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T. S. Eliots Gedichte in deutscher Sprache

Eine übersetzungskritische Untersuchung der Übertragungen von T. S. Eliots Gedichten «The Love Song of J. Alfred Prufrock», «The Waste Land» und «Four Quartets»

von Christine Maier-Rezić (Autor:in)
©2026 Dissertation XVIII, 484 Seiten

Zusammenfassung

Gerade in den zahlreichen, weltweit angefertigten Übersetzungen der Gedichte von T. S. Eliot zeigt sich, wie inspirierend die Lyrik des britisch-amerikanischen Nobelpreisträgers bis heute wirkt. Im deutschsprachigen Raum begann die Übersetzungstätigkeit in den 1920er Jahren und hält bis heute an. Gegenstand der Analyse sind die hierbei entstandenen deutschsprachigen Übertragungen der drei im Titel genannten Langgedichte, die als literarische Übersetzungen vorgenommen wurden und als Gesamtübersetzungen der Gedichte vorliegen. Dies schließt neue sowie bisher in der Forschung nicht berücksichtigte Übertragungen ein. Ziel des Buchs ist es, die Spezifika dieser Übersetzungen umfassend herauszuarbeiten und die Translate kritisch zu würdigen. Der interdisziplinäre Ansatz des Bandes beinhaltet Erkenntnisse aus Translations-wissenschaft, Eliot-Forschung und angrenzenden Disziplinen sowie eine spezifisch entwickelte Translationstheorie.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Widmung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Danksagung
  • Liste der Abkürzungen
  • 1 Einleitung
  • 2 Grundsätzliche Probleme des literarischen Übersetzens
  • 2.1 Übersetzen in der Antike: freies versus wörtliches Übersetzen
  • 2.2 Übersetzen bei Martin Luther: Das Eindeutschen der Heiligen Schrift als Ausgangspunkt der übersetzungstheoretischen Diskussion im deutschsprachigen Raum
  • 2.3 Übersetzen im 17. und 18. Jahrhundert: einbürgerndes versus verfremdendes Übersetzen
  • 2.4 Übersetzen von der Romantik bis heute: Übersetzen als wahres Dichten versus Übersetzen als zweitklassige Tätigkeit
  • 2.5 Verwendete Übersetzungstheorien
  • 2.5.1 Lawrence Venuti
  • 2.5.2 Manipulation School
  • 3 T. S. Eliot: Leben und Werk
  • 3.1 Frühe Prägung
  • 3.2 Zeit in Harvard
  • 3.3 The Love Song of J. Alfred Prufrock: Entstehung während des Paris-Aufenthalts
  • 3.4 Reisen nach London, München und Norditalien
  • 3.5 Rückkehr nach Harvard
  • 3.6 Zeit in Oxford
  • 3.7 Ehe mit Vivien
  • 3.8 Förderung auf dem Weg zum Dichter: Pound, Russell und die literarischen Zirkel
  • 3.9 „Gerontion“: Entstehung
  • 3.10 Eliot, der Essayist
  • 3.11 The Waste Land: Entstehung
  • 3.12 Eliot, der Herausgeber, Verleger und Intellektuelle
  • 3.13 Religiöser Wandel in Ash-Wednesday und den „Ariel Poems“
  • 3.14 Eliot, der Dramatiker
  • 3.15 Four Quartets: Entstehung
  • 4 T. S. Eliots The Love Song of J. Alfred Prufrock
  • 4.1 The Love Song of J. Alfred Prufrock als Beginn der literarischen Moderne in England
  • 4.1.1 Eliots Kompositionsmethode und der Einfluss der Symbolisten
  • 4.1.2 Weitere Einflüsse
  • 4.2 Aufbau und Inhalt des Gedichts
  • 4.3 Die Übersetzungen von The Love Song of J. Alfred Prufrock ins Deutsche durch Alfred Margul-Sperber und Klaus Günther Just
  • 4.3.1 Der Übersetzer Alfred Margul-Sperber
  • 4.3.2 Der Übersetzer Klaus Günther Just
  • 4.4 Grundtendenzen der deutschsprachigen Übersetzungen von The Love Song of J. Alfred Prufrock
  • 4.4.1 Alfred Margul-Sperbers Der Liebesgesang J. Alfred Prufrocks
  • 4.4.2 Klaus Günther Justs J. Alfred Prufrocks Liebesgesang
  • 4.5 Detailanalyse: Margul-Sperbers Der Liebesgesang J. Alfred Prufrocks und Justs J. Alfred Prufrocks Liebesgesang im Vergleich gemäß Venuti
  • 4.5.1 Umgang mit Zitaten und Anspielungen
  • 4.5.1.1 Umgang mit Verweisen auf Bibelstellen
  • 4.5.1.2 Umgang mit Anspielungen auf nichtreligiöse Werke
  • 4.5.2 Semantische Veränderungen
  • 4.5.2.1 Semantische Veränderungen bei Margul-Sperber
  • 4.5.2.2 Semantische Veränderungen bei Just
  • 4.5.3 Registerwechsel
  • 4.5.4 Wiederholungen
  • 4.5.5 Lautliche Auslassungen: Apokopen und Synkopen
  • 4.5.6 Umgang mit Tempuswechsel
  • 4.5.7 Leben im Meer als Gegenentwurf zu den Zwängen der modernen Gesellschaft
  • 4.5.8 Verfremdung in Margul-Sperbers und Justs Übersetzung
  • 4.5.8.1 Verfremdung in Justs Prufrock-Übersetzung
  • 4.5.8.2 Verfremdung in Margul-Sperbers Prufrock-Übersetzung
  • 4.6 Übertragungen von Eliots The Love Song of J. Alfred Prufrock als lyrische Realitäten im Deutschen
  • 4.6.1 Margul-Sperbers Prufrock-Übersetzung als Annäherung an seine eigene dichterische Realität als Teil der Bukowinischen Lyrik
  • 4.6.2 Justs Prufrock-Übersetzung als Annäherung an die Lyrik Gottfried Benns
  • 5 T. S. Eliots The Waste Land
  • 5.1 The Waste Land als repräsentatives Werk der Moderne
  • 5.1.1 Pounds Rolle bei der Entstehung von The Waste Land
  • 5.2 Aufbau und Inhalt des Gedichts
  • 5.3 Die Übersetzungen von The Waste Land ins Deutsche durch Alfred Margul-Sperber, Ernst Robert Curtius, Eva Hesse und Norbert Hummelt
  • 5.3.1 Der Übersetzer Ernst Robert Curtius
  • 5.3.2 Die Übersetzerin Eva Hesse
  • 5.3.3 Der Übersetzer Norbert Hummelt
  • 5.3.4 Die Waste-Land-Übersetzung von Alfred Margul-Sperber
  • 5.3.5 Die Waste-Land-Übersetzung von Ernst Robert Curtius und seine Herangehensweise
  • 5.3.6 Die Waste-Land-Übersetzung von Eva Hesse und ihre Herangehensweise
  • 5.3.7 Die Waste-Land-Übersetzung von Norbert Hummelt und seine Herangehensweise
  • 5.4 Grundtendenzen der deutschsprachigen Waste-Land-Übertragungen
  • 5.4.1 Margul-Sperbers Ödland
  • 5.4.2 Ernst Robert Curtius’ Das wüste Land
  • 5.4.3 Eva Hesses Das wüste Land
  • 5.4.4 Norbert Hummelts Das öde Land
  • 5.5 Detailanalyse der Waste-Land-Übersetzungen von Margul-Sperber, Curtius, Hesse und Hummelt im Vergleich nach Venuti
  • 5.5.1 Umgang mit Zitaten und Anspielungen
  • 5.5.2 Umgang mit Soziolekt
  • 5.5.3 Eindeutschung kulturspezifischer Sachverhalte sowie Namen und Bezeichnungen
  • 5.5.4 Verfremdung
  • 5.6 Genderthematik und Sexualität in The Waste Land und den Übersetzungen
  • 5.6.1 Genderthematik und Sexualität in The Waste Land
  • 5.6.2 Genderthematik und Sexualität in den Übersetzungen
  • 5.6.2.1 Genderthematik und Sexualität in Alfred Margul-Sperbers Ödland
  • 5.6.2.2 Genderthematik und Sexualität in Ernst Robert Curtius’ Das wüste Land
  • 5.6.2.3 Genderthematik und Sexualität in Eva Hesses Das wüste Land
  • 5.6.2.4 Genderthematik und Sexualität in Norbert Hummelts Das öde Land
  • 5.6.2.5 Zusammenfassung
  • 6 T. S. Eliots Four Quartets
  • 6.1 Four Quartets als Eliots Schlusspunkt des „modernist movement“ und Dokument des Zweiten Weltkriegs
  • 6.2 Aufbau und Inhalt des Gedichtzyklus
  • 6.2.1 „Burnt Norton“
  • 6.2.2 „East Coker“
  • 6.2.3 „The Dry Salvages“
  • 6.2.4 „Little Gidding“
  • 6.3 Die Übersetzungen von Four Quartets ins Deutsche durch Nora Wydenbruck und Norbert Hummelt
  • 6.3.1 Die Übersetzerin Nora Wydenbruck
  • 6.3.2 Nora Wydenbrucks Arbeitsbeziehung und Freundschaft mit T. S. Eliot
  • 6.3.3 Nora Wydenbrucks Four-Quartets-Übersetzung und ihre Herangehensweise
  • 6.3.4 Norbert Hummelts Four-Quartets-Übersetzung und seine Herangehensweise
  • 6.4 Grundtendenzen der deutschsprachigen Übersetzungen von Four Quartets
  • 6.4.1 Nora Wydenbrucks Vier Quartette
  • 6.4.2 Norbert Hummelts Vier Quartette
  • 6.5 Detailanalyse der Four-Quartets-Übersetzungen von Nora Wydenbruck und Norbert Hummelt am Beispiel der „East-Coker“-Übertragungen
  • 6.5.1 Detailanalyse der „East-Coker“-Übertragungen von Nora Wydenbruck und Norbert Hummelt am Beispiel der Textstelle „East Coker“ III 1–7
  • 6.5.2 Detailanalyse der „East-Coker“-Übertragungen von Nora Wydenbruck und Norbert Hummelt am Beispiel der Textstelle „East Coker“ I 24–34
  • 6.6 Translation der Transzendenz: Die „Little-Gidding“-Übertragungen von Nora Wydenbruck und Norbert Hummelt am Beispiel von „Little Gidding“ I 1–20
  • 6.6.1 Vom Scherbenpuzzeln und Zungenreden: Versuch einer Übersetzungstheorie der Transzendenz in T. S. Eliots Four Quartets und Walter Benjamins „Die Aufgabe des Übersetzers“
  • 6.6.2 Nebeneinanderstellung des Ausgangstextes und der Übertragungen von „Little Gidding“ I 1–20
  • 6.6.3 Analyse von Nora Wydenbrucks und Norbert Hummelts Übertragungen von „Little Gidding“ I 1–20
  • 7 Fazit
  • Anhang: E-Mail-Interview mit dem Dichter-Übersetzer Norbert Hummelt
  • Fragen an den Dichter-Übersetzer Norbert Hummelt zu seiner Waste-Land-Übertragung und seiner Übersetzungstätigkeit
  • Antwort des Dichter-Übersetzers Norbert Hummelt in der E-Mail vom 23.03.2010
  • Fragen an Norbert Hummelt zu den Waste-Land- und Four-Quartets-Übersetzungen sowie Antworten von Norbert Hummelt vom 03.01.2022
  • Eine weitere Frage an Norbert Hummelt zu den Waste-Land- und Four-Quartets-Übersetzungen mit Norbert Hummelts Antwort vom 11.01.2022
  • Bibliographie
  • Eliots Gedichte The Love Song of J. Alfred Prufrock, The Waste Land und Four Quartets
  • Zweisprachige Sammelbände von Eliots Gedichten (Englisch und Deutsch)
  • Übersetzungen von The Love Song of J. Alfred Prufrock
  • Übersetzungen von The Waste Land
  • Übersetzungen von Four Quartets
  • Weitere in der Untersuchung nicht berücksichtigte Übersetzungen
  • Eliots Gedicht-Übersetzung
  • Eliots Essays
  • Eliots Briefe
  • Weitere verwendete Literatur

Vorwort

„Poetry is a constant reminder of all the things that can only be said in one language, and are untranslatable“, bemerkt T. S. Eliot in seinem Aufsatz von 1945, „The Social Function of Poetry“ (23). Gedichten wohnt demnach aus Eliots Sicht etwas per se Unübersetzbares inne. Und doch sind seine Gedichte – zum Teil sogar mehrfach – ins Deutsche (und auch in viele andere Sprachen) übertragen worden. Trotz Eliots skeptischer Einstellung zur Übersetzbarkeit von Lyrik, man könnte auch sagen, trotz seines Bewusstseins für die Schwierigkeiten, Probleme und Gefahren der Lyriktranslation übersetzte er selbst (Anabasis von St.-John Perse) und weist in seinen Schriften immer wieder auf die Bedeutung von Translation hin (Vgl. Hulpke 19).1 In einer Buchrezension von Ezra Pounds und Ernest Fenollosas ‘Noh’ or Accomplishment: A Study of the Classical Stage of Japan von 19172 verdeutlicht Eliot den Wert von Übersetzung:

Translation is valuable by a double power of fertilizing a literature: by importing new elements which may be assimilated, and by restoring the essentials which have been forgotten in traditional literary method. There occurs, in the process, a happy fusion between the spirit of the original and the mind of the translator; the result is not exoticism but rejuvenation. („The Noh and the Image“ 102)

Eliots zentrales Augenmerk liegt demnach auf der bereichernden und verjüngenden Kraft von Übersetzung für die zielsprachliche Literatur, also die Literatur, in die übersetzt wird.

Dass Translation eine Bereicherung der Literatur und der Sprache darstellt, wird auch in Eliots Aufsatz „The Tudor Translators“ deutlich, in dem er aufzeigt, wie durch Übersetzung archaische Begriffe wiederverwendet und neue Worte geprägt wurden und wie durch die translatorische Arbeit erst die englische Sprache soweit geformt wurde, dass in ihr Englisch gedacht werden konnte (833–834; vgl. hierzu auch Hulpke 18, 19). Hier zeigt sich seine Auffassung, dass durch Translation eine Ausdifferenzierung der Sprache erfolgt, durch die nuancierte literarische Äußerung erst möglich wird. Dies ist im Sinne Eliots eine Grundvoraussetzung für die Entstehung qualitativ hochwertiger Lyrik – Eliot nennt das schlicht „good poetry“.3

Indem nun in der Übersetzung, wie Eliot sie sieht, der „Geist des Originals“ („spirit of the original“) mit dem Verstand beziehungsweise dem Intellekt des Übersetzenden4 („mind of the translator“) eine Einheit bildet und dies im translatorischen Prozess zu einer Verjüngung des literarischen Textes führt, wird deutlich, wie wertvoll Eliot Translation trotz der eingangs genannten Skepsis einschätzt.

Dieser Arbeit, die sich den Übersetzungen von Eliots Gedichten ins Deutsche und dem lyrischen Werk T. S. Eliots widmet, können die genannten translationspoetologischen Überlegungen Eliots als Motto eines Ethos der Übersetzungskritik dienen, indem bei der in dieser Arbeit vorgenommenen übersetzungskritischen Untersuchung der Übertragungen von Eliots Gedichten ins Deutsche eine entsprechend wertschätzende Betrachtungsweise eingenommen wird – ohne jedoch die kritische Distanz oder den unvoreingenommenen Blick der Kritikerin in der Analyse und Diskussion der verschiedenen Übertragungen aufzugeben. Die Umsetzung dieser Prämisse erfolgt in der vorliegenden Arbeit zuvorderst durch den deskriptiven Rahmen, in dem die Analyse und Diskussion der Übertragungen – bei Heranziehung unterschiedlicher translationswissenschaftlicher Theorien – stattfindet. Außerdem spielt hierbei die in ihren historischen und kulturellen Kontext einordnende Diskussion der Übertragungen sowie der Translatorinnen und Translatoren eine entscheidende Rolle, da die zeitlichen und räumlichen Rahmenbedingungen, in denen die Translate entstehen, großen Einfluss auf den übersetzerischen Prozess wie auch auf die hierbei entstehenden lyrischen Übersetzungen haben.

Karlsruhe und Germersheim, im Januar 2026
Christine Maier-Rezić

Danksagung

Diese Forschungsarbeit wäre niemals ohne die Unterstützung und Anregung anderer entstanden. Die Liste derer, die einen Anteil daran hatten, dass diese Dissertation in die Welt kommen konnte, wäre zu lang, um alle namentlich zu nennen. Einige dürfen jedoch nicht unerwähnt bleiben. Zuvorderst und besonders herzlich bedanke ich mich bei meiner Betreuerin Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Renate von Bardeleben für ihre unermüdliche Motivation und die wertvolle fachliche Rückmeldung sowie den konstruktiven Austausch während des gesamten Dissertationsprozesses. Ich danke außerdem Prof. Dr. Dr. h.c. Sabina Matter-Seibel für ihre Unterstützung, insbesondere bei der Erlangung des Wiedereinstiegsstipendiums des Landes Rheinland-Pfalz, ohne das diese Arbeit nicht hätte entstehen können. An dieser Stelle sei dem Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz für das Wiedereinstiegsstipendium gedankt. Bei Dr. Maria Lau und Monika Stegmann von der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität der JGU Mainz bedanke ich mich für ihre kompetente Beratung, die zur Erlangung des Stipendiums beitrug.

Ganz vielen Dank auch an Prof. Dr. Rainer Kohlmayer für sein hilfreiches, konstruktives Feedback.

Ein besonderer Dank gilt Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Kelletat für die freundliche Gelegenheit, in seinem kulturwissenschaftlichen Doktorandenkolloquium Teile aus der Dissertation präsentieren zu dürfen. Hier habe ich – auch von Dr. Julija Boguna und Dr. Aleksey Tashinskiy – einige gewinnbringende Hinweise und Impulse zu dieser Arbeit erhalten. Ebenso möchte ich mich bei der Forschungsgruppe „Politik der Translation“ des Fachbereichs bedanken, da ich hier einige wertvolle Anregungen aufnehmen durfte.

Dem Dichter und Übersetzer Norbert Hummelt sei für seine bereitwillige und detaillierte Auseinandersetzung mit meinen Fragen zu seiner Eliot-Translation sowie für sein Einverständnis gedankt, das hieraus entstandene E-Mail-Interview abzudrucken. Darüber hinaus bin ich Dr. Elmar Lenhart vom Robert-Musil-Institut für Literaturforschung der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv für die Bereitstellung von Eliots Briefen an Nora Wydenbruck und die Genehmigung dankbar, hieraus zitieren zu dürfen. Dr. Nicole Herweg und Jochen Walter vom Deutschen Literaturarchiv Marbach danke ich für ihre freundliche Unterstützung bei Recherche- und Genehmigungsfragen. Ich danke außerdem Dr. Andrea Erhart für ihre persönliche Einwilligung, aus ihrer Dissertation zu Nora Wydenbruck zitieren zu dürfen. Der Prof. Dr. Gustav Blanke und Hilde Blanke-Stiftung und dem Freundeskreis FTSK Germersheim e.V. danke ich für die finanzielle Unterstützung bei der Publikation der Dissertation.

Schließlich möchte ich all denen danken, die immer wieder durch Zuhören, hilfreiche Rückfragen und emotionale Zuwendung die Durchführung der Arbeit unterstützt haben. Hierzu zählen insbesondere Barbara Sofie Epp, Dorothée Langhoff, Dr. Debora Holler, Dragutin Rezić, Robert Relling sowie Dr. Sabine Seubert.

Diese Arbeit ist meiner Tochter Zora Sophia Rezić stellvertretend für ihre Generation Mädchen und Frauen gewidmet. Nur wenn Mütter ihre Ziele erreichen, werden es die nachfolgenden Mädchen und Frauen einfacher haben, ihre zu erlangen.

Liste der Abkürzungen

Folgende Abkürzungen werden für T. S. Eliots Gedichte benutzt:

PR The Love Song of J. Alfred Prufrock

TWL The Waste Land

BN „Burnt Norton“

EC „East Coker“

TDS „The Dry Salvages“

LG „Little Gidding“

1 Einleitung

T. S. Eliot gilt als einer der einflussreichsten Dichter der literarischen Moderne. „Als Pionier der modernen Lyrik“ bezeichnete ihn Anders Österling in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises, mit dem Eliot 1948 ausgezeichnet wurde („Award Ceremony Speech“).5 Inzwischen ist ersichtlich, dass das lyrische Oeuvre des amerikanisch-britischen Dichters weltweit Maßstäbe gesetzt hat und international herausragende Anerkennung gefunden hat. Dies verdeutlichen nicht nur die zahlreichen internationalen Auszeichnungen, mit denen Eliot geehrt wurde,6 sondern insbesondere die unzähligen über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg rund um den Globus entstandenen – und immer noch entstehenden – Übersetzungen von Eliots Gedichten sowie die durch die Gedichte international angestoßene lyrische Tätigkeit. Weltweit zeigt sich in der Rezeption von Eliot7, dass Eliots Gedichte als Impulsgeber für lyrische Innovation und individuellen dichterischen Ausdruck in den unterschiedlichen Kontexten fungieren.8

Die bis heute ungebrochene Strahlkraft von Eliots Gedichten zeigt besonders eindrücklich das 1922 publizierte Langgedicht The Waste Land, das einen Höhepunkt der literarischen Moderne markiert und mit dem Eliot die Dichtkunst im 20. Jahrhundert revolutionierte. Folgerichtig charakterisiert James Longenbach das Gedicht als „the most radically innovative and pervasively influential poem written in the twentieth century“ (449). Doch auch viele weitere seiner Gedichte zeichnen sich durch ihre Innovations- und Wirkungskraft aus. So auch das frühe Gedicht The Love Song of J. Alfred Prufrock, in dem sich Eliots dichterisches Potential bereits abzeichnet, das sich in seinen späteren Werken voll entfaltet (Leavis 76). Eliot macht sich durch dieses Gedicht nicht nur einen Namen als „rising star“ der literarischen Moderne, sondern vor allem ist es dieses Werk, das als erstes Gedicht der anglo-amerikanischen literarischen Moderne angesehen werden kann (Miller 118). Der letzte große Gedichtzyklus, Four Quartets, hat ebenfalls einen herausragenden Stellenwert, denn er stellt einen lyrischen Schlusspunkt des „modernist movement“ dar (MacKay 1). Eliot selbst hält Four Quartets für sein Meisterwerk.9

Im deutschsprachigen Kontext lässt sich die starke inspirative Wirkung, die von Eliots Gedichten ausgeht, an der regen Übersetzungstätigkeit ermessen, die bereits in den 1920er Jahren, kurz nach Erscheinen des Waste Land, einsetzte und sich bis heute fortsetzt. Alfred Margul-Sperber nahm sich als erster vor, einige von Eliots bis dahin erschienenen Gedichten, darunter The Love Song of J. Alfred Prufrock und The Waste Land, ins Deutsche zu übertragen.10 Kurz darauf begann auch Ernst Robert Curtius mit seiner Übertragungsarbeit des Jahrhundertgedichts The Waste Land. Zahlreiche Übersetzungen, insbesondere von Teilen des späten Zyklus Four Quartets, entstanden in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese translatorische Tätigkeit setzt sich bis heute fort. Die jüngsten Teil-Übertragungen von Eliots Gedichten erschienen 2022 in der Februar-Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft. Hier wurden sechs verschiedene Translate des ersten Teils von The Waste Land, „The Burial of the Dead“, abgedruckt, angefertigt von Anja Utler, Yevgeniy Breyger, Esther Kinsky, Rainer G. Schmidt, Rike Scheffler und Johannes Ungelenk.11

Besonders ist jedoch bei der neueren Übersetzungstätigkeit die anhaltende, nicht nur translatorische, Auseinandersetzung des Dichter-Übersetzers Norbert Hummelt mit Eliots Gedichten hervorzuheben, der sich seit mehr als 20 Jahren dichtend und nachdichtend Eliots Lyrik annähert. Bereits in den 1990er Jahren begann Hummelt mit der Four-Quartets-Translation. Zwischen 2000 und 2015 legte er dann seine Neuübertragungen von T. S. Eliots Langgedichten The Waste Land und Four Quartets in Zeitschriften und als Monographien bei Suhrkamp vor. 2013 und 2021 erschienen weitere Übertragungen Hummelts von Eliots Gedichten.12 Allein diese Neuübertragungen der Gedichte von T. S. Eliot der letzten zwei Jahrzehnte durch den Dichter Norbert Hummelt erfordern eine translationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Übertragungen der Gedichte.13 Eine Analyse der Neuübersetzungen von Hummelt nach translationswissenschaftlichen Kriterien wird notwendig und damit auch eine erneute Hinwendung zu den älteren Übertragungen der Gedichte, in deren Kontext Hummelt seine neuen Übersetzungen stellt.

Vor diesem Hintergrund wird in dieser Arbeit die Untersuchung der deutschen Übertragungen von T. S. Eliots Gedichten vorgenommen. Dabei werden die drei Langgedichte The Love Song of J. Alfred Prufrock (1915), The Waste Land (1922) und Four Quartets (1943) als repräsentativ für Eliots Lyrik angesehen, da sie als Höhepunkte der jeweiligen Schaffensphase in Eliots lyrischem Oeuvre gelten können (Brooker, Dialectical Imagination 2).14 Es werden für die Analyse die Übersetzungen herangezogen, die diese drei Langgedichte in Gänze erfassen und in gedruckter Form vorliegen.15

Besondere Relevanz erlangt die vorliegende übersetzungskritische Untersuchung durch die Aktualität der neuen Übertragungen16 der Gedichte Eliots ebenso wie durch die Aufnahme einer älteren Übertragung – der ersten Übersetzung des frühen Gedichts The Love Song of J. Alfred Prufrock durch Alfred Margul-Sperber, die bisher keinen Eingang in die Forschung der Übersetzungen von Eliots Gedichten gefunden hatte. Ihre Analyse führt nicht nur diese Übertragung in die Eliot-Forschung ein, sondern ermöglicht auch einen translationswissenschaftlich gewinnbringenden Vergleich mit der bisher in der Forschung bekannten Übertragung des Gedichts.

Wie unterschiedlich die Translatorinnen und Translatoren sind, die sich Eliots lyrischem Werk nähern, wird bereits mit Blick auf die beiden angesprochenen ersten Übersetzer von Eliots Gedichten deutlich: Auf der einen Seite steht Alfred Margul-Sperber, ein in den 1910er und 20er Jahren expressionistisch dichtender Autor aus deutschsprachig jüdisch-assimiliertem Elternhaus in der Bukowina mit sozialistischer Einstellung, der in den 1920er Jahren, seinen „Wanderjahren“ (Kittner, „Alfred Sperber“ 592), in Paris und New York Eliots Lyrik begegnete und im deutschsprachigen Raum sowie auf internationaler Ebene noch recht unbekannt war. Auf der anderen Seite befindet sich der renommierte Romanist und konservative Intellektuelle Ernst Robert Curtius, der zur Zeit seiner Waste-Land-Übertragung den Lehrstuhl für Romanistische Philologie in Heidelberg innehatte und der aufgrund seines internationalen Renommees bereits von Eliot für Beiträge für dessen Literaturzeitschrift The Criterion angeworben worden war.

Auch die anderen Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich Eliots Gedichten widmen, haben alle einen verschiedenen Hintergrund, und nehmen mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Vorstellungen die translatorische Arbeit auf. Entsprechend vielfältig stellen sich die Translate dar, die das Korpus dieser übersetzungswissenschaftlichen Analyse bilden. Es entstehen durch die Übertragungen ins Deutsche Varianten von Eliots Gedichten, die in das lyrische Werk von Eliot eingebracht werden. Gemeinsam ist all den Übersetzungen, die in dieser Arbeit analysiert werden, dass sie als „literarische Übersetzungen“ angefertigt wurden. Damit ist gemeint, dass diese Übertragungen nicht nur einen mit Sprache ausgedrückten semantischen Gehalt in einer bestimmten, hier dichterischen, Form ins Deutsche bringen, sondern als Teil der Literatur im deutschsprachigen Raum gelten wollen und rezipiert werden. Damit sind sie selbst Kunstwerke (Levý 35, Kohlmayer, Literaturübersetzen 11). Sie haben als solche im literarischen Bereich ihren Platz eingenommen und sich der literarischen Öffentlichkeit gestellt.17

Unterschiede in der Darbietungsweise der Übertragungen, wie zum Beispiel einsprachige oder zweisprachige Publikation, Erscheinen in Buchform oder in Zeitschriften, oder Benennung der Übersetzungen, insbesondere die Klassifikation als Nachdichtung, wird nicht als Ausschlusskriterium erachtet, da solch eine Benennung oft verlegerischen Entscheidungen in bestimmten sozio-kulturellen Begebenheiten unterliegt. Handelt es sich beim übersetzten Text um eine „literarische Übersetzung“ in diesem Sinne, wird er in das Korpus aufgenommen. Solche Übertragungen allerdings, die diesem Kriterium der literarischen Übersetzung nicht standhalten können, weil sie sich zum Beispiel an ein rein akademisches Publikum wenden, sind in dieser Arbeit nicht Teil des Korpus.

Dies betrifft beispielsweise die Waste-Land-Übersetzungen von Junkes-Kirchen und von Karl-Heinz Göller. Junkes-Kirchen fügt seiner Übersetzungskritik der Waste-Land-Übersetzungen 1988 eine eigene Übertragung bei, die auf Grundlage seiner philologischen Analyse des Ausgangstextes und seiner translationswissenschaftlichen Übersetzungskritik bereits existenter Übertragungen entsteht. Diese Übertragung klassifiziert er selbst als „ganzheitliche literaturwissenschaftliche Übersetzung“, als deren Adressaten er „Studenten der literaturwissenschaftlichen Fächer“ benennt sowie „Leser, denen die Lektüre zu Reflexionen über Original und Übersetzung Anlaß gibt, wie etwa Fachleuten aus Anglistik und Übersetzungswissenschaft“ (237). Diese Übersetzung hat entsprechend nie Eingang in den literarischen Bereich gefunden. Ähnliches lässt sich zu Göllers Übersetzung sagen, die er seiner anglo-amerikanischen Waste-Land-Interpretation als Verständnishilfe beigibt. Diese Übertragung konnte daher keinen Anspruch erheben, eine „literarische Übersetzung“ zu sein (Göller 344–364).

Das Korpus setzt sich unter der genannten Maßgabe aus folgenden Übertragungen zusammen, wobei unterschiedliche Fassungen, wie Teilübersetzungen und überarbeitete Versionen dieser Übertragungen mit einbezogen werden: Der Liebesgesang J. Alfred Prufrocks übersetzt von Alfred Margul-Sperber wurde bereits in den 1920er Jahren angefertigt, jedoch erst 1969 in Buchform veröffentlicht. J. Alfred Prufrocks Liebesgesang übertragen von Klaus Günther Just erschien 1951 in Buchform. Ödland von Alfred Margul Sperber lag bereits 1926 übersetzt vor, wurde aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht. Diese Übertragung erschien 1969 in Buchform und 2011 als Monographie. Das wüste Land übersetzt von Ernst Robert Curtius erschien zunächst 1927 in der Neuen Schweizer Rundschau, 1951 unverändert in Buchform. Das wüste Land in der Übertragung von Eva Hesse wurde 1972 in Buchform veröffentlicht, 1988 erschien die Überarbeitung dieser Übertragung ebenfalls in Buchform. Das öde Land in Neuübersetzung von Norbert Hummelt wurde 2008 sowohl in Zeitschriftenform als auch in Buchform, als Monographie, publiziert. Alle Vier Quartette übersetzt von Nora Wydenbruck erschienen in Buchform 1948 und überarbeitet 1951; zuvor waren einzelne der Langedichte in Zeitschriften veröffentlicht worden: „The Dry Salvages“ bereits 1946, „Little Gidding“ 1947 und „East Coker“ 1948. Die Neuübersetzung der Vier Quartette von Norbert Hummelt erschien zunächst in Teilen 2000 in der Literaturzeitschrift Zwischen den Zeilen, 2006 als Gesamtübersetzung in Schreibheft. Die überarbeitete Fassung des Zyklus liegt seit 2015 in Buchform als Monographie vor.18

Dass nur die Übertragungen der Übersetzer und Übersetzerinnen in das Korpus aufgenommen werden, die die Gedichte als Ganzes übertrugen, ist insbesondere im Hinblick auf die Four-Quartets-Übersetzung zu beachten, da eine Vielzahl an Teilübersetzungen existiert. Um diesem Aspekt der Eliot-Translation gerecht zu werden, fließen exemplarisch in der Analyse der „East-Coker“-Übertragungen die Teilübersetzungen dieses Gedichts mit in die Besprechungen ein. Es handelt sich dabei um die Übertragungen von Dolf Sternberger (1945) und Richard Friedenthal (1945).

Es können allerdings nicht alle Teilübersetzungen der drei Langgedichte T. S. Eliots in deutscher Sprache berücksichtigt werden, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit übersteigen würde. Die Teilübersetzungen des Gedichts The Waste Land von Kurt Heinrich Hansen (1950), Ursula Clemen (1961) und Johannes Kleinstück19 (1966) sowie die 2022 in Schreibheft veröffentlichten Neuübertragungen des ersten Teils von The Waste Land, „The Burial of the Dead“, von Anja Utler, Yevgeniy Breyger, Esther Kinsky, Rainer G. Schmidt, Rike Scheffler und Johannes Ungelenk werden in dieser Arbeit nicht aufgenommen. Die „Burnt-Norton“-Teilübertragungen von Ursula Clemen (1948) und von Marcel Beyer (2002) oder die Teilübertragungen verschiedener Gedichte von Eliot durch Hans Feist (1945), die „East-Coker“-Teilübersetzung von Horst Meller (2000) oder die „Little Gidding“-Teilübertragung von Norbert Elias (1987) können nicht in das Korpus genommen werden. Das gleiche gilt für die Teilübersetzungen verschiedener Gedichte von Eliot durch Edouard Roditi (1948) und Erich Fried (1948), die in Zeitschriften-Aufsätzen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu finden sind, durch die T. S. Eliot mit seinem Werk in Deutschland eingeführt wird.20 Bisher in unveröffentlichten Manuskripten vorliegende Übertragungen der Gedichte Eliots, die in Übersetzernachlässen und Literaturarchiven zu finden sind, können in diese Arbeit ebenfalls nicht einbezogen werden.21

Diese übersetzungskritische Untersuchung versteht sich explizit als weiterer Beitrag zu den bereits bestehenden Forschungsarbeiten, in denen Übersetzungen der Gedichte Eliots analysiert werden. Hierzu wird auf die Erkenntnisse von Forschenden wie Ernst Ottokar Fink (Die übersetzerische Rezeption des lyrischen Werks von T. S. Eliot im deutschen Sprachraum von 1971), Erika Hulpke (Die Vielzahl der Übersetzungen und die Einheit des Werks von 1985), Armin Paul Frank („T. S. Eliots frühe ‘Wüste Länder’, französisch und deutsch“ von 1987), Klaus Junkes-Kirchen (T. S. Eliots ‘The Waste Land’ Deutsch von 1988), Armin Paul Frank und Birgit Bödeker („Trans-culturality and Inter-culturality in French and German Translations of T. S. Eliot’s The Waste Land“ von 1991) sowie Elisabeth Däumer („(Re)modernizing Eliot: Eva Hesse and Das wüste Land“ von 2007) aufgebaut. Finks Dissertation von 1971 ist hierbei als Pionierleistung anzusehen sowie die genannten weiteren Forschungsarbeiten als weiterführende Leistungen im Bereich der Translationswissenschaft und der Eliot-Forschung.

Ernst Ottokar Fink untersucht 1971 alle ihm bekannten deutschsprachigen Übertragungen von Eliots Gedichten und legt hierbei die Theorie Jiří Levýs zugrunde. Wichtigstes Kriterium seiner Überprüfung der Übertragungen ist die „Eliothaltigkeit“ der Translate (Fink, Die übersetzerische Rezeption 197). 1985 analysiert Erika Hulpke in Die Vielzahl der Übersetzungen und die Einheit des Werks: Bildmuster und Wortwiederholungen in T. S. Eliot, Collected Poems/Gesammelte Gedichte die in dem 1972 von Eva Hesse bei Suhrkamp herausgegebenen Band T. S. Eliot, Collected Poems/Gesammelte Gedichte vorgelegten Gedichtübersetzungen. Sie orientiert sich dabei an von Paul Armin Frank aufgestellten Maximen für Translation (Hulpke 68) und beschränkt ihre Analyse auf Musteraspekte und kleinere Gedichte in diesem Gedichtband.

Armin Paul Frank untersucht in seiner 1987 entstandenen Studie „T. S. Eliots frühe ‘Wüste Länder’, französisch und deutsch“ nur die ersten deutschen und französischen Translate des Gedichts The Waste Land. Besonders hervorzuheben ist bei dieser Studie die Tatsache, dass Frank hier erstmals Margul-Sperbers Waste-Land-Übertragung einbezieht, der Analyse einige biographische Angaben zu den Translatoren vorausschickt und Kenntnisse zu Margul-Sperbers eigener Lyrik in die Untersuchung einfließen lässt. Sein Ansatz kann als inspirierend für weitere Forschungsarbeiten in diesem Bereich gelten. Klaus Junkes-Kirchen untersucht in seiner Dissertation T. S. Eliots ‘The Waste Land’ Deutsch: Theorie und Praxis einer Gedichtübersetzung nach literatur- und übersetzungswissenschaftlichen Gesichtspunkten die ihm 1988 bekannten deutschsprachigen Translate des Gedichts The Waste Land, wobei hier insbesondere die Einbeziehung von Eva Hesses 1972 vorgelegter Waste-Land-Übersetzung zu nennen ist. Hierdurch ergänzt Junkes-Kirchen die Forschung der Waste-Land-Translation. Ähnlich wie Fink nimmt er hierfür die Theorie von Jiří Levý als Grundlage. Hierdurch bleibt die Analyse sehr ausgangstextbezogen.

1991 legen Armin Paul Frank und Birgit Bödeker den Aufsatz „Trans-culturality and Inter-culturality in French and German translations of T. S. Eliot’s The Waste Land“ vor. Hierin beschränken sie sich auf die deutschen und französischen Übersetzungen von The Waste Land, wobei sie insbesondere trans- und interkulturelle Aspekte dieser Translate berücksichtigen. In ihrem 2007 im Band The International Reception of T. S. Eliot herausgegebenen Aufsatz „(Re)Modernizing Eliot: Eva Hesse and Das wüste Land“ fokussiert Elisabeth Däumer auf die Übersetzung des Gedichts The Waste Land durch Eva Hesse. Sie bedient sich dabei der Theorie Lawrence Venutis.

Erkenntnisse dieser Arbeiten früherer Forscherinnen und Forscher werden in die übersetzungskritischen Diskussionen mit einbezogen. Es wird jedoch in Bezug auf diese früheren Analysen deutlich, dass diese zumeist nur die Translate eines Gedichts, insbesondere von The Waste Land, oder nur einige Teilaspekte der Gedichte berücksichtigen. Desweiteren wurden die Analysen zumeist auf Grundlage älterer Theorien, wie der von Jiří Levý, vorgenommen. Neuere Theorien stehen dieser jedoch in einigen grundlegenden Annahmen diametral gegenüber. Insbesondere ist hier die Theorie von Lawrence Venuti zu nennen. Beide Theorien unterscheiden sich grundsätzlich am Punkt der Sichtbarkeit der Übersetzung, denn während Levý die Meinung vertritt, Übertragungen sollten die Illusion erzeugen, es handele sich hierbei um einen Text, wie er sich im Original darstellt (31, 32), tritt Venuti dafür ein, der Leser beziehungsweise die Leserin solle erkennen, dass es sich um eine Übersetzung handelt (Invisibility 1, 7, 13). Elisabeth Däumer verwendete als einzige die Theorie von Lawrence Venuti – mit dem Ziel, Eva Hesses Translationsleistung besonders hervorzuheben. Die beiden älteren Translate treten in ihrer Untersuchung jedoch in den Hintergrund, sodass die individuellen Unterschiede in Ansatz und Gestaltung von Margul-Sperbers und Curtius’ Translaten in diesem, was die Darstellung von Hesses Translationsleistung angeht, beispielhaften Aufsatz nicht auf gleiche Weise umfassend beleuchtet werden.

Durch diese Erkenntnisse zum Forschungsstand werden somit folgende Forschungslücken sichtbar: Die eingangs erwähnten Neuübersetzungen von Norbert Hummelt seit 2000 verlangen eine translationswissenschaftliche Analyse, Margul-Sperbers Übertragung von The Love Song of J. Alfred Prufrock wurde bisher nicht untersucht, zu einigen Translatorinnen und Translatoren ist bisher in den Eliot-Studies und auch in der Translationswissenschaft wenig bekannt. In den bisherigen Forschungsarbeiten zu den Übersetzungen der Gedichte von Eliot sind darüber hinaus die Analysen bisher meist als fehlerbehaftet in Bezug auf den Ausgangstext kritisiert worden. Dies widerspricht dem eingangs geäußerten übersetzungskritischen Ethos, der als Prämisse für die Analyse gelten soll. Desweiteren ist es nötig, auch die älteren Übertragungen mit einzubeziehen und auf Grundlage neuerer translationswissenschaftlicher Theorien zu analysieren.

Um die genannten Forschungslücken zu schließen, sollen mit dieser übersetzungskritischen Arbeit folgende Ziele erreicht werden: Zuvorderst soll eine möglichst präzise und adäquate Analyse der lyrischen Übertragungen sowie der Ausgangsgedichte geleistet werden, um die Beschaffenheit sowie die Merkmale und Charakteristika sowohl der Translate als auch der ausgangssprachlichen Gedichte herauszuarbeiten und aufzuzeigen. In der hierbei entstehenden „Case study“ zu den deutschen Übertragungen der repräsentativen Gedichte des amerikanisch-britischen Autors spielt daher nicht nur der Vergleich der Übertragungen mit dem Ausgangstext, sondern insbesondere auch der Vergleich der Translate untereinander sowie die intensive Wahrnehmung der Einzeltranslate als lyrische Realitäten mit ihren individuellen Charakteristika in ihrem spezifischen Kontext eine wichtige Rolle.

Desweiteren sollen die Translatorinnen und Translatoren der drei Langgedichte erforscht werden. Hierbei sollen ihre Hintergründe, ihre Herangehensweisen an die Gedichttranslation, die individuellen Voraussetzungen und das spezifische Verständnis, mit dem sie sich der Übersetzung nähern, untersucht werden.

Hierdurch soll das gegenwärtig existierende Eliot-Bild erweitert werden: einerseits das in der Eliot-Forschung vorhandene Bild, indem durch die Untersuchung der deutschsprachigen Gedichtübertragungen dem Aspekt von Eliot in deutscher Sprache entscheidende Ergänzungen hinzugefügt werden. Andererseits soll auch das Eliot-Bild erweitert werden, das durch die Übersetzungen stark geprägt wurde, indem nicht nur die bereits bekannten und im renommierten Suhrkamp-Verlag veröffentlichten Übersetzungen besprochen werden, sondern indem die Einbeziehung und Analyse der dem deutschsprachigen Publikum noch recht unbekannten Übertragungen des bukowinischen Dichters Alfred Margul-Sperber, insbesondere dessen Prufrock-Übertragung, sowie einiger Teilübersetzungen der Four Quartets den Blick erweitert.

Details

Seiten
XVIII, 484
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631921647
ISBN (ePUB)
9783631921654
ISBN (Hardcover)
9783631921630
DOI
10.3726/b21988
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (April)
Schlagworte
Dolf Sternberger Nora Wydenbruck Klaus Günther Just Norbert Hummelt Eva Hesse Ernst Robert Curtius Alfred Margul-Sperber modernistische Lyrik Gedichttranslation Übersetzung T. S. Eliot Modernismus Translatkritik Übersetzungskritik Manipulation School Descriptive Translation Studies Lawrence Venuti Richard Friedenthal
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. xviii, 484 S., 3 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Christine Maier-Rezić (Autor:in)

Christine Maier-Rezić hat Amerikanistik/Anglistik und Germanistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie am University College Galway (Irland) studiert, außerdem Amerikanistik/Anglistik und Arabistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Dort hat sie auch promoviert. Ihr Interesse gilt u.a. der anglo-amerikanischen Literatur und Translation.

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Titel: T. S. Eliots Gedichte in deutscher Sprache