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Beschreibung und Wahrnehmung des Fremden in der rabbinischen Literatur

Eine Interpretation anhand der Traktate Brachot, Schabbat, Jebamot und Sanhedrin

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Korbinian Spann

Oft entscheiden Äußerlichkeiten über unser Verhältnis zu Fremden. Zugleich erlaubt die sinnliche Wahrnehmung fremder Personen und Orte, Rückschlüsse auf die eigene Identität zu ziehen. Dies gilt auch für das Judentum und die jüdische Wahrnehmung. Während die Figur des Fremden im Alten Testament bereits einige Beachtung fand, wurde sie in der rabbinischen Literatur bisher kaum untersucht.
Diese Studie analysiert und vergleicht die Wahrnehmung und Beschreibung des Fremden in der rabbinischen Literatur. Dabei konzentriert sie sich auf die Traktate Brachot, Schabbat, Jebamot und Sanhedrin, um einen Einblick in die jeweilige Ordnung des Talmud zu geben. Grundlegende Fragen sind: In welchen Kontexten werden Fremdlinge thematisiert? Inwiefern gewährt deren Beschreibung einen Einblick in die Wahrnehmung der Autoren? Welche Selbstsicht der Autoren lässt sich der Auseinandersetzung mit dem Fremden entnehmen? Von besonderem Interesse ist, ob das Bild der Fremden im Talmud das Produkt der biblischen Exegese oder realistisch ist. Dafür werden bestimmte Bezeichnungen wie «Goy», «Ger» und «Noḥri» verglichen und deren Darstellung untersucht. Die Beschreibung des Fremden gewährt aufschlussreiche Einblicke in die sozialen Veränderungen Israels in der rabbinischen Epoche.

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IV. Von der Beschreibung zur Wahrnehmung: Eine Zusammenfassung 405

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405 IV. Von der Beschreibung zur Wahrnehmung: Eine Zusammenfassung Die Fremdbeschreibung in der rabbinischen Literatur ist längst nicht nur ein wissenschaftliches Thema, sondern seit vielen Jahrhunderten von Polemik geprägt. Seit jeher ist besonders der Talmud Anschuldigen der Xenophobie und der Christenfeindlichkeit ausgesetzt gewesen.1 Der Aufsatz des Tü- binger Theologen Gerhard Kittel wiederholt stellvertretend die wesentlichen Anschuldigen: Es ist in der Tat kein Zweifel möglich, dass hier [im Talmud] vielfach ein ab- grundtiefer Hass gegen Nichtjuden zum Ausdruck kommt, und dass daraus auch alle Konsequenzen gezogen werden, bis hin zur Freiheit der Tötung; etwa wenn es heißen kann: Sogar den besten unter den Gojim darfst du töten; auch der besten unter den Schlangen sollst du das Gehirn zertreten [hier zit. nach Mekhilta Ex 14,7].2 Der häufigste Vorwurf gegen die rabbinische Literatur ist die Fremden- feindlichkeit. Doch gerade das Postulat einer eindeutigen Antithese von Juden und Fremden ist schlicht falsch. Weder ist die Fremdbeschreibung auf wenige Begriffe festgelegt, noch werden die Nichtjuden zu einem Objekt degradiert und unmenschlich behandelt. Anhand der Ergebnisse dieser vor- liegenden Studie, die nur einen Ausschnitt der rabbinischen Literatur aus- werten konnte, lassen sich diese Vorwürfe entkräften. Die Fremdbeschrei- bung des Talmud ist weder dezidiert fremdenfeindlich noch „von einem 1 Bekannte Beispiele dafür sind der Reuchlin-Pfefferkorn Streit oder die Schriften des Orientalisten Johann Andreas Eisenmenger. Die Talmudverbrennungen und Zensuren stehen in direktem Zusammenhang zu diesem Verhalten. 2 G. Kittel, Die Behandlung des Nichtjuden nach...

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