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Die Schuldproblematik im Werk Dostojewskijs

von Christoph Garstka (Band-Herausgeber:in)
©2025 Dissertation 174 Seiten

Zusammenfassung

Die Frage nach der Schuld des Menschen vor Gott und seiner Schöpfung nimmt besonders im nachsibirischen Werk Dostojewskijs einen zentralen Platz ein, angefangen bei der Schilderung der Verbrecher und ihrer Taten in den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus über den Doppelmörder Raskolnikow bis zum vermeintlichen Vatermörder Dmitrij Karamasow, der die Schuld für eine Tat aufnimmt, die er gar nicht begangen hat. Der Band versammelt Beiträge, die sich diesem facettenreichen Schuldbegriff aus verschiedenen Perspektiven heraus - psychologisch, theologisch, philosophisch, kulturhistorisch und juristisch - annähern.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelseite
  • Urheberrechtsseite
  • Widmung
  • Inhalt
  • Vorwort (Christoph Garstka)
  • Schuld, die Psychoanalyse und Dostojewskij (Mathias Hirsch)
  • Schuldgefühl
  • Schuldbewältigung
  • Literatur
  • Schuld und Willensfreiheit – Versuch eines systemtheoretischen Verständnisses (Walter von Lucadou)
  • Einführung
  • Welche Perspektiven vermittelt die „Verallgemeinerte Quantentheorie“ (VQT)?
  • Der naturalistische Ansatz
  • Eskalation durch deterministische Regelungen
  • Schuldzuweisungen
  • Verbindlichkeit
  • Ausblick und Perspektiven
  • Literatur
  • „Schuld und Sühne“ für Verbrechen ohne Strafe? Verdeckte Motive in der theologischen Dostojewskij-Rezeption nach 1945 (Maike Schult)
  • 1. Am Anfang war das Denkverbot: Wer ist schuld am Sündenfall?
  • 2. Am Anfang war die Denkfreiheit: Das Verbrechen als Idee
  • 3. Die Realität des Verbrechens: Schuldbegegnung im Raum der Fiktion
  • Die zivilisierende Wirkung des Rechts und die Schuld(un)fähigkeit des Individuums: Eine Kippfigur der (Anti)Moderne in Dostojewskijs Roman Die Brüder Karamasow (Wolfgang Stephan Kissel)
  • I Der universelle Schuldzusammenhang
  • II Der Vatermord
  • III Recht und Justizreform
  • IV Zivilisationssemantik und Zivilisationskritik
  • V Kippfiguren der Anti-Moderne
  • Literatur
  • Dostojewskij als Kriminalist (Anatolij Fjodorowitsch Koni)
  • Vortrag gehalten auf der Versammlung der juristischen Gesellschaft der Universität St. Petersburg am 2. Februar 1881
  • Nachruf: Horst-Jürgen Gerigk (1937–2024) (Jordi Morillas)
  • Horst-Jürgen Gerigk und Dostojewskij
  • Kurze persönliche Erinnerungen
  • In memoriam Horst-Jürgen Gerigk (1937–2024) (Christoph Garstka)
  • Dostojewskij und Tschechow. Vom intelligiblen zum empirischen Menschen (Horst Jürgen Gerigk)
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.
  • VI.
  • Literatur
  • Dostojewskij-Bibliographie 2023
  • I. Werke in deutschen Übersetzungen
  • a) Einzelne Romane und Erzählungen
  • b) Weitere Schriften
  • II. Sekundärliteratur
  • III. Audio-/Videomaterial

Vorwort

Christoph Garstka

In Dostojewskijs letztem Roman Die Brüder Karamasow sagt der geistliche Lehrer Starez Sosima: „Jeder von uns trägt allen gegenüber an allem Schuld, und ich mehr als alle.“ Die Frage nach der Schuld des Menschen vor Gott und seiner Schöpfung nimmt besonders im nachsibirischen Werk des russischen Schriftstellers einen zentralen Platz ein, angefangen bei der Schilderung der Verbrecher und ihrer Taten in den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus über den Doppelmörder Raskolnikow bis zum vermeintlichen Vatermörder Dmitrij Karamasow, der die Schuld für eine Tat auf sich nimmt, die er gar nicht begangen hat. Die Konzeption der Schuld im Werk Dostojewskijs ist dabei untrennbar verbunden mit seiner Biographie und den vielen Wendepunkten, die er erlebt hat. Schon Siegmund Freud hat in seinem Essay „Dostojewski und die Vatertötung“ von 1928 eine vermeintlich unmittelbare Beziehung zwischen dem Tod von Dostojewskijs Vater und einem daraus resultierenden Schuldgefühl und der Konzeption der Brüder Karamasow hergestellt.1 Mehr noch: das extreme Schuldgefühl soll auch verantwortlich gewesen sein für seine überbordende Spielsucht, der er sich auf seinen Reisen im Ausland hemmungslos hingegeben hat. Im zweiten Teil seines Essays kommt Freud auf die junge Anna Grigorjewna zu sprechen, die der Spielsucht ihres Ehemanns hilflos und unverständlich gegenüberstand:

Er [= Dostojewskij] ruhte nie, ehe er nicht alles verloren hatte. Das Spiel war ihm auch ein Weg zur Selbstbestrafung. Er hatte ungezählte Male der jungen Frau sein Wort oder sein Ehrenwort gegeben, nicht mehr zu spielen oder an diesem Tag nicht mehr zu spielen, und er brach es, wie sie sagt, fast immer. Hatte er durch Verluste sich und sie ins äußerste Elend gebracht, so zog er daraus eine zweite pathologische Befriedigung. Er konnte sich vor ihr beschimpfen, demütigen, sie auffordern, ihn zu verachten, zu bedauern, dass sie ihn alten Sünder geheiratet, und nach dieser Entlastung des Gewissens ging dies Spiel am nächsten Tag weiter. Und die junge Frau gewöhnte sich an diesen Zyklus, weil sie bemerkt hatte, dass dasjenige, von dem in Wirklichkeit allein die Rettung zu erwarten war, die literarische Produktion, nie besser vor sich ging, als nachdem sie alles verloren und ihre letzte Habe verpfändet hatten. Sie verstand den Zusammenhang natürlich nicht. Wenn sein Schuldgefühl durch die Bestrafungen befriedigt war, die er selbst über sich verhängt hatte, dann ließ seine Arbeitshemmung nach, dann gestattete er sich, einige Schritte auf dem Wege zum Erfolg zu tun.

Produktiv habe Dostojewskij demnach nur dann sein können, wenn er sich einer Selbstbestrafung unterzogen habe, durch die das stets in ihm vorhandene Schuldgefühl zumindest vorübergehend „befriedigt war“. Vor diesem Hintergrund wäre Dostojewskij als Mensch ein Neurotiker – was Freud auch so über ihn sagt – und somit ein Fall für den Psychiater. Und nicht umsonst sind in diesem Jahrbuch deshalb auch Beiträge eines Psychiaters und eines Psychologen zu finden.

Aber natürlich ist in diesen Kennzeichnungen immer auch eine besondere deutsche Rezeption dieses russischen Schriftstellers zu erkennen, zu der nicht zuletzt Sigmund Freud, aber auch weitere namhafte Autoren wie Stefan Zweig, Hermann Hesse und Thomas Mann beigetragen haben. Thomas Mann hat in seinem Essay „Dostojewski – mit Maßen“ noch 1946 das „heilige Verbrecherantlitz“ des Russen beschworen und ihn zu den „genialen Kranken“ gezählt. Die „Schuldfrage“ im Werke Dostojewskij bekommt daher besonders im deutschsprachigen Diskurs immer auch eine metaphysische Dimension, die in dieser Form im Original und in anderen Sprachen vielleicht weniger ausgeprägt ist. Man stelle sich nur vor, die englischsprachige Übersetzung von Prestuplenie i nakazanie würde unter dem Titel Guilt and Atonement statt Crime and Punishment gehandelt; Schuld und Sühne allerdings war lange Zeit die gängige deutschsprachige Fassung. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist diesem Jahrbuch der Beitrag eines russischen Juristen aus dem Jahr 1881 beigefügt, in dem aus der Perspektive eines erfahrenen Advokaten und namhaften Strafrechtlers erstmals überhaupt in der Rezeptionsgeschichte auf das Werk Dostojewskijs geblickt wird. Aber auch der Kultur- und Literaturwissenschaftler sowie die Theologin kommen zu Wort, denn die oben zitierten Aussagen des Starzen sind nur verständlich vor dem Hintergrund von Dostojewskijs Glauben an eine familiäre Verbindung aller Menschen untereinander, der mit dem Begriff der Sobornostʼ als spiritueller Gemeinschaft beschrieben werden kann. Dazu gehört die demütige Selbsterkenntnis als Sünder, die erst den Weg zur Erlösung eröffnet.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Mathias Hirsch liest in seinem Beitrag, „Schuld, die Psychoanalyse und Dostojewskij“, die beiden Romane Verbrechen und Strafe sowie die Brüder Karamasow im Licht der psychoanalytischen Ansätze Sigmund Freuds und deutet vor diesem Hintergrund die Konzeption von Schuld und Schuldgefühl in diesen Werken. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass eine Unterscheidung zwischen tatsächlicher Schuld und dem Gefühl, schuldig zu sein, bei Dostojewskij oft nicht gemacht werde. Er spreche vor allem von Schuld, auch wenn man nur von einem Schuldgefühl reden müsste, so wie die Brüder Karamasow, die ja nur den Wunsch haben, den Vater zu töten, aber doch Schuld empfinden.

Einen gänzlich neuen und zumindest für einen klassisch-philologisch ausgebildeten Leser sehr ungewöhnlichen Ansatz wählt der Psychologe, Physiker und Parapsychologe Walter von Lucadou in seinem Beitrag „Schuld und Willensfreiheit. Versuch eines systemtheoretischen Verständnisses.“ In der Verbindung von neuesten neurowissenschaftlichen Ansätzen und Erkenntnissen aus der „Verallgemeinerten Quantentheorie“ blickt er auf Dostojewskijs Postulat des freien menschlichen Willens und erkennt darin eine erstaunliche Modernität im Gegensatz zum oft vorgebrachten Vorwurf, er habe eine antimodernistische Wendung vollzogen.

Mit dem Beitrag von Maike Schult, ‚Schuld und Sühne‘ für Verbrechen ohne Strafe? Verdeckte Motive in der theologischen Dostojewskij-Rezeption nach 1945 rückt die theologische Perspektive auf das Oeuvre des russischen Schriftstellers in den Vordergrund. Das Phänomen der Schuldabwehr ist seit dem Paradies bekannt. Auch Dostoevskijs Roman Schuld und Sühne thematisiert nicht nur das Verbrechen, sondern vor allem die Abwehr von Schuld aus der Perspektive des Täters und hatte damit starke Effekte schon auf die zeitgenössische Leserschaft. In der deutschen Theologie wurde der Romantitel nach 1945 vielfach verwendet, um das Schuldthema einzuspielen, ohne zeitgeschichtlich konkret werden zu müssen.

Der Slawist und Kulturwissenschaftler Wolfgang Stephan Kissel blickt in seinem Beitrag auf die „zivilisierende Wirkung des Rechts und die Schuld(un)fähigkeit des Individuums“ und will in dieser Perspektive besonders in den Brüdern Karamasow mehrere „Kippfiguren der (Anti)Moderne“ ausgemacht haben. Seine sehr dichte Analyse besticht gleichermaßen durch eine akribische Begriffsanalyse wie durch eine bezogen auf die juristischen Hintergründe hoch kompetente Einordnung des Romans in den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext. Dabei erkennt Kissel in Dostojewskijs letztem Roman viele Figuren, die zwischen Moderne und Antimoderne stehen und die Zweifel am zivilisatorischen Fortschrittsglauben gerade auch in der Rechtsgeschichte zum Ausdruck bringen: „Indem der Roman moderne und antimoderne Ideen zu Schuld und Schuldfähigkeit bzw. Schuldunfähigkeit in direkten Konflikt bringt, berührt er ein Problem, das für die ‚zivilisierte Menschheit‘ bis heute relevant geblieben ist. Denn das moderne Recht kann Erwartungen an eine strenge Wissenschaft nur zum Teil erfüllen.“

Dieses „moderne Recht“ hat in Russland durch die umfassende Justizreform von 1864 Einzug gehalten. Dostojewskij war unmittelbarer und höchst interessierter Zeuge dieser Reform und man kann wohl behaupten, dass große Teile seines literarischen Spätwerks ohne zumindest grundlegende Kenntnisse über Art und Wesen dieses neuen Prozess- und Strafrechts unverständlich bleiben. Er selbst hat in den 1870er Jahren immer wieder an Strafprozessen teilgenommen, sie in seinem Tagebuch eines Schriftstellers kommentiert und durch diese Publizistik einmal sogar die Aufhebung eines Schuldspruches und die Neuverhandlung des Falles erwirkt. Welche „Verdienste“ er sich dabei um das neue Fach der Kriminalistik erwarb, hat zuerst sein Freund und Briefpartner Anatolij Fjodorowitsch Koni ausführlich dargelegt und zwar bereits drei Tage nach dem Tod Dostojewskijs. Koni gehörte zu einer Reihe begabter junger, zumeist sehr liberal gesonnener Juristen, die im Zuge der Reform in die gesellschaftliche Öffentlichkeit getreten sind. Er machte eine glänzende Karriere nicht nur als Anwalt und Richter, sondern auch als Rechtslehrer und später als Chronist der Geschichte der Rechtsreform und ihrer spektakulärsten Fälle. Nachdem Dostojewskij am 28. Januar 1881 gestorben war, nutzte Koni bereits am 2. Februar des gleichen Jahres eine Sitzung der juristischen Gesellschaft der Universität St. Petersburg, um eine längere Rede in Erinnerung an den Schriftsteller zu halten. Als er diese Rede publizierte, gab er ihr den Titel „Dostojewskij als Kriminalist“. Mit einer ausgefeilten Rhetorik macht er hier auf die subtilen und facettenreichen Schilderungen von Verbrechen, Verbrecherpersönlichkeiten und möglichen Formen der Strafzumessung im Werk Dostojewskijs, besonders in seinem Roman Verbrechen und Strafe, aufmerksam. Wie leider fast das gesamte Werk Konis ist auch dieser Aufsatz auf Deutsch bisher nicht zugänglich gewesen, was hiermit nachgeholt werden soll.

Details

Seiten
174
Erscheinungsjahr
2025
ISBN (PDF)
9783631939420
ISBN (ePUB)
9783631939437
ISBN (Paperback)
9783631939413
DOI
10.3726/b23068
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Januar)
Schlagworte
F. M. Dostojewskij Schuld und Schuldproblematik Russische Literatur Psychologie S. Freud Recht und Literatur
Erschienen
Berlin · Bruxelles · Chennai · Lausanne · New York · Oxford, 2025. 174 pp., 1 Ill. b/w, 1 Tab. b/w
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Christoph Garstka (Band-Herausgeber:in)

Christoph Garstka ist als Professor für Russische Kultur am Seminar für Slavistik/Lotman-Institut für Russische Kulturstudien an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Seit 2017 ist er Vorsitzender der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft.

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