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Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive

Akten des XIV. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) (Bd. 5) - Jahrbuch für Internationale Germanistik - Beihefte

von Laura Auteri (Band-Herausgeber:in) Natascia Barrale (Band-Herausgeber:in) Arianna Di Bella (Band-Herausgeber:in) Sabine Hoffmann (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 608 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Die gesellschaftliche Verantwortung zwischen Poetik und Politik ist ein zentrales Thema im theoretischen Diskurs, der hier durch Beiträge aus verschiedenen Ländern bereichert wird. Dazu gehört auch die Frage der Gewaltdarstellung und der Disability Studies in der deutschsprachigen Literatur.
Der fünfte Band enthält Beiträge zu folgenden Themen:
- Gesellschaftliche Verantwortung: Politik und Poetik;
- Gesellschaftliche Verantwortung in der europäischen Gegenwart: Transnationalität und Poetik;
- Gewalt und Literatur;
- Behinderungen und Herausforderungen – Disability Studies in der Germanistik

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Gesellschaftliche Verantwortung. Politik und Poetik
  • Einführung (Anne-Rose Meyer (Wuppertal), Eugenio Spedicato (Pavia), Christiane Weller (Melbourne))
  • Teil I: Politik, Poetik und Ästhetik
  • Zornfähige Gegenwartsliteratur (Eugenio Spedicato (Pavia))
  • Neue Wege des literarischen Engagements im 21. Jahrhundert. Am Beispiel der Werke von Kathrin Röggla und Lukas Bärfuss (Joanna Jabłkowska (Łódź))
  • Kinder als Erzähler in Geschichten von Exil und Migration. Keun – Özdamar – Veteranyi (Anne-Rose Meyer (Wuppertal))
  • Tanzen gegen den Zeitnotstand. Peter Handkes Reiseepen und das Trauma der Beschleunigung (Thorsten Carstensen (Indianapolis))
  • Gesellschaftliche Verantwortung: Eine Kategorie und ihre Grenzen am Beispiel der Gegenwartslyrik (Wolfgang Braungart (Bielefeld))
  • Gesellschaftliche Verantwortung in den Frankfurter Poetikvorlesungen von Hilde Domin, Marlene Streeruwitz und Juli Zeh (Gundela Hachmann (Baton Rouge))
  • Teil II: Literarische und filmische Perspektiven auf Wirtschaft, Umwelt und Krieg
  • „[T]‌otaler Weltenbrand oder nur die große Katharsis“? Zur Frage nach engagierter Literatur heute am Beispiel von Jonas Lüschers Frühling der Barbaren (Tanja Angela Kunz (Bielefeld))
  • Verantwortungslosigkeit und gesellschaftliche Verantwortung in Uwe Timms Romanen Kopfjäger (1991) und Vogelweide (2012) (Monika Albrecht (Vechta))
  • Ansätze zu einer Medienästhetik aus dem Geist des Atomaren. Vorüberlegungen im Hinblick auf Doris Dörries Film Grüße aus Fukushima (2016) und Alain Resnais’ Hiroshima mon amour (1959) (Achim Küpper (Berlin))
  • Umweltprobleme in einer fiktiven DDR im 21. Jahrhundert: Der korrupte Umgang mit Energie in Alternativweltgeschichten von Simon Urban und Thomas Brussig (John Pizer (Louisiana))
  • Überlegungen zur affektiv-leiblichen Anerkennung von Diversität und der mehr-als-menschlichen Welt (Christine Kanz (Linz))
  • Gesellschaftliche Verantwortung in der europäischen Gegenwart: Transnationalität und Poetik
  • Einleitung (Paul Michael Lützeler (St. Louis), Michael Braun (Köln), Britta Herrmann (Münster))
  • Die neuen Ungehaltenen. Wut auf den Integrationsverweigerer Deutschland in Romandebüts der deutschen Gegenwartsliteratur (Hannes Höfer (Jena))
  • „Das erste Mal im Leben konnte er fühlen, wie sein Denken begann.“ Überlegungen zu einer Politik der Ästhetik in Lutz Seilers Roman Kruso (Suzanne Bordemann (Trondheim))
  • Erinnerung und ethos im Roman Der kretische Gast von Klaus Modick (Eleni Georgopoulou (Thessaloniki))
  • Robert Menasses „Schweinische Parallelaktion“. Die Europäische Union in Die Hauptstadt (Sonja E. Klocke (Madison, USA))
  • Brüssel, Rue Joseph II. Robert Menasses Europäizität (Stephan Braese (Aachen))
  • Navid Kermanis Reisereportagen zwischen Politik und Poetik (Elke Segelcke (Illinois))
  • Literarische Verantwortung für Peripherien in postmodernen Strategien (Edgar Platen (Göteburg))
  • Ton und Gedächtnis. Fragmentarische Überlegungen zum Dokumentarhörspiel (Britta Herrmann (Münster))
  • Die (un)mögliche Gemeinschaft im Hörspiel Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz (Agnieszka Hudzik (Berlin))
  • „Die Räume richtig auseinanderhalten“. Anmerkungen zum Politischen im Gegenwartstheater (Norbert Otto Eke (Paderborn))
  • Erzählen sozialer Geschichten und gesellschaftliches Engagement im Theater der Gegenwart (Heribert Tommek (Regensburg/Berlin))
  • Rechtsinszenierungen als Szenarien gesellschaftlicher Verantwortung (Kerstin Wilhelms (Münster))
  • Provokationen und Potenziale theatraler Kopräsenz: Theater über Flucht und Milo Raus Die Europa Trilogie (Romana Weiershausen (Saarbrücken))
  • Gewalt und Literatur
  • Einführung (Yun-Young Choi (Seoul), Keiko Hamazaki (Tokyo), Swati Acharya (Pune), Michael Mandelartz (Tokyo))
  • Sprache der Gewalt und Gewalt der Sprache. Überlegungen zu Sybille Krämers Thesen zur symbolischen Gewalt (Swati Acharya (Pune))
  • Gewalt, Notwehr und Placebo-Effekte: Ein Vergleich zwischen Ferdinand von Schirachs und Max Brods gleichnamigen Erzählungen „Notwehr“ (Chieh Chien (Taipei))
  • Über die Gewalt in der Literatur mit besonderer Berücksichtigung von Anna Kims Texten (Yun-Young Choi (Seoul))
  • Kiran Nagarkars Roman Gottes Kleiner Krieger. Eine Geschichte von zwei Brandstiftern (Rajendra Dengle (Neu Delhi))
  • Ethik und negative Ästhetik der Gewalt. Sexueller Missbrauch in Thomas Jonigks Täter (1999) (Mandy Dröscher-Teille (Hannover))
  • Literarische Überwindung der Gewalt. Abbas Khiders Humor als literarische Strategie (Keiko Hamazaki (Tokyo))
  • „Gewaltig bewegen“. Gewalt als Topos der deutschsprachigen Debatte um das Übersetzen (Christine Ivanovic (Wien))
  • Literatur und Staatsgewalt. Das Fallbeispiel DDR (Magdalena Latkowska (Warschau))
  • Bildersturm, Säkularisation und die Gewalt der Rechtsordnungen. Zu Kleists Heiliger Cäcilie (Michael Mandelartz (Tokyo))
  • Gewalt als Mythos. Zur Darstellung der Gewalt als literarisches Konstrukt am Beispiel von Alex Capusʼ Eine Frage der Zeit (Shiwanee Parimal (Pune))
  • Sühnopfer und Selbstopferung in der völkisch orientierten Literatur an Beispielen von Romanen Guido Lists und Felix Dahns (Petr Pytlik (Brno))
  • Metamorphosen der Gewalt. Ovid’sche Stimmen in Anja Utlers münden – entzüngeln (Katharina Simon (München))
  • Eine O-förmige Figur: Kleists Marquise von O… (I-Tsun Wan (Taipei))
  • Behinderungen und Herausforderungen. Disability Studies in der Germanistik
  • Einleitung (Federica La Manna (Rende))
  • In den Sternchen geschrieben. Inklusive Sprache(n) in Frankreich und Deutschland (Sarah Neelsen (Paris))
  • Repräsentationen von Gehörlosigkeit im Film – Jenseits der Stille im Kontext der ‚Deaf Futures‘ (Erika Berroth (Georgetown))
  • Nicht hören wollen. Schwerhörige in der Literatur der (Wiener) Moderne (Christoph Schmitt-Maaß (Oxford))
  • Überlegungen zur Behinderung in Stifters „Turmalin“ (Misa Fujiwara (Kyoto))
  • Tropenkoller. Die weiße Behinderung in den Kolonialromanen der Jahrhundertwende (Francesca Ottavio (Rende))
  • Jenny Erpenbecks Geschichte vom alten Kind (1999) als ästhetisches Behinderungsmodell (Silvia Ulrich (Turin))
  • Interkulturelle Pluralität Dis/ability in ausgewählten deutschsprachigen Bilderbüchern (Nicole Coleman (Detroit))
  • Fernsehserien spielen Inklusion vor – Erfolgreiche Frauen mit Behinderungen in Dr. Klein und Die Heiland – Wir sind Anwalt (Waltraud Maierhofer (Iowa City))
  • Reihenübersicht

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Gesellschaftliche Verantwortung. Politik und Poetik

Herausgegeben von Anne-Rose Meyer, Eugenio Spedicato, Christiane Weller

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Einführung

Eine Schriftstellerin/ein Schriftsteller darf niemals in erster Linie wegen ihrer/seiner politischen Gesinnung wertgeschätzt werden. Entscheidend sind vielmehr die Kunstpraxis, die Qualität des Schreibens, die Komplexität und Kohärenz des Geschaffenen, die Faszination der erdachten Stoffe und Welten. Die Literatur kann nicht mit einem Zauberstab die Welt verändern, aber sie kann das Denken beschleunigen, neue Perspektiven eröffnen, das gesamte Reservoir des literarischen Gedächtnisses mobilisieren, Kritik an den bestehenden Verhältnissen in verschlüsselter oder leicht zugänglicher Form anmelden, um Nachdenken zu fördern und Veränderung voranzutreiben. Mehrmals und auf mannigfaltige Weise hat sich in den verschiedensten historischen Zusammenhängen und Epochen ihre große Wirkungskraft erwiesen, auch wenn sie oft keinen direkten Einfluss auf die Zeitläufe ausgeübt hat. „Gesellschaftliche Verantwortung“ ist heutzutage keineswegs nur im Bereich der Unternehmenskultur oder der Wissenschaft ein herausragendes Thema. Sie gehört grundsätzlich auch zum Selbstbewusstsein der Schriftstellerin/des Schriftstellers. Der vorliegende Sammelband will die Selbstverortung der Literatur im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Verantwortung in den Blick nehmen. In ihm findet die Mehrheit der Vorträge einen Platz, die während des vierzehnten IVG-Kongresses „Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive“ (Palermo, 26.–31.07.2021) innerhalb der online stattgefundenen Sektion „A3 – Gesellschaftliche Verantwortung I: Politik und Poetik“ vorgestellt wurden.

Selbstverständlich ist dieser Band kein Unikum im Feld der germanistischen Studien, die sich in letzter Zeit wieder vermehrt den Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Politik widmeten. Was unser Band mit den bereits bestehenden Forschungen und Ansätzen verbindet (Brockhoff et al. 2016, Neuhaus & Nover 2019, Heinemann et al. 2020), ist der Anspruch auf eine möglichst breit angelegte Bestandsaufnahme der Modalitäten, mit denen politische Fragestellungen auch in der jüngeren deutschsprachigen Literatur behandelt wurden. Die wesentliche Gemeinsamkeit mit vorhandenen Publikationen besteht in der Auffassung, dass das Politische nicht mit Politik verwechselt werden darf. Das Politische umfasst das Gesamtgefüge des kollektiven Lebens, Denkens und Handelns im engen Zusammenspiel mit der besonderen Beschaffenheit von politischen Systemen und dem Verhalten von politischen Entscheidungsträgern. Die Literatur der Gegenwart versucht in der Regel nicht, auf das System der Politik durch ästhetische oder politische Strategien ←11 | 12→einzuwirken, beispielsweise um fällige Veränderungen zu fördern, wobei allerdings auch Versuche dieser Art denkbar sind und prinzipiell nicht als Tendenzliteratur disqualifiziert werden sollten. Die Literatur der Gegenwart setzt sich recht häufig mit dem Politischen auseinander, indem sie brüchige Identitätsentwurfe in kollektive Szenarien übersetzt. Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen und muss lernen mit der eigenen Labilität umzugehen. Das dargestellte Selbst ist jedenfalls immer nur ein Stück in einem fragmentierten, politisch determinierten Ganzen, oft genug ist es auch eine Art Strandgut in einem Gefüge von unentwirrbaren Komplexen und schwer überschaubaren Abhängigkeiten.Die inzwischen leicht überholte Diagnose von Ulrich Beck in Bezug auf die postmoderne Risikogesellschaft scheint im Hinblick auf die Gegenwartsliteratur immer noch recht gut zu funktionieren: Schicht, Familie, Arbeitsmilieu, Geschlechtsbeziehungen prägen die Subjektkonstruktion literarischer Figuren durch permanente Veränderungen und existenzielle Risiken. Was in diesem weiten Bezirk stets im Werden ist, hängt sehr oft mit politischen Kursbestimmungen zusammen. Die Romane eines Uwe Timm zum Beispiel liefern in dieser Richtung einprägsame Einsichten (siehe dazu in diesem Band Albrecht). Die Vielfalt der im vorliegenden Band untersuchten literarischen Werke zeigt mit Deutlichkeit, dass es bei gegenwärtigen Autorinnen und Autoren ein reges Interesse an politischen Themen gibt, dass wir es also generell nicht im Entferntesten mit einem Rückzug in die komfortable Welt der bindungslosen Innerlichkeit zu tun haben. Unser Band ist jedoch wohl der erste, der der Frage der Zentralität von gesellschaftlicher Verantwortung in der heutigen literarischen Praxis einen so großen Wert beimisst. Es ging uns nicht darum, die alte Diskussion um politische/unpolitische Literatur noch einmal zu entfachen: Die Literatur ist ein multipolares Universum, in dem jeder seinen eigenen Weg sucht und sich den eigenen Mitteilungsstil erarbeitet. Autoritative Rangbesetzungen gehören zur Vergangenheit. Die Antinomie zwischen einseitig verstandener Engagiertheit und blinder Verteidigung des Autonomiestatus künstlerischer Äußerung hat keinen Existenzgrund mehr. Der Gesellschaftsbezug ist immer präsent, auch dort, wo ein Text sich davon meilenweit zu entfernen scheint. Dieser Bezug ist jedoch niemals an sich die Garantie für eine hochwertige künstlerische Leistung. Wie kaum zuvor ist heute jeder literarische Text, jedes sprachliche Eingreifen einer Schriftstellerin/eines Schriftstellers ein winziger Stein in einer sich stets bewegenden und verwandelnden Galaxie, ein Teilzeichen in einem verschlungenen und weitgespannten System von Zeichen verschiedenster Art und Herkunft. Unvorstellbar dicht ist das Netz der Querbezüge zwischen Individuum und Gesellschaft auf der Ebene der Kommunikation. Die sich daraus ergebenden Spannungsfelder fordern vom Individuum, dass es sich daran permanent mitbeteiligt, in reflexiver oder tätiger Form.←12 | 13→Immer bedrohlicher haben sich in den letzten Jahrzehnten die Anzeichen einer irreversiblen globalen Veränderung kundgetan. Epochale Migrationsphänomene (vgl. dazu Meyer in diesem Band), Klimaerwärmung und ihre Folgen, digitale Barbarei, Sittenverrohung im Alltagsleben, radikale Selbstentfremdung sind Aspekte, die keine Schriftstellerin und keinen Schriftsteller kalt lassen sollten, selbst wenn keine Pflicht besteht, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das Konzept der gesellschaftlichen Verantwortung weist auf die Notwendigkeit, dem historisch gewordenen Engagement eine neue Dimension zu erschließen. Dieser Schritt ist heute besonders wichtig, weil die alte Welt der engagierten Schriftstellerei wohl als definitiv überholt gelten darf. Fragt man heute nach Beispielen für jüngere Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Literatur, deren literarische Praxis einen deutlichen Bezug zum Politischen hat, werden viele wahrscheinlich etwa an Lukas Bärfuss, Kathrin Röggla, Uwe Tellkamp, Ilija Trojanow, Juli Zeh usw. denken (dazu u.a. Spedicato, Jabłkowska, Hachmann). Diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind durchaus repräsentativ, sie erfreuen sich eines breiten Publikums, eines internationalen Ansehens, in der Presse und im Fernsehen sind sie oft präsent und werden als Intellektuelle geschätzt und gehört. Sind sie auch charismatische Figuren oder moralische Instanzen? Die Zeiten haben sich geändert, die Nachkriegszeit ist längst vorbei, ebenfalls die Revolution von 68, selbst die Aura der Wiedervereinigung ist verschwunden. Uns stehen globale Bedrohungen bevor. Darauf sollte die Welt der Literatur auf adäquate Weise reagieren. Deshalb sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller die besten Zeitzeugen. Ärger sollten sie empfinden in Anbetracht der himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Wahrheitsverdrehungen, mit denen man alltäglich konfrontiert wird. Alarm schlagen, literarische Stoffe und Konstellationen ersinnen, die die globalen Herausforderungen selbst im Mikrokosmos der perceptions particulières sichtbar werden lassen: Auch darin liegt ihre Aufgabe. In der deutschsprachigen Literaturszene lassen sich möglicherweise nur mit Schwierigkeit Persönlichkeiten finden, die mit einem Heinrich Böll oder einem Theodor W. Adorno zu vergleichen wären und genug öffentliche Autorität besäßen, um gegen die resignierte Stumpfheit oder Gleichgültigkeit der selbstgefälligen westlichen Gesellschaft zu protestieren. Außerdem haben sich in der Zivilgesellschaft der westlichen Welt im Lauf der Zeit mehrere NGOs wie Greenpeace, Amnesty International oder Human Rights Watch durchgesetzt, die gewissermaßen die Rolle der engagierten Autorinnen und Autoren übernommen und stark erweitert haben. Engagement, diese große, vieldiskutierte Kategorie, kann nicht länger an Leuchtfiguren wie Jean-Paul Sartre, Albert Camus oder Simone de Beauvoir gebunden werden, was nicht bedeutet, dass eine engagierte Literatur unmöglich geworden wäre. Vor dem Hintergrund dieser großen Beispiele erscheint Engagement vielmehr als ein weiterhin zu verfolgender universalistischer ←13 | 14→Ansatz. Eine die-Welt-von-Gestern-Stimmung hat keinen Sinn, die ältere Welt hat die Weichen für unsere gestellt. Die heutige Welt ist global, anomisch (trotz social media), kontingent, undurchdringlich. Augenfällig ist die Tatsache, dass die Fridays-For-Future-Bewegung nichts mit der 68er-Bewegung gemeinsam hat, und es ist zu hoffen, dass Ideologie und Dogmatismus sie nicht infiltrieren bzw. dass alte Fehler sich nicht wiederholen. Denn Ideologie und Dogmatismus sind nach wie vor kräftige Hebel, denen sich besonders in unserer Zeit die planmäßige Verwischung der Grenze zwischen Realität, Wahrheit und Fiktion zugesellt hat.Wie nie zuvor erscheint die heutige Welt als katastrophenanfällig, in einem permanenten Ausnahmezustand gefangen, von Hass, Wut und Verfälschung geprägt (siehe auch die Beiträge von Kunz und Küpper). Eben der Begriff des Ausnahmezustandes, den Giorgio Agamben in Carl Schmitts etatistischer Theorie vorfand und als schlechte politische Praxis in der postmodernen Handhabung der Staatlichkeit brandmarkte, passt gut zur gegenwärtigen Situation und versetzt die Debatte um das Überleben des Subjekts in einen neuen Horizont. Stimmt es, dass das politische Leben in den westlichen Demokratien aufgrund der polarisierten politischen Fronten und des Mangels an gegenseitiger Bereitschaft zum Dialog immer wieder mit dem Schreckgespenst des Ausnahmezustandes rechnen muss? Hat die Pandemie einen ersten Vorgeschmack für die kommende Epoche der globalen vernichtenden Rückschläge geliefert? Nähert sich das Zeitalter der liberalen Weltordnung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges konsolidiert hat, seiner Endphase (vgl. Voigt 2019)? Besonders mit Blick auf den jüngsten Krieg in der Ukraine und der damit einhergehenden globalen atomaren Bedrohung lassen sich Fragen dieser Art nicht so ohne Weiteres durch fulminante Sprüche erledigen. Mit Recht evozieren besorgte Schriftstellerinnen und Schriftsteller dystopische Zukunftswelten (vgl. dazu den Beitrag von Pizer), in denen sich die heutigen Symptomatiken zu Krankheiten und bis zum Paroxysmus fortentwickelt haben. Auch erscheint als besonders berechtigt, dass die Literatur das Subjekt weiterhin als glaubwürdige Instanz beibehält, ohne allzu sehr auf dessen Auseinanderdriften zu achten. Halten wir uns am Begriff des permanenten Ausnahmezustandes fest, dann erscheint nur eine Lösung als besonders sinnvoll: das Subjekt entgegen allen Theorien zu befestigen, die dessen Tod in die Welt herausposaunen. Wenn die Literatur bei dieser Befestigung eine tätige Rolle spielt, dann heißen wir sie mit besonderer Überzeugung willkommen. Aber was ist damit gemeint, wenn geschrieben wird, das Subjekt sollte im Schaffensbereich der Literatur befestigt werden? Die Legitimität der Politik hängt von der Verwirklichung gerechter und demokratischer Zielsetzungen ab, die Literatur bewahrheitet ihre edelste Aufgabe, wenn sie die Unfreiheit, die Ungerechtigkeit und das verstockte Anhängen an falsche Credos der Feindseligkeit offen legt. Die ←14 | 15→Literatur kann praktisch alles, man kann ihr alles zumuten, aber nicht jede Literatur ist dazu fähig, die außerordentlichen Anstrengungen gegenwärtiger Leidenserfahrungen und Selbstbefreiungsversuche zu inszenieren. Gerne verweilt sie bei den Niederlagen und den unvermeidlichen Rückzügen des Selbst. Wäre es irreführend, wenn man in freier Anlehnung an den Existenzialismus oder an die Herangehensweise eines Heinrich Böll das Individuum in der Literatur als einen sich freischaffenden Charakter vorstellen würde, der ständig versucht, von den Verhaltensweisen der großen Menge Abstand zu nehmen? In diesem Bereich hätte und hat die Literatur der Gegenwart noch sehr viel zu sagen, auch im deutschsprachigen Bereich, und auch darin liegt eine eminent politische Aufgabe. Individualität ist nicht vom Individuum selbst hergestellt, sondern durch Überindividuelles bereits determiniert: Diese harte Feststellung darf jedoch weder in der Literatur noch im Leben Freiräume der eigenen Initiative verstellen.

Der vorliegende Band ist in vielerlei Hinsicht ein Plädoyer für eine Literatur, die gesellschaftliches Engagement ernst nimmt und der sozialen und politischen Verantwortung ein besonderes Anliegen ist. Dies umfasst auch die Forderung nach einer Neuauflage der AutorInnen als Intellektuelle und damit die Selbstautorisierung der Schreibenden als Instanzen moralischer Integrität. Wenn also wieder die politische Funktion der Literatur und die Intellektuellenrolle der AutorInnen zusammenfallen, mag man von einer Stabilisierung der Subjektfunktion im literarischen und politisch-gesellschaftlichen Feld sprechen; d.h. im imaginären Raum der Literatur und im Realraum der Politik wird das Subjekt so erneut zum politisch engagierten und sich seiner Verantwortung bewussten Individuum. Doch nicht alle Beiträge dieses Bandes lassen sich unter den obigen Prämissen verorten, entweder weil sie die politische Aufgabe der Literatur prinzipiell in Frage stellen (z.B. Braungart) oder weil sie sich Autoren und Werken widmen, deren Verständnis von Subjekt und Gesellschaftsbezug immer schon vollkommen anders gelagert ist (siehe z.B. Carstensens Beitrag zu Handke). Andere Deutungen der gegenwärtigen Literatur als engagiert oder politisch diagnostizieren die Überwindung von vermeintlich überholten Konzeptionen bezüglich Subjekt, Individuum oder auch der Rolle der Intellektuellen. Das politische Potenzial dieser neuen Literatur (siehe z.B. in den Beiträgen von Kanz oder Albrecht) siedelt sich in einem posthumanistischen Denken an, einer Bewegung, die das menschliche Subjekt oder das gesellschaftliche Individuum zu Gunsten des Nicht-Menschlichen ‚ver-rückt‘. Unter den Stichworten „Human-Animal Studies“ (vgl. hierzu Derrida 2010, Agamben 2014, Borgards 2016), „Ecocriticism“ und „Nature Writing“ oder auch auf der Grundlage der Untersuchungen zum literarischen Umgang mit dem Anthropozän oder Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (vgl. Latour 2007) lässt sich das politische Engagement oder die gesellschaftliche Verantwortung der Literatur noch einmal ganz anders denken. Noch ←15 | 16→radikaler stellt sich die Frage des Politischen der Literatur in den Debatten zur De- oder Entkolonisierung des Wissens (vgl. Tuck/Yang 2012, Bhambra et al. 2018), d.h. hier der Literatur (siehe dazu auch Hachmann), der Philosophie oder auch der Universität. In dieser dekolonialen Theorie geht es nicht mehr um die Frage, was die Literatur kann, sondern was sie darf. Die Literatur hat somit die politische Verantwortung, ihre epistemischen Grundlagen und ihre Positionierung in Bezug auf ein bis heute fortbestehendes koloniales oder imperiales Koordinatensystem – und damit ihre epistemische Gewalt – beständig in Frage zu stellen, um, im radikalsten Falle, das Feld gegebenenfalls anderen Sprechern zu überlassen.

Nach diesen recht weit aufgefächerten Überlegungen zur politischen Verantwortung der Literatur möchten wir im Folgenden die einzelnen Beiträge kurz vorstellen. Unterteilt ist der Band in zwei Sektionen. Im ersten Teil haben wir die Beiträge zusammengeführt, die sich mit Politik, Poetik und Ästhetik befassen. Einige dieser Beiträge liefern hier eher übergreifende oder gattungstypologische Darstellungen, andere untersuchen anhand von ausgewählten Werken oder AutorInnen das Verhältnis von politischer Verantwortung und deren poetologischer bzw. ästhetischer Anliegen.

Eugenio Spedicato eröffnet den Band mit einer Verteidigung der Zornfähigkeit engagierter SchriftstellerInnen, die für eine fortschrittlich orientierte Literaturauffassung als grundlegend betrachtet wird. Welche Art des Zorns sollte die Literatur kultivieren und wie könnte sie ihre Emotionseffekte in den Dienst des politischen Engagements stellen? Unterschiedliche Ausbildungen einer solchen Zornfähigkeit findet Spedicato exemplarisch bei Jean Améry und in manchen Werken Josef Zoderers, Heiner Kipphardts und Lukas Bärfuss’.

Joanna Jabłkowska wendet sich in ihrem Beitrag ebenfalls Bärfuss zu, ergänzt durch einen Vergleich mit Kathrin Röggla; allerdings jedoch nicht ohne uns vorher einen Aufriss der politisch-engagierten Literatur von Günther Eich, Günter Grass, Martin Walser und anderen zu bieten. Nach Jabłkowska ist das Engagement der gegenwärtigen Literatur grundsätzlich anders gelagert als das ihrer Vorgängergeneration – dies sowohl im Hinblick auf die problematisierten Missstände als auch in Bezug auf die angebotenen ästhetischen Lösungen.

In ihrem Beitrag zu Irmgard Keun, Emine Sevgi Özdamar und Aglaja Veteranyi verortet Anne-Rose Meyer Gesellschaftskritik und politisches Engagement in der kindlichen Erzählperspektive. Diese Fokalisierung durch die vermeintlich schutzbedürftige, naiv-vorurteilsfreie Erzählerstimme lässt sich als gelungene Strategie verstehen, die gesellschaftlichen Gewalt- und Herrschaftsstrukturen zu entlarven. Im traumatisierten Kind spiegeln sich so die Traumata von Krieg, Exil und/oder Migration und affizieren in potenziell unmittelbarerer Weise die Leser.

←16 | 17→Der Beitrag von Thorsten Carstensen wendet sich Peter Handke zu, einem Autor, den man wohl erst auf den zweiten Blick in einer Sammlung zur politisch-engagierten Literatur vermutet. Carstensen liest Handke als einen Sozial- und Kulturkritiker, dem es nicht um das tagespolitische Geschäft zu tun ist, sondern der die ‚soziale Beschleunigung‘, eine der Grundkomponenten unserer spätkapitalistischen Gesellschaft, kritisch ins Visier nimmt. Carstensen bescheinigt Handke eine Ästhetik der Langsamkeit, einen epischen Blick oder auch eine romanische Weltsicht – d.h. einen Rückgriff auf eine Vergangenheit, die sich im Handke’schen Denken durch eine unentfremdete, aber auch „machtlose“ Volkshaftigkeit auszeichnet. Handkes Schreiben ist somit ein Schreiben gegen den Zeitgeist oder ein Versuch, Widerständigkeit oder Widerstand in der und durch die Position der sozialen Ausgegrenztheit zu üben.

Mit Bezug auf ein Gedicht von Jan Wagner redet Wolfgang Braungart einer verantwortungsfreien Literatur das Wort. Für Braungart müssen Gesellschaftskritik und gesellschaftspolitische Verantwortung etwas auf den Begriff bringen; doch gerade eine solche Begrifflichkeit ist der Literatur fremd. Während also Literatur einen Resonanzboden für jedwede Art von kultureller Äußerung bilden kann, und sich damit natürlich auch politisch engagieren mag, ist es nur die Dimension des Ästhetischen, für die sich Literatur verantwortlich zeichnen muss. Aber gerade in dieser politischen oder gesellschaftlichen Unvereinnehmbarkeit der Kunst liegt ihre Freiheit. Diese systemische Inkommensurabilität ist nach Braungart letztendlich weit radikaler als jedes wohlmeinende politische Engagement.

Diese erste Sektion wird durch den Beitrag von Gundela Hachmann zu den Poetiken von Hilde Domin, Marlene Streeruwitz und Juli Zeh abgeschlossen. Hachmann verortet diese Poetiken in dem von Rancière bereitgestellten Rahmen, welcher Politik als Bereich des Sag-, Hör- und Sichtbaren versteht. Danach bietet Literatur dem Menschen als politischem Sprachwesen die Möglichkeit einer Veränderung der Selbstwahrnehmung und einer daraus folgenden Neupositionierung. Hachmann zufolge entwickelt Streeruwitz als vielleicht radikalste der drei Autorinnen aus dieser ästheticopolitischen Logik ein dekoloniales Schreiben; ein Ansatz also, der heute zunehmend die Frage nach dem politischen Engagement der Literatur bestimmt.

Der zweite Teil unseres Bandes widmet sich den literarischen und filmischen Perspektiven auf Wirtschaft, Umwelt und Krieg, versucht also nochmals dezidiert Teilbereiche ins Auge zu fassen, die in der heutigen Gesellschaft zunehmend relevant werden. In dem ersten Beitrag dieser Sektion beschäftigt sich Tanja Angela Kunz mit Jonas Lüscher, sowohl im Kontext der seit der Staiger’schen „Kloakenschelte“ anhaltenden Schweizer Debatte zur Funktion der Literatur, als auch in Bezug auf das nationale Selbstverständnis, demzufolge die Schweiz als neutrales, sich-reinhaltendes Schlaraffenland mystifiziert wird. Für Lüscher, so Hachmann, bietet die Literatur die Möglichkeit, ←17 | 18→eine narrative Gesellschaft zu fördern, d.h. über ein polymythisches Erzählen ein narratives Netz zu erstellen, welches die Welt in ihrer Vielfalt erfassbar machen kann. Dieses Erzählen, das sich der Ökonomisierung verweigert, kann somit in der kritischen Distanz eine neue Wahrheit „erfinden“.

Monika Albrecht untersucht das Werk Uwe Timms, der sein Schreiben immer schon „zwischen Unterhaltung und Aufklärung“ verortet hat. Albrecht zeigt auf, wie auch ein auf den ersten Blick unpolitisch erscheinender Roman wie Vogelweide durch ein politisches Anliegen getrieben ist. Timms Schreiben richtet sich gegen das „profitfreundliche ideologische Abwehrsystem“ unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Albrecht verfolgt, wie geschickt Timm die aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Missstände analysiert und entlarvt, indem er die ökonomische Logik ins Private oder Individuelle übersetzt und seine Figuren so am eigenen Leib die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen erleben und erleiden lässt.

Achim Küpper wendet sich in seinem Beitrag dem Film Grüße aus Fukushima von Doris Dörrie zu. In diesem Zusammenhang entwickelt er eine, wie er es nennt, ‚Medienästhetik des Atomaren‘, d.h. den Versuch, Unsichtbares sichtbar und Unhörbares hörbar zu machen. Er schließt damit an theoretische Konzepte an, wie sie schon Gundela Hachmann in ihrer Analyse der Poetiken von Domin, Streeruwitz und Zeh vorgeschlagen hat. Küpper zeigt im Detail, wie Dörrie eine innovative, transkulturelle Bildsprache findet, die die Angst vor einer nuklearen Bedrohung fassbar werden lässt.

Um ökologische Katastrophen geht es auch in John Pizers Beitrag zu den Zukunftsromanen oder Öko-Krimis von Simon Urban und Thomas Brussig, die den politischen Verfall der DDR in das 21. Jahrhundert verlegen. Pizer sieht in diesen ironischen oder satirischen Dystopien einer vermeintlich fortexistierenden DDR ein probates Mittel, Umweltprobleme der gegenwärtigen BRD vorzuführen und einer umfassenden Kritik zu unterziehen.

Der letzte Aufsatz unseres Bandes von Christine Kanz stellt das schon mehrmals erwähnte Konzept der Anerkennung ins Zentrum ihrer Untersuchung zu Yoko Tawada und Thomas Hettche. Auch für Kanz ist Literatur Gedankenbühne und Testfeld, um z.B. die Anerkennung von Diversität im zwischenmenschlichen, aber auch im „mehr-als-menschlichen“ Bereich zu erproben. Kanz schlägt vor, dass Tawada in ihren Werken eine Strategie der affektiv-leiblichen Anerkennung entwickelt, derzufolge Eigenes und Fremdes neu und anders verhandelt werden können, während Hettche in Pfaueninsel ökokritisch für die Anerkennung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren plädiert.

Wir hoffen, dass unser Band dazu beitragen wird, der Diskussion um das Engagement und die Verantwortung der Literatur neue Perspektiven zu eröffnen, sei es als Plädoyer für einen dezidierten Eingriff in das politische ←18 | 19→Tagesgeschäft oder für einen Erprobungsraum zur Entwicklung neuer Denkmuster und Affektmodelle.

Anne-Rose Meyer, Eugenio Spedicato, Christiane Weller
im Frühjahr 2022

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Zornfähige Gegenwartsliteratur

Eugenio Spedicato (Pavia)

Abstract: Im vorliegenden Beitrag wird Engagement auf der literarischen Gedankenbühne als philosophia perennis, als indignatio und Zornfähigkeit in Anbetracht von Missständen jeder Art, als vollständiges Aufgehen in die historische und politische Dimension der Gegenwart verstanden. Zur Bewahrheitung von Engagiertheit ist es heute nicht mehr nötig, als Gewissen der Nation aufzutreten. Selbst einzelne Werke oder Stellungnahmen können Zeugnis ablegen. Im Folgenden wird dies vornehmlich am Beispiel des unvergesslichen Schriftstellerprofils von Jean Améry sowie von drei exemplarischen Texten vorgeführt, und zwar Josef Zoderers heimatkritischem Roman Die Walsche, Heinar Kipphardts Dokumentarstück Bruder Eichmann und Lukas Bärfuss’ ebenfalls heimatkritischem Roman Hundert Tage.

Keywords: Engagement, jʼaccuse, indignatio, Aufklärung, Verteidigung des Einzelnen

1. Engagement: eine absterbende oder gar abgestorbene Kategorie?

Mit Zorn bzw. mit klugem Zorn, ohne jegliche Einmischung der dummen Wut (vgl. generell Ortner 2018), ist hier nicht nur ira gemeint, auch aegritudo und indignatio gehören dazu, Unmut und Empörung. Ja, auch indignatio, denn sie ist nicht die mutlose, zu spät kommende Schwester des Zorns, wie man vielleicht glauben könnte, vielmehr ist sie jene langatmige, emotionale, alle Sinne schärfende Schubkraft, die sich gegen Unrecht, Dreistigkeit und Niederträchtigkeit aufbäumt. Die französische Sprache stellt uns zwei Standardbegriffe zur Verfügung, die mit dem so verstandenen Zorn eng zusammenhängen, und zwar engagement und jʼaccuse. Noch mehr: Diese Begriffe sind die intellektuelle Transkription des klugen Zorns. Bei engagement wird man an die literarische und öffentliche Wirkungskraft des französischen Existentialismus erinnert, der die Dimension der öffentlichen, sozialpolitischen Rolle der Schriftstellerin und des Schriftstellers erneuerte. Engagement galt für den französischen Existentialismus als Verstrickung in die Welt und als Verpflichtung zu handeln, welche sich aus der Einbettung der Literatur in die geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse ergeben. Adorno wies in seiner Interpretation des Existentialismus (vgl. Adorno 1990) auf die Gefahr einer damit verbundenen Gesinnungsästhetik hin, wobei allerdings Engagement etwas Höheres meint: das vollständige Aufgehen mit Hilfe von Kulturkritik und Aufklärung, ja auch mit Hilfe berechtigten Zorns, in der historischen ←23 | 24→und politischen Dimension der Gegenwart. Dieses Höhere soll in Schutz genommen werden gegenüber einer oft anzutreffenden Kritik, die es auf den postulierten moralischen Nutzen literarischer Werke reduzieren will.1 Dieses Höhere kann eine bessere oder schlechtere Konjunktur innerhalb der öffentlichen Einschätzung erfahren bzw. eine bessere oder schlechtere öffentliche Wirkungskraft an den Tag legen, aber es wird nicht so leicht verschwinden, wie die Befürworter der epochalen Paradigmenwechsel indes glauben. Engagement sei die verstaubte Einstellung älterer Autorinnen und Autoren, schreibt man, „Subversion“ im ästhetischen Sinn hingegen sei die einzige zeitgerechte und passende Kategorie für jüngere Leute, die in der Jetztzeit leben und schreiben.2

Merkwürdigerweise gibt es wohl in allen freien Literaturen der Welt und so auch in der deutschsprachigen Literatur zornfähige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, jüngere und ältere, die immer noch für Emanzipation, Aufklärung, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, politische Freiheit, Umweltschutz sowie für die Verteidigung des Einzelnen vor politischen und wirtschaftlichen Großmächten das Wort ergreifen und keineswegs von der Öffentlichkeit ignoriert werden. Es war kein Zufall, dass der ehemalige französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat Stéphan Hessel 2010 mit seinem Pamphlet Empört Euch! eine immense Aufmerksamkeit erreichen konnte. Ebenfalls ist kein Zufall, dass Schriftsteller wie Roberto Saviano oder Orhan Pamuk ein internationales Renommee erlangt haben. Charismatische Persönlichkeiten sind für das Fortexistieren des Engagements als Grundhaltung, als Transkription des klugen Zorns, besonders vorteilhaft, was jedoch nicht bedeutet, dass ohne sie das Engagement tot und begraben wäre. Und trotzdem erheben sich hin und wieder Stimmen, die, alten Wein in neue Schläuche gießend, politische Kunst einzig und allein im Innersten der Kunst selbst erblicken wollen, und zwar jedenfalls nur dann, wenn politische Kunst niemals etwas mit Autorintention, Agitation, Anklage, Gesellschafts- und Machtkritik zu tun hat. Spontan kommt dabei die Frage auf: Wozu dient ←24 | 25→eigentlich diese Delegitimation des literarischen Engagements? Nach wie vor gelten heute noch die traditionellen Merkmale, die auch in Zukunft den Charakter der Schriftstellerin und des Schriftstellers prägen werden, zuallererst die Bereitschaft, das eigene Ansehen einzusetzen, um sich in einem konkreten Fall, im Namen aufklärerischer, liberaler Grundwerte und zum Zweck der Bekämpfung von Fehlentwicklungen, politisch zu engagieren und persönlich die Konsequenzen der eigenen Entscheidung zu tragen. Eben auf dieser Grundlage steht die soziale Verantwortung der Schriftstellerin und des Schriftstellers, wenngleich manche Leute der Ansicht sein könnten, eine so geartete Verantwortung laufe Gefahr, allzu oft in Rhetorik, Ritualität und Pose zu verfallen. Ganz im Gegenteil: Die Aufgabe der sozialen Verantwortung der Schriftstellerin und des Schriftstellers erinnert gewissermaßen an Axel Honneths Begriff des Kampfs um Anerkennung, den der Einzelne immer wieder führen muss, um sich bei den Mächtigen oder bei den Andersdenkenden Gehör zu verschaffen.

In seinem Essay Der Wert des Einzelnen (1998) fragte sich Heiner Hastedt, ob die ,offene Gesellschaftʻ tatsächlich eine mündige Autonomie aller einzelnen Individuen fördere. Seine Antwort darauf lautete, zusammengefasst, so: Die Perspektive der Mündigkeit bleibt offen, wird jedoch von vielen versteckten ,Holismenʻ, mit anderen Worten von vielen eingeschmuggelten Ganzheitsparolen, stets gefährdet, welche die Autonomie des Einzelnen zu unterminieren versuchen.3 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, denen die eigene soziale Verantwortung am Herzen liegt, engagieren sich für die Autonomie des Einzelnen und widersetzen sich sämtlichen Holismen.

Der Ausdruck jʼaccuse erinnert uns sogleich an Émile Zolas Stellungnahme im berühmten Dreyfus-Prozess und ist generell mit einem Anprangern von Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit gleichbedeutend.4 Der Schriftsteller oder die Schriftstellerin übernimmt dabei die Rolle eines öffentlichen Anklägers, einer öffentlichen Anklägerin. Dies tut er/sie nicht, indem er/sie von subjektiven, tendenziösen Einschätzungen getrieben wird, sondern ←25 | 26→vielmehr auf der Grundlage von schwer zu widerlegenden Tatsachen. Eine Rede, ein offener Brief, ein Pamphlet, ein Essay, aber auch Gedichte, Theaterstücke, Filme und Erzählungen können dazu verwendet werden, ohne dass man sich damit unbedingt als Gewissen der Nation stilisieren soll, was einem überholten Autorenbild entsprechen würde. Ob Protestieren und Anklagen immer solide begründet sind, wie es im Dreyfus-Prozess der Fall war, bleibe dahingestellt. Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller hat dennoch das Recht und sogar die Pflicht einzugreifen, wenn Ungerechtigkeiten, Übergriffe, Machtmissbräuche usw. denunziert werden sollen. Sogar ein nicht unbedingt engagierter Schriftsteller wie Wilhelm Genazino ließ sich berechtigterweise zu einer engagierten Rede gegen das Wiedererstarken des „Faschismus“ auf vereinigtem deutschem Boden hinreißen, die am 21. August 1999 unter dem Titel Fühlen Sie sich alarmiert in der Frankfurter Rundschau erschien. Seine Worte haben an Gültigkeit kaum eingebüßt:

Details

Seiten
608
ISBN (PDF)
9783034345736
ISBN (ePUB)
9783034345743
ISBN (MOBI)
9783034345750
ISBN (Paperback)
9783034336598
DOI
10.3726/b19951
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2023 (Januar)
Schlagworte
Gesellschaftliche Verantwortung zwischen Poetik und Politik Gewalt und Literatur Gewaltdarstellung und der Disability Studies in der deutschsprachigen Literatur
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 608 S., 6 s/w Abb.

Biographische Angaben

Laura Auteri (Band-Herausgeber:in) Natascia Barrale (Band-Herausgeber:in) Arianna Di Bella (Band-Herausgeber:in) Sabine Hoffmann (Band-Herausgeber:in)

Laura Auteri ist Ordentliche Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo und war 2015-2021 Vorsitzende der Internationalen Vereinigung für Germanistik. Natascia Barrale ist Associate Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo. Arianna Di Bella ist Associate Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo. Sabine Hoffmann ist Ordentliche Professorin für deutsche Sprache und DaF-Didaktik an der Universität Palermo.

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Titel: Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive
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