Urslavische Mythen in slowakischer Folklore-Dichtung
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Umschlag
- Schmutztitel
- Schriften Über sprachen und texte
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Untersuchung
- Der mühselige Gang des jungen Gottes
- Der junge Gott aus der Ferne
- Die grüne Wiese
- Der Kuckuck und die Hochzeit
- Die Braut im Garten
- Der (rote) Apfel
- Bruder und Schwester
- Die Hochzeit auf der Wiese
- Das Spiel mit den Äpfeln
- Der Schlüssel zum Hof, der goldene Ring
- Das Gehöft am Berg
- Die goldene Brücke und der Klee
- Der Jäger und der Windhund
- Das Ross und der Bräutigam
- Der Bräutigam und die Strafe
- Der Untreue: Donner und Blitz
- Der Tod und Morena
- Schlüssel zum neuen Leben
- Das Tor der Toten
- Hinter dem Meer
- Die Nasse und Spinnende
- Die Strafende
- Sie gibt und nimmt
- Der Baum im Wasser
- Der Donner und die Schlange
- Abschluss und Ausblick
- Indices
- Literatur
- Abbildungsverzeichnis
Schriften Über sprachen und texte
Herausgegeben von Georg Holzer
Band 16
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die vorliegende Monographie erforscht Fragmente vorchristlicher slavischer sakraler Poesie. Sie bedient sich literarischer Quellen, die ursprünglich als mündlich überlieferte Texte irgendwann in der Vorzeit entstanden sind und in mündlicher Form von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Diese Fragmente blieben über Jahrhunderte in der mündlich überlieferten Literatur slavischer Sprachen erhalten bis zu dem Zeitpunkt, als sie verschriftet wurden. Heute sind diese Texte unter dem Sammelbegriff Volkslieder auffindbar. Diese Lieder sind das Ergebnis eines Prozesses, der weit vor unsere Zeitrechnung zurückreicht. Er reicht in Epochen zurück, in denen die vorchristlichen Slaven ihren Glauben und ihre Kultur in sakralen Liedern mündlich tradierten und weitergaben. Die religiösen Texte wurden einst öffentlich und feierlich vorgetragen und von rituellen Handlungen begleitet. Im Laufe der Folgeepochen wurde diese mündliche Literatur verändert und adaptiert. Ein Gutteil der ursprünglichen Glaubensvorstellungen und des Weltbildes der Slaven wurde an neue religiöse Vorstellungen, an das vorherrschende Weltbild, die Kultur sowie an neue soziale und gesellschaftliche Gegebenheiten angepasst. Dieser Umstand bedingt, dass Historiker, Philologen, Ethnologen und Kulturanthropologen heute keine ganzheitliche Rekonstruktion einer vorchristlichen slavischen Religion vornehmen können.
Bei der philologischen Erforschung vorchristlicher slavischer Kultur und Religion gelten vier ausschlaggebende Rahmenbedingungen:
Erstens gilt für die Slaven ein im Vergleich zu anderen Kulturarealen spätes Einsetzen eigener Schriftlichkeit. Die erste offizielle Schrift – die Glagolica – wurde erst im Jahr 863 durch die sog. Slavenlehrer Kyrill und Method im Großmährischen Reich eingeführt. Später wurde diese durch die kyrillische (Kyrillica) und lateinische Schrift ersetzt.
Zum zweiten ist Einführung der Schriftlichkeit eng verbunden mit der Christianisierung. Die schriftkundige Schicht und der Klerus waren nicht daran interessiert das nicht mehr zeitgemäße, vorchristliche Weltbild und die slavische Religion aufzuzeichnen, wollten sie diese doch überwinden. Anderen europäischen Kulturen ist es gelungen, noch vor der Übernahme des Christentums das alte Weltbild, ihre Religion, ihre Götter und Riten aufzuzeichnen. Im slavischen Kulturkreis finden sich über das Vorchristliche zwar Aufzeichnungen aus späteren Epochen, diese Texte sind aber mit Vorsicht zu behandeln: Da es sich bei den Schreibern vorwiegend um gebildeten christlichen Klerus handelte, waren diese Aufzeichnungen von entsprechender Antipathie und Feindseligkeit geprägt.
Drittens gilt, dass eine allmähliche Umdeutung und Überschichtung des vorchristlichen durch das christliche Weltbild stattfand. Der religiöse und kulturelle Wandel des Frühmittelalters hatte die Aufgabe von über Generationen tradierten Weltbildern und die Überschichtung der alten Religion durch das neue christliche Weltverständnis zur Folge. Über den Zeitraum einiger Jahrhunderte gewann die neue Religion und Kultur allmählich die Oberhand – sie setzte sich durch. Vorchristliche Weltbilder, polytheistische Götterwelt und alte Rituale wurden langsam aufgegeben bzw. vom Christentum überlagert. Doch es verschwand nicht alles, was als vorchristlich galt. Vieles ging direkt im Christentum auf, manches hielt sich als eine Art Parallelstruktur über Jahrhunderte hinweg und wurde in Folklore, Umzugsliedern, Volksmagie, Bauernregeln, Erzählungen und anderen Genres weiter tradiert und dadurch bis in die heutige Zeit übermittelt.
Die vierte Rahmenbedingung zeichnet den Weg der Methodik der Untersuchung auf. Sie stellt die Überlieferung von Resten vorchristlicher Motivik, sakraler Dichtung und heiliger Formulierungen in der Folklore in den Mittelpunkt.
Die vorliegende Untersuchung bewegt sich entlang dreier Fragestellungen, die den Rahmen und die Zielsetzung definieren:
- Welche Formulierungen, Wendungen und Motive aus vorchristlichen rituellen Texten sind in der mündlich überlieferten slowakischen Folkloreliteratur erhalten?
- In welchen anderen slavischen Literaturen sind sie ebenfalls als gemeinsames kulturelles und sprachliches Erbe anzutreffen?
- Welche Aussagen lassen sich anhand der Belege über das vorchristliche Weltbild der Slaven treffen?
Für diese Erforschung wird die Methode zur Rekonstruktion vorchristlicher slavischer sakraler Dichtung der russischen Philologen Vjačeslav Vsevolodovič Ivanov (Вячесла́в Все́володович Ива́нов) und Vladimir Nikolaevič Toporov (Влади́мир Никола́евич Топоро́в) angewendet. Der Kroate und Emeritus der Universität Wien Radoslav Katičić († 2019) hat diese Methode verfeinert und die Rekonstruktionen für den gesamten slavischen Bereich beträchtlich ausgebaut. Mit seinen Aufsätzen, Untersuchungen und vor allem seinen fünf Monographien Božanski boj (2008), Zeleni lug (2010), Gazdarica na vratima (2011), Vilinska vrata (2014) und Naša stara vjera (2011) legte Katičić Standardwerke zur Rekonstruktion vorchristlicher slavischer sakraler Texte aus Folkloretexten vor. In seinen Monographien untersuchte Katičić etymologische Entsprechungen zwischen heiligen Formulierungen in den einzelnen slavischen Sprachen unter Berücksichtigung der Lautgesetze und des Bedeutungswandels. Diese Rekonstruktion sakraler Texte bedient sich anderer Methoden als jener der Mythologie. Die zu rekonstruierenden Texte sollen heilige slavische Dichtung ans Licht bringen, die während der Ausübung von Ritualen gesungen wurde und einen untrennbaren Teil von Zeremonien bildete. Die untersuchten Volkslieder bieten zwar authentisches Material, da aber dieses nur mehr sehr bruchstückhaft erhalten ist, kann von keiner vollständigen Rekonstruktion gesprochen werden, sondern lediglich von einer Teilrekonstruktion bzw. einer Wiederherstellung von Teilen sakraler Dichtung.
Eine zuverlässige Rekonstruktion von slavischen sakralen Texten ist ohne Rücksichtnahme auf die lautgesetzlichen Veränderungen und den Bedeutungswandel zwischen dem Urslavischen und den heutigen slavischen Sprachen nicht möglich. Eine Zusammenstellung einander entsprechender Formulierungen unter Berücksichtigung der Lautgesetze stellt sich am Beispiel des Reimes *xoditь – roditь wie folgt dar:
Sprachen |
Lautgesetzliche Entsprechungen in Formulierungen |
|
Slowakisch |
ch – o – d – í |
r – o – d – í |
Kroatisch |
h – o – d – i |
r – o – d – i |
Polnisch |
ch – o – dz – i |
r – o – dz – i |
Belarussisch |
х – о – д – ить |
р – о – д – ить |
*Urslavisch1 |
*x – o – d – itь2 |
*r – o – d – itь3 |
Die Erforschung vorchristlicher slavischer mythischer Motive in Folkloretexten slavischer Einzelliteraturen erfolgt über die folgenden drei Schritte, wobei die Reihenfolge dieser entscheidend ist:
- Auffindung gemeinsamer und einander sprachlich und etymologisch entsprechender Formulierungen, Wendungen und Phrasen unter der Berücksichtigung des Laut- und Bedeutungswandels.
- Interpretation der identifizierten Formulierungen als Erbe des Urslavischen.
- Inhaltliche Interpretation der Formulierungen als Motive der vorchristlichen slavischen Weltvorstellungen.
Aus den einander entsprechenden sprachlichen und etymologischen Formulierungen, die aus einer gemeinsamen Vorsprache stammen, können konkrete Motive für das Slavische rekonstruiert werden. Die etymologischen Entsprechungen der Formulierungen finden also ihren Ausdruck im Motiv. Erst im letzten Schritt können konkrete Aussagen über das Weltbild und die Religion der Slaven getroffen werden.
Diese Drei-Schritte-Methode zeichnet den Weg von der Sprache zum Motiv. Folglich können anhand sprachgeschichtlicher Rekonstruktionen religionsgeschichtliche Aussagen getroffen werden.
Die frühere Forschung kannte diese Methode nicht und so setzten Linguisten, Historiker und Ethnologen direkt beim zweiten Schritt ein, deklarierten gefundene Motive als slavisch und versuchten sie inhaltlich zu interpretieren. In vielen Fällen entstanden so Fehlinterpretationen bzw. wurden Motive als slavisch deklariert, ohne einen zuverlässigen Beleg dafür zu haben. Motive können von Kultur zu Kultur wandern, sie können übernommen und in die eigene Kultur integriert werden. Lautgesetzliche Entsprechungen tun das nicht. Sie sind an eine bestimmte Sprache gebunden. Im Falle des Slavischen geben die gefundenen lautgesetzlichen Entsprechungen einen klaren Beleg auf eine gemeinsame slavische Ursprache, die diese Reime, Formulierungen und Schlüsselphrasen enthielt. So identifizierte Texte können daher als urslavisch erkannt werden. Sie sind auf den slavischen Kulturraum bezogen, noch vor dem Zerfall der Einheitlichkeit des Slavischen.
Bei der Rekonstruktion ist immer zu berücksichtigen, dass es sich bei den gefundenen etymologischen Entsprechungen und Motiven lediglich um Fragmente ehemals heiliger Aussagen handelt. Bei der Interpretation eines Motivs, in Bezug auf die Weltvorstellungen der Slaven, ist ein entsprechender Spielraum gegeben.
Anhand des Beispiels des heiligen Reimes *xoditь – roditь kann die Methode mit allen ihren drei Schritten anschaulich dargestellt werden:
Lautgesetzliche Entsprechungen in Formulierungen slavischer Einzelsprachen4 |
Motiv |
Slowakisch: Dobre se v tom poli rodí, po kterém hospodár chodí. Kroatisch: Kud Jura hodi, tud polje rodi. Polnisch: Gdzie królewna chodzi, tam pseniczka rodzi. Weißrussisch: Святая Микола по межах ходить, по межах ходить, жито родить *Urslavisch: *xoditь – roditь |
Deutsch: Das Feld bringt gute Ernte, wenn der Bauer über das Feld schreitet. Deutsch: Wo Georg geht, ist das Feld fruchtbar. Deutsch: Wo die Königin geht, trägt der Weizen. |
Details
- Pages
- 368
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631915288
- ISBN (ePUB)
- 9783631915295
- ISBN (Hardcover)
- 9783631915271
- DOI
- 10.3726/b21611
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (July)
- Keywords
- Folkloristik Slawistik Mythologie Heidentum Ethnolinguistik Onomastik Jahreszyklus slawische Religion religiöse Gesänge slowakische Volkslieder Etymologie Bedeutungswandel Lautgesetze philologisch-etymologische Methode heilige Lieder sakrale Texte Volkslieder vorchristliche slavische Poesie
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 368 S., 89 s/w Abb., 2 Tab.
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