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Die «Länge Christi» in der Malerei

Codifizierung von Authentizität im intermedialen Diskurs

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Anna Boroffka

Ab dem ausgehenden Mittelalter verbreiten sich in Europa großformatige Gemälde der sogenannten Länge Christi. Diese in der kunsthistorischen Forschung bisher kaum beachteten Malereien wurden als Kultbilder verehrt und zeigen Christus in seiner angeblich wahren irdischen Gestalt. Die Arbeit präsentiert erstmals eine komparatistische Analyse und Katalogisierung aller bisher bekannten, zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert entstandenen Gemälde der «Länge Christi».

Das Bildmotiv wird dabei nicht als singuläres Thema der Malerei behandelt, sondern in den größeren Kontext der Verehrung der metrischen Reliquie der Körperlänge Christi eingebunden. Gezeigt wird, wie die aus Jerusalem in den Westen vermittelte Maßreliquie über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren hinweg von unterschiedlichen Medien wie der Buchmalerei, der Druckgrafik, der Architektur, der Malerei oder der Skulptur aufgegriffen und interpretiert wird. Darüber hinaus regt die Arbeit dazu an, auch populäre Bildbeispiele wie den Christus im Grabe (1521–1522) von Hans Holbein d. J. oder die sich ab dem 10. Jahrhundert im Westen verbreitenden Triumphkreuze auf eine mögliche Verbindung zum «Längenkult» hin zu untersuchen.

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IV. Die Verbreitung der „Länge Christi“ im Westen

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Über Codices, Schriftrollen, Druckgrafiken, Skulpturen und Gemälde sowie weitere transportable und statische Objekte verbreitete sich der „Längenkult“ zwischen dem 6. und frühen 20. Jahrhundert in den heutigen Gebieten von Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Dänemark, England, Irland, Island, Deutschland, der Schweiz, Österreich, Tschechien, Slowenien und Russland und kann sogar auf den Azoren und in Brasilien nachgewiesen werden. Adolf Spamer geht davon aus, dass die Verehrung der „Länge Christi“ auch am Hof Karls des Großen (747/748–814) bekannt war.298 Vor allem aber sind es Kreuzfahrer und Pilgerreisende, die den „Längenkult“ im Westen populär machten.

Nach der Medientheorie von Harold Adam Innis (1894–1952) sind Medien grundsätzlich auf eine Überwindung von Zeit oder Raum ausgerichtet.299 Die spezielle Tendenz der Kommunikation leitet sich aus den materiellen Eigenschaften ab. Während beispielsweise schwere Steintafeln einen dauerhaften und statischen Charakter haben, begünstigen sie die Konservierung von Wissen an einem Ort und lassen sich damit als zeitorientiert klassifizieren. Ein transportables und fragiles Medium wie Papier ist dagegen vergleichsweise kurzlebig, fördert aber die räumliche Ausdehnung von Wissen, womit Innis es als raumorientiert charakterisiert. Bei der Übertragung dieser Kategorien auf die „Länge Christi“ lässt sich feststellen, dass sich mit der Ablösung der steinernen, dreidimensionalen Grablege in Jerusalem als Referenz der Maßreliquie durch eindimensionale, transportable Längenmaße in Form von Bändern oder Schnüren zunächst ein Wechsel von zeit- zu raumorientierten Medien vollzog. In einem zweiten Schritt...

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