Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Wie kann man Proust lesen?
- Versatzstücke der Lebenswelt Marcel Prousts
- 2. Die Recherche als soziales Kaleidoskop und Karussell der Belle époque
- Swann: ein Dandy mit vulgären Vorlieben
- Odette: Kokotte und Königin des Kitschs
- 3. Die Recherche als „musée imaginaire“: Malerei als Filter des Begehrens
- Die Recherche als „imaginäres Museum“
- Medialisierung der Wahrnehmung oder: Die Konstruktion innerer Puppen im Werk Marcel Prousts
- 4. Bühnen des Eros: Theater und Photographie als Modelle erotischer Kommunikation
- Alles ist Theater: Theater als Modell erotischer und sozialer Kommunikation
- Das Grandhotel von Balbec als Theaterbühne
- Die Photographie im Zeichen des Eros
- Das Photo als auratisches Kultobjekt
- Photogeschichten und Dreiecksgeschichten im Zeichen des Theaters des Eros
- 5. Moralistische Neugierde. Die Recherche als fiktionalisierte und profanierte Moralistik
- Pascals und Prousts Paradox: Zwischen Weltsucht und Weltflucht
- Tugend als verkleidetes Laster – Laster als verkleidete Tugend: Mlle Vinteuil oder: Prousts Spiel mit der Inversion einer Maxime La Rochefoucaulds
- Unergründbarkeit des Anderen: leere Augen
- 6. Musik als Filter des Begehrens
- 7. Prousts queere Poetik im Zeichen von Camp und Fortuny
- 8. Schreiben im Zeichen neuer Medien und Technologien
- 9. Schule der Eifersucht
- Die figure des Aufschubs und der Verfehlung
- Zur figure der Eifersucht
- 10. Schule des Sehens
- 11. Schule der Gaumenlust
- 12. Quellenverzeichnis
- Reihenübersicht
1. Wie kann man Proust lesen?
[…] la lecture est une amitié.1
Le monde réel est fait de livres lus, autant que de peintures aimées.2
Das Buch hat, so bemerken die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari, längst aufgehört, ein Text mit einer eindeutig entzifferbaren monovalenten Botschaft zu sein: „Le livre a cessé d’être un microcosme, à la manière classique, ou à la manière européenne. […] Ce n’est pas une belle totalité organique, ce n’est pas non plus une unité de sens“.3
Das Buch ist heute vielmehr eine Art „boîte à outils“4, eine „Werkzeugkiste“ aus der man sich nimmt, was man braucht. Auch Proust vertritt eine solche Auffassung der Lektüre und imaginiert einen modernen Leser, der durch seine Lektüre seinen eigenen Roman erschafft. Proust verstünde sein Buch, so bemerken Deleuze und Guattari – Proust paraphrasierend – in diesem Zusammenhang, „comme des lunettes“5, wie eine Brille, und sage seinen Leserinnen und Lesern einfach „voyez si elles vous conviennent, si vous percevez grâce à elles ce que vous n’auriez pas pu saisir autrement ; sinon, laissez mon livre, cherchez-en d’autres qui vous iraient mieux. Trouvez des morceaux de livres, ceux qui vous servent ou qui vous vont. Nous ne lisons plus, mais nous n’écrivons plus à l’ancienne manière. Il n’y a pas de mort du livre, mais une autre manière de lire.“6←9 | 10→
Prousts Auffassung der Lektüre ist in der Tat radikal modern. Betont er doch, dass seine Leser vor allem Leser ihrer selbst seien:
Mais pour en revenir à moi-même, je pensais plus modestement à mon livre, et ce serait même inexact que de dire en pensant à ceux qui le liraient, à mes lecteurs. Car ils ne seraient pas, selon moi, mes lecteurs, mais les propres lecteurs d’eux-mêmes, mon livre n’étant qu’une sorte de ces verres grossissants comme ceux que tendait à un acheteur l’opticien de Combray […].7
Um aber auf mich selbst zurückzukommen, so dachte ich bescheidener an mein Buch, und es wäre sogar ungenau zu sagen, daß ich an die dachte, die es lesen würden, an meine Leser. Denn sie würden meiner Meinung nach nicht meine Leser sein, sondern die Leser ihrer selbst, da mein Buch nur etwas wie ein Vergrößerungsglas sein würde, ähnlich jenen, die der Optiker in Combray einem Käufer über den Ladentisch reichte […].8
Wenn wir Proust lesen, lesen wir also in uns selbst. Als Proustleser sind wir, so Martin Walser, „im Vorteil“ oder anders gesagt und mit Michael Maar gesprochen: „Wer Proust liest, kann sich den Soziologen“ schenken.
Aber wovon handeln denn nun diese 4000 Seiten des Romans À la recherche du temps perdu, der in der deutschen Übersetzung Auf der Suche nach der verlorenen Zeit heißt, und warum sollten wir sie überhaupt lesen?
Am Anfang steht also die Frage: Warum Proust lesen?
Wer oder was könnte einen dazu verführen in der Zeit der Schnelllebigkeit digitaler Bildeindrücke einen über 100 Jahre alten fast 4000-seitigen Roman mit dem unzeitgemäßen Titel À la recherche du temps perdu zu lesen?
Wäre die Lektüre nicht selbst verlorene Zeit? Warum sollte man dem Erzähler, einem gewissen Marcel, bei seinen ekstatischen Abenteuern der Erinnerung beiwohnen, wenn der ephemere Fingerdruck auf die unverletzliche Haut ←10 | 11→unserer Smartphones genügt, um in Sekundenschnelle die Erinnerung an die letzte Party, den letzten Freund, die letzte Freundin, den letzten Urlaub aufzurufen?
Die Proust’sche Erinnerung von der im Roman – unter anderem – die Rede ist, ist eine vollkommen andere. Sie hat mit den ständig verfügbaren Wucherungen digitaler Bildeindrücke und Pseudo-Erinnerungen vielleicht nur wenig gemein.
Details
- Seiten
- 160
- Erscheinungsjahr
- 2022
- ISBN (ePUB)
- 9783631702987
- ISBN (MOBI)
- 9783631702994
- ISBN (PDF)
- 9783653064339
- ISBN (Hardcover)
- 9783631667705
- DOI
- 10.3726/b19523
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2022 (Juni)
- Schlagworte
- Marcel Proust Neue Medien Malerei Photographie Automobil Queerer Eros
- Erschienen
- Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 160 S., 17 farb. Abb., 12 s/w Abb.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG