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Kurze Geschichte der Psychologie und Psychotherapie (1783–2020)

Paradigmen und Institutionen: Vereint oder getrennt?

von Wolfgang Schönpflug (Autor:in)
©2022 Monographie 290 Seiten

Zusammenfassung

Eine empirische Psychologie, die gleichzeitig Natur-, Lebens- und Heilkunde ist – dieses Konzept stammt aus der Zeit der Aufklärung. Doch schon im 19. Jahrhundert gehen insbesondere naturkundliche und heilkundliche Psychologie eigene Wege. Gegenwärtig – nach mehr als 50 Jahren des Zusammenlebens in akademischen Institutionen – weisen sie in paradigmatischer Hinsicht nur wenige Gemeinsamkeiten auf und tendieren zu unterschiedlicher Institutionalisierung. Anhand historischer und rezenter Literatur sowie aktueller Dokumente wird die Geschichte der Psychologie und Psychotherapie von der Zeit der Aufklärung bis zur jüngsten Gegenwart rekonstruiert und einer kritischen Analyse unterzogen. In diesem Zusammenhang diskutiert wird die Bilanz der Psychotherapiereform von 2019/2020.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung und Dank
  • 1. Erfahrungsseelenkunde und Philosophie, Popularphilosophie und -psychologie
  • 2. Klinische Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Nervenheilkunde
  • 3. Somatiker und Psychiker – Philosophie, Psychagogik, Psychologie
  • 4. Psychotherapieschulen und die Neubestimmung der Psychagogik
  • 5. Die akademische Psychologie und ihre Beziehung zur Psychotherapie und zur Popularpsychologie
  • 6. Gleichschaltung der Psychotherapie im Nationalsozialismus und Fortschritte bei ihrer Institutionalisierung
  • 7. Klinische Psychologie und Psychotherapie in den USA sowie das Scientist-Practitioner-Modell
  • 8. Deutschland bis in die 1960er-Jahre: Psychologische Lehre und Forschung an den Universitäten, Professionalisierung der Psychologie
  • 9. Eine große Studienreform und die „klinische Wende“ in der akademischen Psychologie
  • 10. Mehr Rechte für Psychotherapie und das erste deutsche Psychotherapeutengesetz im Jahre 1998
  • 11. Nach 2000: Studenten, Absolventen und Patienten, Hochschulen und Fachhochschulen, Gesellschaften, Verbände und Kammern
  • 12. Fünfzig Jahre Kohabitation und die Frage der Einheit von Psychologie und Psychotherapie
  • 13. Psychotherapiewissenschaft – Stand-Alone-Modell, Juniorpartnerin der Medizin oder Leitdisziplin der Psychologie?
  • 14. Die Novellierung des Psychotherapeutengesetzes
  • 15. Die Reform von 2020: Eine Bilanz
  • 16. Psychologie im Feld der Gesundheitspolitik
  • 17. Psychologie in der (post-)modernen Gesellschaft
  • 18. Diversität und Identität in der gegenwärtigen und zukünftigen Psychologie
  • Literatur und Dokumente
  • Anhang
  • Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (Psychotherapeutengesetz – PsychThG) vom 16. Juni 1998
  • Gesetz über den Beruf der Psychotherapeutin und des Psychotherapeuten (Psychotherapeutengesetz – PsychThG)
  • Approbationsordnung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (PsychThApprO) vom 4. März 2020
  • Inhalte, die im Bachelorstudiengang im Rahmen der hochschulischen Lehre zu vermitteln und bei dem Antrag auf Zulassung zur psychotherapeutischen Prüfung nachzuweisen sind
  • Inhalte, die im Masterstudiengang im Rahmen der hochschulischen Lehre zu vermitteln und bei dem Antrag auf Zulassung zur psychotherapeutischen Prüfung nachzuweisen sind
  • Reihenübersicht

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Einleitung und Dank

Gleich zu Beginn will ich erklären, mit welchen Folgerungen diese Geschichte schließt: Dass nämlich heilkundliche Psychologie (Psychotherapie) und nicht heilkundliche Psychologie, was ihre Paradigmen (Theorien, Methoden, Anwendungen) anbelangt, eine recht unterschiedliche Entwicklung genommen haben; dass sie professionell ebenfalls verschiedene Wege gehen; dass sie freilich, was akademische Lehre und Forschung anbelangt, nach längerer Getrenntheit eine gemeinsame Institutionalisierung erfahren haben; dass ihnen – je nach Ergiebigkeit, Nachfrage und Bedarf – eigene Ressourcen zustehen; dass folglich, wenn nun ein zur Approbation für Psychotherapie führender psychologischer Studiengang eingerichtet wird, dies ein gesonderter Studiengang sein sollte; dass für nicht-klinische Psychologie ein weiterer psychologischer Studiengang (oder mehrere psychologische Studiengänge) eingerichtet werden sollte – und zwar schon in der Bachelorphase des Hochschulstudiums.

Die Vorstellung einer schiedlich-friedlichen Trennung von Psychologie und Psychotherapie widerspricht der Annahme ihrer Homogenität und Komplementarität. Doch diese Annahme hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Ihre Paradigmen erweisen sich in der historischen Analyse eher als heterogen, ihre Institutionen tendieren zu Konkurrenz. Die aktuelle Diskussion folgt freilich der Homogenitäts-Komplementaritätsannahme und sucht dafür Rückhalt in populären Metaphern. Sogar der Deutsche Wissenschaftsrat (2018a, S. 42) hat das Verhältnis von Psychotherapie und Psychologie als ein denkbar inniges bezeichnet: Psychologie sei der Psychotherapie die Mutterdisziplin. Damit verband das Gremium eine Verpflichtung: Psychologie ist eine etablierte Wissenschaft, die nicht nur in der Lage, sondern auch in der Pflicht ist, der Psychotherapie als junger Wissenschaft beizustehen. Was die rührende Metapher wohl alles impliziert? Die liebende Mutter möge der Tochter beistehen, gar in der Tochter verwirklichen, was sie versäumt habe oder was ihr selbst versagt geblieben sei. Gar nicht unterstellt seien mögliche Weiterungen: Psychotherapie sei jugendlich und attraktiv im Vergleich zu ihrer in die Jahre gekommenen Mutter Psychologie; es sei der Lauf der Natur, dass die Tochter einmal die Stelle der Mutter einnimmt; die gute Mutter ist für die Tochter auch zu Opfern bereit.

Doch die Konstruktion trügt. Die Beziehung von Psychologie und Psychotherapie ist keineswegs linear und konsekutiv wie die Beziehung von Mutter und Kind. Beide mögen einem gemeinsamen Ursprung entstammen. Doch ←9 | 10→dann sind sie lange Zeit getrennte Wege gegangen und haben sich erst seit Kurzem einander genähert. Will man bei der Familienmetapher bleiben, so sollte man die Beziehung von Psychologie und Psychotherapie besser als Verhältnis zweier Schwestern schildern oder – besser noch – als Verhältnis zweier Cousinen. Ihre Familiengeschichte erstreckt sich nunmehr über mehrere Generationen. Es gab tatsächlich eine erste Mutter, sozusagen eine Urmutter, die hatte Töchter, und diese hatten selbst Töchter, und deren Töchter sind Großenkelinnen der Urmutter. Die Töchter zweier Schwestern der zweiten Generation waren nun Cousinen ersten Grades, und die nachfolgende Generation ergänzte den Familienstammbaum um Cousinen zweiten Grades.

Verwandtschaften wachsen über Generationen, und ihre Verzweigungen nehmen von Generation zu Generation zu. So gibt es nicht nur eine Psychologie und eine Psychotherapie. Oder wieder in der obigen Metapher: Es bildet sich ein Verwandtennetzwerk mit mehreren Stämmen. Manche Stämme bleiben sich nahe, andere entfernen sich voneinander. Sie stellen sich unterschiedlichen Aufgaben und entwickeln im Verfolgen dieser Aufgaben verschiedenartige Profile an Wissen, Einstellungen, Interessen und Fertigkeiten. So hat sich auch die Psychologiefamilie verzweigt in einen Teil, der Heilkunde erforscht und betreibt, und einen anderen Teil, der um Erkenntnis und Praxis mit anderen als heilkundlichen Ambitionen bemüht ist. Sehr vereinfachend unterscheidet man zwei Hauptstämme unter den Bezeichnungen Psychotherapie und Psychologie.

Verwandte, die getrennte Wege gegangen sind und sich dabei entfremdet haben, brauchen ihre Beziehungen nicht völlig abzubrechen. Ihre gemeinsame Herkunft mag ihnen bewusst bleiben. Angehörige der beiden Stämme werden, wenn sie sich begegnen, nicht müde, ihre Gemeinsamkeiten zu beschwören und Pläne für ein zukünftiges Zusammengehen zu schmieden – mit Bedauern über Trennungsverluste und in der Hoffnung auf zukünftige Synergien. So gibt es in der Geschichte von Psychologie und Psychotherapie zahlreiche Brückenschläge, wechselseitige Inspiration und pragmatische Unterstützung. In Universitäten wurden die beiden Richtungen sogar zusammengeführt. Von dieser Geschichte handelt diese Schrift. Sie handelt von Kooperation, aber auch von Fremdheit und Konkurrenz.

Diese Darstellung reicht zurück in die Zeit der Aufklärung, ihren Schwerpunkt hat sie in der Zeitgeschichte. Ausführlich befasse ich mich mit der gegenwärtigen Reform der Psychotherapeutenausbildung und deren – wie ich meine – beträchtlichen Konsequenzen für die Psychologie. Die gerade anstehende Reform und ihre Umsetzung sind unverkennbar politische Prozesse. Sie sind geleitet von Interessen und Einschätzungen recht unterschiedlicher Beteiligter – von Berufstätigen und Lehrenden, Aus- und Weiterzubildenden, ←10 | 11→Klientengruppen, Vertreterinnen und Vertretern von Gesundheitspolitik und -verwaltung. Entscheidungen spiegeln Macht- und Mehrheitsverhältnisse wider. Geschichtsschreibung, die neben Gemeinsamkeiten auch Konkurrenzen und Kontroversen, neben erzielten Fortschritten auch Einbußen und Risiken zur Sprache bringt, nimmt Partei. Wendet sie sich gegen vorherrschende Meinungen, erregen ihre Kritik, ihre Warnungen und Alternativen Unwillen, und daher stößt ihre gesamte Darstellung auf Widerstand. Was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen, habe ich selbst zu spüren bekommen. Als das Reformgesetz gerade zur Beschlussfassung in den Bundestag kam, habe ich dazu aus meiner historischen Sicht ein Manuskript verfasst und dieses einer Fachzeitschrift zur Veröffentlichung eingereicht. Zu dem Manuskript nahmen zwei Gutachten Stellung. Sie empfahlen übereinstimmend, das Manuskript abzulehnen. Ich hätte eine durchaus lesenswerte historische Darstellung für eine inakzeptable fachpolitische Polemik benutzt. Ein Gutachter oder eine Gutachterin drohte mir sogar: „Wer die Wissenschaftsgeschichte zur Instrumentalisierung fachpolitischer Tagesdebatten instrumentalisiert, provoziert unweigerlich den Einspruch der Wissenschaftsgeschichte.“

Da möge mir Klio, die Muse der Geschichte, gnädig sein! Wenn ich Psychologiegeschichte betreibe, so will ich in der Rekonstruktion der Vergangenheit keineswegs die Gegenwart vergessen. Vielmehr glaube ich, dass gegenwärtige Wissenschaft und Praxis ihre Genese widerspiegeln. Damit bildet Psychologiegeschichte eine Metatheorie der Psychologie; sie rekonstruiert und reflektiert psychologische Forschung, Lehre und Praxis und gewinnt dabei Aufschluss auch über neu aufkommende und sich fortentwickelnde Strukturen und Motive. Dass unser Fach ärmer wäre, wenn es seine aktuelle Entwicklung nicht eingedenk seiner Geschichte beurteilen und gestalten könnte, ist jedenfalls meine Überzeugung und die Überzeugung mehrerer Kolleginnen und Kollegen, die mein Interesse an der Psychologiegeschichte teilen (Allesch, Alliolo-Näcke, Billmann-Mahecha, Eid, Fitzek et al., 2015).

Weil es mir an vernehmlichen kritischen Stimmen in der gegenwärtigen Umbruchphase unseres Faches zu fehlen scheint, will ich meine Sicht und deren Begründung nun noch einmal vorlegen. Das erwähnte, nicht zur Publikation gelangtes Manuskript zur Geschichte der Psychologie und Psychotherapie habe ich für diesen Druck vertieft und erweitert. Deutlich voneinander abgesetzt werden Entwicklungen auf der paradigmatischen und der institutionellen Ebene; der wirtschaftliche, soziale und politische Kontext der Fachgeschichte soll deutlicher werden. So erklären sich Streitpunkte; ihnen werden Argumente zuordnet, und die Argumente gegeneinander abgewogen. Ich wäre froh, wenn ich damit überzeugen könnte, dass Psychologiegeschichte mehr ist ←11 | 12→als ein nostalgisches Dekor für Jubiläumsjahre, nämlich eine Orientierungshilfe und Reflexionsübung, die sich gerade in Zeiten der Veränderung bewährt. Bedenken, in meiner historischen Analyse Positionen darzustellen oder gar selbst einzunehmen, welche nur eine Minderheit unserer deutschen Psychologengemeinde teilt, habe ich nicht. Meine Kritik an der gegenwärtigen Reform und an deren Auswirkungen mag bei der Mehrheit auf Ablehnung stoßen. Soll ich deshalb schweigen? Gehört es etwa zu den Auswirkungen der sich gerade vollziehenden Reform, dass in der Psychologie nur noch Mehrheitsmeinungen zur Sprache kommen dürfen? War nicht ein Vorzug der bisherigen Psychologie ihre Pluralität? Und ist es nicht gerade die Pluralität psychologischer Lehre und Praxis, die ich – wie schon eingangs angekündigt – mit meinem Eintreten für mehr als nur einen psychologischen Studiengang schützen und stärken will?

Weil diese Geschichte der Psychologie und Psychotherapie Aufschluss über deren gegenwärtiges und zukünftiges Verhältnis in Deutschland geben soll, ist sie weitgehend deren Geschichte in Deutschland. Sie beginnt in einer Zeit, in der Deutschland noch kein Nationalstaat war, und endet in der jetzigen Bundesrepublik Deutschland. Ich hätte womöglich internationale Entwicklungen stärker berücksichtigen sollen, zumindest die Entwicklung in anderen deutschsprachigen Ländern. Das aktuelle Anliegen dieser Darstellung stand dem entgegen. Es ist ein Blick „in den Rückspiegel“, der sich auf Vergangenheit richtet, wie sie als Vorläuferin, vielleicht gar als Vorbedingung der aktuellen örtlichen Lage erscheint. Diese Einseitigkeit wird im Text nicht reflektiert; so sei sie wenigstens vorab mit einigem Bedauern angemerkt.

Beim Schreiben dieser Geschichte habe ich meine Position zwar nicht grundlegend geändert, doch an wichtigen Punkten modifiziert. Ich bin Hochschullehrer mit Schwerpunkt in Allgemeiner Psychologie, und das bestimmt meine bevorzugte Perspektive. Offensichtlich gibt es auch andere Perspektiven. Zu ihrem besseren Verständnis verhalfen mir Korrespondenzen und ausführliche Gespräche (bedingt durch die gegenwärtige Pandemie meist Telefonate) mit Sachverständigen, vor allem mit solchen, die an der letzten Psychotherapiereform in verantwortlichen Positionen beteiligt waren. Dafür danke ich auch an dieser Stelle Prof. Andrea Abele-Brehm (Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1914–2016), Prof. Conny Antoni (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 2016–2018), Prof. Peter Frensch (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie von 2010–2012), Prof. Thomas Fydrich (Zentrum für Psychotherapie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1. Vorsitzender unith e.v.), Prof. Jürgen Körner und Prof. Christiane Ludwig-Körner (Internationale Psychoanalytische Universität Berlin), Prof. Michael Krämer (Präsident des Berufsbandes Deutscher Psychologinnen und ←12 | 13→Psychologen 2013–2020), Dipl. Psych. Fredi Lang (Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen), Dr. Dietrich Munz (Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer seit 2015), Prof. Rainer Richter (Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer 2005–2015), Prof. Birgit Spinath (Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 2018–2020). Generalsekretär Thomas May vom Deutschen Wissenschaftsrat danke ich für die Informationen, die er mir unter Beachtung seiner Vertraulichkeitspflichten gegeben hat. Gerne hätte ich mich beim Bundesgesundheitsministerium für Informationen bedankt, die über dessen Verlautbarungen im Internet hinausgehen; das Ministerium konnte ein erbetenes Gespräch aber leider nicht ermöglichen. Verweise auf einschlägige Dokumente verdanke ich nicht nur oben genannten Gesprächspartnern, sondern auch Dr. Regine Lockot.

Ich freue mich, dass meine Schrift nunmehr in der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Psychologie“ des Verlags Peter Lang erscheint. Für ihre Unterstützung danke ich Prof. Helmut E. Lück und Prof. Armin Stock, den Herausgebern der Reihe, sowie Dr. Benjamin Kloss, dem leitenden Lektor des Verlages. Zu guter Letzt danke ich Frau Sandra Ehnert und dem gesamten Team vom Peter Lang Verlag für die Sorgfalt bei der Herstellung dieses Buchs.

30. Januar 2022 Wolfgang Schönpflug

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1. Erfahrungsseelenkunde und Philosophie, Popularphilosophie und -psychologie

Der Begriff „Psychologie“ entstammt der Neuzeit; er entsteht zu Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert. Als Psychologie bezeichnete man ein Lehrgebiet an den im Humanismus neu eingerichteten Universitäten und Gymnasien. Man unterschied mit dem einflussreichen Philosophieprofessor Christian Wolff aus Halle eine psychologia rationalis und eine psychologia empirica. Die rationale Psychologie sollte metaphysische Fragen ergründen (wie die Unsterblichkeit der Seele), die empirische aber die durch Selbsterfahrung und Fremdbeobachtung zu erschließenden Erscheinungen und Leistungen des menschlichen Geistes (wie Wahrnehmung und Denken). Als sich in der wissenschaftlichen Lehre die deutsche Sprache durchsetzte, wurde Psychologie auch als Seelenkunde, empirische Psychologie auch als Erfahrungsseelenkunde bezeichnet (Scheerer, 1989).

Zur Zeit der europäischen Aufklärung und des aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert finden psychologische Fragen im Allgemeinen und psychische Probleme im Besonderen zunehmend Beachtung. Es ist eine Zeit des Gewerbefleißes, des Aufblühens von Wissenschaft und Technik, Kunst und Bildung sowie des Strebens nach gerechter Staatsverfassung. Die menschliche (und tierische) Seele, ihre innere Beschaffenheit und ihr äußerer Ausdruck, ihre Krankheiten und deren Heilung werden vielfach in Philosophie, Religion und Kunst thematisiert; die Bürgerschaft bildet nicht nur das Publikum für philosophische, religiöse und künstlerische Darstellungen, sondern führt selbst lebhafte Diskussionen über die menschliche Natur und die Erlangung menschlichen Glücks.

Sachkundige, wissbegierige und betroffene Bürger – besorgte Väter, Mütter und Freunde, Ärzte, Geistliche, Erzieher, Richter – suchten ihre Erkenntnisse auszutauschen. Der Austausch sollte sich auch öffentlich vollziehen, um ein größeres Publikum einzubeziehen. Diesem Ziel dienten Schriftserien, „Magazine“ genannt; einige bezeichneten sich ausdrücklich als „psychologisch“ (Dessoir, 1902/1964, S. 283–300). Den Anfang der psychologischen Magazine machte das 1783 erstmals erscheinende „Magazin für Erfahrungsseelenkunde“ mit dem Titel „Gnothi sauton – Erkenne dich selbst“ (Moritz, Pockels, & Maimon, 1783–1793). Es gliederte sich in die Abteilungen „Seelennaturkunde“, „Seelenzeichenkunde“, „Seelenkrankheitskunde“ und „Seelenheilkunde“. Seelennaturkunde umfasste Beiträge über normale psychische Erscheinungen (z.B. Sprache, ←17 | 18→Kindheitserinnerungen). Das wohl beliebteste Thema der Seelenzeichenkunde war die Physiognomik, d.h. die vermutete Kunst, aus Gesichtsmerkmalen den Charakter zu erschließen (z.B. aus dem Augenabstand die Listigkeit einer Person). Zur Seelenkrankheitskunde druckte das Magazin z.B. einen Bericht über einen sadistischen Lehrer, der Kinder zur Strafe ohne Mantel in die eisige Kälte schickte. In der Abteilung zur Seelenheilkunde berichtete ein Beitrag z.B. über die Linderung von Schwermut durch Gartenarbeit. Hauptherausgeber des Magazins und Verfasser zahlreicher Beiträge war der Gymnasialprofessor Karl Philipp Moritz. Erfahrungsseelenkunde schwebte ihm als bürgerliches Bildungsprojekt vor, das die Psychologie erneuern und dem Glück im Allgemeinen sowie der seelischer Gesundheit im Besonderen zugute kommen sollte.

Details

Seiten
290
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631858363
ISBN (ePUB)
9783631867891
ISBN (Hardcover)
9783631867525
DOI
10.3726/b19086
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Februar)
Schlagworte
Approbation Psychologiestudium Psychotherapieausbildung Akademisierung Professionalisierung Institutionalisierung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 290 S.

Biographische Angaben

Wolfgang Schönpflug (Autor:in)

Wolfgang Schönpflug ist Professor für Psychologie (Schwerpunkt: Allgemeine Psychologie) an der Freien Universität Berlin. Zur internationalen Forschung hat er sowohl experimentelle als auch historische Studien beigetragen. Seine experimentalpsychologischen Untersuchungen behandeln vor allem Probleme des Gedächtnisses und der Verhaltensregulation. Seine historischen Studien befassen sich insbesondere mit der Sozial- und Institutionengeschichte der Psychologie als Wissenschaft und Beruf.

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