Die lusophonen Welten in Sachsen im Spiegel der Vergangenheit und Gegenwart: Austausch, Kuriositäten, Zeugen, Vermittlung
Zusammenfassung
Dieser faszinierende und bestens dokumentierte Band führt kenntnisreich in die einzelnen Facetten der wenig bekannten Beziehungen zwischen Sachsen und der portugiesischsprachigen Welt von Portugal bis Brasilien und Mosambik ein. - Thomas Johnen, Prof. Roman. Sprachen, Westsächsische Hochschule Zwickau
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Die lusophonen Welten in Sachsen. Eine Einführung (Ralf Michael Christoph (Dresden/Zwickau)/Maria Lieber (Dresden))
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- I Lusophon anmutende Welten in Artefakten aus Übersee
- Portugiesisch als Sammlungsparadigma? Zur Taxonomie von Dresdner Kunstsammlungen vor 1700 (Christoph Oliver Mayer (Berlin))
- Hinleitung
- 1 Zum Sammeln im frühneuzeitlichen Dresden
- 2 „Portugiesische Objekte“ in Dresden
- 3 Die Dresdner als Entdecker der „portugiesischen“ Welt
- 4 Zur Symbolik „portugiesischer“ Objekte
- Bibliografie
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- „Este livro tem escripto todas as Contas dos Razas Gentios e Reis Mouros que passarão neste Mundo“ – Mscr.Dresd.F.61 (Ralf Michael Christoph (Dresden/Zwickau)/Josephine Klingebeil (Berlin))
- 1 Die Yuga
- 2 Das Manuskript
- 2.1 Wasserzeichenanalyse
- 2.2 Tintenanalyse
- 3 Portugiesisch in Indien
- 4 Die Illustrationen
- 5 Schlusswort
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- II Die lexikalische Welt des Portugiesischen
- Das portugiesisch-deutsche lexikografische Werk der Henriette Michaelis (Gerda Haßler (Potsdam))
- Einleitung
- Die Entwicklung des Brockhaus-Verlags
- Das lexikografische Werk von Henriette Michaelis im Brockhaus-Verlag
- Das portugiesische Wörterbuch von Henriette Michaelis – ein Meilenstein in der zweisprachigen portugiesisch-deutschen Lexikografie
- Lexikografische Prinzipien im portugiesischen Wörterbuch von Henriette Michaelis
- Fazit
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- III Die brasilianische und portugiesische Welt in musikalischer Ausbildung in Leipzig
- Studierende aus der lusophonen Welt in Leipzig: Befunde aus dem Archiv des ehemaligen Königlichen Konservatoriums der Musik (1847–1914) (Ricarda Musser (Berlin))
- Das Leipziger Konservatorium und seine Anziehungskraft für ausländische Studierende
- Die brasilianischen Studierenden am Konservatorium
- Die portugiesischen Studierenden am Konservatorium
- Das Beispiel Paulino Chaves
- Ausblick
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- IV Das Aufbauen und Erkunden einer neuen Lebenswelt in Brasilien
- Wissen über Brasilien in sächsischen Privathaushalten im 19. Jahrhundert. Die Auswandererbriefe von Ida und Ottokar Dörffel aus Dona Francisca/Joinville und ihre Rezeption (Judith Matzke (Dresden))
- Einführung
- Ida und Ottokar Dörffel – ein Leben auf zwei Kontinenten
- Brasilien als Migrationsziel der deutschen Auswanderung im 19. Jahrhundert
- Die Auswandererbriefe der Dörffels
- Wissen über Brasilien in den Briefen der Dörffels
- Rezeptionswege der Briefe der Dörffels
- Ausblick
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- V In der Welt des portugiesisch-sächsischen Adels des 19. Jahrhunderts
- Die Infantin von Portugal wird Prinzessin Georg. Maria Anna (1843–1884) und ihr Weg von Lissabon nach Dresden, 1858 bis 1865 (Silke Marburg (Dresden))
- Einführung
- Das Konnubium als Option zweier Dynastien
- Lissabon und Dresden
- Maria Anna im Fokus
- Maria Annas Auftritt in Dresden und ihre Integration in das Fürstenhaus
- Neue Rollen für Maria Anna
- Ausblick
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- VI Sozialistisch angeordneter Kontakt mit der portugiesischsprachigen Welt in Afrika nach 1976
- Oral-History-Interviews als Bausteine einer Geschichte der Sprachmittlung: das Portugiesische in der DDR (Carsten Sinner (Leipzig))
- Ziele
- Oral History und Oral History in der Translatologie
- Oral History der Translation und das Portugiesische
- Das Studium der Sprachmittlung für Portugiesisch in der DDR
- Geschlecht als Auswahlkriterium
- Berufspraxis: Lenkung und Organisation von Einsätzen
- Schluss
- Bibliografie
- Primärquellen
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- Als Mossis in Sachsen, als Madgermanes zurück in Mosambik (Joachim Born (Gießen)/Susanne Jahn (Konstanz))
- Proömium
- 1 Einleitung
- 2 Zur Entstehung der Beziehungen zwischen DDR und der Volksrepublik Mosambik (VRM)
- 3 Das Abkommen von 1979 und seine Umsetzung
- 4 Die „antigos trabalhadores na RDA“: Von Elite-Arbeitern zu Widerständlern
- 5 Die Rezeption des Themas „madgermanes“ in Deutschland
- 6 Zusammenfassung und Ausblick
- Bibliografie
- Sekundärquellen
- Internetauftritte
- Von ChatGPT vorgeschlagene Quellen
- Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren
Die lusophonen Welten in Sachsen. Eine Einführung
Gelegen an zwei geografischen Randpunkten in Südwesteuropa und Deutschland und getrennt durch eine Entfernung von annähernd 2.200 km werden Portugal und Sachsen nicht als primäre Bezugspunkte für Sprachkontakte perzipiert (vgl. Christoph 2022: 27). Und doch hat Portugal und die darüber hinausreichende lusophone Welt in Sachsen ihre Spuren hinterlassen, welche, bedingt durch einen Sprach- und Kulturtransfer, zurück bis in das 17. Jahrhundert verfolgt werden können (vgl. Christoph 2022: 27). Die Suche nach ausgewählten Residuen sowie deren Sichtung und Erforschung war Anliegen der Sektion 1 mit dem Titel Die lusophone Welt in Sachsen im Spiegel der Vergangenheit und Gegenwart: Austausch, Kuriositäten, Zeugen, Vermittlung | O mundo lusófono na Saxónia no espelho do passado e da atualidade: troca, raridades, testemunhos, transmissão auf dem 15. Deutschen Lusitanistentag,1 der vom 19.9. bis 23.9.2023 an der Westsächsischen Hochschule Zwickau abgehalten wurde. Die Arbeiten verfolgten das Ziel, kaleidoskopartig Formen, Muster, Bewegungen und Verbindungen der Sprach- und Kulturgeschichte zwischen lusophoner Welt und Sachsen im Spiegel von Vergangenheit und Gegenwart aufzuzeigen.
Die lusophone Welt in Sachsen? Eine erste Datierung dieser Spuren führt in das 16. Jahrhundert, als Nachrichten aus den ersten überseeischen Besitzungen Portugals wie Brasilien, der westlichen und südöstlichen Afrikaküste, den Gebieten am Golf von Aden, der Westküste Indiens, in Sri Lanka, am Golf von Bengalen, auf Sumatra, Java, Timor, Sulawesi, den Molukken, auf Neuguinea und Taiwan in noch zu untersuchenden Bewegungsmustern nach Europa drangen und einen Eindruck von dieser außereuropäischen Welt vermittelten. Ihre Andersartigkeit, Komplexität und Vielfalt, nicht nur im Vergleich zu Europa, sondern auch untereinander, zeigte sich in unbekannten und schwer zu navigierenden Gewässern, neuartigen Küstenabschnitten sowie einer farbenfrohen Flora und Fauna. Luis de Camões (1524–1580), der in den 1550er und 1560er Jahren Goa, die Malabarküste und Macau bereiste, beschrieb 1572 diese Fülle an Eindrücken in Os Lusíadas damit, dass sich die portugiesischen Besitzungen nicht als eine, sondern in ihrer Pluralität als „neue Welten“ der europäischen Welt zeigen:
Que se o sacundo Ulisses escapou,
De ser na Oigia Ilha, eterno escravo:
E se Antenor os seios penetrou,
Iliricos, & a fonte de Timavo.
E se o piadoso Eneas navegou,
De Scila, & de Caribdis o Mar bravo:
O vossos môres cousas atentando,
Novos mundos ao mundo yrão mostrando (Camões 1572: fol. 26v.).2
Die entgegengesetzte Bewegung, die auch aus der Faszination dieser andersartigen, und vielfältigen „Welten“ in Übersee resultiert, kann für aus Sachsen stammende Entdecker und Reisende wie Bernhard von Miltitz (um 1570–1626), Zacharias Wagner (1614–1668) oder Georg Marggraf (1610–1644) auf das Ende des 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Die beiden zuletzt genannten folgten dem Ruf des deutschen Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604–1679) nach Brasilien. Johann Moritz stand seit 1636 im Dienst der Republik der Vereinigten Niederlande und hatte bis 1644 das Amt des Generalgouverneurs der Territorien der Niederländischen Westindien-Kompanie inne.3 Hierzu zählte seit 1630 auch Niederländisch-Brasilien, welches in etwa die heutige Região Nordeste umfasste. Mit seinem Regierungsantritt in Moritzburg, dem einstigen Recife, rief er zur Befestigung, zum Kartografieren und zur bildlichen Darstellung der Kolonie auf. Diesem Appell sind 1634 der aus Dresden stammende Zacharias Wagner4 und 1638 der gebürtige Liebstädter Georg Marggraf als Abenteuerlustige über die Niederländische Westindien-Kompanie gefolgt. Ersterer kehrte 1639 im Auftrag seines Herren nach Europa zurück und bereicherte die Handelsstädte der Niederlande mit Kuriositäten aus Brasilien. Von Oktober 1641 bis zum Frühjahr 1642 weilte er kurzzeitig in Dresden, seiner Heimatstadt und der damaligen Residenzstadt des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1585–1656). Dabei brachte er eine Sammlung von beschrifteten Aquarellen über Tiere, Früchte, Menschen und baulichen Ansiedlungen mit nach Dresden. Dieses so bezeichnete Thier Buch5 führt eingehüllt in einem roten Maroquinband mit goldenen Verzierungen auf 126 ungezählten folios mit den Abmessungen 21,4 × 35,6 cm 141 farbige Abbildungen auf dickem Papier. Sie wurden mit schwarzer Tinte und einem bekrönenden Rundstrich nummeriert und in 112 Fällen mit einer Beschriftung auf Portugiesisch, Deutsch oder Niederländisch versehen. Die Sammlung muss in seiner Explorationszeit vor Ort und bis spätestens zum Eintreffen in Dresden und damit zwischen 1634 und 1641 angefertigt worden sein. Sie wird heute im Kupferstichkabinett Dresden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden unter der Signatur Ca 226a aufbewahrt.
Georg Marggraf kartografierte bis 1641 die brasilianische Küste zwischen dem fünften und elften Breitengrad, drang bis zu den Flussläufen des Rio Grande und Rio São Francisco vor und beschrieb Botanik und Meteorologie vor Ort. Teile seiner Beobachtungen gelangten nach seinem Tod und mit der Rückkehr Johann Moritz’ 1644 nach Europa, wo sie 1648 in Leiden und Amsterdam auf Latein als Historiae rerum naturalium Brasiliae (Marggraf 1648) gedruckt wurden und als zweiter Teil Eingang in das Werk Historia naturalis Brasiliae6 (Piso/Marggraf 1648) (Abbildung 1) fanden. Georg Marggraf stellte den Fluss São Francisco, die Jahreszeiten, Religion, die brasilianischen Einwohnerinnen und Einwohner einschließlich ihres Aussehens und ihrer Kleidung sowie ihrer Esskultur und Lebensgewohnheiten, ihre Sprache mitsamt einer Kurzgrammatik und einer indigen-lateinischen Wortliste sowie brasilianische Waffen vor. Die Ausdifferenzierung zeigt die große Fokussierung der Inhalte auf diesen überseeischen Raum. Innerhalb der letzten Betrachtung, Octavus de ipsa regione, et illius incolis (Marggraf 1648: 260–292), umriss er die Namensgebung von Brasilien und stellte Verbindungen mit Portugal her: „Haec regio primo à Lusitanis appellata fuit Santa Cruz, quod nomen postea mutarunt in Terra do Brasil“ (Marggraf 1648: 260).7
Ausgehend von diesen ersten Spuren wurden durch die Beitragenden dieser Sektion weitere Wege der lusophonen Welt, die bis in das 20. Jahrhundert reichen, verfolgt und in Augenschein genommen. Diese erste Erkundungstour stand mit der Aufgabe der Sektion in Einklang, weitere Fährten der lusophonen Welt nachzugehen, sie diachron und synchron zu verorten und aus transdisziplinären Blickwinkeln zu analysieren.
In den Beiträgen wurde die Vielgestaltigkeit der als lusophon assoziierten Aspekte herausgearbeitet. Hierbei zeigte sich auf einer temporären Achse einerseits, dass zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert ein ununterbrochener Austausch zwischen Sachsen und den Diaspora in portugiesischsprachigen Gebieten wie Portugiesisch-Indien, Brasilien, Angola, Mosambik oder Portugal stattfand. Andererseits konnten auf Grundlage der erforschten Aspekte thematische Fokussierungen zum historischen Sammeln von Artefakten, Lexikografie, Gesang und Musik, Auswanderung, dynastisch motivierter Fürstenhochzeit, Sprachmittlung und politisch verordneter Vertragsarbeit herausgearbeitet werden. Auch über 440 Jahre nach dem Erscheinen von Os Lusíadas zeigen sich bei der Erforschung des lusophonen Sprachraums weiterhin mehrere Welten, die uns bei dieser Entdeckung und Erkundung begegnen. Für den vorliegenden Sammelband wurde versucht, diese Welten zu klassifizieren und zeitlich näher zu bestimmen.
Details
- Seiten
- 250
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631917701
- ISBN (ePUB)
- 9783631917718
- ISBN (Hardcover)
- 9783631917695
- DOI
- 10.3726/b21740
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (März)
- Schlagworte
- Schriftsprache Migration Vertragsarbeit Translatologie Sprachmittlung Kultur Kunst Musik Auswanderung Comunidade dos Países de Língua Portuguesa CPLP Portugal historische Linguistik Lexikografie Manuskriptforschung Sachsen Lusophonie
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 250 S., 9 farb. Abb., 19 s/w Abb., 10 Tab.
- Produktsicherheit
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