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MIMOS 2020

Jossi Wieler

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Edited By Paola Gilardi

Jossi Wieler ist einer der prägendsten Schauspiel- und Opernregisseure im deutschsprachigen Raum. Kreation im Dialog und tiefgründige Erkundungen eines Stoffs auf seine gesellschaftspolitische Relevanz für die Gegenwart zeichnen sein Schaffen aus. Mehrstimmig gibt der vorliegende Band Einblick in seine Arbeitsweisen, die wechselseitige Inspiration im Probenprozess und die Ethik seiner Ästhetik.

Jossi Wieler est l’un des metteurs en scène de théâtre et d’opéra les plus influents de l’espace germanophone. Son art repose sur la création en dialogue et sur une exploration des pièces et partitions à la recherche de leur pertinence pour le monde d’aujourd’hui. A plusieurs voix, cet ouvrage met en lumière sa démarche, l’inspiration mutuelle dans le processus de répétition, et l’éthique de son esthétique.

Jossi Wieler è uno dei registi teatrali e d’opera più apprezzati nel mondo germanofono. La creazione in dialogo e lo scavo nelle pièce e partiture al fine di estrapolarne la rilevanza per il presente caratterizzano il suo lavoro. A più voci, questo volume mette in luce il suo approccio, l’importanza dell’ispirazione reciproca nel processo creativo, e l’etica della sua estetica.

As one of the defining theatre and opera directors in the German-speaking world, Jossi Wieler has developed his signature style by creating ideas through dialogue and dissecting works for their socio-political relevance for present-day audiences. In this volume, a range of voices shed light on his working methods, the significance of reciprocal inspiration in the creative process and the ethics of his aesthetic.

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«Sein Leiden sucht einen Sinn»

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Fast scheinen sie etwas zu gross für den nicht sehr hohen, fensterlosen Raum. Auch eine kleine Spur zu bunt sind sie dem Maler von einst geraten. Um die Schultern tragen sie farbige Mäntel, in den Händen ihre Attribute, um ihre Köpfe liegen goldene Gloriolen. Gütig lächeln sie herab auf die sechs Frauen und Männer da unten im Raum. Wie sind die eigentlich hier reingeraten? Sind das Musiker*innen? Worauf warten die? «Wir sind hier zum Festfeiern? Was für ein Fest?»1, fragt einer. Schulterzucken.

In der Tat: ein Fest scheint es hier länger nicht gegeben zu haben. Auch sonst nichts. Der Raum wirkt kalt. War das früher mal eine Kapelle? Das Refektorium eines Konvents? Haben hier Klosterschülerinnen oder Nonnen das Mittagsgebet gesprochen, dann schweigend Wassersuppe gelöffelt, in der frommen Hoffnung darauf, dass das eigene, kleine, graue Leben entgegen allem Anschein in einem grossen Zusammenhang steht, so bunt und gross, ja grösser noch als die monumentalen Malereien ringsum? All diese Frauen, so steht es an den Wänden geschrieben, haben bedeutungsvoll gelebt und sind bedeutungsvoll gestorben. Inzwischen blättert die Farbe. Blättert der Sinn. Eine Jukebox steht irgendwo im Raum. Jemand hat sie hier reingeschoben und abgestellt. Die Figuren an den Wänden sind stumm geworden. Was einmal ein Versprechen war, ist nur noch bemalter Putz. Auf den Holztischen liegt Staub. ←139 | 140→Alle frieren ein wenig, stehen da, in Jacken und Mänteln, ihre...

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