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Karneval der Götter

Mythologie, Moderne und Nation in Chinas 20. Jahrhundert

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Andrea Riemenschnitter

Warum interessieren sich chinesische Intellektuelle und Kulturschaffende auch heute noch für den Mythos? Karneval der Götter ergründet diese Frage bezugnehmend auf Theorien zu ästhetischen und diskursiven Konstruktionen (post-)moderner nationaler Identität. Die Autorin veranschaulicht die Bedeutung von Mythen und Mythologien in der Moderne: Was zeichnet ihre narrativen Strukturen aus? Welche Rolle spielen Symbole in der Steuerung kollektiver Identitätsbildungsprozesse? – Dynamiken sozialen Wandels spiegeln sich im beweglichen Einsatz mythologischer Vokabularien und Narrative wieder. Karneval der Götter erörtert auch, wie Aktualisierungen von Mythen die Möglichkeit eröffnen, Werte und Orientierungen zu hinterfragen, ohne die Kontinuität der eigenen Kultur aufkündigen zu müssen.
Die Publikation analysiert schwerpunktmässig neuhistorische Romane erfolgreicher Autoren wie Mo Yan und zeigt deren Strategien der literarischen Remythisierung und Konstruktion eines polymythischen kulturellen Imaginaire auf. Sekundäre Mythen wie diejenigen der revolutionären Yan’an-Gemeinschaft oder einer globalkapitalistischen, harmonischen Konsumentengemeinschaft werden als ideologische Konstrukte entlarvt und primäre Mythen als wichtige Wegmarken des kollektiven Denk- und Vorstellungsraums einer ästhetischen (Gegen-)Moderne neu legitimiert.

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III. Sektion: Geschichte

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233 7 Orientierungen 7.1 Paradigmen: Politischer Mythos und New Historicism Chinas Aufstieg als Wirtschaftsweltmacht veränderte seit den 1990er Jahren den Diskurs über seine Moderne nachhaltig. Waren im 20. Jahrhundert Kulturthemen wie die nationale Schande der halbkolonialen Abhängigkeit, des Zivilisationsrückstands und einer radikalen ideologi- schen Neuausrichtung im Vordergrund gestanden (Tsu 2005), so wurde am Übergang zum 21. Jahrhundert über die Bedingungen einer aktiven, einflussreichen Teilnahme an globalen politischen Prozessen nachge- dacht (Knight 2008). Ob als Ursprungsland einer konfuzianischen Ethik universeller Harmonie oder als Hüterin des Erbes der kommunistischen Internationale sah sich die chinesische Nation auch aufgrund ihrer transnationalen Extensionen in den Diasporas legitimiert für einen Entwurf von Modernität, der weit über die Grenzen der Volksrepublik China hinausreichen konnte (Nyiri und Breidenbach 2005, Ong 1999, Riemenschnitter und Madsen 2009). Über die Parameter dieser chine- sischen Alternative wird seither kontrovers debattiert. Ihre wichtigsten Inspirationen beziehen die verschiedenen Teilnehmer an der Debatte jedoch aus demselben Archiv: der Geschichte Chinas, mit einem deut- lichen Akzent auf der jüngeren Vergangenheit. Da sie aus den ver- schiedenen historischen Konfigurationen von Modernität aber jeweils andere Schlüsse ziehen und der Prozess der Umsetzung erst allmählich Konturen annimmt, bleibt die Gestalt jener alternativen Moderne noch ungewiss (Dirlik 2007, Knight 2008, Leonard 2007). Bereits Mao hatte nach einem eigenen Weg, nach einer Moderne jenseits der eigenen Traditionen und des westlich-imperialistischen Modells langsam nach- rückender Dritte-Welt-Länder gesucht (Benton 2008, Grasso, Corrin und Kort 2009, Knight 2007). Nach seinem Ableben sollte...

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