Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Umschlag
- Schmutztitel
- Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen-gesellschaft e.V.
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Inhalt
- Editorial
- Beiträge der Tagung „Lust, Drogen, Rausch – Zur Dialektik von Moralität und Devianz im Werk Grimmelshausens und in der Literatur der Epoche“
- „Wir fressen vnnd sauffen vns kranck/ todt/ vnd in die Höll hineyn.“ Einblicke in frühneuzeitliche Texte zur Völlerei
- Prohibitio propinationis oder Der Kampf gegen das Zutrinken. Sozialdisziplinierung und Trunkenheitsdiskurs im 16. Jahrhundert (Johann von Schwarzenberg, Hans Sachs)
- Das große Fressen. Zur Sünde der Völlerei in Zeiten des Mangels bei Grimmelshausen
- Komische Lust: Grimmelshausens Simplicissimus, Courasche und Keuscher Joseph
- Von Würsten, Mumien und Magneten ... Aphrodisiaka im Simplicissimus und in der zeitgenössischen Literatur
- Laster, Sex und Polygamie mit Gottes Beistand? Das Leben als frommer Einsiedler in Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch und Experimente zur Bevölkerungsentwicklung in Greflingers Die Entdeckung der Insul Pines
- Lust, Drogen, Rausch – mit Wasser und Klängen? Musik in Badeorten im Spannungsfeld von Gesundheitsförderung, Moralität und Laster zur Zeit Grimmelshausens
- Glückspiel und Spielsucht um 1560: Medizinische Diagnose und gesprächstypologische Therapie bei Pascasius Justus Turcq
- Der spektakuläre Untergang der sündhaften Stadt als „incitaculum Pietatis et fidei atque Poenitentiae“. Die Conflagratio Sodomae (1607) des Andreas Saurius
- Von Maß und Maßlosigkeit. Zur Ambiguität der Lasterschelte in Sigmund von Birkens Übersetzung Die Truckene Trunkenheit
- Georg Philipp Harsdörffers Traktat Der Mässigkeit Wolleben/ und Der Vnmässigkeit Selbstmord (2. Aufl. 1662) und die Quelle von Alvise Cornaro
- Trunkenheit, Rausch und sexuelle Ausschweifungen in Georg Philipp Harsdörffers Schau-Plätzen im Spiegel der französischen Quellen
- Pornographisches Erzählen im 17. Jahrhundert? Zoten und Verwandtes in Johann Beers Politischem Feuermäuer-Kehrer
- Trunkenheit im Drama. Zum Funktionswandel des Motivs im Lustspiel des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts
- Weitere Beiträge
- Hanau-Orgie und Hexentanz. Intratextualität in Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch
- Grimmelshausen und die Alamodische Hobelbanck
- Verschiedene Hände. Der (fiktive) Autor, sein unautorisierter (fiktiver) Herausgeber und das (reale) Buch. Zu Des Abenteurlichen Simplicissimi Ewig-währendem Calender
- Georg Philipp Harsdörffers letzte Erzählsammlung, der Mercurius Historicus (1657)
- Anna Maria van Schurman, Filip von Zesen, Johann Sebastian Bach und ein deutsches Gedicht. Der Weg eines Liedes durch die Jahrhunderte
- Eulenspiegel macht Kalender
- Simpliciana Minora
- Grimmelshausen-Preis 2025 für Jakob Hein
- Regionales
- Vorträge in Gelnhausen 2025
- Grimmelshausen-Gesprächsrunde in Oberkirch-Gaisbach 2025
- Grimmelshausenspuren in Renchen, Oberkirch und Offenburg 2025
- Rezensionen und Hinweise auf Bücher
- Daniela Fuhrmann: Zwischen Welterfassen und Weltverfassen. Pikarische Lebensbeschreibungen von Grimmelshausen, Beer und Reuter. (Dieter Martin)
- Jakob Koeman: Mandragora und Alraun in der deutschen Wissenschaft und Literatur. Am Beispiel Grimmelshausen und Jacob Grimm. (Philip Kraut)
- Von Strittigkeit der Bilder. Texte des deutschen Bildstreits im 16. Jahrhundert. Hrsg. von Jörg Jochen Berns. Bd. 3. (Ortwin Lämke)
- Volker Meid: Handbuch des deutschen Barockromans. Deutsche Originalromane und Übersetzungen des 17. Jahrhunderts. (Peter Heßelmann)
- Der Körper in der Frühen Neuzeit. Praktiken, Rituale, Performanz. Hrsg. von Mark Hengerer. (Elsa Kammerer)
- Drogenpoesie der Frühen Neuzeit. Studien und Editionen zur Literaturgeschichte von Tabak, Wein, Bier und Kaffee. Hrsg. von Wilhelm Kühlmann. (Franz Fromholzer)
- Julius Thelen: Die Vereindeutigung der Literatur. Poetik und Konfession bei Harsdörffer, Klaj und Birken. (Hans-Joachim Jakob)
- Lyriker – Übersetzer – Korrespondent. Neue Studien zu Sigmund von Birken (1626–1681). Hrsg. von Wilhelm Kühlmann und Hartmut Laufhütte. (Hans-Joachim Jakob)
- Johann Michael Moscheroschs Textwelten. Hrsg. von Dirk Werle und Sylvia Brockstieger. (Daniela Fuhrmann)
- Sofia Derer: Verfahren der Textherstellung bei Johann Michael Moscherosch. (Rosmarie Zeller)
- Michael K. Hartmann: Zu Christian Reuters frühen Schelmuffsky-Ausgaben bis 1900 (Erstausgaben – Drucke – Illustrationen. (Peter Heßelmann)
- Mitteilungen
- Bericht über die Tagung „Lust, Drogen, Rausch. Zur Dialektik von Moralität und Devianz im Werk Grimmelshausens und in der Literatur der Epoche“, 03.–05. Juli 2025 in Oberkirch und Renchen
- Protokoll der Mitgliederversammlung der Grimmelshausen-Gesellschaft am 05. Juli 2025 in Oberkirch
- Einladung zur Tagung „Erzählte Umwelten bei Grimmelshausen und in der Literatur seiner Zeit“, 18.–20. Juni 2026 in Gelnhausen
- Ankündigung der Tagung „Grimmelshausen als Europäer: Mehrsprachigkeit, Verflechtungen und Eurozentrismus bei Grimmelshausen und in der Literatur der Frühen Neuzeit“, 17.–19. Juni 2027 in Bern
- Anhang
- Beiträgerinnen und Beiträger Simpliciana XLVII (2025)
- Simpliciana und Beihefte zu Simpliciana. Richtlinien für die Druckeinrichtung der Beiträge
- Simpliciana open access
- Grimmelshausen-Gesellschaft e. V.
- Beitrittserklärung
Simpliciana
Schriften der Grimmelshausen-Gesellschaft
XLVII (2025)
Johann jakob christoph von grimmelshausen-gesellschaft e.V.
| Ehrenpräsident | Prof. Dr. Dieter Breuer, Rolandstr. 34, D-52070 Aachen |
| Vorstand | |
| Präsident | Prof. Dr. Peter Heßelmann, Universität Münster, Germanistisches Institut, Schlossplatz 34, D-48143 Münster |
| Vizepräsident | Prof. Dr. Maximilian Bergengruen, Universität Würzburg, Institut für deutsche Philologie, Am Hubland, D-97074 Würzburg |
| Geschäftsführer | Prof. Dr. Dieter Martin, Universität Freiburg, Deutsches Seminar - Neuere Deutsche Literatur, Platz der Universität 3 , D-79085 Freiburg i. Br. |
| Schatzmeister | Hermann Brüstle, Hohlbäumle 11, D-77704 Oberkirch |
Prof. Dr. Eric Achermann, Universität Münster, Germanistisches Institut, Schlossplatz 34, D-48143 Münster
Prof. Dr. Nicolas Detering, Universität Bern, Institut für Germanistik, Länggassstr. 49, CH-3012 Bern
Prof. Dr. Nicola Kaminski, Universität Bochum, Germanistisches Institut, Universitätsstr. 150, D-44780 Bochum
Prof. Dr. Elsa Kammerer, Université Paris 8 – Vincennes – Saint-Denis, Institut Universitaire de France, 2 Rue de la Liberté, F-93526 Saint-Denis
Dr. Martin Ruch, Waldseestr. 53, D-77731 Willstätt
Prof. Dr. Gábor Tüskés, Institute for Literary Studies of Research Center for the Humanities of Hungarian Academy of Sciences, Ménesi út 11-13, H-1118 Budapest
Jun.-Prof. Dr. Joana van de Löcht, Universität Münster, Germanistisches Institut, Schlossplatz 34, D-48143 Münster
Prof. Dr. Dirk Werle, Universität Heidelberg, Germanistisches Seminar, Hauptstr. 207–209, D-69117 Heidelberg
Prof. Dr. Jörg Wesche, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen
Prof. Dr. Dr. h. c. Ruprecht Wimmer, Schimmelleite 42, D-85072 Eichstätt
Inhalt
-
Peter Heßelmann
Yashar Mohagheghi
Joana van de Löcht
Das große Fressen. Zur Sünde der Völlerei in Zeiten des Mangels bei Grimmelshausen
Thomas Borgstedt
Komische Lust: Grimmelshausens Simplicissimus, Courasche und Keuscher Joseph
Eric Achermann
Lea Iser
Claudius Hille
Ludger Jorißen
Michael Hanstein
Stefan Schrader
Hans-Joachim Jakob
Judit M. Ecsedy
Dirk Werle
Dieter Martin
-
Klaus Haberkamm †
Hanau-Orgie und Hexentanz. Intratextualität in Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch
Peter Heßelmann
Nicola Kaminski
Hans-Joachim Jakob
Georg Philipp Harsdörffers letzte Erzählsammlung, der Mercurius Historicus (1657)
Jan Peter Verhave
Rosmarie Zeller
-
Peter Heßelmann
-
Matthias Dickert
Manuela Bijanfar
Martin Ruch
Grimmelshausenspuren in Renchen, Oberkirch und Offenburg 2025
-
Peter Heßelmann
Protokoll der Mitgliederversammlung der Grimmelshausen-Gesellschaft am 05. Juli 2025 in Oberkirch
Joana van de Löcht
Nicolas Detering
Die Inhaltsverzeichnisse aller Jahrgänge der Simpliciana und ein Namenund Werkregister sind auf der Homepage der Grimmelshausen-Gesellschaft einsehbar (www.grimmelshausen.org).
Editorial
Den Schwerpunkt des XLVII. Jahrgangs der Simpliciana bilden die Beiträge zur Tagung „Lust, Drogen, Rausch – Zur Dialektik von Moralität und Devianz im Werk Grimmelshausens und in der Literatur der Epoche“, die vom 3. bis zum 5. Juli 2025 in Oberkirch und Renchen stattgefunden hat. Darüber hinaus wurden sechs weitere Aufsätze in das neue Jahrbuch der Grimmelshausen-Gesellschaft aufgenommen.
Im Nachlass von Klaus Haberkamm, der im Juli 2024 verstorben ist, befindet sich das Typoskript eines Vortrags, den er im Rahmen der genannten Tagung halten wollte. Sein Vortrag wird im vorliegenden Band der Simpliciana veröffentlicht.
In der Buchreihe „Beihefte zu Simpliciana“ ist im März 2025 ein von Sylvia Brockstieger und Dirk Werle herausgegebener Sammelband erschienen, der 22 Beiträge umfasst: Johann Michael Moscheroschs Textwelten.
Mittlerweile konnten sechs weitere Jahrgänge der Simpliciana digitalisiert und open access zur Verfügung gestellt werden. Nunmehr sind die Jahrgänge I (1979) bis XLIV (2022) open access zugänglich. Der freie und kostenlose Zugang wird gewiss zur Verbreitung der im Jahrbuch veröffentlichten Publikationen beitragen. Für die großzügige finanzielle Unterstützung der Digitalisierung danke ich Eric Achermann.
Unsere nächsten Jahrestagungen werden bereits vorbereitet. Vom 18. bis zum 20. Juni 2026 wird es in Grimmelshausens Geburtsstadt Gelnhausen um „Erzählte Umwelten bei Grimmelshausen und in der Literatur seiner Zeit“ gehen. Die Einladung und das Programm der öffentlichen Tagung befinden sich in der Rubrik „Mitteilungen“ unseres Jahrbuchs. Alle Tagungsgäste sind willkommen.
Anlässlich des 350. Todestages von Grimmelshausen im Jahr 2026 sind zahlreiche Veranstaltungen in Gelnhausen, Oberkirch, Offenburg und Renchen geplant. Genaueres wird man der regionalen Presse und den Websites der Städte entnehmen können.
Das Thema der Jahrestagung 2027 lautet „Grimmelshausen als Europäer: Mehrsprachigkeit, Verflechtungen und Eurozentrismus bei Grimmelshausen und in der Literatur der Frühen Neuzeit“. Das Symposium wird vom 17. bis zum 19. Juni 2027 in Bern stattfinden. Der Ankündigungstext ist in der Rubrik „Mitteilungen“ abgedruckt; Vortragsangebote sind erwünscht.
2027 wird die im Juli 1977 gegründete Grimmelshausen-Gesellschaft 50 Jahre alt. Anlässlich des Jubiläums planen wir eine Festveranstaltung Mitte Juli 2027 in Münster. Näheres wird den Mitgliedern der Grimmelshausen-Gesellschaft noch mitgeteilt.
Im September 2025 feierte Gábor Tüskés, seit langem Vorstandsmitglied der Grimmelshausen-Gesellschaft, seinen 70. Geburtstag. Ihm gebührt nachträglich ein herzlicher Glückwunsch.
Münster, im Dezember 2025 Peter Heßelmann
Peter Heßelmann (Münster)
„Wir fressen vnd sauffen vns kranck/ todt/ vnd in die höll hineyn.“ Einblicke in frühneuzeitliche Texte zur Völlerei
I.
Im traditionellen christlichen Lasterschema gehören exzessives Essen und Trinken zur Völlerei (gula). Ihr wurde im Kanon der Tugendlehre die Mäßigung (temperantia) gegenübergestellt, die bereits eine der vier platonischen Kardinaltugenden war.1 In seinem 1552 erstmals erschienenen Traktat mit dem programmatischen Titel Wider den Sauffteuffel wandte sich der lutherische Pfarrer Matthäus Friderich (ca. 1510–1559) mit einer in seiner Zeit gängigen Argumentation gegen die Völlerei als übermäßigen Verzehr und ließ an der Verurteilung keinen Zweifel:
Denn essen vnnd trincken ist vns von Gott darumb gegeben/ das wir den hunger vnd durst damit vertreiben/ vnd den Leib damit erhalten sollen/ Was nun darüber geschicht/ das heisst alles gefressen vnd gesoffen/ vnd ist ein misbrauch der Creaturn Gottes/ da hilfft keine entschüldigung fur.2
Die weitaus meisten frühneuzeitlichen Texte zur Völlerei befassten sich in ihren Auseinandersetzungen mit Fress- und Sauflust vornehmlich mit den verderblichen Folgen von Trunkenheit und Trunksucht, da sie offenbar viel verbreiteter waren als die Fresserei und erheblich größere gesundheitliche, soziale, ökonomische und politische Schäden nach sich zogen. In ihren Warnungen vor dem Alkoholkonsum rekurrierten die protestantischen Autoren im 16. und 17. Jahrhundert in der Regel auf Martin Luthers Exegese des 101. Psalms von 1534. Für Luther war der ,Saufteufel‘ als Anstifter allen Unheils auch für das nationale Laster der Deutschen verantwortlich:
Es mus aber ein jglich land seinen eigen Teufel haben, Welschland seinen, Franckreich seinen. Unser Deudscher Teufel wird ein guter weinschlauch sein und mus Sauff heissen, das er so dürstig und hellig ist, der mit so grossem sauffen weins und biers nicht kan gekület werden. Und wird solcher ewiger durst und Deudschlands plage bleiben [...] bis an den Jüngsten tag. [...] der Sauff bleibt ein allmechtiger Abgott bey uns Deudschen [...]. So macht der Sauff uns toll und thöricht damit, schencket uns den tod und allerley seuche und sunde damit ein.3
Das Trinken von Wein und Bier spielte im alltäglichen Leben und in der Festtagskultur der Frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle.4 Bei aller Kritik am Verzehr dieser Getränke, die damals einen deutlich geringeren Alkoholgehalt als in späterer Zeit aufwiesen und oft zu den Grundnahrungsmitteln gezählt wurden, ist die vielerorts gesundheitsgefährdende Trinkwasserqualität zu berücksichtigen.5 Alkoholika dienten als Nah-rungs-, Stärkungs- und Heilmittel, aber ebenfalls als Rauschmittel. In wohlhabenden Schichten wurden sie neben teuren Speisen als Komponenten eines exponierten Sozialstatus demonstrativ konsumiert. Im Rah-men von politischen und amtlichen Handlungen war es üblich, Übereinkommen, Vertragsabschlüsse und Amtsübernahmen durch Trunk zu besiegeln und Würdenträger bei Empfängen mit Getränken willkommen zu heißen. Ebenso gehörten üppige Mahlzeiten und ausgiebiger Weinverbrauch zur habitualisierten Festkultur an Höfen und in Städten. Auch den großen christlichen Religionsgemeinschaften war der kollektive Weinverzehr als Sakraldroge keineswegs fremd, etwa an Feiertagen und im Ritual der Liturgie.6 Das Trinken des Weins sollte im Gottesdienst den Bund zwischen Gott und Gläubigen sowie die Gemeinschaftsbildung unter Christen bekräftigen. Auf Feiern anlässlich von Hochzeiten und Kindtaufen wurde nur sehr selten auf Alkoholika verzichtet. Darüber hinaus konnten die Produktion und der Absatz von Spirituosen nicht zuletzt in wirtschaftlicher Hinsicht lukrativ sein.
II.
Als Folgen des übermäßigen Alkoholtrinkens wurden immer wieder repetiert: Krankheiten an Leib und Psyche, Einbuße des Seelenheils, Abnahme der Affektregulierung, Kontrollverlust über Vernunft und Sprache, Schwund der Schamgrenze und des guten Gewissens im Sinne einer Reduktion von Schuld- und Angstgefühlen, Zunahme häuslicher und öffentlicher Aggression bis hin zu Totschlag und Mord, soziale Verelendung, Verantwortungslosigkeit und Minderung der Arbeitsdisziplin, Trägheit, selbstverschuldete Armut und Ausbreitung der Bettelei, Destabilisierung der sittlichen, ökonomischen und sozialen Ordnung, des Gemeinwohls, Rückgang der an die Obrigkeit zu zahlenden Abgaben, Steuern und Zinsen, Überbelegung der Spitäler und Zuchthäuser, Zersetzung der Wehrhaftigkeit gegenüber feindlichen Bedrohungen etc.7 Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als verwunderlich, dass geistliche und weltliche Obrigkeiten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in den Territorien und in den Städten nicht nur Mäßigkeitsorden stifteten,8 sondern auch Rechtsvorschriften zur Bekämpfung des Alkoholkonsums erließen, die oft Bestandteile der allgemeinen ,Luxusverbote‘ waren und Geld- und Haftstrafen für Zuwiderhandelnde, auch für Wirte, vorsahen.9 Dabei ging es meistens um Bier und Wein, weniger um den einen weit höheren Alkoholgehalt aufweisenden Branntwein, der von einem erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit der Expansion der kommerziellen Destillation sporadisch genutzten Arznei- zu einem verbreiteten und leichter verfügbaren Rauschmittel wurde.
Im 16. Jahrhundert gab es drei Reichspolicey-Ordnungen, die den Territorialherrschern und Reichsstädten als Vorgaben dienen sollten, an denen Landes-Policey-Ordnungen bzw. Landesordnungen und städtische Policey-Ordnungen sich orientieren konnten.10 Die auf den Reichstagen 1530, 1548 und 1577 verabschiedeten Reichspolicey-Ordnungen enthielten Verbote des ,Zutrinkens‘, in denen die zuständigen regierenden Obrigkeiten, aber auch die Hausväter gemahnt wurden, diesen populären Brauch der Gastfreundschaft und des geselligen Beisammenseins zu unterlassen und Beteiligte zu bestrafen.11 Ebenso wurden die Prediger angehalten, ihren Zuhörern jeden Sonntag die Laster, die aus der Trunkenheit entstehen, in der Absicht vor Augen zu stellen, dass die Gläubigen sich des ,Zutrinkens‘ enthalten.12
In städtischen Verordnungen wurde nicht selten hervorgehoben, dass sich niemand durch Trunksucht ruinieren dürfe, da das urbane Gemeinwesen gegebenenfalls für ihn und die Familie aufzukommen habe. Die Policey Ordnung der Stadt Straßburg aus dem Jahr 1628 befasst sich im Kapitel „Gast Ordnung“ mit dem Missbrauch von Essen und Alkoholtrinken vornehmlich auf sogenannten „Gastungen“.13 Diese seien zur Pflege der Sozialgemeinschaft durchaus nützlich, wenn sie „mit rechter maß/ vnnd guter bescheidenheit“ (PO 34) – auch bei Feierlichkeiten wie Hochzeiten und Kindtaufen – veranstaltet werden. Hingegen seien „vppigkeit vnnd Füllerey in essen vnnd trincken“ schädlich, gefährlich und strafbar (PO 35). Konzediert wird, dass die entsprechenden zahlreichen Verordnungen der Freien Reichsstadt Straßburg im 16. Jahrhundert und in den ersten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts trotz Erwähnung harter Strafen nicht die erwartete Wirkung erzielt hatten. In der neuen Policey Ordnung wird abermals auf die Heilige Schrift und die Reichstagsbeschlüsse verwiesen, wenn es um die Laster der Völlerei geht. Die Strafverfolgung durch die Obrigkeit sei ebenso gewiss wie die Strafe Gottes.
Hinsichtlich der „Gastungen“ werden Reglementierungen unter Berücksichtigung der sozialen Schichtung getroffen, die sich in der Kleiderordnung und ihren Differenzierungen widerspiegelt. Angehörige der Oberschicht, etwa zum Stadtregiment und zum Rat zählende Personen, dürften bei einheimischen Gästen nicht mehr als acht unterschiedliche Speisen auftragen lassen, Angehörige der Mittelschicht sechs, alle anderen maximal vier. Bei Besuchern, die nicht aus Straßburg kommen, sei eine Staffelung von zwölf, acht und sechs Speisen erlaubt. Für jedes Gericht, das über die vorgeschriebene Anzahl hinausgehe, sei eine Geldstrafe fällig (PO 36).14 Auch Wirte und Herbergsgastgeber, bei denen Einheimische Mahlzeiten bestellen, sollen die Zugehörigkeit der Gäste zu ihrem Sozialstatus beachten und die differenzierten Vorgaben befolgen. Ähnliche Limitierungen des Verzehrs gelte für Kostgänger, die Kosthäuser aufsuchen, für die Ammeister- und Zunftstuben sowie für die Schieß-häuser. Nach den Sperrstunden im Winter um 21 Uhr und im Sommer um 22 Uhr war der Ausschank von Alkohol nicht gestattet.15 Zu Ehren auswärtiger Gäste dürfe man – ebenso wie bei besonderen „Ehrenmahlzeiten“ für Einheimische – mehr Speisen auftischen, allerdings müsse man auch hier das geziemende Maß einhalten (PO 36, 37, 38). Zur Kontrolle der Einhaltung von Vorschriften wurden „Rüger“ und andere Wächter eingesetzt, die als Informanten und Strafvollzugspersonen für die zuständigen „Zuchtrichter“ agierten. Als Belohnung für eine Anzeige war nach der Verurteilung ein Sechstel der erhobenen Geldstrafe vorgesehen (PO 41).
Die handschriftliche Gaisbacher Policey-Ordnung (1651) wurde bis auf die letzten zwei Absätze, die von Johann Preiner – Schaffner von Claus und später von Philipp Hannibal von und zu Schauenburg – stammen, von Grimmelshausen geschrieben.16 Diejenigen, die in Wirtshäusern prassen, spielen und „andere Uppigkeit treiben“, daher ihre Familien verarmen ließen und sich verschuldeten, seien – so wird im kurzen Passus „Vom Verschwenden“ gedroht – mit Haft oder Zwangsarbeit zu strafen.17 Mit Befremden habe die Territorialobrigkeit zur Kenntnis nehmen müssen, dass die jährlichen Einnahmen der Gemeinde „auf einmahl verfressen und versoffen“ werden und dabei „meistentheyls Ohngelegenheit“ entstehe.18
Details
- Pages
- 522
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783034365529
- ISBN (ePUB)
- 9783034365536
- ISBN (Softcover)
- 9783034365512
- DOI
- 10.3726/b23649
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (March)
- Keywords
- Grimmelshausen Literatur der Frühen Neuzeit Lust, Drogen, Rausch in der Literatur der Frühen Neuzeit
- Published
- Lausanne, Berlin, Bruxelles, Chennai, New York, Oxford, 2026. 522 S., 10 farb. Abb., 33 s/w Abb.
- Product Safety
- Peter Lang Group AG