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Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive

Akten des XIV. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) (Bd. 2) - Jahrbuch für Internationale Germanistik - Beihefte

von Laura Auteri (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 612 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Exil, Migration, Vertreibung, Flucht sowie Katastrophen finden in der deutschsprachigen Literatur ein Echo. Die nach solchen Erlebnissen entstandenen psychischen Störungen und Traumata werden in diesem Band durch einen Fokus auf ein vielfältiges literarisches Korpus und auf eine breite Reihe von Autoren analysiert.
Der zweite Band enthält Beiträge zu folgenden Themen:
- Katastrophenliteratur;
- „Auf Leben und Tod" - zeitgenössische literarische Texte als Kommemorationsmedien des Todes im Hinblick auf transkulturelle Perspektiven einer interdisziplinären und komparatistisch orientierten thanatologischen Kulturwissenschaft;
- Exil, Migration, Flucht und Vertreibung, Alte und Neue Kriege – Literarische Topoi des 20. und 21. Jahrhunderts;
- Geschichte(n) erinnern – Memory Boom und Störungen der Erinnerung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Katastrophenliteratur
  • Katastrophenliteratur. Zur Einführung (Elena Agazzi (Bergamo), Gaby Pailer (Vancouver), Thorsten Unger (Magdeburg))
  • Teil I Literarische Katastrophensemantik und fiktive Katastrophenszenarien
  • Schiffbruch mit literarischem Zuschauer (Brockes, Fleming, Grimmelshausen, Harsdörffer, Reuter) (Alexander Košenina (Hannover))
  • Von Herder bis Novalis: Die kosmische Katastrophe als Ausgangspunkt für ein Projekt zur Erneuerung der Menschheit (Elena Agazzi (Bergamo))
  • Die „Geschichte aus Hoffnung und Erinnerung“ zusammensetzen. Der Katastrophendiskurs bei den Frühromantikern und Novalis (Raul Calzoni (Bergamo))
  • Emblematische Katastrophen? Natur-Bilder der Zerstörung in Schillers Braut von Messina (Guglielmo Gabbiadini (Bologna))
  • Adalbert Stifters Katastrophen (Jörg Schuster (Frankfurt am Main))
  • Dürre in Theodor Storms Regentrude. Ressourcenkonflikte aus gattungspoetologischer Perspektive (Urte Stobbe (Siegen))
  • Sintflutgedichte des Expressionismus. Vier exemplarische Analysen (Arturo Larcati (Verona/ Salzburg))
  • Eiszeit in Europa. Katastrophen und ihre Überwindung in Hans Dominiks Roman Atlantis (Hans-Walter Schmidt-Hannisa (Galway))
  • Apokalypse als gedächtnisloser Stillstand und die Welt in Miniaturform. W. G. Sebalds Begriff einer Naturgeschichte der Zerstörung (Michele Vangi (Kiew))
  • Teil II Literarische Bezugnahmen auf reale Katastrophen
  • Terror als Katastrophe. Deutsche Zeugen am Ende der französischen Revolution (David Matteini (Siena))
  • „…hinabgeschleudert in die Flut“. Ökonomie und Naturkatastrophe in Friedrich Spielhagens Sturmflut (László V. Szabó (Veszprém))
  • Die Botschaften der Titanic. Drei zeitgenössische Deutungen bei Gustav Landauer, Max Dauthendey und Thomas Mann (Christoph Deupmann (Beijing))
  • Schwarze Milch – Realität gewordene Dystopie in Christa Wolfs Störfall (1987) mit Blick auf Paul Celans Todesfuge (1948) (Gaby Pailer (Vancouver))
  • Katastrophe und Alltag: Alexander Kluges Tschernobyl-Erzählungen (Katharina Gerstenberger (Salt Lake City))
  • Verstrahlte Pilze. Zu Günter Grass’ Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (Thorsten Unger (Magdeburg))
  • Verlust, Trauer, Epitaph – Artensterben in der anthropozänen Lyrik und ihre Funktion als Gegendiskurs und kulturelles Archiv (Gabriele Dürbeck (Vechta))
  • „Auf Leben und Tod“ -zeitgenössische literarische Texte als Kommemorationsmedien des Todes im Hinblick auf transkulturelle Perspektiven einer interdisziplinären und komparatistisch orientierten thanatologischen Kulturwissenschaft
  • Einleitung (Anna Chita (Athen), Stephan Wolting (Poznań))
  • Thanatos oder der „gute Tod“ – Eine Einführung in Kategorien kulturwissenschaftlich orientierter thanatologischer Forschung in Hinblick auf Texte deutschsprachiger Gegenwartsliteratur (Stephan Wolting (Poznań))
  • Das Leben nehmen oder den Tod geben – Selbstbestimmtes Sterben auf der Schwelle von Utopie zur Realität? (Anda-Lisa Harmening (Paderborn))
  • Vom Heldentod zum Ackermann – Fallanalysen zum Motiv des Todes in der mittelalterlichen Literatur (Amelie Bendheim (Luxembourg))
  • Literarisches medical writing: Narrative von Krankheit und Tod bei Thomas Mann (Anastasia Parianou (Korfu))
  • Der Tod des Schriftstellers in der Prosa Norbert Gstreins (Jelena Knežević (Podgorica))
  • Vom Handwerk des Schlachtens zum Krieg: Die verschiedenen Aspekte des Todes in Michael Stavaričs Königreich der Schatten (Valéria S. Pereira (Belo Horizonte))
  • Thomas Manns Der Tod und der Tod (Lingzi SHI (Guangzhou))
  • Exil, Migration, Flucht und Vertreibung, Alte und Neue Kriege – literarische Topoi des 20. und 21. Jahrhunderts
  • Neue und alte Migrations- und Fluchtliteratur. Einführung in die Thematik (Monika Wolting (Wrocław))
  • Transiterfahrungen in der Literatur des Exils und der Migration (Thomas Pekar (Tokyo))
  • Hybride Identitäten. Autofiktionale Texte von jüdischen Autorinnen der Dritten Generation nach der Shoah (Ilse Nagelschmidt (Leipzig))
  • Flucht und Verwandlung bei den „Lakrimistinnen“ Nelly Sachs, Marie Luise Kaschnitz und Ingeborg Bachmann (Jana Hrdličková (Ústí nad Labem))
  • Hannah Arendt poetisch wieder aktualisiert: Der syrische Flüchtling Mohamad Alaaedin Abdul Moula und seine Gedichte an Hannah Arendt (Emmanuelle Terrones (Tours))
  • Literatur als Fluchtort. Identitätssuche der russlanddeutschen Intellektuellen nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges: ein schwieriger Weg in die alte Heimat (Tatiana Yudina (Moskau))
  • Auswirkungen von Vertreibung und Migration: das Krankheitsbild der dissoziativen Amnesie (Angelica Staniloiu (Bukarest/ Bielefeld) und Hans J. Markowitsch (Bielefeld))
  • Erzählen gegen das Vergessen: Erinnerungen an den Armeniergenozid in Katerina Poladjans Hier sind Löwen und Ronya Othmanns Die Sommer (Kirsten Prinz (Gießen))
  • Grenzgänger der Kulturen in Selim Özdogans Romantrilogie (Marijana Jeleč (Zadar))
  • Zur Funktion der Familienbilder in Vladimir Vertlibs Roman Viktor hilft im Kontext der Gegenwärtigkeit der exophonen Literatur (Joanna Ławnikowska-Koper (Częstochowa))
  • Najem Wali, Abbas Khider und andere irakstämmige Autoren in Deutschland. Das ewige Exil (Petra Brunnhuber (Florenz))
  • Lateinamerikanische Jugendliche auf der Flucht in die USA und ihre Darstellung in der Jugendliteratur am Beispiel von Train Kids (Teresa Cañadas García (Madrid))
  • Religiöse Haltung und politische Moral im Werk des exilierten deutsch-iranischen Autors SAID (Arianna Di Bella (Palermo))
  • „Sie sehen so arisch aus.“ Flüchtling im eigenen Land am Beispiel des Romans Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz (Joanna Bednarska-Kociołek (Łódź))
  • Ferdinand von Schirachs Terror (2015) – engagierte Literatur? (Franziska Stürmer (Würzburg))
  • Motivationen, Gefühle, Wahrnehmungen. Linus Reichlins Roman „Das Leuchten in der Ferne“ als Versuch einer Gewaltprävention (Monika Wolting (Wrocław))
  • Fremdheitserfahrungen an der Oder – dargestellt am Beispiel von Wacław Grabkowskis Roman Dzieci z Wilczego Kąta (Marta Jadwiga Bąkiewicz (Poznań))
  • Max Frisch über Exil und Migration sowie Kriege und Terrorismus seiner Zeit (Zofia Moros-Pałys (Piła))
  • „Flucht und Vertreibung“ im Spätwerk von Günter Grass (Yelena Etaryan (Jerewan))
  • Flucht und Migration infolge des Schwarzen Todes – am Beispiel des Romans Die Seuche von Lukas Hartmann (Ewa Wojno-Owczarska (Warszawa))
  • Geschichte(n) erinnern – Memory Boom und Störungen der Erinnerung
  • Einleitung (Carsten Gansel und Anna Kaufmann (Gießen), Manuel Maldonado Alemán (Sevilla), Leslie Adelson (Ithaca))
  • Die fragile Erinnerung: Ursachen und Folgen (Hans J. Markowitsch (Bielefeld) und Angelica Staniloiu (Bukarest/ Bielefeld))
  • Die Kurzgeschichte: Ein soziales Gedächtnisarchiv in Melitta Brezniks „Figuren“ (1999) (Eva Kuttenberg (Erie))
  • Grenzen des Gedächtnisses – ergänzendes Erinnern: gelehrte Erinnerungstexte des 20./21. Jahrhunderts (Anna Axtner-Borsutzky (Bielefeld))
  • Lücken im kollektiven und kommunikativen Gedächtnis. Zur Thematisierung von Zwangsarbeit in Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“ (2017) (Friederike Eigler (Washington))
  • Das Unerzählbare erzählen. Traumadarstellung in Robert Menasses „Die Vertreibung aus der Hölle“ (2001) (Manuel Maldonado Alemán (Sevilla))
  • Sekundäre Zeugenschaft als Erzählmodell in der Holocaust-Literatur der Postmemory Generation (Klaus Wieland (Beirut/ Strasbourg))
  • Zum Schweigen über traumatische Erfahrungen in Hans-Ulrich Treichels „Tagesanbruch“ (2016) (Anna Kaufmann (Gießen))
  • Verdrängte Erinnerungen und Selbsterkenntnis unter besonderer Berücksichtigung von Wim Wenders’ „Land of Plenty“ (Jeang-Yean Goak (Seoul))
  • „Mir fehlt alles, um meine Geschichte als einer von uns zu erzählen“. Identitätskonstruktion und Erinnerungsnarrative in Saša Stanišić’ „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) (Andrea Meixner (Stockholm))
  • Gefühlserbschaften der „Zeitenzeugin“ Eva Umlauf (Nadežda Zemaníková (Banská Bystrica))
  • Identität, Erinnerung, Heterotopie. Zu Ilma Rakusas „Die Insel“ (1982) und Marica Bodrožićs „Das Wasser unserer Träume“ (2016) (Leopoldo Domínguez (Sevilla))
  • Reihenübersicht

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Katastrophenliteratur. Zur Einführung

Böse Zeit […]. Die verdammte Seuche will nicht schwinden. Im Zickzack hin und her wie ein toller Hund rast sie von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus, glaubt man sie da und dort schon verschwunden, bricht sie wieder unversehens hervor, als wäre sie tückisch auf der Lauer gewesen. Auch wo man sich gefeit glauben möchte, in freier Natur, in lindester Frühlingsluft fällt sie über einen her.

(Schnitzler 1937:25)

Wegen einer Katastrophe musste der turnusgemäß eigentlich für Sommer 2020 vorgesehene Kongress der „Internationalen Vereinigung für Germanistik“ (IVG) in Palermo um ein Jahr verschoben werden. Das Coronavirus SARS-CoV-2 hatte Anfang des Jahres 2020 eine bis dahin nicht gekannte, globale Pandemie mit der Erkrankung Covid-19 ausgelöst. Trotz mehrerer relativ schnell und zum Teil mit einer neuen mRNA-Technik entwickelter Impfstoffe gelang es auch im Jahr 2021 noch nicht, die Pandemie einzudämmen. Die neue Virusmutation Omikron sorgte sogar im Winter 2021/2022 noch einmal weltweit für einen enormen Anstieg der Infektionen. Abgesehen von den Impfstoffen wurden in den Jahren der Pandemie relativ schnell diverse Techniken zur Reduktion des Ansteckungsrisikos aktiviert und empfohlen oder verordnet, die auch außerhalb von Phasen des „Lockdowns“ mit Ausgangssperren, Geschäfts- und Restaurantschließungen aufrechterhalten wurden und im beruflichen Bereich von grundsätzlichen Kontaktreduktionen über Hygiene- und Abstandsmaßnahmen bis hin zu Homeoffice und Online-Substitutionen für reale Treffen reichten. So war es im Sommer 2021 möglich, den IVG-Kongress in Palermo in einer Hybrid-Variante aus Präsenzveranstaltungen mit Online-Zuschaltungen durchzuführen und in der Sektion, deren Beiträge hier in überarbeiteter Form vorgelegt werden, mitten in der Pandemie-Katastrophe über Katastrophenliteratur zu diskutieren.

Das Sektionsthema ist aber nicht durch die Corona-Pandemie angestoßen worden. Auch gab es unter den Vorträgen keinen, der sich mit dem Spezialaspekt einer Pandemie oder Seuche als Katastrophe beschäftigt hätte. Von Giovanni Boccaccios Decameron (ca. 1350) über Daniel Defoes Die Pest zu London (1722) hin zu Arthur Schnitzlers Abenteuernovelle (1937) und Albert Camusʼ Die Pest (1947) – um aus der langen Tradition der Pest-Texte vier von Autoren weltliterarischen Ranges zu nennen – gäbe es ohne Zweifel genügend Material für dieses Thema. Nein, die Planungen für die ←13 | 14→Sektion „Katastrophenliteratur“ begannen bereits im Jahr 2017, als die Unterscheidung von medizinischen Masken und FFP2-Masken noch Fachwissen von Ärztinnen und Krankenpflegern war und in den Zeitungen noch nichts von einer 7-Tage-Inzidenz oder einer Hospitalisierungsrate stand. Ausgangspunkt der Idee war damals eher die Beobachtung, dass Katastrophenthematik in den Kulturwissenschaften der ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts besonders virulent zu sein scheint und in der Publizistik debattiert wird. Schauen wir einmal in Zehnjahresschritten: 2001 war nine-eleven (9/11) ein folgenreicher katastrophischer Auftakt. Er zeigte ein neues und besonders perfides Gesicht des internationalen Terrorismus, der seither häufig nach dem Paradigma von Selbstmordattentaten agiert. 2011 brachte die kombinierte Natur- und Technikkatastrophe von Fukushima zum zweiten Mal in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie eine Kernschmelze und radioaktive Verseuchung größten Ausmaßes, die inzwischen vielfach auch literarisch thematisiert wurde (vgl. dazu Bohn/Feldhoff 2015). 2021 ist das beherrschende Thema neben der Corona-Pandemie die sogenannte Klimakatastrophe, ein Oberbegriff für die diversen Symptome anthropogener Auswirkungen auf das Ökosystem der Erde. Problemstellungen zur Bewältigung der globalen Klimakatastrophe dürften in den kommenden Jahrzehnten Politik und Wirtschaft beherrschen. Ob es der Menschheit aber gelingen wird, als schädlich erkannte Einflüsse zu reduzieren und das eigene Überleben auf der Erde zu verlängern, wird unterschiedlich diskutiert. Jedenfalls ist die Menschheit in der Lage, das Thema einer zukünftigen „Erde ohne Menschen“ zu reflektieren (vgl. Horn 2014: 7–12), die dann in eine neue erdgeschichtliche Phase eintreten würde – nach der gegenwärtigen, die inzwischen fächerübergreifend unter dem aus der Geologie vorgeschlagenen Begriff des Anthropozän diskutiert wird (vgl. zuerst Crutzen / Stoermer 2000).

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Auf einer Erde ohne Menschen aber gäbe es auch keine Katastrophen mehr, denn „Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“ (Frisch 1979: 103; dazu Braungart 2007) In den Debatten über das Erdbeben von Lissabon 1755 – hinsichtlich ihrer Ursachen eine klassische Naturkatastrophe – stellte schon Rousseau den zivilisatorischen Anteil der Katastrophenwahrnehmung heraus: Ein Erdbeben, das sich in unbesiedelten Wüsteneien ereigne, sei keineswegs ein Übel; erst wenn seismische Erschütterungen die „bewohnte Erde“ betreffen, werden sie zu einem solchen (vgl. Rousseau 1756; dazu Gisler 2008). Auch ein Dauerregenereignis mit Sturzbächen, Erdrutschen und Unterspülungen, wie es in der Diegese von Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän den Hintergrund für die oben zitierte Formulierung bildet, würde beispielsweise auf einer unbewohnten Südseeinsel nicht als Katastrophe bezeichnet werden müssen. Der Begriff ←14 | 15→der Katastrophe ist also an eine menschliche Perspektive gebunden; wenn wir ein Ereignis als Katastrophe bezeichnen, sagen wir damit aus, dass es negativ erlebte Auswirkungen auf eine Gruppe von Menschen hatte. Das gilt auch für das geläufige Kompositum „Klimakatastrophe“. Klimatische Veränderungen auf dem blauen Planeten – ob von Menschen oder durch andere Faktoren verursacht – bezeichnen wir als katastrophisch, weil sie das von uns mühsam erforschte Ökosystem verändern, das wir für unser Wohlbefinden für gut und wichtig halten. Die Erde selbst rührt das nicht.

Die stets mitgemeinte Relevanz der Katastrophe für menschliche Gemeinschaften im Blick behaltend, lässt sich der Begriff mit Juliane Blank definieren als „ein zerstörerisches und Menschenleben forderndes Großereignis […], das nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gemeinschaften oder gar Gesellschaften nachhaltig betrifft und eine fundamentale Störung der Ordnung darstellt.“ (Blank 2021: 14) Weiter differenzierbar ist diese Definition im Blick auf Typen von Desastern unterschiedlicher Art: erstens Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erderschütterungen, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche und Lavaströme, Meteoriteneinschläge und Desertifikationen (vgl. Niedek/Frater 2004); zweitens von Menschen verursachte Umweltkatastrophen wie Unfälle in großen Chemieanlagen oder Atomkraftwerken, die man als „Technikkatastrophe“ bezeichnen kann. Darunter fallen auch von Menschen wissentlich unternommene illegitime oder verbrecherische „Entsorgungen“ gefährlicher Stoffe wie die Verknappung chemischer oder petrochemischer Substanzen im Meer und die ökologischen Nebenfolgen von intendierten Umwelteingriffen wie Urwaldrodungen, Überfischung der Meere oder rücksichtlose Ausbeutung der Wasservorräte der Erde. Der Belastungsgrad unseres Planeten durch diese menschlich verursachten Umweltkatastrophen hat mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert eine besorgniserregende Schwelle erreicht, wobei eine Vielzahl nur scheinbar natürlichen Katastrophen, die sich in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ereignet haben, zum erheblichen Teil erst durch die „Zerstörung“ und die „Ausplünderung“ der Natur ausgelöst worden sind. Der Warnruf, dass die Menschheit angesichts des Risikos an einen Punkt ohne Wiederkehr zu gelangen drohe, ist weltweit angekommen, auch wenn sich viele Länder diesem Alarmsignal gegenüber taub gestellt haben.

Drittens werden auch größere Gewaltereignisse, mit denen Menschengruppen, Gemeinschaften, Staaten einander begegnen, mitunter unter dem Begriff der Katastrophe abgehandelt: Kriege, Genozide, Terrorismus. Im Anschluss an den amerikanischen Historiker George F. Kennan wird bekanntlich der Erste Weltkrieg vielfach „als die Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet (Kennan 1981: 11f.; vgl. Burgdorff / Wiegrefe 2004). Doch auch die Shoah und der oben schon genannte Terroranschlag 9/11 werden als „Katastrophen“ diskutiert (vgl. Blank 2021). In der hier dokumentierten ←15 | 16→IVG-Sektion kommt etwa Katastrophenrhetorik in den Blick, wie sie um 1800 für das politische Ereignis der Französischen Revolution diskutiert wurde (vgl. unten Matteini und Calzoni). Mit Celans Todesfuge wird zudem ein lyrischer Text zur Auseinandersetzung mit der Shoah in den Katastrophendiskurs mit einbezogen (vgl. unten Pailer).

Kommen wir aber noch einmal auf die von Menschen verursachte Umweltzerstörung zurück: Die Erdbevölkerung befindet sich heute in einer sehr kritischen Position: indem sie nämlich für ihre eigene Rolle als „Zerstörerin“ der natürlichen Ressourcen Verantwortung tragen muss und gleichzeitig angemessene Formen der Resilienz zu finden hat, um dem in der Umwelt ausgelösten Schock entgegenzuwirken. Wir können daher sagen, dass der Katastrophendiskurs an der Schnittstelle zwischen Problemen der ökologischen Nachhaltigkeit in Verbindung mit Ökokritik und Überlegungen zum Anthropozän steht, einer Ära, die zweieinhalb Jahrhunderte Geschichte umfasst, von der europäischen industriellen Revolution des späten 18. Jahrhunderts bis zum aktuellen, stetigen Anstieg der CO2- und CH4-Konzentration in der Atmosphäre (dazu unten Dürbeck), sowie mit Darstellungen der Apokalypse, welche eine utopische Vision einer besseren Zukunft implizieren.

Wie der Geschichtswissenschaftler Niall Ferguson betont, komme man in Anbetracht dieser Thematik nicht umhin, diese auf die Visionen der Apokalypse zurückzuführen, auf die Vorstellung von einem mehr oder weniger bevorstehenden „Eschaton“ oder auf das Thema des Schicksals und der Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit der Ereignisse, seien diese natürlicher oder anthropogener Art (vgl. Ferguson 2021: 54–68). In den im Laufe der Jahrhunderte aufeinanderfolgenden literarischen Werken waren jeweils die heiligen Schriften der verschiedenen Religionen eine sichere Quelle, woraus die Verfasser für ihre „Endzeitvisionen“ geschöpft haben. Man denke nur an die sich auf die Sintflut beziehende Naturkatastrophe aus dem alttestamentlichen Schöpfungsbericht (vgl. Gen. 6–8). Weitaus älter noch ist der als Entstehungsmythos von Eridu odersumerische Sintflut“ bekannte Text, der auch im Gilgameschepos wiederaufgenommen wurde, wo Utnapishtim/Utanapishtim oder der Noah der babylonischen Kultur erscheint:

Konkret hat solche Zerstörungswut Gestalt angenommen in der Sintflut; und sie wird erneut Gestalt annehmen am Jüngsten Tag: im vielfach prophezeiten Untergang der Welt. Erst die gründliche Zerschlagung der Schöpfung, die endgültige Trennung von Guten und Bösen, wird das kreative Temperament Gottes beflügeln: bei der Gründung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Aber in den meisten Darstellungen nimmt die Zerstörung viel mehr Raum ein als die Gestalt des Neuen. (Macho 2020: 15)

In diesem Zusammenhang haben die Massenmedien eine kathartische Funktion inne, denn durch ihr eindringliches Beharren – auch zu sensationalistischen ←16 | 17→Zwecken – auf den unseren Planeten betreffenden negativen Ereignissen zügeln sie eine kritische Reaktion seitens des Publikums und betäuben das kollektive Gewissen. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, wie Susan Sontag schon 2003 die Beziehung zwischen der Fotografie und den der kriegerischen Zerstörungswut entspringenden Massakern kommentiert:

Quälende Fotos verlieren nicht unbedingt ihre Kraft zu schockieren. Aber wenn es darum geht, etwas zu begreifen, helfen sie kaum weiter. Erzählungen können uns etwas verständlich machen. Fotos tun etwas anderes: sie suchen uns heim und lassen uns nicht mehr los. (Sontag 32010: 104)

Aus diesem Grund hat Alexander Kluge seine Bemühungen vervielfacht, die Tschernobyl-Katastrophe aus allen möglichen Blickwinkeln zu behandeln: Er hat sich mit Fotografen wie Igor Kostin getroffen, der wie nur vier andere Fotografen am Ort der Katastrophe war, oder Swetlana Alexijewitsch, Journalistin und Literaturnobelpreisträgerin, die Interviews mit Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie Zeitzeugen diverser anderer Berufsgruppen geführt hatte, die damit beauftragt waren, das Ausmaß der verheerenden Auswirkungen zu begrenzen, welches paradoxerweise auf Fehler bei der Durchführung der Sicherheitstests des Kernreaktors zurückzuführen waren. Der monumentale Band Die Lücke, die der Teufel läßt (2003) legt davon Zeugnis ab, wie sehr es Kluge am Herzen liegt, Geschichten von einem der größten menschlichen Fehler aller Zeiten durch die Zeugen der Katastrophe zu erzählen (dazu unten Gerstenberger).

Es mag sein, dass der Tod Einzelner zuweilen einen stärkeren Eindruck hinterlassen kann als der einer ganzen Menschenmenge, vor allem wenn diese Einzelnen einem nahestehen oder wenn das Geschehen des Sterbens detailliert erzählt oder mitverfolgt wird. In einer kurzen, satirischen Abhandlung über den Französischen Witz, erläutert an konkreten französischen Witzen, bringt Tucholsky als Beispiel unter anderem den Ausspruch eines französischen Diplomaten: „Der Krieg? Ich kann das nicht so schrecklich finden! Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!“ (Tucholsky 1925: 190). Die literarische oder theatralische Übertragung eines in der Vergangenheit stattgefundenen außergewöhnlichen, katastrophenträchtigen Ereignisses lässt sich nur schwerlich ihres dramatischen Potenzials entledigen, das tatsächlich auf die Menschheit eingewirkt hat. Denn dessen dokumentierter Nachweis trägt dazu bei, dass seine traumatische Nachwirkung weiterhin andauert, in Verbindung mit dem Mahnruf, dass „das, was wirklich passiert ist“, gelegentlich oder zyklisch wieder geschehen könnte. Wenn es hingegen darum geht, eine Geschichte zu erzählen, die sich auf kein in der Vergangenheit angesiedeltes spezifisches Ereignis bezieht, ist somit dem Schriftsteller und der Schriftstellerin meistens mehr Raum gegeben, ihrer ←17 | 18→intertextuellen Arbeit nachzugehen und ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen. Daher wird die Strömung vergangener Erzählungen wieder aufgenommen, welche auch der unberechenbaren Kontingenz genügend Freiraum zugestehen, nämlich der Flucht in positive Utopien.

Katastrophen großen Ausmaßes haben in vielen Fällen dahin geführt, den Beginn einer neuen Ära in der Menschheitsgeschichte zu bestimmen. Demgemäß schrieb Günther Anders 1959 in seinen Thesen zum Atomzeitalter:

Mit dem 6. August 1945, dem Hiroshima-Tage, hat ein neues Zeitalter begonnen […] Seit diesem Tage sind wir modo negativo allmächtig geworden; aber da wir in jedem Augenblick ausgelöscht werden können, bedeutet das zugleich: Seit diesem Tage sind wir total ohnmächtig […]. (Anders 1984: 67)

Der Mythos von Prometheus hat sich seit dem Altertum bis in die Moderne als geeignet erwiesen, aufzuzeigen, inwiefern der mit der techné ‒ dem Jupiter geraubten Feuer ‒ ausgestattete Mensch der Menschheit viel Trauer bereiten sollte. Das und mehr lernt man aus dem Atomdrama von Wilhelm Nolting-Hauff, alias Ernst Barnewold, betitelt Promethiden (1950): „Als blendende und tödliche Instanz wird der Atombombenblitz allerdings immer mehr als Ausdruck einer kolossalen Macht aufgefasst […]. Das potente Sonnenlicht der Bombe wird dabei mit dem Blitz des Zeus gleichgesetzt, dem ‚heiligen Brand‘, den der Mensch als Prometheus-Erbe, ‚mächtiger als einst der Titan‘, auf die Erde trägt“ (Fiandra 2020: 54; Barnewold 1950: 11).

Ein Autor wie Stifter schlägt indes die entgegengesetzte Richtung ein, denn er umgeht in seinen Werken die Schilderung der großen Umweltkatastrophen zu Gunsten von Naturphänomenen, die noch heftig genug sind, um den Dorfbewohnern wegen drohender Lebensgefahr das Aufsuchen von Zufluchtsorten nahezulegen. Dies ist eben einer der oben erwähnten Fälle, bei denen die Abwesenheit eines Bezuges zu einer – in der Literatur dargestellten – Katastrophe von wirklich stattgefundenen historischen Ereignissen zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Raum deren verheerendes Potential zu reduzieren vermag, um es in angebrachter Weise der Dimension der Dorfgeschichte anzupassen (dazu unten Schuster).

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Die hier nur knapp angerissene Diskussion lässt erkennen, dass im Blick auf Katastrophen, Katastrophisches und Katastrophensemantik in literarischen Texten eine weitere Differenzierung naheliegt, wofür sich eine Gliederung der Beiträge in zwei Teile empfahl: Im ersten Teil sind Beiträge zu literarischen Texten zusammengestellt, in denen „fiktive Katastrophenszenarien“ entworfen werden oder in denen „literarische Katastrophensemantik“ eher bildhaft metaphorisch eingesetzt wird. Die katastrophischen Beispiele betreffen hier in ←18 | 19→historischer Folge der besprochenen Texte: das Motiv des Schiffbruchs in barocken Texten unter anderem von Harsdörffer und Fleming bis Defoe (Košenina), Diskussionen zum Kometeneinschlag bei Herder und Novalis unter Rückgriff auf Hemsterhuis (Agazzi), Chaos- und Erdbebensemantik bei Novalis und Schlegel (Calzoni), die vielfältigen Katastrophensignaturen in Schillers Braut von Messina, die im Motiv der feindlichen Brüder gipfeln (Gabbiadini), fiktive, zum Teil auch nur befürchtete und ausbleibende Extremwetterereignisse bei Stifter (Schuster) und Storm (Stobbe), das Aufgreifen von Sintflut-Mythologie in der Lyrik des Expressionismus (Larcati), die ingenieurtechnische Bewältigung einer Eiszeit im nationalkonservativen Science-Fiction-Roman von Hans Dominik (Schmidt-Hannisa) und den Gedanken einer schleichenden Apokalypse in Texten Sebalds (Vangi). Die Aufsätze im zweiten Teil behandeln Texte, die „reale Katastrophen“ in unterschiedlichen Genres aufgreifen. Die katastrophischen Beispiele betreffen in diesem Kapitel und ebenfalls in historischer Folge der besprochenen Texte die Französische Revolution, semantisiert in Paradigmen des Terrors (Matteini), eine historische Sturmflut an der Ostseeküste von 1872 bei Spielhagen (Szabó), den Untergang der Titanic, dessen Thematisierungen bei Landauer, Dauthendey und Thomas Mann unter anderem eine erstaunliche Empathielosigkeit mit den Opfern gemeinsam haben (Deupmann), die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bei Christa Wolf mit Blick auf Paul Celan (Pailer), Alexander Kluge (Gerstenberger) und Günter Grass (Unger) sowie das Problem des Artensterbens als Symptom des Anthropozäns in lyrischen Texten der Gegenwart (Dürbeck).

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Bei der redaktionellen Einrichtung der Beiträge ging uns Steve Commichau (PhD Candidate an der UBC Vancouver) zur Hand. Für seine sorgfältige und umsichtige Co-Lektüre sei ihm herzlich gedankt. Zwei herausgeberische Entscheidungen verdienen zudem Erwähnung: Erstens folgen Hervorhebungen in Zitaten, soweit nicht anders vermerkt, grundsätzlich dem Original. Zweitens haben wir alle Beiträger und Beiträgerinnen um Anwendung einer gender-gerechten Sprache gebeten. Tatsächlich bedarf es keines weiten Schweifens, ein gutes Modell legt Goethe nahe, der in seinen Texten – als Beispiel mögen die Lehr- und Wanderjahre dienen – bereits von „Studierenden“ spricht und bei gemischten Gruppen beide Pluralformen verwendet, z. B. „Künstler und Künstlerinnen“, letzteres freilich, weil es um 1800 eher üblich war. Die verknappend-rationalisierende Praxis des 20. Jahrhunderts, eine gemischte Allgemeinheit unter männliche Funktionsbegriffe im Singular oder Plural zu subsumieren, kann im 21. Jahrhundert, so steht zu hoffen, den Annalen der Sprachentwicklung beigelegt werden.

Elena Agazzi, Gaby Pailer, Thorsten Unger

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Literatur

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Schiffbruch mit literarischem Zuschauer (Brockes, Fleming, Grimmelshausen, Harsdörffer, Reuter)

Alexander Košenina (Hannover)

Abstract: Im Unterschied zu Hans Blumenbergs philosophischer Reflexion über die Metapher Schiffbruch mit Zuschauer (1979) betrachtet dieser Aufsatz literarische Perspektiven. Fünf Beispiele aus dem 17. und 18. Jahrhundert beleuchten Spielarten „anschaulicher Darstellung“ lebensbedrohlicher Situationen und ihre Wirkungsabsichten: (1) Emblematischer Imperativ (Rollenhagen, Harsdörffer), (2) schelmischer Abenteuerbericht (Reuter), (3) lyrische Verdichtung in einer Reisebeschreibung (Fleming), (4) Imagination einer Katastrophe im Gedicht (Brockes), (5) Robinsonade vor Defoe (Grimmelshausen).

Keywords: Katastrophen in barocken Bild- und Textgenres, Rhetorik der Gefahr, Ästhetik des Erhabenen, Darstellung des Realen und Imaginierten, Schiffbruch und Inselutopie

Auf der Flucht aus Troja verschlägt es Aeneas zweimal nach Sizilien. Bei der von Jupiter verheißenen Suche nach einem Exil für die Flüchtlinge aus der brennenden Stadt, die zur Gründung Roms führen wird, wendet die feindliche Juno mehrfach den Kurs durch Stürme, zu denen sie – von Vergils erstem Gesang an – den Windgott Aeolos anstachelt: „Wappne die Winde mit Kraft, verdirb und versenke die Schiffe / Oder zersprenge sie alle, zerstreue die Leichen im Meere“ (Vergil 1974: 5, V. 69 f.). Nur der Hilfe des Meergottes Neptun ist die Rettung aus Seenot und die erste Zuflucht in Karthago zu danken. Auf der Weiterfahrt beugen sich die Trojaner erneut „dem gebietenden Schicksal“ der Winde (ebd.: 108, V. 22), die sie zu einer weiteren Zwischenstation auf Sizilien zwingen. Solche Passagen – nicht nur in Vergils Aeneis – sind für die europäische Literatur prägend: Häufig regiert das Wetter die Handlung, und Schiffbrüche oder deren kühne Bezwingung entscheiden maßgeblich über den Verlauf ganzer Texte.

Im Folgenden soll es weniger um solche inhaltlichen Wendepunkte gehen, die Frage lautet vielmehr, wie sie literarisch dargestellt werden und was sie bewirken. Während Hans Blumenberg in Schiffbruch mit Zuschauer (1979) philosophisch über geistige Haltungen des beobachtenden Subjekts nachdenkt – etwa die Perspektive von Zuschauern am Ufer, auf dem schwankenden Schiff oder einer im Meer treibenden Planke (vgl. Möller 2014) und ihre mögliche Anteilnahme am Leid anderer, ihre eigene Fern-Angst oder ihre Genugtuung über die sichere Position auf dem trockenen Land diskutiert, ←25 | 26→setzen Poeten die Metapher für unterschiedliche Darstellungstechniken ein. Die eingefangene Katastrophe ist dabei nicht das eigentliche Ziel, sondern die Funktion zur Demonstration von Ideen. Diese Überlegung soll hier an fünf Beispielen aus unterschiedlichen literarischen Genres der Frühen Neuzeit entwickelt werden.

(1)Emblem & Exempel. – Für das Barock am einschlägigsten ist das Emblem als prägnantes Thesenbild. Das von einem Herrscher gesteuerte Schiff als Allegorie eines souverän gelenkten Staates gehört zu den beliebtesten Sinnbildern. Das Scheitern der dargestellten Fahrt ist dabei immer schon mitgedacht. Denn für das Wesen der Politik, jederzeit außer Kontrolle geraten zu können, scheint kaum eine Konstellation geeigneter, als ein Segelschiff, das stets präsenten Fährnissen und Katastrophen ausgesetzt ist (vgl. Wolf 2020). Gabriel Rollenhagen zeigt das in seinem Nucleus emblematum (1611) in einem vom quintilianischen Motto „Dum clavum rectum teneam“ (Wenn ich nur das Steuer gerade halte, Institutio Oratoria II, 17, 24) umrundeten Bild von einem König, der mit dem Zepter in der Hand seinem Matrosen am Hauptsegel Anweisungen zum einzuhaltenden Kurs gibt (Abb. 1). In der Subscriptio wird der Vergleich hinzugefügt, dass der besten Nutzung von Naturgewalten beim Segeln eine Befolgung der göttlichen Ordnung beim Regieren entspricht: „Wie das Schiff richtig geführt wird, dessen Steuermann die Naturgewalten bestmöglich auszunutzen weiß, so ist die Regierung die rechte, die auf Gott vertrauend seiner Ordnung folgt“ (Rollenhagen 1983: 84 f.).

Diese Botschaft variiert Georg Philipp Harsdörffer zu einem Katastrophenbild. Die Exempelerzählung Der Schiffbruch im 46. Schauplatz Lust- und Lehrreicher Geschichte (1664) belegt als emblematisch strukturierter Text die These bzw. Inscriptio, der „unversehne und unerwarte Tod [sei] der allerglückseligste“ (Harsdörffer 1978: 158), weil er uns der Furcht enthebe. In der Narratio (analog zur emblematischen Pictura) wird von einem gegenteiligen Fall berichtet – von dem Kaufmann Samson aus Marennes, der französischen Wein nach England verschiffen will. In einem Sturm verliert er aber die gesamte Fracht und den größten Teil der Mannschaft. Nur wenige können sich retten und sterben an Land nach und nach an Durst oder den verzehrten, salzigen Muscheln. Am Ende überlebt nur Samson wie Ulysses in der Höhle des Polyphems oder wie sein biblischer Namensgeber, der sich gegen die Philister behauptet (Ri 16). Aus Dankbarkeit hält er sich an die Psalmen Davids und bereitet so die Conclusio des Textes vor, die lautet: „Die Anfechtung lehret […] in seiner Angst mit großer Andacht beten.“ (Harsdörffer 1978: 160) Fromme Zuversicht bewahrt – zumindest als mentale Constantia – vor tödlicher Gefahr. In Franz Anton Sporcks Geistlichen Todts-Gedancken (1753) wendet ein emblematisches Kupfer von Michael Heinrich Rentz (Abb. 2) die ←26 | 27→gleiche Botschaft etwas anders: Unter einem Motto im Zeichen der Gnade („Ohn diesen Schein, kann die Fahrt nicht glücklich seyn“) zeigt das Bild einen sich bereits ans Land geretteten, aber noch immer von einem Todesgerippe bedrohten Mann. Die Subscriptio lehrt, dass ein am Kap der guten Hoffnung (Capo Spej) Gescheiterter nur durch Bereuung seiner Sünden noch Einlass in den Himmelshafen (Porto Cœli) erhalten kann: „Die Schiffenden. So lässt der schlechte Uber-Rest, mit Schröcken und mit grauen / Nach so viel angewender Müh’ sich statt Gewinnes schauen. / Drum geh’ in dich bereue bald, die Menge deiner Sünden, / So kanstu doch aus Capo Spej, nach Porto Cœli finden.“ (Sporck 1753: 114)1

Details

Seiten
612
ISBN (PDF)
9783034338325
ISBN (ePUB)
9783034345651
ISBN (MOBI)
9783034345668
ISBN (Paperback)
9783034338363
DOI
10.3726/b20290
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2023 (Januar)
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, YEAR. PAGES.

Biographische Angaben

Laura Auteri (Band-Herausgeber:in)

Laura Auteri ist Ordentliche Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo und war 2015-2021 Vorsitzende der Internationalen Vereinigung für Germanistik. Natascia Barrale ist Associate Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo. Arianna Di Bella ist Associate Professorin für deutsche Literatur an der Universität Palermo. Sabine Hoffmann ist Ordentliche Professorin für deutsche Sprache und DaF-Didaktik an der Universität Palermo.

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Titel: Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive