den zweiten und dritten der oben skizzierten Schwerpunkte zu untersuchen, also Koestlers Schriftstellerkarriere und seine Sprachentwicklung bzw. den Sprachwechsel.

Unter diesen Voraussetzungen arbeitete ich bis zum Sommer 2015 an dem Projekt, ohne davon auszugehen, dass Koestlers Texte selbst Teil meiner Analyse werden könnten. Insofern bedeutete der Fund des Manuskripts eine erhebliche Erweiterung meines ursprünglichen Vorhabens.

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Die größte Herausforderung bestand nun zunächst darin, die textanalytische Auseinandersetzung mit den drei Romanen in eine Forschungsarbeit zu integrieren, die über mehrere Jahre eine andere Ausrichtung verfolgt hatte. Ich habe mich letztlich entschlossen, die Textuntersuchungen nicht als separaten Teil anzugliedern, sondern an den entsprechenden Stellen in die chronologisch aufgebaute biographische Darstellung von Schriftstellerkarriere und Sprachentwicklung einzufügen.

Diese Entscheidung ging einher mit dem Fokus der Textanalyse selbst. Zu Koestlers Romanen, insbesondere zu Sonnenfinsternis, gibt es zumindest im anglophonen Raum bereits recht umfangreiche Interpretationen und Untersuchungen bestimmter Aspekte. Daher sah ich die beste Möglichkeit zum Gewinn neuer Forschungsergebnisse in einem Vergleich der verschiedenen Versionen jeweils desselben Romans, also Originalmanuskript, Übersetzung und Rückübersetzung. Diese Vorgehensweise ist durch den Fund des ursprünglichen deutschen Textes von Sonnenfinsternis und der Beschaffung der übrigen Manuskripte aus dem Koestler Archive in Edinburgh und dem RGWA in Moskau erstmals möglich. Sogar für den Piepvogel-Roman bot sich eine analoge Vorgehensweise an, da die diversen erhaltenen Manuskripte aufgrund einer späteren Überarbeitung des Textes zwei wesentlich verschiedene Versionen repräsentieren.

Da die Entstehung der verschiedenen Versionen jeweils eng mit biographischen Begebenheiten zusammenhängt, habe ich mich entschlossen, die entsprechenden Analysen in die chronologische Falldarstellung zu integrieren. Zum Teil ist es kaum möglich, die Entstehung bestimmter Versionen durch Übersetzung bzw. Rückübersetzung oder anderweitige Überarbeitung angemessen nachzuvollziehen, ohne dabei den biographischen Kontext zu berücksichtigen. Dies gilt umso mehr, als dass Koestlers Romane immer auch eine spezifische politische Agenda transportieren, wodurch der Autor hoffte, auf das Denken seiner unmittelbaren Zeitgenossen Einfluss zu nehmen. Dies wiederum wirkte sich erstens auf seinen Publikumserfolg und die Etablierung als Autor aus und beeinflusst zweitens, wie seine Texte rezipiert wurden. Aufgrund dieser Zusammenhänge kam eine rein werkimmanente Betrachtungsweise für mich nicht infrage.

Zu dem Zeitpunkt, als ich mich entschloss, die textgenetischen Untersuchungen von Koestlers deutschsprachigem Romanwerk in mein Vorhaben aufzunehmen, standen mir nur noch begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Daher erhebe ich bei diesem Schwerpunkt meiner Arbeit nicht den Anspruch, eine erschöpfende Analyse zu leisten, sondern vielmehr die beispielhafte Betrachtung einiger Phänomene zu bieten, die einen Ausgangspunkt bilden kann für eine weitergehende Beschäftigung.

Diese tiefergehenden Analysen können daher hier nur als Forschungsdesiderat formuliert werden, welches sich unmittelbar aus der Recherchearbeit ←17 | 18→im Rahmen meines Projekts ergeben hat. Als konkrete Vorhaben bieten sich beispielsweise Untersuchungen zur Übersetzung von Die Gladiatoren und Sonnenfinsternis an sowie eingehende stilistische Analysen, die sich den Vergleich der verschiedenen Textversionen zunutze machen.

Untersuchungszeitraum und Quellenbasis

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Koestlers Exilzeit in Frankreich und Großbritannien, die im Jahr 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Koestler befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Sowjetunion und eine Rückkehr nach Berlin war ihm als Jude und Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) nun nicht mehr möglich.

Neben Koestlers Etablierung als Schriftsteller bildet aber auch seine Sprachentwicklung einen Schwerpunkt dieser Arbeit. Da es in diesem Bereich erste Auffälligkeiten bereits in Koestlers Kinder- und Jugendzeit gibt, ist es erforderlich, auch seine frühen Lebensjahre in die Untersuchung mit einzubeziehen. Die Zeit ab Koestlers Auswanderung nach Palästina in 1926 ist sogar in zweierlei Hinsicht interessant. Sie bringt nicht nur im Hinblick auf die sprachliche Entwicklung wichtige Impulse, sondern Koestlers Laufbahn als Journalist, die er in diesen Jahren beginnt, schafft wichtige Voraussetzungen für seine spätere Karriere als Romancier.

Der Untersuchungszeitraum wird begrenzt durch das formale Ende von Koestlers Exil im Jahr 1945. Ab diesem Zeitpunkt war sein Aufenthalt in Großbritannien kein erzwungener mehr; es stand ihm wieder die Möglichkeit offen, zumindest in die westeuropäischen Länder einzureisen und sich dort niederzulassen. Dieser Zeitpunkt markiert allerdings keine absolute Zäsur, da nicht alle der untersuchten Entwicklungen zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen sind und einige noch viele Jahre darüber hinaus andauern. Daher endet die ausführliche Betrachtung von Koestlers Schriftstellerkarriere spätestens mit seinem ersten auf Englisch geschriebenen Roman Arrival and Departure, während ich Schlaglichter auf seinen Sprachwechsel und die damit im Zusammenhang stehenden Themen Akkulturation und Identität bis in die 1970er-Jahre hinein werfe.6

Sowohl für die biographischen als auch für den textanalytischen Schwerpunkt waren umfangreiche Archivrecherchen zur Quellenbeschaffung erforderlich. Koestlers Nachlass befindet sich im Koestler Archive in der Spezialsammlung der Universitätsbibliothek Edinburgh. Ich habe dort während eines einmonatigen Forschungsaufenthalts insgesamt über 9.000 Einzelseiten von Dokumenten digitalisiert, darunter Koestlers Geschäfts- und ←18 | 19→Privatkorrespondenz der Jahre 1940–45 sowie literarische Manuskripte, u. a. drei Typoskripte des Piepvogel-Romans. Da Koestler auf der Flucht aus Frankreich nicht nur seine Manuskripte, sondern alle seine Dokumente verloren hat, befinden sich im Koestler Archive leider kaum Korrespondenzen oder sonstige Quellen aus der Zeit vor November 1940.

Eine wichtige zweite Archivrecherche konnte ich im Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGWA) in Moskau durchführen. Dort befinden sich einige derjenigen Dokumente Koestlers, die 1940 von der französischen Polizei beschlagnahmt worden waren. Die Franzosen hatten diese Dokumente nach der Niederlage Frankreichs an die deutschen Besatzer übergeben, genauer gesagt an die Gestapo. In deren Hauptquartier in Berlin wiederum wurden die Dokumente nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen von deren Geheimdienst konfisziert, sodass sie letztlich ins heutige RGWA verbracht worden sind. Dort hatte ich Zugriff auf insgesamt etwa 600 Seiten Korrespondenz von Koestler und seiner damaligen Lebenspartnerin Daphne Hardy aus den Jahren 1937–40 sowie auf das deutsche Originalmanuskript von Die Gladiatoren (unter dem Arbeitstitel Der Sklavenkrieg) und eine überarbeitete Manuskriptfassung des Piepvogel-Romans. Allerdings hatte ich im RGWA keine Möglichkeit, Archivmaterial zu digitalisieren oder auch nur Kopien anfertigen zu lassen, sodass ich mich auf die Sichtung vor Ort und das Abschreiben von etwas über hundert Dokumentseiten beschränken musste. Weitere Archive wurden von mir online oder auf schriftliche Anfrage hin von Mitarbeitern vor Ort durchsucht. Darunter befindet sich das Cape-Archive der Verlagsgruppe Random House, welches als Spezialsammlung von der Universität Reading verwaltet wird. Leider ist offenbar ein großer Teil der Dokumente verloren gegangen, bevor das Verlagsarchiv nach Reading verbracht worden ist, sodass dort nur noch einige wenige Einzeldokumente zu Koestler existieren. Die Zentralbibliothek Zürich erwies sich, wie oben bereits erwähnt, als Fundort des Originalmanuskripts von Sonnenfinsternis (unter dem Arbeitstitel Rubaschow).7

Die insgesamt umfangreiche Basis an Primärquellen zu Koestlers Biographie, die insbesondere seine privaten und geschäftlichen Briefwechsel umfassen, hat es mir ermöglicht, umfangreiche Daten zu seiner Etablierung als Schriftsteller sowie auch ergänzende Informationen zu seiner sprachlichen Entwicklung zu gewinnen. Zu einem nicht unerheblichen Teil sind die von ←19 | 20→mir ausgewerteten Quellen erstmals für die Forschung herangezogen worden, da sich bisherige Studien über Koestler mit den betreffenden Details nicht beschäftigt haben.

Details

Seiten
314
ISBN (PDF)
9783631863459
ISBN (ePUB)
9783631863466
ISBN (MOBI)
9783631863473
ISBN (Hardcover)
9783631861547
DOI
10.3726/b19082
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Dezember)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 314 S.

Biographische Angaben

Matthias Weßel (Autor:in)

Matthias Weßel studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Kassel. Er war als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Kassel beschäftigt, wo auch seine Promotion erfolgte. Derzeit arbeitet er im nieder­sächsischen Schuldienst. Der Autor hat 2015 das deutschsprachige Originalmanuskript von Arthur Koestlers Romans „Sonnenfinsternis“ aufgefunden und hat die Neuausgabe von 2018 wissenschaftlich betreut.

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Titel: Arthur Koestler. Die Genese eines Exilschriftstellers