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Karneval der Götter

Mythologie, Moderne und Nation in Chinas 20. Jahrhundert

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Andrea Riemenschnitter

Warum interessieren sich chinesische Intellektuelle und Kulturschaffende auch heute noch für den Mythos? Karneval der Götter ergründet diese Frage bezugnehmend auf Theorien zu ästhetischen und diskursiven Konstruktionen (post-)moderner nationaler Identität. Die Autorin veranschaulicht die Bedeutung von Mythen und Mythologien in der Moderne: Was zeichnet ihre narrativen Strukturen aus? Welche Rolle spielen Symbole in der Steuerung kollektiver Identitätsbildungsprozesse? – Dynamiken sozialen Wandels spiegeln sich im beweglichen Einsatz mythologischer Vokabularien und Narrative wieder. Karneval der Götter erörtert auch, wie Aktualisierungen von Mythen die Möglichkeit eröffnen, Werte und Orientierungen zu hinterfragen, ohne die Kontinuität der eigenen Kultur aufkündigen zu müssen.
Die Publikation analysiert schwerpunktmässig neuhistorische Romane erfolgreicher Autoren wie Mo Yan und zeigt deren Strategien der literarischen Remythisierung und Konstruktion eines polymythischen kulturellen Imaginaire auf. Sekundäre Mythen wie diejenigen der revolutionären Yan’an-Gemeinschaft oder einer globalkapitalistischen, harmonischen Konsumentengemeinschaft werden als ideologische Konstrukte entlarvt und primäre Mythen als wichtige Wegmarken des kollektiven Denk- und Vorstellungsraums einer ästhetischen (Gegen-)Moderne neu legitimiert.

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Einleitung

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13 Einleitung To look at the symbolic dimensions of social action – art, religion, ideology, science, law, morality, common sense – is not to turn away from the existential dilemmas of life for some empyrean realm of de- emotionalized forms; it is to plunge into the midst of them. Clifford Geertz Alljährlich wenn in Nordost-Gaomi, in der Provinz Shandong, der erste Schnee fällt, wird das dörfliche Ritual des Schneeprinzen begangen. Der taoistische Schamanenpriester wählt einen “jungfräulichen” Jungen, das heisst einen Jungen, der noch keine Anzeichen der Pubertät trägt, aus und weist ihn in die erforderlichen Handlungen des Festakts ein. Im Mittelpunkt der Feier, nach Prozession und Mahlzeit am Marktplatz mit Schweigepflicht für alle Teilnehmer, vollzieht der Junge eine Handauf- legung. Alle jungen Frauen bieten nacheinander dem Kind ihre entblöss- ten Brüste dar, wobei sie oder der Junge auf keinen Fall sprechen dürfen. Jede Handauflegung beendet der Schneeprinz mit einer Waschung seiner Hände in frischem Schnee (FRFT: 316–331). Die Tatsache, dass die Beschreibung eines Rituals einem fiktionalen Text entstammt, würde mittlerweile nicht mehr als hinreichender Grund angesehen, an dessen Aussagekraft oder Authentizität zu zweifeln. Ein sich augenblicklich einstellendes Misstrauen aufmerksamer Leser hat in dem vorliegenden Fall einen ganz anderen Grund: wie solide und geradezu schematisch die einzelnen liturgischen Elemente auch konstruiert sein mögen, so ist das Zentrum der rituellen Handlung im gegebenen kulturhistorischen Kontext zwar keine Blasphemie, denn Götter werden dabei nicht gereizt, aber die entbl...

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