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Hindiba

Ein Projekt zur Erforschung der individuellen Bedeutung von impliziter Religiosität und deren Einfluss auf die Inklusität fluchtmigrierter Menschen

von Alina Knoflach (Autor:in)
©2026 Dissertation 602 Seiten

Zusammenfassung

Wie gelingt es Menschen, in Folge einer Fluchtmigration Halt zu finden? Und welche individuelle Bedeutung kann Religiosität entfalten – im Ringen um Leben und Überleben? Dieses Buch eröffnet neue Perspektiven auf die Frage, wie tief religiöse Muster im Menschsein verankert sind – auch dort, wo Religion scheinbar keine Rolle spielt. Es zeigt, wie fluchtmigrierte Menschen in einer neuen Lebenswelt implizite Formen von Religiosität und Spiritualität nutzen: als Ressource, als Überlebensstrategie, als Brücke zwischen Welten. In einer anwendungsorientierten Herangehensweise widmet sich das Forschungsprojekt Hindiba (arabisch für Löwenzahn) Themen, die uns alle angehen: Etwa danach, wie religiöse Stereotype – insbesondere Fremd- und Feindbilder gegenüber „dem Islam“ – überwunden werden können. Und wie „Integration“ neu gedacht werden kann. Ein Werk, das theoretisch fundiert, praxisnah und richtungsweisend ist „Integration“ – für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in Zeiten globaler Fluchtmigration.

Mit klarem Blick und erstaunlicher Tiefe führt Alina Knoflach durch die Komplexität des Ankommens, Loslassens und Haltfindens nach Fluchtbewegungen. Ein Buch, das mein Verständnis von „Integration“ verändert hat, das berührt und mit Menschenstimmen bewegt.
– Anna Alabd, M.Ed. Univ., Forscherin für interreligiöse Diskurse
Die vorliegende Dissertation untersucht erstmals empirisch die Ressourcen, die säkulare Religion bereitstellt, um Menschen in Migrationsprozessen zu stärken. Eine absolut lesenswerte Studie für den gesamten Bereich der Migrationsforschung.
– Prof. Dr. Martin Rötting, Religionswissenschaftler

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titel
  • Impressum
  • Widmung
  • Danksagung
  • Inhalt
  • Abbildungsverzeichnis
  • Part 1: Verortung und Perspektiven des Forschungsstandes
  • Kapitel 1: Einleitung
  • Kapitel 2: Annäherung an die Forschungsthematik: Perspektiven, Begriffsbestimmungen und Forschungsstand
  • 2.1. Entwicklungen der wissenschaftlichen Analyse von Fluchtmigration, „Integration“, Religion(en), Religiosität und ihrer zugrunde liegenden Problemfelder
  • 2.2. Spezifizierung des Problemaufrisses: Fluchtmigrationen, religiöse Identitätskonzepte und (gesellschafts-) politische Reaktionen
  • 2.3. Fluchtmigrationsbedingte Transformationsprozesse und ihre potenziellen Einflüsse auf religiöse Identitäten
  • 2.4. Subjektive Integrationserfahrungen und ihre potenziellen Einflüsse auf religiöse Identitäten
  • 2.5. Ausblick: Kritische Betrachtung des Integrationsbegriffs und die Konstruktion des neuen Terminus der „Inklusität “
  • 2.6. Religiosität und ihr Einfluss auf Integrations- (bzw. Inklusitäts-) Prozesse
  • 2.7. Resultat der diskutierten Forschungsliteratur für die vorliegende Forschungsarbeit
  • Kapitel 3: Ziele und Forschungsfrage der Arbeit
  • Part 2: Grundlagen der Forschung: Ausgangstheorie, Methodik, ihre Relevanz und Problemstellungen
  • Kapitel 4: Theoretischer Rahmen und Forschungsthesen
  • 4.1. Religionswissenschaftliche Ausgangstheorie
  • 4.2. Religionsanthropologische und kulturwissenschaftliche Ansätze
  • 4.3. Religionspsychologische Ansätze
  • 4.4. Religionssoziologische Ansätze
  • 4.5. Vergleichende wissenschaftstheoretische Ansätze der Spiritualität
  • Kapitel 5: Methodologische Herangehens- und Verfahrensweise
  • 5.1. Sampling und Setting der angewandten Methoden in der Feldforschung
  • 5.2. Erhebung und Sättigung der Daten
  • 5.3. Methoden der Datenerhebungen
  • 5.3.1. Halbbiografische Gespräche mit den Projektteilnehmern
  • 5.3.2. Problemzentrierte Interviews mit den Projektleitern
  • 5.3.3. Feldforschung durch die teilnehmende Beobachtung im Forschungsprojekt Hindiba: Forschungstagebuch
  • 5.3.4. Zwischen Feld und Empirie: Methodische Ansätze aus der Interventions-, Aktions- und Handlungsforschung
  • 5.4. Methodologie der Datenauswertung
  • 5.4.1. Datenerfassung: Transkription
  • 5.4.2. Datenauswertung: Konkrete Beschreibung der Vorgehensweise
  • 5.4.3. Methodische Ansätze aus der Autoethnografie zur Präzisierung der Datenauswertung im Kontext der Grounded Theory
  • Kapitel 6: Relevanz und Problematik des Forschungsdesigns
  • 6.1. Zum Problemkontext der Erfassung und Analyse religiöser Bedeutungsebenen und subjektiver Inklusitätserfahrungen durch die aktive Teilnahme der Forscherin am Forschungsfeld
  • 6.1.1. Herausforderungen für die Forschungsarbeit durch die vorgefertigten Machtstrukturen
  • 6.1.2. Problemaufriss: Datenverzerrung durch die aktive Teilhabe der Forscherin am Feld
  • 6.1.3. Mögliche Problemkontexte im Zuge der halbbiografischen Gespräche
  • 6.2. Diskussion um die Kritik der anwendungsorientierten Religionswissenschaft
  • 6.3. Problematisierung der Trennschärfe zwischen expliziter und impliziter Religiosität und nicht Religiösem
  • 6.3.1. Die inneren Strukturen der Religiosität als Rahmenbedingung zur Förderung von Inklusität kritisch betrachtet
  • 6.3.2. Ausblick: Konkretisierte Darstellung des Abstrahierungsprozesses am Beispiel der MBSR von Jon Kabat-Zinn
  • 6.4. Zum Problemkontext des Einsatzes, der Auswertung und der Festlegung abstrahierter Aspekte (impliziter) Religiosität zur Förderung von Inklusität
  • Part 3: Empirie
  • Kapitel 7: Kurzfallportraits der am Forschungsprojekt teilnehmenden Personen
  • Gruppe 1: Projektunbeeinflusste Personen
  • Gruppe 2: Beeinflusste Personen des abgebrochenen Projekts 1
  • Gruppe 3: Beeinflusste Personen des Projekts 2 „Hindiba“
  • Kapitel 8: Empirischer Teil 1: Individuelle Bedeutungsebenen (impliziter) Religiosität vor, während und nach der Fluchtmigration
  • 8.1. Lebensbedingungen und Erfahrungen im Herkunftsland
  • 8.2. Lebensbedingungen und Erfahrungen im Kontext der Fluchtmigration
  • 8.3. Lebensbedingungen und Erfahrungen im Aufenthaltsland
  • 8.3.1. „Man kann einen Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus dem Menschen“
  • 8.3.2. Religiöse Identitäten zwischen Herkunfts- und Aufenthaltskontexten
  • 8.3.2.1. Explizite Religiosität in Form von gemeinschaftlich geteilten Ritualen – ein Verbindungsglied zur Familie und Heimat?
  • 8.3.2.2. Explizite Religiosität in Form von individuellen Ritualen
  • 8.3.3. Herausforderungen im Aufenthaltsland
  • 8.3.3.1. Herausforderung: Einsamkeit
  • 8.3.3.2. Herausforderung: Arbeit
  • 8.3.3.3. Herausforderung: Sprache
  • 8.3.3.4. Herausforderung: Bleiberecht
  • 8.3.3.5. Herausforderung: Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen
  • 8.4. Aspekte impliziter Religiosität im Umgang mit den Herausforderungen im Aufenthaltsland
  • 8.4.1. Bezugs- und Begleitperson(en)
  • 8.4.2. Sozialgemeinschaftliche Eingebundenheit
  • 8.4.3. Persönliches und individualisiertes Ritual im Ausdruck der Bewegung und Natur-Begegnung
  • 8.5. Aspekte expliziter Religiosität im Umgang mit den Herausforderungen im Aufenthaltsland
  • 8.5.1. Explizite Religiosität als gemeinschaftlich geteiltes Ritual
  • 8.5.2. Explizite Religiosität als persönliche Denk- und individuelle Handlungsweisen
  • 8.6. Ergebnisdarstellung Empirischer Teil 1: Religiöse Typen und ihre Identifikationsverläufe
  • Kapitel 9: Ausblick: Erläuterung des pädagogischen Rahmens des Forschungsprojekts „Hindiba“
  • 9.1. „Hindiba“ als Metapher für den Entwicklungsprozess zur Inklusität
  • 9.2. Vision und pädagogische Ziele von Hindiba
  • 9.3. Grundlagen und Komplikationen im Entwicklungsprozess des Forschungsprojekts
  • 9.4. Tatsächliche Entwicklung des Projekts „Hindiba“ aus dem Feld
  • 9.5. Vom Forschungsprojekt zum Verein: Hindiba- für interkulturelles Miteinander
  • Kapitel 10: Empirischer Teil 2: Das Projekt Hindiba als Forschungsfeld impliziter Religiosität in der anwendungsorientierten Religionswissenschaft zur Förderung von Inklusität
  • 10.1. Kognitions-Ebene: Grundlage für die Entstehung, Entwicklung und Umsetzung von Hindiba
  • 10.1.1. „Es ist nicht dein Raum und es ist nicht mein Raum. Es ist ein ‚Zwischen-Raum‘.“
  • 10.1.2. Die Rolle des Projektleiters als Bezugsperson
  • 10.2. Handlungs-Ebene: Ein auf der kognitiven Ebene aufbauender, stilisierter und regelmäßiger Ablauf
  • 10.2.1. Safe Space
  • 10.2.2. Ritus: Die Rolle stilisierter Handlungsabläufe bei der Förderung von Begegnungen außerhalb des Safe Space: Vom sicheren Raum zum „Zwischenraum“
  • 10.3. Erlebens-Ebene: Resultat der durch die stilisierten Handlungsabläufe realisierten Kognition
  • 10.3.1. Spezifische Erlebnisse als Folge von interkulturellen Begegnungen, ihre gemeinsame Vorbereitung und Durchführung: Struktur durch Teilziele
  • 10.3.2. Spezifische Erlebnisse als Folge der gemeinsamen Vorbereitung und Durchführung eines Sommerfestes: Struktur durch ein langfristiges Ziel
  • 10.4. Gefühls-Ebene: Indizien von Inklusität durch Bedürfniserfüllung und -kompensierung
  • 10.4.1. Sicherheit: Eine Synergie aus Zugehörigkeit und Anerkennung
  • 10.4.2. Sicherheit, Zu(sammen)gehörigkeit und Anerkennung als Basis für Selbst- und Neuverortung – Prämissen der Inklusität
  • 10.4.3. Ausblick: Explizite, aktive Religiosität innerhalb des implizit religiösen Ordnungssystems Hindiba als Ausdruck der Selbstverortung
  • 10.4.4. Verdeutlichung des Potentials von Hindiba am Weg zur Inklusität durch den Vergleich mit dem Projekt 1
  • 10.5. Ergebnisdarstellung und Diskussion: Empirischer Teil 2
  • Kapitel 11: Fazit und Ausblick
  • Literatur
  • Quellen
  • Halbbiografische Gespräche, Problemzentriete Interviews, Forschungstagebucheinträge
  • Anhang
  • Personenbezogene Daten
  • Leitfragen zu den halbbiografischen Gesprächen mit der Gruppe 1 (einmaliger Durchgang)
  • Leitfragen zu den halbbiografischen Gesprächen mit der Gruppe 2, erster Durchgang
  • Leitfragen zu den halbbiografischen Gesprächen mit der Gruppe 2, zweiter Durchgang
  • Leitfragen zu den halbbiografischen Gesprächen mit der Gruppe 3, erster Durchgang
  • Leitfragen zu den halbbiografischen Gesprächen mit der Gruppe 3, zweiter Durchgang
  • Leitfragen für das Problemzentrierte Interview mit dem Projektleiter 1
  • Leitfragen für das Problemzentrierte Interview mit dem Projektleiter 2

KAPITEL 1 Einleitung

Diese Forschungsarbeit bewegt sich innerhalb zweier großer Diskursfelder und ihrer wechselseitigen Beeinflussung: der (impliziten) Religiosität2 und der Fluchtmigration. Dabei werden Phänomene und Phasen vor, während und vor allem nach der Fluchtmigration, also das Leben im Aufenthaltsland, berücksichtigt.

Aus der Überlegung, dass Religionen und Religiosität ein umfassendes Potenzial zugrunde liegen muss, da ihre Institutionen und Ordnungssysteme sonst keinen solch globalen Einfluss darstellen würden, entstand die Idee, dieses Potenzial zu analysieren. Es soll aktiv in den Dienst der Auseinandersetzung mit fluchtmigrationsbedingten Konflikten gestellt und genutzt werden, um positive Entwicklungen für ein friedvolles Miteinander und respektvolles Nebeneinander zu fördern.

Basierend auf dieser Idee widmet sich die gesamte Arbeit einer religionswissenschaftlichen Analyse zur Fluchtmigration und – nicht zur Integration, sondern – zur Inklusität. Dabei handelt es sich um einen neu definierten Begriff, der in einem Praxiskonzept analysiert wird. Die Bedeutung von Inklusität wird als wichtige Grundlage für weitere Entwicklungen notwendig sein.

Es wird ein ressourcenorientierter und identitätsstiftender Ansatz verfolgt, der in der Fluchtmigrationsforschung unter dem Begriff „Agency“3 bekannt ist und den Habitus von geflüchteten Menschen betont. In der vorliegenden Arbeit wird dieser Ansatz unter Berücksichtigung der Ressourcen durch (implizite) Religiosität und mit besonderem Fokus auf das Praxiskonzept untersucht, ohne dabei die lebensbedrohlichen, marginalisierenden Umstände zu verharmlosen, denen die Menschen in ihren Herkunftsländern und durch die tödliche Grenzpolitik Europas sowie durch die restriktiven Bedingungen im Aufenthaltsland ausgesetzt sind.4 Indem der Blick zunächst auf die individuellen Bedeutungsebenen von (impliziter) Religiosität gerichtet wird, können mittels deren Analyse im nächsten Schritt die dahinterliegenden, grundlegenden Bedürfnisse und deren Erfüllung aufgedeckt werden, die den Menschen unter widrigsten Umständen das Leben und Überleben ermöglichen.

Im Kapitel 2 (Abschnitt I) erfolgt eine Annäherung an den Forschungsgegenstand, indem aus verschiedenen disziplinären Perspektiven die relevanten Themenspezifika rund um aktuelle Debatten zur Fluchtmigration aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern, zur „Integration“ und zur „Islamophobie“ diskutiert werden. Diese Auseinandersetzung dient nicht nur dazu, einen grundlegenden Einblick in die aktuellen Debatten, Problemkontexte sowie den Forschungsstand zu erhalten. Es werden auch die für die vorliegende Forschungsarbeit wesentlichen Begriffe wie „Fluchtmigration“ und „(Über-)Lebensstrategien“ abgeleitet und präzise definiert. Besonders die Bezeichnung der „Integration“ wird eingehend untersucht und kritisch hinterfragt. An dieser Stelle wird, wie erwähnt, der Terminus „Inklusität“ eingeführt und für die vorliegende Arbeit festgelegt.

Religiosität5 stellt nicht automatisch eine Barriere für geflüchtete Menschen im Aufenthaltsland dar. Sie wird jedoch häufig als solche wahrgenommen, da weit verbreitete Ängste und Fehleinschätzungen gegenüber dem Unbekannten und Unverstandenen – wie die religiöse Kultur der „Anderen“, etwa Kopftücher, lange Bärte oder Moscheebauten – dominieren und Menschen voneinander abgrenzen.6 Diese Dissertation zeigt auf, wie man sich von plakativen Konstrukten, die auf Vorurteilen, Ängsten, Diskriminierungen und anderen Negativphänomenen basieren, distanzieren und stattdessen positive Aspekte erkennen kann. Dabei wird verdeutlicht, dass Religiosität kein „Integrations-Hindernis“ darstellen muss, sondern im Gegenteil ein „Integrations-Potenzial“ bietet – sofern der Fokus entsprechend ausgerichtet wird. Es wird deutlich, dass die Perspektive und der Umgang mit den Themenkomplexen der Religiosität, der Fluchtmigration und dem Leben im Aufenthaltsland entscheidend dafür sind, ob daraus eine Bereicherung oder eine Belastung für Einzelne und für die Gesellschaft entsteht.7 Rund um die diesbezüglichen Debatten, die anhand der Forschungsliteratur im folgenden Kapitel diskutiert werden, werden die grundlegenden Ziele dieser Arbeit abgeleitet, die strategische Lösungsansätze für die angesprochenen Problemkontexte implizieren sowie eine Forschungsfrage formuliert.

Im darauffolgenden Abschnitt II werden weitere wichtige Begriffsbestimmungen für diese Arbeit definiert, insbesondere die genaue Bedeutung von „Religiosität“ und „Spiritualität“8. Dieser Abschnitt bildet die Grundlage für die Forschungsarbeit, die sowohl den theoretischen Rahmen (Kapitel 4) als auch die methodologische Vorgehensweise (Kapitel 5) umfasst. Zuerst werden all jene theoretischen Ansätze festgelegt, mit Hilfe derer die Forschungsinhalte analysiert werden. Ausgangspunkt ist dabei die Religionstheorie von Bergunder, der eine grundlegende Unterscheidung zwischen Religion 1 (die expliziten Religionsdefinitionen der Religionswissenschaft) und Religion 2 (die individuellen Bedeutungsebenen der Menschen)9 trifft. Aufgrund der hohen Diversität und Komplexität der individuellen Bedeutungsebenen von (impliziter) Religiosität ist es unerlässlich, mehrere wissenschaftstheoretische Perspektiven aus verschiedenen Disziplinen einzubeziehen. Daher werden theoretische Ansätze aus der Religionsanthropologie sowie kulturwissenschaftliche, religionspsychologische, religionssoziologische und vergleichende wissenschaftstheoretische Ansätze zu Spiritualität herangezogen.

Die vorliegende Arbeit basiert auf einer qualitativen Studie, in deren Herangehensweise Religiosität nicht explizit, sondern implizit erhoben wird. Der Grund dafür ist die Annahme, dass explizite Fragen zur Religiosität zu Widerstand, Zurückweisung, Rechtfertigung oder Distanzierung führen und somit die Darstellung von Religion 2 verfälschen können. Erst durch eine implizit religiöse Herangehensweise, bei der nicht direkt nach Religiosität gefragt wird, kann eine selbstbestimmte, intrinsische Religiosität explizit zum Ausdruck gebracht werden. Diese Vorgehensweise folgt dem Grundsatz, „über Religiosität zu sprechen, ohne Religiosität zu erwähnen“. In diesem Sinne sind all jene Lebensbereiche relevant, die für Individuen eine bedeutende Rolle spielen und daher durch religiöse Prägungen beeinflusst sein können – aber nicht müssen. Es geht vielmehr um die Frage, warum bestimmte Lebensbereiche eine besondere Bedeutung für Einzelne einnehmen. Um dies zu analysieren, werden die dahinterliegenden Strukturen dieser individuell bedeutsamen Lebensbereiche untersucht. Als Grundlage dienen dabei die von der Psychologin Tatjana Schnell erforschten universalreligiösen Strukturen. Diese Strukturen, die Schnell als religionsübergreifend identifiziert hat, definiert sie als Mythos, Ritual und Transzendierung. Interessanterweise spiegeln diese Muster die psychologischen Dimensionen menschlichen Verhaltens wider: Denken, Handeln und Erleben. Diese Muster können von den Menschen mit unterschiedlichen Lebensinhalten gefüllt werden; ihre Struktur bleibt jedoch unverändert. In solchen Fällen spricht man laut Schnell von impliziter Religiosität.10

Die Auswahl der Methoden entspricht dem Forschungsinteresse. Auch hier gilt, dass aufgrund der Vielschichtigkeit und Komplexität des Forschungsgegenstands eine einzelne Methode nicht ausreichen würde, um diesen vollständig zu erfassen und die Forschungsfrage zu beantworten. Deshalb bedient sich die vorliegende Arbeit eines multimethodischen Ansatzes, welcher halbbiografische Gespräche, Experteninterviews und Feldforschung zur Datenerhebung umfasst. Für die Datenauswertung werden Ansätze der Grounded Theory11 herangezogen und durch die Interventions-, Aktions- und Handlungsforschung12 sowie durch Ansätze aus der Autoethnografie13 erweitert.

Die interdisziplinären theoretischen Ansätze und der multimethodische Zugang dieser Arbeit unterstreichen nicht nur die Relevanz des Forschungsgegenstandes für aktuelle gesellschaftspolitische und religiös-kulturelle Debatten, sondern bringen auch eine Reihe von Problematiken mit sich. Diese werden ebenfalls im Abschnitt zu den Forschungsgrundlagen erläutert und diskutiert.

Der empirische Rahmen dieser Arbeit baut auf den bereits erwähnten theoretischen Ansätzen, dem multimethodischen Zugang und dem Bewusstsein über die damit einhergehenden Problemkontexte sowie den aktuellen Debatten Rund um den Forschungsgegenstand auf. Dieser Rahmen ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten empirischen Teil werden die individuellen Bedeutungen von (impliziter) Religiosität erfasst. Dadurch werden religiöse Typen und, in Anlehnung an die fluchtmigrationsbedingten Wandlungsprozesse, transformatorische Identifikationsverläufe agnosziert. Diese zunächst oberflächliche Darstellung ist notwendig, um die dahinterliegenden inneren Strukturen der (impliziten) Religiosität und die dadurch erfüllten Bedürfnisse sowie die entwickelten (Über-)Lebensstrategien der Menschen offenzulegen.

Im zweiten empirischen Teil werden die gewonnenen Erkenntnisse in Anlehnung an die anwendungsorientierte Religionswissenschaft von Wolfram Reiss in einem Forschungsprojekt namens Hindiba konkret untersucht. Dieses Projekt, dessen Strukturen ein Beispiel impliziter Religiosität darstellt, wird beobachtet, analysiert und kontinuierlich mit den Grundlagen der Forschung und den Erkenntnissen des ersten empirischen Teils verglichen. Durch dieses Projekt, welches als Untersuchungsort dient, wird herausgefunden, inwieweit mittels anwendungsorientierter Religionswissenschaft Zusammenhänge zwischen individuellen Bedeutungsebenen von (impliziter) Religiosität und subjektiven Inklusitätserfahrungen erkennbar sind, um somit die Forschungsfrage zu beantworten.

KAPITEL 2 Annäherung an die Forschungsthematik: Perspektiven, Begriffsbestimmungen und Forschungsstand

In diesem Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand über die Phänomene Fluchtmigration, Integration, Religion und Religiosität einzeln und in ihren bisher untersuchten Zusammenhängen dargestellt und diskutiert. Ausführungen zur Begriffsbedeutung von „Religiosität“ finden sich im theoretischen Teil dieser Arbeit. Auf den Terminus „Integration“ wird in einem der anschließenden Unterkapitel (2.5.) eingegangen und dieser dem Fokus der vorliegenden Forschungsarbeit entsprechend neu definiert. Der Begriff Fluchtmigration14 präzisiert nach Anne Worm die gewaltbedingten, gesellschaftspolitischen Ordnungen und Konfliktdynamiken, die Menschen dazu bewegen, aus ihren Herkunftskontexten zu fliehen.15 Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger versteht darunter die unfreiwillige, aber aktive Migration. Migration umfasst höchst diverse und komplexe Formen der Mobilität und kann sowohl freiwillig als auch unfreiwillig erfolgen. Im Gegensatz zum Begriff „Vertriebene“ und die darin enthaltene Passivität des „Vertrieben-Seins“ drückt das „Flüchten“ ein aktives Tun aus. Daher umfasst die Fluchtmigration sowohl die Fähigkeit zur Mobilität als auch eine Überlebensstrategie.16 In dieser Forschungsarbeit bezieht sich der Begriff (Über-)Lebensstrategie auf die Fähigkeit und Zugänglichkeit, einen Habitus im Sinne der Agency zu entwickeln, und das in extrem unsicheren oder lebensbedrohlichen Situationen wie beispielsweise restriktive Bestimmungen im Aufenthaltsland, Flucht, Krieg oder Verfolgung sowie deren potenziellen traumatischen Folgewirkungen. Der Begriff (Über-)Lebensstrategie stammt aus den Forschungsarbeiten von Frauke Schacht. Für Schacht beziehen sich (Über-)Lebensstrategien hauptsächlich auf verschiedene Arten des Umgangs mit den jeweiligen Lebensrealitäten, denen Menschen vor, während und/oder nach ihrer Fluchtmigration begegnen und die durch die Einführung dieses Begriffs zugänglich werden. In ihren Analysen legt sie jedoch den Schwerpunkt auf die Bedingungen und Möglichkeiten des menschlichen Habitus in seiner Gesamtheit und der Kontinuität einer gesamten Biografie, um diese nicht auf die Geschichte der Fluchtmigration zu reduzieren. Durch die Analyse biografischer Erfahrungen (re-)konstruiert Schacht die habitualisierten biografischen Dimensionen, die in allen Lebensvollzügen in verschiedenen Kontexten internalisiert wurden und unter neuen Bedingungen, in diesem Fall in den in Österreich gegebenen Strukturen, zum Teil in modifizierter Form aktualisiert werden.17 Schacht bezieht sich in ihren Ausführungen mehrmals auf Seuwka, der die (Über-)Lebensstrategien in seinem Werk „Habitus der Überlebenskunst“ wie folgt beschreibt:

Es ist die Kunst der subversiven Transgression, die es durch die Kombination von verschiedenen Taktiken ermöglicht, innerhalb eines restriktiven und repressiven Systems, wie es die aus dem Asylrecht abgeleiteten Maßnahmen bilden, zu überleben, ohne es zu verlassen oder sich damit abzufinden.18

In Bezugnahme auf Seuwka, spricht Schacht in ihrer Arbeit von diversen (Über-)Lebensstrategien, die Menschen im Laufe ihres Lebens entwickeln, um selbst unter schwierigsten Bedingungen eigene Handlungsräume zu schaffen. Sie zählt dazu die Fluchtmigration selbst sowie die Bemühungen, sich in einem neuen Kontext zu positionieren und zu verorten.19 Selbst- und Neu-Verortungen sowie Identitäts(re)konstruktionen spielen vor allem im Zuge von Fluchtmigrations- und Folgeprozessen eine besonders wichtige Rolle, um in der neuen Welt (über-)leben zu können. Im theoretischen Teil dieser Arbeit, insbesondere in Kapitel 4.5 „Vergleichende wissenschaftstheoretische Ansätze der Spiritualität“, werden Selbst- und Neuverortungsprozesse aus religionswissenschaftlicher Sicht erläutert. Es wird aufgezeigt, ob und in welchem Ausmaß diese Prozesse durch die Einbeziehung vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Phänomene beeinflusst werden können.

Details

Seiten
602
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631938157
ISBN (ePUB)
9783631938164
ISBN (Hardcover)
9783631938140
DOI
10.3726/b22917
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2025 (November)
Schlagworte
Fluchtmigration Anwendungsorientierte Religionswissenschaft Implizierte Religiosität Muslime:innen Integration Inklusion
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 602 S., 45 s/w Abb., 1 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Alina Knoflach (Autor:in)

Alina Knoflach hat in Religious Studies promoviert und ein Lehramtsstudium in Philosophie und Psychologie, Geschichte und Politische Bildung sowie Ethik abgeschlossen. Sie ist die Gründerin und Leiterin der NGO Hindiba für interkulturelles Miteinander.

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Titel: Hindiba